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Full text of "Kleinere Schriften"

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KLEINERE SCHRIFTEN 



VON 



JACOB GRIMM 



9D 

21 



ZWEITER BAND 



BERLIN 

FERD. DÜMMLERS VERLAGSBUCHHANDLUNG 

HARRWITZ UND GOSSMANN 

1865. 




ABHANDLUNGEN 



ZUR 



MYTHOLOGIE UND SITTENKUNDE 



VON 



JACOB GRIMM 



BERLIN 

FERÜ. DÜMMLERS VERLAGSBUCHHNADLUNG 

HARKWITZ UND GOSSMANN 



1865 




Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin, Stallschreiberstr. 47. 



Inhalt. 



Seite 

Ueber zwei entdeckte gedichte aus der zeit des deutschen Heidenthums 1 

Deutsche greuzalterthümer 30 

Ueber das finnische epos 75 

Ueber MarceUus Burdigalensis 114 

Ueber die Marcellischen formein 152 

Ueber schenken und geben .• • • ^^^ 

Ueber das verbrennen der leichen 211 

Ueber den liebesgott •. . . . 314 

Ueber eine Urkunde des XII Jahrhunderts 333 

Ueber frauennamen aus blumen 36G 

Ueber die namen des donners :.- , 402 

Ueber das gebet .' 439 



ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE AUS DER 
ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 3 FEBRUAR 1842. 



Indem ich bei mir überlegte, welcher gegenständ aus dem i 
bereiche meiner arbeiten, wenn ich zum erstenmal die ehre hätte 
vor dieser Versammlung zu reden, würdig wäre ihrer nachsieht 
theilhaft zu werden; enthob mich allen zweifeln ein jüngst ge- 
machter so überraschender fund, dasz dessen ungesäumte mir 
anvertraute bekanntmachung selbst dann ihren werth zu behaup- 
ten im stände sein wird, wenn die zuerst angesetzten kräfte 
noch nicht hinreichen sich seiner völlig zu bemächtigen, ich 
meine die entdeckung zweier gedichte, deren abfassung über 
die christliche zeit unsers vaterländischen alterthums weg noch 
in die heidnische zurückweicht, von umfang nur gering, schei- 
nen sie durch erwünschtesten aufschlusz, den sie plötzlich 
über verdunkelte lagen und Verhältnisse an hand bieten, ange- 
strengte Sorgfalt zu verdienen, falls man überhaupt geneigt ist 
diese dem einheimischen so eifrig wie dem ausländischen zu 
erweisen. 

Vor allem jedoch habe ich den zoll der dankbarkeit dem 
finder dieser unschätzbaren denkmäler zu entrichten, und wie 
durch die pertzischen monumenta historica Germaniae regerer 
sinn für deutsche geschichtsquellen überhaupt unter uns auf- 
lebt, haben auch über das eigentliche feld unsrer geschichte 
hinaus die andern Wissenschaften das davon getragen, dasz die 
älteren handschriften aller bibliotheken fleisziger und kenntnis- 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 1 



2 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

reicher untersucht werden, als zuvor geschah, vorzüglich wurde 
aber der geschichtforscher aufmerksamkeit auf altdeutsche sprach- 
quellen gelenkt, seit man endlich zu der verspäteten einsieht 
gelangt war, dasz älteste geschichte und geographie ohne er- 
2 lernung unsrer alten spräche in ihren meisten fortschritten un- 
sicher und gehemmt seien, dieser schule und ihrem Stifter danken 
wir manche erste spur und Verfolgung bedeutender sprachquellen 
in Deutschland , Frankreich , Italien, durch den gerechtesten 
Zufall ist aber die auffindung der denkmäler, von welchen zu 
handeln ich mich eben anschicke, demselben gelehrten, herrn 
Dr. Georg Waitz, überwiesen worden, der voriges jähr, gleich 
unerwartet, wichtige beitrage zu dem leben Ulfilas aus einer 
Pariser handschrift lieferte. 

Ein viel näherer ort hat den gegenwärtigen schätz uns so 
lange zeit sicher geborgen, gelegen zwischen Leipzig, Halle, 
Jena ist die reichhaltige bibliothek des domcapitels zu Merse- 
burg von gelehrten oft besucht und genutzt worden, alle sind 
an einem codex vorübergegangen, der ihnen, falls sie ihn näher 
zur hand nahmen, nur bekannte kirchliche stücke zu gewähren 
schien, jetzt aber, nach seinem ganzen Inhalte gewürdigt, ein 
kleinod bilden wird, welchem die berühmtesten bibliotheken 
nichts an die seite zu setzen haben, auf mein ansuchen ist mir 
von dem hochwürdigen domcapitel die handschrift selbst, welche 
ich hiermit königlicher academie zur ansieht vorlege, bereit- 
willig mitgetheilt worden, im Verzeichnis führt sie no. 58, be- 
trägt 92 pergamentblätter, und ist in schmalem quart (etwa un- 
serm heutigen groszoctavformat) von sehr verschiednen bänden, 
auch zu verschiedner zeit geschrieben und zusammengeheftet 
worden, auf dem rücken des ledereinbandes liest man in alter 
Schrift: RABANI EXPOSITIO SUPER MISS AM. ein spä- 
terer, etwa im 15. jahrh. dem deckel aufgeklebter streif gibt 
'expositio misse cum penitencionario'. es würde mich abführen, 
wollte ich die einzelnen lateinischen stücke, die in dem buch 
bunt durcheinandergreifen, angeben, und ich habe nicht zeit 
gefunden nachzusehen ^ wie viel sich wirklich aus Rabanus 
Maurus aufgenommen findet; mir genügt hier nicht zu ver- 
gessen, dasz auf blatt 16" in schöner schrift des 9. jahrh. die 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 3 

schon anderweit bekannte deutsche entsagungsformel ^, wie sie 
den täuflingen unter den neubekehrten beiden vorgelegt wurde, 
vorkommt; ich theile sie gleich einem oben auf blatt 52" befind- 
lichen altdeutschen satze im anhang I mit. auf blatt 84" er- 
scheinen aber von einer band, die ich mit Sicherheit dem beginn 
des 10. jahrli. beizulegen glaube ^, mitten unter kirchlichen und 3 
frommen Sätzen zwölf altdeutsche Zeilen, in denen man alsbald 
zwei unter sich unzusammenhängende, alliterierende gedichte, 
oifen heidnischen inhalts, erstaunt anerkennt; den grund ihrer 
befremdlichen einschaltung werde ich im verfolg anzugeben 
trachten. 

In diesen gedichten finden sich, auszer andern merkwürdi- 
gen bezügen auf heidnischen brauch und glauben, sieben namen 
von göttern und göttinnen, deren zwei dem vollständigen Sy- 
stem der nordischen mythologie gänzlich unbekannt sind, dies 
ergebnis sei gleich voraus bezeichnet, seine ungemeine Wich- 
tigkeit für die Vorstellung, die man sich von deutscher und 
nordischer mythologie überhaupt zu bilden hat, leuchtet von 
selbst ein. 

Es ist der deutschen mythologie sauer gemacht worden; 
sie hat nur mit mühe einlasz erlangt in den kreis wissenschaft- 
licher forschungen. wenn etwas tact oder ahnungsvermögen 
aus einzelnen oder halben beweisen auf Verhältnisse des ganzen 
zu schlieszen vielleicht lobenswerth schien, so ist es doch gut 
dasz die volleren beweise nachfolgen, niemand wird froher als 
ich diese gedichte durchlesen haben oder lesen, denn es ist 
nunmehr auch für meine Studien , die ich lieb gewonnen habe, 
ein flecken landes aufgetaucht, von dem aus ich mich dreister 
umsehen darf, beinahe zur gewisheit erhebt es sich, dasz ein 
reicher und nicht unausgebildeter götterglauben unsrer voreitern 
mit aller gewalt zurückgedrängt, allenthalben weichen und 
Schlupfwinkel suchen muste, nicht aber also gleich ausgetilgt 
werden konnte, in der fülle deutscher volkssage und des fast 
unausrottbaren aberglaubens dürfen noch züge versteckt liegen, 

^ Maszmanns abschwörungsformeln p. 67. 68. 

'^ in der deutlichen gleichmäszigen schrift fällt die eigene bildung des e 
auf, wie das beigefügte facsimile zeigt. 

1* 



4 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

die man lernen wird behutsam wahrzunehmen und für manche 
unerwartete künde des heidenthums auszubeuten. 

Ohne länger zu weilen trete ich nun diesen ehrwürdigen 
Überresten der vorzeit, auf welche ich die neugier schon zu 
sehr gespannt habe, näher, und gedenke so zu verfahren, dasz 
ich die texte mit einer wörtlichen lateinischen Übersetzung be- 
gleite, hernach erläutere, denn zu solchen Übertragungen eignet 
sich unsre heutige spräche minder, die zwar einzelne ausdrücke 
völlig, andere aber nur schielend und zweideutig erreicht, gram- 
matische ausführlichkeit soll, wo es darauf ankommt, nicht ge- 
scheut werden, sie ist auch in classischer literatur hergebracht 
und gutgeheiszen , und es wäre übele schäm, wollte man den 
vaterländischen dingen abziehen, was ihnen gebührt. 

Dem ersten der beiden gedichte dürfte man unbedenklich 
die Überschrift Idisi d. i. nymphae geben und es lautet im 
deutschen urtext folgendergestalt : 

Eiris säzun idisi, säzun hera duoder, 

suma hapt heptidun, suma heri lezidun, 

suma clübödun umbi cuoniowidi, 

insprincg haptbandun, invar wigandun. H. 
das heiszt: 

Olim sedebant nymphae, sedebant huc atque illuc, 

aliae vincula vinciebant, aliae exercitum morabantur, 

aliae coUigebant serta, 

insultum diis complicibus, introitum heroibus. 
erläuterung begehrt vorzugsweise das wort idis^ welches zwar 
fast allen unsern ältesten dialecten bekannt, auch seinem begriffe 
nach unzweifelhaft, von unsern Sprachforschern nicht genug er- 
wogen worden ist, es scheint mir ein erzheidnischer ausdruck, 
dem man doch auch nach der bekehrung eine zeitlang gnade 
widerfahren liesz, wie insgemein, was ich bereits anderswo wahr- 
genommen, weibliche wesen des heidenthums von den Christen 
schonender und duldsamer als die männlichen angesehen wur- 
den. Otfried ^ steht nicht an itis von Maria zu gebrauchen, 
der dichter des Heliand idis von Elisabeth, Maria, Maria Mag- 
dalena und andern, ebenso nennt Caedmon nicht nur Eva idesa 

' zi theioi itis frono O. I. 5, 6. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 5 

seo belste (das beste weib), sondern auch Cains frau ides, und 
im gedieht von Helena sehen wir ides überall der mutter Con- 
stantins beigelegt, im Beovulf heiszen königinnen, frauen, Jung- 
frauen idesa, und es ist überhaupt festzuhalten, dasz das wort 
von jungen wie von alten frauen ohne unterschied gilt, von le- 
digen und verheirateten ; das ahd. itislih übersetzt matronalis. 
auf dieselbe weise bezeichnete den Griechen vojxcprj bald mäd- 
chen, bald braut, bald ehfrau; den nymphen als höheren zwi- 
schen göttern und menschen - stehenden wesen, wurde fernes le- 
bensziel beigelegt, mit vorbedacht habe ich das altnordische 
wort noch nicht angegeben, welches dem ahd. itis, alts. ides ^, 
ags. ides zur seite steht, und wirklich philologen wie mytho- 
graphen sind sich dieses für unsere Untersuchung erheblichen 5 
Zusammenhangs zweier ausdrücke bisher unbewust geblieben, 
nemlich die altnord. form lautet dis oder dis und ist augen- 
scheinlich durch aphaeresis aus idis entsprungen *, ungefähr 
wie dens aus edens, weil die dentes edentes sind, die. öSovxe? ei- 
gentlich also loovts?, folglich auch die goth. tunf^jus durch itunj^jus 
(= itandans) erklärt werden dürfen , obgleich die verdunkelten 
participialendungen zeigen, dasz kürzung und abweichung der 
form sehr frühe erfolgt sein müssen, weshalb auch ooou? absteht 
von Iowv, welchem die jonische gestalt 6oa>v näherkommt; auch 
das sanscrit bietet nur dantas dar, nicht mehr adantas. aus 
diesem beispiel folgt wenigstens für das Verhältnis zwischen idis 
und dis, dasz die wurzel nicht in dis, lediglich in id ^, dem 
die ableitungssilbe -is hinzutrat, liegen könne; in nordischer 
spräche musz wiederum der abstosz des anlautenden vocals in 
früher zeit geschehn sein, weil alle eddischen lieder dis, dessen 
langes i, falls es gesichert ist, aus einwirkung jener aphaerese 
erklärt werden dürfte, nur auf D, nie auf vocale alliterieren las- 
sen, eine stelle aus Saemundaredda 89* genüge: dvelr i dölum 
dis forvitin ; während altsächsische, angelsächsische dichter ides, 

' nicht anders als idis würde es wol in gothischer spräche lauten. 

* sarn für isarn: mit sarne Diut. 2, 48. 3,425. Sangrim, Sengrim, Singrim 
für isangrim. Reinh. CCVIII. 

'^ ich habe gramm. 2, 45 zu itis die wörter ital splendidus, vanus, eit ignis, 
splendor gehalten. 



6 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

idis beständig mit andern vocalen binden, und das auch unser 
gedieht thut. sollte aber noch zweifei haften an der Identität 
von idis und dis, so tilgt ihn vollends, dasz Saemundaredda 
169" 209" dis Skiöldünga genau gesetzt ist wie Beovulf 2337 
ides Scyldinga. stehn sich nun beide, idis und dis gleich, so 
haben wir vollen fug, alles, was die disir in der nordischen my- 
thologie auszeichnet, auf des innern Deutschlands idisi anzuwen- 
den, und wir erhalten eine fülle heidnischer Vorstellungen, die 
mit dem was unser gedieht von den idisi meldet, trefflich stim- 
men, es sind weise frauen, schlachtentscheidende walküren. ehe 
ich den namen verlasse will ich noch die berichtigung eines 
ausdrucks bei Tacitus vorschlagen, sie empfängt licht aus dem 
eben erörterten. Idistaviso in der berühmten stelle ann. 2, 16 
wird wol Idisiaviso sein *, was sich selbst graphisch finden läszt, 
denn die uncialen einer älteren handschrift mögen S und A so 
nahe aneinander gezogen haben, dasz dem zwischenstehenden 
I von selbst die gestalt eines T wurde. Idisiaviso (ich halte 
den deutschen nom. viso für besser als den lat. dativ) bedeutete 
6 folglich nympharum pratum (altn. disa engi, disa völlr), sei nun 
der name für das entscheidungsschlachtfeld zwischen Germanen 
und Römern erst nachher dem orte beigelegt worden, oder ihm 
schon früher eigen gewesen, so dasz absieht ihn zum kämpfe 
ausersehen hätte, wir werden gleich sehn, welchen einflusz die 
idisi auf den gang der schlacht ausübten. Tacitus rechtfertigt 
uns das hohe alter der form idis, und alles folgende, wie mich 
dünkt, empfängt damit gründliche unterläge, im jähr 16 unsrer 
Zeitrechnung werden die idisi zuerst erwähnt, wie sollte in allen 
folgenden Jahrhunderten bis zur bekehrung nicht der glaube an 
sie gewaltet haben? 

Ich schreite weiter vor in der worterklärung. die erste 
langzeile hat bemerkenswerthe und schwierige adverbia. eiris, 
alterthümlich für eris, eres, reicht nahe an das goth. airis prius 
Luc. 10, 13, welches keinen gen. vielmehr echte adverbialstei- 
gerung zeigt, niemand wird das in der handschrift völlig aus- 



* schon H. Müller marken s. 99 will Idisavisa frauenwiese. Butinaviso ein 
slav. ort. Schafarik 2, 298. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDEI^ITHUMS. 7 

gemachte E, ändernd etwa einis, enis, ags. asnes semel oder ali- 
quando vermuten wollen, desto mehr zu rathen gibt das zweite 
glied des verses. ich habe nicht vorgreifen mögen und die im 
text deutliche worttrennung hera duoder ebenso abdrucken las- 
sen, allein die alliteration kann nicht zweimal auf dem verbo 
sazun ruhen, sondern das vocalische eiris: idisi gebieten auch 
im zweiten glied einen vocalanlaut zu suchen, dazu gibt es, 
die echtheit der überlieferten lesart vorausgesetzt, nur eine zwie- 
fache wähl, man hat entweder her aduoder oder herad uoder 
zu scheiden, aduoder ist ein zum zweitenmal noch nicht ver- 
nommnes wort, darum kein falsches, gemahnt es nicht an die 
goth. alja|)rö aliunde, |)a|^rö inde, inna]?r6 icsiobev? ^ und gäbe es 
nicht ähnlichen localen sinn? ich weisz es nicht vollends zu deu- 
ten, doch in einem denkmal voll alterthümlicher formen, darf 
auch ein dunkles adv. noch unangetastet stehn bleiben, zerlegt 
man herad uoder, so läszt sich mit herad ausreichen, es wäre 
das ahd. herot, alts. herod, und drückte wie hera huc aus. aber 
uoder? stände es = öder, andar, aliorsum? das alts. adro, ags. 
ädre protinus, mane, diluculo gehört kaum dazu, läge darin 
eine fortbildung der nur untrennbar vorkommenden partikel uo-, 
6 (gramm. 2, 784. 785), so dasz sich uo und uodar verhielten, 
wie lat. re-, red- und retro, vgl. wid, widar und lat. iterum, 7 
wir erhielten auch auf diesem wege den sinn von retro, retror- 
sum. meine Übersetzung versucht huc et illuc, was ungefähr 
die wirkliche meinung erreicht. 

Bei hapt heptian, d. i. haft heften im zweiten vers bleibt 
dahingestellt , auf welche weise , zu welchem ende diese frauen 
es vollbrachten*, heri lezian (goth. ha ri latjan) ist exercitum 
tardare, morari, hemmen, aufhalten, in dem kämpf von grösztem 
einflusz. bei Graff 2, 298 gibt lezian retardare und irretire. 
edda S^m. 31" heiszt es ähnlich mit unsrer redensart: heima 

* vgl. das ahd. subst. innadiri, innuadri, innadoli, innodili (intestina) GrafF I, 
157. 298, wobei es mir zumal auf das uo, 6 ankommt. 

* Renner 20132: 

des muoz ich heften einen haft 
an dirre materie an minen danc, 
wan ich fürhte, si werde ze lanc. 
also einhält thun, einen knoten machen. 



8 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

letja ec mundi herja födor, domi retardare velim exercituum pa- 
trem, i. e. Odinum. [vgl. die walküren Herfiötr und Hlöck d. i. 
catena oder vinciens.] 

Clübon im dritten verse bedeutet colligere, pflücken, auf- 
lesen, was wir noch jetzt klauben, aufklauben nennen, man 
sagt z. b. eichein, ähren klauben (Schmeller 2, 349. Schertlin 
p. 342) ; mhd.den wintrüben abe chlüben, Maria 192, 25. [Ser- 
vatius 24 32. Lichtenst. p. 342.] hier jedoch steht bei klübon 
nicht der gerade acc. , die präp. umbi vermittelt ihn: klübon 
umbi cuoniowidi heiszt nach kränzen pflücken oder suchen, wie 
mhd. nach pfifferlingen klüben MsH. 3, 307" [ebenso Wolken- 
stein 116J, nach schwämmen suchen '. von der so entwickelten 
bedeutung des wertes klübon ist das rechte Verständnis des Wor- 
tes kuniowidi nicht unabhängig, kuoniowidi, richtiger kunio- 
widi, ist in ahd. form gramm. 2, 464 aufgewiesen, khunawithi 
gloss. Ker. 184, chunwidi Diut. 1, 259 drückt aus catena, wie 
goth. kunavedom Eph. 6, 20 catenis. diesem goth. kunaveda 
oder kunavedo catena schiene i für e (die freilich öfter wech- 
seln) angemessen, doch könnte mit der vocalabweichung auch 
das verschiedne genus zusammenhängen, das goth. wort ist weib- 
lich, das ahd. neutral, ags. bietet sich cynevidde redimiculum 
und cyneviddan redimicuJa dar, wieder ein schwaches fem. zu 
dem goth. kunavido stimmend, in dieser mundart drückt auch 
das einfache vidde vinculum, restis, catena aus und scheint laut- 
verschoben nichts als das lat. vitta, d.i. taenia, xatvia, fascia, 
qua crines vel serta aut flores religabantur. im vorsatz cyne, 
kuna, kunio mag der begriff einfacher binde erhöht sein etwa 
in hauptbinde, diadem, kröne *. wenn aber die idisi, vielleicht 
in lüften, ob der erde schwebend nach solchen binden pflücken, 
darf man nicht annehmen, dasz sie von bestimmten heiligen 
> bäumen oder standen äste oder bluten brachen , daraus kränze 
zu winden? in solchem sinn habe ich serta zu setzen gewagt. 

Die folgende vierte zeile, unwidersprechlich die schwerste 

^ umbe und nfich tauschen, z. b. werben nach oder umbc (graram. 4, 841); 
ahd. avSlön (satagere) umbi thaz ambaht, T. 63, 3. 

* vgl. ags. cynehelm, von cyne = altn. konr gen. konar, und cynebot, cyncr 
gild, cinewerdunia (lex sal. LXXXVII). altn. kynvidr ramus generis. Egilss. 639. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 9 

des kleinen liedes, läszt uns die wörtliche bedeutung auffassen, 
nicht die sächliche, wie störend hier aber abgang der Sach- 
kunde sei, ein ausdruck von groszem werth für unsere mytho- 
logie tritt uns beinahe mit Sicherheit entgegen, der dat. pl. 
haptbandun überrascht durch seine deutliche Übereinkunft mit 
einem technischen worte der altnordischen dichtkunst, und ver- 
räth hohes alterthum. die beiden bedienten sich der beiden pl. 
höpt und bönd, welche einer wie der andere vincula aussagen, 
damit den begriff" götter zu bezeichnen, sei es, dasz sie dadurch 
ein enges, die höchsten gottheiten unter einander knüpfendes 
band ausdrücken wollen, oder ein die weit und alle menschli- 
chen dinge fest bindendes walten der götter. den erst angegeb- 
nen sinn ziehe ich auch darum vor, weil er an die dii con- 
sent es oder complices des römischen und etruskisohen 
glaubens gemahnt und einstimmige Ordnung oder leitung aller 
angelegenheiten, wie sie von bestimmter zahl engverbundner 
höherer wesen geübt wird, anzeigt, höpt oder bönd sind also 
diese oberen götter zusammengefaszt. so heiszt es Hävamäl 111 
(Saem. 24") ef hann vaeri med höndum kominn, num ille apud 
deos esset , in societatem deorum receptus ; Hrafnagaldr 1 1 
(Ssem. 89'') banda burdr, deorum proles, soboles; in einem ge- 
dichte von Ulfr Uggason (Sn. 204) ist vinr banda gesetzt für 
amicus deorum; in Skaldskaparmal (Sn. 176), als die frage nach 
den namen der götter ist, stehen obenan bönd und höpt. man 
erinnert sich der pl. regln, rögn (goth. ragina) d. h. consilia, 
potestates, die in ähnlichem bezug für numina, dii superi stehn. 
Odinn, der oberste gott, führt den beinamen haptagud, gleich- 
sam deus numinum, und ähnlich heiszt es haptatyr. einmal ist 
sogar der sg. hapt vinculum auf einen gott bezogen, nemlich 
Saem. 93" auf Balder, hapti heiszt da geradezu deo, d. i. Bal- 
dero, und dieser dativ rührt nicht vom adj. haptr (captus), weil 
dann höptum zu stehn hätte, so weit nun unsre bekanntschaft 
mit den übrigen dialecten deutscher spräche sich erstreckt, ist 
bisher keine spur zu entdecken gewesen von einer beziehung 
der gangbaren ausdrücke haft und band auf das wesen der 
götter; begreiflich, weil in ältester zeit dieser baar heidnischen 
anweudung ausgewichen wurde, und später sie erlosch, erst das 



1 



10 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

neuaufgefundne gedieht gewährt sie uns in der verstärkenden 
Zusammensetzung haptband, da man augenscheinlich haptban- 
dun als persönlichen dativus commodi, im gegensatz zu wigan- 
dun, auffassen musz. haptband hier sächlich für vincula zu neh- 
men untersagt der ganze Zusammenhang, merkwürdig, dasz in 
altnord. denkmälern das compositum haptbönd zwar im sinne 
von vincula Ssem. 7", nicht aber, soviel ich weisz, in der ab- 
straction für numina vorkommt. 

Mit dieser auslegung von haptband haben wir für das Ver- 
ständnis des ganzen satzes zwar beträchtliches, lange noch nicht 
alles gewonnen, ich sagte schon vorhin, dasz haptbandun ge- 
genüber stehn müsse dem in zweiter hälfte der zeile folgenden 
wigandun, bellatoribus. bei diesem worte habe ich eine kleine 
änderung des textes gewagt, dem einfachen u noch ein zweites 
zufügend ^. die lesart uigandun = figandun, goth. fijandum, d. i. 
inimicis wäre nicht gerade abzulehnen, und es wird von dem 
genauen sinn der worte inspring und invar abhängen, ob 
man sich für die eine oder andere deutung entscheide, in- 
spring übersetze ich so nahe als möglich insultus, iusultatio, 
iTriTCT^OTjaic:, invar das entgegenstehende durch introitus, beide 
Wörter nach unsrer jetzigen spräche bedeuten einsprang und 
einfahrt, den göttern wird jener, den beiden diese beigemessen, 
auf beiden inspring * und invar ruht die alliteration der zeile, 
sie machen offenbar den hauptgedanken des satzes. doch hat 
man auch den vers noch an den vorausgehenden zu knüpfen, 
die von den nymphen gebrochnen kränze scheinen für götter 
in spring, für beiden invar sein zu sollen, den einfall, ob 
inspring und invar namen von pflanzen seien, welche für kränze 
der götter oder beiden gepflückt werden, habe ich bald fahren 
lassen. Vorstellungen des heidenthums über diesen gegenständ, 
wenn wir sie noch besäszen, würden alle dunkelheit augenblick- 



' bei der möglichkeit auch ingaiidun (= ingangandun, intrantibus) oder 
inuariu gandun zu lesen, halte ich mich nicht auf; damit wäre nicht geholfen, 
sondern geschadet. 

^ die hs. hat nach dem c in insprinc noch einen halb erbHchnen, im facsi- 
mile zu stark vortretenden buchstaben, den ich für ein angefangnes g halte; in- 
sprincg ist aber inspring. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 11 

lieh entfernen, in welchem sinne mögen die idisi den göttern 
kränze zum einspringen, den kriegern zum bloszen einfahren 
gewunden haben? ist einspringen soviel als verschwinden, und 
vom raschen, plötzlichen gang der götter gemeint, während bei- 
den nach menschlicher weise langsam fahren? den göttern wird 
sonst huerban, ags. hveorfan zugeschrieben, hvearf him tö heo- lo 
fenum, subito in coelum discessit, Caedmon 16, 8, und bei schnel- 
ler Verwandlung gilt ja der ausdruck springen, 'hun sprang 
bort i flintesteen' heiszt es in einem dänischen liede (D. V. 1, 
185) subito in silicem conversa est, wozu ich mythol. p. 321 
deutsche beispiele aus Hans Sachs gesammelt habe; [aus einem 
kieselstein entspringen. Ettners hebamme 15.]. auch in indi- 
scher mythologie wird göttern plötzlicher, schöner gang, die 
fahigkeit der luft gleich in alle räume einzudringen beigelegt 
(Bopps Nalus p. 15. 266). noch mehr soll es mir die homerische 
ansieht bezeugen, z. b. von Ares heiszt es xapTraXtfxo)? fxavs 
(II. 5, 868), er hat schnelle füsze (11. 5, 885); von Pallas wird 
di^aoa gesagt, gleichsam die springende (II. 2, 167. 4, 74. 7, 19); 
Iris ist TroOTjVEjj-o? (II. 5, 353. 368), dzXkoTzoq (8, 409), TtoSa? «oxsa 
(8, 425) und vom gott gilt namentlich xivyjflst? (II. 1, 47), so dasz 
man xivs«> unserm huirbu an die seite stellen dürfte, aber diese 
vergleichungen machen einen sicheren aufschlusz über den rech- 
ten sinn des Wortes inspring aus unsrer eignen, wenigstens der 
nord. götterlehre immer nicht entbehrlich, infar ags. infäre, 
infäreld, ingressus steht dem urfar egressus, wie insprinc dem 
ursprinc (fons, ebullitio) gegenüber, warum den Streitern mit 
jenem kränze der idisi infar, den göttern inspring bereitet werde, 
wissen wir also nicht deutlich, ich war versucht in der zwei- 
ten hälfte des verses Verderbnis des textes zu mutmaszen, und 
an die stelle der worte inuar uigandun zu bessern unarwigan- 
dun, d. h. non frustrantibus (vgl. Graff 1, 429 arawiganti frustrans 
und goth. arvjö frustra). das fügte sich zwar passend zu hapt- 
bandun, hebt aber den nothwendigeren gegensatz zwischen in- 
spring auf. mir genügt darum an der bescheidnen änderung 
von uigandun in uuigandun. 

Das zweite gedieht doppelt so lang als das erste, unterliegt 
beinahe gar keinen grammatischen Schwierigkeiten, sondern nur 



12 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

solchen die aus dem inhalt hervorgehn ; unter diesen bringt bei 

weitem die gröszten der name, mit welchem es anhebt. 
Der deutsche text lautet: 

Phol ende Wodan vuorun zi holza, * 
du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit; 
thu biguolen Sinthgimt, Sunnä era suister, 
thu biguolen Früä, Vollä era suister, 
thu biguolen Wodan, so he wola conda, 
sose benrenki, söse bluotrenki, söse lidirenki, 
11 ben zi bena, bluot zi bluoda, 

lid zi geliden, söse gelimida sin. ** 

Phol et Wodan profecti sunt in silvam, 

tunc Balderi equuleo pes contortus est; 

tum incantavit eum Frua, Follaque ejus soror, 

tum incantavit eum Sinthgunt, Sunnaque ejus soror, 

tum incantavit eum Wodan, sicuti bene novit, 

tam ossis torturam, quam sanguinis torturam, membrique torturam, 

OS ad OS, sanguinem ad sanguinem, 

membrum ad membra, ac si glutinata essent. 

überschrieben werden darf das ganze stück Balderes volo, Bal- 
deri equuleus. 

Phol ist ein unerhörter name, ein gott in allen mytholo- 
gischen Wörterbüchern bisher noch verleugnet, desto höheren 
werth empfängt er für uns, und desto mehr haben wir mühe 
an ihn zu wenden, nach den regeln einer guten erzählung 
scheint er aber denselben gott auszudrücken, der gleich darauf 
unter Balder verstanden wird. Phol und Wodan, heiszt es, seien 
zu walde gefahren und Balders fohlen habe sich den fusz ver- 
renkt, entweder hätte Balders mitfahrt vorher erwähnt werden 
sollen, wäre unter ihm ein andrer zu verstehn als Phol, oder 
Phol war hernach nochmals unter denen zu nennen, die den 
fusz beschwören helfen, wie ihn Wodan beschwört. Phol kommt 
aber auszer im beginn nirgends wieder in betracht. die beiden 
ersten verse verhalten sich ungefähr als wenn erzählt würde: 

* vuor ze walde hin mit michelem geschelle. Trist. 361, 16. er ist ge- 
varn ze holze vil lihte nach einem bolze. Martin. 167, 13. du soldes billicher 
da ze holze varn. Kschr. 12201. 

** Trist. 4715 als op si da gewahsen sin. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHÜMS. 13 

Phoebus und Zeus fuhren aus, da ward Apollons pferd am fusz 
verrenkt, wie hier Phoebus und Apollo zusammenfallen, dürfen 
es auch Phol und Balder. dennoch beweisen diese folgerungen 
nicht allzu streng, das Verhältnis, wonach Phol ein andrer als 
Balder, ja ein ihm feindlicher gott wäre, hat immer noch mög- 
lichkeit. Balder braucht nicht gerade vorher genannt zu sein, 
wenn er sich als im gefolge Wuotans vielleicht von selbst versteht? 
Gegen die lesart Phol darf nicht gewütet werden, wer den 
zug P aus ags. p herleiten, das übergeschriebne h für bloszen 
haken, wie er z. b. im Hildebrandsliede dem |> oben angehängt 
wird, nehmen wollte ; erhielte Wol statt Phol, und würde, näher 
besehen, noch weniger damit ausrichten^ als mit Phol. zwar 12 
alliterierten dann Wol und Wodan, doch im zweiten gliede gienge 
das band aus, man müste denn von neuem auch holza verän- 
dern in walda. allein an der alliteration Phol und fuorun ist 
auch nichts auszusetzen. 

Was ist aber Phol? nach jenem dem stil der erzählung 
abgedrungnen schlusz dürfte es ein andrer, der nordischen my- 
thologie unbekannter name Balders, ja Phol (mit kurzem vocal 
für Phal, wie holön und halon) einerlei sein mit Bai, das in 
Balder steckt, die sächsische form wäre dann Pol, Pal, was 
aber der dichter, seiner mundart nach, in Phol veränderte, der 
Schreiber in dem übergesetzten h noch nachbesserte. 

Bekanntlich besitzt die hochdeutsche spräche ein zwiefaches 
F. eins, ihr mit der gothischen und sächsischen gemein, erscheint 
anstatt des lat. P, z. b. in pater, goth. fadar, ahd. fatar ; griech. 
TroX6?, goth filus, ahd. filo. hier war aus gründen die ich an- 
derwärts ausführlich erörtere, die lautverschiebung ins stocken 
gerathen, deren g^setz zufolge die ahd. formen dieser Wörter B 
zeigen, mithin batar, bilo hätten annehmen sollen, ein zweites 
ganz anderes ahd. F ist das dem goth. und sächs. P, oder dem 
lat. B entsprechende, in Wörtern wie cannabis, sächs. hamp, 
ahd. hanf; sächs. helpan, heptan, ahd. helfan, heftan, welche 
zweite art jedoch anlautend bisher nur in fremden Wörtern, wie 
sächs. papo, ahd. phafo; sächs. pebar, pepar, ahd. phefar; sächs. 
pipa, ahd. phifa; sächs. pund, ahd. phunt wahrgenommen worden 

' alts. wol pestis Hei. 132, 4. ags. vol, ahd. wuol (Graff 1, 801.). 



14 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

ist, wo bereits die lat. form papa, piper, pondus zeigt, die ahd. 
aber ihr F (fafo, funt) in PH oder PF zu steigern liebt, solch 
fremdartiges PH meine ich nun auch in unserm Phol zu er- 
blicken, dem zwar ein sächs. Pol oder Pal entspräche^ das aber 
nichts destoweniger hier auf fuorun (sächs. forun) alliteriert und 
kaum viel verschieden von Fol ausgesprochen worden sein wird. 

Bai der seinem ganzen wesen nach ist ein lichtgott, Son- 
nengott, und die sächs. form Bäldäg, Beldeg (ich weisz nicht, 
ob zu schreiben Baeldäg) stellt heraus, dasz die wurzel nicht in 
bald audax, sondern im ags. bael, altn. bäl rogus, pyra mitliege. 
Baeldäg könnte wörtlich dies rogi, ignis ausdrücken, wobei nicht 
zu übersehen ist, dasz Baeldägs söhn in den genealogien Brand 
heiszt, altn. brandr. beal ist aber im irländischen sonne, und 
hat schon genug mythologen auf die celtische gottheit Bele- 
nus, dann weiter auf B e 1 , Belus und selbst Apollo geleitet. 
13 Phol, Pol, Pal hingegen würde sich zu dem slav. paliti ardere 
und dem finn. palan, poldan ardeo, uror, palo ardor, incendium 
halten lassen, solche weitschweifende etymologien haben ihre 
gefahr; mir sollen sie hier nur die möglichkeit darlegen, dasz 
unsern vorfahren in nahverwandten formen Phol und Bai der- 
selbe gott verschiedentlich benannt sein konnte, vielleicht wäre 
noch das bemerkenswerth , dasz auszer jenem Bseldäg, Bäldäg 
auch die namensform Foldac vorgefunden wird ', falls sie nicht 
e^anz etwas anderes ist. 

Einen für unsere mythologie jetzt so wichtig werdenden 
namen verlohnt es die mühe, noch in andern, wenn gleich un- 
sicheren, doch einheimischen spuren zu verfolgen. 

1. In Niedersachsen gegen Thüringen hin, zwischen Herz- 
berg und Nordhausen, unweit Lutterberg und Scharzfeld liegt 
ein alter ort namens Pol de, den aber Urkunden des 10. jahrh. 
Palithi, Palidi, Polidi, Pholidi nennen^, Dietmar von 
Merseburg Polithi, Lambert Poletha, noch spätere quellen 
Pfolde, Polde. Heinrich I schenkte im jähre 929 ihn seiner 

' Pertz monum. 3, 568 (a. 921) vgl. Waitz Heinrich I. p. 51. ob auch in 
Falkes trad. corb, 101. [Wigand 282] Foldet in Foldec zu berichtigen? 

^ Böhmers regesta no. 51 186. 554. 640. 1131, vgl. Leukfeld antiquitates 
pöldenses p. 2. 3. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 15 

mutter Mahthildis, die daselbst ein bekanntes Benediotinerkloster 
stiftete, das von Otto I im jähre 952 bestätigt ward, da die bei- 
gebrachten Schreibungen ganz an Phol und Pol gemahnen, und 
die alts. spräche andere Ortsnamen mehr auf -ithi von einfachen 
Wörtern bildet, z. b. Winithi (jetzt Wende) glaublich von win, 
wini amicus, Thurnithi von thorn spina, Tilithi, TuUidi vielleicht 
von tilo, tilio cultor, agricola, Flenithi von flen jaculura; so ist 
wenigstens nicht abzusprechen, dasz ein noch in die heidnische 
zeit aufreich'ender name wirklich nach dem gotte Phol gebildet 
sein könne, das christenthum war kirchen an statten zu stiften 
geflissen, die in den äugen des volks für heilig galten. Graff 3, 
334 hat einen mannsnamen Pholihg. 

2. In überrheinisch pfälzischen weisthümern, nirgend an- 
ders, begegnet eine eigenthümliche Zeitbestimmung in Pfui tag, 
Pulletag, welcher ausdrücklich auf den 2. mai gelegt wird, 
so im weisth. des hofes zum sal von 1487 (3, 748) : jargeding 
auf den Pulletag nechst nach S. Walpurg der Jungfrau, d. h. 
den 2. mai. jargeding am Pfultag, weisth. von Sarbrücken a. 
1557 (2, 8). auch Oberlin p, 1246 aus einem zinsbuch der kel- 
lerei Remigsberg: jarding auf den Puiltag, Puilletag nächst 14 
nach S. Walpurgentag, d. i. auf den zweiten tag des mais. un- 
ter diesem Pfui oder Pul kann kein heiliger der christlichen 
kirche gemeint sein, das wort Sanct würde sonst nicht mangeln, 
die tage von Paulus oder etwa Hippolytus (S. Polten) fallen in 
andere Jahreszeit, sollte sich irgend dieser unerklärlicher Pful- 
tag auf unsern Pfol beziehen? ich finde gerade die feier des 
irischen Sonnengottes Beal oder Bail auf den 1. mai gesetzt. 
Bailteine ist der tag des heiligen belfeuers, das zweimal jähr- 
lich, am 1. mai und am 1. november neu entzündet wurde. ^ 
wäre dieser Pfultag aus dem celtischen cultus übrig geblieben ? 
welche feste in ganz Deutschland • auf den 1. mai fielen ist be- 
kannt und der heil. Waldburg zu ehren wäre Phol um einen tag 
fortgeschoben worden, es soll kein gewicht darauf gelegt sein, 
dasz auch nach dem römischen calendarium rusticum die tutela 



' O'FIaherty transactions of irish academy vol. 14 p. 100. 122. 123. [Obiien 
s. V. bealtin^-l 



16 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

Apolllnis in den mai fällt', noch weniger verschwiegen, dasz 
nach einem weisthum von Neunkirchen a. 1486 (2, 98, wieder 
aus der Pfalz) 'ein pul tag des nechsten montags nach dem 
heumond jeglichen jars' stattfinden soll, heumond ist juli, es 
inüste im august ein zweites Pholfeuer entzündet worden sein, 
wie bei den Iren im november? warum, frage ich noch, hiesz 
im mittelalter der September zuweilen folmänot, fulmant?^ 

3. Durch das südliche und westliche Deutschland hatten 
die Römer mauern und befestigungen angelegt, eine solche 
streckt sich von der Donau durch einen theil von Franken, und 
wird noch heutiges tags unterm volk der Pfal oder die Pfäle, 
auch wol Pfalgraben genannt''; eine andere in der Wetterau 
bogenförmig vom Main nach der Lahn gezogne die Pol, Pol- 
graben, Pollgraben*. wol weisz ich,, dasz man allgemein 
den namen von pfal, lat. palus (vgl. Palas bei Amm. Marcellin. 
18, 2), wegen der eingerammten pfäle, deutet, die sich im Pfal- 
graben eher als in der mauer finden werden, doch das volk, 
dem diese festen, der zeit trotzenden bauten etwas heidnisches, 

15 riesenhaftes , teuflisches hatten , gab ihnen noch andere benen- 
nungen, wie Teufelsmauer, Rossrücken, Hundsrücken und 
ähnliche, wie sie anderwärts auch bloszen gebirgsreihen , bei 
deren bildung menschenhände auszer spiel sind, zustehen *. ohne 
den namen des Phol bestimmt und von anfang an auf sie zu 
beziehen, könnte er doch in der volksansicht ihnen hinzugetre- 
ten sein? 

4. Noch näher liegt mir zu fragen, ob nicht ein seit dem 
12. jahrh. in der mhd. poesie auftauchender name Välant, Vo- 
lant (mythol. s. 555), den uns noch niemand erklärt hat, und 
der gott Phol zusammenhängen? es kommt hinzu, dasz henne- 
bergisch und thüringisch Fäl, Fahl, der böse Fal für teufel 



^ Gesner script. rei rust. Lips. 1773. 1, 887. 

^ leben der h. Elisabeth von Thüringen (Diut. 1, 409. 432). neuer lit anz, 
1806 s. 363. [Scheffers Haltaus p. 36.] 

^ Fr. Ant. Mayer in den«abh. der Münchner acad. 1835 p. 1 — 42. 

* welsthümer 1, 555. 569. 

* vgl. sage vom teufelsgraben in den mittheil, des sächs. Vereins heft I 
(Dresd. 1835.) pag. 11. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 17 

und bösen feind gesagt wird (Reinwald henneb. id. 1, 30). ahd. 
Sprachdenkmäler lieferten bisher weder Pholant noch einfaches 
Phol. altsächsisch müste sich wie Pal, Pol ein Paland, Po- 
laud aufweisen, aus dem begriff teufel statt des lebendigen 
gottes hätte sich denn auch teufelin, välantinue aus välant ge- 
bildet. ^ 

Darf ich gestehn, dasz diese wenn noch so problematischen 
bezüge des Phol auf Välant und die teufelsmauer mich beinahe 
wieder wankend machen in der annähme seiner Identität mit 
Balder? Balder war ein so reiner, schuldloser, fast frauenhafter 
gott, dasz es schwer wird zu glauben, selbst die geflissene ent- 
stellung heidnischer götter habe sein bild je in ein teuflisches 
verkehrt, wie also wenn Phol ein böser gott, gleich dem nord. 
Loki war, der mit Wuotan zu walde fuhr, in dessen geleite ihn 
die Edda oft schildert, und gar die lähmung des rosses von 
Balder veranlaszte? dasz er zur lösung des zaubers nichts bei- 
tragen wollte, versteht sich von selbst, dem Loki durfte theil- 
nahme an riesenbauten viel eher als dem Balder beigelegt 
werden. 

Ueber Phol hoffentlich wird uns künftige forschung, da er 
nun einmal aufgeweckt und unter der bank hervorgezogen wor- 
den ist, entscheidendere aufschlüsse bringen, ich kehre wieder 
zu unserm gedichte, dessen erstes wort an sichrer deutung noch 
verzweifeln liesz. 

Birenkit (statt des Schreibfehlers birenkict) in der zwei- 
ten zeile ist unser heutiges verrenkt, rank drückt Verdrehung 
aus, was in sechster zeile das alte renki. alts. würde dem R i6 
noch ein W vorausgehn, wrenki, biwrenkid. ags. bevrencan 
occultis machinationibus circumvenire , gevrinc tortura, vrenc 
fraus. 

Sinhtgunt in dritter zeile habe ich leicht in Sinthgunt 
berichtigt, eigentlich sollte Sinthgunth, alts. Sithguth geschrie- 

' des franz. fol, fou, provenz. folh, die man aus fallere ableitet, denke 
ich nur in der anmerkung. wichtiger wäre wol das diminutiv volencel faunus 
in einem mittelniederländ. glossar (Diut. 2, 214). das engl, fool war noch nicht 
ags. und wurde, gleich dem isländ. fol, aus dem französischen wort entnom- 
men, seltsam ist fols cuculus bei Graff 3, 517, well gouch wieder stultus. 

J. GKIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 2 



18 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

ben sein, wir lernen eine neue göttin kennen, der nord. my- 
thologie so unbekannt wie Phol. als Schwester der sonne dar- 
gestellt, führt sie verwandten namen. darf nemlich Sunnä, 
goth. Sunno auf ein verbum sinnan, progredi, ire zurückgeführt 
werden, weil sie unaufhörlich am himmel auf und niedergeht ' ; 
so bekennt das subst. sinth, goth. sinj^s, iter, via dieselbe Wur- 
zel, und auch Sinthgunt bezeichnet ein wandelndes gestirn, ich 
kann nicht sagen welches, den eigennamen Sindgund habe 
ich mir aus Urkunden bisher nicht angemerkt, der etwa gleich- 
bedeutige Sindhilt steht trad. fuld. 1, 15. 20 (Schannat no. 115). 
Die gottheit der Sonne, anerkannt in dem nordischen 
glauben ist schon in meiner mythologie hervorgehoben; ein seit- 
dem erst bekannt gewordnes gedieht des 13. jahrh. ^ bietet noch 
einige merkwürdige stellen an hand, 2037 wird die sonne froh 
genannt, wie in der älteren spräche glat (mythol. s. 428); clat, 
glat gilt von sternen, äugen, strahlen (Graff 4, 288) und hat 
den sinn nicht nur des frohen, sondern auch des glänzenden, 
auf Sonnenverehrung ziehe ich zumal die Zeilen 2009 flp. : 

der eren ir der sunnen jehet, 

swennir si in lichtem schine sehet. 

nu wer gab ir den liebten schin 

oder wer hiez si schoene sin? 

'Wol dir, frowe Sunne! 

du bist al der werlt wunne.' 

So ir die Sunnen vrö sehet, 

schoenes tages ir ir jehet. 
auch der ausdruck 'daz schoene wip' 2043 kann füglich noch auf 
die sonne gehn, nicht auf ein schönes weib allgemein betrachtet. 

In der folgenden zeile treten die beiden göttinnen Früä 
und Follä, wiederum als Schwestern auf. Früä ist nun un- 
17 bedenklich das goth. fraujö, ahd. frouwä (in einem altwestfal. 
denkmal früa), herrin oder frau im groszen, die nord. Freyja; 
der deutschen mythologie gebrach bisher ein beweis ihrer gött- 
lichkeit, frouwä war noch geläufiger als itis, und dauernder in 

' Saem. 1* S61 sinni Mana. 

* Haupt Zeitschrift für d. alterthum 2, 493 ff. [ sunna ni liaz in scinan ira 
gisiuni blidaz. Otfr. IV, 23, 6.] 



aus' DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 19 

den allgemeinen begriflf von femina übergegangen. Follä wird 
im altn. Fulla genannt, und zwar nicht als der Freyja Schwester, 
sondern als dienerin der göttermutter Frigg, nichtsdestoweniger 
aber in der reihe der göttinnen neben Frigg und Freyja selbst 
(Sn. 36. 37). bei den übrigen deutschen scheint sie höher ge- 
standen zu haben, und selbst in celtische Überlieferungen ein- 
zugreifen, der name Follä, gen. Follün bedeutet nemlich abun- 
dantia, satietas; sie ist eine segen und überflusz spendende, der 
göttermutter kiste (eski) war ihr zu bewahren anvertraut , aus 
welcher sie den menschen gaben mittheUt. auf solche weise 
rechtfertige ich zugleich die aufnähme einer göttin Abundia, 
dame Habonde aus romanischen quellen in die deutsche my- 
thologie (s. 177 — 179). dort wurde diese mit Berhtä und Holdä 
verglichen, begegnet aber unmittelbarer der einheimischen Follä. 
römisch schien Abundia nicht (erst spät auf münzen eine Abun- 
dantia), von Galliern wird sie aus deutschem glauben entlehnt, 
durch die Franken vielleicht erst ihnen zugeführt worden sein, 
die Letten hatten ihren männlichen gott der fülle Pilnitis, die 
alten Preuszen Pilnitus. 

Im fünften vers gemahnen mich die worte : so he wola conda 
an den eddischen ausdruck jjviat hann betr kunni (Sam. 138"). 
im sechsten vers dürfen benrenki, bluotrenki, lidirenki als accu- 
sative genommen werden, die dem acc. en (eum) gleichstehn, 
und diesen sinn drückt die lateinische Übersetzung aus; mehr 
hat es vielleicht für sich, sie als genitive mit jenem acc. en zu 
verbinden, falls sich die construction bigalan einan eines (incan- 
tare aliquem de aliqua re) nach der analogie von heilan oder 
biteilan (gramm. 4, 634. 635) rechtfertigt, alles übrige im ge- 
dieht ist leicht verständlich. * 

Nachdem nunmehr der wörtliche Inhalt dieser seltsamen 
gedichte erwogen und erklärt worden ist, steigen unablehnbare 
fragen auf nach der zeit und dem landstrich, in welchen sie 
entsprungen seien, wie ihre befremdende aufbewahrung mitten 
in einer handschrift der christlichen kirche sich begreifen lasse? 



* zu gelimida: mhd. schilt lit gelimet Trist. 710. ougen gelimet Trist. 
11908. zohen gelimet. Gregor 2748. beinwät gelimet 3229. 

2* 



^0 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTS 

Die beiden ersten fragen sind zu beantworten schwer, vor 
allem wird die critik erlaubnis haben, das erste gedieht von dem 
zweiten zu sondern, und für jenes etwa noch früheren Ursprung 
18 in ansprach zu nehmen, zwar in den formen weichen beide 
nicht auflPallend ab, allein die fassung jenes ist metrisch vollen- 
deter, eigenthümlich gedrängt und körnig, die des andern flacher 
gehalten, auch nicht überall in den füszen und einschnitten der 
verse gerecht, es blieb bisher unhervorgehoben, dasz am Schlüsse 
des ersten der Jbuchstabe H steht, dessen eigentlicher^ sinn uns 
wol immerdar ein räthsel sein wird, kaum mag dies H den na- 
men eines dichters, oder den eines gröszeren werkes anzeigen, 
woraus jene vier zeilen entnommen sind, das zweite gedieht 
hat am ende keinen solchen buchstaben, wol aber ist das un- 
mittelbar folgende, aus derselben feder geflossene lateinisch 
christliche gebet unten durch ein monogramm bezeichnet, das 
ich nicht sicher verstehe, soll es, und ebenso das H, den an- 
fang einer christlichen und heidnischen anrufung ausdrücken? 

Im ersten gedieht scheinen die formen eiris, aduoder (uoder), 
heptidun, lezidun, cuniowidi, haptband von hohem alter; warum 
sollten diese zeilen nicht schon zwei, drei hundert jähre vor 
der abschrift, welche sie uns aufbewahrt, dagewesen sein? auch 
das andere lied liefert dativformen holza, bena, bluoda, wie sie 
im 10. jahrh. gebrachen, dem dat. pl. geben beide gedichte 
schon n statt m: bandun, wigandun, geliden (ahd. kilidim). zu 
bedauern, dasz nirgends ein nom. pl. masc. vorkommt, auch 
das zweite gedieht musz aus gründen seines Inhalts weit über 
das 10. jahrh. hinauf gesetzt werden. 

Noch mehr als das Zeitalter läge daran die gegend und 
das Volk zu ermitteln, unter welchem diese lieder entstanden, 
weder rein ahd. noch rein alts. mundart waltet in ihnen, das 
leuchtet ein. die spräche schwebt zwischen beiden, neben ei 
in eiris zeigt sie e in ben, neben uo in bluot, vuoz, guol ein 
6 in Wodan, in thu für thuo, thö ist bloszes u, in cuohiowidi 
uo statt u. der Schreiber wüste nicht recht wie. die mediae 
b, d, g passen zu sächsischen denkmälern, doch auch zu man- 
chen hochdeutschen : band, ben, idis, gelimida, widi, ende, galan, 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHÜMS. 21 

gunt, unhochdeutsclie tenuis ist in hapt*, renki, aber unsäch- 
sische aspirata in zi, säzun, holz, vuoz, lezian, auch in Phol ist 
hochd. asp. und Pol würde sich der alliteration auf vuoz ver- 
sagen, unsicher wechseln d und th in du, thu, demo; sogar 
sinth mit gunt. das pron. he hält sächs. form statt des hochd. 
er, her, bemerkenswerth ist en für ina eum (freilich nur in der 
anlehnung beguolen), era für ira ejus f im pl. adj. sumä ist 
die flexion sächsisch, die ahd. forderte hier sumo, und auch ge- 19 
limida auf lid bezogen, würde ahd. je nach dem das wort männ- 
lich oder neutral, auf e oder iu ausgehn müssen, der dat. volon 
equuleo wäre ahd. volin. 

Alles zusammen gegeneinander gehalten waltet im ganzen 
die alts. über die ahd. form, nur nicht durchgehends, und jene 
z und ph sind so unsächsisch als möglich, weder Sachsen noch 
Baiern (wie Muspilli und Wessobrunner gebet), noch Alaman- 
nien oder das östliche Franken zeugte diese denkmäler. es bleibt 
kaum etwas anders übrig, sie müssen in der gegend^ wo sie 
aufgefunden wurden, an der Saale in Thüringen verfaszt, wenig- 
stens aufgezeichnet sein, an thüringischen Sprachdenkmälern 
aus so früher zeit fehlt es uns leider, doch bruchstücke einer 
psalmenübersetzAmg aus dem 11. oder 12. jahrh. von Wiggert 
herausgegeben, die zwischen Saale und Elbe entsprungen sein 
müssen, bieten gleichfalls z für t, f für p dar, nach hochdeut- 
scher weise, während sonst th und die mediae nach sächsischer 
verwendet sind, in Thüringen berührten sich ahd. und alts. 
zunge. das Hildebrandslied trägt entschiedner sächsische fär- 
bung, und namentlich hat es kein z. 

Die alliteration, woraus die poetische beschaffenheit beider 
stücke folgt, ist überall gewahrt; am Schlüsse des ersten ge- 
dichts erscheinen, ich weisz nicht, ob zufällig sogar die reime 
bandun: -gandun. als etwas eignes musz ich die abwesenheit 
der copula und vers 3 und 4 des zweiten gedichts anführen, es 
heiszt Sinthgunt, Sunna era suister und nachmals Früa, Folla 
era suister. die gewöhnliche rede begehrte nach dem ersten 



* das pt ist mehr hervorzuheben, goth. hafts ahd. haft ahs. haft ags, häft, 
blosz altn. hapt. 



22 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

namen jedesmal ein ende, sicher aber mangelt es mit gutem 
grund, beidemal würde der vers ungefüg dadurch werden, mich 
dünkt, da wo zwei namen unmittelbar aufeinander genannt sind, 
und der zweite durch besondere epitheta ausgezeichnet wird, 
da macht sich die copula entbehrlich, eben jene zufügung ent- 
fernt alle Unsicherheit darüber, dasz etwa beide namen einer und 
derselben person zustehn könnten, welche häufung ohnehin der 
sitte des alterthums widerstrebt, ich habe in der altn. alts. und 
ags. poesie nach solchen auslassungen der copula gesucht, sie 
aber fast immer gesetzt gefunden, z. b. Gunnar ok Högni Giuka 
arfar Saem. 117", wo jedoch arfar auf beide namen geht; hiesze 
es Gunnarr Högni Giuka arfi, so träfe der beleg zu. wenn 
Hei. 121. 122. 125 steht: Maria endi Martha, thia gisuester, so 
würde nach der ausdrucksweise unseres lieds dafür gesagt wer- 
20 den dürfen : Maria, Martha ira suestar. auch in mhd. gedichten, 
bei ähnlicher läge der eigennamen, bleibt das und ungespart: 
Gandin unde Galoes, der bruoder sin, Parz. 92, 27; Orilus und 
Lähelin, ir bruoder, Parz. 152, 20; Gernot und Giselher daz 
kint, Nib. 1049, 3, wo umgekehrt metrische gründe für die 
Setzung des und sind, eine gewisse analogie hat aber mit jener 
Wahrnehmung die ags. und altn. construction , die nach dem 
dualis des pronomens nur einen namen und diesen ohne copida 
ausdrückt: vid Freyr bedeutet ich imd Freyr, vit Scilling ich 
und Schilling, unc Adame mir und Adam (gramm. 4, 294. 295). 
mhd. aber, weil die duale abhanden sind, ich und Liäze, Parz. 
190, 2, was gleichviel sein würde mit: wiz Liäze, wenn dieser 
dual noch gälte. 

Doch zu lange schon säume ich, über grammatischen klei- 
nigkeiten, die dringendere frage zu erledigen, wie sich unsre 
heidnischen gedichte verlieren konnten mitten in ein christliches 
buch, wie ein mönch die band ansetzen mochte, um vermale- 
deite namen, die gescheut und gemieden wurden-, auf dasselbe 
blatt, das auch den des allmächtigen, ewigen gottes enthält, zu 
schreiben? man darf nicht etwa auf einen heimlichen anhänger 
des alten heidenthums vermuten, die ganze sache begreift sich, 
wenn man folgendes erwägt. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 23 

Den ersten Christen, was schon mehr als einmal gesagt 
worden ist, galten die heidnischen götter für verhaszte, nicht 
für völlig machtlose wesen. wie hätte auch der alte glauben 
an ihr dasein und ihre Wirksamkeit sich plötzlich in eine auf- 
geklärte Überzeugung von ihrer gänzlichen nichtigkeit verwan- 
deln können? selbst die kirche war nicht abgeneigt, römische 
oder deutsche gottheiten als bösartige dämonen aufzufassen, de- 
ren ehmalige herschaft jetzt dem reiche des wahren gottes 
weichen müsse, die heidnischen götter traten zurück in einen 
schauerlichen hintergrund, der ihre wohlthätigen eigenschaften 
und selbst ihre alten benennungen allmälich schwinden liesz, 
eine gewisse teuflische macht und einwirkung aber an die stelle 
setzte, und wie wir in noch späteren zeiten allmälich ein Sy- 
stem von teufein und hexen sich entfalten sehen, dem die alten 
götter und weisen frauen der beiden zum gründe lagen, nach 
dem aber wirkliche Zaubereien und beschwörungen geübt wur- 
den; so werden auch jene heidnischen lieder mit den verrufnen 
götternamen frühe schon als ein nicht gerade unstattliaftes mit- 
tel zu heilungen und besprechungen gegolten haben, die er- 
zählung wie Balders fohlen durch Zaubersprüche der götter sein 21 
fusz eingerenkt wurde, achtete der Schreiber unserer handschrift 
sogar der aufnähme in ein geheiligtes buch für werth, er wähnte, 
durch hersao-unff der formcl könne der erlahmte fusz eines men- 
sehen, wenigstens eines thieres hergestellt werden, nicht anders 
mochte das dunklere, dem 10. jahrh. dennoch verständlichere 
lied von den heidnischen Idesen für entsprechende anlasse dien- 
sam und der aufbewahrung würdig erscheinen, ich zweifle bei- 
nahe nicht, gar manche solcher Zauberformeln, wie sie die mei- 
stens mündliche Überlieferung folgender Jahrhunderte noch mehr 
entstellt, aber doch fortgepflanzt hatte, beruhen ihren fast immer 
erzählenden eingängen nach auf heidnischen liedern und weisen, 
nur dasz nach und nach an den platz der alten eigennamen ab- 
sichtlich verdrehte, ersonnene oder anders woher entlehnte tra- 
ten, dieser verworfne hexenplunder fordert also für die ge- 
schichte der mythologie und des aberglaubens seine rücksicht; 
im anhang II will ich eine von Pertz in einer Straszburger 



24 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

handschrift des 11. jahrh. aufgefundne beschwörungsformel ^ mit- 
theilen, deren heidnischer anstrich nicht zu miskennen ist. 

Ein gutes glück hat aber gewaltet, es ist mir gelungen, den 
inhalt unseres zweiten gedichts in einer solchen jüngeren Zau- 
berformel aufzuspüren und dadurch das eben entwickelte " Ver- 
hältnis unwiderlegbar zu beweisen, was jedoch besonders merk- 
würdig ist, sie kommt zum Vorschein in weitentlegner gegend, 
in Scandinavien. ihre besondere bedeutsamkeit voraus ahnend 
hatte ich ihr im anhang meiner mythol. s. CXLVIII den räum 
gegönnt, sie mag aus dem dänischen '^ verdeutscht hier folgen. 
Jesus heiszt es, ritt zur beide, da ritt er das bein seines fohlens 
entzwei. Jesus stieg ab und heilte es, er legte mark in mark, 
bein in bein, fleisch in fleisch, er legte darauf ein blatt, dasz 
es in derselben stelle bleiben sollte, was für unsre ganze Un- 
tersuchung ist entscheidender als diese Übereinstimmung? zwei 
formein die altthüringische und eine nordische, erst im vorigen 
jahrh. mündlich aufgenommene haben sicher denselben grund, 
22 eine sage des heidenthums von Balder. Jesus kann hier so- 
wol für Wuotan, den gott dem die beschwörung gelang, als für 
Balder eingetreten sein, dessen fohlen den schaden erlitt; ich 
neige mich zu der letzteren meinung, schon weil Christus den 
Nordländern hvita Kristr der weisze Christ heiszt und auch 
Balder der weisze gott, hviti äs, von seiner leuchtenden, glän- 
zenden färbe*; ja es sind schon andere ähnlichkeiten zwischen 
Christus und Balder, dem reinsten fleckenlosesten gotte der bei- 
den hervorgehoben worden, vielleicht in noch mehr strichen 
des nordens leben Überlieferung und formel wieder unter andern 
umständen fort, es sollte mich nicht wundern, wenn in Schwe- 
den sie auf Stephan, den schutzherrn der rosse ^ angewandt 

' ohne erklärung, die anderwärts folgen soll. 

* Jesus reed sig til heede, der reed han syndt sit folebeen. Jesus stigede 
af og lägte det, Jesus lagde marv i marv, been i been, kiöd i kiöd, Jesus lagde 
derpaa et blad, at det skulde blive i samme stad. 3 navne etc. (Hans Hammond 
nordiske missionshistorie. Kiobenhavn 1787 p. 119.) 

* eigentlich ist Heimdallr der hviti äs Sn. 30; hvitastr äsa Stern. 72' ; natt- 
göfgi madr Ssem. 118* für naddgöfgi; sverSäs hvita Ssem. 90*. doch Baldr heiszt 
biartr Sn. 26. 

3 svenska folkvisor 3, 206—217. 



I 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 25 

worden wäre, woran ganz nahe folgende lateinische formel des 
10. 11. jahrh. (mythol. s. CXXXII) aus dem nördlichen Deutsch- 
land stöszt : Petrus, Michael et Stephanus ambulabant per viam. 
sie dixit Michahel: Stephani equus in f usus % signet illum 
deus, signet illum Christus, et herbam comedat et aquam bibat. 

Noch eins, auf welchem wege kamen dem Schreiber eines 
buchs, in dem nicht lange zeit darauf vielleicht Dietmars von 
Merseburg bände blätterten, jene heidnischen gesänge zur künde? 

Thüringen war schon im 8. jahrh., Sachsen im beginn des 
9. bekehrt worden, heidnischer glaube wucherte dort nicht mehr 
im 10., höchstens in slavischer nachbarschaft. deutschheidnische 
dichtungen konnten damals unmöglich vollständig unter dem 
Volke leben, man hat die wähl nur zwischen zwei annahmen, 
entweder lagen dem Schreiber noch bücher aus heidnischer zeit 
vor äugen, aus welchen er schöpfen konnte, oder mündliche 
Überlieferung hatte stellen heidnischer dichtung blosz als Zau- 
berformeln fortgepflanzt, deutsche gröszere handschriften aus 
so früher zeit scheinen sehr bedenklich, und alles eben über 
den gebrauch, der wahrscheinlich von solchen bruchstücken ge- 
macht wurde, ausgeführte spricht zu guusten der zweiten er- 
klärungsweise, nur musz man eingestehn, dasz für die bewah- 
rung von mund zu munde die texte rein und unverderbt genug 
lussehen und dasz die spätere zeit auf demselben wege ihnen 
^ärger würde mitgespielt haben, sie sind noch in epischem stil 
gehalten und alle zuthaten mangeln ihnen ganz, wodurch die 23 
jüngeren formein jenen practischen gebrauch, der von ihnen ge- 
fmacht werden soll, einleiten, eben darum dürfen sie nun auch 
Is wirkliche Überreste heidnischer poesie, denen solch eine 
spätere anwendung an sich fremd war, betrachtet werden. 

Unter diesem gesichtspunct sind sie von hohem werth und 
Igeeignet, uns über das allgemeine Verhältnis der deutschen zur 



' was soll das heiszen, vielleicht clystiert? [blosz krank. Ducange s. v. in- 
ftjsio : equus infusus, cuius crura infusa sunt, welches den blutspat oder die ent- 
zündliche rehe hat, cpXtfAAta des Absyrtus , flemina des Vegetius 2,48. 3, 19. 
Bquus infusus Jordan. Ruffus c. 11 p. 38; infunditura Albertus M. p. 595. 596. 

rmorbus infunditi. De Crescentiis 9, 19. infusio equi Laur. Rusius c. 137 p. 117. 

LHeusinger recherches de pathologie comparee, pieces justif, 1 no. 112.] 



26 ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 

nordischen mythologie licht zu geben, hierauf soll sich der 
schlusz meiner betrachtungen erstrecken. 

Wer nachgedacht hat über das Verhältnis der nordischen 
spräche zu der deutschen wird auch von den verschwisterten 
sagen und mythen beider äste eines und desselben volks eine 
richtige Vorstellung fassen, die altnordische spräche ist in zahl- 
reichen denkmälern rein erhalten worden, doch nicht aus der 
ältesten zeit, seit uns in sparsamer flieszenden, aber früheren 
quellen die reste gothischer, althochdeutscher und angelsächsi- 
scher spräche genauer kund geworden sind, dürfen wir diesen 
neben entschiedner Verwandtschaft auch noch ihre volle im ein- 
zelnen bevorzugte eigenthümlichkeit zugestehn. alle mundarten 
gehen zusammen, aber nicht in einander auf. 

Für religion und Volksglauben, die mit der spräche innig 
verwoben sind, wird genau dasselbe gelten, die altnordische 
mythologie, als die vollständigst erhaltne, hat zwar in der haupt- 
sache den ton anzugeben, aber keinen anspruch darauf, es überall 
zu thun. die der priesen, Franken, Sachsen, Thüringer und 
jedes andern Stamms war durch besonderheiten ausgezeichnet, 
auf deren spur wir jetzt erst recht zu achten anfangen, so 
weisz die sächsische Überlieferung von Sahsnot und andern Wo- 
daningen, die dem norden fremd geblieben sind, kaum öfihet 
uns das kleine lied von Balders fohlen noch einen blick in den 
zugezognen altheidnischen himmel, alsogleich erscheinen zwei 
jenem norden wieder unbewuste götternamen, Phol und Sinth- 
gund* welch grosze fülle von namen wie dichtungen mag z. b. 
den Gothen eigen gewesen sein, deren spräche in cultusaus- 
drücken noch offenbar zu der altnordischen sich hinneigt, auf 
einen mythus von Balder sind wir gestoszen, dessen altnordische 
quellen sämtlich geschweigen, dem man dennoch uralte allge- 
meinheit zutrauen darf, wie sie jene neunordische beschwörungs- 
formel auszer zweifei setzt, dieser einfach dargestellten fabel 
tiefern sinn zu leihen kostet keine anstrengung. sobald des Son- 
nengottes rosz erlahmt und er seinen Umlauf zu unterbrechen 
24 genöthigt ist, lauft alles gefahr, und nichts ist den gütigen gott- 
beiten angelegner als schleunig sie abzuwenden, heilungen und 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHÜMS. 27 

beschwörungen vorzunehmen war ein f'rauengeschäft ^, darum 
sich auch hier vier hehre göttinnen des zaubers unterfangen, 
obwol vergebens; erst dem überhaupt aller götter gelingt es 
ihn zu lösen, das erste lied gewährt uns einsieht in das amt 
höherer aber untergeordneter wesen; auf die ausdrücke idis 
und haptband habe ich alles gewicht gelegt, das sie zu fordern 
scheinen, sie sind fingerzeige uralter und systematischer re- 
ligion. 

Das ergebnis wurde davon getragen, dasz die eigentliche 
abfassung der gedichte zurück zu verlegen sei bis in den Zeit- 
raum vor der bekehrung, mindestens in das 8. jahrh. wie viel 
oder wenig stände wol der annähme entgegen, die idisi seien, 
wenn nicht ganz der form, wenigstens dem gesammten Inhalte 
nach im 2. oder 3. jahrh. unsrer Zeitrechnung schon wie im 8. 
gedichtet gewesen? dankbar ziehe die altnordische mythologie 
beglaubigung des alters, deren abgang man ihr genug zur last 
geschoben hat, aus unsern handschriften des 8., 9., 10. .jahrh. 
für die ihrigen mühsam das 12., 13. erreichenden. 

Dem ersten geleise deutscher mythologie darf darum so 
weit hinauf nachgegangen werden, als den spuren deutscher 
Sprache, immer schon ein gewaltiges alter, fast von zweitau- 
send Jahren, unvergleichbar freilich dem höher gemessenen oder 
auch noch ungemessenen griechischer, indischer mythologien, 
die von epischer bis zu dramatischer fülle ungestört sich ent- 
falteten, unser einheimisches heidenthum litt Unterbrechung, 
bevor es sinnliche kraft und anmut, die man ihm nach dem 
nordischen maszstab nicht absprechen wird, geistig erhöhte und 
grosz zog, was ihm vielleicht doch versagt geblieben wäre, es 
hat die keime des göttlichen, seine rohen, nicht unschönen bruch- 
stücke rühren uns, si£! reizen gleich allem vaterländischen zu 
öfterer betrachtung. 

Wie man aber dem was ich auszuführen suchte zugethan 
sei oder abgeneigt, es erweitern oder einschränken möge; das 

' Rindr singt galdr über Rän (Ssem. 97); Groa über Thörr und ihren tod' 
ton söhn. 



28 



ÜBER ZWEI ENTDECKTE GEDICHTE 



wird kaum Widerspruch befahren, dasz von künftigen forschern 
ältester deutscher religion, spräche, poesie oder geschichte die 
Merseburger denkmale, nachdem sie nun einmal wieder ans licht 
getreten sind, nicht vorbeigegangen werden dürfen. 



ANHANG!. 

(cod. merseb. fol. 16* sec. IX.) 
25 Interrogatio sacerdotis. 

Forsahhistu unholdun. ih fursahu. 

Forsahhistu unholdun uuerc. indi uuillon. ih fursahhu. 

Forsahhistu allem them bluostrü indi den gelton. indi den go- 

tum. thie im. heidene man. zi geldom. enti zi gotum ha- 

bent. ih fursahhu. 
Gilaubistu in got fater almahtigan. ih gilaubu. 
Gilaubistu in christ gotes sun nerienton. ih gilaubu. 
Gilaubistu in heilagan geist. ih gilaub. 
Gilaul)istvi einan got. almahtigan. in thrinisse. inti in einisse. ih 

gilaub. 
Gilaubistu heilaga gotes chirichun. ih gil. 
Gilaubistu thuruh taufunga sunteono forlaznessi. ih gilaub. 
Gilaubistu lib after tode. ih gilaub. 



(cod. merseb. 52° sec. IX.) 
Nec non et ab inferis resurrectionis. ioh ouh fon hellu arstan- 
nesses. ioh ouh in himilun diurliches ufstiges brengemes prae- 
clarae berehtero dinero heri fon dinan gebon ac datis inti giftin. 



AUS DER ZEIT DES DEUTSCHEN HEIDENTHUMS. 29 



ANHANG IL 

(cod. argentor. membr, sec. XL) 

Singula ter dicat. 26 

Genzan unde iordan keken sament sozzon 
to uersoz genzan iordane te situn 
to uerstont taz plöt 
uerstande tiz plöt 
stant plöt 

Vro unde lazakere keken molt petritto 
stant plöt fasto : • 
Tumbo saz in berke 
mit tumbemo kint de narme 
tunib heiz ter berch tnmb heiz taz kint 
ter heilego tumbo uersegene tivsa uunda 

Ad stringendum sanguinem. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 27 JULI 1843. 



109 Ich will dem was das altdeutsche recht von den Verhält- 

nissen der grenze meldet aufschlüsse ab zu gewinnen suchen 
über die landtheilung und für die mythologie. sollten sie noch 
geringfügig erscheinen, die aus den rechtsquellen geschöpften 
oder auch lebendiger volkssage abgehörten altvaterischen brauche 
selbst wird man bei ihrer Schmucklosigkeit gern vernehmen, hin 
und wieder gewagte anlehnungen an das classische alterthum 
gestatten, denn auch das musz dem unsrigen die geneigtheit, 
deren es noch lange bedarf, eh man auf seine ergebnisse ein 
wenig trotzen kann, leichter zuwege bringen, dasz nicht selten 
gelingt den dürren buchstab der Urkunden mit dem athem le- 
bendiger Überlieferung zu erwärmen und in der freien luft zu 
erfrischen, die uns aus den so reichen und vielseitigen werken 
der Griechen und Römer anweht, dasz sie selbst unsrer barbarei 
begegnen können. 

Es leuchtet ein wie wesentlich der begrif der grenze mit 
dem des eigenthums sich verknüpfe, wenn das unser eigen ist 
worüber wir schalten und walten, so setzt solches schalten und 
walten absonderung der gegenstände voraus, bewegliche Sachen, 
was unser recht fahrende habe nennt, sind ihrer natur nach 
schon durch ihre gestalt gesondert; der aneinander hängende 
liegende grund und boden fordert eine scheide, und diese land- 
scheide ist es welche wir grenze heiszen: ohne grenze sind ei- 
genthum und besitz am land unmöglich, damit dasz die völker 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. • 31 

sich allmälich über die unbewohnte erde ergossen, wurde sie 
ihnen soweit zu eigen als sich ihre herschaft erstreckte und 
weder durch das flutende meer, durch unwirtliche urwälder und 
gebirge noch durch den entgegen rückenden nachbar aufgehal- 
ten war, alles dem grundeigenthum eines volks zugefallne land 
muste aber, wenn es genutzt werden sollte, unter stamme, ge- 
schlechter und einzelne menschen weiter ausgetheilt werden; iio 
hier entsprangen nach oder nebeneinander zwei arten, durch 
welche wir die älteste lebensweise unmittelbar bedingt sehn, 
entweder geschah nemlich der völligen Zerlegung einhält, sobald 
ansehnliche ländereien in die gemeinschaft mehrerer genossen 
gelangt waren, oder es wurde mit der sonderung in einzelne 
stücke fortofefahren : im ersten fall bildete sich ein gesammt- 
eigenthum, im andern ein sondereigenthum, wie jenes dem hir- 
tenleben, dieses dem ackerbau angemessen ist. in die gemein- 
schaft der markgenossen fielen die groszen wälder und weide- 
triften, an denen das alte Deutschland überreich war, viele 
solcher markgenossenschaften haben sich von frühster zeit an 
bis auf unsere tage hin, obschon in fortschreitender Verminde- 
rung, mit sehr alterthümlichen gebrauchen erhalten, in der regel 
beförderte das dem ackerbau günstige ausrotten der wälder die 
zunähme des willkürlich zertheilbaren sondereigens. beide arten 
des eigenthums scheinen aber auch, wie sich zeigen wird, in 
der weise ihrer abgrenzung wesentlich verschieden gewesen 
zu sein. 

Die grenze ist also eine äuszere und innere, eine grosze 
und kleine, jenachdem sie ganze reiche und Völker, genossen- 
schaften oder einzelne eigner von einander trennt, sie musz 
nicht blosz als trennendes, sondern zugleich als einigendes prin- 
cip behandelt werden, aus welchem neben der noth wendigen 
scheide ein band der nachbarschaft und gemeinschaft sich ent- 
faltete, dessen heiligung und weihe unserm alterthum aufs höchste 
angelegen war. 

I. NAMEN. 

Meine ganze folgende Untersuchung hat von einer durch- 
sieht der verschiednen wörter auszugehn, mit welchen der eben 



32 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

entwickelte begrif der grenze bezeichnet wird, so wenig ist das 
heutige wort grenze der echte ausdruck für den begrif einer 
landscheide, dasz er unsrer ältesten, selbst der mittleren spräche 
unbekannt, erst in den letzten drei oder vier Jahrhunderten um 
sich gegriffen hat. unser älteres schöneres wort lautete marka, 
womit Ulfilas opiov verdeutscht, ahd. marcha, alts. marka, ags. 
mearc, und aus der bedeutung grenze* sehen wir es allmälich 
vorschreiten in die des abgegrenzten landes oder dazu ver- 
wandten Zeichens; gerade daher, dasz diese noch dem goth. 
niarka abgehn, leite ich ihre unursprünglichkeit. nun dürfte man 
an das nach der lautverschiebung entsprechende lat. margo den- 
111 ken und ora, rand, äuszerstes ende als den eigentlichen sinn 
des Wortes aufstellen ; erhöbe sich dawider nicht der altnordische 
Sprachgebrauch, dieser nemlich unterscheidet zwischen einem 
fem. mörk, gen. markar silva, saltus und einem neutrum mark 
oder merki limes, terminus; beide müssen eng verwandt sein. 
die Wurzel von mörk scheint sich aber zu ergeben, wenn man 
das adj. myrkr obscurus hinzu hält, da in spräche und poesie 
der schwarze, dunkle wald sein gutes recht hat ' und die von 
den Römern überlieferte benennung marciana silva, das eddische 
Myrkvidr, die silva quae Miriquidui dicitur bei Dietmar von 
Merseburg [silva Mirwidu Mircwidu bei Pertz 5, 869] richtig 
übereinstimmen, jenes altn. mörk mag also die Urbedeutung 
von marka enthalten, die keine andere als wald sein kann. ** in 
den ulfilanischen fragraenten mangelt überhaupt nur gelegenheit 

* in marachon finibus Diut. 1, 497''. gemeine marcha communis terminus, 
kemeinmerciie , undermerche Notii. Arist. 43. marchon huotera grenzhüter N. 
Cap. 54. die undermarken Zellweger 3, 240. üf zweier lande marke Gudrun 13, 2. 
gemerchede termini Windb. ps. 330. daz gemerke, die grenze Tundal. 42, 16. 
Ernst 718. Helbl. 4, 219. daz gemerke vvern (die mark des landes), daz ge- 
merke breit Wolfd. und Sahen 328. des landes marke, diu sundermarke Diut. 1, 49. 
ir lantmark underbint 1, 52. lantmark 1, 66. undermarkc 1, 61. die marke un- 
derscheiden 1, 61. ags. landmeai'ca Kemble 3, 274. landgemyrcu Beov. 417. 
bezug von metod auf marka und markon s. unten. Ovid met. 1, 126 läszt im eiser- 
nen Zeitalter landmessung eintreten. 

^ Schwarzwald (silva nigra) zwischen Alemanien und Schwaben; Monte- 
negro oder Tschernagora, slavisches waldgebirg. 

** ein walt oder mark Kaiserrecht 4, 20, p. 244. in einer dänischen Urkunde 
von 1354 (Molbech no. 1) heiszt es markeskel oc skowfskel (skovskjel). 



DEUTSCHE GRENZÄLTERTIIÜMER. 33 

den begrif des waldes auszudrücken, wir wissen nicht, ob vidus, 
valds oder auch marka dafür zu gebot stand. Marcoinarmi sind 
ghncli treflPend bewohner des walds oder der grenze zu deuten *, 
da zu jener frühen zeit, wie vorhin gesagt wurde, ganz Deutsch- 
land waldbedeckt war. auch bewahrten sich das ganze mittel- 
alter hindurch die inhaber der waldgenossenschaften den nanien 
inarkgenossen oder märker, während in Niedersachsen, wo 
der ausdruck holt (holz) für silva geläufiger war, die benennung 
hüllen gleichbedeutig galt ^ ; hieszen die märker ahd. kimarchon, 
so können sie goth. gamarkans [Gal. 4, 25 fairguni gamarkö nions 
confinis] geheiszen haben, es sind die commarchani der lex Ba- 
juvariorum (11, 5. 16, 2. 21, 11)** und sie dürfen, gleich jenen 
Marcomannen, welche die forschung als stamm der heutigen 
Baiern anerkennt, sowol für confines als silvicolae genommen 
werden, als kühne Nordmänner von Grönland aus lange Jahr- 
hunderte vor Columbus die nordamericanische küste erreichten, 
nannten sie das waldbedeckte spätere Neuschottland sehr tref- 
fend Markland d. i. waldland. aber nicht blosz das goth. marka, 
auch die altn. benennung Danmörk (Dänemark)***, Hünmörk 
L_ (Hunenland, hunische mark) machen augenscheinlich, wie frühe 
die Vorstellung silva übertrat in die von limes und regio, zu- 
gleich ist dies marka eins der deutschen Wörter die von alter 
zeit an in alle romanischen sprachen mit der bedeutung von 112 
terminus und nota eingieng, ohne dasz irgend eine Verwandt- 
schaft mit dem lateinischen margo geahnt wurde. 

Wie der begrif von grenze aus dem sinnlichen wald, ent- 
faltete er sich aus dem von moor (palus, lacus) weil in niederun- 
gen sümpfe die landscheide hergaben j*. altn. ist moeri, landa- 

* marhmanni im Ruodlieb 1'', 52 grenzbewohncr; vgl. H, 28 finipolis. 
^ ' die Holtsäten sind also auch Marcomaiuicn ; bekanntlich ist aus Holsten = 

Holtseten sinnlos das hochdeutsche Holstein gebildet. 

** lex Bajuv. 21 cummarcanus quem calasneo dicimus. eh. Frising. in Om- 
nibus calasnis et terminis. Schmeller 2, 428 lächsinen grenzmiirken. Schmid 
Schwab, wb. 337 mit marksteinen und lächsen. aus hlah, lach? s. unten. 

*** Danmöik wald. Kask afhandl. 1, 101. 

t palus et stagnum in tenninis. Lisch Hahn 1, C2. G8. mekl. urk. 1, 9, 
a. 1174. 

J. GRIMM, KL. SCIIUIFTEN. II. 8 



34 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMEß. 

moeri * nicht blosz ebene, planities, sondern auch grenze, termi- 
nus; kaum würde sich begreifen lassen, dasz aus der Vorstel- 
lung: endloser ebene zwischen Völkern die einer trennenden 
scheide entsprossen sei, ohne in der fläche zugleich den aufhal- 
tenden sumpf anzunehmen, darum scheint auch in Plochdeutsch- 
land, wo moor und marschland selten ist, kein entsprechendes 
muori, lantmuori für grenze zu begegnen, während jener aus- 
druck auszer den nordischen ebenso den sächsischen Völkern 
gemein war. Westfälische Urkunden des 9. jahrh. (bei Moser 
no. 2. 13. 18. 19) liefern bei einer grenzangabe Drevanameri, 
Dummeri, wo der sinn blosz einen sumpf, kein meer gestattet, 
daher auch in ihnen nur e als umgelautetes 6, nicht e statthaft 
ist, ags. sind mere , gemere, landgemere, und noch heute eng- 
lisch meer beides sumpf und grenze, das verbum meer abgren- 
zen; mnl. meer grenze, meeren limitare ^ schwierig bleibt, dasz 
die gewöhnliche ags. Schreibung, ae statt e verwendend, landge- 
maere darbietet ^ und das altn. wort ebenfalls masri geschrieben 
werden darf, wozu selbst das fries. mär, pl. märar, welches in 
den gesetzen mehr einen graben, als moor oder grenze aus- 
drückt, zu stimmen schiene, einem solchen maeri, gemaere wüste 
ich keine passende deutsche wurzel aufzuweisen, und an das 
slav. mera [poln. miaraj modus, meriti metiri wird doch nicht 
zu denken sein. 

Ein andrer ausdruck ist desto hochdeutscher und noch jetzt 
auf allen unsern feldfluren üblich, aber mehr für die innere be- 
grenzung der äcker, als die äuszere zwischen Völkern, wir nen- 
nen rain einen am ackerfeld ungepflügt bleibenden, erhabnen, 
grasbewachsnen landstreif; doch wird das wort auch für dämm 
oder überragenden meeresrand gebraucht, mhd. bi des meres 
reine. Marc. 133 (184, 19); an eines Stades reine. Diut. 3, 98. 



* altn. myri palus, schw. myra, dän. myr. landamaari par er maetiz Dan- 
mörk ok Frisland. Egilssaga p. 260. telja landamari zwischen Schweden und Nor- 
wegen. Ol. helg. ed. Christ p. 28. schw. landamäre sv. folks. 1, 220. 239. finn. 
määrä limes terminus. skr. marjä limes, finis Bopp 260*". 

' belg. mus. 5, 78. Diutiska 2, 221". 

* Kembles ehartae anglosax. 2, 265. 384. 399. [über gemaere s. Kemble 3, 
IX — XI. landimare für gimere Kemble 3, 320. 321.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 35 

Diemer 28, 11; iif eime grüenen reine. Renn. 54. 115. [MSH. 
3, 299". holz an einem reine liouwen. MSH. 1, 297'. drei tan- 
nen im rain bei einander. Zellweger 6, 148. sie schiet ein klei- 
nes reine küm vierteil einer mile breit. Dietr. 8464. habt dort 
verre üf einem reine. Dietr. 9714. vor einem scharfen rein. 
Hätzlerin 160, 5. an dem obersten hochrein, weisth. 1, 93. ho- 
henrein Graff 2, 527.] ahd. Urkunden gewähren Ortsnamen wie 
Wägreini im Pongau ', Olreini bei Ried no. 86 (a. 901). die 
niederd. dän. schwed. form lautet ren und schon die altschwed. 113 
volksrechte gewähren sie, die norweg. rein (Gula}>ingsl. 460 
markrein confinium), das isl. 7-ein wird von Biörn porca, lira ge- 
deutet, aufgeworfne furche vmd erhöhung. und wie die alt- 
schwedische formel ren ok sten (Vestg. lag 51. 192) verbindet 
auch die hochdeutsche rein vmd stein (z. b. weisth. 1, 231. 3, 545. 
stock stein rein. MB. 25, 429. verraint verstaint und vermarket, 
das. 404.) so dasz unter rein ein erdaufwurf neben dem gesetz- 
ten stein zu denken ist. nirgends finde ich das R in rein aspi- 
riert, aber auch in andern Wörtern erlischt die aspiration, der 
wir in älteren formen begegnen könnten; offenbar würde hreini 
besser mit hrinan tangere, adhaerere *, vielleicht mit hreini mun- 
dus, purus sich verknüpfen, fast noch sichrer erscheint seine 
unmittelbare Verwandtschaft mit dem slav. grau, böhm. hrana 
ecke, mahlstein und granitza, böhm. hranice terminus ^, welches 
allen Slaven geläufige wort vom osten vordrang und uns den 
ausdruck grenze zuführte ^, der jetzt unsere älteren Wörter 

' trad. juvav. p. 88 (a. 837): juxta Ipusa flumen ex utraque parte fluminis 
terminatur , quod theodisca lingua icagreini dicitur. [über den Wägrein Helbl. 
7, 197. 245 = Wagram vgl. ibid. p. 275. SpehtÄreüii (besser wäre Spehtes-) 
MB. 11, 17. Isarrein. Lechrein. Schmeller 3, 94. Sorgenrein MS. 2, 188''.] 

* schon Ten Kate 2, (587 bringt i-een zu gerinen. 

"^ lateinische in Polen abgefaszte Urkunden des 14. jahrh. geben granicia, 
granicies. Ducange s. v. [granicia, greniciae. bei Lindenblatt immer grenitcze.] 

^ ich weisz noch nicht sicher wann und wo zuerst? Hoffmanns fundgr. 1, 374 
bringen aus der Leobschützer willkür in Böhmes diplom. beitr. 1, 25. 26 grenit/. 
bei [MB. l(i, 392. a. 1343 grenitz], das wort mag schon im 14. 15. jahrh. und 
sehr allgemein vorgedrungen sein, weil wir auch das niederländische grens (pl. 
grenzen), niederdeutsche grensinge, gränsinge, schwed. gräns, dän. grändse finden, 
und das s dieser mundarten bezeugt den unorganischen Ursprung des hochdeut- 
schen z in grenze, nordische Sprachforscher haben granne, dän. grande = vici- 

3* 



36 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

verdrängt oder beeinträchtigt, es geschieht hier, wie öfter, was 
wir in hrein rain schon besaszen erborgten wir aus der fremde, 
daneben musz noch das slav. krai, böhni. krag ende, ort, rand 
und kraina [serb. krajina grenze], böhm. kragina grenzland, land, 
ganz im sinne von marca erwogen werden; von krai den kehl- 
anlaut weggenommen das finn. raja, esthn. raia, hipp. 7'aje 
grenze. 

Doch an dieses raia gemahnt eben sosehr ein schwed. rä, 
das schon in den alten gesetzen zumal Uplands und Vestman- 
nalag ganz geläufig ist und in der alliteration mit rör verbun- 
den wird, das altn. rci (fem.) zeigt uns zwei bedeutungen, die 
114 von angulus und antenna, beide werden sowol schwed. als dän. 
in ra, raa limes, terminus und vrä, vraa angulus gespaltet, für 
welche letztere sich auch das isl. krä darbietet, rd antenna ist 
das mhd. rahe mit gleicher bedeutung, welches sich doch nie- 
mals für grenze oder grenzpfahl verwandt findet, da nun rör 
als ein pfähl zwischen geordneten steinen erklärt wird, mag die 
formel ra ok rör mit ren ok sten beinahe zusammenfallen *. 

Snaat, snede, das noch heute in niederdeutschen gegenden 
für grenze gebraucht wird, hat sichtbar den begrif des einschnit- 
tes, sei dadurch ein zeichen in stein, bäum oder blosz in den 
erdboden bewirkt worden [ein niuwe sneit. Hätzl. 155, 261]. 
ahd. sneida (Grafi" 6, 844), in den langob. gesetzen sinaida, das 

nus, und zumal den ausdruck granzla ed (juramentum vicinorum) im Vestman- 
nalag s. 56 erwogen, das ist freilich ein markgenosseneid, doch granni ist das 
goth. garazna, von razn domus, altn. rannr, und der begriff des hauses würde im 
alterthum schwerlich auf den der grenze geleitet haben wäre nicht das altn. 
rein, so dürfte an grein, schwed. dän. gren, ramus und dann distinctio, divisio 
gedacht werden, [zwisla in Schweiz, grenzbegängen. Zellweger 3, 353. 354.] gar 
keinen ansprach auf Verwandtschaft hat das ahd. mhd. grans (prora), eigentlich 
Schnabel, vorragender Schiffsschnabel. — [ags. Mine aggcr limitaneus, quandoque 
privatorum agros, quandoque paroechias et alia loca dividens finium instar, hodie 
linch. Lye s. v. engl, linch rain, grcnzhügel. hlaavas ne hlincas tumuli ncc agge- 
rcs. cod. Exon. 199, 13. vgl. 507. in Kcmbles urk. 1, 249 ein ort Sveordhlincas ; 
2, 172; über hlinc 3, XXXI. — pveotan scinderc finderc, engl, thwitc. daher 
twcte ausgebaimcr weg? grenze? Outzcn p. 371. vgl. Kemble 6, 342 pveit thwaite. 
ort grenze, ora Graff. Ortisveca? Pertz 3, 369. — ndd. termpt terminus. Dint. 
2, 230\] 

* wcstg. tialdra, tiäldra limes Schlytcr s. v. mit tiald zeit? — riftir Werlauff 
p. 41. altn. raftr Stange. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. • 37 

kaum signata zu deuten ist. die ags. form gewährt ein männ- 
liches suäd , pl. snädas (Kemble 1, 257. 261). das altn. sneid 
(segmen) hat meines wissens niemals die bedentung von grenze, 
aus dem altn. skil discrimen entfaltete sich leicht die im schwed. 
und dän. skäl, skjel herschende bedeutung von grenze, [ebenso 
scheide (monscheit Vilmar in hess. zeitschr. 1, 242) von skai- 
dan scindere , wie finis für fidnis von findo: enden unde sche- 
den. Lisch Hahn no. 240. in alle eren scheden ib. 234. diu 
lantscheide wart beschreben Livl. 2059. landbescheidunge Livl. 
9693. über scheid Vilmar in der hess. zeitschr. 1, 241. 242. 
mnl. besceet (neutr.) Karl 1, 2127 vgl. p. 276. — fries. swethc, 
swithe grenze, später swette. Richth. 1061. brem. wb. 4, 1118. 
Suedwinkil (münst. ort), sonswiththa Richth. 124, 21. ags. svadu 
vestigium f. nach Lye auch fimbria, scissio. Lye hat auch myda 
meta finis limes, altfrz. es metes de Klerk 2, 702.]. 

Noch allgemeineren sinn gewährt unser ende, die äuszerste 
erstreckung in räum oder zeit, gleich dem lat. ßnis schon frtihe 
für grenze gebraucht; enden und wenden stehen formelhaft 
verbunden, ge wände ist grenze | gisceid noh giwant. Otfr. IV. 
20, 27. di gewande duringischer lande. Diut. 1, 401. lantgräve 
des gewande 1 , 404. all umme in der gewande 1 , 428. 457. 
keren und wenden, weisth. 3, 225. 2, 621. ez wären disiu driu 
laut an einander gewant unde nähen genuoc. Er. 6750. ] , vgl, 
gr. dtpaTTO? grenzpfad von xpoTTo). schon Ulf. setzt Rom. 10, 18 
den acc. pl. andjans (vom nom. sg. andeis) für xa irspata [hom. 
Trstpaia, skr. pära, goth. fera ripa, grenze gr. irspav]. ahd. treffen 
anti finis und anti frons zusammen, obgleich altn. endir finis, 
terminus und enni frons gesondert werden, welche verschiedne 
Schreibung auf eine strengere ahd. Unterscheidung zwischen anti 
finis und andi frons leitet, als ich sie beachtet finde *. indessen 
haben auch alle romanischen sprachen mit einem leibhaften ger- 
manismus aus frons stirne, vordertheil, ende einer sache ihr 
frontiera, frontera, frontiere für grenze gebildete andiy anti 

* altn. cndimörk extremi limitcs. endamerki, dän. enemärker. 

' auch das spanische bornear bedeutet enden und wenden, und die ital. borni 
sind wendestcinc. es ist nicht leicht über den Ursprung des mittellat. borna, franz. 
borne zu entscheiden, so sicher die bedeutung meta, limes, tei'minus scheint, denn 



38 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

führe ich auf die partikel and zurück, [skr, anta grenze Böht- 
Hng 233.] 

Ahd. drum, altn. pröm ist finis, ora, margo (Graff 5, 260. 
des meres drum Mar. ]75, 8 = des mercs rein 184, 19. wasser 
gemarkt, markstein gesetzt und daz drum getailt MB. 27, 404) 
und entspricht genau dem gr. xspfia, xopfjLOc, lat. terminus, die 
liquiden laute sind umgestellt wie in unserm dritto , gr. -pixo? 
115 und lat. tertius. ergibt sich aber aus xspfia verglichen mit xspa?, 
dasz das m nicht der wurzel angehört, so entspringt unmittel- 
bare berührung jenes drum mit der präp. durch, goth. pairh, 
die sich dem sinn jenes and nähert, hierbei ist das Verhältnis 
von per, Tiept und irspa? nicht zu übersehn. 

Das lat. limcs scheint gleich limen aus limus, obliquus, trans- 
versus abzustammen und sinnliches querlegen einer stange oder 
eines balkens anzuzeigen, dabei kann aber wieder die Vorstel- 
lung trans angeschlagen werden. 

In opos darf die aspiration nicht hindern opo? berg hinzuzu- 
halten, da die jonische form oopo? sowol für das männliche wort 
mit der bedeutung grenze, als das neutrale mit der von berg 
gilt, auch gewährt eine inschrift bei Böckh 2, 1104 (tu aus ou) 
u)po? terminus und die slavischen sprachen haben in ihrem gora, 
hora gerade für berg den gutturallaut. von der sinnlichen be- 
deutung des abschlieszenden hügels oder bergs mag der begrif 
der grenze entnommen sein, wie unser marcha aus dem säumen- 
den wald hervorgieng. 



II. ZEICHEN. 

Sieht man von einigen abstracten, aus dem begrif des 
äuszersten randes entnommnen ab, so gehn fast alle namen auf 
die beschaffenheit des zur begrenzung gewählten Zeichens selbst 
zurück. 

die form lauft über in bonna, bonda, bondula, bodula, bosula, und mag auf die 
botones , bodones der agrimensoren zurückgehn. das proven/. born be/.ciehnet 
rand und bord. aus dem franz. bonne, boonne, bonde, borne entsprang das engl. 
bourne, boundary, boundstonc, nicht aus der deutschen wurzel binden, [sur la 
haute borne. Letronne in rcvue archc'ol. 3, 585 ff. 4, 40 — 45. 556 — 564.] 



^^B Diese zeichen müssen mannigfach gewesen sein, wo die 
■ natürliche läge der gegenden wald, berg, hügel, graben, snmpf, 
bach oder flusz darbot, fielen abtheilung und zeichen zusammen, 
höchstens bedurfte es einfach hervorhebender merkmale. wur- 
den aber beim innern anbau des landes weitere, wenig oder gar 
nicht mehr von der natur des bodens abhängige Scheidungen 
vorgenommen, so muste auch für die art der bezeichnung zu- 
gleich gröszere willkür und festigkeit eintreten, was dem sinn- 
lichen zeichen abgieng ersetzte die strengere regel. während der 
grosze grenzenzug bergen, wäldern und gewässern nachfolgt 
und gleich der natur selbst gerade linie meidet, behält zwar die 
innere, kleine grenze hügel, bäume und graben zum zeichen bei, 
pflegt aber schon nach Stange oder schnür zu messen oder mit 
dem pflüg eine furche zu ziehen. 

Zwischen landschaften und gebieten, wo Völker oder stamme 
sich von einander abschlössen, gewahren wir durchgängig na- 
türlichen grenzlauf; geradlinige scheiden, wie sie nordamerica- 
nische landkarten aufweisen, wurden erst der todten berechnung iiß 
moderner zustände möglich : sie bezeichnen sehr treffend die 
praktische langweilige sinnesart der jüngeren zeit, selbst da, 
wo die natur wenig aushalf, hat in unserm alterthum kein seil 
die Völkergrenzen ermessen. Eginharts vita Caroli cap. 7 : ter- 
mini Francorum et Saxonum pene ubique in piano contigui, 
praeter pauca loca, in quibus vel silvae majores vel montium 
juga interjecta utrorumque agros certo limite disterminant ; was 
unbestimmt blieb, mochte lieber krieg und zwist herbeiführen, 
aus den geschichtschreibern vmd sagen lassen sich beispiele be- 
rühmter wald grenzen in menge anführen, als Hlödr in der 
Hervararsage (fornald. sog. 1, 483) von seinem bruder die hälfte 
des väterlichen reiches forderte, nennt er: 

hris pat ist maera er Myrkr>idr heitir, 
gröf pä hina helgu, er stendr ä götu pioda, 
stein pann inn fagra ä stödum Danpar, 
den groszen, Myrkvidr genannten wald, den ich schon vorhin 
der Marciana silva verglich, den heiligen graben der auf der 
strasze der Völker steht, den leuchtenden stein auf Danparheide. 
sicher ist damit grosze landscheide gemeint, da gleich (s. 496) 



40 DEUTSCHE GRENZ ALTERTHÜMER. 

ausdrücklich hinzugefügt wird, dasz Myrkvidr grenze zwischen 
Hünaland und Reidgotaland bilde, der wald, welcher Schweden 
von Ostgotland trennte, hiesz Kolmörk, gen. Kolmerkr (fornald- 
sog. 1, 378)% der welcher Gestrikaland und Helsingeland schied, 
Eyskogamörk (fornald. 2, 132), der zwischen Nerike und Vest- 
manland Kiägla (Vestg. lag s. 173), heute Kcäglan; auch in die- 
sen benennungen findet sich der alte sinn von marka unverkenn- 
bar, zwischen Thürhigen und Sachsen machte der Harzwald 
die alte grenze (Pertz 6, 159) und hart, harz bedeutet silva. 
[Caesar 6, 10: silvam esse ibi infinitae magnitudinis quae appel- 
latur Bacenis, ac longe introrsüs pertinere et pro nativo niuro 
objectam Cheruscos a Suevis, Suevosque a Cheruscis injuriis in- 
cursionibusque prohibere. MB. 28, 421. a. 1010: silva Nortwalt 
separat Baioariam et Boemiam. Karidol und Tintajol geschie- 
den durch einen gemeinschaftlichen wald. Frib. Trist. 2366. 
disiu driu laut schiet der walt. Er. 6756. 6828.] Britannien und 
Schottland wurden durch einen groszen wald gesondert (Saxo 
gramm. 27). Pausanias 4, 1 gedenkt der Xotpw? va-yj (porci- 
nus saltus) zwischen Messenien und Laconicia, vairrj drückt sehr 
eigentlich ein wildes Waldgebirge aus. 

Auch quellen , die sich vom gebirge ergieszen , und ihrem 
Ursprung nahe sind, mündungen und confluenzen ergeben pas- 
sende scheide; in einer urk. von 1053 (Schultes histor. schrift. 
s. 436. no. 17) heiszt es: hinc ad fontem ubi duae provinciae 
117 dividuntur Suevia et Franconia. Lechus Bajoarios ab Alaman- 
nis dividit. Eginhard cap. 12. [Sala fluvius, qui Turingos et So- 
rabos dividit. Eginh. cap. 15. ain klains pächl ist das gemerkh 
zwischen Behaim und Meichsen. Kovachich saml. 243. ain gar 
klains pächl die gränitz zwischen Osterreich und Märhern das. 245. 
ein bach zwischen Polen und Schlesien das. 269.J seltner schei- 
nen jedoch weit ins land vorgeschrittene flüsse und ströme, 



' Vestgötalag s. 173 verderbt in ColmarJ), heute Kolmard, Kolmord (Ihre 
s. V.). Kolmörk berührt sich genau mit dem altn. adj. kolmyrkr d. i. kohlschwarz, 
CS ist wieder der finstre Schw^-zwald. mehr über die altschwcd. waidgrenzen bei 
Schlj'ter om Sveriges äldsta indelning i landskap. Ups. 1835. s. 13. 14. — [Hü- 
funes skogr wald zwischen Vestragautland und Ränriki in Norwegen, fornm. sog. 
8, 62.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTHUMER. 41 

die ein täglicher verkehr ohne unterlasz zu überschreiten hat, 
für die grenze groszer Völker, mehr schon für die zwischen 
stammverw^andten landschaften geeignet. [Ifing Sam. 33'. Tana- 
qvisl. Sn.]. dann ist die mitte des baches und flusses ' scheide- 
punct oder die mitte der darüber geschlagnen brücke : Verbrecher 
die man sich gegenseitig zuwies pflegten im nachen mitten auf 
den flusz geführt oder mitten auf die brücke gestellt zu werden, 
ebenso scheinen in früher zeit braute und leichen bis in diese 
mitte geleit zu fordern; auch 'von der übergäbe königlicher braute 
auf des grenzstroms mitte sind einige beispiele aufbehalten, ich 
habe anderswo alte Zeugnisse für die Zusammenkünfte deutscher 
köuige mit fremden, die auf schliffen mitten im flusz oder auf 
der brücke statt fanden, gesammelt": jeder der beiden fürsten, 
während er sich mit dem fremden einigte, blieb noch auf seinem 
eignen gebiete stehen. 

In hohen gebirgen pflegten gipfel und ragende felsen zur 
länderscheide auserkoren [rennsteig zwischen Thiiringeu und 
Franken; die mark anfachen sol ze Portarisalp uf dem kämmen. 
Zellweger 3, 49. spitze der Säntis landmark zwischen .Toggen- 
burg und Appenzell. Franz Wildhaus 39. die sieben kuhfirsten 
das. 40.] und gern mit besondern zeichen versehn zu werden, 
sei es dasz man diese ehigrub oder äuszerlich daran befestigte. 
so soll schon zu Dagoberts zeiten an der grenze zwischen Bur- 
gund und Rhaetia curieusis am Rhein ein felsengipfel das aus- 
gehaune bild eines mondes getragen haben; die bewährende 
unverdächtige Urkunde rührt erst aus späterer zeit ^. zwischen 
Chavannes und Simandre, gleichfalls in Burgund, wo heute das 
dep. du Jura und de TAin an einander reichen, heiszt die ur- 
alte grenze quenouille de la fee *, ein höheres wesen hat den 

' de rivo tobropotoch (d. i. dobropotok), quod teutonicc guotpach dicitur, 
iisque ad flumen Fiustriza et a summo vertice Ci'einae montis usque in medium 
fundura Sowae fluminis. eh. a. 1073 MB. 29*, 90. 184. [ein Dobrabach im Thü- 
ringer wald. — Ursprung der bäche zur grenze dienend Wigand corv. güterb. 
236. 240. under dem stein am Ursprung des baches. Zellweger 4, 2G0.] 

- in der vorrede zu den gedichten des X und XI jahrh. s. xiv. 

' deutsche mythol. s. 071, vgl. Stalins würtenb. gesch. 1, 187. [Zellweger 
Appenzell 1, 21.] 

' Mera. des antiquaires de Fr. 4, 409, 



42 DEUTSCHE ÜRENZALTERTHÜMER. 

Ungeheuern felsgrat unter seinen armen herangetragen, gerade 
solch eine landmark, die kunkel genannt scheidet Elsasz von 
Lothringen ^ und man ist befugt, einige der vielen Brunhilden 
und Kriemhildensteine, die verschiedentlich spil oder spille ge- 
nannt werden, aus spindel zu deuten und für alte grenzsteine 
zu halten, die meisten solcher steine, je höher man in das al- 
terthum hinaufzurücken vermag, gewinnen mythologische bezie- 
118 hungen. in engpässen des Jura stand zur zeit der Heiden ein 
haus oder tempel, isarnoduri (ostium ferreum) genannt, wahr- 
scheinlich opferstätte und land scheide zwischen gallischen und 
deutschen Völkern, durchlöcherte steine die für heilig galten 
(mythol. s. 1118) scheinen auch bei grenzen berücksichtigt wor- 
den zu sein; die grenze eines im jähre 1059 bestimmten wild- 
banns führt ad apicem gemeinen gunbet (? guntpetti) und ad 
dtirechelenstein MB. 29", 143, und geradeso wird in einer ags. 
Urkunde bei Kemble no. 260 (a. 347) from pyrelan staue ausge- 
gangen. 

Unsern grenzurkunden gereichen hügel und grosze steine 
zu hauptanhaltspunkten. der hügel heiszt ahd. hoiic, altn. haugr, 
und oft verbindet sich damit die Vorstellung eines tumulus oder 
grabmals, goth hlaiv, ahd. hleo. * nakt aus dem boden hervor- 
stehende Steinblöcke werden wachen ** genannt und meist in 
weiszer oder schwarzer färbe angegeben, auch II. 23, 329 sind 
die Xäe ouo Xsuxoj, zwar als todtenmale oder rennziele vorgestellt, 
leicht aber als grenzzeichen aufzufassen, zumal sie ausdrücklich 
an eichenpfäle angelehnt werden, ganz wie sich in grenzen steine 
mit bäumen verknüpfen. Virgil (Aen. 12, 895 — 98) läszt den 
Turnus einen Ungeheuern stein aufgreifen: 

* Schreibers feen p. 20. 

* ags. od done hasdenan byrgels. Kemble 2, 250. in der meklenb. grenzur- 
kunde von 1174 bei Lisch 1, 9 wird fortgeschritten von dem wili damb in quos- 
dam tumulos, qui slavice dicuntnr trigorke, antiquorum videlicet sepulcra. vgl. 
Lisch 1, 18. 23. 33. 213. trigorke bedeutet dreihügel, poln. gorka collis. 

** bis an den wiszen loacken. weisth. 2, 154. der grosze wacke scheidet 
der herren gerichte das 2, 216. drei wacken, drei schlacken an der grenze. Kott- 
mann Simmern 145. groszer stein oypo; dpO'jpr|; II. 21, 403. litth. arikis, rako 
akmü grenzstein. 



i 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 43 

saxum antiquum ingens campo quod forte jacebat 
limes agro positus, litem ut discerneret arvis, 
vix illud lecti bis sex cervice subirent 
qualia nunc hominum producit corpora tellus. 
in der litth. spräche ist kapas todtenhügel, kapczius grenzhügel, 
apkapiti begrenzen, aus dem slav. kupa, kupice häufe ist das 
ahd. kufßhoug und kuffiso, grenzhügel. * unsere ahen gerichts- 
stätten und malberge waren von steinen umkränzt, auch den 
ansehnlichen markscheideu wird solche umsteinung nicht ge- 
mangelt haben; es ist die axscpava griechischer grenzurknnden 
(inscr. 2, 1103). 

Ragende bäume, zu grenzzeichen auserlesen (olla veter arbos 
templum tescumque finito. O. Müll. Etr. 2, 133), im Sachsen- 
spiegel malbome, mahlbäume genannt, werden noch mit beson- 
dern malen oder merkmalen ausgestattet, solch ein zeichen führt 
in unsrer alten spräche den namen Iah, vollständig mit aspira- 
tion hldh, und scheint den einschnitt, die incisio auszudrücken, 
welche in bäume, aber auch wol in steine und felsen gemacht 
wurde**, davon ist uns noch heute die benennung lochbäume, 
lochsteine geblieben und man hat dazu den vorhin entwickel- 
ten begrif der snat oder sneida zu nehmen, obgleich ich nie- 
mals lach oder loch, wie jenes snat für die grenze selbst ge- 119 
braucht finde, unter allen bäumen werden eiche, buche, tanne 
vorzugsweise zur grenze verwendet: usque ad Treniches eihi 



* collis Leohun houg qui a quibusdam dicitur Cuffiso. Dronke trad. fuld 
p. 3. Kuffese das. p. 22. Kuffihog das. 62. daher Cufese (Kyfhausen) Pertz 
8, 755. 

** statt der lachen, die verhauen sind, steinin marken setzen. Zellweger 
4, 382. 383. lachus cod. lanresh. 1, 24. zeichneten die heiden mit hamarsmark, 
die Christen mit kreuz? qucrcus cruce signata, quod signum dicitur slavice kneze- 
graniza (des hcrren, gottes grenze). Lisch 1, 9. 23. — Pardessus no. lila. 528: 
habet lapides fixas, sed et claves in arboribus ßgere jussimus. in ipsis finibus ar- 
bor Sita valde grandis et sub ipsa arbore lapides grandes figere jussimus. in arbo- 
ribus cruces facere et sub ipsas lapides subterfigere. geheimnis beim legen und 
überliefern der zeichen. W. Göthe Vegoia p. 15. Schweiz, plmte grenzzeichen an 
einer tanne gehauen. Stald. 1, 180. zeichen in die bäume hauen. Kalevala 28, 599. 
was sind hutinae aut niutuU? lex Ripuar. 60, 4. vgl. dazu butina lach, mutuli marc- 
steina Diut. 1, 342*. limes marhstein. gl. Slettst. 4, 18. 



44 DEUTSCHE GRENZALTERTUÜMER. 

(trad. fiild. Pistor. 2, 54. Schannat iio. 14G), auch in slav. Ur- 
kunden dub peretnet, dub meznyi (Kucharski p. 23); in thia 
houges buochun (Schlöppach no. 1. a. 983); altn. merkibiörk (be- 
tula terminalis) Grägäs 1, 300. magna quercus sub qua et qui- 
dam magnus lapis affixus jacet, et a sua niagnitudiue accepit 
nomen will damb (pol. wielki dqb) in meklenb. grenzurk. von 
1174 bei Lisch 1, 7. 22. beispiel einer grenzkiefer hat Schmeller 
2, 603: ad duo mantala.* 

Es scheint, dasz man auch an grenzgraben wilde kräuter, 
die mit breiten blättern wucherten, unterhielt, woraus ich den 
ahd. namen reine fano tanacetum (Graff 3, 521. Mone 8, 94) er- 
kläre, gleichsam webte die pflanze ein tuch an der stelle, und 
hiesz grenzfahne, grenztuch, von dem oben erläuterten rein, 
hreini, heute rainfarn, von varm, farn filix; rainweide ist li- 
gustrum vulgare, ein heckenstrauch (gal. raineach filix Mone 
2, 118, ir. raithneacli). Apulejus de herbis 114 erwähnt cauna- 
bis agrestis, quam Itali terminalem appellitant, Dioscorides 3, 156 
xavvaßis d^pia, 'PcDixctiot TspfxivaXt?, und in ags. grenzurkunden 
finde ich 'tö fearnleage geate" ad filiceti portam (Kemble 2, 215, 
vgl. 2, 54) '. 

* serb. granitza grenze und eiche, sclinedceiche weisth. 3, '225. to piKre ge- 
mearcodan cec Kemble 5, 195. landscor äc 3, 403. tö |)a;re änlipan cec 3, 412. 
on J)ä gemearcodan lindan 6, 182. on pä tvislihtran hiricean 3, 391. on pone 
änlipigan porn 3, 416. 4G7. on änlipe pyrnan 3, 424. on sex J)orn, of sexporne 
and änne pornpivel 3, 418. on vines heäfdes (? svinesbeäfdes) porn 4, 103. tö 
päm gemserpornan (grenzdörnern) 3, 404. on änne vidig pifele 3, 426. on pone 
änlipian siän 3, 416. 467. in schweizer. Urkunden häufig rothe und weisze tanne. 
drei tannen Zellweger 6, 119. 148. — bei Ntugart451 a. 868 arbores quae cor- 
ticem palabant? in grenzbegängen : dar der spirboum sluont, so sa diu Rabanes 
buohha stuont. Wirzb. urk. 

' das brem. wb. 2, 540 hat ein grensckruud, das ist aber das ahd. gren- 
sinc (potentilla) Graff 4, 333. [in osnabr. urk. bei Moser no. 218. Id. farmohikü 
bei grenzangabe der ortsname Faruwinkel noch in andern nordd. gegenden vgl. 
Osnabr. mitth. 2, 90. Farnewinkel bei Meldorp in Dietmarsen (Varenwinkel bei 
Neocorus 1, 254). farnbühcl? ferngäran Kemble 6, 171 vg!. biricgäran 6, 182. — 
Lacombl. 1 no. 52 a. 837 ein bach farnthrapa ( besser scheint -trapa, engl, trap 
schlinge), vgl. das. nom. propr. Varrentrapp litt, cze die rainfarth (? rainfarn), 
der rain zwischen zwei stücken ackers. Mielcke 1, 67. — bräme bedeutet ge- 
nista, pfriemenkraut ahd. vepris, rubus (GrafF 3, 304), soll niederd. auch gi-enze 
bezeichnen. Wächters heidn. denkm. 71. ähnlich altn. pang alga und littus ter- 
minalis, Silva terminalis; bera skiold yfir pang ok pängbrük. N, 59. finn. sammas 



I ,..__ ,. 

^B Im gegensatz zu diesen wäldern, sümpfen, felsen und bäu- 
men erscheinen nun aber eingeschlagene pfäle und eingesetzte 
m von menschenhand behauene steine (marksteine), die von den 
W natürlichen richtungen abweichen und nach schnurgeraden zeilen 
■ oder reihen die grenze zu bilden bestimmt sind. * hieraufwende 
ich zumal einige altnordische ausdrücke an. vardi ist strues la- 
pidum, dann aber meta, scopus, hlada varda bedeutet grenzsteine 
aufrichten, thürmen. ** in den schwed. gesetzen begegnet jene 
formel r« ok rör: zwei, drei, vier oder fünf steine stehn in be- 
stimmter Ordnung, mitten dazwischen ein pfal. unter solchen 
steinen pflegte man im innern Deutschland eirunde kieslinge, 
geldstücke, gläser, kohlen und andere der Verwesung ununter- 
worfne gegenstände einzugraben, die nach dem verlauf langer 
zeit den hergang bezeugen konnten. *** alle regeln , die dabei 
befolgt wurden, verdienen aus den nordischen gesetzen und den 
grenzurkunden des innern Deutschlands sorgfältig gesammelt zu 
werden. 

Man ahnt es, dieser vorspringende unterschied der mes- 
sung und theilung des landes müsse mit dessen anbau überhaupt, 
ich meine mit den schon oben hervorgehobnen oregensätzen der 
deutschen landbestelluns: zusammentreflfen. 



gen. samman lapis terminalis in silvis (Rcnvall), sonst auch aphthae mundschamro, 
vgl. sammal muscus. — wegbreite, wegerich (Parz. 180, 6), vigadeino, ßctxo;, sentis 
zu sinps?] 

* gestockt und gesteint. Arnsb. urk. 1116. mit lochgraben und bäumen, das. 
llGß. mit boimen geloichet, mit steinen gemerket, das. 1181. understockt und 
uiiderstainet, vermarkt und verstainet. MB. 25, 247. vermarket verrainet verstainet 
2.'>, 223. beide mit sampt dem pirkach umbfangn und vermarkt. 25, 375. in 
einen spitzigen stein mit drei ecken. Zellweger 4, 261. die pale van sinen lande. 
Karci 1, 2114. grenzstein Ducange s. v. grunh. Amm. Marc. 18, 2. cum ventimi 
fuisset ad regionem, cui CapcUatii vel Palas nomen est, ubi terminales lapides Ala- 
mannorum et Burgundiorum confinia distinguebant, castra sunt posita. grenze ad 
gladios , zu den Schwertern Danziger gr. in Voigt abhandl. p. 8. 10. 12. faden 
als grenze RA. 182. spiesz. Landau in hess. zeitschr. 1, 242. 2, 170. 172. 

** peir hlodu par varda, er blötit hafdi verit, ok kölludu Flökavarda, p>at er 
par er moetist Hördaland ok Ilogahind. Landn. 1,2. Danahall grenzstein zwi- 
schen Sunnerbo und Östbo. Wieseigren 475. Urittar, lyrittar tres lapides limitum 
indices. Biörn. Werlauff p. 41 tialdrustenä skal tva i iorp grawa, pripiä a läggjä, 
per skulu vitni berä, är i iorp liggi. Vestg. lag. 46. dän. .ilcjelsten. 

*** vgl. Lobecks Aglaoph. 981. 



46 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

120 Tacitus berichtet, dasz ein haupttheil der Germanen zu seiner 

zeit zwischen unermeszlichen Waldungen einzeln und zerstreut 
wohnte: ne pati quidem inter se junctas sedes, colunt discreti 
ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit, wer aber so 
angesessen war, und einer geraden gasse der häuser auswich, 
dem wird auch keine schnür die äcker eingefriedigt haben ; da 
muste noch der feldbau vor dem hirtenleben und der Viehzucht 
zurückweichen, von andern deutschen stammen namentlich den 
Sueven, die Caesar ins äuge faszt, wissen wir dagegen dasz 
ihnen damals schon regelmäszige ackerbestellung nach weise der 
späteren dreifelderwirthschaft bekannt war. dürfen nordwestliche 
Germanen diesen Sueven, darf lange nachher noch sächsische 
sitte und lebensart der fränkischen und alamannischen entgegen- 
gesetzt werden, so ist wol anzunehmen, dasz wie unter jenen 
höfe mit einzelnen häusern durch das land verbreitet waren, 
unter diesen stattliche dörfer alle Wohnungen an einander reihten, 
auf den sächsischen triften länger der hirtenstab herschte, auf 
den schwäbischen früher schon der pflüg des bauers die furche 
zog, darum auch in der feldflur dort die naturgrenze, hier eine 
schon kunstgerechtere Vermessung des bodens werde gefallen 
haben, vielfache ab weichungen und Übergänge von der einen 
zu der andern Ordnung des anbaus mögen eingetreten sein, aber 
ihre grundverschiedenheit ist eine durchgreifende, deren einflüsse 
auf landeigenthum und ackerbau nach allen Seiten hin gar nicht 
ausbleiben konnten, nichts zeugt uns deutlicher von jenem freie- 
ren und zugleich roheren zustand der feldbehandlung als die le- 
bendige eigenthümlichkeit der markgenossenschaften und nirgend 
in Deutschland hat sie sich länger und treuer bewahrt als in 
Niedersächsen und Westfalen, überwiegt bei einem volke schon 
der ackerbau, so wird es geneigt sein, auch die äuszere grenze 
seiner Auren, dörfer und städte durch den pflüg oder die mesz- 
rute zu weihen; waltet noch das hirtenleben vor, so finden die 
alten bezeichnungen der triften und weiden auf die äcker an- 
wendung. hier geht von der mark das ackerfeld, dort von dem 
acker alles übrige aus. 



GRENZALTERTHÜMER. 

III. ARTEN DER LANDTHEILUNG. 

Wir wollen suchen von ganz einem andern puncte her das- 
selbe ziel zu erreichen und für die vorgetragnen ansichten desto 
willkommnere bestätlgung zu gewinnen. 

Auch die Römer scheinen bei anordnung der grenze zwei 121 
durchaus verschiedne weisen gekannt zu haben, die sich als 
volksmäszige und gelehrte, als natürliche und künstliche, folg- 
lich als ältere und jüngere darstellen, wiewol verhältnismäszig 
schon der letzteren hohes alter zugesprochen werden musz. 

In der römischen einrichtung tritt nemlich ßnis oder limes, ar- 
cißnium der liniitation entgegen, arcifinal heiszt der gewöhnliche 
fundus und ager wie ihn natürliche grenze und althergebrachte 
zeichen scheiden, erwächst darüber streit, so gilt ein finium 
regundorum Judicium, aber auch erobertes land, unvertheiltes 
gemeinland sind arcifinien, limitation hingegen ist eine öffent- 
liche kunstfertige Vermessung der mark, die von den agrimen- 
soren, nach dem rigor, cardo und decumanus vorgenommen 
wird. ' der finis endet und wendet nach kehre und biegung, 
rücken und Wasserscheide, der limes hat gerade Knien und wird 
durch steine und pföle abgestreckt. 

Diese lehre strenger landmessung, eng verbunden mit alte- 
truskischeu brauchen scheint den freieren, ungekünstelten sitten 
der Griechen fremd geblieben. 

Nicht ein gleiches, doch ähnliches Verhältnis wie das rö- 
mische würde sich für unser deutsches alterthum aus dem vor- 
hin entwickelten unterschiede der markverfassung und geregel- 
ten ackerbestellung etwa ahnen, kaum nachweisen lassen, böten 
nicht die schwedischen volksrechte bestimmtere auskunft dar. 
hat man diese stellen erst gewahrt, so scheinen auch andere 
spuren in dem Innern Deutschland aus weit älterer zeit er- 
kennbar. 

Im Uplandslag s. 215 heiszt es gleich zu eingang des ganzen 
vipärbobalkr, d. i. des titeis vom anbau der nachbarn : viliä bön- 

' Niebuhr röm. gesch. 2, G99. RudorfF zeitschr. f. rechtsw. 10, 360 ff. [dän. 
repning , rehning , seilmessung. Werlauff 42. taumburör das. fotför das. 20. 42. 
immetata Getarum jugera. Horat. Od. 3, 24, 11.] 



48 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

dar by äff nyu byggiä, aller liggär han i hambri ok i forni skipt, 
pa skal hvar sinä traepu sa, ok sipän gangi riy skipt a (wollen 
landbauer ihr grundstück von neuem bauen, oder liegt es im 
hammer und in alter theilung, so soll jeder seine träte, d. i. 
brache besäen und dann die neue theilung ergehn). hier wird 
verordnet, brach oder ungebaut gelegnes land, das zwischen 
zwei nachbarn in alter weise geschieden sei oder im hammer, 
d. i. hammerwurf liege, solle von jedem besät und dann nach 
neuer weise getheilt werden, warum ausstellung des landes der 
neuen theilung voraugehn müsse, ist mir unklar; hängt es etwa 
122 mit gesetzen der dreifelderwirthschaft zusammen? dasz die neue 
theilung aber sonnentheilung, rechte sonnentheilung, im gegen- 
satz zur hammertheiluntj hiesz, foloft aus den am schlusz des 
capitels s. 216 gebrauchten Worten: by i rätlri solskipt ßggär, 
vgl. s. 217. 

Aus Södermannalag gehört eine s. 98 im capitel von der 
grundtheilung (um tompta skipte) enthaltne stelle her : delä tve 
um tompter, havi pen vizorp, solskipt vill hava, vari all ha- 
marskipt aflagd ok havi engin vizorp : theilen zwei ihre höfe 
(tompt, altn. topt entspricht dem lat. area), so wird der zum 
beweis gelassen, welcher sonnentheilung verlangt, alle hammer- 
theilung soll abgeschaft sein und keinen beweis haben, der wei- 
tere hergang bedient sich wiederum des ausdrucke rätt solskipt, 
rechte sonnentheilung. 

Vestmannalag , im beginn des bygninga balkär d. h. des 
titeis vom anbau, s. 195. 196 bedient sich völlig der aus Uplands- 
lag angeführten worte, hat aber auch noch anderwärts s. 32 den 
bemerkenswerthen ausdruck: läggi by soldraghin, liegt ein grund- 
stück nach der sonne gezogen, dragin entspricht dem lat. 
tractus. [Ostgöt. 192 nsimir Solu, fiärmir solu, der sonne näher 
und ferner, bei den grenzzeichen.] 

Schlyter, nach dessen ausgäbe ich diese gesetzstellen mit- 
getheilt habe, sträubt sich (Upl. s. 339. Söderm. s. 295. 337) 
dawider, dasz in dem worte hambr hier der begrif von hammer, 
mallcus angenommen werde, er will darunter saxum, felsland 
verstehn. ohne zweifei hat liamar beide bedeutungen und die 
des geräths ist eben von der masse geleitet, da im alterthum 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 49 

hämmer und messer aus den härtesten steinen gefertigt wurden, 
unser altes wort sahs, culter war ein steinmesser und ist völlig 
das latein. saxum, obgleich in unsrer spräche die bedeutung des 
felsens aufgegeben, in der lat. die des messers vielleicht gar 
nicht entwickelt wurde; das volk der Sachsen, die nach dem 
Streitmesser benannt sind, läszt die sage aus felssteinen drJj 
TTSTpyj? erwachsen, unbefangne auslegung unsrer gesetzstellen 
musz aber nothwendig den begrif von felsen ablehnen; was 
kann bedeuten: der grund, das grundstück liege im felsen, in 
felsichtem land, solle aber neu besät nach der sonne getheilt 
werden? auf steinigem boden wird niemand seinen acker ange- 
legt haben und wie könnte es durch veränderte landtheihuig in 
taugliches baufeld umgeschaifen worden sein? Schlyter, wo ich 
ihn recht fasse, scheint anzunehmen, dasz die alten landesan- 
bauer ihre Wohnungen auf felshügeln errichteten und nach die- 
sem mittelpunct nun die umliegenden gründe geschieden wurden, 
dann aber würde kavun liggia i hambri und i forni skipt einan- 
der gleichgestellt, vielmehr a hambri gesagt, noch weniger die 123 
Zusammensetzung hamarskipt gebraucht sein , welche augen- 
scheinlich theilen nach dem hammer meint, wie das entgegen- 
stehende solskipt theilen nach der sonne sein musz. leicht aber 
kann, weil der alterthümliche brauch allgemein bekannt war, 
hamar für hamarkast, hammerwurf stehn: liggia i hamri heiszt 
darum nichts als durch geworfnen hammer geschieden sein. 

Was mir den gewonnenen sinn hauptsächlich rechtfertigt, 
ist die Wahrnehmung dasz auch in dem Innern Deutschland nicht 
nur in zahlreichen Urkunden des mittelalters, sondern einzeln in 
den alten volksrechten, deren abfassung weit über die der schwe- 
dischen gesetze hinaufreicht, auf ähnliche weise die grenze durch 
den wurf einfacher geräthe, vorzugsweise des h ammers und 
beils ermittelt wird, beispiele sind in meinen RA. s. 55 flF. ge- 
sammelt *, eine neue ausgäbe des buchs wird sie beträchtlich 
mehren und umständlich erörtern, hier genügt es zu bemerken 
einmal dasz das hohe alter und die weite verbreitunsc der sitte 
durch zahlreiche fast in allen gegenden vorkommende falle ge- 



* durch steiiiwurf den platz der kircho bestimmen. Kaltenbäck 243. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 4 



50 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

sichert wird, dann dasz die Überlieferung des hammerwurfs eben 
zu allerlängst unter den markgenossen haftete, die gemeinmar- 
ken waren aber arcifinium, das bei althergebracliter Scheidung 
verharrte und jedwede limitation von sich ausschlosz. wären 
wir vom Verhältnis altrömischer latifundien genau unterrichtet, 
ich zweifle kaum, es würden sich auch hier keilwürfe, beilwürfe, 
hammerwürfe nachweisen lassen, wie, sollte arapennis, arepen- 
nis ein bekannter ausdruck für ein masz der ackertheilung und 
schwerlich gallisches wort, nicht das geräth bezeichnen und nah 
verwandt sein mit bipennis beil, sollten nicht auch den Römern 
arapennis und bipennis im würfe die flur geweiht haben ? ^ 

Anszer hammer- und beilwurf hielt sich die volksmäszige 
abgrenzung der flur und des grundeigenthums natürlich noch 
an manche andere bestimmungen, zumal wo die markscheide 
124 ganzer gemeinden und landgebiete vorgezeichnet werden soll, 
eine der schönsten oft wiederkehrenden formein ist die der 
Schneeschmelze, schneeschleife oder des divortium aqua- 
rum vom kämm hoher gebirge herab: als der schnee schmilzt 
und das wasser rinnt ; als regen rinnt und flusz flieszt ^ ; als 



' Quinctilian VIII. 6, 73 theilt aus einem libellus jocularis Ciceronis folgen- 
des distichon mit: 

fundum Varro voeat, quod (al. qua, quem) possim mittere funda, 

ni tarnen exciderit, qua cava funda patet. 
von diesem ciceronischen gedieht weisz man sonst aber nichts und ist geneigt es 
dem Laurea Tullius , Ciceros freigelassnen beizulegen, ebenso wenig mag dem 
Varro die im pentameter verspottete deutung von fundus gehören, den nach dem 
hexameter der geschleuderte stein bestimmt, falls so etwas wirklich aus den wer- 
ten zu folgern ist. [vgl. Meiers anthol. no. 65, wo Vetto vocat quem possit und 
das. annot. p. 26.] 

^ die genaue spräche unterscheidet zwischen rinnendem und flieszendem was- 
ser (regen und flusz), vgl. MB. 29\ 309- 317. Rauch 1, 243. — [svä vitt sem 
vatnföll deila til siofar. Landn. 1, 19. svä vitt sem vötn deila. das. 5, II. als 
sehne und wasser scheidet. Zellweger 3, 494. als der sne dö harin smilzet gen 
dem Rine. Schreibers freib. urk 1,402. als der sne har abe smilzet. das. 1,401. 
alse die snesleipfina nider gänt. das. 1, 249 a. 1323. — dem bachtal oder was- 
serruns nach. Zellweger 6, 119. bachtal bergschlucht, worin der wetterbach rinnt. 
Schmeller I, 143. hachmutter rinnsal. Schmeller 2, 545. die rothe bachtal. wcisth. 
1, 3. uf der bachtallen 1, 91. talaseiga Graff 6, 181. hinab in den bach und 
das tobel ab. hinuf in den hohen spitz, von dem spitz dem grat nach, wie sich 
das wasser auf beiden selten scheidet. Zellweger 6, 120.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 51 

Schnee und wasser scheidet, sicut montes et convalles se respi- 
ciunt et aqua pluvialis a vertice montis se dimittit. wie der von 
der sonne aufgelöste schnee in unwandelbarer richtung nach den 
verschiednen selten in die niederungen flieszt, sind die menschen 
auf die gefilde gleichsam herabgeströmt, nicht selten ist au(;li 
dazu das niederrollen eines runden gegenständes ausgedrückt: 
wie kugel walzt und wasser rinnt; als stein und wasser rinnt; 
als der schlegel herab walgt (weisth. 3, 654) und man darf 
an den mythischen schlegelwurf denken, der fast die bedeutung 
des hammerwurfs zu haben scheint^; in dem Wilzhuter ehhaft- 
rccht heiszt es: wan der vorstmaister irrig wurde, wo sein ge- 
richt angehet oder aufhört, soll er ein ai nemen und auf der 
höhe niederlegen, so weit es abwärts lauft stöszt sein forstge- 
richt an das urbar (weisth. 3, 679), d. h. die mark an das an- 
gebaute ackerfeld, deren scheide anderwärts durch hammerwurf 
bestimmt wurde.* wenn aber flug von hahn und henne 
die strecke eines grundstücks ermitteln, gerade wie im altnord. 
gesetz eine weite nach dem flug des habichts am sommerlangen 
tag ermessen wurde, wen gemahnt das nicht an die fundos quan- 
tum milvi volant, quantum milvus oberrat? 

Wenden wir vms nun auch zu der sonnentheilung und 
forschen, welchen Zusammenhang sie mit römischer oder etrus- 
kischer limitation haben könne, deren System wiederum gebrauche 
älterer volksmarkscheiden verwischt haben mag. Uplandslag 
s. 218, Suderm. s. 98 ist die grundregel ausgesprochen, dasz 
nach rechter sonnentheilung die tompt, d. h. area, des ackers 
mutter werde: tompt är akärs moper, nu er tompt teghs 
moper; tegher, schwed. teg, altn. teigr finde ich bald arvum 
bald pratum bedeuten, teigr övuninn ager incultus, Landn. 4, 2. 
das wird keinen andern sinn haben als von der area geht das 
masz der ganzen flur aus, nach diesem mittelpunct wird sie ge- 
regelt [vgl. Östgöt. s. 192]. die nähere ausführung theile ich 
blosz in den übersetzten worten mit; acker soll man nach dem 
grund (der area) legen und dem endemann (ändäkarl, vgl. gr. 



' deutsche mytliologie s. 1205. 

* durch pfeilschusz. Fr. Müller no. 304. 



52 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

aficptxepixwv , lat. amterminus ) besserung geben, einen fusz vom 
125 vogelrain, zwei vom gangrain, drei vom almendeweg, der zwi- 
schen kirche und stadt liegt, acker hat die wiese , wiesgrund 
den waldgrund, waldgrund den rohrgrund zu messen, rohrgrund 
das Wasser, wasser den netzwurf zu theilen. da wo keine steine 
liegen können, dasz man sie sehen mag, soll stange und stock 
die rohrgründe scheiden. 

Das ist die künstliche, von hammerwurf, Schneeschmelze 
und hahnflug völlig abweichende landmessung; aber die namen 
solskipt und soldragen nöthigen vorauszusetzen, dasz dabei ein 
bestimmter stand der sonne, man musz denken, in regelmäszig 
kehrender jahrszeit beobachtet und nach den himmelsgegenden 
orientiert wurde, wahrscheinlich fand auch dabei priesterliche 
leitung und aufsieht statt, mittensommer oder die Sonnenwende 
(unser Johannistag), wird, wie ich muthmasze, dabei den aus- 
schlag gegeben haben. 

Nun ist bekannt, dasz auch die agrimensoren ihren cardo 
und decumanus zur zeit des aequinoctium regelten, erst un- 
wissendere messer mit dem zufälligen stand der sonne zu an- 
dern Jahrzeiten sich behalfen, noch lange wurden die limites 
nach Sonnenuhr gezogen: limites in sextam horam conversi 
(Frontinus p. 116. 134); zwischen landmessung und tempelschau 
bestand aber deutlicher Zusammenhang und alle limites scheinen 
nach analogie des templum gezogen, das templum könnte die 
mutter der gemessnen flur heiszen, wie jene schwed. tompt des 
ackers mutter. da wo auf limitiertem felde cardo und decuma- 
nus sich durchschnitten, durften anspielen so gut als im tempel 
selbst vorgenommen werden, der pflüg aber risz die erste heilige 
furche in den erdboden. ^ 

Niemand wird die schon aussterbende schwedische solskipt 



' Festus : primigenius sulcus dicitnr, qui in nova urbe condcnda tauro et 
vacca designatnr, ut haec copwlatio jumenti velnt cxemplum conjugii sit (vgl. Tac. 
Germ. cap. 18). es war altslavischer brauch, wenn ein dorf angelegt wurde, ein 
jocb ochsen vor den pflüg zu spannen , deren einer weisz , der andere schwarz 
sein muste. diese rinder umpflügten des neuen dorfes grenze, und die gezogne 
furche hiesz poln. zagen, höhm. zahon, d. i. ackerbeet, auszerhalb des zagon war 
alles cudzo, böhm. cuzo d. i. fremd. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 53 

begreifen wollen aus einer nachahmung der altrömischen limita- 
tion, die zur zeit wo ein frühster einflusz classischer gebrauche 
auf den norden annehmbar wäre, unter den agrimensoren selbst 
bereits verwildert war. es ist hier, wie so oft, Urverwandtschaft 
da, neben welcher besonderheiten und abweichungen unter jedem 
volk in menge stattfinden. 

Noch weniger darf befremden, dasz von der sonnentheilung, 126 
die wie ich sagte in undenklich früher zeit entsprungen sein 
musz, keine spur aufzutauchen scheint in dem innern Deutsch- 
land, das sie von der nothwendig noch altern hammertheilung 
in überflusz darreicht, denn diese fand gerade in den unge- 
theilten marken ihren natürlichen anhält, während die formein 
und gebrauche jener in der lebhafteren Übung des privateigen- 
thums vielfachen anstosz geben, und als mit dem Untergang des 
heidenthums alle angestammten rechtsgewohnheiten sich ver- 
gröberten, bald in Vergessenheit sinken musten. hat sich doch 
auch auszer den eigentlich schwedischen landschaften weder in 
gothländischen, norwegischen noch isländischen die vorgetragne 
alte landscheidung bewahrt. * zugleich erkennen wir die be- 
schaflfenheit der altschwed. solskipt nur so unvollständig, dasz 
schwer zu bestimmen ist, was in den Übungen künstlicher land- 
messung des innern Deutschlands alterthümlich genug scheine, 
um sich ihr vergleichen zu lassen, oder was uns aus der römi- 
schen agrimensur zugeführt worden sei. 



IV. GÖTTER. 

Es geht aus allen diesen nachrichten hervor, dasz schon 
in hohem alter eine zwiefache art und weise die grenze zu ord- 
nen gegolten habe, gleichwol die eine nothwendig als später hin- 
zugetretene zu denken sei. sollte die künstliche, in scandina- 
vischen strecken bestimmt nachzuweisende limitation, wie den 
Griechen, auch dem herzen von Deutschland unbekannt geblie- 

* das jütische gesetz 1, 55 redet zwar von solskifte, aber von keiner ham- 
merskifte. noch eine urk. des 16. jahrh. (Molbechs tidskr. 2, 136) ikke efter soU 
skifte i by. über solskifte Molbechs tidskr. 4, 420. 421. 



54 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

ben sein; so müssen dafiiir die gebrauche der älteren volks- 
mäszigen abgrenzung desto länger gehaftet und ihre wurzel noch 
in jüngere Zeiten ausgebreitet haben, unbedenklich aber schlägt 
der Ursprung beider arten noch in unser heidenthum selbst 
zurück und es drängt sich die frage auf, in welchem Zusam- 
menhang zu der altdeutschen mythologie sie gedacht werden 
müssen? 

Die älteste weihe aller grenze, die ursprüngliche austheilung 
des festen laudes ist in dem glauben der Völker von den göttern 
selbst ausgegangen. * im finnischen epos wird berichtet, dasz 
ehmals zwei göttliche wesen, Wäinämöinen und Joukahainen, 
auf dem wege sich begegnend, einander nicht ausweichen woll- 
ten und nun in wechselrede ihre macht und kunst zu rühmen 
begannen, da sagt Wäinämöinen, der höchste und angesehenste 
aller götter, unter andern, dasz von ihm das meer gepflügt und 
127 das land in ackerrücken getheilt, das hohe gebirge gethürmt 
und die felsenmasse gehäuft worden sei. ^ so weit nun reichen 
unsre deutschen mythen nicht, oder wir müsten es verstehn 
volkssagen in die, wie nicht zu bezweifeln ist, ihnen unterlie- 
gende heidnische form zurück zu übersetzen, zwischen Schwe- 
den und Ruszland läszt das volk einen waldgeist die grenze 
hauen '^, wie in Frankreich die spinnende fee den felsgrat heran 
trug; was man in Deutschland teufelsmauer nennt soll immer 
vom bösen feind, hinter dem ein alter gott steckt, über nacht 
aufgeworfen sein, lange stritt, wie eine Harzsage meldet, mit 
dem lieben gott der teufel um die herschaft der erde, bis end- 
lich eine theilung des damals bewohnten landes verabredet 
wurde , und der teufel unter lautem jubeltanz da seine mauer 
baute, wo zwischen Blankenburg und Quedlinburg neben einem 
felsenrif eine fläche noch heute des teufeis tanzplatz genannt 

* als die Macedonier über den Tanais giengen und die Scythen verfolgten, 
sagt Curtius VII, 9, 15: transierant jam Liberi patris terminos, quorum monimenta 
liipides erant crebris intervallis dispositi, arboresque procerae, qiiarum stipites he- 
dera contexerat. 

' Kalewalu, herausgegeben von Lönnrot, Helsingfors 1835 theil II. s. 201. 
30, 84 — 88, [Schröter 4. rottimos grenzgang 66. vgl. 139. in Kalewala öfter: 
pyhäm pellon pientarelle (pientarilta), sancto agri limite. 7, 511. 560. 574.] 

^ deutsche mythologie s. 455. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 55 

wird. ' die ältere heidnische Überlieferung wird zwei götter 
über die grenze ihres gegenseitigen gebiets im streit dargestellt 
haben. 

Bei Griechen so wie Römern heiligte die höchste gottheit 
den bestand der grenze, jenen hiesz Zeus opio? (nicht zu ver- 
mengen mit oupio?, einem andern beinamen des gottes, der auch 
günstigen wind verlieh), den Römern hiesz Jupiter terminalis. 
Numa, wie uns Dionysius 2, 74 meldet, verordnete, jeder solle 
sein eigenthum umgrenzen und steine auf der scheide setzen, 
wo an bestimmtem Jahrestage den unsterblichen göttern opfer 
zu bringen sei. diesen stein, unter dem namen Termo, Terminus^ 
stellte man sich auch als eignes göttliches wesen vor, auf wel- 
ches noch andere sagen, wie nach Lactantius, dasz es der von 
Saturn statt Jupiters verschluckte stein gewesen sei, auwendung 
fanden; ursprünglich gieng der abgeleitete gott immer auf Ju- 
piter selbst zurück. * 

In dem deutschen heidenthum, wie ich darzuthun gesucht 
habe, scheint opio? Zsu?, oder auch axpio?, iTraxpio? einen unmit- 
telbar entsprechenden namen geführt zu haben, Fäirgnneis (von 
fairguni opo?) was buchstäblich dem litthauischen Perkunas und 
^slavischen Perun begegnet, die alle den doimer schleudern ; doch 
der deutsche name bleibt am durchsichtigsten , allmälich wich 
er dem allgemeineren Donar oder Thörr, ohne dasz dadurch die 
gottheit selbst geändert wurde, wie nun Zeus aus den wölken i28 
sein geschosz (ßsX£[xvov, ßsXsfivttT]?) niederfahren läszt, wird un- 
serm Donar ein hammer beigelegt, der in der edda Miölnir (ver- 
gleichbar dem slav. molnija für blitzstrahl) heiszt und ein cha- 
racteristisches zeichen seiner göttlichen macht ist. dieser hammer 
hatte kriegerische und friedliche geschäfte auszurichten; wie er 



^ deutsche sagen no. 189. 

* Jupiter lehrt signare et partiri campum. Virg. Georg. 1, 126 f. Vegoia in 
agrim. p. 250. Festus s. v. termo: Termino sacra faciebant, quod in ejus tutela 
fines agrorum esse putabant. vgl. K. F. Hermanns gottesd. p. G2. ' \~6Xkwy opto? 
Pausan. II. o5, 2. auch Hermes gott der grenzen und wege. ?pfi.ai als grenze. 
das. IL 38, 7. Silvanus. agrim. p. 302. Härtung 2, 170. Limentinus deus limi- 
num. Arnobius 4, 9. 11. — russ. grenzgott tschur, tschurpan. litth, usparinia, 
susparipia. Hannoch 372. 



56 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

feindliche riesen zu boden stürzte, weihte er den geschlossnen 
ehebund und heiligte land oder grenze. 

Hammerwurf führt also unmittelbar auf Donar zurück, 
sehr bezeichnend wird bei besitzergreifungen herrenloser gründe 
das erworbne land dem Donar geweiht: helgadi landnäm sitt 
pör, ok kalladi pörsmörk heiszt es im Island, landnama bök 5, 2 
s. 218: er heiligte seine landnahme dem Thor und benannte sie 
Thorsmörk, d. i. Donarsmark % was sich wiederum doppelt auf- 
fassen läszt, sowol Donnerswald als Donnersgrenze, der zuk- 
kende blitzstrahl macht die äcker fruchtbar, zugleich hat er sie 
von anfang an geweiht, ihre grenze, wenn man will, mit feuer 
gezogen. 

Dem donnergott ist unter allen bäumen des hehren waldes 
vorzugsweise die eiche heilig, wie alle Donnerseichen dar- 
thun, die von den christlichen bekehrern gefallt wurden: robur 
Jovis, magna Jovis antiquo robore quercus; diesem ausdruck 
entspricht der slavische perunowa dub, denn dub, poln. d;}b be- 
deutet eiche, wenn wir nun in den meisten grenzbegängen die 
scheide durch eichen bezeichnet finden, kann das weder zufall 
noch bedeutungslos gewesen sein, im heidenthum wird das volk 
zu Donnerseiche gezogen sein und unter ihrem schatten geopfert 
haben; Urkunden des slavenvolks gewähren bei grenzfestsetzun- 
gen den bedeutsamen ausdruck: do perunowa duba, bis zu Pe- 
runs eiche [Macieiowski 4, 473]; heilige wälder hieszen peru- 
nowa dubrawa, Jovis quercetum, Donares marcha. 

Die hammertheilung und alles was ihr ähnlich ist, der beil- 
wurf musz unter dem Donnergott gestanden haben, ich wage 
aber zu mutmaszen, sonnenth eilung werde auf Wuotan zurück- 
zuführen sein. 

Das Verhältnis dieser beiden götter, Wuotan und Donar, 
wenn auch noch vielfacher aufklärungen bedürftig, läszt sich in 
den hauptzügen schon klar erkennen. oflPenbar haben beide sich 
getheilt in die gewalt, die dem griech. Zeus allein zusteht; doch 

' vgl. deutsche mythologie p. 127. [der name metod, meotod, miötudr und 
das allitterierende metod marcoda, metod habed gimarkod Hei. 4, 13. 15, 17 deu- 
tet auf den grenzmessenden gott, sei es Wuotan oder Donar, vgl. Vilmar Hei. p. 9. 
myth. 1199.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 57 

Wuotan wird als Donars vater und ihm überlegen dargestellt, 129 
wie der vater mächtiger als der söhn ist. Wuotan musz aber 
dem Donar einige ämter seiner waltung überlassen, dafür strei- 
fen auf ihn bezüge der gottheit, die Griechen und Römern das 
wesen Hermes und Mercurs bildete, der umgekehrt als söhn des 
Zeus dargestellt wird. 

Wuotan erscheint ungleich milder und schöpferischer als 
Donar, seine Ordnung ist vollendeter: man darf in Donar eine 
frühere, rohere gewalt, in Wuotan die nachher obenan tretende 
geistige von nicht geringerer kraft erkennen, hierzu würde jene 
aufeinanderfolgende der hammer und sonnentheilung treffen. 

Keinen hammer schleudert Wuotan , er führt speer oder 
Stab, und ist der sonne allsehendes äuge, was die griechische 
m} thologie durch einen andern ausflusz der höchsten göttlichen 
kraft, nemlich Phöbus Apollo darstellt, mit welchem Wuotan 
noch manche andere gaben, zumal der sage und dichtkunst, ge- 
mein hat. Hermes war gott der wege und masze, gleich Wuotan ; 
ich finde keinen bezug des Hermes auf die markscheide, worin 
doch naher Zusammenhang mit jenen geschäften gefunden wer- 
den dürfte. 

Unser alterthum zeigt uns mehrfache freilich verdunkelte 
Vorstellungen von drei oder vier wegen, welche den him- 
melsgegenden nach, von bestimmter mittelseule aus, ähnlich dem 
cardo und decumanus der römischen limitation, das gesamte 
land zu theilen scheinen, an dem heiligthum der Irmansül hat 
sich noch nichts sicheres ausdeuten lassen; war sie, wie es am 
wahrscheinlichsten ist, eine heidnische weltseule, so dürfen auch 
auf sie die vorgetragnen angaben näheres licht werfen, selbst 
das alte sonnenlehn, das bei neuer besitzergreifung altes 
grundeigenthums , gleichsam von der sonne empfangen werden 
muste, kann in den Zusammenhang treten. 

Eine lateinische grenzurkunde vom jähre 862 in Kembles 
cod. diplom. aevi saxonici 2, 73. 6, 234, die aber für den ge- 
naueren ausdruck der markscheidung selbst, wie öfter geschieht, 
sich ags. spräche bedient, gewährt einigemal den merkwürdigen 
eigennamen Vötistoc, tö päm Vönstocce , was ich ohne langes 
zaudern, schon weil auszerdem alle deutung des Wortes ent- 



58 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

wiche, in die vollständige form Vödenstoc zurückleite, dazu bin 
ich ermächtigt, in vielen anderen Zusammensetzungen wird der 
gen. Vodens gerade so in Vons, Von verkürzt, bekanntlich heiszt 
es Wonstag, Gunstag für Wodenstag, Gudenstag d. i. dies Mer- 
curii; ein niedersächsisches altes kloster, wahrscheinlich zur 
stelle eines heidnischen heiligthums gestiftet führt den namen 
130 Wunstorp, wofür ältere Urkunden Wodenstorp liefern (z. b. eine 
von 1179 in Falke trad. corbei. p. 770) ^. in den Niederlanden 
hiesz ein gewisses handmasz oder die spanne Woenslett (mythol. 
145) d. i. wieder Woedenslet, Woedensglied, Xi5(a?, der räum 
zwischen daumen und Zeigefinger und auch in dieser anwendung 
erscheint ja Wodan als gott des maszes. jenes ags. Vodensstoc 
drückt also buchstäblich nichts anders aus als Wuotani palus, 
und stock oder pfui müssen, ein gegensatz zu der mark und 
dem hammer des donnergottes, als zeichen fortgeschrittner, ver- 
feinerter landmessung angesehn werden, welche regelmäszige 
Stöcke und raine an die stelle der älteren zeichen setzte, auch 
in einer andern grenzurkunde bei Kemble 2, 250 der ausdruck 
se stoc. 

Diesen Vermutungen, die sich bei fortgesetzter aufmerksam- 
keit vielleicht von andern selten her bestätigen werden *, füge 
ich noch einiges über die heiligkeit der grenze und grenzzeichen 
hinzu, das sobald man einmal ihren bezug auf bestimmte gott- 
heiten, sei es Wuotan oder Donar anerkennt, wenig auffallen 
wird, vorhin sahen wir, wie einzelne grenzfelsen nach höheren 
wesen benannt sind. 

Ich finde dasz gottesurtheile, namentlich Zweikämpfe, häufig 
auf der landesgrenze vorgenommen wurden, weil an solcher 
stelle die gegen wart der gottheit jeden frevel abwehrte, und 
zwischen zwei gebieten der grenzraum jedem kämpfer aus bei- 
den theilen Sicherheit gewährte.** so z. b. kämpft Thorr selbst 

' wie heiszt das baireutische Wonsiedel in alten Urkunden? [Wotanes sedal? 
umsomehr als auch ein Wotensdorf in der nähe liegen soll, auszer Wonsiedel 
noch ein flecken Wonsesz (Wonsees) im Baireutischen (Taubmanns geburtsort). 
Wonsfleth in Holstein.] 

* Kuhn westfäl. sag. 2, 190. RA. 55. 

** braute an der marke zweier länder übergeben. Gudr. 13, 2. — er forderte 
mich mit einem blanken degen auf die grenze. Felsenb. 3, 448. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 59 

mit dem riesen Hrüngnir 'at landam(BrV. Sn. 108. darumfallen 
im mittelalter so viele holmgänge oder inselkämpfe vor; inseln 
oder auen lagen mitten zwischen zwei ländern. noch heute pfle- 
gen Zweikämpfe auf der grenze stattzufinden, damit der über- 
lebende theil ungehindert die flucht ergreifen könne. 

Schwere strafen und buszen waren gegen jeden verordnet, 
der die grenze beschädigte, den rain abweidete oder laub von 
dem heiligen mahlbaum brach. ^ die härteste aber traf den frev- 
ler, der grenzeichen mutwillig verrückte und grenzsteine in trü- 
gerischer absieht ausgrub, einen solchen bezeichnet in den alt- 13I 
schwedischen gesetzen die schelte ormylja [Vestgöt. 51. 192], 
gleichsam ausreiszer, der die erde aus dem boden hebt, nach 
den welschen gesetzen verfiel, wenn die grenze zwischen zwei 
dörfern umgepflügt worden war, holz und eisen des pflugs, samt 
dem pflügenden ochsen dem könig und soviel des pflügers rech- 
ter fusz, des treibers linke band werth waren, muste entrichtet 
werden, unsere weisthümer sprechen so grausame strafe in ur- 
alter formel aus, dasz man sicher annehmen darf, niemals weder 
unter Heiden noch Christen sei sie zu wirklicher anwendung- ge- 
diehen ; was in frommer scheu vor der entweihung des gottes 
entsprungen und lange Zeiten hindurch fortgesagt worden war, 
lieszen auch die christlichen gerichte noch verkünden, aus einer 
menge ähnlicher und doch immer im einzelnen wieder abweichen- 
der fassungen wähle ich hier nur einige, am Hernbreitinger 
Petersgericht wurde im jähre 1506 gewiesen (weisth. 3, 590): 
der einen markstein wissentlich ausgrebt, den soll man in die 
erde graben bis an den hals und soll dann vier pferde, die des 
ackers nicht gewohnt sind, an einen pflüg spannen, der da neu 
sei, und sollen die pferde nie gezogen, der enke (ackerer) nie 
geern (geackert), der pflughabe nie den pflüg gehalten haben, 
und soll ihm so lange nach dem hals ern bis er ihm den hals 



' so in einem cretischen grenzstreit, der beim altar der Diana Leucophryena 
verhandelt wurde (Böckh inscr. 2, 1103) v(jjAOt; tepot; xat äpai? xai iT.iTi\].oiz avco- 
öev oicXEXtoX'jTO , ha \).r^%t\z Iv xtij kpcij toü Atos toö AtvcTai'o'j [i-i-fcz h/vi\xr^ fA7jT£ 
iva'j>.oaTaT^ \).'r\'zz sreipirj [at^te SuXe'jt). doch mag dies verbot mehr auf des Zeus 
heiligen berg in Greta gchn als uut den opto?. 



60 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

abgeerH hat. * ein Corbacher weisthum von 1454 (3, 80) drückt 
sich so aus: we den faerstein edder kam umme erede mit vor- 
sate, den sol men in de erden graven und laten sin hovet dar 
Ute, so ho als de faerstein gestanden hait uf der stedde, un sol 
mid einen nygen ploge (eren) dar nicht mede geeret ist, un mit 
vere vollen an den pflog gespannen, de nicht mer getogen heb- 
ben, un nyge gescherre an den plog gedon un einen plogholder 
un driver (nemen), de nicht meer einen plog gehalden edder 
gedreven hain und sollen den acker eren, un mag sich dan de 
begraven man wat behelpen, dat mag er doen. zu Niedermen- 
dig (an der Mosel) wiesen die schaffen 1 564 (2, 494) : auch so 
iemants so vermessen, der markstein ausöre oder grübe, den sol 
man gleich dem gürtel in die erden graben und soll ihm mit 
einem pflüg durch sein herz fahren, damit soll ihm gnug und 
recht geschehn sein, dasz aber neuer pflüg und neues geschirr, 
junge fohlen und pflüger, die noch nie pflügten, erfordert wer- 
den, darin ist keine schärfimg der strafe, sondern, wie mich 
dünkt, nur die ehrerbietung zu erblicken, die man dem gott zur 
sühnung des freveis schuldig war. auch bei andern anlassen 
sind einem heiligen oder könige rosse vorzuführen , auf denen 
noch nicht zäum und sattel gelegen hatte, wie viel mehr einem 
132 gott? welche busze die alten gesetze von Wales, so eigenthüm- 
lich und seltsam sie lautet, auf den grenzfrevel verfügen, über- 
gehe ich, weil es sich nicht unmittelbar mit unsern deutschen 
alterthümern berührt; anzuführen ist aber noch ein tief wurzeln- 
der zug selbst des heutigen Volksaberglaubens, wonach die See- 
len aller, die sich an marken und grenzen vergriffen, auf den 
Auren als irwische oder feuermänner umwandern, unzählige 
volkssagen melden davon die vielfachsten umstände und auch 
landmesser, die mit falschem masz die äcker maszen oder ab- 
grenzten, sollen nach ihrem tode mit feurigen Stangen und schnü- 
ren ihren fehler nachmessen und die furchen auf und abwandeln, 
beim pflügen einer zweifelhaften schnat hört man unter dem ge- 
meinen mann die äuszerung, es sei rathsamer nicht auf unge- 

* Oestr. weisth. bei Kaltenbäck 1, S". — Numa Pompilius statuit eum qui 
terminum exarassct et ipsum et boves sacrum esse, Festus s, v. termino sacra 
faciebant, 




DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 61 

wissem lande zu bestehn, als nach dem tode zu spuken.* die 
heiligkeit der äcker und des ackergeräthes ist dem glauben un- 
seres Volks auf das tiefste eingeprägt; hätte es doch auch nie- 
mals den frevel erfahren müssen und sich gefallen lassen, dasz 
der grenze des Vaterlands grosze stücke von übermütigen nach- 
barn abgepflügt und abgerissen w^urden, uns aber immer erst 
einige derselben zurückgestellt sind. 

V. BEGANG. 

In gewissen fallen v^rar es nothwendig die grenze zu be- 
gehn, d. h. von wissenden oder kunstverständigen ihren lauf und 
ihre zeichen untersuchen zu lassen, dies hiesz in der alten 
spräche lantleita, marchganc, markleita ^, [ags. ymbgang, se em- 
begang. Kemble 2, 249,] altn. merkja gdnga, schwed. ragang 
[dän. markegang, gierdegang, delesgang. norw. urk.]; in unsrer 
späteren zeit seh nadgang und grenzbegang [flurgang. Arndt 
bei Schmidt 3, 255. landleitunge. Senckenberg sei. 3, 510]. 
Urkunden des mittelalters haben circumducere terminos, circuire 
fines, circuire marcham, auch da es bei groszen marken zu 
pferd geschah cavallicare marcam. in slavischen gegenden finde 
ich ugezd, ujezd, augezd, d. i, beritt, abritt von ugezditi, berei- 
ten, den Griechen hiesz es TrsptsXv^siv xtjV /(opav. 

Ein solcher begang konnte gefordert werden, wenn ein grund- 
stück aus einer in die andere band übertragen wurde : der neu- 
erwerbende ergrif eben dadurch leiblichen besitz, dasz er sich 
zu dem grund und boden hinbegab, auf einem dreibeinigen stul 
in dessen mitte niederliesz, dann aber auch alle enden und 



* grenzabschwören auf heimlich mitgebrachter erde. Fr. Müller no. 302. 303. 
MüllenhofF p. 189. 'der schöpfcr' bairische annal. 1833. 2, 174. 

' die marke beleiten. Kaiserrecht 2, 57. (Endem. 4, 20. s. 244. 245). [auf 
die gemerche reiten a. 1291. Kopps Rudolf p. 577. ags. rtdan and pä gemcv.ru 
ktdan. Kemble no. 1073 (5, 140. 141). die loche (grenzsteine) mit den heiligen 
und fanen begehen, hess. zeitschr. 7, 191 a. 1429. die grenze treten beim mähen 
der wiese, litt, bristi. Nesselm. 345". — mlat. circare, agrum deambulare, circa- 
manni qui limites defigunt, circamanaria limitum fixio. altfr. cerquemanages, cher- 
quemanages = bonnages. — grenzbegänge MB. 4, 47 a. 1134. Dronke tr. fuld. 
no. 60. 731. Wigands Corveyer güterb. p. 228 ff.] 



62 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

133 wenden in augenscheln nahm, so hatte selbst der neue köuig, 
beim antritt der herschaft sein reich nach bestimmten wegen 
zu durchziehen und von allen marken feierlichen besitz zu neh- 
men, eine andere veranlassung zu den grenzgängen fand sich 
darin, dasz über ihre genaue stelle hader und streit ausgebrochen 
war und sachverständige oder markgenossen zu entscheiden hat- 
ten, endlich wurde, zumal in ansehnlichen marken die ganze 
grenze in bestimmter frist^ gewöhnlich von sieben zu sieben 
Jahren feierlich begangen oder beritten und ihre abzeichen dem 
gedächtnis der mitlebenden eingeprägt. * ein solcher begang 
glich den jahreszügen der gottheit durch das land oder der um- 
tracht des gottes durch die Auren, und bildete ein wahres Volks- 
fest, dem die ganze gemeinde fröhlich beiwohnte, wobei es nicht 
an gelagen und schmausen, im heidenthum gewis nicht an opfern 
fehlte, in Wales geleitete ein geistlicher das umziehende volk 
und sprach, wenn es zum grenzstein gelangt und mit entblöszten 
häuptern darum gestellt war, einen fluch gegen den aus, der 
des nachbars grenze verrücken werde, worauf alle amen riefen. 

Unsere Urkunden gewähren zahlreiche beispiele von grenz- 
begängen, an deren schlusz sie feierlich aufgenommen wurden; 
die bedeutendsten dieser Urkunden verdienten zusammengestellt 
und aus allen die hergänge und terminologien des Sprachge- 
brauchs vollständiger, als es bis jetzt geschehn ist, erörtert zu 
werden. 

Es kam besonders auf die kundigen, erfahrnen männer an, 
welche von der grenzzeichen läge und beschaffenheit unterrich- 
tet, sie sicher nachzuweisen im stände waren, aus einer mei- 
dung des 10. jahrh. dürfen wir entnehmen , dasz ein einzelner 
grenzführer gewählt wurde, der seine rechte feierlich mit dem 
handschuh bekleidend damit auf die zeichen fingerdeutete: 

circumductor efficitur, praecedens et indice demonstrans 

ibat ergo, et ciroteca, quam rustici wantum vocant, manu super- 
ducta, demonstravit. ' sollte sich aus dieser anwendung des im 

* jährliche flui'gänge rayth. 1202. 

' Sigehardi miracula sancti Maximini, bei Pertz 6, 232. — [incessione po- 
pwli terminnm loci praetitulare. cod. lanresh. 1, 208 a. 1094. duodecim viri scien- 
tes terminos. Lisch Hahn 1, 9 a. 1230. vier kundscliopper beim grenzbegang 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 63 

alten rechtsgebrauch oft vorkommenden handschuhs etwa der 
bei mehrern örtern begegnende name Handschuhsheim, Hand- 
schuhsleben erklären? ^ 

Während die ältesten greise, die das höchste menschliche 
ziel erreicht hatten, auserlesen wurden, um sicherste kundschaft 
von der mark zu erstatten, säumte man nicht auf grenzbegän- 134 
gen eine zahl von knaben mitzuführen, deren frischer sinn alle 
hergänge lebhaft zu fassen und treu zu bewahren fähig war. in 
einzelnen gegenden, namentlich bairischen pflegte man sie und 
überhaupt alle zeugen am ohr zu ziehen (festes more bavarico 
per aurem tracti); es geschah auch wol sonst etwas unerwartetes, 
das die erinnerung an den Vorfall nicht wieder erlöschen liesz, 
Böhme in seinen beitragen zu deutschen rechten 1, 76 meldet, 
dasz bei einer schlesischen grenzhandlung a. 1587 des fürsten 
von Liegnitz forstmeister nach der mahlzeit allen zugezogenen 
männern die bärte abgeschnitten habe, wobei er aber hinzu setzt: 
'ausgenommen den herrn bürgermeister, welcher nachdem er 
diesen handel vermerket sich verborgen und danach stillschwei- 
gend davongeritten.' gewöhnlich warf man auch geld, brot oder 
kuchen unter das mitlaufende volk. die von Osterndorf dies- 
seits, von Thierhaupten jenseits stritten um ihre grenze; da ritt 
kaiser Ludwig der Baier durch das Lechfeld, liesz zwei wagen 
mit brot nachfahren, kehrte sich um und warf das brot unter 
die jungen leute: 'sage das einer dem andern und seinen kin- 
dern, dasz könig Ludwig heute kundschaft gegangen hat zwi- 
schen Baiern und Schwaben ; was der Lech herüber legt gen 
Baiern das soll Baiern gehören, und was er gen Schwaben legt, 
soll Schwaben gehören.' als das brot zu ende gieng, nahm er 



vorausgehend. Wigand Corv. giiteib^. p. 235. 236. praeire et ciicumducere, opti- 
matibus et senibus circumducere, incipiebant in eodem loco alii testes praeire et 
circumducere, girum pergere. aus der Wirzb. urk. bei Maszmann p, 183. in einer 
Schweizer urk. von 1315: et hec limitum assignationes facte fuerunt locis omnibus 
dictis digito ad oculum demontratis. Geschichtsfreund 3, 242. beim grenzbegang 
schweren rasen auf dem köpf tragen. Reutz in Mittermeyers zeitschr. 12, 194. 

' Berliner Jahrbücher für kritik 1842 sp. 794. [Andscöheshäm Kemble no. 85. 
(1,102). Handschuchsheim, bei Heidelberg, im Elsasz. weisth. 1, 729. 731. 732. 733. 
Cassel thüring. ostn. 178. Förstemann 2, 669. Handschuhbach. Schambach nieders; 
sag. no. 163.] 



64 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

einen eisenhut, füllte ihn mit pfenningen und warf sie unter das 
volk zu ewigem gedächtnis. ^ • 

Bei bestimmten grenzzeichen, namentlich steinen, wurden 
in gleicher absieht, um dem Vorgang gröszere weihe zu verleihen, 
symbolische handlungen oder spiele vorgenommen, noch bis auf 
unsere tage herschte zu Lügde, einem paderbornischen Städtchen 
(unfern Pyrmont), am jährlichen grenzbegang folgende gewohn- 
heit: neben einer mühle stand ein grenzstein, sobald sich die- 
sem der zug nahte muste der müller hinzueilen und mit einem 
aus dem zug carten spielen; jedesmal aber hatte er dabei anzu- 
geben, welche carte das jähr zuvor trumpf gewesen war und 
eine strafe zu entrichten, wenn er sich dabei irrte, ich zweifle 
kaum, dasz die carten an die stelle eines andern spiels und 
andrer angaben getreten sind, zu Adeldorf an der Vils in 
Baiern war alljährlich auf pfingstmontag der sogenannte was- 
servogel umritt um die markung: ein knecht, der am späte- 
135 sten sich eingestellt hatte, wurde mit laub und schilf eingebun- 
den und vom pferde herab in einen bach oder teich geworfen 
(Schm. 1, 320. 4, 172). auch zu Köpenik in der hiesigen ge- 
gend feiert man alle zwei jähre zur Sommerzeit den grenzbe- 
gang so, dasz feierlich von hügel zu hügel gezogen wird und 
am letzten hügel diejenigen welche binnen diesen zwei jähren 
bürger geworden sind von dem schulzen des Kiezes sechs schlage 
mit der peitsche empfangen, den ersten für den könig, den zwei- 
ten für den magistrat, den dritten für die Stadtverordneten, den 
vierten für die bürgerschaft, den fünften für die nachbarschaft, 
den sechsten thut der schulze für sich selbst (Ad. Kuhn mark, 
sagen s. 371). bei westfälischen schnatgängen pflegte man torf 
zu graben, durch ein haus zu gehn, welches mitten von der 

' Freybergs erzählungen aus der bair. gcschichte. München 1842. 1, 253. 
[englische brauche im yearbook p. 1179. 1108. grenzumritt zu Drübeck zwischen 
Wernigerode und Ilsenburg. Pröhle in der zeitschr. für culturg. 1856 p. 406 — 415. 
bei der gemeindebereinung in Steiermark mit ohrfeigen. Duller p. 54. war in 
Litthaixen ein grenzhügel zwischen zwei dörfern aufgeschüttet, so wurde ein junge 
ergriffen, über den hügel gestreckt und empfieng eine tracht schlage, damit er 
bis zum spätesten alter die stelle des hügels nicht vergesse, neue preusz. pro- 
vinzialbl. 4, 15G. knaben mit den köpfen in das loch stutzen und pistole lösen, 
weisth. 1, 602.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 65 

grenze durchzogen wurde und das haal auf dem heerde (woran 
der kessel hängt) niederzuschürzen. es musz hoch in das alter- 
thum hinaufreichen, dasz man die grenze zuweilen mitten über 
heerd oder die haustenne leitete, beides waren heilige den göt- 
tern geweihte örter. ich führe noch einige belege hierzu an. 
in dem östr. pantaiding von Wartenstein (weisth, 3, 710) wird 
die grenze gezogen: von dem stein auf den spiegelhof durch 
den ofen; und in dem von Grimmenstein (ibid. 3, 717) 'durch 
den stadel mitten über der tenn.' zu Zscheiplitz bei Frei- 
burg (in Thüringen), wo die grenzlinie mitten durch die schenk- 
stube lief, muste bei dem fünQ ährigen flurengang jedesmal ein 
bürgersohn rückwärts zum Stubenfenster hinein gehoben werden, 
um die thür von innen zu öfnen, und man unterliesz nicht sei- 
nen namen in das protocoU aufzuzeichnen, damit die alte ge- 
rechtsame unverbrüchlich gewahrt bliebe (Rosenkranz neue 
zeitschr. 1. 3. s. 4). [zu Schöneberg in Niederhessen gieng der 
ganze zug durch ein loch, das in der wand des auf der grenze 
stehenden hauses gelassen war, in die küche zum heerd. Falcken- 
heiner hess. städte 2, 465. oder ein loch wird in die wände 
gehauen , wodurch der ganze zug vom fürsten bis zum dümm- 
sten jungen kriechen musz. Lyncker Wolfliag. p. 34.] 

Es ist ein uralter ausdruck für gemeinschaft und nachbar- 
schaft, dasz menschen zusammen am tische sitzen und brot 
essen (wie das salische gesetz sagt: in beudo pultes manducare), 
in einem weisthum (1, 395) heiszt es, dasz vier hirten, nachdem 
sie geweidet haben, zusammentreflPen und auf einem gespreite- 
ten mantel mit einander essen, dieser friedliche zug findet eine 
schöne anwendung in den markbegängen unseres deutschen alter- 
thums, da wo das gebiet dreier markgenossen aneinander stöszt, 
ahd. drimarcha, lat. trißnium, gr. xpiopia, serb. tromedia; * dann 

* drei broteberg, drei herrnbuehe am Harz. Wh. Laehmann liarzgebirg s. 243. 
Mainz, Hessen, Waldeck. Curze p. 262. grenze geht durch die küche zu Honn- 
scheid und von drei potten auf dem herd steht einer im stifte zu Mainz, einer 
im hinde Hessen , der dritte in der grafschaft Waldeck. Lyficker Wolfhagen 57. 
Landau Hessengau 205. drei ortmal zwischen Massow, Stargard, Golnow. Balt. 
stud. 10. 2, 165. zwei dreiherrensteine im Thüringerwalde, grenze in Schlesien 
zwischen drei herrn (Schafgotsch). Dreiherrenstein, Dreimärker zwischen Hessen, 
Nassau. Dieffenbach Wetterau 139. Wulfstein auf der grenze dreier gemeinden. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 5 



66 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

entspringt ein liebliches bild vollendeter eintracht, das nicht 
besser erdacht werden könnte, in jeder der drei ecken steht ein 
stuhl um einen tisch in der mitte, so dasz jeder auf seinem grund 
und boden sitzt, alle von dem gemeinschaftlichen tisch essen. 
Danaholm, ein platz unweit Göteborg, da wo Götaelf sich ins 
136 meer ergieszt, soll vor alters die grenze zwischen drei könig- 
reichen, Schweden, Dänmark und Norwegen gebildet haben, die 
sage meldet, dasz die drei könige feierlich da zusammen kamen 
den grenzbegang hielten und an einem und demselben tisch, doch 
jeder in seinem reich saszen. nach einer schon ins westgotische 
rechtsbuch s. 67. 68 [Holmberg Bohusläns histor. 1, 25. 3, 476] 
aufgenommenen, freilich unhistorischen nachricht ordneten unter 
könig Emund (etwa in der mitte des 10. jahrh.) zwölf männer, 
vier aus jeglichem der drei reiche die streitig gewesene grenze, 
und als nach vollbrachtem geschäft Emund zu pferde stieg, hielt 
ihm der könig von Dänmark den zäum, der könig von Norwe- 
gen den Steigbügel, ähnliche sagen gehen von andern orten in 
Deutschland, auf der Desburg einem Vorgebirge der Rhön steht 
ein alter hoher grenzstein, in welchen eine schüsselähnliche Ver- 
tiefung und daneben drei löffel gehauen sind, hier grenzten die 
ämter Lichtenberg, Kaltennordheim und Sand aneinander und 
man erzählt, dasz vor alters beim grenzbegang die amtleute 
der drei Ortschaften aus dieser schüssel suppe mit einander 
aszen. ^ 

Wächters heidn. denkm. p. 77. — litt, räthsel : wo kräht der hahn dreien köni- 
gen? in Smaleninken auf der grenze von Preuszen, Polen und Ruszland. das finn. 
kolmen riikin riitamaalta, in dreier reiche streitland, Kalew. 24, 139, scheint die 
grenze auszudrücken; vgl. Kalew. 13, 33 Ruszland, Schweden, Finnland, s. unten 
streitmark. 

' Bechstein sagen des Rhöngebirgs s. 49. — [opfermal beim begang am tri- 
finium. agrim. ed. Rudorff 2, 260. dreiherrenstein zu Teklenburg, Münster und 
Osnabrück, mitth. 2, 90. 91. der bischof und graf frühstückten auf einem fels- 
stein, das. 94. die drei herrensteine zerstöszt das volk und nimmt sie als arznei 
ein. Dieifenbachs tagebuch p. 66. 67. in Wallis hölzerne tische mit löchern, aus 
denen statt der teller gespeist wird. — Gregor. Tur. 10, 8 : synodus episcoporum 
in confinio termini arverni, gabalitani atque ruteni. 2, 35: conjuncti (Alaricus et 
Chlodoveus) in insula Ligeris, quae erat juxta vicum ambaciensem territorii urbis 
tnronicae, simul locuti, comedentes pariter ac hihentes promissa tibi amicitia paci- 
fici discesserunt. 5, 17 a. 577 : Guntheramnus et Childebertus (ad pontem petreum 
conjuncti) manducantes simul atque bibentes dignisque sc muneribus honorantes 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 67 

Folgende stellen der weistliümer gehören hierher: 
1, 638 grenzbegang zu Kirburg a. 1583: 

und ist von den alten geredt, wan man einen dreistailigen stul 
setzet mitten in die wolfskaule, solle drei herlichkeiten be- 
reichen, nemlich Sain, Beilstein und Marienstatt. 

1, 833 weisthum der grafschaft Wied a. 1553, ein brnnnen Do- 
dersbrunn genannt: 

da soll man stellen einen dreistempligen stul, daran sollen 
sitzen die Colnischen, Wiedischen und Isenburgischen jeder 
in seines gn. herren obrigkeit und sollen aus einer schüt- 
te len essen. 

2, 51 weisthum von Fechingen 15. jahrh. 

auf dem Scharberg: da stoszent der vier herren gericht des 
dorfs zusammen, [2, 606 an den staffelsteyn, da schieszent 
vier herrn gcrichte zusammen. 3, 680. im burgtümpfel (ahd, 
tumpfilo gurges) stoszen vier gericht aneinander.] 

2, 75 weisthum von Wiltingen 1504: 

an dem scheitborn, wisen wir den hern von Falkenstein und 
unsers hern voigt von Broich in mins gn. h. vogdie von Trier 
und eines probsts vodien von S. Paulin: dasz die vier hern 
morgent sitzen uf dem born und ein yckliche dem andern 
zu essen mag geben uf den vier vodien. 

2, 529 beschreibung des hofbanns zu Berisborn: 137 

und die bach scheid drei hern hochheit, dem hern von Prüm, 
Gerhardstein und Kail, und kunten wol die drei hern alda 
an einem tisch sitzen, doch jeder avif seiner hochheit. 

2, 765 weisthum von Dreiborn: da morgen vier landshern 
sitzen an einem disch und ein jeder auf seiner herlichkeit. 

2, 682 weisthum von Zinxheim 1622: 

daselbst ein stein gestanden, darauf drei hern nemblich der 
churfürst von Köln, der herzog von Jülich und der graf von 
Blankenheim sitzen sollen und jeder auf seiner hochheit zu- 
sammen essen an einem tisch kees und brot. 

pacifici discesserunt. — stand die Irmansül zwischen Cheruskcn Chatten und Mar- 
sen? C'tirne Usneach heiliger hain der Iren, wo die grenze der vier landschaften 
zusammen traf und ein groszer stein errichtet war.] 

5* 



68 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

das genaue Verhältnis fordert aber nur drei genossen, nicht den 
vierten: unter vieren können immer nur drei von jeder seite an 
einander stoszen. * 'driu laut an einander gewant' lautet auch 
in Hartmanns Erec 6750 die rechte formel. die schottische sage 
weisz von einem zauberkräftigen bogen, der aus den rippen ei- 
nes da wo dreier herrn land zusammenstiesz ^ begraben liegen- 
den mannes gemacht war; der todtenhügel bildete den mahlstein. 
Pausanias 7, 10 erzählt, den zu Aroe, Antheia und Mesatis woh- 
nenden loniern habe ein der Artemis Triklaria heiliger wald 
und tempel (xsjjlsvo? xal vao?) gemeinschaftlich zugestanden : wahr- 
scheinlich liefen auf dieser stelle die gebiete der drei gemein- 
den zusammen und selbst der göttin beiname TptxXapta ist eben 
von xXocpoc; oder xXr)po? erbland, grundland herzuleiten, wie Diane 
und Hecate auch anderwärts trivia und triformis heiszen, ohne 
dasz ich jedoch aus griechischen Schriftstellern die unsrer deut- 
schen entsprechende sitte des feierlichen stul oder tischsetzens 
an dem ort, wo die grenze sich begegnete, aufzuführen wüste, 
die errichtung des göttertisches oder tempels war aber noch 
heiliger, [vgl. oben die slav. trigorke.] 



VI. GRENZSTREIT. 

Wenn über eines landes grenze unter nachbarn zwist aus- 
brach, galt dieser für einen solchen, den die gemeine kundschaft 
bald zu schlichten wüste. ** es scheint beachtenswerth , dasz 
138 gleich der lateinischen spräche, die hier statt lis das gelindere 
jurgium, statt ligitare nur jurgare braucht ^, auch die unsere von 
grenzirrungen lieber hader als streit, die ältere aber päga an- 

* tisch in die thore setzen, ein bein hinein, das ander hinaus, weisth. 3, 888. 
• tisch mit drei beinen, zwei auswendig, eins inwendig der schwellen. 3, 417. 

' where three lairds lands meet. Keightley fairy mythology 2, 161. vgl. 
Robert Burns p. 13. 

** lis quae fuit inter fratres Sceftlarenses et rusticos de Mosache de terminis 
agrorum, sedata est secundum consilium adßnium. MB. 8, 430 (sec. XII). in Gal- 
lien entschieden die priester, si quod est admissum facinus, si caedes facta, si 
de hereditate, de finibus controversia est. Caesar B. G. 6, 13. 

"^ Horat. epist. II. 1, 38 excludat jurgia finis. Nonius s. v. jurgium. Ru- . 
dorff zeitsch. 10, 34G. finium causa jurgare. Amm. Marcell. 28, 5. 



DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 69 

wendet, was einen bloszen zank meint, schon in einem gedieht 
des 9. jahrh. (Muspilli 64) finde ich: war ist denne diu marha, 
dar man dar eo mit sinen mägon pieh; [vgl. Kehr. 13905 die 
marke si harte geschieden, vil unsanfte si gebiegen; mystik. 335, 6. 
biegen als die gellen.] darf auch dem grieeh. OTjpictOfxat dieser 
mildere sinn von jurgo beigelegt werden: d\i.rf oupoiai ou dvepe 
STjpiaaa&ov 11. 12, 421 von or^pis hader? [Ipi? Trspl /topou. Herod. 
1, 82. litth. rubba streit um die grenze, rubezus grenze.J 

Zog sieh der streit in die länge, so scheint es im alterthum 
herkommen zu sein, während seiner dauer die stelle des grunds, 
worüber gehadert wurde auch schon aus der gewalt des bisheri- 
gen besitzers zu setzen, so verfuhr man noch in den westfäli- 
schen marken. Moser (werke 6, 45) drückt sich folgenderge- 
stalt aus : wenn zwei marken wegen ihrer grenzen in streit sind, 
so macht man den räum, worüber beide theile nicht eins wer- 
den können, zur streitmark, beide theile müssen sieh dessen 
mit holzhauen und plaggensehaufeln enthalten, das beidersei- 
tige vieh aber kann das was darauf wächst mit dem munde 
theilen. ^ 

Reich aber ist ujisre volkssage an aiiskünften, wenn bei ab- 
gang aller kundschaft über die gerechte grenze keine Sicherheit 
zu erlangen ist: dann schlägt sie mittel vor, die gleich gottes- 
urtheilen schlichten, und auch ohne zweifei im höhern alterthum 
durch nichts als gottesurtheile vertreten wurden. * andere lö- 
sung des haders war nicht möglich. 

Entweder läszt die sage eigens bestimmte thiere laufen, ein 
blindes pferd die grenze ermessen, oder gar einen rückwärts 
kriechenden krebs durch seine unregelmäszigen bewegungen die 
ecken und winkel hervorbringen, nach welchen die grenze ab- 
gesteckt scheint, schon unser altes thierepos erzählt, dasz 

' bedenklich scheint Mosers annähme, diese streitmark sei im heidenthum 
durch den priester feierlich geheiligt worden, denn die 'incerta loca, quae colunt 
pro sanetis' im indiculus paganiarum haben schwerlich mit einem rechtsstreit etwas 
zu schaffen, [vom stritfelde. urk. a. 1374. Maltzan 2, 262. läggia hälgp a skogh, 
der getheilt werden soll, und afdcema hälgfina. Östg. 219. 227. finn. riitamalta 
s. oben s. 66 anm.] 

* soviel einer, dem eine centnerschwere glocke umgehängt ist, an einem tage 
wald umschreiten könne etc, Pröhle Harzsag. 28. 



70 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

Widder um die grenze ihres grimdstücks hadernd gegen einan- 
der laufen sollen und da, wo sie mit den hörnern zusammen- 
stoszen die grenze gesetzt wird * ; ungefähr wie eine scholie zu 
Pindar (Pyth. 4, 6) berichtet, dasz Zeus, als er den mittelpunct 
der bewohnten erde genau bestimmen wollte, von beiden enden 
im Osten und westen zwei gleichschnelle adler ausfliegen liesz, 
139 die auf der davon benannten nabelstelle zu Delphi zusammen- 
trafen. ** dieser heilige 6[xcpaX6c, ein weiszer, wie ein bienenkorb 
gebildeter stein gab gleichsam die grenze an '. in der Schweiz 
wiederholt sich an mehr als einem ort die rührende meldung 
von einem grenzlauf, den zwei männer aus den streitenden mar- 
ken vollbrachten, als die Graubündner von Maienfeld mit dem 
fürsten von Lichtenstein uneins wurden, vertrug man sich dahin, 
dasz zu gleicher stunde zwei läufer aus beiden orten gegen- 
einander rennen und da, wo sie sich begegnen würden, immer- 
während die länder geschieden sein sollen, unter groszem zu'- 
strom des versammelten volks brachen zwei rüstige Jünglinge 
auf und sparten ihre schritte nicht; aber berganklimmend ge- 
wahrte der Maienfelder den von Balzers, der schon den gipfel 
erstiegen hatte und herabeilte, laut klagend schrie er ihm ent- 
gegen; das bewegte dem Balzerner, der" schon viel gewonnen 
hatte, das herz, und er verhiesz seinem gegner so viel landes 
zurückzugeben, als er ihn auf die schulter nehniend im laufe 
noch hinantragen würde, mutig rafte sich der Maienberger auf 
und klomm mit der schweren last nicht blosz zur höhe des stei- 
len bergs, sondern auch noch ein stück auf der andern seite 
hinab bis dahin wo ein quell in grüner wiese springt, da sank 
er ausathmend nieder, und da steht noch heute der markstein, 
auf der einen seite mit dem fürstlichen wappen, auf der andern 
mit der Inschrift 'alt fri Rhätien'. '^ 

Das ist noch schöner ausgeschmückt in der sage von ei- 

* in der Wallachei sieht man auf den grenzhügeln häufig ividderlcöpfe auf- 
gesteckt, nach Osten blickend, sie sollen Viehseuchen abwehren, walach. mär- 
chen 301. 

** Strabo 9, p. 419. Claudiani prolog. in Fl. Mall. Theod. cons. 11—15. 
' vgl. Pausanias 10, 16. 

* Alfons von Flugi volkssagen von Graubünden 101. [vgl. Steub sommer in 
Tirol p. 144.] 



DEUTSCHE GRENZ ALTERTHÜMER. 71 

nem grenzstreit zwischen Uri und Glarus. biedermänner spra- 
chen aus, zur tag und nachtgleiche solle von jedem theil früh 
morgens beim ersten hankrat ein felsgänger sich erheben, nach 
jenseits laufen, und wo beide mänuer auf einander stieszen, die 
grenze bleiben, jedes volk wählte nun seinen mann und sorg- 
sam den hahn, der den tag anzukrähen hatte und sich nicht 
verschlafen durfte, die Urner aber nahmen den hahn, setzten 
ihn in einen korb vmd gaben ihm sparsam zu essen und zu 
saufen, weil sie glaubten hunger und durst müsse ihn früher 
wecken, die Glarner dagegen fütterten und mästeten ihren hahn, 
dasz er freudig den frühen morgen grüsze. als nun der herbst 
kam und der bestimmte tag erschien, geschah es, dasz zu Alt- 
dorf der schmachtende hahn zuerst erkrähte, da es kaum däm- 
merte, und froh brach der Urner felsenklimmer gegen die mark 140 
auf. drüben im Linthal stand aber schon die voUe morgen- 
röthe am himmel, die sterne waren erblichen und noch schlief 
der fette hahn in guter ruhe; traurig umstand ihn die ganze 
gemeinde, allein es galt redlichkeit und keiner wagte ihn zu 
wecken, endlich schwang er seine flügel und erkrähte, wie 
schwer wird es dem Glarner sein dem behenden Urner den vor- 
sprung abzugewinnen! ängstlich sprang er und schaute gen 
Scheideck, wehe, da sah er oben am grat schon den mann 
schreiten und bergabwärts niederkommen , aber der Glarner 
schwang die fersen und wollte seinen leuten noch retten so viel 
als möglich, und bald stieszen die männer zusammen und der 
von Uri rief: hier die grenze! nachbar, sprach betrübt der von 
Glarus, gib mir des Weidelandes noch ein stück das du errun- 
gen hast, das erbarmte jenen und er antwortete: so viel du 
mich an deinem hals tragend bergan laufen wirst, sei dir ge- 
währt, da faszte ihn der rechtschafne senner von Glarus und 
klomm ein gut stück feldes hinan, manche tritte gelangen ihm 
noch, endlich versiegte sein athem und todt sank er zu boden. 
noch heutiges tags zeigen sie das grenzhächlein, bis zu welchem 
der einsinkende Glarner den siegreichen Urner getragen habe. 

Solche sagen müssen weit in Europa erschollen sein, ein 
verwandter zug schlägt an in dem mythus von dem jüngling, 
der seine geliebte nur um den preis erwerben soll, dasz er sie 



72 DEüTSCnE GRENZALTERTHÜMER. 

auf den schultern tragend einen steilen berg ersteige, der nun 
zwar mit den letzten kräften seines lebens die höhe erreicht, 
oben aber erschöpft zu boden sinkt: auf diesem gipfel quillt 
fortan labender brunnen und heilkräftige kräuter entsprieszen. ' 
statt der grenzscheidung hat hier die fabel eine andere absieht 
zum gründe gelegt, allein das classische alterthum bietet eine 
näher liegende grenzsage zum vergleiche dar. Valerius Maxi- 
mus buch 5 cap. 6 erzählt, dasz einst zwischen Carthago und 
Cyrene grenzhader waltete und von beiden Städten beliebt wurde 
zu gleicher zeit ein paar Jünglinge auszusenden: wo sie auf 
einander träfen sollte künftig die grenze sein, da machten zwei 
Carthager, ein brüderpaar Philaeni mit namen, voll eifers ihrem 
lande den vortheil zuzuwenden, vor der anberaumten stunde sich 
auf den weg und erliefen eine grosze strecke landes eh sie mit 
dem boten von Cyrene zusammenstieszen ; aber die Cyrenenser 
gewahrten den trug und wollten in den verlust nur dann willi- 
141 gen, wenn die Philaenen lebendig sich an der stelle begraben 
lieszen, wohin sie mit unredlicher eile vorgedrungen waren, aus 
Vaterlandsliebe gaben die brüder sich hin und wurden alsbald 
in die erde verscharrt, wiederum weiht ein grabhügel die mark- 
scheide. ich habe absichtlich den jüngeren berichterstatter vor- 
ausgeschickt und will dafür Sallusts sorgfältigere darstellung in 
dessen eignen worten (bell, jugurth. cap, 79) ausheben: qu^ tem- 
pestate Carthaginienses pleraeque Africae imperitabant, Cyrenen- 
ses quoque magni atque opulenti fuere. ager in medio areno- 
sus, una specie, neque flumen neque mons erat, qui fines eorum 
discerneret, quae res eos in diuturno hello inter se habuit. post- 
quam utrimque legiones item classes fusae fugataeque et alteri 
alteros aliquantum adtriverant, veriti ne mox victos victoresque 
defessos alius adgrederetur, per indicias sponsionem faciunt, uti 
certo die legati domo proficiscerentur : quo in loco inter se obvii 
fuissent, is communis utriusque populi finis haberetur, igitur 

' Lai des deux amans, bei Marie de France und anderwärts. — [schöne 
sage von den Lampsacenern und Parianern bei Charon (aus Polyaen) fragm. bist, 
gr. 1, 34, wo die grenzläufer auch bei hanekrat aufbrechen, aber andere Ursache 
des aufenthalts. sage vom grenzstreit der Argiver und Lacedämonier um Thyrea. 
Herod. 1, 82.] 



DEUTSCHE GRENZALTERTflÜMER. 73 

Carthagine duo fratres missi, quibus nomen Philaenis erat, ma- 
tiiravere iter pergere; Cyrenenses tardius iere. id socordiane an 
casu acciderit parum cognovi. ceterum solet in illis locis tem- 
pestas haud secus atque in mari retinore. nam ubi per loca 
aequalia et nuda gignentium ^ ventus coortus arenam hunio exci- 
tavit, ea magna vi agitata ora oculosque implere solet; ita pro- 
spectu inipedito morari iter. postquam Cyrenenses aliquante 
posteriores se vident et ob rem corruptam donii poenas metuunt, 
criminari Carthaginienses ante tempus domo digressos, contur- 
bare rem, denique omnia malle quam victi abire. sed cum Poeni 
aliam conditionem tantummodo aequam peterent, Graeci optio- 
nem Carthaginiensibus faciunt, vel illi, quos finis populo suo 
peterent ibi vivi obruerentur, vel eadem conditione sese quem 
in locum vellent processuros. Philaeni conditione probata seque 
vitamque suam reipublicae condonavere. ita vivi obruti. Car- 
thaginienses in eo loco Philaenis fratribus aras cohsecravere 
aliique illis domi honores instituti. * 

Hier kann sich nun critik der sage üben, offenbar will 
Sallust die im mythus hervorgehobne list der Carthaginienser 
verwischen und das verspäten der Cyrener aus den hemmungen 
der sandwüste erklären ; dessen bedurfte es nicht einmal, da die 
groszmütige hingäbe der Philaenen in den tod alle flecken sühnte, 
dies eingraben lebendiger wesen am heiligen ort der grenze, wie 142 
sonst in den grundfesten neu erbauter bürgen oder thürme, 
welche allein dadurch stätigkeit erlangen können, kehrt auch in 
deutschen und slavischen Überlieferungen wieder und wird durch 
nebenumstände auf das manigfaltigste ausgeschmückt. * der ein- 
gegrabne mensch, der begrabne heros ist das höhere die statte 
heihgende wesen, und dasz grabhügel, grabsteine, wie wir oben 
sahen, in den begrif der grenzzeichen übergehn, einzelne be- 
nennungen beider ganz zusammenfallen, wird uns dadurch ver- 
ständlicher. Volksüberlieferungen melden dasz zu pestzeiten, 

' flache und kein gewächs hervorbringende gegenden. 

* arae Philaenon. Sallust. c. 19. Philaenorum arae Plin. 5, 4, ex arena. auch 
Pomponius Mela 1, 7 meldet die sage. 

* myth. 1095. Müllenhoff p. 242. trollagrof an einer grenze. Werlauflf p. 35. 
vgl. 22. 24, 



74 DEUTSCHE GRENZALTERTHÜMER. 

um der feindlichen seuche eingang ins land zu wehren, arme 
kinder oder erkaufte zigeunerkinder als opfer lebendig auf der 
grenzscheide in den grund vergraben wurden, aber unsere 
Schweizersagen, welchen zwar das lebendigbegraben des schuld- 
freien Siegers fremd bleibt, sollten sie dennoch aus römischer 
quelle geflossen sein? Valerius zumal war lange im mittelalter 
gelesen, Heinrich von Müglein hat ihn schon 1369 verdeutscht, 
doch zweimal an verschiedner stelle der Schweiz, wer weisz ob 
nicht öfter, sehen wir und verschieden gestaltet den mythus er- 
wachsen, ganz anders ist er in allen fugen gewendet, wir stehn 
auf keiner sandfläche sondern athmen reine alpenluft. gegen 
jene punische list und untreue wie sticht der Glarner redlich- 
keit ab, die den schlummernden vogel des tags umstehn und 
zu wecken sich nicht getrauen, dieser gerade unmittelbar aus 
dem munde des volks übernommne zug von den beiden hähnen 
ist epischer als des Valerius ganze erzählung, und ein volk, das 
fremde Überlieferungen solcher gestalt zu verschönern fähig wäre, 
musz ohne zweifei auch in sich selbst alle kraft besitzen sie 
vollständig und unerborgt zu erzeugen, es ist besser gethan im 
ganzen umfang des alterthums, seinem recht, seiner poesie und 
spräche eine gleiche allgemeine Wirksamkeit aller triebe, nach 
nicht maszloser doch unermeszlicher fülle gewähren zu lassen, 
als durch zurückführung des einen auf den andern ihnen will- 
kürliche schranken engherzig zu stecken und eben damit ihr ge- 
heimes und erfreuendes walten abzuschneiden. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 13 MERZ 1845. 

Höfers Zeitschrift für die Wissenschaft der spräche I, 1. Berlin 1845. 



Unter den drei dichtungsarten fallt zu beurtheilen keine 13 
schwerer als das epos, denn die Jyrische poesie aus dem -mensch- 
lichen herzen selbst aufsteigend wendet sich unmittelbar an un- 
ser gemüt und wird aus allen zeiten zu allen verstanden * ; die 
dramatische strebt das vergangne in die empfindungsweise, gleich- 
sam spräche der gegenwart umzusetzen und ist, wo ihr das ge- 
lingt, in ihrer wirkung unfehlbar: sie bezeichnet den gipfel und 
die stärkste kraft geistiger ausbildung, welche von begünstigten 
Völkern errungen wird, um die epische poesie aber steht es 
weit anders, in der Vergangenheit geboren reicht sie aus dieser 
bis zu uns herüber, ohne ihre eigne natur fahren zu lassen, wir 
haben, wenn wir sie genieszen wollen, uns in ganz geschwun- 
dene zustände zu versetzen, ebenso wenig als die geschichte 
selbst kann sie gemacht werden, sondern wie diese auf wirkli- 
chen ereignissen, beruht sie auf mythischen Stoffen, die im alter- 
thum wacher stamme obschwebten, leibhafte gestalt gewannen 
und lange zeiten hindurch fortgetragen werden konnten, sie 
kommt also schon Völkern zu, deren aufschwung beginnt und 14 
gelangt zur blute bei solchen, die jener stoffe mächtig die ganz 
junge kvmst der poesie darüber zu ergieszen vermochten; aber 
ein grund und anfang muste immer, man weisz nicht zu sagen 

* lyrik so alt als epos. Haupt 9, 129. 



76 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

wie, vorhanden sein und gerade auf ihm beruht der dichtung 
unerfindbare Wahrheit, hat uns die hteratur im gebiete der lyrik 
und dramatik neben treflichen erzeugnissen geringe und schlechte 
aufzuweisen; so steht in der epischen poesie vielmehr dem ech- 
ten nur das falsche entgegen, dessen erkenntnis von Virgil an 
bis auf Ariost und Milton oder Klopstock freilich gröszere mühe 
gekostet hat als jene ausscheidung des schlechten. 

Kaum in abrede zu stellen wird es sein, dasz die mit vol- 
lem recht immer von dem homerischen ausgehende und auf es 
zurückkehrende, nur damit lange nicht abgeschlossene betrach- 
tung des epos an einsieht und klarheit gewachsen sei, seit der 
deutschen, eddischen, romanischen und serbischen dichtungen 
geachtet wurde, aus beispielen und vergleichung lassen sich die 
epischen grundzüge am gedeihlichsten entwickeln; ich glaube so- 
gar, dasz ein versuch auch der thierfabel epische natur beizu- 
legen, zu welchem die geschichte unserer einheimischen poesie 
vor allen anregte, nicht ohne fruchtbaren aufschlusz geblieben 
ist. im epos sind nemlich lauter abstufungen oder ringe zu ge- 
wahren, nach welchen es sich allenthalben zu oflfenbaren und 
wieder zu gebären pflegt, fast auf jeder stelle mit eigenthürali- 
chen Vorzügen und mangeln: sein ältestes mythisches dement 
strebt es allgemach mit heldensage zu vertauschen, es wird in- 
dem es dunklere, kräftigere bestandtheile ausstöszt, seinen ge- 
heimnisvollen kern zum blühen bringt, menschlicher und anmutig 
ausgebreitet, in unsern Nibelungen, wie wir sie übrig haben, 
waltet entschieden diese Verdünnung des mythus, wenn man den 
15 ausdruck nicht misverstehn will ; in der edda und bei Homer 
ist noch den göttern ihr theil, obgleich die beiden vorwiegen, 
gelassen, unsere kindermärchen haben zugleich einfache und ver- 
worrene bruchstücke der alten structur bewahrt, wie wir ihnen 
auch bei wilden Jäger und hirten Völkern in aller frische begeg- 
nen, das schickt sich zur grammatischen Vollkommenheit ein- 
zelner Züge, die unsre gemeine Volkssprache wie die der wilden 
darbietet, während die spräche halbgebildeter stamme z. b. der 
Gothen, Litthauer, Finnen eine harmonische fülle edelster for- 
men überhaupt aufzeigt, welche nicht der letzten, aber vorletz- 
ten stufe des epos gerade zu statten kommen, ja damit schritt 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 77 

zu halten vorzugsweise geeignet scheinen, an der ungemeinen 
Wichtigkeit, welche die nunmehr durch Klemms fleisziges werk 
erleichterte beobachtung der gebrauche und Überlieferungen der 
wilden für unser alterthum haben musz , darf nicht gezweifelt 
werden; da die heldenlieder der Gothen und anderer deutscher 
Völker aus früher zeit verschollen sind, habe ich nach beispielen 
der epos begierig und ihrer bedürftig nicht unterlassen die ser- 
bische dichtung, deren Schönheit jedem einleuchtet, zu erforschen, 
bin aber vor einigen jähren durch eine neue erscheinung über- 
rascht worden, die allgemeines aufsehn nach sich ziehen sollte 
und von der ich gegenwärtig näher handeln will. 

In Serbien hat das getreue gedächtnis des volks, zumal alter 
und blinder männer eine menge von liedern bewahrt, deren je- 
des fünfzig, hundert bis zu fünfhundert und tausend zeilen in 
der reinsten, flieszendsten spräche enthält; -Rollte man solche 
die einzelne gegenstände umfassen und zusammen gehören, na- 
mentlich die von Marko Kraljevitsch vereinigen, so könnten ganze 
cykeln gebildet werden, die ein kleines epos ausmachten. * überall 
findet sich dabei genauigkeit der hersagung, ab weichung und 16 
Wiederkehr der formein, die ein kennzeichen dieser dichtungsart 
insgemein ist; abgesehn von dem wunderbaren Inhalt der bege- 
benheiten erhöhen einzelne mythische bezüge , namentlich das 
Verhältnis der vila, einer geisterhaften halbgöttin, zu den men- 
schen den auszerordentlichen werth dieser gesänge, die in ei- 
nem bisher geringgeachteten theil des slavischen gebiets darge- 
boten spräche und dichtung dieses groszen volksstamms reiner 
auffassen lassen als es aus irgend einem denkmal der gebilde- 
teren glieder desselben möglich war. jetzt aber hat sich in 
Finnland ein noch reicherer schätz aufgethan und zwar nicht 
einmal unter dem ganzen liederreichen und gesangliebenden volk 
sondern fast in einer einzigen landschaft, in dem schon früher 
mit Ruszland vereinigten Kardien: auszer vielen einzelnen be- 
sonders gesammelten liedern ein epos von 32 gesängen, deren 
keiner unter 200 versen, die meisten über 300, 400, einzelne bis 



* in der neuen ausgäbe bilden sie no. 38 — 74 des zweiten bandes (Wien 
1845) und füllen s. 215 — 444, 



78 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

zu 600, 700 zählen, so dasz das werk überhaupt, wenn ich mich 
nicht verrechne, 12649 Zeilen stark ist und das masz einer epi- 
schen dichtung erfüllt, ohne zweifei sind aber noch nicht alle 
lieder, welche zu dieser dichtung gehören, aufgefunden oder er- 
halten, während umgekehrt einzelne ihr gegenwärtig überwiesne 
ausgesondert, andere anders verbunden werden könnten, einige 
lieder oder bruchstücke derselben hatten zwar schon im vorigen 
Jahrhundert Porthan, Ganander, Lencqvist, im laufenden Tope- 
lius, Gottlund, von Schröter und von Becker bekannt gemacht 
und keine geringe Vorstellung von dem werth dieser poesie für 
die genaue kenntnis finnischer spräche und mythologie erweckt, 
wie weit sind aber ihre arbeiten, deren verdienst ungeschmälert 
bleibe, übertroffen worden, so dasz sie jetzt beiseite gelegt wer- 
den können, seit Elias Lönnrot durch längeren aufenthalt in 
Kardien und 01*netz unmittelbar aus dem munde des volks und 
17 der kundigsten sänger eine reiche samlung solcher lieder treu 
und gewissenhaft zu stand brachte, in Finnland hat die los- 
trennung von Schweden, wie in Belgien die von Holland, den 
nationalgeist gekräftigt und für alterthum und spräche des Va- 
terlands gröszere ^heilnahme erzeugt, schon vor zehn jähren ist 
Lönnrots arbeit im druck erschienen unter dem titel: Kalevala 
taikka vanhojaKarjalan runoja, Suomen kansan muinosista ajoista. 
Helsingissä 1835, präntätty J. C. Frenckellin ja pojan tykönä 
(Kalevala oder Kareliens alte lieder aus des finnischen volks 
Vorzeit. Helsingfors 1835 gedruckt bei J. C. Frenckell und söhn) 
in zwei bänden ^, deren zweitem von s. 233 — 329 die den text 
oft erweiternden Varianten (toisintoja) angehängt sind: ein wil- 
liges Zeugnis sowol für die natürliche fluctuation der lieder als 

* beide bände bilden den zweiten theil (osa) einer umfassenderen samhing, 
welche betitelt ist: Suomalaisen Kirjallisuuden Seuran Toimituksia. der erste theil 
kam mir nicht zu gesicht, der dritte führt den besonderen titel Kanteletar taikka 
Suomen kansan vanhoja lauluja ja virsiä (Kanteletar oder altfinnische gesänge 
und lieder), drei bände. Helsingfors 1840, worunter manche für die mythologie 
wichtig sind, z. b. band I no. 94 ein lied von llmarinen, band 3 no. 21 Kalevalan 
neiti, das mädchen von Kalevala, band 3 no. 30 Kullervon sotaan lähtö (Kuller- 
vos reise in den krieg), auch in diesen theilen werden Varianten geliefert, im 
fünften theil der samlung gibt Lönnrot 7077 mit recht nach den anfangswor- 
ten geordnete finnische Sprichwörter (sanalaskuja) Helsingf. 1842 auf 576 selten. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 79 

für die Sorgfalt ihrer aufnähme, hier sprudelt nun, wenn ir- 
gendwo, lauteres epos in einfacher und desto mächtigerer dar- 
stellunsr, ein reichthum unerhörter und wieder mit andern be- 
kannten zusammentreffender mythen, bilder und ausdrücke; ich 
will besonders hervorheben ein reges sinniges naturgefühl, wie 
es fiist nur in indischen gedichten angetroffen wird, zugleich 
ist in diesem epos auf einmal der ganze mehr als oberflächlicher 
bewunderung würdige reichthum der finnischen spräche weit 
glänzender entfaltet worden , als man ihn bisher aus den wör- 18 
terbüchern von Juslen und Renvall gewahren konnte. ^ wenn 
in Serbien der name von Vuk Karadgitsch, hat in Finnland der 
von Lönnrot alle ansprüche darauf bei den kommenden ge- 
schlechtern unvergessen zu bleiben, die sich ihrer unermüdlichen 
gerade noch zu rechter zeit unternommenen arbeiten lange wer- 
den zu erfreuen haben, welch ein ungleich höherer werth ist 
solchen untadelhaften samlungen beizulegen als der vielgetadel- 
ten jener ossianischen gedichte, womit etwa vor achtzig jähren 
Macpherson zum erstenmal auftrat, und die allen wahrhaft epi- 
schen character verleugnen, aus dem empfindsamen Ossian kann 
unser deutsches alterthum nirgends, aus dem finnischen epos 
allenthalben erläutert werden; das ist die sicherste probe gegen 
jenen und für dieses. * 

Ich will aber bevor ich es schildere einige bemerkungen 
über den umfang und das Verhältnis der finnischen spräche vor- 
aussenden, für das celtische Sprachstudium, das in ungerechte 
wenn auch nicht unverdiente geringschätzung gefallen war, ist 
unter uns ein groszer eifer aufgewacht, unleugbar haben in 
der Vorzeit Gelten ganze strecken des deutschen bodens einge- 
nommen, auf welchen noch manche spur von ihnen wahrzuneh- 
men sein musz. den in Europa eindringenden Germanen sind 
aber nicht blosz celtische sondern auch finnische bewohner vor- 



' ich habe beim Studium iler finnischen poesie zu rathe ziehen können die 
trefUche schwedische Übersetzung der Kalevala von Matth. Alex. Castren. Hel- 
singfors 1841 in zwei theilen. Castren hat auch in andern arbeiten die gründ- 
lichste bekanntschaft mit der finnischen spräche und den ihr verwandten dar- 
gethan. 

* hätte nie gesagt werden sollen. 



"Sf"^ 



80 CRKR das finnische EPOS. 

angegangen, die im Nordosten wie jene im Westen zurückge- 
schoben wurden, auch die Finnen haben in dem land selbst 

19 und bei der berührung mit den Deutschen eindrücke hinterlassen, 
wir gewahren sie in der spräche der Gothen und anderer hoch- 
deutscher Stämme, am stärksten in der scandinavischen, unab- 
hängig von Urgemeinschaft, die auch zwischen Finnen und Deut- 
schen eintrat, einige beispiele dieser Sprachverhältnisse werden 
hier ausreichen, das goth. päida tunica, ahd. pheit, alts. peda 
scheint aus dem finnischen paita indusinm, weil deutschen spra- 
chen der anlaut P überhaupt fremd war; dem iinn. moukari 
malleus maximus wurde das dän. mukker nnl. moker entnom- 
men, kein anderer deutscher dialect kennt den ausdruck und 
ein finnischer schmiedegesell wird ihn nicht erst in später zeit 
nach Dänmark und den Niederlanden getragen, er musz von 
frühe her in diesen strichen gehaftet haben, der nordischen 
mundart scheinen aber alle solche ausdrücke aus dem finnischen 
zugeführt, die sie mit den übrigen Deutschen nicht gemein hat. 
der Gothe drückt vulpes aus durch faühö, ahd. fohä, wozu das 
masc. fuhs, ags. fox gehört; altn. aber sagt man refr, schwed. 
räf, dän. räv, sie sind aus dem finu. repo, gen. revon übernom- 
men, gleich fremd allen übrigen deutschen sprachen ist das isl. 
püki schwed. pojke puer, piga famula, dän. [pog puer,] pige 
puella, deren quelle wiederum das finn. poika und piika blei- 
ben.* das altn. alda unda rührt aus dem finn. alto. in das 
finnische sind aus dem schwedischen seit der bekehrung manche 
kirchliche ausdrücke aufgenommen, andere bewandtnis hat es 
aber um urverwandte, weder aus dem deutschen ins finnische, 
noch aus dem finnischen ins deutsche gekommne Wörter z. b. 
finn. mato vermis, goth. mapa, ahd. mado; finn. raeri, lat. mare, 
goth. mari, ahd. meri, slav. more; finn. nimi, goth. namo, lat. 
nomen, slav. imja, altpreusz. emnes, gr. ovo[Aa, skr. näman; finn. 
miekka ensis, goth. meki, ags. raece, altn. makir ; finn. multa, 
gen. mullan, goth. mulda, ahd. molta, altn. mold humus, pulvis; 

20 finn. kulta, gen. kullan, goth. gulp, altn. guU, ahd. kolt aurum; 
finn. akana, goth. ahana, ahd. agana, gr. a;(va, acus palea; finn. 

* ebenso altn. piltr schwed. pilt knabe, bursche finn. piltti. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 81 

runo Carmen, goth. runa mysterium, altn. run litera, secretum, 
weil lied, gesang, sclirift und geheimnis aneinander rühren; finn. 
äiti mater, goth. aipei, ahd. eidi; finn. tytti puella, filia, goth. 
daühtr, ahd. tohtar, altn. döttr; finn. tursas gigas, altn. purs, 
ags. pyrs, ahd. durs; finn. hanhi für hansi, weil H und S öfter 
sich vertreten, skr. hansa, lat. anser, ahd. kans, altn. gas, und 
eine menge ähnlicher. * die genaueren gesetze des Verhaltens 
einzelner vocale und consonanten in solchen Wörtern können hier 
nicht entwickelt werden. 

Des grundabweichenden ist jedoch viel mehr, die finnische 
spräche gehört einem ganz andern geschlecht an, als die deutsche, 
das noch heute, allen erlittenen einbuszen zum trotz weit er- 
streckt ist. im Süden Finnlands braucht man blosz das meer 
zu überschreiten, um auf der gegenüber liegenden küste die Esten 
zu trefieu, deren spräche eine blosz entstellte, schwächere mund- 
art der finnischen zu sein scheint, nördlich reicht der lappische 
stamm an Finnland mit seiner formreichen merkwürdigen spräche, 
die in einer menge von Wörtern und grammatischen eigenheiten 
der finnischen begegnet, während der volksschlag selbst ungleich 
tiefer steht, ostwärts unter den Völkerschaften Ruszlands bis zum 
Ural und über diese bergkette hinaus gehören zu den Finnen 
in mauigfachen abständen Tscheremissen, Morduinen, Vogulen, 
Syrjänen ^, Permier, Ostjaken, Votjaken, wenn auch ihre spräche 
verwildert und fremden einflüssen ausgesetzt gewesen ist. im 
tiefern süden können Ungern, im tiefern norden sogar Grön- 
länder, deren spräche in formüberflusz fast erstickt, einen ge- 
wissen Zusammenhang mit den Finnen nicht verleugnen. 

Allen diesen sprachen ist der sie von den deutschen, slavi- 21 
sehen, litthauischen und vielen andern scharfscheidende zug eigen, 
dasz ihr nomen kein genus sondert, dagegen in den meisten der- 
selben, namentlich der finnischen durch eine menge casus zehn, 
zwölf oder vierzehn flectiert werden kann, auch ihr verbum hat 
eine sehr reiche eigenthümliche flexion, die der slavischen, wie 
diese der deutschen überlegen ist. eine sonderbare eigenheit 

* s. nachtrag. 

' elementa grammatices syrjaenac. conscripsit M. A. Castren. Helsingforsiae 
1844. 

J. GEIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 6 



82 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

des finnischen vocalismus ist, dasz die e und i der wurzel in 
den flexionssilben ä, ö, ü statt a, o, u, zu fordern pflegen, z. b. 
seppä faber, isä pater, was der regel des deutschen unilauts in- 
sofern entgegensteht, als dieser von der endung auf die voraus 
gehende Wurzelsilbe gewirkt wird, hier aber die Wurzelsilbe auf 
die folgenden einflieszt. dort schlägt der vocal zurück,' hier 
greift er vor. das finnische gesetz leidet jedoch sehr viele aus- 
nahmen, eben das angeführte seppä lautet in unsern liedern ge- 
wöhnlich seppo. die finnische spräche kann aber allgemein be- 
trachtet für eine der wollautendsten und gefügsten des erdbo- 
dens gelten. 

Es ist bemerkenswerth , dasz die schon bei Tacitus vor- 
kommenden namen der Finnen und Aestier von den Germa- 
nen ausgegangen [vgl. Zeusz 272], bei diesen Völkern selbst aber 
von jeher auszer gebrauch zu sein scheinen, der Finne nennt 
sein Vaterland Suomi, sich selbst Suomalainen, die estische form 
lautet Some und Somelanne, ich werde auf den sinn dieses na- 
mens zurückkommen. Estland benennt der Finne Viro , den 
Esten Virolainen. der ausdruck Finne ist um so unfinnischer, 
als der spräche dieser völker gerade der F laut gebricht. 

In der finnischen poesie, wenigstens dieser epischen, man- 
22 gelt der reim ^ und die ältere alliteration herscht, dergestalt dasz 
achtsilbige zeilen durch zwei oder drei anlaute der einzelnen 
Wörter gebunden werden: 

28,29. Mielikki metsän emäntä, 
Tellervo Tapion vaimo. 
28,55. sillon vanha Väinämöinen 
jo tuossa ohon tapasi. 
28,306. tuli tullut taivosesta, 

tullut taivahan navalta. 
nicht ganz selten laufen zeilen ohne band mit unter, z. b. 
28,308. päältä taivahan kaheksan. 
28,323. täynnä uusia lihoja. 
ist das ein zeichen, dasz sie verderbt sind? übrigens ziehe ich 



' er findet sich blosz zufällig und durch die einstimmung der flexionen her- 
bei geführt. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 83 

aus den acht silben jeder zeile einen neuen grund für die von 
mir verfochtene ansieht, dasz auch in der edda abgetheilt wer- 
den müsse 

Saem. 174. pü munt finna Fäfnis boeli 
ok upp taka aud inn fagra, 
gulli hlada ä Grana bogo, 
obschon sich die altnordische weise leicht zu zehn oder zwölf 
silben versteigt, die stäbe der alliteration beherschen aber die 
einzelnen zeilen wie in der finnischen poesie. 

Am sichersten einführen in das finnische epos selbst wird 
uns eine betrachtung der örter und länder in welchen es spielt 
und hier stoszen wir durchweg auf einen gegensatz zwischen 
heimat und fremde, dem lande der sieger und feinde, der sich 
aber in einen noch höheren zwischen süden und norden, licht 
und dunkel aufzulösen scheint, da beide länder unter mehrern 
groszentheils durchsichtigen benennungen vorkommen, erleichtert 
sich ihre Untersuchung. 

Zwei solcher namen des heldenlands, die auch in den lie- 
dern gern nebeneinander gestellt sind, verdienen nächste auf- 
merksamkeit, Kalevala und Väinölä. die finnische spräche 
pflegt ländernamen aus persönlichen oder sächlichen begriffen 2S 
durch hinzufügung eines ableitenden ala (oder den umständen 
nach ela, ola) zu bilden, z. b. von Tuoni mors wird Tuonela 
orcus, von maa terra Manala für maanala, unterirdisches land, 
unterweit hergeleitet. Kalevala 1,26. 246. 5,15. 24. 15,464, 
das vom herausgeber passend zur benennung des ganzen epos 
gewählt wurde, bedeutet ohne zweifei land des Kaleva, Kaleva 
ist ein göttlicher riese und Stammvater aller beiden, nicht an- 
ders scheint Väinölä 1,245. 5,14. 23. 15,463. 25,139. 148 ab- 
geleitet aus Väinö, dem namen eines sohns des Kaleva, gewöhn- 
lich in der verkleinernden koseform Väinämöinen geheiszen, der 
in finnischer mythologie vor allen andern hervorragt und den 
wir als mittelpunct des ganzen gedichts kennen lernen werden, 
über den sinn und Ursprung dieses wichtigen namens werde ich 
mich noch im verfolg auslassen, Väinölä darf, glaube ich, nicht 
nur als Väinös land, sondern auch als land der wonne aufge- 
faszt werden. Kalevala hingegen bedeutet zugleich riesenland. 



84 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

heldenland, weil alle beiden Kalevan pojat, riesensöhne heiszen; 
diese begriffe baben in der finnischen poesie gar nicbt das an- 
stöszige, ihnen in der altnordischen zukommende, vielmehr was 
diese von den göttlichen äsen annimmt wird bei den Finnen 
ganz auf die riesen geschoben, und die gehäszigkcit der nordi- 
schen riesen verlegt sich völlig auf die gegner der Kalevan 
pojat. abgesehn also davon, dasz sie ihre rolle ändern, sind 
die finnischen riesen vollkommen die eddischen iötnar und da 
nach eddischen begriffen lötunheimr in Finnland anzusetzen 
ist, darf schon aus diesem gründe nicht bezweifelt werden, was 
aus allem andern hervorgeht, dasz Kalevala und Väinölä nichts 
anders als Finnland selbst sei. beide Kalevala und Väinölä wer- 
den als waldbewachsen und hügelig dargestellt, nemlich ihr ge- 
nitiv episch mit aho silva recens, gerotteter wald und kangas 
24 sandhügel verbunden, es ist ein schon von menschenhand ange- 
bauter boden, der auch an der meeresküste gelegen und insel- 
umgeben war, was ein dritter name Luotola, von luoto insula 
anzeigt. 25,139. 148 stehn die pojat Väinölän, filii Väinölae und 
25,140 lapset Luotolan pueri Luotolae, 25,147 kuuli Luotolan 
populus Luotolae offenbar gleichbedeutig. 

Wie dies Luotola nicht von einem stammhelden, sondern 
einer sache hergenommen wird, sehn wir auch Pohjola und 
Sariola, zwei benennungen des feindlichen gegensatzes von 
sachbegriffen entlehnt, pohja bezeichnet fundus, dann septen- 
trio, weil der norden im grund oder hintergrund der weit ge- 
dacht wird, auch die Schweden nennen das zwischen ihnen, 
Finnland und Lappland strömende meer das bottnische, von 
bottn, ahd. podam, nhd. boden fundus. * Pohjola, das land des 
hintergrunds oder nordens wird aber häufig begleitet von dem 
beiwort pimeä tenebrosus, caliginosus 2,34. 212. 3,15. 5,44. 117. 
121, es ist der dunkle norden, und aus demselben pimeä leitet 
sich ein dritter name Pimentola, tenebrarum sedes 5,95. 231. 
6,20. 62. 13,4. 15,4. das alliterierende beiwort von Sariola lau- 
tet sumia d. i. nebulosa, tristis 2,213. 3,16. 5,45. 57. 11,149; 
in Sariola selbst mutmasze ich einen ähnlichen begrif, den ich 

* lapp. vuodn sinus maris und Norvegia, vuodo fundus. — vgl. Pott bei 
Hüfcr 1, 186. Pohjola im inärchen von Puuhaara scheint nicht Lappland. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 85 

nachzuweisen auszer stand bin, einen persönlichen namen Sarja 
gibt es nicht. 6,251. 268. 7,209. 229. 595. 618 scheint Ulap- 
pala wiederum Lappland, und vielleicht dessen kältesten theil 
anzuzeigen, vgl. ulappa locus vastus, hulappa apertura glaciei. 
eine fünfte benennung Turja 1,270 wird von Renvall Norvegia 
remota, transalpina gedeutet, 

Waren nun Kalevala, Väinölä, Luotola Finnland, so läszt 
sich in Pohjola, Pimentola, Sariola, Ulappala keinen augenblick 
Lappland verkennen, und das wird durch Turja = norwegisches 
Lappland vollends bestätigt, hierzu tritt, dasz auch in den ge- 25 
dichten Suomi als heimat der beiden von Väinölä bezeichnet 
wird 13,35. 21,279. 24,324. 32,35 und Väinämöinens saitenspiel 
Suomen soitto Finlandiae musica 22,312. 337 heiszt, er musz 
also finnisch gesungen haben und die lappische spräche war 
den beiden unverständlich: als einer von ihnen auszieht, warnt 
ihn die mutter 6,68. 69, dasz er turische spräche und lappische 
lieder nicht verstehn könne, im ersten und sechsten runo ist 
endlich auch Lappi oder Lappalainen selbst von dem be- 
wohner Pohjolas gebraucht, zwar scheinen die Finnen sich auch 
über Lappland die oberherschaft anzumaszen, wie ich aus der 
stelle 1,79 Kave Ukko Pohjan herra folgere, zwischen beiden be- 
nachbarten und sprachverwandten Völkern bestand hasz und feind- 
schaft. ein bösartiger Lappalainen heiszt 1,137. 239 kyyttösilmä, 
der scheläugige, schielende, weil die edler gebildeten Finnen 
den Lappen mongolisch oder tatarisch geschlitzte äugen zu- 
schreiben, und auf Väinämöinen nährt er alten hasz, gleichwol 
ist dieser söhn der Schwester des Lappen, 1,210. und Pohjola 
führt noch den beinamen miesten syöjä, virorum edax, dvSpoxxo- 
vos 2,35. 11,5. 150. 

Auch andere benachbarte länder werden beiläufig genannt, 
Venäjä Ruszland 13,33. 18,30. 19,8. 24,137, was ich nicht auf 
die eddischen Vanir zu ziehen wage [vgl. Wieseigren 159]; 
Ruotsi Schweden 13,36 [läpp. Ruotti Schweden, Ruotteladzh 
die Schweden], sicher nach Roden, Rodhin, Roslagen, dem 
äuszersten Upland Finnland gegenüber; Viro Estland 24,164; 
Saksa Sachsen, d. h. Deutschland; doch alle diese gegenden 
greifen nicht in die handlung des epos ein und ihrer keine wird 



86 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

von den beiden des lieds betreten, unter den finniscben land- 
scbaften selbst ist Karjala Karelien 13,13. 24,138. 26,408, 
Savoa Savolax 26,407 hervorgehoben, die ausschliesznng der 
Russen, Schvreden und Deutschen von dem Inhalt des gedichts 
scheint mir ein nicht unwichtiger grund für sein hohes alter: 
26 es entsprang zu einer zeit als die Finnen nur mit ihren alten 
nachbarn handgemein waren und jene später vorrückenden Völ- 
ker noch nicht kannten. 

Nach diesen erörterungen läszt sich der begrif und umfang 
des ganzen epos in kurze worte fassen, wie das homerische 
den zwist und die feindschaft zwischen Griechen und Trojanern 
hat es die zwischen Finnen und Lappen zum gegenständ, an- 
lasz aber war die Werbung der finnischen beiden um eine schöne 
braut aus dem Nordland und die ihnen gestellte aufgäbe, einen 
heilbringenden schätz herbeizuschafien, der in Pohjolas gewalt 
kommt, zuletzt aber von den Finnen in ihre heimat zurück ge- 
führt wird. 

Beide hauptzüge haben bedeutsame ähnlichkeit mit dem alt- 
deutschen epos, das gleichfalls auf eine brautfahrt nach der nor- 
dischen Jungfrau und den erwerb eines hortes gegründet ist, der 
in den Rhein gesenkt wird, wie jener finnische bort grösten- 
theils in den fluten des meers untergeht, obgleich diese ein- 
stimmung auch noch in andern einzelnheiten vortreten wird, 
folgen doch beide epen einer ganz abweichenden eigenthümli- 
chen entfaltung, so dasz zwischen beiden nur eine ferne Urge- 
meinschaft, kein unmittelbarer Zusammenhang angenommen wer- 
den darf. 

Schicke ich mich nun an, den Inhalt des finnischen epos 
darzulegen, so musz mir fast bangen, dasz das überreiche ge- 
flacht seiner märchenhaften in der kindlichen einfalt früher Vor- 
zeit entsprungnen begebenheiten ungeneigte hörer finden werde, 
da natürlich unstatthaft ist hier den es ausfüllenden reiz der ge- 
danken und worte in einem freigebigen und dennoch kargen 
auszuge wieder erscheinen zu lassen, die rohen aber frischen 
hebel, die einfachen aber starken bänder dieser wunderbaren 
dichtung haben wenigstens für meine Studien leicht zu ermes- 
sende anziehungskraft. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 87 

Väinämöinen, ein held oder ein gott, liegt schon dreiszig 27 
Sommer und dreiszig winter im schosz der mutter und hat sonne, 
mond und den wagen vergebens angerufen ihn doch endlich das 
licht des tages schauen zu lassen, da wird er eines nachts ge- 
boren und gleich den folgenden tag schmiedet er sich ein pferd 
leicht wie einen halm, auf dem er über das weite meer ausrei- 
tet ; ein schielender Lappe, alten hasz gegen Väinämöinen näh- 
rend stellt sich im hinterhalt, da wo die heilige flut aufwirbelt, 
und entsendet zwei pfeile umsonst, aber der dritte trift das pferd 
und nun treibt Väinämöinen auf dem meer, ein spiel der winde 
und wogen, während dieser irfahrt schaft er buchte, inseln und 
felsen; plötzlich kommt ein adler aus Turja geflogen, baut auf 
Väinämöinens knie ein nest und legt eier, Väinämöinen fühlt 
seine glieder erwarmen und rührt sich , da fallen die eier ins 
meer: aus diesen eiern schaft er sonne und mond, erde und 
Sterne, diese cosmogonische Vorstellung hat es vergessen, dasz 
er noch in mutterleib eingeschlossen schon die gestirne anrief, 
aber wen gemahnt sie nicht an die indische von Brahma und 
Vischnu, die auf einem blatt sitzend und an der zehe saugend 
schöpferisch die meere durchziehen? doch das eierlegen auf des 
gottes knie stimmt nicht minder seltsam zu der aesopischen fa- 
bel vom aexö? xal xav{}apo? [Für. 223. Remicivis 3 s. 208, fab. 
misc. s. 269. 270, Aristoph. pax 127. 129, Lysistr. 695], die über- 
haupt ein hohes alterthum kundgibt, und hier unerwartet will- 
kommenste verbürgung findet, endlich treibt ein wind den bei- 
den gegen Pohjola, dessen herrin, Louhi genannt ihn empfängt 
und die Sehnsucht des klagenden nach der heimat zu stillen 
verheiszt, wenn er ihrSampo aus gewissen dingen, die sie ihm 
angibt, schmieden wolle. Väinämöinen erklärt es nicht schmie- 
den zu können, verspricht aber nach der heimkunft seinen bru- 
der Ilmarinen zu senden, der damit besser zu stand kommen 
werde, und auf solches gelübde hin entläszt ihn Louhi. 

Sampo, gen. Sammon musz nun etwas allgemein bekanntes 28 
gewesen sein, weil es Louhi geradezu unter diesem namen be- 
gehrt, Väinämöinen aber gleich darauf eingegangen wäre, wenn 
ihm nicht die sache schwierig geschienen hätte, aber weder 
die finnische noch eine andre mir bekannte spräche weisz den 



88 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

ausdruck zu deuten, die vier dinge, aus welchen es geschmie- 
det werden soll, sind eine schwanfeder (joukkosen sulka), ein 
kraut ackerwolle (villan kylki), ein gerstenkorn (otrasen jyvä) 
und ein stück von einer spindel (värttinän muru), ' in den s. 239 
beigefugten Varianten wird eines lammes knochen und einer un- 
fruchtbaren kuh milch hinzugefügt, es scheint mir als solle 
überhaupt pflügen, säen, Viehzucht und spinnen dadurcli bedingt 
werden, das gerstenkorn hat bei vielen Völkern für die grund- 
lage alles landmaszes gegolten und drückt auch in imsern lie- 
dern anderwärts die geringste grösze aus 17,625. 27,138. villan 
kylki, wenn ich diese worte richtig fasse, das schwed. äkerull, 
dän. ageruld ein zauberkräftiges kraut (mythologie s. 1228), 
griech. T^pi"j'£p«>v, lat. senecio hat wollige blätter und daher den 
namen. welcher aufschlüsse über diese bestandtheile man auch 
noch bedürfe ; das fallt mir auf, dasz in einem färöischen volks- 
liede das nahen und die hilfe der drei götter Odin, Hoener und 
Loki an ein gerstenkorn, eine schwanfeder und an ein fisch- 
samenei geknüpft ist. "^ auf jeden fall musz also in der Vorstel- 
lung etwas enthalten sein, was ihr ein von frühe an im norden 
gegründetes alterthum zusichert, beständig wird neben dem • 
sampo ein dazu gehöriger bunter deckel, kirjokansi genannt, 
29 vielleicht ein buntes darüber gebreitetes tuch. Sampo selbst 
scheint aber in pflanzenweise fortzuwachsen, es heiszt, dasz es 
auf einem steinfelsen zu Pohja in der tiefe von neun faden wür- 
ze! faszte, die eine wurzel in die erde schlug, die andere im 
rand des wassers, die dritte im berg der heimat (kotimäki) stand 
(5,310) und diese festhaftenden wurzeln müssen späterhin, als 
die finnischen beiden wieder in den besitz des hortes gelangen, 
ausgepflügt werden (23,65), doch das merkwürdigste ist die 
eigenschaft des Sampo zu malen: gleich nachdem es geschmie- 
det war begann es bei tages anbruch drei kästen getraides zu 
malen, einen zum aufessen, den andern zum verkaufen, den drit- 
ten zum bewahren, es ist also identisch mit der wunderbaren 
müle des nordischen königs Frodi, welche alles was man ihr zu 



' man erinnert sich bei dieser Zusammensetzung an den eddischen Gleipnir, 
der aus sechs stücken gemacht wurde. Snona edda s. 34. 

* Lyngbjes fdröiske qväder. Randers 1822 s. 502 — 516. 



I 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 89 

malen aufgab malen konnte, gold, salz und jede art von glück*; 
die Vorstellung einer solchen wünschelmühle musz in früher zeit 
unter allen deutschen Völkern gewaltet haben, wie ich bei andrer 
gelegenheit ausführlich beweisen werde: es sei hier nur an die 
mülen unseres noch lebenden Volksliedes erinj^ert, welche über 
nacht oder an jedem morgen (ganz wie 5,299. 347 puhtehessa, 
tempore antelucano) silber und gold malen (Uhland 1,77); ist 
es von der aufsteigenden, den horizont vergoldenden tagesröthe 
hergenommen? Sampo war ein wünschelding, dessen besitz, 
gleich dem des Graal, jegliche art von glück zu wege brachte. 

Im begrif nach haus zu fahren erblickt Väinämöinen die 
schöne tochter des nordens auf dem regenbogen sitzen, ihre 
goldne weberspule hin und her werfen, eingenommen von ihrem 
liebreiz bittet er sie ihm zu folgen; sie aber stellt ihm zwei 
schwere aufgaben, mit einem stumpfen messer ein haar zu spal- 
ten und um ein ei einen knoten, ohne dasz man ihn merken 
könne, zu schlagen, als er beides geleistet hat fordert sie auszer- 
dem, dasz er aus stücken ihrer spindel ein boot zimmere, ohne 
mit der axt den felsboden zu berühren, drei tage hat er glück- 30 
lieh schon daran gearbeitet, am dritten aber trift die axt den- 
noch den stein, springt zurück und verwundet Väinämöinens 
fuszzehe, aus welcher alsobald das blut in strömen rinnt, ver- 
geblich ist alle mühe es zu hemmen ; Väinämöinen hat den sprach 
vergessen, mit dem man blut stillen kann, und aus der zehe des 
göttlichen mannes strömt eine solche masse blutes, dasz die 
ganze gegend davon bis zu den bergen überschwemmt wird, 
gerade so läszt eine deutsche volkssage aus der verwundeten 
zehe eines riesen eine Überschwemmung aufwachsen, endlich 
nach vielem umher suchen wird Väinämöinen eines Zauberers 
habhaft, der die hemmende formel weisz, sie aber erst dann aus- 
zusprechen bereit ist, nachdem ihm Väinämöinen den mythus 
vom Ursprung des eisens, einen der seltsamsten und tiefsinnig- 
sten, den ich aber hier vorbeilasse, erzählt hat. ** 

In Väinölä angelangt zaubert Väinämöinen im wald eine 



kvärnen til at male sild og velling. Norske event. 314. til at male Salt. 316. 
vgl. anm. des russ. übei-s, s. 22, 



90 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

fichte, auf deren gipfel der mond, auf deren zweigen der him- 
melwagen steht, dann fordert er Ilmarinen seinen bruder, 
den kunstreichsten schmied auf zur fahrt nach Pohjola, wo er 
Sampo schmieden und zum lohn dafür die schöne Jungfrau des 
nordens erlangen solle. Bmarinen weigert sich nach dem män- 
nermordenden lande zu ziehen; da lockt ihn Väinämöinen auf 
jenen bäum, um den mond und wagen herunter zu langen. Il- 
marinen erklettert ihn eben, als Väinämöinen schnell einen Wir- 
belwind herbeiruft, dem er befiehlt seinen bruder unverzüglich 
nach Pohjola überzuführen. Louhi empfängt diesen gastfreund- 
lich und Ilmarinen bringt Sampo zu stand, ohne dasz es ihm 
gelingen will die liebe der schönen tochter zu erwerben. * 

Das lied führt uns jetzt einen dritten, jüngeren bruder auf, 
dem es überhaupt grosze gunst zuwendet, wie das schon aus 
31 seinem ständigen beinamen lieto (der frohe, muntere) Lemmin- 
käinen hervorgeht, auch ihn gelüstet die fahrt nach Pohjola zu 
bestehn, und aller warnung seiner abmahnenden mutter unge- 
achtet tritt er den weg an, nachdem er sich vorher die locken 
gekämmt und den kämm auf den sparren geworfen hat: wenn 
einmal blut aus den zinken des kamms triefe, sei es um sein 
leben geschehn. ähnliche kennzeicheu hinterlassen sich freunde 
beim abschied auch in deutschen märchen. glücklich angelangt 
begehrt Lemminkäinen Louhis tochter, ihm aber werden drei 
andre aufgaben gestellt, ein wildes elenthier, ein schnaubendes 
pferd zu fangen und einen schwan auf Tuonelas flut zu schie- 
szen. der beiden ersten abenteuer entledigt er sich, doch dem 
ströme der unterweit nahend wird auch er von einem lauernden 
alten Lappen, den er beleidigt hatte, ins herz getroffen und in 
den todesstrom geworfen. Tuonis söhn haut den leichnam in 
stücke, in Lemminkäinens heimat war der hinterlassene kämm 
täglich betrachtet worden, als blut von den zinken rinnt, fliegt 
seine trauernde mutter mit flügeln, d. h. in gestalt einer lerche 
nach Pohjola und zieht erkundigung ein nach dem geliebten 
söhn. Louhi, durch drohungen genöthigt, bekennt endlich, welche 
aufgäbe ihm geschehn war. nun läszt sich die mutter einen 

* Louhi auch im märchen von Puuhaara, 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 91 

eisernen rechen schmieden, fliegt damit zum Tuonistrom, recht 
ans dem boden des flusses alle stücke von Lemminkäinens leib 
zusammen, fügt sie sorgfältig zu einander und wiegt sie solange 
auf ihrem schosz, bis das leben in sie zurückkehrt und der 
söhn zum andern male aus dem schosz der mutter geboren 
wird, wie lebhaft schildert das ihre liebe, dasz sie selbst für 
ihn sich den gefahren aussetzt, vor welchen sie ihn vorher ge- 
warnt hatte. 

Väinämöinen und Ilmarinen ihrerseits rüsten sich zu neuer 
brautfahrt nach Pohjola. Väinämöinen will durch zauberlied 
ein boot zimmern, kann es aber nicht vollenden, weil ihm drei 32 
Zauberworte gebrechen, der erste versuch ihrer in Tuonela hab- 
haft zu werden misglückt; da besinnt er sich, dasz Vipunen, 
der schon lange begraben in der erde liegt und über dem ein 
dichter wald aufgewachsen ist, ihrer vor allen kundig sein' müsse* 
zu dem grabe führt ein mühevoller pfad über frauennadelspitzen, 
männerschwertecken und heldenstreitäxte. Väinämöinen aber 
hat sich mit eisernen schuhen und handschuhen ausgerüstet und 
gelangt glücklich zur stelle, er fällt den wald auf dem grab 
und treibt eine eisenstange in Vipunens mund, der aus seinem 
todesschlummer erwacht, den mund weit öfnet und Väinämöi- 
nen verschluckt, dieser in Vipunens magen richtet sich eine 
schmiede ein und beginnt zu hämmern, dasz Vipunen in die 
gröste noth versetzt durch zaubergesänge sich von dem unbe- 
quemen gast zu befreien strebt, so wird Vipunen gezwungen 
seinen vollen wortvorrath zu erschlieszen: er singt tage und 
nachte, sonne, mond und wagen stehn still, meer und flut hören 
auf zu schwellen, um seinem gesang zu lauschen. * die ganze 
fahrt zum grabhügel Vipunens mahnt an Odins zug zum schnee- 
bedeckten hügel der Vala, die er zwingt ihm rede zu stehn. 
reichlich mit worten ausgestattet kehrt nun Väinämöinen heim 
und vollendet das begonnene boot. als er aber im boote nach 
Pohjola fährt, erlangt Ilmarinen kundo davon und macht sich 
auf den landweg, beide brüder treffen zu gleicher zeit ein und 
werben, die Jungfrau erklärt sich dem jüngeren Ilmarinen, der 

* Possart Estl. s. 173 macht aus Vipunen eine fran. 



92 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

Sampo geschmiedet habe, geneigter, doch soll er vorher noch 
einen schlangerfüllten acker pflügen, wölfe und baren zähmen 
und in Tuonelas ström einen hecht ohne netz fangen, welchen 
forderungen er allen genügt. 

Nun wird die hochzeit in Pohjola gerüstet, man will einen 
Ungeheuern ochsen schlachten, dessen schwänz Tavastland, des- 
33 sen haupt Kemi berührt, der eine fusz trampelt in Olonetz, der 
andere auf Turjas alpe, der dritte am flusz Vuoksen, der vierte 
in Lappland, eine schwalbe hatte den ganzen tag zwischen 
seinen hörnern zu fliegen, das eichhorn einen ganzen monat vom 
einen ende des Schwanzes bis zum andern zu laufen und muste 
in der mitte seiner wege auf dem schwänze zu nacht rasten, 
lange aber findet man keinen schlächter, der diesen ochsen ge- 
fällt hätte, endlich erhebt sich ein kleiner mann aus der mee- 
resflut, daumenlang und drei finger hoch mit einem hart, der 
zum knöchel niederreicht und steinerner mutze; goldnes messer 
trägt er und tödtet mit einem streich das thier, mit dessen fleisch 
hundert körbe, jeder hundert faden grosz, mit dessen blut sie- 
ben böte gefüllt werden, darauf spricht Louhi, wir wollen bier 
brauen und ich weisz seinen ursprvmg nicht; siehe da sauset 
hopfen vom bäum, rauschet wasser vom ström und schnurrt 
gerste vom acker her: wann werden wir zusammen kommen 
und in gährung gerathen? Osmotar die brauerin legt alles zu 
einander, sie wollen nicht gähren. ein eichhorn und ein mar- 
der, schnell durch händereiben erschaflfen, werden in den wald 
entsendet um herbeizuholen, was das bier in gährung bringen 
soll, immer umsonst, zuletzt wird auch Mehiläinen die biene 
geschaflPen, welche über neun meere fliegt zu einer in schlaf ge- 
sunknen Jungfrau, um die herum goldne gräser, silberne blumen 
sprieszen. Mehiläinen taucht ihre flügel in den honigthau des 
grases und fliegt damit heim; kaum hat Osmotar dieses honigs 
einen tropfen in das bier gethan, als es zu gähren anhebt und 
gewaltig schäumt über eimer und gefäsz in die tonne des kel- 
lers: soll ich aber getrunken werden, musz man mich besingen, 
ruft das bier aus, sonst sprenge ich meine bände. * schnell läszt 

* andres lied vom bierbrau. Kant. 1. no. 110, 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 93 

die Wirtin alles volk entbieten, arme und reiche, blinde und 
lahme, Väinämöinen nicht zu vergessen, doch den unbändigen 
Lemminkäinen läszt sie ungebeten, dann folgt umständlich wie 34 
bräutigam mit seinem geleit und die gaste zur hochzeit ein- 
treffen, Väinämöinen, der es seinem bruder nicht entgelten läszt, 
dasz er ihm die braut vorweg genommen hat, bleibt nicht aus 
und erheitert alle gaste durch seinen süszen gesang. 

Hierauf wird der braut abschied aus der heimat geschil- 
dert; Louhi wirft ihrer tochter vor leichtsinnig die wohnung der 
voreitern aufzugeben, aus der mutter reden und der tochter ant- 
worten bricht warme Vaterlandsliebe vor. wie kann ich, sagt 
diese, meiner mutter milch, meines vaters gute bezahlen? (millä 
maksan mainmon maion, millä isoni hyvyyen? 15,344.) -dann 
verabschiedet sie sich von allen leuten und Sachen der goldnen 
heimat [Schiefner 24, 443. ed. 1849 s. 176. 1862. 24, 139. Ca- 
stren 1, 182], richtet an stube, kammer, thür, schwelle und hof 
besondre worte. * und noch aus Ilmarinens Schlitten ruft sie 
den bäumen, Sträuchen, zweigen, beeren und wurzeln ihr lebe- 
wol zu. als sie ein stück weges mit dem bräutigam gefahren 
ist und einen acker sieht, fragt sie: wer hat da querüber ge- 
sprungen? Ilmarinen versetzt: der hase hat hier querüber ge- 
sprungen, des hasen söhn die spur getreten; die braut erwiedert: 
ach besser wäre mir auszusteigen und in des hasen fuszspur zu 
treten, als hier im Schlitten zu bleiben! dieselben fragen und 
antworten wiederholen sich noch zweimal, als sie der spur eines 
fuchses und baren vorüber fahren; die empfindung ist um so 
zarter, da sie in den mund feindlicher Lappinnen gelegt wird. 
in Ilmarinens wohnung bereitet dessen mutter der braut den 
freundlichsten empfang und auch bei diesem anlasz sind die fal- 
lenden reden ein zeugnis für die gesittung der völker. 

* den wenden danken P, 52. lebe wol, du guter boden, wie oft hat der 
alte Daniel dich abgefegt, lebe Vol du lieber ofen, der alte Daniel nimmt schwe- 
ren abschied von dir. Schiller 137'. hütte. Güthe 57, 140. Stella zu den wän- 
den. Göthe 10, 155. sie wollte nur zu guter letzt ihre vorige zimmer besehen 
und von diesen leblosen dingen adieu nehmen. Geländer vcrl. stud. 89. farewell 
ye hills of Cannor! ye mossy tower! Smith an tiq. 351. schöne stelle Renaus 74, 
27—32. Philoktet bei Sophokles 1450 ff. nimmt abschied von haus und quellen, 
etiam nunc saluto te, lar familiaris, priusquam eo. Plaut, mil. glor. 1340. 



94 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

35 Lemminkäiuen begibt sich auch ungebeten auf die fahrt, 
trift aber erst ein als das fest bereits geendet hat; verdrieszlich 
heischt er neues gastmal und Louhi entsendet ihre magd es zu 
bereiten, diese ärgerlich legt giftige schlangen und nattern ins 
bier, worauf er entrüstet hier gegen bezahlung verlangt; das 
war der härteste schimpf, den man im alterthum der gastfreund- 
schaft bieten konnte, auch ertragen ihn die Lappen nicht, und 
Louhis söhn, dessen name so wenig als der seiner Schwester ge- 
nannt wird, fordert Lemminkäinen zum Zweikampf, die beiden 
messen ihre klingen, der Lappe, der die längere aufzeigt, hat 
den ersten hieb; Lemminkäinen enthauptet aber seinen gegner 
und flieht nach haus. Lemminkäinens fernere abenteuer lasse 
ich hier unberichtet. 

Das lied wendet sich (runo XIX) zur erzählung, wie II- 
marinens eheglück bald zerrinnt. Kullervo ein riesensohn, der 
schon drei nachte alt seine binden zerrissen hatte, wird als knecht 
nach Karelien geführt und dem schmied Ilmarinen verkauft für 
zwei zerbrochene kessel, drei alte hafen, fünf ausgewetzte sicheln, 
sechs verdorbene messergriflfe , also den allergeringsten preis, 
gleich den ersten tag begehrt Kullervo arbeit von seinem herrn, 
man giebt ihm das kind zu wiegen, er tödtet es und verbrennt 
die wiege, am folgenden tag entsandt wald zu rotten zerstört 
er den wachsthum der bäume und macht allen boden untaug- 
lich zur saat. was man ihm aufträgt verrichtet er echteulen- 
spiegelisch immer alles verkehrt, den sechsten tag soll er das 
vieh hüten, die hausfrau durch den schlecht entschuldigten tod 
ihres kindes hart verletzt backt ihm in sein brot einen stein ; 
als er frühstücken will und sein messer auf den stein stöszt, 
erzürnt er und sinnt auf neue räche, nachdem er das vieh ge- 
tödtet hat, fängt er wölfe und baren, macht sich aus der kuh 
bein ein blashorn, aus des ochsen hörn eine pfeife, aus des 
kalbes fusz eine flöte, beginnt zu blasen und zu spielen die wil- 
den thiere vor sich her treibend, die frau hört blasen und du- 
deln, dasz ihr die obren springen; sie tritt ihm entgegen und 

36 meint ihre herde zu melken, als baren und wölfe von Kullervo 
dazu aufgefordert über die arme herfallen und sie zerfleischen; 
vor ihrem ende spricht sie eine Verwünschung aus, der aber 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 95 

Kullervo eine andere schnell entgegensetzt, dann zieht er fröh- 
lich blasend in den krieg ^, unbekümmert um die ihm zulan- 
gende nachricht, dasz vater, mutter und frau gestorben seien. ^ 
diesen gesang halte ich für einen der schönsten des ganzen epos; 
Ilmarinens hausfrau, als sie ihre herde in den wald entsendet 
und wieder heim erwartet, spricht gebete zu deren schütz und 
gedeihen aus von seltner anmut, die uns einen tiefen blick in 
das finnische landleben werfen lassen, und der abstich ihrer in- 
nigen Sanftheit von Kullervos rohem heldenübermut kann un- 
möglich seine wirkung verfehlen. * 

Ilmarinen in trauer versunken um seine geliebte ehefrau, 
nach langem weinen und klagen, fällt endlich auf den gedanken, 
sich eine andere aus gold und silber selbst zu schmieden, diese 
seltsame Vorstellung begegnet auch in estnischen und serbischen 
liedern; als der kunstreiche bildner, ein zweiter Pygmalion hand 
ans werk gelegt hat, gelingt es über die masze, doch der bild- 
schönen braut vermag er weder spräche noch wärme einzuflöszen, 
sie ruht nachts an seiner seite, aber ihm entgegen aus dem gold 
und silber strömt nur kälte, da entschlieszt er sich, als müsten 
alle Jungfrauen aus dem Nordland geholt werden, zu einer neuen 
fahrt nach Pohjola um Louhis jüngere tochter, kehrt jedoch un- 
verrichteter dinge zurück. Väinämöinen fragt den heimreisen- 
den, wie es dort im lande stehe? Ilmarinen antwortet: leichtes 
leben ist in Pohjola, weil sich dort Sampo findet, da ist pflü- 
gen, säen, wachsthum und ewiges glück. 

Beide brüder, Väinämöinen und Ilmarinen, fassen jetzt den 37 
plan, nach Pohjola zu ziehen und, es koste was es wolle, sich 
des Sampo wieder zu bemächtigen, unterwegs aber gesellt sich 
ihnen auch Lemminkäinen bei als dritter waffengenosz. auf dem 
meer rennt sich das boot auf den schultern eines Ungeheuern 
hechtes fest, welchen Väinämöinen tödtet und dessen zahne ihn 
auf die erfindung der unter dem namen Kantele bekannten harfe 

' vgl. Kanteletar 3 no. 30. (oben s. 17.) 

* dem heimkehrenden Thor verkündet Harbardr, dasz seine mutter todt sei: 
daud hygg ec at f)in niodir sc. Ssem. edda. 75. 

* Kullervo mahnt zugleich an Fjulenspiegel und Sigfried. über Kullervo ein 
aufsatz von Schott in den Berl. abh. 1852 s. 209 — 236. 



96 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

bringen, als sie vollendet ist versuchen alle darauf zu spielen, 
doch niemand vermag es ihr die rechten töne zu entlocken, da 
greift Väinämöinen selbst in die harfenstränge, weckt die freude 
und singt allmächtige lieder, welchen thiere, vögel und fische 
zu lauschen nahen, tausende von finken und zeisigen lassen sich 
auf seine schultern nieder, alle beiden brechen aus in thränen: 
über Väinämöinens wangen selbst rollt eine flut von zähren, sie 
flieszen hinab ins meer und bilden edelsteine [perlen 22,365]. 
wer wird, ruft er aus, meine thränen in den klaren wogen 
pflücken? die blaue ente (sininen sotko) ist es, die ihren Schna- 
bel in die kühle flut taucht und Väinämöinens thränen pflückt; 
wer die serbischen lieder kennt, weisz dasz es die wunderbare 
utva zlatokrila, goldgeflügelte ente ist. 

Die froh und tieferregte gesellschaft erreicht nun Pohjola, 
ohne zaudern erklärt Väinämöinen, dasz sie gekommen seien 
Sampo zu theilen. Louhi sucht aber mit einem alten Jägerspruch 
auszuweichen: das hermelin könne nicht getheilt werden, das 
eichhorn sei für drei zu wenig (ei oo kärpästä kahelle, oravass' 
osoa kolmen 23,15. 16.). diese untheilbarkeit oder schwierige 
theilung des hortes scheint wieder ein zug, der dem finnischen 
und deutschen epos gemein ist; den Nibelungen entsprang zwist 
und hader über der theilung des Schatzes, bis Siegfrieds ge- 
walt dazwischen fuhr, auch die finnischen beiden, als die gute 
38 fehlschlägt, schreiten zur gewalt. Väinämöinen bringt durch Zau- 
ber zu wege, dasz ein tiefer schlaf auf alle Nordleute fällt; sei- 
nem sanof und Ilmarinens kunst öfnen sich dann die verrosteten 
thüren zu der bürg, in welcher Sampo verwahrt liegt, dessen 
wurzeln ausgepflügt werden müssen, endlich ist es gelöst und 
die beiden tragen es zum boot, ihre rückfahrt beginnend, schon 
drei tage sind sie unterwegs und die küste der heimat schim- 
mert ihnen entgegen, als Väinämöinen allzufrüh ein siegeslied 
erschallen läszt. ein kranich hat den gesang vernommen und 
schreit so laut auf, dasz ganz Pohjola plötzlich erwacht. Louhi 
findet sogleich, dasz Sampo geraubt ist und fleht zu Ukko dem 
gott, dasz er stürm errege und die fahrt der beiden auflialte. 
Ukko erhört die bitte, und nun werden die beiden auf der flut 
umgetrieben. Louhi hat ein fahrzeug gerüstet sie zu verfolgen, 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 97 

als es naht, schaft Väinämöinen einen felsgrat zwischen beiden 
schiffen. Louhi aber wandelt sich in einen adler, dessen riesen- 
mäszige schwingen alle männer des nordens in sich aufnehmen, 
und dieser adler fliegt auf den mast von Väinämöinens boot, 
und schlägt die klaue in Sampo ein um es fortzuziehen. Ilma- 
rinens und Lemminkäinens Schwerter fruchten nichts, doch Väi- 
nämöinen führt kräftige streiche mit dem rüder und Louhi, nach- 
dem sie alle finger auszer dem kleinen verloren hat, stürzt nieder 
ins boot. dennoch war es ihr gelungen, das mit dem kleinen 
finger ' festgehaltene Sampo ins meer zu schleudern, dasz es in 
stücke brach, ein theil dieser stücke fiel in den grund des .39 
meers, und davon rühren die schätze des meers her, ein kleiner 
theil wird vom stürm an den Strand von Kalevala geworfen und 
davon stammt Kalevalas wolstand, Louhi behielt nichts als den 
deckel (kirjokansi), darum herscht nun in Lappland elend und 
brotloses leben. 

Väinämöinen sammelt die an den Strand getriebnen stücke 
und händigt sie dem Sampsa Pellervoinen ein, damit das gefilde 
fruchtbar zu machen, das ist ein genius des ackerbaus und 
sein name Sampsa hängt deutlich zusammen mit Sampo selbst. 
Pellervoinen sät aus und alle bäume wachsen auf, nur die eiche 
will anfangs nicht gedeihen, endlich aber schieszt sie so mäch- 
tig in die höhe, dasz ihre kröne in die wölken reicht, und sonne 
und mond durch ihre äste verdunkelt werden, sie heiszt gottes 
bäum, puu jumalan, genau wie die deutsche Donnereiche, die 
griechische 8pus ut^nxojxo? Ato?. man beschlieszt endlich sie zu 
fällen, wozu sich ebensowenig jemand vorfindet als zum schlach- 
ten jenes stiers, und gerade so musz wieder ein däumling mit 

' 23,391 sormella nimettömällä , mit dem ungenannten finger, während es 
vorher 378 hiesz, dasz nur der kleine finger, yksi sakari sormi, an der hand ge- 
blieben sei, der ungenannte finger musz also derselbe sein, obwol ihn andere 
durch den ringfinger oder goldfinger erklären, auch in Hartliebs buch von der 
Zauberei (anhang zur mythol. s. LX) kommt die benennung ungenannter finger 
,Tor. als der ungcbornc Väinämöinen sich aus dem schosz der mutter zu lösen 
beginnt, thut er es wiederum (1,103): sormella nimettömällä. [namenloser = vier- 
ter finger. Schiefner finn. märch. 620. vgl. Pott zählmeth. s. 284. 287. auch den 
nordamericanischen Mönitarris heiszt der dritte finger der 'ohne namen', es ist 
unser vierter, weil sie den daumen besonders rechnen und vom ersten finger zu 
zülilon beginnen, reise des prinzen von Wied 2, 567.] 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 7 



98 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

der Steinmütze dem meer entsteigen und den göttlichen bäum 
fällen, nun wird die saat und ausstellung vollendet, alle fruchte 
gedeihen in höchster pracht. jenes sammeln der am Strand trei- 
benden Sampostücke vergleiche ich den zwei bäumen, die Bors 
söhne am ufer fanden und aus denen sie nach der sinflut ein 
neues menschenpaar Askr und Embla schufen. 

Louhi neidisch über Kalevalas wolstand strebt aber Väinä- 
möinens edles werk zu vernichten, erst ruft sie krankheiten 
und Seuchen hervor, die Väinämöinen wieder verbannt, dann 
schlieszt sie durch zauber sonne und mond ein in Pohjolas fcl- 
senberg, sechs jähre lang wird die sonne, acht jähre der mond, 
40 neun jähre der wagen, zehn jähre das übrige himmelsgestirn 
vermist ^. Väinämöinen und Ilmarinen steigen auf das höchste 
gewölbe des himmels, zu untersuchen, welche Ursache das licht 
der sonne und des mondes verberge. 

Hier wird ein lied vom wmiderbaren Ursprung, verlust und 
wiederfinden des feuers eingeschaltet, das nicht völlig an diese 
stelle zu gehören scheint. 

Als sonne und mond fortfahren unsichtbar zu bleiben, soll 
Ilmarinen auf Väinämöinens geheisz andere aus silber und gold 
schmieden, und die brüder festigen sie am gewölbe des him- 
mels; aber sie strahlen kein licht aus, wie die geschmiedete frau 
keine wärme, darauf wird ein neuer zug nach Pohjola beschlos- 
sen, um zu erkunden, wohin sonne und mond gebracht seien. 
Väinämöinen fordert des nordens söhne zum kämpf, die klin- 
gen werden gemessen, seine ist um ein haar breiter und darum 
hat er den ersten hieb, er tödtet alle gegner und will sonne 
und mond aus ihren banden lösen, kann aber nicht in den fel- 
senberg dringen, und kehrt heim, um bei Ilmarinen geräthe zu- 
holen, das die felsen aufschlieszt. während Ilmarinen geschäftig ■ 
ist es zu schmieden, kommt Louhi in gestalt einer lerche zur. 
schmiede geflogen und setzt sich ans fenster, wie Athene in del 
Odyssee als schwalbe am [jLsXaöpov sitzt, was schmiedest du d| 

' auch in der edda (Sn. 45. 46) verlangt ein riese von den göttcrn sonn 
und mond, die er mit sich nach Jotunheim führen will, [sonne in einem feste 
thurm gefangen. Aen. Sylvius. aus ihm bei Tettau und Temme prcusz. sag 
no. 24. und Kurland. Sendungen 2, 6. neue preusz. prov. bl. 1, 299.] 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 99 

künstliches? fragt sie den Ilmarinen. einen halsring, antwortet 
er, für die schlimme frau von Pohja. betroffen von diesen wer- 
ten (die an einen zug deutscher sage mahnen, vgl. DS. no. 463) 
entfliegt die lerche, schnell bringt Louhi sonne und mond wie- 
der auf ihre alte stelle am gewölbe des himmels und fliegt als 
taube in die schmiede um es zu melden. Ilmarinen säumt nicht 
die frohe künde dem Väinämöinen zu hinterbringen, der die 
langvermisten gestirne erblickend sie mit einem feurigen liede 
bewillkommt. 

Dies ist der eigentliche Inhalt des in ununterbrochener hand- 41 
lung fortschreitenden, die anfmerksamkeit der hörer unablässig 
spannenden epos. es folgen aber noch fünf andere merkwürdige 
und schöne, sämtlich auf Väinämöinen bezügliche lieder ^, von 
welchen ich fast keinen auszug mittheile, wie liesze sich auch 
ein solcher versuchen von dem 28 gesang, der mit wahrhafter 
begeisterung und dem reichsten aufwände von poesie eine bären- 
jagd schildert, das allen nördlichen Völkern, Finnen, Lappen, 
bis zu den Ostjaken hehre und mit überall ähnlichen gebrauchen 
noch jetzt gefeierte fest? wenn diese Völker den baren, dem 
von ihnen menschlicher verstand und zwölf männer stärke bei- 
gelegt wird, jagen und erlegen, pflegen sie lieder an ihn zu 
richten, in welchen sie sich verblümt entschuldigen, dasz sie ihn 
getödtet haben, unter wechselgesängen wird er heimgeführt, zer- 
stückt, gekocht und genossen, dies 603 verse enthaltende lied 
scheint mir wieder eins der wichtigsten der ganzen reihe und 
voll willkommner aufsehlüsse über die naturanschauung und 
dichterische phantasie der Finnen. Runo 29 meldet dasz die 
wunderbare harfe ins meer gefallen ist und nun Väinämöinen 
eine neue aus einer birke schaff; sie entzückt dergestalt, dasz 
der adler seine jungen im neste läszt und herangeflogen kommt 
um ihren tönen zu lauschen: wie einfach und innig drückt die- 
ser eine zug die unwiderstehliche wirkung der poesie aus. die 
drei letzten gesänge schildern einen Wettstreit zwischen Väinä- 
möinen und Joukahainen, der an eddische lieder gemahnt, hier 



' (leren Zusammenhang mit den vorausgehenden in einzelnen zügen nicht 
zu verkennen ist; so spielt 28,30G ft". auf 26,52 fF. an und 29,7 auf 23,180. 

7* 



100 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

aber noch tiefere haltung hat. im letzten gesang knüpft sich 
der mythus von Väinämöinen sinnreich an den christhchen, ein 

42 neuer glaube schimmert, und droht den alten, an welchem die 
Seele des dichters bis auf den letzten verklingenden ton festhält, 
zu stürzen. 

Mitten durch die lebendige ausstattung^ welche das epos 
seinen beiden verliehen hat, läszt sich auf mythischen grund 
schauen, ihre menschliche schwäche wird nirgends versteckt, 
sie klagen über ihr loos, weinen und sind Unglücksfällen blosz- 
gestellt, die sie nicht auf der stelle überwältigen können; öfter 
hingegen und desto gewaltiger bricht ihre göttliche kraft und 
thätigkeit vor. Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkainen sind 
unverkennbar wirkliche götter und bilden eine bedeutsame tri- 
logie, die wenn auch noch nicht vollkommen erklärbar denen 
anderer mythologien gleicht, das introite nam et hie dii sunt 
darf ich ausrufen, und ich will versuchen einige nähere andeu- 
tungen mitzutheilen. 

Den finnischen sprachen ist wie der deutschen und slavi- 
schen ein allgemeiner ausdruck für das höchste wesen, seinem 
lautersten begriffe nach eigen, der darum auch seit der bekeh- 
rung zum christenthum nicht brauchte aufgegeben zu werden, 
unserm worte gott, dem slav. bog, entspricht das wolklingende 
finnische jumala und wenig verändert reicht es vom äuszersten 
Lappland bis über den Ural, für diesen jumala gibt es keinen 
einzelnen namen, er kann allen göttern zugehören, so heiszt 
Hiisi gen. Hilden ein sonst beinahe teuflisch geschilderter riese 
7,31 jumala, als er im begrif steht ein elenthier zu erschaffen. 
25,276 redet den jumala eine gebetformel kaunonen jumala, mil- 
der gütiger an , 52,275 vakainen luoja starker schöpfen zu ju- 
mala tritt aber ein verstärkendes yli superus, wenn Ukko der 
höchste donnergott genannt werden soll, besonders in der wie- 
derkehrenden gebetformel: oi Ukko ylijumala 17,360. 19,476. 
23,167. 24,47. 25,61. 214. Ukko erscheint aber nicht mehr auf 
erden und wird im liimmel thronend gedacht, Ukko drückt zärt- 

43 lieh aus groszvater, die höchste gottheit wird altväterlich ge- 
dacht, weshalb es von dem donner heiszt: der altvater donnert, 
Ukko pauha, [Ukko iskee tulta, schlägt feuer, blitzt,] und er 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 101 

wird pauanetta (donnerer) angerufen 23,160. Ukko sendet schnee 
und hagel 7,535. 17,372. 450, wie der griechische vater Zeus; 
in wiederkehrender forme! heiszt es von ihm: Ukko taivahan 
jumala, 22,35 (gott des himmcis); Ukko taivahan napanen, re- 
mupilven rennahinen 7,523. 10,191 (des himmels nabel, der 
krachenden wölke nachbar). 26,513 steht Ukko kultanen kunin- 
gas (goldner könig). 

Nun zeigt sich aber spur seiner unmittelbaren Verwandt- 
schaft mit dem geschlecht der riesen oder beiden, jener Vi- 
punen nemlich, an dessen grabhügel Väinämöinen wandert, um 
Worte des gesangs und der Weisheit aus des entschlafnen munde 
zu vernehmen, wird 10,178 geradezu als Ukon poika (Ukkos 
söhn) und 10,13 als vanha Kaleva (alter riese), 10,43 als Ka- 
leva bezeichnet, den sinn des namens Vipunen kann ich noch 
nicht enthüllen (da vipu tolleno, winde, unpassend scheint) ; es 
genüge, dasz er söhn des Ukko und gleichviel mit Kaleva wie- 
derum Väinämöinens vater, folglich Ukko Väinämöinens grosz- 
vater sein müsse. 31,65 ist Väinämöinen ausdrücklich Kale- 
vainen, d. h. Kalevas söhn genannt; 10,180 ein ungenannter 
bruder Vipunens als beherscher des himmels und der wölken 
aufgeführt, zu dem geschlecht der götter steigt also das der 
riesen auf, von den göttern gehn die riesen aus, die, wie schon 
gesagt wurde, in der finnischen mythologie edler gehalten sind, 
als in der nordischen, den nordischen göttern stehn die riesen,. 
wie den finnischen riesen die Lappen entgegen. 

In dieser beziehung hebe ich noch hervor, dasz die nordi- 
schen riesen den beinamen der treuen und alten führen, ge- 
nau wie Väinämöinen ständig der treue, alte (vaka vanha) 
heiszt, und Kaleva der alte. 

Sei nun Kaleva bloszes appcllativ, um den begrif gött- 
licher riesen auszudrücken oder ursprünglicher eigenname, eine 44 
grosze zahl von beiden werden für seine söhne und nachkom- 
men angesehn. jenes wird wahrscheinlicher, da in unserm epos 
Kaleva nirgends leibhaft auftritt, blosz als ahne genannt ist. 

Drei beiden glänzen aber in ihm hervor, die drei brüder 
Väinämöinen, Ilmarinen, Lemminkainen. 

Die finnische spräche bildet alienhalben ableitungen auf 



102 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

-inen, -ainen, -oinen, die den begrif des worts verkleinern oder 
in eine vertrauliche, kosende form umsetzen, es ist schon oben 
gesagt worden [vgl, Castren myth. 309. 330], dasz statt des 
üblichen Väinämöinen einigemal noch die einfache gestalt des 
namens Väinö vorkomme (1,210. 22,299. 24,76. 31,238) und 
nicht anders wird neben Ilmarinen das einfache Ilmari (12,281. 
16,190. 215. 19,135. 145. 376. 431) augetroffen; fiir Lemmin- 
kainen begegnet keine solche urform, und das einfache Lempi 
scheint vielmehr dessen vater zu bezeichnen, das M vor dem 
öinen in Väinämöinen rechtfertigt sich durch die analogen bil- 
düngen Hyytämöinen von Hyytö, Uljamoinen von Ulja, Vanga- 
moinen von Vanga, Arjämöinen von äriä, emoinen von emo, 
ämöinen von ämö, ich kenne aber seinen eigentlichen grund 
nicht, denn kaum liegt darin das zuletzt angeführte emoinen 
(mutter), wie etwan in Lemminkäinen ikäinen (maturus, pro- 
vectus aetate). * halten wir uns an das einfache Väinö, so 
bietet dafür aus der finnischen spräche selbst sich keine deu- 
tung, ich habe gewagt, das lappländische vaino desiderium hin- 
zuzuhalten (mythol. s. XXVII), vainotet ist desiderare, cupere. 
Väinö würde sich dem altdeutschen Wunsc, der ein schöpferi- 
sches göttliches wesen bezeichnet, dem griech. Eros, lat. Cupido, 
slavischen Radegast, indischen Käma an die seite stellen; ja 
Wunsc ist mir gleichfalls abgeleitet von einem einfacheren Wuni, 
45 Wunnio, das liebe und freude, wonne, wunnia zu bedeuten hatte, 
und Wuni, wunia, gojth. vinja nähert sich buchstäblich jenem 
Väino. es kommt hinzu, dasz die heutige benennung von Väi- 
nölä, nemlich Suomi wiederum der wurzel suon faveo, bene 
opto anheim zu fallen scheint, suoma bezeichnet favor, votum. 
Väinö aber wird nicht wie Eros jung, sondern wie Wunsch und 
Wuotan als alter meister und schöpfer, als der weise, sanges- 
reiche vorgestellt, von dem was er bei der Schöpfung der weit 
ausgerichtet, handelt das dreiszigste lied, und merkwürdig ist 
der ausdruck 30,91 olin ma miessä kolmantena, ich war dabei 
der dritte mann. ^ zwar nur eine nacht später als Ilmarinen 

* vgl. Schott Kullervo s. 230. über Lemminkäinen s. 233. 
' vgl. die altnord. götterdreiheit Här, läfnhär, pridi, d. i. celsus, aequc cel- 
sus, tertius. [Sasm. l??*" Gunnar ok Hogni ok pu gramr pridi = Sigurctr.] 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 103 

geboren (14,287) steht er in liebesglück diesem, und noch mehr 
dem jüngeren Lemminkäinen nach, er ist alt geworden 28,21 
und heiszt vanha (der alte) wie sein vater Kaleva oder isä (vater), 
wie sein ahne Ukko groszvater. 

Schon diese beinamen erklären wie Ukko und Väinämöinen 
vermengt und verwechselt werden, der ganze unser epos er- 
öfnende mythus von Väinämöinen im mutterschosz (1,79) lautet 
in einer andern Überlieferung (Schröters finn. runen. s. 2) von 
Kave Ukko, Pohjan herra, isä vanha Väinämöisen , d. h. Ukko 
des Väinämöinen vater, und diese fassung scheint vorzüglicher, 
weil sie dem oben bemerkten Widerspruche ausweicht, dasz Väi- 
nämöinen die schon im mutterleib angerufenen gestirne im ver- 
folg erst später geschalten haben soll, jenes könnte von Ukko 
erzählt worden sein, dieses von Väinämöinen. aber Väinämöi- 
nens göttliche natur leuchtet um so stärker ein, eine entschei- 
dende stelle findet sich 21,291, wo das von ihm erbaute - schif 
luojan purtto, des Schöpfers boot heiszt, als gott des gesangs 
grenzt er unmittelbar an den nordischen Odinn, der den riesen 
den köstlichen trank der dichtkunst wieder abgewinnt und von 46 
einem riesen in adlergestalt verfolgt wird. 

Väinämöinen erscheint einigemal noch unter drei andern 
namen. Suvantolainen 1,204. 11,127. 27,107 leitet sich von 
suvanto gen. suvannon, locus ubi aqua quiescit, das beinahe 
gleichlautende Uvantolainen 2,115. 131, 9,199. 11,104 mag 
damit zusammenfallen und blosz der alliteration halben abwei- 
chen'; Osmonen 31,65 gemahnt an osma, eine benennung des 
baren. 

Ilmarinen oder einfacher II mar i scheint von ilma aer 
geleitet, nach Renvall weil der schmiedende zu seinen bälgen 
luft bedarf, vielleicht allgemeiner gefaszt, weil er gott der luft 
und des feuers ist, wie er das feuer zuerst geschlagen hat. be- 
ständig heiszt er seppo der schmied, und schmiedet gleich 
Hephäst und Völundr die köstlichsten Sachen, als künstlichen 
bildner und Schöpfer des feuers darf man ihn mit Prometheus 
vergleichen, [als inhaber des hammers gleicht er Thor.] auf die 

' vgl. Ulappala und Lappala. 



104 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

frage, wie er die schmiedekiinst erlernt habe? gibt er 27,200 
die bedeutsame antwort 

kauan katsoin luojan suuhun, 

partahan jalon jumalan, 
lange schaute ich des Schöpfers mund, den bart des edlen got- 
tes, eines bart schauen heiszt aber einem unmittelbar nahe sein, 
wie man franz. sagt etre ä la barbe , en presence *, Ilmarinen 
war bei dem göttlichen vater und erlangte da die gewalt über 
das feuer. unter andern namen habe ich ihn nicht angetroffen. 
Lemminkäinen aber, der jüngere bruder (18,9) heiszt häufig 
auch Ahti und Kaukomieli. Ahti gen. Ahin 13,391. 396. 
17,1. 7. 18,354. 358. 366. 411. 444. 31,268. 329 soll noch nach- 
her besprochen werden**; Kaukomieli 6,2. 17,700 [Kauko 17,2. 
47 21,260] bedeutet den nach der ferne trachtenden, wie ihn seine 
kühnheit zu wiederholten abenteuern in die fremde treibt. Lem- 
minkäinen scheint gleichbedeutend mit Lemmin poika (söhn des 
Lempi) 6,254. 23,44, von welchem Lempi sonst aber nichts er- 
hellt, vmd der von Lempo, gen. Lemmon 10,298. 301. 18,523, 
einem riesenhaften mit Hiisi zusammengenannten wesen, unter- 
schieden werden musz, wenn er ihm auch vielleicht verwandt 
war. Lemminkäinen könnte wie lapsukainen kindlein von lapsu 
kind gedeutet werden, denn er wird in blühender jugend, ein 
gegensatz zu dem alten Väinämöinen dargestellt, weshalb er auch 
gewöhnlich lieto der muntere und lieto poika der muntere 
knabe (17,583. 589. 595) heiszt. ungenau aber ist, wenn ihn 
Louhi 17,489 poika Lemminkäisen anredet, es wird hier Lem- 
minkäinen zu lesen sein. 17,7 ist ihm das feinste ohr zuge- 
schrieben, dem nicht der geringste laut entgehe, ganz wie dem 
nordischen Heimdallr. 

Es fällt auf, dasz Lemminkäinens in die dichtung mächtig 
eingreifende mutter nie mit namen genannt wird, während um- 
gekehrt alle eigennamen der feindlichen niänner im liede ver- 
schwiegen sind und als oberhaupt des ganzen nordens, als die 
gewaltigste widersacherin der finnischen beiden, ein weib namens 

* papin parran näkivat des pfaffen bart schauen. Kantcl. 1 no. 177. 
** Ahti saarella asuwi (A. in insula habitat) 1.3,400. 17,1. 21,259. Ahin 
suu vähiten väärä (A. os tortum est) 13, 406. inuurti suiita, os torsit. 17, 15. 500. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 105 

Louhi vorragt, ebenso bleibt uns im nibelungischen epos das 
geschleclit der streitbaren Brunbild uiientdeckt, aber auch Louhis 
töchter, deren hohe Schönheit lebhaft geschildert wird und die 
Finnen zur Werbung reizt, werden nicht genannt. Louhi ent- 
faltet so vielfache unerschöpfto kraft, dasz man sie nur aus einer 
göttlichen natur und stärke zu erklären vermag; ihr name selbst 
scheint aber auf keine unmittelbare deutung zu führen, louhi, 
gen. louhen bezeichnet nach Renvall ein steiniges feld, kann 
eine göttin dos felsenlandes, des nordlandes gemeint sein? die 
finnische spräche, wie sie männliche wesen auf -ainen, -onen, 
-inen ableitet, pflegt weibliche auf -atar, -etar, -otar zu bilden; 48 
Louhiatar, die im 25 gesang auftritt und eine fülle von krank- 
heiten gebiert, scheint wo nicht Louhi selbst, gänzlich von ihr 
ausseganccen. in demselben liede ist Kivutar eine tochter der 
personificirten krankheit, finn. kipu gen. kivun, sie gleicht un- 
sern hexen und braut im kessel auf einem berge krankheiten 
und Seuchen, ein merkwürdiges zeugnis für die unentlehnte Ver- 
breitung der hexensage. Suone.tar 4,311 ist göttin der ädern, 
von suoni vena. Päivätär und Kuutar 16,244. 22,268. 270. 
26,296 sind töchter der sonne (päivä) und des mondes (kuu) 
26,312. 320. 333. 356. tritt auch ein söhn der sonne (päivän 
poika) auf, dessen name Panu 26,430. 507 steht. Hongatar 
göttin der ficlite 19,351, von honka, hongan pinus; Suvetar 
19,151. 165. 207 göttin des sommers (suvi), doch auch etwa jenem 
Suvantolainen verwandt. Etelätär 19,152. 164. von etelä Süd- 
wind (est. eddel Südwest), luonnon eukko, mutter der natur ge- 
nannt, und ihrer sorge ist die weidende herde übertragen. Os- 
motar, dem bierbrau vorstehend 13, 103flP. , vielleicht wieder 
dem männlichen Osmonen nah. Luonnotar göttin der natur, 
von luonto, luonnon natura, ingenium 1,207. 17,72 sind ihrer 
drei erwähnt, kolme Luonnotarta, und warnende, abmahnende 
stimmen gehn von ihnen aus; sie lassen sich den drei gratien 
oder parzen an die seite stellen, in einem liede bei Schröter s. 24 
sind es die drei Jungfrauen, aus deren milch das eisen erschaffen 
wurde. 

Es gebricht aber nicht an andern Wortbildungen für höhere 
wesen männlichen oder weiblichen geschlechts, Ahto heiszt 



106 ÜBER DAS EINNISCHE EPOS. 

22,301 könig der wellen (aaltojen kuningas) und wird gleich 
den römischen fluszgöttern mit grasbart geschildert, bei üen- 
vall ist Ahto seegöttin , wie bei Juslen sogar Väinämöinen eine 
meerfrau, die unentschiedenheit des grammatischen geschlechts 
49 bei den Finnen zieht solche zweifei nach sich ; Ahtolainen soll 
nach Renvall ein berggeist sein. Ahtola [meervolk] 31, 337. 
343 sind die meersbewohner, Ahin lapset 23, 405. 31, 268. 329 
die kinder des meers, und Ahti gen. Ahin wird 23,407 die 
meersflut genannt, als sie das zerbrechende Sampo in empfang 
nimmt, da nun in andern stellen Lemminkäinen denselben na- 
men Ahti führt, so musz er ursprünglich als ein gott des Was- 
sers gedacht worden sein, llmarinen hätte das feuer, Väinämöi- 
nen die erde zu übernehmen? Kullervo erscheint als Kalevan 
poika 19,1, war folglich göttlicher abkunft, sein name scheint 
von kulta kullan gold, wie Pellervo und Pellervoinen, der 
gott der aussaat, von pelto pellon (ager cultus), Tellervo eine 
waldjungfrau, von telta tellan (tegmen) gebildet. ^ Tellervo be- 
zeichnet also die laubverhüllte, sie war Tapios tochter oder frau 
7,177. 19,220. 28,30. 370. 475; [Tuulikki Tapios tochter 7,357. 
Mimerkki waldfrau 7,455]. Tapio 7,243. 22,240. 28,172 
ist ein milder waldgeist und heiszt 28,465 der gute Tapio, 
seine flöte oder pfeife erschallt im hain 28,604, man pflegt ihn 
anzureden metsän hippa, waldes freund, benigne ac facete faune ! 
der belaubte wald, seine wohnung, heiszt Tapiola, seine kinder 
oder dienstleute sind Tapiolainen und Tapiotar; Tapion vaimo 
(Tapionis uxor) Tapion neiti (Tapionis virgo) werden 22,244. 
28,30.370 aufgeführt. Kuippana 19,235, 350, ein beiname 
Tapios soll langhals ausdrücken, hier mag ein gebet der haus- 
frau an die göttlichen wesen des waldes für ihre herde mitge- 
theilt werden (19,206 — 244). 

Suvetar du schöne herrin Suvetar valivo vaimo 

Etelä der Auren mutter, Etelätär luonnon eukko, 

Hermikki nut milch ausstatte, heruttele Hermikkiä, 

und Tuorikkis euter fülle tuorustele Tuorikkia 

aus der molkensüszen quelle, herasesta hettehestä, 

^ von sini himmelblau sinervo ein blauer Schmetterling. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 



107 



aus dem honigreichen rasen, 
dasz sie mit milchstrotzenden 
steifen entern wiederkehren 
von des feldes grünen matten, 
von den frischen Weideplätzen 
während diesem langen sommer, 



metiseltä mättäheltä; 
tuoa maitoset maruet, 
tnoa uhkiivat utaret, 
turpehista tuorehista, 
marehista raaemmista, 
tänä suurena snvena, 



50 



unsers Schöpfers warmem sommer. luojan hellennä kesänä. 



Mielikki di; waldesherrin, 
Tellervo. Tapios tochter, 
feingehemdet, zartgesäumet, 
mit den schönen, goldnen locken, 
du bist die der herde hütet 



Mielikki metsän emäntä, 
Tellervo Tapion neiti 
utu paita hehna hieno, 
hivus kultanen koria; 
sie ölet karjan kaitselia. 



und das vieh der hausfrau weidet viitsiä emännän viljan, 



in dem lieben wald Metsola 
dem wachsamen Tapiola; 
weid es mir mit milden händen, 
treib es hin mit weichen fingern! 
bring die herde jedes abends 
heim mit angefüllten zitzen, 
schwellenden und starrenden, 
mit dem milchgedehnten euter 
zu der hausfrau, die sie suchet 
und besorgt ist für die herde. 
Kuippana du waldes könig, 
Waldes milder edler graubart, 
dir von weichen ästen ruthe, 
von Wacholder brich die geisel, 
und rings um den berg Tapios 
von des Linnaberges klippen 
treib die herde heim zu hofe 
bis man die badstube heize, 
heim soll hauses herde kommen. 



mielosasta Metsolassa, 
tarkassa Tapiolassa. 
kaitse kaunosin kätösin, 
somin sormin snoritellos, 
tuovos illalla kotihin, 
nisillä pakottavilla, 
tuntuvilla tummelilla, 
utarilla uhkuvilla, 
emännälle etsivälle, 
nuiorille murehtivalle. 
Kuippana metsän kuningas 
metsän hippa halliparta 
ota piiska pihlajainen, 
katajainen karjan ruoska, 
takoa Tapiovaaran, 
Linnavaaran liepehiltä, 
aja karja kartanolle, 
saunan lämmitä panolle, 
kotihin kotonen karja, 
metsän karja metsolahan. 



waldes herde gehn zu walde. 
In diesem liede sehen wir auch Mielikki genannt eine an- 5i 
dere gütige waldfrau, sonst metsän miniä silvae nurus 7,178. 
356. 19,219. 28,29. 405. 435. 447. Vellamo 26,288. 298 veen 
emäntä, veen enkko ruokorintu! wassersfrau, wassers rohrbrüstige 



108 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

mutter, in der finnischen mythologie wie in andern sind die göt- 
tinnen gern als mütter aufgefas/.t, Vellamon neiot ihre töchter 
31,269. 330. 338. 344. das ähnlich gebildete Untamo 31,331. 
335 scheint gott des schlafs oder traums, von uni, untelo soui- 
nus, 6,213 legt ihm einen wolf bei, Untamon susi. weisen nun 
schon nebengestalten unmittelbar auf mythischen hintergrund, 
um wie viel stärker ist man berechtigt alle haupterscheinungen 
des epos in die alte götterreihe zu versetzen. 

Noch lange nicht ausgebeutet wäre es für diese Unter- 
suchung, doch ich eile in einigen beispielen augenscheinlich zu 
machen, welches licht es auf unser einheimisches alterthum zu 
werfen fähig ist. wie das gerstenkornmasz, das malende Sampo, 
die blutströmende zehc VäinämÖinens , der bluttriefende kämm 
Lemminkäinens an die deutsche fabel klingen, ist bereits s. 16. 
17 dargethan worden, die schweren vom freier zu verrichten- 
den aufgaben, das reiben von federn und wollflocken im drang 
der höchsten noth, worauf alsbald hilfreiche vögel und thiere 
herbeilaufen (17,328.463), alles das begegnet fast wörtlich Zü- 
gen unserer märchen. diesen gedenkt noch ausdrücklich einer 
zeit, wo feuer und brotbacken auf der erde unbekannt war, ein 
mädchen das zu dem riesen geräth sagt: „auch weisz man hier 
nichts von feuer, wie soll ich zu feuer kommen ? " sie reibt drei 
haare und spricht drei worte, da kommt ein vogel geflogen und 
bringt einen stein, den sie nur an der wand reiben solle, so 
52 werde feuer herausspringen. ^ in der Normandie heiszt der 
zaunschlüpfer reblo und gilt für heilig, weil er das feuer vom 
himmel gebracht haben soll ; wer ihn tödtet oder sein nest zer- 
stört verfällt dem Unglück. ^ aber auch Kalev. 16, 247 ist die 

rede von 

ajalla tulettomalla, 

tulen tietämättömällä 

d. i. tempore ignis experte, ignis ignaro. das ist die zeit vor 
Prometheus bei den Griechen [Jacobis wb. 867. 869], und in 

' hundert neue märchen im gebirge gesammelt von Friedmund von Arnim, 
Charlüttenbnrg 1844 1, 47. 48. [der riese kann kein feuer anmachen und friszt 
das gefangne wild roh. Firmenich 2, 80. Kehrein Nassau 26.] 

* Fred. Pluquet contes populaires de Bayeux. Bouen 1834. s. 44. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 109 

Scandinavien heiszt die uralte zeit scliwed. ärilstid, dän. arildstid, 
d. i. des gefunduen feuers. * ein finnisches lied aber berichtet, 
wie Ilmarinen feuer mit adllsrfedern schlägt, das feuer als rothes 
knäuel aus den wölken erst in die spitzen des Seegrases ^ (lat- 
vahan merisen heinän) in einen see fällt, nacheitiander von meh- 
rern fischen verschlungen und von den menschen aus dem leib 
des gefangnen fisches geschlitzt wird, fische wie vögel schaffen 
das dement herbei; gleich mächtig ist das der luft, und die 
winde werden, wie fast in allen mythologien personificiert. Ahava, 
der Westwind, zeugt mit Penitar (der welpin), einer blinden frau 
in Pohja die hunde (7, 204 ff.) wie Achills rosse Xanthos und 
Balios von Zephyros mit der harpye Podarge (II. 16, 150) ge- 
zeugt werden, die hunde aber sind schnellfüszig gleich den ros- 
sen und Podargos ist name des rosses (II. 8, 185. 23, 295) wie 
Boreas des windhunds. unserer deutschen spräche hat sich dies 
Verhältnis unmittelbar eingeprägt, da sie für wind ventus'und 
wind veiter , windspiel dasselbe wort gebraucht. „ den winden 
brot geben" im Schneegestöber, was schon Rümelant Amgb. 11. 
fälschlich auf hunde anwendet, heiszt ursprünglich die hungri- 
gen Sturmwinde füttern und besänftigen.^ 

Der deutschen Reinhartssage ist ein merkwürdiger, in ihr 53 
schon unverständlich gewordner zug eigen, der aus uralter Über- 
lieferung musz hervorgegangen sein, der könig der thiere zer- 
tritt einen ameisenhaufen und die ameise nimmt dafür schwere 
räche, ich habe den löwen auf unsern älteren, echteren thier- 
könig den baren zurückgeführt und mit vollem recht, denn 
vom löwen begreift niemand die Zerstörung der ameisen, aber 
schon Plinius weisz es 29. 6, 39: constat ursos aegros hoc cibo 
(formicarum) sanari. mag nun aus Plinius mittelbar herrühren, 
dasz auch der Renner sagt 19316 

swenne der ber ist niht gesunt, 

schirret er ämeizen in den munt, 

swenner die gizzet, wirt im baz, 

* Biörn s. v. arildstid foedissimus DanisiTiUS , quasi arineldstid remota anti- 
(juitas, qua homines primum usum ignis et fixas sedes invenerunt. 

' Prometheus birgt das feuer im röhr, ^v xotXiij ^apftrjXt. Hes. op. et dies 
« 52. theogon. 567. 

I* deutsche mythol. s. C02. Haupts Zeitschrift 5,373. 376. 



110 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

unsre Jäger haben anderswoher, dasz der bär ameisenhaufen aus- 
einander breche und fresse, und jetzt bestätigt auch Kalevala 
19, 289, dasz Ohto des waldes apfel* des waldes gold, der wald- 
wandrer, die honigtatze, der stolze kerl, der schwarzstrumpf, 
der goldne gast* (denn alles das sind kosenamen für den baren) 
ameisenhaufen anfallt : 

hakkoa lahoa puuta 

murra muura haiskekoa, 
hau ein in faule stamme, brich dir auf ameisenhaufen ; die ameise 
heiszt muurainen, wie altn. maur, schwed. myra, dän. myre, 
mnl. miere, gr. jxupjiTjS, ein kleiner bär muuraiskarhu ameisen- 
fresser, [lett. skudru lahzis ameisenbär, zeidelbär.] in wort und 
sage lauter uralte gemeinschaft. 

Von belebenden personificationen mögen noch einige beige- 
bracht werden, die mit unsrer eignen poesie im einklang stehn. 
das boot, wenn es der held besteigt und verläszt, empfängt von 
ihm Worte der anrede, des abschieds, und hebt zu klagen an, 
wenn es überlang ungebraucht im wasser faulen musz. in un- 
54 Sern liedern und märchen ruft das veilchen auf der wiese dem 
vorüberwandelnden ein brich mich, der apfelbaum am weg ein 
schüttel mich zu; [in walach. märch. s. 146 ruft die blume: 
vergiszmeinnicht! nimm mich mit!] nicht anders ruft hier 32,44 
die rothbeere (punapuola) und will gepflückt sein, in den mhd. 
gedichten wird sich vor dem wege, gleichsam vor einem höhe- 
ren, göttlichen wesen geneigt (deutsche myth. s. 28 [nigen in 
daz laut. GA. 2, 234. den stigen fluochen. Ecke 88. dem tievel 
sin die stige ergeben, die mich her nach dir truogen. Ecke 87.]), 
auch in der finn. poesie erfährt der weg (tie) diese ehrerbietung 
noch feierlicher, der held neigt dem wege (tielle) wie dem mond 
(kuulle) und der sonne (päivällä) 8, 103. 123. 145. Wolfram im 
Parz. 673, 17 sagt „nach mannes kumber gevar" für wundfarbig, 
(vgl. riter kumber Wh. 3, 17. 18), weil der verwundete, blutende 
held abstehn musz vom kämpf, oder weil die wunde sein schmerz 
ist;* ich bezweifle, dasz der deutsche dichter auf den bildlichen 



* er sluoc ein wunde lanc und tiefe, da von hete er kumhers genuoc. Dietr. 
drachenk. 16. er kam dö kumbers was erliten. ibid. 65''. vgl. Wigal. 9537. daz 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 111 

ausdruck schon durch den romanischen text geleitet wurde, 
sicher aber ist der finnische vollkommen unabhängig; als Väi- 
nämöinen eine alte frau um Stillung des strömenden blutes an- 
geht, erhält er zur antwort 13, 167 

ei ole talossa taassa 

uron tuskan tuntioa, 

vammojen vakittajoa, 
d. h. nicht ist hier in dieser hütte, der des mannes kummer 
kenne und der wunden schmerzen stille, uron tuska bedeutet 
wörtlich mannes sorge. 

Vorhin erklärte ich einen lieblichen beinamen des Väinä- 
möinen: von suvanto, der wasserstille heiszt er Suvantolainen, 
es wird angenommen, wo der gott durch die wogen wandle, 
entspringe augenblickliche ruhe des gewässers, sein gang hat 
es gesänftigt. darum nennen die Finnen die [laKaxia oder "(u- 
"krivri (von FaXr^vT] Nereus tochter) Väinämöisen tie, Vainämöinens 
weg, Väinämöisen kulku Vainämöinens pfad oder gang, dem 
Odysseus macht ein fluszgott (ava^) ^a^vY; (Od. 5, 452.). auch 
bei uns pflegt der gemeine mann da , wo feierliche ruhe und 
stille herscht , sie dem dasein des höchsten wesens beizulegen : 55 
hier wohnt der liebe gott (mythol. s. 18). wenn plötzlich unter 
versammelten menschen stille entsteht, heiszt es: ein engel ist 
hindurch gegangen, ein engel flog hindurch, sein hehres erschei- 
nen hat den weltlichen lärm geschwichtigt. die Griechen sagten 
' EpfxTj? lusisYjXös, Hermes aber ist in mehr als einem sinn unser 
Wuotan und ich denke auch der finnische Väinämöinen ; Odinn 
hiesz Biflidi der sanftbebende (myth. s. 135), Vöma der schauer, 
und ein sanfter wind Oskabyr, Wunschwind; der gott weht 
durch wind und wasser. vielleicht hatte das gothische vis (-j-aXi^vY]) 
auch einen bezug auf Wuotan. * aber kein andrer gott eignet 

die vinde kumbers mant: ein sper. jüngl. 664. minnen kumber. Parz. 588, 6. vgl. 
591, 26. 

* goth. vis = altn. vera. Saim. 50 tranquillitas aeris : logn, lajgi, vindslot, of 
hly, dagsajvi, dags vera (mansio, qiiies). sobald die schiffenden Hnikar ins schif 
genommen haben, legt sich der stürm: pä tök af vedrit. Völs. c. 17. Nornag. c. 6. 
Sjem. 184*. senem nave susciperc. Saxo gr. p. 52. das meer wird unruhig durch 
die kreiszende meerfrau. Müllenhoff 33!). alts. weder stillodun, fagar ward an 
flode. Hei, 69, 3. smultro gibärean. 69, 2. ags. brimu svadrcdon. Beov. 1135 



112 ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 

sich so sehr für die dichterische, im finnischen epos bedeutsam 
ilo, d. i. freude genannte begoisterung: wenn sie über ihn kommt, 
setzt sich der vater auf den freudenstoin , ilokivi \ und weckt 
das lied, dem alle wesen lauschen. 



NACHTRAG 

ÜBER FINNISCHE WÖRTER, 
(moiiatsbericht der academie Juni 1847 s. 175.) 

In meiner am 13 merz 1845 gehaltnen Vorlesung über das 
finnische epos, welche durch eine 1845 zu Helsingfors erschie- 
nene schwedische, sowie eine zu Petersburg 1846 gedruckte 
russische Übersetzung weiter verbreitet worden ist, konnte ich 
nur beiläufig auf die vergleichung finnischer Wörter mit andern 
sprachen eingehn. hier mögen einige beispiele nachgetragen 
werden, aika ajan tempus ist das goth. aiv aivis. ainoa unicus 
das goth. ainaha, umsomehr entlehnt, als den Finnen die ein- 
zahl yksi lautet, airo remus das altn. är. airus legatus, nuntius 
genau das goth. airus. ansas trabs genau das goth. ans. armo 
gratia, favor, misericordia das goth. armaiö. hartio scapula hu- 
merus läpp, hardo das ahd. harti scapula, altn. herdar, mhd. 
herte. liha caro goth. leik. luonto natura, indoles das altn. lund 
indoles. pelto ager cultus das altn. fold terra, ungr. föld. napa 
umbilicus das ahd. napalo. mesi meden honig das ags. meodo, 
ahd. metu mulsum. vesi veden aqua das goth vatö, gr. 3o(up. 

wofür sonst svcdredon. es scheint gehörig zu Svidr, Svidrir = Odinn. dän. blikstille, 
havblik. altn. siäarblida malacia. ahd. bilan ther wint. Tat. 81. so wäc gelint, 
so wint geliget. MS. 2, 135". sanfte an dem mere. unsemfte procella Roths pred. 
s. 28ff. lat. flustra. gr.vrjVcfAi'a windstille, yaXT^vr^ vgl. galine Gudr. 1132,1. serb. 
maina windstille, böhm. hladina more aequor. 

' istuvi ilokivelle 22, 197; istuvi ilon teollc kiviseile 29, 191; was das te- 
hessii isän iloa 22, 23G. 29, 227, das ilon teoksi 23, 105, ilon teentä 29, 4 be- 
deute, ist schon mythol. s. 854 erläutert, io tuli ilo ilolle 21, 243, io kävi ilo 
ilolle 22, 215 gilt vom freudenschlag der rüder wie der saiten. 



ÜBER DAS FINNISCHE EPOS. 113 

Veto vedon das goth. vadi pignus. tarvet tarpeen opus, uecessi- 
tas, tarvitsen egeo, läpp, tarbatet indigere goth. paurban egere 
parba mendicus, ahd. durfaii darf, muurainen formica das altn. 
maiir, nl. miere, gr. |i.up|i.Yj$. vahto spunia das altn. hvapö. ni- 
kuli merges des dän. neg, provinzialscliwedische nek [aus Sö- 
dermannland], ein wahrscheinlich von den Finnen entlehntes wort, 
merkwürdig sind einzelne einstimmungen zur keltischen spräche, 
z. b. neiti filia vergleicht sich dem irischen naoidhe kind. noch 
merkwürdiger, dasz die ungrische spräche ihre stummen con- 
sonanten gegenüber der finnischen ebenso verschiebt, wie die 
gothische oder deutsche überhaupt gegenüber den urverwandten, 
wie z. b. das angeftihrte pelto föld oder das finn. kala piscis 
unser, hal beweisen. 



J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 



ÜBER MARCELLUS ßURDIGALENSIS. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 28 JUNI 1847. 



429 öchon oft haben Theodosius der grosze und sein Zeitalter 
den blick auf sich gezogen, weil man ihn gerne weilen läszt 
bei der beruhigenden regierung eines fürsten, in dessen bänden 
eins der gewaltigsten weitreiche das letzte mal ungetheilt zu- 
sammengehalten wurde, beruhigend aber nicht ruhig mag eine 
zeit heiszen, die alle zeichen einer unhemmbar, wenn auch lang- 
sam anrückenden auflösung der bisherigen zustände an sich trug, 
seit Constantin christ geworden war und aus dem stolzen Rom 
den hauptsitz der römischen herschaft nach dem thrakischen 
Byzanz verlegt hatte, muste ein Wechsel in der öflPentlichen Stim- 
mung greller vortreten, Julians apostasie die gemüter vollends 
verwirren, das christenthum aber schlug seine wurzeln tiefer, 
noch kein Jahrhundert war abgelaufen, dasz ein ganz neuer an- 
fangs verachteter glaube galt, der in den herzen der menschen 
sich wieder ausgleichen und hergebrachten heidnischen prunk 
durch die entsagungen einer zu desto gröszerem innerlichen an- 
sprach auflfordernden lehre ersetzen sollte, wie mancher mochte 
an den alten tempeln, zwischen deren bildseulen nun gras sprosz, 
kalt vorübergegangen sein, den der aus kerzenerleuchteter, weih- 
rauchduftender kirche erschallende gesang einer andächtigen 
christlichen gemeinde lockte und gewann, alles neue, wenn es 
den sieg davon trägt, verbreitet sich mit hinreiszender kraft 
schnell über die Oberfläche, während noch still am boden das 
alte haftet, um bei zahllosen anlassen wieder hervorzubrechen. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 115 

daraus entspringt eine lang nachhaltende mischung des glaubens 
mit dem wahn, des gottesdienstes mit verworfnen, aber miaus- 
gerotteten brauchen, über welche uns Arnobius und Augustinus 
den reichhaltigsten aufschlusz geben, wofür des Chrysostomus 
werke, der unmittelbar vor Theodosius tagen patriarch zu Con- 430 
stantlnopel war, von merkwürdigen belegen voll sind, leute die 
streng am christlichen dogma hielten und jeden zu verketzern 
oder zu verdammen bereit waren, dem ein zweifei an der drei- 
einigkeit aufstiesz oder der seine fasten gebrochen hatte, nah- 
men keinen anstand, sobald sie ein leiblicher schmerz quälte 
oder ein glied des fingers ihnen weh that, beschwörungen her- 
zusagen, worin die alten götter um hilfe angerufen wurden, * 
neben dem öffentlichen glauben waltete noch ein häuslicher aber- 
glaube, der mit den überlieferten mittein fieber zu segnen und 
wunden zu heilen fortfuhr. 

Dies leitet mich unmittelbar auf den gegenständ meiner 
heutigen Vorlesung, die zusammenhängend mit einer früheren 
(Jahrgangs 1842), worin ich altdeutsche offenbar heidnische Zau- 
bersprüche bekannt machte, lateinische heilformeln aus dem werk 
eines unter Theodosius dem groszen zu Constantinopel lebenden 
arztes entnehmen, erläutern und auch zum behuf künftiger er- 
läuterungen hier bequem neben einander stellen will. 

Marcellus heiszt entweder burdigalensis oder empiricus, 
weil er aus Bourdeaux (Burdigala) in dem damals noch den 
Römern unterwürfigen theile Galliens gebürtig war und den em- 
pirischen ärzten beigezählt zu werden pflegt, was man von ihm 
weisz ist theils zu schöpfen aus dem Inhalt und der vorrede 
seines buchs de medicamentis , theils aus der anführung eines 
späteren arztes Aetius, der zu Justinians zeiten eine medicina e 
veteribus contracta griechisch schrieb. 

Man hat gezweifelt, und bald den Marcellus in die zeit 
des zweiten Theodosius (408 — 450) verlegen, bald zwei Mar- 

* noch im 17 jahrh. opferte man in Nerike bei Örebro auf gewissen felsen 
dem Thor gegen Zahnschmerz. Dybecks runa 1848 p. 26. in einer alten be- 
schwörung werden Thor und Odin, Frigg, Freyja, Enoch, Elias, Christus und 
Maria neben einander angerufen. Finn Magnusen lex. mythol. 646. in die finnische 
mythologie wird Maria gemischt. 

8* 



116 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

Celle unterscheiden, den älteren bei Aetius angezognen für den 
leibarzt Theodosius des groszen, einen jüngeren für den Ver- 
fasser der zu besprechenden schrift erklären wollen. 

Sie liegt vor mir in der ersten jetzt seltnen ausgäbe, welche 
Janus Cornarius ^ besorgte unter dem titel ; Marcelli viri illustris 
de medicamentis empiricis, physicis ac rationabilibus liber, ante 
mille ac ducentos plus minus annos scriptus, jam primum in 
lucem emergens et suae integritati plerisque locis restitutus. 
Basel bei Froben 1536 in folio 252 Seiten, ohne den nicht pa- 
ginierten index, wiederholt in den medicis antiquis, Venetiis 
apud Aldum 1547 p. 81 — 141 und in H. Stephani art. med. 
princip. Paris 1567 2, 239 ff. 
431 Das werk selbst beginnt mit einer an seine söhne gerich- 

teten Zuschrift : Marcellus vir inluster , ex magno officio Theo- 
dosii sen. filiis suis salutem dicit.. Sequutus opera studiosorum 
virorum, qui licet alieni fuerint ab institutione medicinae, tamen 
hujusmodi causis curas nobiles intulerunt, libellum hunc de em- 
piricis quanta potui solertia diligentiaque conscripsi, remediorum 
physicorum sive rationabilium confectionibus et adnotationibus 
fartum unde unde collectis. nam si quid unquam congruum sa- 
nitati curationique hominum vel ab aliis comperi, vel ipse usu 
approbavi, vel legendo cognovi, id sparsum inconditumque col- 
legi, et in unum corpus quasi disjecta et lacera Aesculapius 
Virbii membra composui. nee solum veteres medicinae artis 
auctores latino duntaxat sermone perscriptos, cui rei operam 
uterque Plinius et Apulejus et Celsus et Apollinaris ac Designa- 
tianus ^ aliique nonnulli etiam proximo tempore illustres honori- 
bus viri cives ac majores nostri, Siburius, Eutropius atque Au- 
sonius ^ commodarunt, lectione scrutatus sum, sed etiam ab 

' mit deutschem namen Johannes Hanbut d. i. Hagenbutte , Hagedorn ; er 
war geboren 1500, starb 1558 und arbeitete thätig für die bekanntmachung der 
classiker. die Zueignung unsers werks ist bereits von 1535. 

^ Scribonius Largus Designatianus , ein arzt aus dem ersten jahrh. unter 
Claudius, seine compositiones mcdicae hat Joa. Rhodius, Patavii 1655 in 4. 
drucken lassen, cap. 26 p. 176 nennt Marcellus den Ambrosius Puteolanus me- 
dicus; cap. 29 p. 203, 205 den Julius Bassus, zwei noch ältere, schon bei Scri- 
bonius cap. 152 und 121 angeführte ärzte. 

^ Julius Ausonius, leibarzt Valcntinians und vater des bekannten dichters 



ÜBER MARCELLUS BÜRDIGALENSIS. 

agrestibus et plebeis remedia fortuita atque simpli- 
cia, qiiae experimentis probaverant, didici. quorum vo- 
bis copiam labore nostro vigiliaque faciendam, filii dulcissimi, 
pro necessitate iiifirmitatis humanae piissimum duxi, orans pri- 
mum divinam misericordiam ne vobis vestrisque experiendi hujus 
libelli necessitas ulla nascatur. es ist kein grund da, diese 
vorrede für später erdichtet und dem buche vorgeschoben zu 
halten; des Marcellus und seiner söhne gedenkt auch Libanius 
in einem briefe ^, der also noch in Theodosius des groszen le- 
b'enszeit fallt, doch musz Marcellus, schon als Libanius schrieb 
ein betagter mann, den kaiser überlebt und darum konnte er 432 
selbst oder ein abschreiber in jener stelle dem namen Theodo- 
sius das beiwort 'senior' zugefügt haben. 

Theodosius war am 17 jan. 395 nicht zu Constantinopel, 
sondern zu Mailand gestorben, und des Marcellus Verdienste um 
seinen fürsten müssen schon vor dessen letzter krankheit erwor- 
ben gewesen sein, noch aus demselben jähr 395 weisen uns 
zwei im theodosianischen codex enthaltne erlasse an 'Marcellus 
magister officiorum' VI. 29, 8 und XVI. 5, 29, dasz ihm auch 
mit einer staatswürde gelohnt war, eine auszeichnung, die gleich 
dem titel 'vir illustris' seit Constantin dem groszen öfter gelehr- 
ten und hervorragenden männern zu theil wurde, wie könnte 
aber dieser magister officiorum ein andrer Marcellus, als unser 
leibarzt sein, der sich selbst ausdrücklich 'ex magno officio Theo- 
dosii' nennt? 

Es 'ist wahr, dasz das buch einigemal ein aussehn gewinnt, 
als sei es von einem schüler des arztes niedergeschrieben wenig- 



Ausonius, der 394, jener schon 377 starb, den Siburius und Eutropius kann 
ich nicht nachweisen, Flav. Eutropius, der um 378 schrieb, war historiker, kein 
arzt, und schwerlich hatte Eutropius der bekannte eunuch, welcher 399 consul 
war, sich jemals der medicin beflissen. 

' Libanii epistolae ed. Joa. Christoph. Wolf. Amst. 1738 fol. p. 179. 180 
epist. 365: oXa%d ttou MctpxeXXov äno zffi te^vtj?, xal Ixt ye TrpoTspov dr.6 xtüv Tpd- 

TTfuv. o'j yctp [xotWov dyaöo? {axpo; rj ^pTjfjxös dvi^p MapxeXXos 6<\ii tzoti 

Y^yvexott TraxTjp . . . . 8td orj xoüxo Tiavj y^ptov u)v ucevu v^ou; ulohi xpecpei, oü; 
apxt yctXaxxos aTiotXXaysvxas zU axpaxtcuxa« 6 ßacfiXeuc (xv^ypa<];e, x. x. X. auch epist. 
362. 381. 387. 395 gedenken seines ärztlichen beistandes, Libanius starb unge- 
fähr um 385, 



118 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

stens durch zusätze überarbeitet, cap. 20 p. 145 heiszt es: 'oxy- 
poriiim, quo Nero utebatur ad digestionem, quod Marcellus me- 
dicus egregius ostendit, quod et nos usu probavimus', und cap. 30 
p. 216: 'confectio salis cathartici^ quam Marcellus ostendit sie', 
der Verfasser wird sich nicht selbst medicum egregium nennen, 
es war spätere einschaltung, die ihm den rühm sichern sollte, 
das mittel zuerst gelehrt oder angegeben zu haben, wenigstens 
von neuem gebraucht, nachdem es abgekommen war. denn 
schwerlich hatte Nerons o^uiropiov einen älteren Marcellus zum 
Urheber, an vielen andern stellen redet auch der Verfasser von 
sich in erster person. 

In solchem sinn der Urheberschaft wird 'ostendere' gebraucht, 
wie auch folgende, unsers Marcellus lebenszeit bestätigende stelle 
zeigt, cap. 23 p. 168: ad splenem remedium singulare, quod de 
experimentis probatis Gamalielus patriarchas proxime ostendit. 
dieser Gamaliel war jüdischer patriarch zu Constantinopel unter 
Theodosius dem groszen und nachher. Hieronymus epist. 57 
ad Pammachium (opp. ed. Vallars 1, 334. 305) schreibt im jähr 
395: dudum Hesychium virum consularem, contra quem pa- 
triarcha Gamaliel gravissimas exercuit inimicitias, Theodo- 
sius princeps capite damnavit, quod sollicitato notario Chartas 
illius invasisset. die begebenheit selbst ist wol einige jähre frü- 
her ('dudum') zu setzen, Garialiels ansehn musz sich aber län- 
ger aufrecht erhalten haben, denn der cod. theodos. XVI. 8, 22 
liefert ein an Aurelianus den praeses provinciae erlassenes ge- 
4315 setz des kaisers Honorius vom jähre 415, dessen eingang lautet: 
Quoniam Gamalielus existimavit se posse impune delinquere, 
quod magis est erectiis fastigio dignitatum, inlustris auctoritas 
tua sciat nostram serenitatem ad virum inlustrem magistrum 
officiorum direxisse praecepta, ut ab eo codicilli demantur ho- 
norariae praefecturae , ita ut in eo sit honore, in quo ante 
praefecturam fuerat constitutus, ac deinceps nullas condi faciat 
synagogas. wie dem Juden die ehrenpraefectur , konnte dem 
leibarzt das magisterium zugetheilt worden sein, die jüdische 
bekanntschaft mit arzneien leicht dem Marcellus ein besonderes 
heilmittel nachgewiesen haben, lauter umstände, die auf einen 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 119 

Marcellus unter dem ersten, nicht dem zweiten Theodosius 
deuten. 

Es steht dahin, was aus einer anführung in cap. 26 p. 175 
zu ziehen sei; beim erwähnen einer aqua pota in qua ferrum 
candens dimissum est, wird gesagt: hoc tractum est ab aquis 
calidis, quae sunt in Tuscia ferratae, quae mirifice remediant 
vesicae vitia, unde appellantur vesicariae, qui locus quondam 
fuit Milonis Brochi praetoris, hominis optimi, ad quinquagesi- 
mum ab urbe lapidem. ich gewahre eben, dasz dies aus Scri- 
bonius entnommen ist, der cap. 146 hat: aquae vesicariae, quon- 
dam Milonis Gracchi praetorii hominis optimi ad quinquagesimum 
lapidem reddentis. welche lesart richtiger sei entscheide ich 
aber nicht, da beides altrömische gegchlechtsnamen sind, Broc- 
chus und Gracchus, eines Gracchus praetor gedenkt Tacitus 
ann. 6, 16 im jähre 33 nach Chr. 

Unter den römischen hofarzten mögen sich einzelne recepte 
lange zeit fortgepflanzt haben, auszer jenem neronischen -oxypo- 
rium geschieht cap. 13 p. 96 einiger Zahnpulver meidung, deren 
sich frauen des kaiserhauses bedienten: hoc dentifricio Octavia 
Augusti soror usa est . . . Augustam constat hoc usam Messa- 
linam, deinde aliorum caesarum matrimonia hoc dentifricio usa 
sunt. cap. 35 p. 238 nennt Marcellus ein axo~ov ad perfrictio- 
nem et lassitudinem, quo fere semper Livia Augusta et Antonia 
usae sunt. cap. 15 p. 105: hoc Livia Augusta semper compo- 
situm habuit et reconditum in vasculo vitreo. 

Anziehender ist es des Marcellus gallische abkunft näher 
zu beleuchten und aus seinem werke für die Sprachgeschichte 
keltische Wörter zu gewinnen. 

Auch zwei gallische Ausone gehören dem 4. jahrh. und 
Aquitanien an; man vermutet leicht, dasz eben sie den Marcel- 
lus angeregt und in die gunst des hofes gebracht haben. Julius 484 
Ausonius gebürtig aus Cessio Vasatum, dem heutigen Bazas an 
der Gironde, lebte im nahen Bourdeaux, wurde aber hernach 
Valentinian des ersten leibarzt und versah ämter in Illyrien und 
Rom, er lebte von 287 bis 377; sein söhn Magnus Ausonius 
war der berühmte dichter, geboren schon vor 309, als erzieher 



120 ÜBER MARCELLÜS BURDIGALENSIS. 

Gratians und Valentinian des zweiten gelangte auch er zu hohen 
würden, ward quaestor und im jähre 379 consul, er starb in 
seine heimat zurückgezogen um 394. ist es nicht wahrschein- 
lich, dasz Marcellus der Verbindung mit seinen landsleuten den 
eintritt in den kaiserlichen dienst zu danken hatte und dasz er 
des älteren Ausonius schüler war? * auch Theodosius, seit 379 
neben Gratian herschend, erwies dem dichter Ausonius vielfache 
gunst. des 'Ausonius medicus' gedenkt Marcellus cap. 25 p. 172. 
auf seine aquitanische herkunft weist übrigens eine angäbe cap. 19 
p. 129: Soranus medicus quondam ducentis hominibus hoc morbo 
(mentagra) laborantibus curandis in Aquitania se locavit. man 
kennt einen Soranus ephesius aus Trajans und Hadrians zeit 
und einen spätem, ich weisz nicht welchen von beiden Marcel- 
lus meint. ^ dasz dieser, bevor er nach Byzanz gelangte, auch 
in Rom gelebt hatte, ist aus seiner erzählung von einer Africa- 
nerin (cap. 19 p. 204) zu schlieszen, die er in Rom kennen 
lernte. ^ 

Wie Dioscorides oft fremde kräuternamen anführt, verzeich- 
net Marcellus hin und wieder gallische und sie bezeugen uns 
von neuem den aus Aquitanien stammenden gallischer spräche 
kundigen Verfasser des buchs. dort wohnten Bituriges Vibisci, 
435 bei Strabo s. 190 'Oiofxot, bei Plinius Ubisci genannt*, fern von 

' nach einer äuszerung cap. 16 p. 114 sollte man dem Marcellus einen leh- 
rer Valens zuschreiben, es heiszt: hoc medicamentum Apuleji Celsi fuit et prae- 
ceptoris nostri Valentis; nee unquam ulli vivus compositionem ejus dedit, quia 
magnitudinem opinicnis ex ea traxerat. dies alles aber ist einfältig aus Scribo- 
nius cap. 94 erborgt, welcher sagt: hoc medicamentum Apulei Celsi fuit, prae- 
ceptoris Valentis et nostri, et nunquam ulli se vivo compositionem ejus dedit, 
quod magnam opinionem ex ea traxerat. Valens Vettius oder Vectius war arzt 
zu Rom imter Claudius und das mittel hatte Celsus gefunden, dessen schüler 
Valens und Scribonius es nachher anwandten, die stelle lehrt mit welcher vor- 
sieht man solche angaben des Marcellus aufzunehmen hat. 

* von beiden ganz unterschieden ist Serenus samonicus, dessen hexametrisch 
gedichtete praccepta de medicina von mir im verfolg gebraucht werden. [Spartian. 
Carac. c. 4. Geta c. 5. Lamprid. Alex. Sev. 30.] 

' hoc medicamento primum muliercula quaedam ex Africa veniens multos 
Romae remediavit. postea nos per magnam curam compositione ejus acccpta, 
id est pretio dato ei, quod desideraverat, qui venditabat, aliquot non humiles neque 
ignotos sanavimus. 

* Vivisca ducens ab origine gentem. Ausonii Moseila 438. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 121 

den Kelten, die wir heute an der armorischen küste, in Britan- 
nien und Hibernien kennen, es ist wichtig zu ermitteln, welchem 
dialect die aufbewahrten alten benennungen gleichen. 

cap. 3 p. 40 [vgl. Mone 105]: trifolium herbam, quae gallice 
dicitur uisumarus; es ist deutlich das ir. seamar, seamrog, 
gal. seamrag, woher das engl, shamrock vmd altn. smäri, jütische 
smäre. abweichend ist das welsche meillionen, armorische mel- 
chon, welche zum gr. \iz\(Xo)zov (it. span. meliloto) gehören und 
sämtlich ihre abkunft von jjlsXi, welsch mel zur schau tragen: 
der honig duftende, von bienen gesuchte klee. uisumarus ge- 
währt uns die wollautende volle, in seamar schon entstellte form 
des namens; kühn wäre, sie mit unserm ahd. sumar, ir, samh, 
samhra, gal. samradh zu verknüpfen und sommergras, sommer- 
blume zu verstehn. auch bei sumar schien ein anlautender vo- 
cal weggefallen (GDS. 316) gerade wie seamar aus uisumar ent- 
springt. 

cap. 7 p. 48 [Zeusz 27. 736.] : herba quae graece cha,maeacte, 
latine ebulus, gallice odocos dicitur. hiermit verbinde man 
Dioscorides 4, 172 )^ot[xaiaxTy], 'PtofiaToi eßouXou}!, FoXKoi Souxwvs, 
welchem letzten wort nur ein vocal vorgesetzt zu werden braucht, 
um es mit odocos gleichbedeutend erscheinen zu lassen; des 
Dioscorides gewährsmann hörte es schon ohne diesen vocal aus- 
sprechen, bei dok denkt man ans ags. docce, engl, dock lapa- 
thum, rumex, die von den Kelten entlehnt scheinen; aber aus 
den heutigen keltischen sprachen kann ich den namen nicht 
aufweisen, dagegen ist das ahd. atah, nhd. attich ebulum sicht- 
bar jenes odocos, doch nur einmal lautverschoben, mit unrecht 
stellt GraflP 1, 153 hinzu das ags. atih zizania, denn dies ist 
ätih, von äte abzuleiten. 

cap. 10 p. 86: herba proserpinalis, quae graece dracontium, 
gallice gigarus appellatur. das kraut ist polygonum centum- 
nodia, die Wörterbücher liefern aber keinen entsprechenden gali- 
schen oder welschen namen, 

cap. 10 p. 87 [Zeusz 56. 57. Mone 88]: radicem symphyti, 
quod halum gallice dicunt. auch Plinius 26, 7, 26 halus, 
quam Galli sie vocant, Veneti cotoneam, und 27, 6 alum nos 
vocamus, Graeci symphyton petraeum, simile cunilae bubulae, 



122 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

die Römer hatten also halus oder alus in die lateinische 
spräche aufgenommen, wie bei uns das symphytum, consolida 
major, beinheil, den Niederländern haelwortel heiszt, weil ihm 
436 knochen und wundenheilende kraft beigemessen wird, aup-cpuiov 
von aujxcpuo) drückt dasselbe aus. die irische und galische spräche 
haben kein anlautendes H, in der welschen steht es häufig für 
das S jener; irisch bedeutet ala wunde, oil alere, nutrire. 

cap. 11 p. 88: serpillum herbam, quam Galli gilarum di- 
cunt. thymus serpillum, gr. sp-KuXXov, quendel. doch die heuti- 
gen keltischen sprachen lassen bei gilarus wie bei gigarus ohne 
auskunft. 

[cap. 11 p. 291 Adelung: hociamsami agrimonia , worin 
schwerlich welsches hocysen malwe steckt, vielleicht ist hoc = 
og jung und amsani, jamsani das gemeinte kraut, agrimonia in 
andern sprachen kleine klette, schwed. smäborre. gal. aimsir zeit 
Wetter, ir. aimsir time season. Zeusz 744. 796. 51.] 

cap. 16 p. 121: ad tussem remedium efficax herba, quae 
gallice calliomarcus, latine equi ungula vocatur. im zweiten 
theil ist das ir. gal. marc, welsche mareh equus nicht zu ver- 
kennen, welchem ags. mear, ahd. marah entspricht, bekanntlich 
gibt Pausanius X. 19, 6 bei erwähnung des galatischen Tpt[i.ap- 
xiöia schon das keltische wort an. callio aber musz den begrif 
ungula enthalten, welchem lat. wort das ir. gal. longa nahe kommt, 
wie wenn call für ioncall stände, vgl, ahd. anchal talus, und 
ahd. chloa, ags. clavu, engl, clow, altn. klö, lat. clavus gleich- 
falls aphaeresis erlitten hätten? denn unguis und ungula liegen 
sich verwandt. 

cap. 20 p. 144: fastidium stomachi relevat papaver silvestre, 
quod gallice calocatanos dicitur. man darf mutmaszen cato- 
calanus, wozu das irische codlainean papaver, gal. codalan 
nahe stimmen, die wurzel ist codal, cadal somnus, wovon cada- 
lan somnus brevis, weil der mohn schlafbringend, papaver somni- 
ferum, altn. svefngras, spanisch dormidera heiszt. man sagt 
auch papaver caducum, nhd. fallblume, er macht in schlaf fallen, 
und ir. bedeutet cadaim, welsch codwm fall, vgl. lat. cadere. 
ohne zweifei ist das franz. coquelicot, nnl. kollebloem auf das 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSTS. 123 

keltische wort zurückzuführen, [vielleicht calo-catanos weiszer 
mohn, von cal für gal, geal. catan = catal, codal?] 

cap. 23 p. 162: herba quam nos utrum, Graeci isatida vo- 
cant, qua infectores utuntur. nos zeigt jedoch kein keltisches 
wort an, vielmehr ein lateinisches des lateinschreibenden, und 
für utrum setze man vitrum, welches der pflanze isatis ent- 
spricht. [Mone 1 06 vergleicht welsch gwy dr glas.] Caesar B. G. 
5, 14: omnes vero se Britanni vitro inficiunt, quod caeruleum 
efficit colorem, vitrum aber, in diesem sinn, scheint das ags. 
väd, engl, woad, ahd. weit, woher weitin caeruleus. gld^chviel 
mit väd und weit ist nun das mlat. guadum, guasdum, it. guado, 
franz. guede, guesde, auch vouede. da auch mlat. glastum gilt 
und in welscher spräche die isatis glas, glasddu, glaslys heiszt, 
glas wiederum caeruleus, so gelangen wir bei diesem namen 
wunderbar zu dem deutschen glas, glesum [gleste vitro, gl. ar- 
gent. Diut. 2, 194'], wie zum lat. vitrum. galisch finde ich für 
die pflanze gorman guirmein und gorm ist blau, weitin. - 

cap. 25 p. 174: herbae pteridis id est filiculae, quae ratis437 
gallice dicitur, quaeque in fago saepe nascitur. hier ist alles 
klar. ir. rath, raith, raithneach, gal. raineach, welsch rhedyn, 
armor. raden. auch das baskisclie ii'atzen entspricht, wonach 
der august, in welchem die heide blüht, irailla, wie im poln. 
der September wrzesieii genannt wird. 

cap. 26 p. 179 [Mone 92]: artemisia herba est, quam gal- 
lice bricumum appellant, ich bedenke mich kaum zu bessern 
britumum, britunum, denn brytwn ist noch heute der welsche 
name der artemisia. (Jones 332''. 364".) [liegt abrotonum darin?] 

cap. 33 p. 231: herba est quae graece nymphaea, latine 
clava Herculis, gallice baditis appellatur. ir. und gal. bath 
bedeutet see, wasser, duilleag-bhaite wörtlich seeblatt, nymphaea. 
das unzusammengesetzte alte baditis mag geradezu eine nymphe, 
wasserfrau tiusgedrückt haben, deren name mythisch auf die Was- 
serpflanze erstreckt wurde. 

Dies, soviel ich sehe, sind alle bei Marcellus verzeichnete 
keltische pflanzennamen. er führt aber auch noch cap. 29 den 
bekannten namen eines vogels an, p. 202: avis galerita, quae 



124 ÜBER MARCELLÜS BURDIGALENSIS. 

gallice alauda dicitur, und 207 nochmals: corydalus avis, id 
est quae alauda vocatur. das wort war den Römern längst 
eingebürgert, auch Plinius II. 37, 44 berichtet: parvae avi, quae 
galerita appellata quondam postea gallico vocabulo etiam legioni 
nomen dederat alaudae. die krieger hatten ihre helme, gleich 
dem vogel, der darum selbst cassita und galerita' heiszt, mit 
kämmen geschmückt, Sueton im Jul. Caesar cap. 24 : unam etiam 
(legionem) ex Transalpinis conscriptam vocabulo quoque gallico: 
alauda enim appellabatur. der legio alaudarum gedenkt Cicero 
ad Aftic. 16, 8 und Philipp. 13, 3. [alauda gallisch Varro LL. 
8, 65. Zeusz 38. 753. Olloudius Mars.] noch Gregor von Tours 
4.31: avis corydalus, quam alaudam vocamus, und bis auf 
heute dauert das franz. alouette fort, altfranz. auch unverklei- 
nert aloe; it. mit aphaeresis lodola, voll allodola [carm. buran. 
147. 185 laudula, alaudula], prov. alausa, sp. alondra. [vgl. 
Mone 88.J von den heutigen keltischen sprachen hat nur die 
armorische alc'houeder, allweder, ec'houeder, c'houeder bewahrt, 
die welsche uchedydd und üblicher hedydd, ehedydd, was auf 
die Wurzel hedegu, ehed fliegen, uchedu sich erheben führt, 
hedydd, uchedydd ist der sich in die luft schwingende vogel. * 
abweichend sind die ir. uiseog, fuiseog, gal, uiseag, ir. gal. riab- 
hag. auch unser deutsches 1er che, ahd. leracha, lericha, ags. 

' haubenlerche, schopflerche, bei Theoer. 7, 23 iTrtT'jfjißfoio; xop'joctXXt'?, man 
vergleiche die scholie und Bahr. 72, 20. 

* nach Villemarque p. vii welsch alaw-adar oiseau de l'harmonie, alaw-hedez, 
alaw-hed alawd harmonie ailee; alaw instrumental music, adar. pl. birds, fowls, 
hed volatus. corn. ewidit alauda. 

diu lerche uns daz himelrich kündet, 

swenne sich diu zit mit wunne zündet, 

so stigets üf gen himelrich 

fliegende und singende wunneclich. Renner 19527. 
chinesisch die lerche himmelstochter. Pott 2, 388. fi-ijiu lerk in lüften ho. MS. 
2, 9S''. dö sich üf bunden (1. wunden) die lerchen mit gesange. Helbl. 8, 13. 
daz du so suoze singes und dich also hd swinges. Kolocz. 117. si want sich üf 
an der stat in die lüfte unde sanc. das. 119. diu lerche lüftet ihr gedoene. MS. 
1, 12''. fliegende lerche in der mark zu Monre. weisth. 3, 623. den tac kos 
man niht bi lerchen sanc. Parz. 378, 7. die lawerke scone sanc. Walew. 6776. 
tileke metter lewerken sanghe. 2670. altfranz. oft: que laloe chanta. prov. lied 
bei Mahn s. 32 und der Volksglaube bei Fauriel 2, 28. sang der fliegenden lerche 
bei Du Bartac p. 124, 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 125 

läferce, altn. 16 pl. laer mahnt an alauda, doch ist das finn. leiwo 
und leiwoinen zu erwägen, das -icha scheint blosz verkleinernd 438 
und R : D könnte sich verhalten wie in sirablas srebro und si- 
dabras silapar. 

Durch angäbe dieser keltischen Wörter hat Marcellus, wie 
früher schon Dioscorides, dem Sprachstudium einen wahren dienst 
erwiesen, und sie lassen gewahren, wie tief die gallische zunge 
in Europa verbreitet war. gilarus und gigarus werden sich viel- 
leicht künftig einmal aufklären, unverkennbar ist aber, dasz die 
im 4. jahrh. in Aquitanien herschende spräche, wie uisumarus, 
catocalanus, baditis, ratis zeigen, sich mehr der irischen und 
galischen mundart, als der armorischen anschlieszt; nur alauda 
und britumum haben armorischen und welschen klang. 

Ich wende mich nun zum eigentlichen gegenstände meiner 
abhandlung. jene von Marcellus aus dem munde des volks, wie er 
sich ausdrückt, ab agrestibus et plebejis erkundigten heilmittel 
lassen, gleich allem volksmäszigen , hohes alterthum und weite 
Verbreitung ahnen; sie müssen mit gebrauchen und lebendigen 
eindrücken der vorzeit zusammenhängen und können, so abge- 
schmackt und unnütz sie unsern heutigen ärzten erscheinen, die 
poesie und sitte der europäischen Völker manigfach aufhellen, 
nachdem ich alles ausgezogen haben werde, was unter den an- 
gekündigten gesichtspunct fällt, sollen einzelne bemerkungen und 
aufschlüsse folgen. 

1) cap. 1 p. 35. herba in capite statuae cujuslibet nasci 
solet. ea, decrescente luna, sublata capitique circumligata do- 
lorem tollit. 

2) cap. 1 p. 35. cum intrabis urbem quamlibet, ante portam 
capillos, qui in via jacebunt, quot volueris coUige, dicens 
tecum ipse ad capitis dolorem te remedium tollere, et ex his 
unum capiti alligato, ceteros post tergum jacta, nee retro 
respice. [noch heute der aberglaube, abgeschnittne haare nicht 
ins feld zu werfen, weil sie sonst leicht ein vogel in sein nest 
baut, was dem menschen kopfschmerzen verursacht.] 

3) ibidem, faecula, qua infectores utuntur, si spondam 
priorem, qua vir cubat, perunxeris, et spondae medio inliga- 
veris, dolores capitis remediabis. 



126 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

4) cap. 1 p. 36. hirundinum pulli lapillos in ven- 
triculis habere consuerunt, ex quibus qui albi maxime fuerint, 
si in ♦lanu etiam singuli teneantur, aut circa caput lino nectan- 
tur, veterrimos et diutinos capitis mulcent dolores, nisi contactu 
terrae lapillorum potentia minuatur. [andere sage vom schwal- 
benstein. Bosquet 217.] 

5) cap. 2 p. 38. hemicranium statim curant vermes ter- 
reni pari numero sinistra manu lecti, cum terra de limine eadem 
manu triti. [muscae im pari numero infricatae digito medico. 
Plin. 30. 12, 34.] 

6) cap. 2 p. 39. herba vel hedera in capite statuae 
cujuslibet nasci solet, ea si in panno rufo, acia rufa vel lino 
rufo ligata capiti vel temporibus alligetur, mirum remedium he- 
micraniae vel heterocraniae praestabit. [sedum involutum panno 
nigro. Plin. 26. 10, 69.] 

439 7) cap. 8 p. 56. cum primum hirundinem audieris vel 

videris, tacitus illico ad fontem decurres vel ad puteum, et 
inde aqua oculos fovebis, et rogabis de um, ut eo anno non 
lippias, doloremque omnem oculorum tuorum hirundines auferant. 

8) cap. 8 p. 57. si mulieris saliva , quae pueros, non 
puellas ediderit, et abstinuerit se pridie viro et cibis acrio- 
ribus, et inprimis si pura et nitida erit, angulos oculorum 
tetigeris, omnem acritudinem lippitudinis lenies, humoremque 
siccabis. 

9) ibidem, lacertam viridem excoecatam acu cu- 
prea in vas vitreum mittes cum annulis aureis, argenteis, fer- 
reis aut electrinis, si fuerint, aut etiam cupreis, deinde vas gypsa- 
bis aut Claudes diligenter atque signabis, et post quintum vel 
septimum diem aperies, lacertam que sanis luminibus invenies, 
quam vivam dimittes, anulis vero ad lippitudinem ita uteris, ut 
non solnm digito gestentur, sed etiam oculis crebrius adplicen- 
tur, ita ut per foramen anuli visus transmittatur. [lacertas quo- 
que pluribus modis ad oculorum remedia assumunt. alii viri- 
dem includunt novo fictüi, ac lapillos qui vocantur cinaedia 
novem signis signantes et singulos detrahunt per dies, nono 
emittunt lacertam, lapülos servant ad oculorum dolores, alii 
terram substernunt lacertae viridi excaecatae et una in 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 127 

vitreo vase aniilos includunt e ferro solido vel auro; cum rece- 
pisse visum lacertam apparuit per vitrum, emissa ea, anulis contra 
lippitudinem utuntur. Plin. 29. 6, 38. froscli in ameisenhaufen. 
Plin. 32. 5, 18. Zingerle hexenpr. 29.] ^ 

10) cap. 8 p. 58. de manu sinistra muscam capies, et dum 
capias dicere debebis nomen ejus, cui remedium facturus es, te 
ad curandos oculos ejus muscam prendere. tum vivam eam 
ligabis in linteo et suspendes collo dolentis , nee retro 
respicias. 

11) ibidem, ut omnino non lippias, cum stellam cadere 
vel transcurrere videris, numera, et celeriter numera, donec 
se condat. tot enim annis, quot numeraveris, non lippies. 

12) ibidem, qui crebro lippitudinis vitio laborabit, mille- 
folium herbam radicitus vellat, et ex ea circulum faciat, ut 
per illum aspiciat, et dicat ter 'excicumacriosos', et totiens ad 
OS sibi circulum illum admoveat, et per medium exspuat, et 
herbam rursus plantet, quae si revixerit, nunquam is 
qui remedium fecerit vexabitur oculorum dolore, ad utrumque 
oculum hoc facito ; quae si minus revixerit, ex alia iterum faciat, 
oportet autem dari operam ut non nimis herba constringatur, 
quo facilius plantata consurgat. [haue (senecionem) si ferro cir- 
cumscr^iiam eflPodiat aUquis tangatque ea dentem et ahernis ter 
despuat ac reponat in eundem locum, ita ut vivat 
herba, ajunt dentem eum postea non doliturum. Plin. 25. 
13, 106.] 

13) cap. 8 p. 63. acriore collyrio ad cicatrices extenuandas 
et ad palpebras asperas utimur, quod quia ex quatuor rebus, 
ut quadriga equis constat, et celeres effectus habet, 
harma dicitur. 

14) cap. 8 p. 66. ad oculos scabros et palpebras perfora- 
tas humore vetusto vel pedunculis exesas remedium praesens 
barbaricum quidem, sed multis probatum. scarabaeum pilo-440 
sum, qui similis est scarabaeo vero, in sepibus vetustis, lapi- 
dosis, aut in fossatis sepium requires, qui cutiones sunt colore 
pseudoflavo quasi leonino, pilosi, lucentes. ante ergo quam illum 
cutionem tollas, folium caulis primo mane cum suo sibi rore vel 
gutta conclusa in eodem folio teneatur, ut ubi cutionem illum 



■ 



128 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

inveneris, digitisque pollice et medicinali adprehenderis, confestim 
supra folium illud caulis teneas, ut supra guttam illam 
lotium ejus excipias, quia ubi manu adprehensus fuerit, statiin 
se submojit. provideiidum ergo ut velocius supra folium illud 
caulis ponatur, ue lotium ejus, quod cito effundit, alibi excidat, 
quod commixtum cum illo rore caulis per spicillum palpebris 
impones et loca scabra vel exesa inter pilos perunges : effectum 
rei cito miraberis. 

15) cap. 8 p. 67, mel atticum et stercus infantis, quod 
primum dimittit, statim ex lacte mulieris, quae puerum al- 
lactat, permiscebis et sie inunges: sed prius eum, qui curandus 
est, erectum ad scalam alligabis, quia tanta vis medica- 
minis est, ut eam nisi alligatus patienter ferre non possit, cujus 
beneficium tam praesens est, ut tertio die abstersa omni macula 
mirifice visuni reddafe incolumem. 

16) cap. 8.p. 70. digitis quinque manus ejusdem, cujus par- 
tis oculum sordicula aliqua fuerit ingressa, percurrens et per- 
tractans oculum ter dices 

te tunc resonco bregan gresso, 
ter deinde spues, terque facies. item ipso oculo clauso, qui car- 
minatus erit, patientem perfricabis, et ter Carmen hoc dices et 
totiens spues 

inmon dercomarcos axatison. 
scito remedium hoc in hujusmodi casibus esse mirificum. [ter 
cane, ter dictis despue carminibus. Tibull 1. 2, 56. terra despuere 
deprecatione. Plin. 28. 4, 36. dreimal leise. MüllenhofF sagen 
s. 508. ter novies. Ovid. met. 14, 58.] 

17) ibidem, si arista vel quaelibet sordicula oculum 
fuerit ingressa, obcluso alio oculo ipsoque qui dolet patefacto et 
digitis medicinali ac pollice leviter pertractato , ter per singula 
despuens dices 

OS Gorgonis basio. 
hoc item Carmen siter novies dicatur, etiam de faucibus ho- 
minis vel jumenti os aut si quid aliud haeserit, potenter eximit. 

18) cap. 8 p. 71. varulis id est hordeolis oculorum 
remedium tale facias. anulos digitis eximes et sinistrae manus 
digitis tribus oculum circumtenebis et ter despues terque dices 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 129 

'rica rica soro'. 
si in dextero oculo varulus erit natus, manu sinistra digitis tri- 
bus sub divo orientem spectans varulum tenebis et dices : 44i 

nee mula parit, 

nee lapis lanam fert, 

nee huic morbo caput crescat, 

aut si creverit tabeseat! 
eum haec dixeris iisdem tribus digitis terram tanges et despues, 
idque ter facies. 

19) ibidem, efificax hoc remedium hordeolis. novem 
grana hordei sumes et de singulis varum punges, perque siu- 
gula puncta Carmen dices, et projectis novem granis septem 
alia corripies et similiter de singulis punges et Carmen septies 
dices. abjectis etiam iis quinque sumes et idem quinquies fa- 
cies. idem de tribus granis similiter. idem de uno similiter. 
Carmen autem hoc dices 

xupia xupta xaaaapia aouptopßi. 
(Venet. 1547. 97" aoupcocpßt.) 

20) ibidem, item hoc remedium efficax. grana novem 
hordei sumes et de eorum acumine varolum punges, et per 
punctorum singulas vices Carmen hoc dices 

cpSUYS CpSUYE, Xptl^V^ GS 8t(0X£t. 

item digito medicinali varum contingens dices ter 

vigaria gasaria, 
varumque grano hordei ardenti, aut stipula foeni, aut palea ures. 

21) cap. 10 p. 85. scribes Carmen hoc in charta virgine 
et linteo ligabis, et medium cinges eum vel eam, quae patietur 
de qualibet parte corporis sanguinis fluxum: 

sicycuma cucuma ucuma cuma uma ma a. 
(1. sicucuma.) 

22) ibidem, item Carmen hoc utile profluvio muliebri: 

stupidus in monte ibat, 
stupidus stupuit, 
adjuro te, matrix, 
ne hoc iracunda suscipias. 
pari ratione scriptum ligabis. 

23) cap. 11p. 89. pustulae cum subito in lingua nascuntur, 

J. GKIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 9 



130 Ober marcellus burdigalensis. 

priusquam idem (1. quidem) loquaris, extremae tunicae, qua 
vestiris, ora pustulam langes et ter dices: 

tarn extremus sit, qui me male nominat! 
et totiens spues ad terram, statim sanabere. 
442 24) cap. 12 p. 93. Carmen ad dentium dolorem mirifi- 

cum de experimento, luna decrescente, die Martis sive die Jovis, 
haec verba dices septies 

argidam margidam sturgidam. 
dolorem rumpas etiam si calciatus sub divo supra terram 
vivam stans Caput ranae adprehendes et os aperies et spues 
intra os ejus, et rogabis eam, ut dentium dolores secum 
ferat, et tum vivam dimittes, et hoc die bona et hora bona 
facies. 

25) cap. 12 p, 95. cum primum hirundinem videris, 
tacebis et ad aquam nitidam accedes atque inde in os tuum 
mittes. deinde digito obscoeno id est medio tarn manus dextrae 
quam sinistrae dentes fricabis et dices: 

hirundo tibi dico, 

quomodo hoc in rostro iterum non erit, 
sie mihi dentes non doleant toto anno! 
item alium annum et deinceps sequentibus similiter facies, si vo- 
lueris remedii hujus quotannis mauere beneficium. 

26) cap. 14 p. 100. salis granum, panis micam, carbonem 
mortuum in phoenicio alligabis. 

27) ibidem, carmen ad uvae dolorem, quod ipse sibi qui 
dolet praecantet, et manus supinas a gutture usque ad cerebrum 
conjunctis digitis ducens dicat 

crisi crasi concrasi. 
quibus dictis rursum manus a gutture ducat, et ter hoc faciat. 

28) cap. 14 p. 102. uvam toto anno non dolebit, qui cum 
primum uvam viderit procedentem, sinistra manu digito me- 
dicinali et pollice granum vulsum sie transglutierit, ut dentibus 
non contingat. 

29) cap. 14 p. 103. herbae cymbalitis radicem ante solis 
ortum colliges sinistrae manus digitis pollice et medicinali 
in nomine ejus qui uvam dolebit, et licio conligatam collo ejus 
suspende. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 131 

30) ibidem, picem möllern cerebro ejus impone, qui uvam 
dolebit, etpraecipue ut super limen stans superiori limiti ipsam 
picem capite suo adfigat. 

31) ibidem, ad dolorem uvae scribes in charta et collo la- 
borantis in linteolo suspendes : 

formica sanguinem non habet nee fei, 
fuge uva, ne Cancer te comedat. 

32) cap. 14 p. 104. araneam quae sursum versus su- 443 
bit et texit prendes, et nomen ejus dices cui medendum erit 
etadjicies: sie cito subeat uva ejus, quem nomino, quomodo 
aranea haec sursum repit et texit. tum ipsam araneam in 
chartam virginem lino ligabis et collo laborantis suspendes die 
Jovis , sed dum prendes araneam , vel phylacterium alligas , ter 

in terram spues. 

33) cap. 15 p. 105. sed praecipue contra synanchen 
prodest, si hirundininos pullos vivos in nido prendas 
et vivos incendas, ut pulvis ex bis fiat, die Jovis, luna vetere. 
sed observa ut inpares in nido invenias, et quanti fuerint exuras. 
horum in calida aqua pulverem bibendum dabis et de ipso pul- 
vere digito locum synanches ab intro continges. miraberis 
remedium, sed inlotis manibus remedium facies. 

34) ibidem, praecantabis jejunus jejunum, tenens locum, 
qui erit in causa, digltis tribus id est medio, pollice et medici- 
nali, residuis duobus elevatis dices: exi ho die n ata, si ante nata, 
si hodie creata, si ante creata, hanc pestem, hanc pestilentiam, 
hunc dolorem, Imnc tumorem, hunc ruberem, has toles, has ton- 
sillas, hunc panum, has paniculas, hanc strumam, hanc stru- 
mellam, hanc relegionem evoco, educo, excanto de 
istis membris, medullis. 

35) cap. 15 p. 108. si volueris explorare, utrum struma 
sit loci illius, qui tumebit, ante quam medicinam adhibeas, lum- 
bricum terrestrem ad tumorem adplica et postea super fo- 
lium pone: si struma erit, lumbricus terra fiet, si non erit 
struma, integer atque inlaesus permanebit. 

36) cap. 15 p. 109. strumae optime medetur radix v er- 
ben ae. si eam transversam reseces, extremamque ejus partem 
laborantis collo subnectas, priorem autem partem in fumo suspen- 



132 ÜBER MARCELLÜS BÜRDIGALENSIS. 

das. arescente enim ea strumae quoque siccabuntur et omnis 
earum humor arescet. cum sanus fuerit quem curaris, si tibi 
ingratus exstiterit, utramque partem in aquam conjicito, strumae 
renascentur, 

37) cap. 15 p. 110. remedium valde certum et utile fau- 
cium doloribus. sie scribas in charta haec: 

sTSov xptjxspYj j(puasov ToavaSov, 

xal xapxapouj^ov Toucjocvaoov. 

aöiaov \ib ös[xv£ vsptsptov u-spxaxi. 
quam chartam in phoeniceo obvolutam lino conligabis colloque 
444 Suspendes meminerisque ut niundus fias haec facias, et ne tertia 
manu scriptura tangatur. 

38) cap. 15 p. 111. Carmen mirum ad glandulas sie: 

albula glandula, 

nee doleas nee noceas, 

nee paniculas facias, 

sed liquescas tanquam salis (mica) in aqua! 
hoc ter novies dicens spues ad terram et glandulas ipsas pol- 
lice et digito medicinah perduces, dum Carmen dices, sed ante 
solis ortum et post occasum facies id, prout dies aut nox 
minuetur. 

39) ibidem, glandulas mane carminabis, si dies minuetur, 
si nox, ad vesperam, et digito medicinali ac pollice continens 
eas dices: 

novem glandulae sorores, 
octo glandulae sorores, 
Septem glandulae sorores, 
sex glandulae sorores, 
quinque glandulae sorores, 
quattuor glandulae sorores, 
tres glandulae sorores, 
duae glandulae sorores, 
una glandula soror 
novem fiunt glandulae, 
octo fiunt glandulae, 
Septem fiunt glandulae, 
sex fiunt fflandulae. 



ÜBER MARCELLÜS BÜRDIGALENSIS. 



133 



quinque fiunt glandulae, 
quattuor fiunt glandulae, 
tres fiunt glandulae, 
duae fiunt glandulae, 
una fit glandula, 
nulla fit glandula. 

40) ibidem, ad ea quae faucibus inhaerebunt reme- 
dium: si os aut arista haeserit gulae, vel ipse cui acciderit vel 
alius confestim ad focum adcurrat et titionem verset, 
ita ut pars ejus, quae ardebat, forinsecus emineat, illa vero, quae 
igni carebat, flammae inseratur; convertens vero titionem 445 
ter dices remedii gratia te facere , uti illud quod haeserit in 
faucibus tuis vel illius, quem peperit illa, sine mora et mo- 
lestia eximatur. hoc inter certissima remcdia subnotatum est. 

41) ibidem, omnia quae haeserint faucibus, hoc Car- 
men expellet: heilen prosaggeri uome sipolla nabuliet onodieni 
iden eliton. hoc ter dices et ad singula exspues. item fauces, 
quibus aliquid inhaeserit confricans dices: xi exucricone xu cri- 
grionaisus scrisumiouelor exugri conexu grilau. 

42) cap. 15 p. 112. si de pisce os faucibus haeserit, 
spinam mediam ejusdem piscis infringes et aliquam partem ex 
ea pollice et medicinali digito super verticem ejus, cui os vel 
Spina haerebit, adpones, sed utilius erit, si nescienti id facias. 

43) ibidem, ad os, sive quid aliud haeserit faucibus, 
hi versus vel dicendi in aurem ejus qui oflFocabitur, vel scribendi 
in Charta, quae ad coUum ejus lino alligetur, quo remedio nihil 
est praestantius : 

[XT^ [101 ropYEiTjv XEcpaXTjv Seivoio TTsXfopou 
i$ 'Ai8sa> t:s}x<|»£1£v STratvrj Hspascpovsta. 

44) cap. 16 p. 116. foeniculi radicem viridem nitidam 
in pila lignea contunde atque ejus succum jejunus cum vino 
vetere per dies continuos novem in limine stans bibe, vali- 
dissime ad versus tussim quamlibet molestam tibi proderit. 

45) cap. 17 p. 124. ad suspiriosos remedium salutare. 
spumam de ore mulae coUige et in calicem mitte, atque ex 
aqua calida sive viro seu feminae, quae hanc molestiam patitur, 
continuo da bibendam : homo statim sanabitur, sed mula morietur. 



134 ÜBER MARCELLUS BÜRDIGALENSIS. 

46) cap. 17 p. 126. serpentis senectus id est exuviae 
licio alligatae et vulso circumdatae mire prosunt. 

47) cap. 19 p. 130. hie morbus (elephantiasis) pecu- 
liariter Aegyptiorum populis notus est, nee solum in vulgus ex- 
tremum, sed etiam in reges ipsos frequenter inrepsit, unde adver- 
sus hoc malum solia ipsis in balneo repleta humano sanguine 
parabantur. mvistelae igitiir exustae cinis et ejusdem beluae id 
est elephantis sanguis immixtus et inlitus hujusmodi corporibus 
medetur. 

48) cap. 20 p. 143, remedium physicum magnum adversum 
dolorem stomachi. in lamina argentea scribes et dices : arith- 
mato aufer dolores stomachi illi, quem peperit illa. eandem 

446 laminam lana ovis vivae involutam collo de licio suspendes et 
id agens dices: aufer mihi vel illi stomachi dolorem arithmato. 

49) cap. 20 p. 144. cum te in lecto posueris, ventrem tuum 
perfricans dices ter: 

lupus ibat per viam, per semitam, 
cruda vorabat, liquida bibebat. 
physicum hoc ad digerendum de experimento satis utile. 

50) cap. 21 p. 154. praecordiorum dolorem catuli lacten- 
tes admoti visceribus humanis transferre in se adseruntur, 
idque exenteratis perfusisque vino deprehenditur vitiatis eorum 
visceribus. 

51) ibidem, ad corcum Carmen in lamella stägnea (= 
stannea) scribes et ad Collum suspendes haec, ante vero etiam 
cane : 

corcu (corce?) nee megito (1. mejito) cantorem 

utos utos utos, 

praeparabo tibi vinum, leva 

libidinem, discede a nonnita. 

in nomine dei Jacob, in nomine dei Sabaoth. 

52) item ad id aliud Carmen (vgl. 75) : 

corce do, corcedo, stagne (1. stagna), 

pastores te invenerunt, 

sine manibus coUegerunt, 

sine foco coxerunt, 

sine dentibus comederunt. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 135 

Tres virgines in medio mari mensam marmoreatn positam 
habebant. duae torquebant et una retorquebat. quo- 
modo hoc nunquam factum est, sie nunquam sciat illa Gajoseja 
corci dolorem. 

53) cap. 22 p. 160. de lupi praeda, id est de reliquiis 
vervecis aut caprae aut cujuslibet animantis, quam comederit, 
carnem vel pellem vel os coUige et serva, et quando aliquis jecur 
doluerit, inde eum tange, continuo sanabitur. [vgl. serb. vuko- 
jedina. mythol. 1093.] 

54) cap. 22 p. 161. lacertam viridem prende, et deacuta 
parte cannae jecur ei tolle, et in phoenicio vel panno naturaliter 
nigro alliga, atque ad dexteram partem lateris aut brachii labo- 
ranti epatico suspende sed vivam lacertam dimitte et dicito 
ei : ecce dimitto te vivam : vide ut ego quemcunque hinc tetigero 
epar npn doleat! 

55) cap. 23 p. 164. herba salutaris id est spina alba, 
qua Christus coronatus est, quae velut uvam habet, lie-447 
nem leniter in eodem loco perfricata sanabit. 

56) cap. 23 p. 166. lacerta viridis viva in ostio spleni- 
tici ante cubiculum ejus suspenditur, ita ut procedens et 
rediens eam semper manu sinistra et capite contingat, quo facto 
mire ad sanitatem proficiet. [eo liberat et lacerta viridis, viva in 
olla ante cubiculum dormitorium ejus, cui medeatur, suspensa, 

ut egrediens reverteusque attingat manu. Plin. 30. 6, 17.] -n,/ 

57) cap. 23 p. 167. catellum lactentem de canna oc- 
cide, et de ipsa canna splenem ejus tolle, ac nescienti 
splenitico in carbonibus coctum vel assatum manducandum dato. 

58) cap. 25 p. 171. pellem lupi aluminatam per dies sex 
lumbis dolentibus impone, statim subvenies. 

59) ibidem, remedium ad ischiadem sie. colliges her- 
bam, quae dicitur britannice, die Jovis, vetere luna et liduna, 
siccabis et repones, quia hieme non apparet. nam et viri- 
dis prodest. teres hanc cum tribus granis salis et cum piperis 
granis quinque aut Septem, addes et plenum grande cocleare 
mellis et vini portionem bonam et si volueris modicum calidae 
aquae adjicies et sie bibendum dabis. sed hanc herbam ter dum 
teres et antequam coUigas praecantare debes sie: 



136 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

terram teneo, herbam lego, 
in nomine Christi prosit ad quod te colligo. 
medicinalibus digitis eam sine ferro praecides vel avelles. 

60) cap. 25 p. 173. et cum daturus fueris remedium, a die 
Jovis incipe et per dies Septem continuos dato, ita ut qui re- 
mediandus est, stans in scabello contra orientem bibat. 

61) ibidem, remedium coxendicis mirum de experimento 
sie, muscerdae novem tritae ex vini quartario super scabellum 
vel sellam laboranti potui dantur, ita ut pede uno quem dolet 
stans ad orientem versus potionem bibat, et cum biberit 
saltu desiliat, et ter uno pede saliat, et hoc per triduum 
faciat, confestim remedio gratulabitur. 

62) p. 174. fei terrae (d. i. centauris, ahd. ertgalla, ags. 
eordgealle) tritum ex vetustissimo vino bibere dabis jejuno supra 
limen stanti uno pede, qui coxam dolebit, sed non in 
vitro hanc potionem bibat. 

63) ibidem, vermis terrenus exfoditur et in ligneo cauco 
ponitur, si fieri potest, fisso, et ferro alligato. tunc aqua per- 
funditur rursusque eodem loco unde prolatus est defoditur, aqua 
vero in qua dilutus est, in eodem poculo bibitur ab ischia- 
dico ob insigne remedium. [vermem terrenum catillo ligneo 
ante fisso et ferro vincto impositum aqua excepta perfundere et 
defodere unde defoderis, magi jubent, mox aquam bibere catillo, 
mire id prodesse ischiadicis affirmantes. Plin. 30. 6, 18.] 

448 64) cap. 26 p. 176. hoc medicaraentum tunditur in pila 

lignea et pilo ligneo, qui contundit anulum ferreum non ha- 
be at. 

65) cap. 26 p. 177. ad lapides de vessica ejiciendos 
remedium singulare, hircum segregatum vel clausum Septem 
diebus lauro pasces et postmodum a puero impubi occidi 
facies et sanguinem ejus excipies munditer, ex eo dabis labo- 
ranti in vini cyatho scripulos tres. at vero ut ejus rei experi- 
mentum capias lapillos fluviales in vessicam mittes, in qua san- 
guis exceptus fuerit, nam in vessica excipi debet, et signatam 
repone. intra dies Septem solutos penitus invenies. [ita ut a 
puero impube et capiatur et importatur. Plin. 29. 6, 38.] 

66) cap. 26 p. 179. artemisia — hanc ubi nascatur require 



ÜBER MARCELLUS BÜRDIGALENSIS. 137 

et inventam mane ante solis ort um sinistra manu extrahes 
et ex ea nudos renes praecinges, quo facto singulari et praesen- 
taneo remedio uteris. 

67) ibidem, mulier quae geminos peperit, renes do- 
lentes supercalcet, continuo sanabit. 

68) cap. 26 p. 181. calculosis expertus adfirmat incredi- 
biliter succurri remedio tali. si hircum, melius si agrestem, 
melius si anniculum et si mense Augusto, claudas loco sicco 
per triduum, ut ei solas laurus edendas sumministres et aquae 
nihil accipiat, ad postremum tertio die id est aut Jovis aut Solis 
occidas. melius autem erit, si castus purusque fuerit et qui 
occidit et qui accipiet remedium. exsecto igitur gutture ejus 
sanguis excipitur, utilius si ab investibus pueris excipiatur, 
comburitur in vase fictili usque ad cinerem, vas autem in quo 
torrebitur coopertum et inlitum gypso in furnum mittetur etc. . . 
dabis infirmo die Solis aut Jovis coclearis mensuram in meri 
potione, providere autem debes ut digesto jejunoque potib detur. 
quam cum acceperit qui calculum patitur, mox lapides solutos 
omnes per urinam emittet. ut vero ammireris sanguinis hir- 
cini virtutem, adamas lapis invictus, qui neque igni neque 
ferro vincitur, si sanguine hircino perfusus fuerit, mox sol- 
vetur. 

69) cap. 26 p. 183. pellem leporis recentem in oUa 
munda vel tegula ita cum lana sua combures, ut in tenuissimum 
pulverem redigere possis, quem cribratum in vaso nitido serva- 
bis, inde cum opus fuerit tria coclearia in potione dabis bibenda, 
quae res sive calculos sive vessicae dolores continuo compescit, 
sed multo potentius erit remedium, si leporem vivum in olla 
nova claudas et gypso omnia spiramenta vasis obstruas et in 
furno usque ad favillam tenuissimam cremes tritamque et cri- 
bratam recondas. 

70) cap. 26 p. 184. ad calculum remedium mirum sie. 449 
hederam quae in quercu nata fuerit, vulnerabis cupro, et 
permittes humorem, qui inde manaverit, indurari in modum gum- 
mis, postea sublatum condito resolves, et admiscebis, et bibes 
quotiens usus exegerit. 

71) cap. 26 p. 185. in cubili canis urinam faciat, qui 



138 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

urinam non potest continere, dicatque dum facit, ne in cubili 
suo urinam ut canis faciat. 

72) cap. 27 p. 190. tormina patientibus multi ventrem 
viventis anatis adponunt adfirmantes, transire morbum ad 
anatem, eamque mori. 

73) cap. 27 p. 196. ad profluvium et incontinentiam ven- 
tris remedium sie. spongiam, quae in pruno silvestri vel 
in Spina aut in rosa silvestri nascitur, colliges et supra ba- 
tilum torrebis et diligenter teres. 

74) ibidem, ut explorari possit ex latentibus morbis, 
qui sit ille qui vexat infirmum comprehendique qualitas vitii et 
pars viscerum possit, catulus foetae canis lactens die ac 
nocte cum eo qui laborat accumbat. is postea sectus inspicitor, 
translatusque in eo morbus haud difficile notatur, ita ta- 
men ut aeger ei lac de suo ore frequenter infundat. eum 
tarnen catulum cum fuerit exsectus obrui oportet, nee ab re 
est , si triduo idem catulus vivens eum aegro maneat. vitium 
enim aegri transire in eum usque adeo eertum est, ut moriatur 
catulus, hominemque morbis latentibus relevet. 

75) cap. 28 p. 200. [vgl. 52.] Carmen ad rosas sive ho- 
minum sive animalium diversorum sie. palmam tuam pones contra 
dolentis ventrem et haec ter novies dices : 

stolpus a coelo deeidit, 

hunc morbum pastores invenerunt, 

sine manibus collegerunt, 

sine igni eoxerunt, 

sine dentibus comederunt. 

76) cap. 28 p. 200. si ventriculus perversatus (?prae- 
vexatus) fuerit alicui , aquam bibat unde pedes laverit suos , et 
de lana ovis, quae a lupo occisa fuerit, ad ventrem suum 
alliget, de herba quoque quae muris auricula dicitur novem 
folia tollat et cum piperis granis novem terat et ex aqua bibat 
per triduum. 

77) ibidem, radix inulae in vino decoquitur, deinde sue- 
cus ejus exprimitur, potuique datur ad tineas enecandas. sed 
ea radix postea quam eruta est, terram non debet ad tin- 
ger e. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 139 

78) cap. 28 p. 201. corrigia canina medius cinga-450 
tur, qui dolebit ventrem, statimque remediabitur. 

79) cap. 29 p. 202. lupi stercus, dummodo non in terra 
inventum, sed supra fustem aut supra astulas aut supra 
juncum, colliges et servabis, et cum opus fuerit laboranti 
coli CO alligabis ad brachium vel ad Collum in osse aut in auro 
clusum. 

80) cap. 29 p. 206. anulus de auro texta tunica fit 
exusta, cui insculpitur vice gemmae piscis aut delphinus, sie 
ut holochrysus sit et habeat in ambitu rotunditatis utriusque id 
est et interii^s et exterius graecis literis scriptum 

Ösb? XSXSUSI [i-Tj XUSIV XOXOV TTOVOU?. 

observandum autem erit, ut si in latere sinistro dolor fuerit 
in manu sinistra habeatur anulus, aut in dextera, si dextrum 
latus dolebit. luna autem decrescente, die Jovis, primum in 
usum adhibendus erit anulus. 

81) cap. 29 p. 206. ad coli dolorem requires fimum 
lupi et ossa, quae ibidem inveneris, contundes et pulverem ex 
bis facies et in aqua frigida jejuno bibendum dabis. 

82) ibidem, ad coli dolorem scribere debes in lamina 
aurea de graphio aureo infra scriptos characteres luna prima 
vigesima et laminam ipsam mittere intra tubulum aureum et de- 
super operire vel involvere tubulum ipsum pelle caprina et ca- 
prina corrigia ligare in pede dextero, si dextra pars corporis 
colo laborabit, aut in sinistro, si ibi causa fuerit, habere debe- 
bit. sed dum utitur quis hoc praeligamine, abstineat Venere, et 
ne mulierem aut praegnantem contingat, aut sepul- 
chrum ingrediatur, omnino servare debebit. ad ipsum autem 
coli dolorem penitus evitandum, ut sinistrum pedem semper 
prius calciet observabit. hi sunt characteres scribendi in aurea 
lamina 

L X M R I A 
L X M R I A 
L X M © R I A 

83) cap. 29 p. 208. si ad versus colura viro remedio opus 
erit, de ariete, quem lupus occiderit, fasciolam puer 
impubis faciat, et inde virum ad corpus adcingat. si vero 



140 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

mulieri medendum erit, similiter de ove, quam lupus occi- 
derit, puella virgo cingulum faciat, et mulierem circa corpus 
adcingat. efficaciter prodest, 
451 84) ibidem, lepori vivo talum abstrahes, pilosque 

ejus de sub venire tolles atque ipsum vivum dimittes. de 
illis pilis vel lana filum validum faöies et ex eo talum leporis 
conligabis corpusque laborantis praecinges: miro remedio sub- 
venies. efficacius tamen erit remedium, ita ut incredibile sit, 
si casu OS ipsum id est talum leporis in stercore lupi inve- 
neris, quod ita custodire debes, ne aut terra m tangat aut a 
muliere contingatur, sed nee filum illud de lana leporis 
debet mulier ulla contingere. hoc autem remedium cum uni 
profuerit ad alios translatum cum volueris, et quotiens volueris 
proderit. filum quoque, quod ex lana vel pilis, quos de ventre 
leporis tuleris, solus purus et nitidus facies, quod si ita ventri 
laborantis subligaveris plurimum proderit, ut sublata lana lepo- 
rem vivum dimittas, et dicas ei dum dimittis eum: 
fuge, fuge lepuscule, et tecum aufer coli dolorem! 

85) cap. 29 p. 209. lacertum viridem, quem graeci aaupov 
vocant, capies perque ejus oculos acum cupream cum licio quam 
longo volueris trajicies, perforatisque oculis eum ibidem loci ubi 
ceperas dimittes, ac tum filum praecantabis dicens: 

trebio potnia telapaho. 
hoc ter dicens filum munditer recondes, cumque dolor colici 
alicujus urgebit, praecinges eum totum supra umbilicum et ter 
dicas Carmen supra scriptum. 

86) ibidem, ovis agnum, quem primum pariet, manu 
excipies, ita ut terram non tangat, et de fronte ejusdem 
agni lanam tolles, sed et de ipsa ove, et verris, qui coitum cum 
scrofa faciet, semen eadem lana excipies, ita ut terram non 
tangat, et includes lanam cum semine verris in brachio, vel 
mediis partibus corporis colico suspendes. 

87) ibidem, de novem coloribus, ita ut ibi album vel 
nigrum non sit, facies ex singulis singula fila, et omnia in se 
adunata acu argentea per oculos catuli novelli, qui non- 
dum videt, trajicies, ita ut per anum ejus exeant. tum ipsa 



ÜBER MARCELLUS BURDI 

fila in se counata torquebis, et pro cingulo ad corpus mediis 
partibus iiteris. catulum sane vivum confestim in flumen 
proj icies. 

88) cap. 31 p. 221. ad ficos, qui in locis verecundioribus 
nascuntur, de orbita rotae collige calvos lapides non prae- 
grandes neque parvos, et pone in foco ut bene candescant et 
lotio infantis eos exstingue , postea de ipso lotio locum assidue 452 
lava, ita ut frequenter mutes et lapides et lotium infantis; tan- 
tum proderit, ut sectione et ferro opus non sit. [quae sola (i. e. 
terram) signavit volvendis orbita plaustris, illine. Serenus 886.] 

89) cap. 31p. 222. luna XIII. hora nona ante quam exeant 
vel erumpant mori arboris folia, oculos tres tolles digitis 
medicinali et pollice inanus sinistrae, et in oculis singulis dices : 

absi apsa phereos, 
mittesque in coccura galaticum et in phoenicio lino conchyliatae 
purpurae conligabis et dices: 

tolle te hinc tota haemorrhoida, 

absis paphar, 
et nudum eum, cui remedio opus est, praeligamine illo cinges. 

90) cap. 32 p. 225. ne inguen ex ulcere aliquo aut vul- 
nere intumescat, surculum anethi in cingulo aut in fascia 
habeto ligatum in sparto vel quocunque vinculo, quo holus aut 
obsonium fuerit innexum, Septem nodos facies et per singulos 
nectens nominabis singulas anus viduas et singulas feras, 
et in cruce vel brachio, cujus pars vulnerata fuerit alligabis. 
quae si prius facias ante quam nascantur inguina, omnem in- 
guinum vel glandularum molestiam prohibebis, si postea, dolo- 
rem tumoremque sedabis. surculum quoque ex myrto terra 
factum si quis gerat, ab inguinibus tutus erit. inguinibus po- 
tenter medebere, si de licio septem nodos facias, et ad sin- 
gulos viduas nomines, et supra talum ejus pedis alliges, in 
cujus parte erunt inguina. 

91) cap. 33 p. 229. si puero tenero ramex descenderit, 
cerasum novellam radicibus suis stantem mediam findito, 
ita ut per plagam puer trajici possit, ac rursus arbuscu- 
lam conjunge, et fimo bubulo aliisque fomentis obline, quo faci- 



142 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

lius in se quae scissa sunt coeant. quanto autem celerius ar- 
buscula coaluerit, et cicatricem duxerit, tanto citius ramex pueri 
sanabitur. 

92) cap. 33 p. 231. mulierem, quam tu habueris, ut nun- 
quam alius inire possit, facies hoc. lacertae viridis vivae 
sinistra manu caudam curtabis, eamque vivam dimittes. cau- 
dam donec inmoriatur, eadem palma clausam tenebis, et mulie- 
rem verendaque ejus, dum cum ea cois, tange. 

93) ibidem, si quem ad usum venerium infirmum volueris 
esse, ubicunque minxerit, supra lotium ejus obicem id est axe- 
donem ex usu figes. 

453 94) ibidem, si quem coire noles, fierique cupies in usu 

venerio tardiorem, de lucerna, quae sponte exstinguetur, 
fungos adhuc viventes in potione ejus exstingue, biben- 
damque inscio trade: confestim enervabitur. 

95) cap. 34 p. 236. frumenti grana novem in tegula can- 
denti combures et in cinerem rediges, et cymini, quot duobus 
digitis poUice et medicinali teuere potueris, addes. 

96) ibidem, verrucas minores congestas, quas Graeci 
myrmecidas vocant, ut abstergeas hoc facito. nocte cum vi- 
deris stellam quasi praecipitem se ad aliam transfe- 
rentem, eodem momento locum, in quo Verrucae erunt, qua- 
cunque re volueris, deterge, protinus omnes excident. quodsi 
manu tua nuda id feceris, continue ad eam transibunt. 

97) ibidem, lapillum queralibet involutum hederae fo- 
lio ad verrucam admoveto, ita ut eam tangat lapillus, atquQ 
ita celebri loco objicito, ut ab aliquo inventus colliga- 
tur: miro modo ad illum, qui collegerit, Verrucae trans- 
feruntur, et ideo quot fuerint Verrucae, tot lapillis tangi 
debent. 

98) cap. 35 p. 240. de tribus tumulis terrae, quos 
talpae faciunt, ter sinistra manu quot adprehenderis toUes, hoc 
est novem pugnos plenos, et aceto addito temperabis. 

99) cap. 36 p. 246. pueri inpubis detonsi super pe- 
des dolentis capilli atque illuc aliquandiu compositi com- 
pescunt dolorem. 

100) cap. 36 p. 260. carmen idioticum, quod lenire poda- 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 143 

gram dicitur sie. in manus tuas exspues, ante quam a lecto 

terram contingas, et a summis talis et plantis usque ad summos 

digitos manus duces et dices 

fuge, fuge podagra, et omnis nervorum dolor 
de pedibus meis et omnibus membris meis! 

aut si alii praecantas, dices illius quem peperit illa, 
venenum veneno vincitur, 
saliva jejuna vinci non potest, 

ter dices haec et ad singulas plantas tuas, vel illius, cui mede- 

bere, spues. 



Solcher Heilmittel und heilsprüche ist das alterthum aller 464 
Völker voll; es brechen, wie in spräche und mythen überhaupt, 
hier gleich starke und wunderbare einstimmungen vor. cap. 
XXXVI, XXXVII und XXXVIII der deutschen mythologie 
habe ich davon schon vieles angezogen und geltend gemacht, 
in Rudolf Roths literatur und geschichte des Veda, Stuttgart 
1846 s. 12. 37 — 45 findet man merkwürdige indische Sprüche, 
welche gegen krankheiten und schädliche thiere schützen, an- 
rufungen heilsamer kräuter tmd Verwünschungen der feinde aus- 
gehoben. Agni und Varuna, Indra und Mitra, die hohen götter 
des feuers und wassers, der luft und sonne, werden wechsels- 
weise angefleht um ihren beistand wider gefahr und seuche. 
kusta (costus speciosus), ein heilendes kraut, soll den takman 
(eine hautkrankheit, wahrscheinlich den aussatz) vertreiben und 
heiszt davon takmanäsana, takmans vernichter. kustha, ein andrer 
name des aussatzes, scheint mit jenem kusta selbst zusammen- 
zuhängen. 

Alle griechischen und römischen heilsprüche verdienten 
eigne samlung, damit man ihren gehalt und ihr gewand ver- 
gleichen könne, wie bedeutsam ein von Cato überlieferter Se- 
gen für verrenkte glieder mit unsern altdeutschen und den nor- 
dischen stimme, wurde bereits nachgewiesen, andere von Plinius 
aufgezeichnete werden wir den marcellischen begegnen sehn. 



144 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

Was mir zumeist anliegt, ist aber, den Ursprung einiger 
bei Marcellus enthaltnen, auf den ersten blick unverständlichen 
formein zu entdecken, es war natürlich, dasz zu Rom und By- 
zanz ihm vor allem lateinische und griechische formein bekannt 
vrurden; es kann sein, dasz andere ganz verderbt oder sinnlos 
erscheinen, wie 21, worin stufenmäszig von einem ausdruck ein- 
zelne buchstaben abgeschnitten werden, bis zuletzt nichts als 
der vocal übrig bleibt; auch in 18. 24. 27. 41 wiederholen sich 
die Wörter, nicht so bewandt sein mag es um den sechzehnten 
Spruch zur Vertilgung der ins äuge gerathnen sordicula; denn 
hier verrathen sich gallische formein mit geeignetem sinn, die 
dem Marcellus noch aus seiner heimat im gedächtnis gehaftet 
hatten, alle Wörter von unkundigen Schreibern aus der fuge 
gebracht scheinen, ohne dasz das geringste zugefügt oder weg- 
gelassen werde, herstellbar. [Mone gall. spr. 171.] ich will sie 
erst zusammenschieben und dann von neuem, der gallischen 
spräche gemäsz, zertheilen: 

tetuncresoncobregangresso 

inmondercomarcosaxatison 
455 das ist: 

tet un cre son co bregan gresso 

inmon derc omar cos ax atison 

oder nach heutiger irischer Schreibweise: 

teith uainn cre soin ge breigan greasa 
inmhion dearc omar gus agus ait soin 
es sind, wie der lateinische text lehrt, eigentlich zwei von ein- 
ander unabhängige Sprüche, deren ersten ich verdeutsche : 
fleuch von uns staub hinnen zu der lügen genossen! 
den andern: 

lieblich (sei das) augenbett, weh und schwulst (sei) fort! 
teith ist imperativ von teich, teatham fliehen, uainn bedeutet von 
uns, wie uaim von mir, uait von dir, uaibh von euch, cre staub, 
erde, unrat drückt die lat. sordicula aus. co für go entspricht 
der altirischen Schreibung, und nicht anders wird cus acus für 
gus agus, derc für dearg gesetzt, breigan gen. pl. von breag 
lüge, gresso erkläre ich greasa hospitibus, denn der von der 
praeposition go verlangte dat. pl. kann nach Odonovan s. 84 



t 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 145 

auf -a oder -u, also auch -o endigen, statt des gewöhnlichen 
-aibh, 'fri teora gressa' bedeutet with three processes, statt 
gressaibh. könnte man übertragen : zu der lügen erfolgen? doch 
scheint mir lügengästen vorzüglicher, d. i. teufein, welchen die 
sordicula überwiesen wird, im andern Spruch ist inmhion, in- 
mhuin gratus, dearc äuge, omar trog, hole, rinne, bett, deargomar 
also augentrog, augenhöhle = äuge [Dercojedus inscr. Steiner 
no. 996 oculi circulus], gus weh, schmerz, ax = acs acus agus 
die bekannte conjunction, dem lat. ac, wie dem goth. jah ver- 
wandt [vgl. Zeusz 663] ; ati das heutige ait, vielmehr at geschwulst. 
son = soin hence, thence. unverkennbar sind aber die irischen 
diphthonge in der alten spräche einfach. 

Teuscht sich meine auslegung, wenn schon im einzelnen, 
doch in der hauptsache nicht, so gewähren diese Sprüche für 
die künde der aquitanischgallischen spräche im vierten jh. noch 
einen wichtigeren beitrag als jene pflanzennamen, bestätigen die 
nähe des irischen dialects, und entheben uns aller zweifei über 
des Marcellus abkunft und sein Verhältnis zum ganzen werk, 
kein arzt zu Rom oder Constantinopel wäre so wie er ausge- 
rüstet gewesen mit gallischen formein. ich hajpe, ohne rechten 
erfolg, versucht auch die Sprüche 24. 27. 41 gallisch zu deuten 
und will nun andere zahne in sie beiszen lassen, doch werde 456 
ich auch zu 48 ein entschieden gallisches wort nachweisen 
können. 

Ueberblickt man aber alle diese abergläubischen mittel, 
deren Marcellus gewis nur eine geringe zahl verzeichnete oder 
kannte, so erhellt, dasz sie eigentlich nicht bei schweren, le- 
bensgefahrlichen krankheiten angewandt wurden, sondern fast 
nur für leichte oder äuszerliche gebrechen wie kopfweh, zahn- 
weh, flieszendes äuge (lippitudo), gerstenkorn am äuge (hordeo- 
lus, varulus), kröpf, zapfengeschwulst (uva), Schlundentzündung 
(auva'i'/-/]), bruch, warze, huste, engen athem (suspirium), ma- 
genweh, leibweh, milzweh, hüftweh, herzweh, leberweh, stein- 
schmerz (calculus) und mancherlei drüsen und geschwulst. toles 
und tonsilla 34 ist auch schlundweh, corcus 52 scheint ein herz- 
übel und corcedo gebildet wie axedo 93 von axis. bei solchen 
leiden läszt sich noch heute unter uns der gebrauch eines un- 

J. ORIMM, KL. SCHRIFTEN. IL* 10 



146 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

schädlichen, sympathetisch wirkenden und die einbildung span- 
nenden hausmittels nicht ganz verdrängen. 

Die meisten arzneien wurden aus heilkräftigen kräutern ge- 
wonnen, einzelne gaben auch thiere her, zumal wurm, käfer, 
spinne, fliege, eidechse, frosch, schwalbe, ente, hase, weif, bock, 
maulthier und wolf, bär, hirsch, eher, hahn und viele andere 
kommen hier nicht vor. wenn es angeht, wird aber die ge- 
brauchte pflanze wieder in die erde gesetzt, die gespaltne wie- 
der zusammengebunden, das thier, welches einen dienst geleistet 
hat, lebendig entlassen, die ihnen angedeihende Schonung för- 
dert des menschen heilimg, sie sollen gleichsam nur mitleidende 
sein, alles ist voll geheimer Sympathie und wie die spinne an 
ihren faden aufsteigt soll die geschwulst aufgehn (32), wie der 
brand gedreht wird, die ähre im Schlund sich umkehren (40). 

Stein, kraut und thier sind kräftig, allein noch gröszere 
macht üben die dazu gesprochnen worte. auszer den lateini- 
schen und gallischen Sprüchen begegnen vier griechische, worun- 
ter 43 aus Od. 11, 634 (vgl. II. 5, 741) entnommen, doch iizaivri 
für d-^au7] gelesen ist. woher 37 stamme, weisz ich nicht und 
der goldne Toanados, der höllische Tusanados sind mir unbe- 
kannt, die vspxspoi sind die inferi, unterirdischen, den trimeter 
80 können vielleicht andere aufzeigen, aber die formel 20 

cpeSys cpsuys, xpii)r^ dz oicuxei 
kannte schon dreihundert jähre vor Marcellus Plinius 27, 11: 
457 lapis vulgaris juxta flumina fert muscum siccum, canum. frica- 
tur altero lapide addita hominis saliva, illo lapide tangitur Im- 
petigo, qui tangit dicit 

cpsu^exe xav^apiös?, Xuxo? «Ypio? ujjlixs otfoxst, 
imd das fuge, fuge lepuscule im spruch 84, das fuge uvain.31, 
das fuge fuge podagra in 100, ja das irische teith (s. 455) musz 
dazu gehalten werden, [vliuch vliuch trüren von uns verre. 
Lichtenst. 545, 25. nü fliuch von mir hin langez trüren. MS. 
1,57».] 

Unter den lateinischen formein ist die Wiederholung von 52 
in 75 bei verschiedenem eingang zu beachten und das 'sine foco' 
dem 'sine igni' gleichbedeutend. . focus verdrängte in den ro- 
manischen sprachen allmälich das ältere ignis. [focum facere. 



ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 147 

Spartiani Pescenn. 10. nihil foci excutere. Greg. tur. mirac. 1, 57. 
focum mittere. lexAlam. 81. focus — pävakas. Bopp vocal. 205.] 
in 49 hebt 'lupus ibat per viam' an, in 22 'stupidus in monte 
ibat' wie in anderen Sprüchen 'ibant tres puellae in via virente' 
oder 'Christus in petra sedebat' (mythol. s. 1195. 1196), 'Petrus, 
Michael et Stephanus ambulabant per viam' (mythol. s. 1184) 
oder 'eiris säzun idisi'. [tres boni fratres ambulabant. altd. bl. 
2, 323.] der ganze sprach 22 

stupidus in monte ibat, 
stupidus stupuit, 
adjuro te matrix 
ne hoc iracunda suscipias 
rührt offenbar an unsern althochdeutschen, den ich im Jahrgang 
1842 s. 26 bekannt gemacht habe, aber noch nicht zu deuten 
vermochte : 

tumbo saz in berke 

mit tumbemo kinde in arme, 

tumb hiez der berc, 

tumb hiez daz kint, 

der heilego tumbo 

versegene dise w^unta, 
ad stringendum sanguinem, v^^ie hier Carmen utile profluvio mu- 
liebri. wen dachte sich das vierte jh. unter dem stupidus, das 
eilfte unter dem tumbo? [= riese, bergriese. myth. 495. hau 
blev til en kampesten graa og der staaer hau hin dumme. DV. 
1, 228. se dumba. cod. Exon. 433. der arge tumber. Martin. 
160, 23. der dumme teufel. hüne auf dem gacksbiärg. Woeste 
42. vgl. Oden stär pä berget, auch trollet satt i berget, myth. 
1181.] auch die voraus erwähnten 'Genzan unde lordan kieken, 
Vro unde Läzakere kieken' erkenne ich jetzt für mhd. gie- 
gen d. i. stulti (MS. 2, 79". 246''. der giege üz Österlant 235^ 
von der bir 314 und Ls. 1, 509. [der vil tumbe giege Mart. 9'. 
der hellegiege (diabolus). das. lll*". klöstergiege Frauenlob 53, 3. 
dir giegen Laber 181, 50. Ben. 1, 539. Gekenbiunt MB. 10, 
465. 12. vgl. Schalkesberg. Seibertz 1, 637. altn. gygr?]) nhd. 
gecken. es scheint mir, dasz die Christen, wenn sie den über- 
lieferten heilspruch in ihren mund nahmen, an des heidnischen 

10» 



■ 



148 ÜBER MARCELLÜS BURDIGALENSIS. 

gottes stelle einen herabwürdigenden ausdruck wie stupidus, 
tumbo, giego setzten, oder zu den fremden Wörtern Genzan und 
lordan giego fügten, auffallend ist, dasz in jener formel Vro, 
worunter doch Fro, Froho der gott oder herr gemeint wird, 
haftete und daraus neue bestätigung des Fröcultus darf geschöpft 
458 werden ; Läzakere sollte es bedeuten 'der den speer im stich 
läszt', wie der nordische Freyr sein schwort hingab, also ein 
mythischer beiname des gottes sein? so will ich einmal rathen, 
und wäre darauf zu lesen 'molt peträtun' terram calcabant? oder 
'molt' stellio, papilio (Graff 2, 7 1 9) 'tritto' tertius? 'petritto\, das 
ags. bedrida clinicus? wie dem sei, so gut die jüngere formel 
sagte: Tumbo saz in berge, konnte die ältere haben: Wuotan 
saz in berge (wie jenes Christus in petra sedebat), folglich das 
Stupidus in monte ibat im vierten jh. irgend einen heidnischen 
gott ersetzen. 

In den drei Jungfrauen, deren marmortisch mitten im meer 
steht, deren zwei (den faden) drehen, die dritte zurückdreht 
(no. 52), sind alte schicksalsgöttinnen zu erkennen, die im 
deutschen spruch idisi, später puellae (mythol. s. 1196) oder 
Marien heiszen. statt dasz sie ihren tisch oder thron auf berge 
und wiesen setzen, ist er hier absichtlich ins meer gestellt. 

Spruch 75 beginnt mit den werten: stolpus a coelo deci- 
dit, wofür Casaubonus zu Persius sat. 5, 13 lesen will stlopus, 
sonus quem buccae inflatae edunt. ich andre nichts und lasse 
dem ausdruck die bedeutung des litth. stulpas, sl. stlp" columna, 
russ. stolb', serb. stup, walach. stülp, altn. stolpi, dän. Stolpe, 
dem poln. slup, böhm. slaup, ungr. oszlop ist das T nach dem 
S entfallen, wie auch das goth. sauls, ahd. sül, altn. süla für 
stauls, stül, stüla stehn, die dem gr, cfcuXo; und axT^X/] ent- 
sprechen ^, vgl. ahd. stoUo basis. vielleicht wird ags. stypel 
turris, engl, steeple dasselbe wort sein, im estnischen tulp ist 
umgekehrt das S aufgegeben , die Finnen gebrauchen ein un- 
verwandtes patsas. 

Hat nun stolpus columna seine richtigkeit, so erlangt für 



* vgl. das welsche seren mit unsenn stein, [ähnliche beispiele des wegfallen- 
den T nach S gibt Schiefner über Sampo p. 2.] 




ÜBER MARCELLÜS BURDIGALENSIS. 149 

die gewöhnlich erst mit dem sechsten jh. angehobne geschichte der 
slavisrhen spräche werth, dasz hier schon zur zeit des vierten in 
lateinischen Zauberformeln ein slavischer oder litthauischer aus- 
druck begegnet, nach meiner ansieht unterliegt es kaum dem 
Zweifel, dasz bereits in den ersten Jahrhunderten und sogar vor- 
her Slaven als Sarmaten den Griechen und Römern benach- 
bart wohnten, und gleiches musz von den vorfahren der Lit- 
thauer gelten. 

Im Spruch 41 klingen einige Wörter: nabuliet anodieni iden 
beinahe slavisch, was aber, da ich die übrigen nicht damit zu 
vereinen weisz, spiel des zufalls sein mag. wie fehlerhaft die 
abschriften dieser stellen sein müssen zeigt der folgende spruch, 
in welchem ich nichts verstehe, doch erkenne, dasz das xi 459 
exucricone sich vier mal wiederholt, wie nun die rechte lesart 
laute. 

Entschieden christlich sind 55. 59, vielleicht 24, jüdisch 
klingt 5 1 , alles übrige darf heidnisch sein, nonnita 5 1 bedeu- 
tet mädchen, nicht nonne. 

Ich schliesze mit einigen bemerkungen zu den einzelnen 
heilmitteln. 

1 und 6) herba in capite statuae, vgl. Athenaeus lib. 15 
p. 68: Ntxavöpo? cpyjcjiv, i^ dvopiavxo? ttj? xecpa^YJ? 'AXs^avSpou xtjv 
xaXoujxsvyjv djxßpoaiav «pueailai sv Kol. Plinius 24, 19 vgl. mythol. 
s. 1129. 1143. 

2 und 88) lapilli in via. nicht zurückschauen 2. 10. 

4) schwalbensteine vgl. Dioscorid. 2, 60. Schmeller 3, 399. 

4, 77, 84 und 86) die erde nicht zu berühren , aber 18. 90 
zu berühren, [zu myth. 552. si terram non attigerit. Plin. 20. 
1, 3. 28, 4. ne terram attingat. 20. 4, 14.] 

7 und 25) die erste schwalbe im frühling sehn, mythol. 
s. 853. 1085. abergl. no. 517. 1086. das clielidonium heiszt so, 
weil es mit ankunft derselben sprieszt, mit ihrem abzug ver- 
dorrt. Diosc. 2, 211. 

8) pura et nitida. 84 purus et nitidus, [nitidus pulcherque. 
Tib. 2. 5, 7.] 

9 und 85) lacerta viridis geblendet, der leber und des Schwan- 
zes beraubt 54. 92, vor der thür aufgehängt 56. 



150 ÜBER MARCELLUS BURDIGALENSIS. 

11 und 96) fallender stern, mythol. s. 685. 

17) OS Gorgonis, vgl. caput Gorgonis 43. 

19. 20. 25) neun gerstenkörner. 

24) dem frosch in den geöfneten mund speisen, wie dem 
fisch, weisthümer 2, 528, vgl. Mattli. 17, 27 und Hei. 98, 24. 
[dem erstling seines fischfangs spie er mit gehöriger feierlich- 
keit von wegen des glückbringen s ins maul. ir. märch. 2, 161.J 

27) wäre in crisi crasi ein ir. greis gürtel, greas heil ent- 
halten? 

28) die geschwollne uva im gaumen hat den namen von 
der traube, wird daher durch ein verschlucktes traubenkorn ge- 
heilt. 

30. 44. 62) super limen stare. 

34) toi es gallica lingua dieuntur, quas vulgo per dimi- 
nutionem toxillas (al. tusillas) vocant, quae in faucibus tur- 
gescere solent. Isid. orig. XI. 1 , 57, vgl. tonsilla bei Festus 
O. Müll. 356, 27. 224, 16 und Serenus samon. 291. ir. toll a 
head, tola superfluity. 

38. 39) die glandula wird angeredet, die glandulae gelten 
für Schwestern, wie wenn das ahd. druos glandula (Graff 5, 263) 
personification ankündigte? altn. ist dros femina. 

40) umkehren des feuerbrandes, vgl. myth. s. 1185. 

40. 48. 100) quem peperit illa. 

42. 57) nescienti facere, vgl. mythol. s. 1151. fignorantis 
pulvino subjicere. Plin. 26, 11. 69. inscio sub capite positum. 
27, 7.] 
460 44) dies pilum ligneum auch bei Scribonius cap. 152. 

46) serpentis senectus, bei Plinius senectus serpentium, 
altn. ellibelgr. [exSusaöai ih "j-^pa?. Athen. 3 p. 105.] 

48) arithmato ist das gal. ardhmhath summum bonum, 
das als 8ai[x6viov angerufne xh dya^ov, von ard arduus summus 
und math bonum. dem ir. und gal. vocativ wird heute ein a 
oder o vorgesetzt, hier scheint es suffigiert, ob dem Schreiber, 
als er arith für arth setzte, das gr. dpi&|j.6? vorschwebte oder 
arith der alten spräche gemäsz war, weisz ich nicht, das ipi'o) 
atecpstv war bei den Griechen häufig, aber auch deutschem al- 
terthum nicht unbekannt. 




ÜBER. MARCELLUS BURDIGALENSIS. 151 

50. 57. 74. 87) catuli laotentes. mythol. s. 1123 und Sere- 
nus 443. 

53. 76. 83) lupi praeda. mythol. s. 1093. 

52) illa Gajoseja, vielleicht besser: illa Gaja Seja, was wir 
heute durch N. N. ausdrücken. [Seja a serendo. Plin. 18, 2.] 

56) so wurde nach der lex Alam. 102 der getödtete hund 
dem das ganze wergeld fordernden vor die thür gehängt, vgl. 
RA. s. 665. 
• 58) die wolfshaut heilkräftig, mythol. s. 1123. 

59. 64) die pflanze ohne eisen abschneiden und stoszen. 
zur britannica vgl. mythol. s. 1247. 

61. 62) Stare in scabello, pede uno. mythol. s. 1189. 

65. 68) kraft des bocksblutes. Phn. 28, 9. 37, 4. Augusti- 
nus de civ. dei 21, 4. Notk. Cap. 69. Erec 8428 ff. MS. 1, 
180 a. 

68) der lorbeer war heilig und SacpvTjcpot'yos hiesz den Grie- 
chen auch ein begeisterter seher. [vera cano, sie usque sacras 
innoxia laurus vescar, sagt die Sibylla. Tib. 2, 5, 63. lauris 
folia manducasse vates furoris causa notum cf. Spanheim ad 
Callim. in Del. 94.] 

70) hedera in queren »ata, d. i. viscus, mistel, vgl. mythol. 
1156. 1157. 

72) Übergang auf enten. mythol. s. 1123. 

73) spongia in rosa silvestri , der schlafdorn, mythol. 
s. 1155. 

87) faden von neun färben, licium varii coloris filis intor- 
tum. Petronius cap. 131. 

90) beim knotenmachen werden alte weiber als Zauberinnen 
und böse unthiere genannt. 

91) den gebrochnen knaben durch einen baumspalt ziehen, 
mythol. s. 1119. 

Die aufgedeckten Überbleibsel gallischer spräche aus dem 
theodosianischen Zeitalter sollen, traue ich, fortan dem Marcel- 
lus gröszere theilnahme zuwenden, als ihm um seiner abergläubi- 
schen arzneien willen, die mich dennoch beschäftigten und nicht 
ganz leer ausgehn lieszen, bisher geschenkt worden ist. 



51 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 30 APRIL 1855. 



JTjs sind acht jähre, dasz ich vor der akademie eine von 
phik)logen und alterthumsforschern vernachlässigte schrift des 
Marcelhis, leibarztes von Theodosius dem groszen, überschrieben 
de medicamentis empiricis, in doppelter absieht besprach. 

Die menge der in diesem buch überlieferten abergläubischen 
heilformeln und Zaubersprüche wollte ich zusammenstellen, der- 
gleichen von alters her in merkvv^ürdiger einstimmung durch alle 
theile von Europa ziehen, schon früher 1842 hatte ich ans 
offenbar noch heidnischer zeit den spruch vorgelegt, wie Wodan 
Balders pferd einrenkte, unter welchem man sich wahrschein- 
lich dasjenige dachte, das dem gott nach seinem tod auf den 
Scheiterhaufen folgen muste. diese formel ist mir seitdem noch 
in acht andern Jüngern fassungen bekannt geworden (einer deut- 
schen, zwei norwegischen, zwei schwedischen, einer schottischen, 
einer finnischen, einer estnischen), wo Jesus und Maria oder 
blosz der herr gott an die stelle von Wodan und Balder treten, 
ohne zweifei begegnet sie auch noch anderwärts und war in der 
Vorzeit weit verbreitet, sie ist das gelegenste , lehrreichste bei- 
spiel einer solchen wunderbaren gemeinschaft mythischer Stoffe 
unter den Völkern. 

Dann aber suchte ich die entdeckung geltend zu machen, 
dasz einzelne der von Marcellus, einein aus Aquitanien hurtigen 
Gallier, verzeichneten Sprüche in keltischer spräche abgefaszt, 
aus ihr zu deuten seien, was man sonst für sinnlose, unge- 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 153 

waschene reden hielt, die, wie ein deutsches Sprichwort mit be- 
zug auf jene Verrenkung sagt, keinen lahmen gaul heilen könn- 
ten, erschien nun auf einmal als frühstes denkmal gallischer 
spräche, um dreihundert jähre den ältesten irischen handschrif- 52 
ten vorausgehend, beinahe an die zeit der unsterblichen reste 
unsers Ulfilas reichend, deren edle fassung freilich unvergleich- 
bar höheren werth besitzt, ganz wie die alte luxationsformel 
bei Cato keinen unsinn enthält, keine aarijxa oder joculariter com- 
posita, sondern etwa in der sabinischen spräche gegründet war, 
sind auch viele der unverständlich scheinenden marcellischen 
Sprüche aus gallischer zunge verstehbar. 

Wenn man erwägt, dasz der fund der schrift, einmal ge- 
macht, nicht leicht wieder vergehen konnte vmd in der alten 
weit tiefer vorgedrungen war, als die gewöhnliche annähme ist; 
so bleibt zu bedauern, dasz auch begabtere stamme, zumal der 
keltische und deutsche, es unterlieszen dauernde denkmäler auf 
stein und erz einzugraben und der nachwclt dadurch sichere 
künde von sich und ihrer spräche zu verleihen, zwar gehört 
zu solchen denkmälern auch die gunst des griechischen und ita- 
lischen himmels, unter welchem die schrift kaum verwittert ; doch 
hatten ja eben die Gallier lange vor beginn unsrer Zeitrechnung 
einen groszen theil des obern Italiens inne, und nachbarn etrus- 
kischer, umbrischer, römischer völker konnten sie diesen den 
brauch und die anwendung der schrift auf stein und erz abse- 
hen, es ist aber keine spur einer gallischen inschrift aus so 
frühen zeiten vorhanden *, die uns den kostbarsten aufschlusz 
über den damaligen zustand der gallischen spräche gewähren 
und eine unzweifelhaft höhere formvollkommenheit derselben dar- 
legen müste. die oskischen Inschriften verstehen wir jetzt bei- 
nahe ganz, die umbrischen zur hälfte oder zu zwei dritteln, das 
rätsei der verhüllten etruskischen wird sich wol noch einmal 
lösen, gallische aber würden wir aus den späteren keltischen 
sprachen eben so leicht oder leichter erklären können, als die 
oskische und umbrische spräche mit hülfe des lateins und des 

• keltische inschrift bei Mommsen 3, 206. mem. de I'acad. cell. 1, 164. 
in Notre-dame zu Paris tarvos trigaranos. Graff4, 613. Mone heidenth. 2, 488. 
gall spr. 737. ir. tarbh taurus, arm. tarv, w. garan arm. garan yspavo;. ir. corr. 



154 ÜBER DIR MARCELLISCHEN FORMELN. 

verwandten sanskrits zu ergründen war. denn alle diese spra- 
chen fallen unter das gesetz der indoeuropäischen , möglicher- 
weise selbst die etruskische. 

Bei so bewandten dingen schien es ein unverächtlicher ge- 
winn keltische sprachproben mindestens aus dem vierten jh. nach 
Chr. zu erlangen, deren ständige formein sogar auf weit frühere 
zeit zurück weisen dürfen, nächstdem bestätigt zu finden, dasz 
die aquitanische mundart, glaublich die gallische spräche über- 
haupt der irischen näher müsse gelegen haben, als der welschen 
53 oder cambrischen. meiner frisch in die weit geschickten und 
der entfaltung fähigen entdeckung ist jedoch anfangs wenig dank 
zu theil geworden. [ anerkannt wurde sie von Villemarque im 
avant propos seines diction. bretonfranpais. Paris 1850 p. VII.] 
Mone, ein verdienter, rastloser forscher, ruft mir die seltsame 
Warnung zu ', man dürfe das keltische nicht ungebührlich aus- 
dehnen; ich begreife von selbst, wie einem gelehrten, der viel 
keltisches sieht, wo es nicht ist, gerade da dessen anerkennung 
entgehe, wo es wirklich ist. von gröszerem gewicht scheint der 
ausspruch, welchen Zeusz am schlusz der vorrede seiner gram- 
matica celtica, eines für die keltische spräche epoche machenden, 
vortreflichen werkes thut: quae apud Marcellum burdegalensem, 
Virgilium grammaticum, in glossa malbergica leguntur peregrina, 
inaudita vel incognita, si quis quaesiverit in hoc opere non in- 
veniet, in his omnibus enim equidem nee inveni vocem celti- 
cam nee invenio. dem eindrucke dieses werkes erliegend und 
eigne forschung hintansetzend haben die berichterstatter nicht 
gesäumt^ die hochfahrende stelle schadenfroh auszubeuten. ^ 

' die gallische spräche und ihre brauchbarkeit für die geschichte von F. J. 
Mone. Karlsruhe 1851 s. 172. nicht minder abgünstig urtheilt A. de Chevallet 
in seinem buche origine et formation de la langue fran9aise. Paris 1853 s. 7. 8. 
er scheint aber mit fremdem kalbe zu pflügen. 

^ im literarischen centralblatt. Leipzig 185-4 s. 14: 'die Vermutung, dasz alle 
ccntinentalen Kelten oder Gallier dem britischen sprachstamm angehören, ist 
durch Zeusz zur gewisheit geworden, verderblich genug lautet das urtheil: quae 
apud Marcellum etc.' und Pott in der deutschen Wochenschrift 1854 heft 15 s. 7: 
'her Zeusz sagt am Schlüsse des Vorwortes sehr trocken, man finde von angeb- 
lich keltischen Wörtern aus Marcellus etc. bei ihm nichts etc. ein aus solcher 
feder so gut wie vernichtendes und in dieser rücksichtslosen kürze etwas grau- 
sames urtheir. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 155 

Der grammatiker Virgil , mit dem ich mich nie abgegeben 
habe, bleibe hier ganz bei seite, über die malbergische glosse 
sasrt weder mir noch andern Zeusz etwas neues, da ich schon 
1850 in einer eignen abhandlung geurtheilt hatte, dasz auch 
nicht ein Sterbenswörtchen keltisch in ihr stecke, was den Mar- 
cellus anlangt, so führt dieser eilf (vielmehr zehn) pflanzen na- 
men und die benennung eines vogels immer ausdrücklich als 
gallische wörter auf, und ich gestehe nicht einzusehen, dasz man 
sie nach einer so bestimmten angäbe als solche verkennen kann 
oder darf, ein paar derselben stehn wiederum als gallische auch 
bei Cicero, Varro, Plinius, Dioscorides, welche Zeusz aus ihnen 
anführt, ohne den Marcellus, welchem er trotz bietet, zugleich 
als zeugen zu nennen, die übrigen, nur bei Marcellus vorhan- 
denen pflanzen verschweigt er ganz, obgleich sie auf einem un- 54 
verderbten text beruhu und für die gallische Spracheigenheit 
merkwürdig sind, einige derselben blieben mir dunkel und ich 
werde beraerkungen dazu nachtragen. 

Freilich gewähren diese pflanzen nichts als namen, keine 
lebendigen sprachsätze ; gallische eigennamen von menschen und 
örtern kennt man sonst aus den classi sehen Schriftstellern der 
älteren zeit, so wie aus lateinischen inschriften in ziemlicher 
menge, die für die flexion und fügung der wörter kaum etwas 
entnehmen lassen, das älteste echte Sprachdenkmal wären also 
die beschwörungsformeln bei Marcellus, wenn sie wahrhaft gal- 
lisches enthalten und wenn sie alle oder doch zum theil aus dem 
dunkel gerissen werden können, in dem sie bisher vergessen 
blieben, mag ihr inhalt fremd, unerhört und unbekannt schei- 
nen, das ist für die meisten leser auch ein groszer theil der 
zeuszischen grammatik selbst, ich that blosz den ersten an- 
brach oder anbisz und überliesz andern, wie ich mir damals 
zvi sagen erlaubte , ihre zahne gleichfalls zu versuchen ; Zeusz, 
der die gesammte keltische sprachregel eben gründlich durch- 
forschte und überschaute, wäre vor allen dazu im stand ge- 
wesen, hätte er nicht ein unscheinbares, ihm ich weisz nicht 
wodurch verleidetes denkmal von sich abgewiesen, zu dem er 
nun leicht wider seinen willen wird zurückkehren müssen. 

Rechte genugthuung war es mir, dasz ein andrer gründ- 



156 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

licher und befugter kenuer der keltischen spräche, herr Adolphe 
Pictet, Professor zu Genf ^ nicht nur meinen deutungen und 
ihrer grundlage beitritt, sondern dasz ihm auch gelungen ist, 
von mir noch unberührte oder vergeblich versuchte formein auf 
eine weise zu erschlieszen, die beinahe keinen zweifei an der 
richtigkeit und dem erfolg des Verfahrens übrig läszt. er hat 
mir eine reihe scharfsinniger auflösungen mitgetheilt und die er- 
laubnis gegeben darüber zu verfügen; ich säume nicht, im In- 
teresse der Wissenschaft, sie dankbar zu veröfi'entlichen und ihnen 
einiges beizufügen, was mir selbst bei wiederaufnähme des ge- 
genstands eingefallen ist. dadurch dasz alles, was von Pictet 
herrührt, in französischer spräche abgefaszt ist, meine einschal- 
55 tungen deutsch geschrieben sind, wird man auf der stelle un- 
terscheiden was dem einen oder dem andern gehört, zur be- 
quemlichkeit der leser ist auf die Seitenzahlen meiner früheren 
abhandlung aus dem Jahrgang 1847 verwiesen worden. 

Unter den kräuternamen wird s. 435 mit dem merkwürdi- 
gen ausdruck uisiimarus für den klee angehoben, wie er heute 
im irischen seamar , seamrog nachhallt und selbst in das engl. 
shamroclt übergegangen ist; den welschen und armorischen mund- 
arten bleibt er hingegen fremd, der seamrog ist ein emblem 
der nationalität geblieben und wird von den Irländern immer 
noch am hut getragen ^, die benennung dieser heiligen pflanze 
versteht man längst nicht mehr, ihren sinn scheint uns die vol- 
lere alte gestalt des wortes aufzuschlieszen. das ir. samh ist 
sowol sonne als sommer, die zeit der.heiszen sonne; unser Som- 
mer, ahd. sumar, ags. sumor, altn. sumar stimmt zu jenem sea- 
mar klee. sum für seam wird der alten spräche gemäsz ge- 
wesen sein und auch andere Wörter zeigen Übergänge des kurzen 
u in a oder gebrochnes, inficiertes ea, z. b. mug puer^ servus 

' er ist Verfasser der bekannten, vom Pariser institxit gekrönten schrift de 
l'affinite des langues celtiques avec le sanscrit. Paris 1837, so wie andrer ge- 
schätzten abhandlungen , unter denen ich nur le mystere des bardes de l'ile de 
Bretagne ou la doctrine des bardes gallois du moyen age sur dieu, la vie future 
et la transmigration des ames. Geneve 1853 hervorhebe. 

^ Lappenberg in dem artikel Irland (allg. encycl. der Wissenschaften) s. 1 1 ''. 
[nach O'Brien auf Patriks day, zur ehre des heiligen, vgl. Brands pop. antiq. 
1, 108 — 110.] 



ÜBER DIE MARGELLISCHEN FORMELN. 157 

scheint sich zu berühren mit goth. magus, ir. mac; [gael. gun = 
ir. gan] ; dnla folium wird in der welschen spräche zu dal; druith 
druida lautet später draoi, noch häufiger ist ein solcher Wech- 
sel zwischen u und a in unsern deutschen sprachen, wo z. b. 
das goth. tunpus zu ahd. xand wird, in dem vorgesetzten ui 
von uisumarus erblicke ich das heutige ua oder o, kind, söhn, 
enkel, welches vielen eigennamen (O'Brien, O'Reilly, O'Dono- 
van, O'Neil), wie sonst mac = söhn voran geht und welchem 
anomalen Substantiv im gen., voc. sg. wie im nom. pl. ui, i ge- 
geben wird (O'Donovan s. 108), wahrscheinlich galt aber in der 
früheren spräche ui auch für den nom. sg. (wie neben cno nux 
der nom. cnu, cnui), und man möchte ihm das gr. uto? ver- 
gleichen, zumal die aspiriert^ form hui, hi begegnet, nisumar, 
mit lateinischem endung uisumarus meint also kind, abkömmling 
(vgl. die praep. o, ua von) der sonne, des sommers *, ein tref- 
fender ausdruck für die sommerwonne, von der auch unsere 
deutschen dichter des mittelalters oft singen: 

ich klage dir ougebrehender kle. Ms. 1, S"*; vgl. engl, eye- 

bright augenweide. 

ich brehender kle wil dich mit schine rechen, daselbst; 

gar in snelden swebet 

liehtiu sumerwunne, 

diu nu winters wewen 

mit ir grüenen klewen 

frilich widerstrebet, daselbst 2, 91*; 

der kle den sne 

von hinnen vertriben hat. Ms. H. 1, 91*; 

so mac der wirt wol singen von dem grüenen kle. Walth. 

28, 9; 
'du bist kurzer ich bin langer', 56 

also stritens üf dem anger 

bluomen unde kle. 51, 35; 

da sach ich bluomen striten wider den grüenen kle, 

weder ir lenger waere. 1 14, 27 ; 

prtiefe uns die bluomen und den kle. Ms. 1, 157''; 

* hideaJan filius fulguris. mactire wolf, söhn der ebne. gal. mac-an-dogha 
klette. 



158 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

brüevent daz, die bluomen und den kle. Neifen 48, 22; 

ich sazte minen fuoz 

an des sumers kle. frühlingslied bei Wiggert 1, 36. 
wenn heute wie vor alters der fund vierblättrigen klees als ein 
glückszeichen erfreut, in schwedischen landschaften der klee 
solgras, sonnengras heiszt und man daraus, dasz er seine blät- 
ter zusammenlegt, auch bei bewölktem himmel den eintritt von 
Sonnenuntergang folgert; so darf er den Kelten, die vorzugs- 
weise pflanzen für heilig hielten, die eigentliche frühlings- oder 
sommerblume gewesen und wie in den angezogenen deutschen 
liederstellen personificiert worden sein, hinzutritt, dasz in Schwe- 
den und Norwegen die benennung smcere^ auf Island smäri für 
den klee vorkommt, welche sich nur aus dem keltischen seamar 
deutet und einen neuen zeugen altes Zusammenhangs zwischen 
Scandinavien und Irland abgibt, in seamrag, seamrog mag das 
angehängte og, ag die bekannte diminutivendung sein (O'Dono- 
van LXXIX) und durch das suffix nichts ausgedrückt werden, 
als was auch im praefix ui liegt, o, ua ist kind, enkel, og jun- 
ger oder knabe. ich war sehr versucht, auch das gleichver- 
dunkelte slavische wort für klee, russ. djatlina, serb. djetelina, 
poln. dzi^cielina (thymus quendel), böhm. getelina, auch getel 
detel, mit russ. ditja kind, serb. dijete, poln. dzieci, böhm. djte 
in Verbindung zu bringen * ; doch stimmen die feineren lautver- 
hältnisse nicht völlig und alle beziehung auf sonne oder Som- 
mer gebricht, wie im irischen worte das o, kind schwand, 
wäre im slavischen kind geblieben, das wort für die sonne ge- 
schwunden. 

Auf derselben seite 435 steht odocos, /«[laiaxxT], lat, ebulum, 
worin sich unverkennbar das verwandte ahd. atah, nhd. attich 
findet, OS ist wie in uisumarns und im folgenden gigarus nichts 
als angehängte lat. endung. das gr. dxx^ für dxxsa stellt blosz 
die buchstaben um und dxxla, dooxea würde das keltische und 
deutsche wort erreichen. Zeusz, der von odocos nichts wissen 



* vgl. dak. teudila, teudeila calamintlia, minza. vorr. zu Schulze XXI. 
GDS. 808. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 159 

will, bringt s. 27. 736 aus Dioscorides das verderbte Souxwvs 
bei und es bezeugt ihm die ableitung 6n. 

p. 435, herba proserpinalis, quae graece dracontium, gallice 57 
gigarus appellatur. je crois qu'on peut le rapporter a l'irlan- 
dais geig, geag ^ membre, brauche, d'oü geagach, geaguighte, 
geagamhuil, branchu, qui a beaucoup de membres. geagar signi- 
fierait la meme chose, et traduit assez bien centumnodia et 
polygonum. man vergleiche unser knöterich von knote, gelenk, 
glied. 

p. 437, britnmum hatte ich aus EUis Jones geiriadur llogell 
cymreig a seisonig, d. i. welschem und englischem taschenwör- 
terbuch. Caernarfon 1840, welchem s. 319 — 394 ein brauch- 
bares botanisches wörterbüchlein beigegeben ist, entnommen. 
s. 332'' wird bei Bnjtwn verwiesen auf Henwr^ und 364" liest 
man: Henwr, field southern wood artemisia campestris, abroto- 
num. henwr will nun sagen alter mann, und hängt mit der be- 
nennung hrytwn nicht zusammen, die vielleicht aus abrotonum 
entstellt wurde, möglicherweise ist also Marcells bricumum fest- 
zuhalten. 

Wir schreiten nunmehr fort zu den heilsprüchen. 

p. 439 no. 12: qui crebro lippitudinis vitio laborabit, mille- 
folium herbam radicitus vellat et ex ea circulum faciat, ut per 
iUam aspiciat et dicat ter 

excicumacriosos 
et toties ad os sibi circulum eum admoveat et per medium ex- 
spuat, et herbam rursus plantet, 
je divise la formule ainsi: 

exci cuma criosos 
et je traduis: Dois la forme de la ceinture. 

Voici comment je justifie cette traduction. exci peut s'ex- 
pliquer de deux manieres sans changer le sens de vois ! ex peut 
etre le prefixe, ou la preposition, devenu es, ess dans l'ancien 
irlandais (maintenant eas). dans ess la reduplication semble pro- 
venue de l'assimilation de la gutturale, la forme gauloise etait 
fsörement ex, identique au latin (vid. Zeusz gr. celt. 57. 147. 865). 
c'est ce que prouve entr' autres de nom de la centauree, exa- 



160 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

con^ ainsi nommee par les Gaulois dit Pline, quoniam omnia 
mala medicamenta potum e corpore exigat per alvum. je com- 
pare acon avec l'irlandais aice , aiceachd , action de condnire 
(leading); exacon est le remede qui conduit hors du corps, le 
purgatif, explication plus simple et plus precise que Celle que 
propose Zeusz (gr. c. p. 761). nous retrouverons la preposition 
ex repetee plusieurs fois dans une des formules du no. 41. il 
58 est ä remarquer que l'x qui manque completement ä l'irlandais 
moderne, se rencontre quelquefois dans les anciennes gloses de 
St. Gall et de Würzbourg, oü eile remplace le groupe es, ainsi 
foxlid ablativus, forröxul tulit, dixnigur appareo etc. (Zeusz g. 
c. 80). si ex est bien le prefixe, le second element ci ne peut 
etre que l'imperatif du verbe irlandais cim ou cighim, je vois 
(cf. sanscr. ki, noscere). 

A cöte de cette Interpretation, qui laisse intacte la forme 
exci, il s'en presente une autre dans la racine irlandaise ec, 
voir, des mots ecet viderunt, ece, ecna, ecside, manifestus, cla- 
rus, que donne O'Reilly. comme cette racine ec se lie evidem- 
ment au sanscrit iksh.) avec perte de Vs (cf. aksha et oc-ulus) 
on peut meme soup^onner que Vs se trouve encore dans exci, 
oü le c serait alors de trop. exi repondrait ainsi ä l'imperatif 
sanscrit iksha. les formules 18. 24 et 27 nous offriront d'autres 
exemples de l'imperatif en a et en i. 

cuma est encore identiquement l'irlandais cuma, cum, forme, 
modele. 

criosos ne peut etre qu'un genitif de crios , cris, ceinture, 
et cette forme est tres remarquable, parcequ'elle offre un reste 
du genitif masculin sanscrit en sya, qui d'ailleurs a complete- 
ment disparu des langues celtiques. dejä dans l'irlandais du 
7. et 8. siecle, les noms termines par des consonnes ne pren- 
nent au genitif singulier que la voyelle a ou o (Zeusz g. c. 254). 
l'irlandais cris, crios, repond ä la racine sanscrite (;lish (primi- 
tivement krsK) amplecti, ligare, d'oü Qlesha, ligature, embrasse- 
ment. le theme complet de crios serait donc crioso, et le ge- 
nitif criosos, le sanscrit gleshasya. 

Le procede recommande est d'un caractere tout symbolique. 
les ceintures (cris), que nous retrouverons dans la formule 




ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 161 

no. 27, paraissent avoir joue un grand röle dans la medecine 
celtique ^. en faisant regarder l'oeil au travers du cercle forme 
par la plante, on lui mettait en quelque sorte une ceinture, et 
c'est pour quoi la formale dit: vois la forme ou le modele de 
la ceinture. l'action de cracber ensuite au travers du petit cercle 
exprimait symboliquement l'expulsion du mal. 

p. 440 no. 16. Le seul doute que je conserve sur la tra- 
duction de cette formule par Grimm est la maniere dont eile 
rend co bregan gresso, zu der lügen genossen, la construction, 59 
en effet, n'est pas conforme ä la regle irlandaise qui place tou- 
jours le genitif ä la suite du nom qui le regit, les sens varies 
que l'on peut donner soit ä breg soit ä gres ne permettent pas 
une interpretation bien süre. je crois qu'il faut prendre gresso 
dans le sens de greas , procede, fagon, maniere, d'autant plus 
qu'il correspond exactement avec le gressa de l'aucien irlandais 
que cite O'Donovan p. 84. fri teora gressa^ with tbree pro- 
cesses. je lirais donc plus volontiers co breg an gressa, en ir- 
landais CO brigh an greasa, par la vertu, la force du procede, 
c-a-d. de la formule magique. 

Die unhaltbarkeit meiner früheren Übersetzung der worte 
CO breg an gresso habe ich längst eingesehen, gestehe aber, dasz 
mir auch die eben vorgeschlagne nicht zusagt, weil sie für eine 
Verwünschung, wie sie den worten tet un cre son folgen musz, 
zu schwach und zu abstract klingt, ich bringe also einen ge- 
genvorschlag. breg scheint mir was sonst brech, breach ge- 
schrieben wird und wolf bedeutet, skr. vrka, goth. vargs, altu. 
vargr, in den slavischen sprachen r>rag, und da der teufel helle- 
warc, höllewolf genannt wurde, so gelangen wir auf ihn besser 
als durch die Vorstellung der lüge, deren vater er auch heiszt. 
gres nehme ich für das heutige irländische greas, welches einen 
fremden, wiederum also hostis, feind ausdrückt und dessen gen. 
sg. nach Zeusz 254 greso , nach O'Donovan s. 93 greasa lau- 
ten würde, der ausgang — o ist aber alterthümlicher. das aii- 
genweh, der staub wird zum wolfe des fremden, des feindes, 

' voyez la curieuse formule intitul^e mochris, du manuscrit de Klosterneu- 
bourg du 11. ou 12. sifecle, que Zeusz a publice et traduite dans sa gr. celt. 
p. 933, et qui est sürement beaueoup plus ancienne que le manuscrit. 

J. GEIMM, KL. SCHKIFTEN. II. 11 



162 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMKLN. 

d. i. nach jedem dieser Wörter zum teufel verwünscht, wie über- 
haupt die alten zauberformehi ein unheil von dem heimischen 
weg zu dem feinde, aus dem gebiet der stadt in die fremde 
bannen, so wird in estnischen bannsprüchen die geschwulst in 
den wald, in das dickicht, in den bau des wolfs, in die schnee- 
trift verwünscht, s. die magischen Heder der Esthen von Kreutz- 
wald und Neus. Petersburg 1854 s. 90. 91. [vos contestor . , . 
chaos incolatis. carm. bur. 35. 36. fahr zum wolf, dem wolf 
in den mund! vargen i mynnen! Ruszwurm p. 264. teich do'n 
fhasaich! fleuch in den wilden wald! in den wilden wald ver- 
fluchen. Ayrer fastn. 63° ; far in das wild rörich nausz. 72*.] 
p. 440 no. 18. 

Varulis id est hordeolis oculorum remedium tale facias. 
anulos digitis eximes et sinistrae manus digitis tribus oculum 
circum tenebis et ter despues et ter dices 

rica rica soro. 
je traduis: viens, viens, o mal! c. a. d. sors de mon oeil! j'ex- 
plique rica par le verbe irlandais roichim, riachaim, aller, venir, 
60 d'oü reac, rec, recne, prompt, rapide, la forme ancienne est 
exactement Hc, comme ou le voit par les exemples que cite 
Zeusz (g. c. p. 492) con rictar donec veniunt, con ricci, donec 
attingit etc. rica est un imperatif en a, coincidant exactement 
avec ceux des verbes sanscrits de la 1. classe, comme bhara, 
fer, de bhr, bödlia, scito, de budh etc. danc l'irlandais moderne 
la seconde personne de l'imperativ est toujours la racine meme 
du verbe, comme en latin die, duc, fac, fer; mais dans l'ancien 
irlandais on trouve encore la terminaison en e, ne dene, ne fac 
(rac. rfew), cuire, pone (r. cur), decce, vide (r. decc), cf. Zeusz 
g. c. 457, identique ä l's de cpstj-ys^ fnge etc. la voyelle s'affai- 
blissait aussi en i, comme on le verra plus loin. ce qui l'in- 
dique, c'est que les verbes anciens, qui ont deja perdu le suffixe, 
le remplacent par une flexion interne «, laquelle, comme dans 
d'autres cas, n'est que le sufßxe deplace et incorpore ä la ra- 
cine. ainsi imcaib, devita, pour imcabi (rac. cab); leic, sine, 
pour leci (r. lec); tuic, sume, pour tuci (r. tue); comtuairc, con- 
tere, pour comtuarci (r. tuarc) etc. (Zeusz 1. c). cet i repond 
ä celui du latin veni et de l'ancien slave vezi, vehe. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 163 

Soro est le vocatif de sor^ en irlandais saor, mal, douleur, 
aussi sär, säraighim, je blesse, je niiis; d'oü probablement le 
nom du pou, sor, sar^. le cymrique a söri, saraü offendere, 
cf. goth. sair, douleur, ags. sdr, ahd. ser. la racine sanscrite 
est sr laedere , occidere , d'oü sära , maladie = soro de la for- 
mule. en persan sär signifie aussi doideur, affliction. 

Nous avons encore ici, dans soro, la forme de l'ancien vo- 
catif, qui a disparu en partie de l'irlandais moderne, et qui coin- 
cide avec le vocatif sanscrit des noms en a, lequel n'est que le 
theme sans aucune flexion. dans l'irlandais moderne le vocatif 
est toujours egal au genitif des noms masculins, et il ne con- 
serve ainsi sa voyelle finale que dans les noms de la 3. decli- 
naison qui prennent a au genitif, comme cath, bataille, gen. et 
voc. catha; dath couleur, datha; sruth, fleuve, srotha etc. l'iden- 
tite des formes provient ici de ce que le genitif ayant perdu Vs 
debris du sanscrit sya, est reduit comme le vocatif au simple 
tlieme du nom. je crois donc que dans la forme arithmato, de 
la formule 48, que Grimm a interprete par ardmath, summum 
bonum (p. 460), il faut voir aussi un vocatif egal au theme pri- 
mitif, et non une transposition de Vo vocatif qui ordinairement 6i 
precede le nom. 
p. 441 no. 20. 

Remedium efficax hordeolis. grana novem hordei sumes et 
de eorum acumine varolum purges, et per punctorum singulas 
vices Carmen hoc dicas: 

CpSU'l'S CpSU^S, Xpiöv^ Ö3 Oia>X£t. 

item digito medicinali varum contingens dices ter: 

vigaria gasaria 
varumque grano hordei ardenti aut stipula foeni aut palea ures. 
Le second mot gasaria est le plus clair et doit signifier 
charme, enchantement, d' apres l'irlandais geasaim, je conjure, 
je predis l'avenir; geasa, charme, serment, divination, geasrög 
sorcellerie, geasroir, sorcier etc. ces deux dernieres formes de- 
rivent de geas par un suffixe r comme gasaria. il est impos- 



' nicht andei's cp&Et'p von cp&stpetv und laus von liusan , vgl. geschichtc der 
deutschen spr. s. 855. 

11* 



164 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

sible de reconnaitre si la terminaison ia est un singuHer on un 
pluriel. 

Vigaria est d'un sens moins sür. en irlandais fiughar signifie 
attente vive, esperance, fiughairneach, qui espere, attend. on 
pourrait donc traduire channe, plein dattente, c. a. d. qui pro- 
met l'efficacite. mais comine il est question de brüler l'orbet 
de l'oeil et qu'on le piqiie avec les grains d'orge, vigaria pour- 
rait se rattaclier ä l'irlandais feigh, aigu tranchant, feg, coupure, 
fegead^ raorsure etc. dont il deriverait par le suffixe ar. le sens 
serait alors celui de charme incisif ou mordant, au singulier ou 
au pluriel. 

Beide vorschlage liefern doch, wie mich dünkt, für die aus- 
zusprechende formel allzu abgezogne Vorstellungen, wie wenn 
man vigaria von ßchim frangere leiten und darin einen impera- 
tivus passivi sehen dürfte? das keltische passivum hat, gleich 
dem lateinischen, den character R, Zeusz s. 472 legt dem im- 
perativ conjunctivisches ar bei, wenn aber dem des activums 
früher ein vocalischer ausgang zustand, musz ein solcher auch 
für das passivum wahrscheinlich werden imd figaria oder ßcha- 
ria gesagt haben frangere! ßcharia würde aber ebenfalls in 
iichare abgeschliifen erscheinen können, nach diesem imperativ 
müste gasaria der sg. sein und die formel übertragen werden 

frangere incantatio! 
[feuchar domh an oigh! videre mihi virgo. Caomh. 215, tachair 
rium! occurre = videre mihi. 202.] zugleich nehme ich auch die 
62 neunzehnte formel hinzu und berichtige vor allen dingen einen 
übersehenen druckfehler, sie ist mit griechischen buchstaben ge- 
schrieben und lautet 

xupiaxupiaxaatjocpictaoupoicpßi (nicht «)pßi), 
was ich auflöse 

curia curia, casaria sor obhi = tiaibh, 
und übertrage: setze (lege) zauber das weh von euch, removeat, 
removeat imprecatio dolorem a vobis ! wenn rica rica formelhaft 
wie ?p£UY£ (peo^e verbunden stehn, werden auch curia curia alte 
conjunctive oder imperative des ir. cuirim setzen oder legen sein, 
sor wurde vorhin zu no. 18 gedeutet und casaria kam geschrie- 
ben gasaria in no. 20 vor. sehr merkwürdig ist die Schreibung 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 165 

ofbhi, obhi für das heutige uaibh (O'Donovan s. 144 Zeusz 
s. 340), wahrscheinlich lautete der dat. pl. früher -bhi für -bh 
und dem lat. -bis noch näher, uadib wäre ex eis (Zeusz 342). 

Nicht minder wichtig ist das von Pictet treffend gedeutete 
gasaria oder nach der älteren Schreibung casaria. denn in gea- 
saim oder gasam ,' T^Sivibexn darf man unbedenklich unser deut- 
sches kiesen^ wählen, sehen erkennen, da sich die Vorstellungen 
sehen und zaubern berühren und durch den blick gezaubert 
wurde, der zauber verblendete, ebenso führt wählen auf loszen, 
losz werfen und sortilegus ist ein zauberer, franz. sorcier. das 
schwedische tjusa zaubern scheint gleichviel mit kjusa, wählen, 
kiesen, vielleicht läszt sich auch im keltischen verbum der be- 
grif des sehens, wählens und prüfens nachweisen, 
p. 442 no. 24. 

Carmen ad dentium dolorem mirificum de experimento, luna 
decrescente, de Martis sive die Jovis haec verba dices septies: 

argidam margidam sturgidam. 
Je divise argi dam. margi dam. sturgi dam. et je traduis: 
chasse la douleur, deplore (ou maudis) la douleur, dissipe la 
douleur! 

Je vois dans argi^ morgi, sturgi trois imperatifs en i (vid. 
supra no. 18) et qui se rapportent aux verbes irlandais airgim, 
je chasse, j'expulse, j'enleve, mairghim (pour mairgnighim) je 
deplore, par consequent aussi je maudis, de mairg malheur, et 
stroighim, je dissipe, disperse. 

Quant a dam repete trois fois, c'est l'irlandais dämh souf- 
france, douleur (O'Reilly dict. suppl.), daimh, qui tourmente, 
daitnhne, mal, dommage, de meme origine sans doute que dam- 
num, et que le sanscrit dama, damana, contrainte, chätiment, 63 
de la racine dam, domare. man dürfte auch das altnordische 
Hon, damnum, amissio vergleichen^ vielleicht zu margidam ein 
altwelsches mergidhaham evanesco bei Zeusz 71. 1076, was zu 
andrer deutung des dam führen könnte, 
p. 442 no. 27. 

Carmen ad uvae dolorem, quod ipse sibi qui dolet praecan- 
tet et manus supinas a gutture usque ad cerebrum conjunctis 
digitis ducens dicat: 



166 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

crisi crasi concrasi. 
quibus dictis rursurn manus a gutture ducat et ter hoc faciat. 

Je traduis : 

mets la ceinture jusquä la guerison. 

Le verbe ä l'imperatif en i est crasi^ que je rapporte ä l'ir- 
landais creasaim, je mets, je pose, 

crisi ceinture est au crioso de la formule no. 12, comme l'ir- 
landais cris ä crios, ce qui semblerait indiquer deja dans le 
celtique de la Gaule un principe analogue ä celui de la con- 
cordance des voyelles, ce que d'autres faits cependant paraissent 
contredire. crisi doit etre un accusatif, et par consequent avoir 
perdu la flexion m pour revenir au theme nud. dans l'irlandais 
ancien et moderne l'accusatif ne differe jamais du nominatif. ^ 

con pour co in, est la preposition actuelle go, ancienne- 
ment co, usque, usque ad, avec l'article in. 

crasi me semble devoir etre l'irlandais greas, protection, 
salut, guerison, anciennement creas, comme gris, feu = cris, et 
beaucoup d'autres cas oü le c initinl s'est affaibli en g. ce terme 
se rencontre dans les vieilles formules irlandaises publiees par 
Zeusz, mais qu'il n'a pas tente de traduire, vu leurs obscurites. 
ä la suite de la formule intitulee argalar fuail, contre la mala- 
die de l'urine, on trouve (Zeusz g. c, 926): forcertar inso do 
gres i maigin hi tahair thüal (== do fhual). c. a. d. soit em- 
ployee cette (formule) pour la guerison dans un petit coin (en- 
droit) en lachant ton urine. cette traduction de do gres, pour 
la guerison pourrait en effet se defendre, il vaut cependant mieux 
attribuer ä ces mots le sens de semper, qu'ils ont ordinairement, 
et les rapporter ä gres, memoria, gresach , continuus (Zeusz 
565), ce do gres differe donc du con crasi de notre formule 27. 
la preposition co , usque ad, regissait anciennement l'accusatif 
(Zeusz g. c. 586), crasi est donc comme crisi un accusatif sans 
flexion. 
64 Le procede de guerison rappeile celui de la formule no. 12. 

on mettait symboliquement une ceinture ä la gorge par le mouve- 
ment des mains- 

* vgl. die accusative sor und dam in formel 19. 24. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 167 

p. 445 no. 41. 

J'arrive aux deux formules les plus longues et les plus 
difficiles, bien qu'elles ne semblent pas resister mieux que ]es 
autres ä l'application de Firlandais. 

Omnia quae haeserint faucibus hoc Carmen expellet. Heileu 
prosaggeri uome sipolla na buliet onodieni iden eliton. 

hoc ter dices et ad singula expues. 
Je commence par diviser et ponctuer comme suit: 
Heilen, prosag geri uome! sipolla, na buliet ono dieni! i den e liton ! 
ce qui me parait siguifier: 

ordiire, sors promptement de moi! pars afin que ne (to) 
frappent pas les hommes! vas vite au large! 

Voici la justification detaillee. 

Heilen est l'irlandais eilne, ordure, malproprete. Vh prosthe- 
tique est d'un usage tres frequent dans l'ancienne langue et l'on 
trouve indiflFeremment uile et huile, omnis, aui et haui, nepotes 
(bei Zeusz 59. 286, sonst ui, i, O'Donovan s. 108, vgl. oben s. 56), 
iris et hiris, fides, etc. il en etait de meme dans le gaulois 
Esiis et Hesus, le dieu de ce nom, Elvetius, Elvius et Helvetii, 
Elvii, alus halus, nom de plante (p. 435) etc. O'Brien donne 
eilne, eilned, uncleanness, Zeusz lui meme presente les deux formes 
celned (p. 51) et hcelned (p. 766), illuvies, inquinatio, ce qui 
prouve l'anciennete du terme. 

Prosag est un imperatif compose du prefixe pro et de sag 
= irlandais saighim, je viens, saighsiot, ils vinrent etc. d'apres 
les observations deja faites sur l'imperatif il faudrait sagi oii 
sage, mais la voyelle pouvait faire defaut ä quelques verbes 
comme en latin, ou bien eile a ete omise par les copistes. Quant 
au prefixe pro = sanscr. pra, latin pro, etc. il s'est change en 
for, far deja dans l'irlandais ancien (Zeusz 583) et signifie tour 
ä tour super, contra et ante, ainsi prosag ou prosagi serait 
maintenant forseigh come forth! komm hervor! le p initial est 
en general devenu rare en irlandais, oü souvent f le remplace. 

Geri est sürement l'irlandais geir, gear, geur, anciennement 
ger, aigu tranchant, vif, prompt, le sens est ici adverbial. ^ 

' vgl. das den deutschen imperativen häufig vorausgehende oder folgende 
bald, deutsches Wörterbuch I, 1081. 1082, 



168 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

65 Uome est l'irlandais uaim, ex me, de la preposition ancienne 

ua (le sanscrit ava), maintenant ö, ex (Zeusz 588), et du pro- 
nom me qui a conserve sa voyelle. c'est la pendant de mm, ex 
nobis dans la formule expliquee par Grimm, et tet un a un sens 
tout analogue a prosag uome. -^ 

Sipolla est un imperatif en a, comme rica de la formule 
18, et repond ä l'irlandais siubhal de siubhlaim, je pars, je m'en 
vais. en cymrique syfalu^ se mouvoir, etre instable. cf. sanscr. 
s/p, ire, et sap, sequi, le p est affaibli en 6/t, comme cela arrive 
souvent dans l'interieur et ä la fin des mots. 

Na buliet est la troisieme personne du pluriel du conjonc- 
tiv precede de la negation avec le sens du latin ne. la racine 
bul s'ecrit bual dans l'irlandais moderne buailim je frappe, mais 
Ya disparait dans buille^ ictus. la terminaison e^, at se trouve 
encore dans l'ancien irlandais, ar na epret^ ne dicant, de epiur, 
dico; ar na erberat, id. (Zeusz 455). plus tard eile s'est changee 
en eadh. 

Ono dieni, homines. ono est l'article irlandais an, au plu- 
riel na pour ana. la forme complete ono repond exactement 
au theme du pronom sanscrit ana, et mieux encore ä l'ancien 
slave ono (v. Bopp vergl. gr. p. 537) ^. Dieni est l'ancien plu- 
riel irlandais duini, homines, de duine, en cymr. dyn, en ar- 
mor. den. 

I den. je crois reconnaitre dans i l'imperatif, identique au 
latin, du verbe eit, et, ire, que presentent les anciennes gloses 
irlandaises: cach con eit, quemvis qui adit. (Zeusz 492). Zeusz 
admet que la racine puisse etre e. dans l'irlandais plus moderne 
on trouve eathaim, je vais, eathadh, action d'aller; en cymrique 
athu, aller etc. Toutefois comme, en sanscrit meme, on a les 
formes at, at, it ä cote de i ou «, il se pourrait que les deux 
racines entrassent dans la conjugaison du verbe ^, ainsi que cela 



' vgl. uaibh, a vobis, formel 19, wofür nach O'Donovan s. 144 die südliche 
mundart bhuaibh verwendet. 

* litt, anas, goth. jains , altn. inn und hinn, nhd. jener, wie die keltische 
und romanische spräche den artikel dem subst. vorangehen läszt, suffigierte ihn 
die nordische und die deutsche, vgl. gesch. der deutschen spr. s. 960. 

^ le participe passe eatha alle = sanscr. ita semble appartenir a i. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 169 

parait avoir lieu dans le slave ancien oü Ton trouve au present 
id-u, eo, et a l'infinitif i-ti, ire. le russe ecrit cependant it-ti, 
et le polonais is-c, mais rillyrien i-ti. le meme fait semble se 
reproduire dans le goth. iddja, ibam ä cöte d'un imperatif i, 
que Bopp a signale dans hir-i, hie veni (Bopp vergl. gr. 123). 

Quant ä den, je l'explique par Tirlandais dein, deineachd, %& 
häte O'Reilly (suppl.), dian, prompt, agil, vehement etc. von 
diesem den gilt das oben bei ger gesagte. 

E liton est Firlandais i leathan, au large, au loin ; en cym- 
rique llyden, arm. ledan. la forme lit se reconnait dans les noms 
gaulois Litana sylva, la vaste foret, Litavicus, Conmcto-litanes 
etc. (Zeusz 103). 

Je fais observer, en terminant, que cette longue formule 
s'explique sans y changer la moindre lettre, ce qui est assure- 
ment remarquable. 

La seconde formule du no 41 a un aspect encore plus bar- 
bare que la premiere, et semble exiger deux legeres corrections. 
en voici le texte : 

Fauces quibus aliquid inhaescrit^confricans dices: 
xi exu cricone xu crigrionaisus scrisumiouelor exugri conexu 
grilau. 

Je retablis d'abord comme suit la divison des mots: 
xi ex u cricon, ex u crig rion aisus. scris u mi ouelor. ex u 
gricon. ex u grilau. 

Ce qui me parait signifier: 
sors, hors du gosier! hors de la gorge (par) la voie du vomis- 
sement! glisse hors de mon cou: hors du gosier! hors des en- 
trailles ! 

Je fais suivre l'analyse justificative. 

Xi ne donne aucun sens, et semble avoir perdu une voyelle 
initiale, je lis donc exi (ex-i) et j'y vois le prefixe ex, deja 
discute dans le no. 12, et l'imperatif i, que nous venons d'exa- 
miner dans la formule precedente. la coincidence avec le latin 
exi est complete. 

Ex u. ex est encore la preposition, et u est le ua, ö, ab, 
a, de, que nous avons reconnu dans uome de la formule prece- 
dente. 



170 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

Cricon est une forme augmentee de cric, qui reparait tout de 
siiite apres avec un g final, c'est Firlandais craig gosier (O'Reilly 
suppl.), aussi graig, d'oü graigin^ glouton. la purete de la forme 
gauloise cric est prouvee par le sanscrit krka, gorge larynx, et 
cricon repondrait ä un thcme krkana, Irland, craigean. ^ 

Ex u crig, meme Interpretation. 

Rion est exactemeut l'irlandais rian, chemin, sentier, voie. 

Aisus se retrouve presqu'intact dans aisios^ nausee, vomis- 
sement. 
67 Scris est l'imperatif sans flexion du verbe irlandais scrio- 

saim, balayer, frotter, essuyer la surface de quelque chose. ap- 
plique ä un corps arrete dans le gosier il exprime la friction 
qu'il exerce en sortant contre les parois. la traduction glisse 
hors n'en rend pas tout ä fait la force. 

U mi ouelor. l'accumulation insolite des voyelles ioue in- 
dique ici une corruption. je lis u mi cuelor, et je compare l'ir- 
landais coileir, cou, o mo coileir, ex meo collo. mi possessif 
pour mo actuel se rapproclje plus du sanscrit me genitif de 
aham. «^ 

Ex u grilau. c'est l'irlandais grealach, entrailles, pris ici 
dans le sens general d'organes Interieurs du corps. la preposi- 
tion u (iiaj regissant le datif, on peut reconnaitre dans grilau 
un datif pluriel en u au lieu du suffixe ordinaire ib, ihh, comme 
dans l'ancien irlandais rigu^ naemhu, slogu etc. (O'Donovan gr. 
irl. p. 84). 

Je ne sais si je m'abuse, mais il me semble que ces inter- 
pretations si precises, si rationelles, obtenues, comme celle de 
Grimm, presque sans changement aux textes de Marcellus, con- 
firment d'une maniere remarquable le resultat mis en lumiere 
par ce savant, a savoir l'existence d'un dialecte de la brauche 
gaelique dans 1' Aquitaine au 4. siecle, resultat d'une haute im- 
portance pour l'histoire des langues celtiques. l'analyse de ces 
textes gaeliques, les plus anciens que nous possedions, nous 
montre la langue en possession encore de quelques formes gram- 

' dem krka, krkana gleicht das ahd. hracho, guttur, gen. hrachin, welches 
wort GraflF unrichtig 2, 385 im reinen R aufstellt, man vgl. litt, kaklas guttur, 
altn. kverkr, finn. kurkku und kulku. 



ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 171 

maticales perdues des lors et qui la rapprochent d'avantage du 
type primitif, que le sanscrit a le mieux conserve. il est bien 
probable que si nous avions des textes celtiques du temps de 
Cesar, tout le Systeme des flexions s'y montrerait encore avec 
ses traits caracteristiques. 



Da hier noch räum für mich bleibt, komme ich abermals 
auf das anziehende wort uisumar. die gewonnene, vielmehr erst 
gewagte deutung würde sich bestätigen, stände in irischen Ur- 
kunden irgend ein eigenname O'sumar, O'seamar, Mac'seamar 
aufzuweisen oder lieferte uns der irische Volksglaube Zeugnisse 
für die Verwendung des klees beim eintritt und empfang des 
frühlings, ins irische wapen wird die pflanze doch nicht zufallig 
gerathen sein und am allerwenigsten mit ihren drei blättern den 
band der drei britischen reiche symbolisieren sollen , weil sie 
dann, was nicht der fall ist, ebenwol in England und Schott- 
land gelten müste wie in Irland, doch mag zweifei walten, ob 68 
unter seamar bestimmt trifolium (welsch tairdalen, d. i. dreiblatt) 
verstanden werde oder eine andere den frühling zierende blume, 
zumal die caltha. möglich wäre sogar, dasz unser noch unauf- 
gehelltes deutsches wort klee unmittelbar und buchstäblich zu- 
sammen hienge mit caltha, wenigstens die glossen bei GraflF4, 540 
setzen chleo zu calta, caltha (Calendula officinalis Linn.) und 
auch die Schietstädter glosse bei Haupt 6, 34] gibt rötiz cleo 
calta. mit andern namen heiszt diese caltha dotterblume, gold- 
blume, ringelblume, butterblume, merkwürdig aber auf italienisch 
sposa del sole [Megenberg 394, 19 sunnenwerbel sponsa solis, 
ringelkraut, cicoreaj und mahnt sonnenbraut wieder an sonnen- 
kind, Sonnenenkel? die Finnen nennen den klee apilas und mai- 
tokukka, milchblume, wie die Schweden die caltha palustris 
tremjölksgräs, weil im mai dreimal täglich gemolken wird, der 
angelsächsische Thrimilci kann ftiglich den frühling personificie- 
ren und unser deutsches landvolk sagt auf den heutigen tag, 
dasz die weide der butterblume dem vieh reichliche und fette 
milch gebe; wie im altnordischen landnämabok 1, 2 von einem 



172 ÜBER DIE MARCELLISCHEN FORMELN. 

fetten fruchtbaren boden steht, dasz in dem lande butter aus 
jedem hahne triefe, was apilas besage, entgeht mir noch, es 
ist das lettische ahbolites, dahboli, littauische dobilas, dobilatis, 
wahrscheinlich auch das schwedische väpling. die slavischen 
namen wurden oben angeführt, will man das ui in uisuinar 
nicht dem alten nom. sg. gestatten, so dürfte man es auch als 
pl. collectivisch fassen: die söhne des sommers, die blumen, der 
klee, doch ziehe ich den sg. vor. Pictet, der meine erklärung 
gut heiszt, erinnert an den namen der Bituriges Vibisci, die 
gerade in Aquitanien hausten (s. meine erste abhandlung über 
Marcellus s. 434) und ui bescna wäre söhne des friedens, die 
endung isc also keine ableitung, wie Zeusz 775 meint. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 26 OCTOBER 1848. 



rleimgekehrt nach fast halbjähriger ab Wesenheit wende ich 121 
von bald erhebenden bald niederdrückenden geschäften unsers 
öffentlichen jetzt sturmbewegten lebens mich froh wieder zur ge- 
wohnteren stillen arbeit, der in meinen äugen nichts von ihrem 
reiz abgegangen ist. ich bin willens heute den gebrauch des 
alterthums beim geschenk zu erörtern und hoffe ihm auch auf- 
schlüsse für die spräche zu entnehmen. 

Wenn insgemein alles recht aufgestiegen ist aus dem schosz 
der sitte, so zeigt sich dieser Zusammenhang zwischen beiden 
ganz augenscheinlich an der Schenkung, die rechtslehrer sind 
sogar unschlüssig wie sie die Schenkung ansehen sollen, und 
einige stellen sie zu den vertragen, andere fassen sie auf als 
etwas allgemeines, das in mehr als einem rechtsgeschäft vor- 
kommen kann, offenbar überläszt bei dieser einfachsten aller 
handlungen das recht das meiste noch der sitte und hat nur 
für gewisse fälle seine bestimmungen beizufügen für nöthig er- 
achtet, wie jeder vertrag zwei leute, z. b. der kauf einen käu- 
fer und Verkäufer, setzt auch die Schenkung einen geber und 
empfänger voraus und dem geben stellt unsere spräche ein neh- 
men [geben und nemen. Parz. 7, 9. nu ist hie geben und ge- 
nomen. Dietl. 7028.], dem gifan die ags. ein picgan, dem gefa 
die altn. ein piggja, d. i. annehmen zur seite ^. geben ist ein 

' *epli ellefu mun ec per gefa.' 'epli ellefu ec pigg aldregi.' Ssem. 83" 84''; 
gaf bann Sigmundi sverd at piggja. 112"; 'pigg pu her Sigurdr!' 173". 



174 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

sinnliches darstrecken, darbringen, aus der band thun oder las- 
sen, legen in des andern band, einhändigen. ^ zum wesen des 
122 schenkens gehört, dasz der empfänger die gäbe sich gefallen 
lasse, da keinem wider seinen willen ein geschenk aufgedrungen 
werden kann: 

ich bän gehört her al min leben, 
daz niemen dem andern müge geben 
iht guotes under sinen danc, 
heiszt es in Lichtensteins frauendienst 230, 29.^ genieszt der 
eingeladete was ihm von speise und trank vorgesetzt wird, so 
thut er dadurch seine annähme des geschenkes kund, niemand 
aber hat je im gastmal einen rechtsvertrag erblickt, der begrif 
des übertragnen eigenthums gehört also gar nicht wesentlich zur 
Schenkung. 

In der regel scheint zwar nur des geschenks empföuger zu 
gewinnen, der geber zu verlieren, doch insgeheim fordert gäbe 
zur gegengabe *, ja bei feinerem gefühl selbst zur höheren, über- 
bietenden auf. 'widir gift' sagt Wernher von Elmendorf (bei 

' die ausgestreckte hand war den Ägyptern hieroglyphe für geben (Potts 
Zählmethode s. 272) und den Griechen bedeutete ocüpov zugleich breite der flachen 
hand, wie II. 4, 109 exxatoexaocupo; sechzehn bände breit, [ot'Stupos, Tiotviaoiupo;. 
Graeci antiqui doron palmum vocabant et ideo dora muncra, quia manu darentur. 
Plin. 35, 14. arm. dsiern manus. alban. Soppe manus. sl. dlan'. lett. duhre. ir. 
gal. dorn pugnus, welsch dwrn pugnus, manus. vgl. Bopp alban. spr. 34. 84. über 
dora, dara tragende, nehmende (gebende).] 

^ auch das ablehnen der gäbe [mhd. die gebe firwideren. Diut. 3, 85. ahd. 
widaron renuere. versprechen. Nib. 165, 3. 1430, 2] hatte im alterthume seine 
formein, deren einige ich in Haupts Zeitschrift 2, 1 erläutere, aufgedrungen konnte 
ein geschenk gewissermaszen durch die drohung werden, den dargebotnen ge- 
genständ vernichten zu wollen, ein merkwürdiges bcispiel findet sich in der ge- 
schichtsbeschreibung der Felsenburger 4, 129 und 155: alle dargereichten sachen 
sollen in die see geworfen werden, wo sie am tiefsten ist, wenn man sich der 
annähme weigert, [prius hoc in profundum maris projicio , quam quilibet homi- 
num tam vili et turpissimo pretio illud acquirat. Mon. sang. Pertz 2, 737. drang 
mit gewalt mit dem ringe zu nehmen auf mich , welches ich nicht thun wollte, 
schuppe solchen ring von mir dasz er in den kot fiel, blieb auch alda liegen. 
Schweinichen 2, 261. geschenktes glas absichtlich fallen lassen dasz es bricht. 
Pertz 2, 84.] 

* nu gib du mir, so gib ich dir. MS. 2, 169''. wer gäbe enpfät, verbindet 
sich dem der si git. Bon. 27, 31. enpfangen gäbe binden kan. 95, 63. vicissi- 
tudo munerum. Greg. tur. 5, 19 (18). 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 175 

Haupt 4, 298) 'sal man gäbe warten', oder wie es auch heiszt, 
'wer gibt der lehrt geben' [gialda giöf vid giöf. vidrgefendr ok 
endrgefendr erosc lengst vinir. Sa^m, 15^]. solche gegengabe 
oder widergabe nennen wir lohn *, oder in der alten spräche 
löngelt, alts. longeld, langob. launechild, ags. leänum gife gildan. 
Caedm. 27, 4. die Langobarden scheinen für feierliche, im ge- 
richt erfolgte Schenkung eine kleinigkeit als launechild gefordert 
zu haben, was die Urkunden ausdrücken: accepi launegild, sus- 
cepi launegild, es war entweder handschuh oder ring oder münze, 
die dem geber feierlich musten dargereicht werden, die Ita- 
liener gebrauchten dafür den ausdruck guidardone guiderdone, 
die Franzosen guerredon [Eracle 4603. Charrette 24.30], die 
Provenzalen guazardon guizerdon guazardinc (Rayn. 3, 450. 451), 
die Spanier galardon. im altfranzösischen Tristran (v. 2730), 
als der held seiner geliebten königin den hund Husdent schenkt, 

sagt sie: ' 

'qant du brächet mavez saisi, 

tenez lanel de gerredon.' 

de son doi loste, met u son, 

sie nimmt den ring von ihrem finger und steckt ihn an seinen, 
im guidar des italienischen worts scheint mir nichts als das 123 
deutsche widar enthalten, doch musz auch guadagnare, prov. 
guazanhar gazanhar, sp. ganar, franz. gagner, ja zu diesen das 
goth. gageigan xspoatvstv erwogen werden, vielleicht das altn. 
gagna prodesse, denn der gewinn ist ein lohn oder pretium. 

Dies vorausgesandt kann ich an einzelnen gegenständen der 
Schenkung die brauche der vorzeit entwickeln, auf die es mir 
hier abgesehn ist; dahin gehören, auszer liegendem grund und 
boden **, vorzugsweise speise und trank, thiere, kleider, ringe, 
waflFen und anderes geräthe: 



* Widerlegung. Kaiserb. par. der selben 36''. 38°. widergift. unw. doct. 156. 
191. widerlön En. 796. ze danke und ze löne geben. 115, 19. nu Ion ich iu 
der gäbe. Nib. 2138, 1. Cunnewärn si gäben Clamide, sinen lip gap err ze löne. 
Parz. 327, 29. engi er launat, nema iammikit kome igegn sem gevet var. Gu- 
lap. p. 54. illom huga launadir pü pägodar giafir. Ssem. 77''. Giafarefr hiesz 
Refr, weil er für jede empfangne gäbe eine wieder gab. fornald. sog. 3, 46. 

** einer fahrenden frau zu lohn land schenken. Sn. 1. 



176 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

lieht gesteine, rötez golt, 

liute, wäpen, ors, gewant, 

des nim so vil von miner hant, 

daz du nach dinem willen varst 

unt dine mildekeit bewarst. Parz. 9, 6. 
eigentliches geld pflegte weniger geschenkt zu werden; während 
also der alte tausch in kauf übergegangen war, d. h. für den 
hingegebenen individuellen gegenständ ein allgemeines mittel an- 
genommen wurde (wie auch andere Vertragsleistungen sich in 
geld anschlugen), blieb bei geschenken noch die besonderheit 
der Sachen vorwaltend, und bis auf heute hat es etwas wider- 
strebendes geld zu geben oder als gäbe zu empfangen, es werde 
dann gebettelt, der wahren gäbe soll inniier noch ein eigner 
bezug auf die absieht und neigung des gebenden oder empfan- 
genden einwohnen. * 

Bei allen Schenkungen fahrender habe glaube ich niui den 
grundsatz aufstellen zu können, der auch für den erwerb der 
liegenden im alten recht gilt, dasz sowol der geber sich der ge- 
schenkten Sache sinnlich entäuszern, als auch der empfanger 
derselben sinnlich vmterziehen müsse. ** wie des übergebnen 
grundstücks eigenthum erst durch wirkliche besitzergreifung d. h. 
durch leibhaftes niederlassen mit dem stuhl auf dem acker selbst 
erworben zu werden pflegte, wie dem abtreten ein antreten ent- 
gegensteht, sind auch für bewegliche Sachen gebärden und hand- 
lungen üblich, welche über leibliche hingäbe und annähme der- 
selben keinen zweifei lassen, man unterwand sich eines landes 
mit symbolischen gebrauchen (Parz. 146, 21. 25), auch für fah- 
rende habe musz ein solches unterwinden gegolten haben. 

Ich stehe nicht an den uralten gebrauch der libation hier- 
her zu nehmen, dem gott wurde ein theil der dargebrachten 
Sache auf den altar geschüttet, damit anzudeuten, dasz sie vom 
darbringenden freiwillig geopfert werde, prolibare diis (Plinius 
14, 18). griechische bildwerke stellen vor, wie der gott eine 

* friundes gäbe, swie diu si, da sol merken liebe bi. Ls. 1, 7. giafar pü gaft, 
gaftattu ästgiafar, gaftattu af heilom hug. Sajin. 182*. 

** dedit cum chirotheca, chii-otbecam abstulit. Lappenberg no. 119 a. 1091. — 
sieii der gebe underwinden. Diut. 3, 85. vgl. Wigalois 9000—9006. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 177 

schale, worin man ihm die libation gieszen soll, entgegen hält, 
wahrscheinlich galt auch bei mahlzeiten, wenigstens feierlichen 
gastgelagen ein solches praelibieren oder praegustieren, dem man 
erst späterhin die wendung gab, dasz dadurch verdacht des gifts 
beseitigt werden sollte, noch heute ist es unter Türken üblich, 124 
dasz der wirt, nachdem er in wolriechendem wasser seine bände 
gewaschen hat, mit den fingern aus der reisspeise kugeln bilde 
und dem gegenübersitzenden gaste selbst in den mund stecke, 
aus denkmälern unsrer vorzeit fällt mir nichts bei, was auf vor- 
schmecken oder credenzen der speise sich bezöge ' ; doch in ei- 
nem roman aus der ersten hälfte des vorigen jh.^ lese ich, dasz 
ein mädchen in den apfel oder die apricose den ersten bisz 
thut und dann dem geliebten hinreicht, wie es sicher im leben 
genug vorgekommen ist, weil was sonst ekel erregen könnte 
unter liebenden den genusz der fruclit erhöht, wir alle wissen, 
dasz unsre urmutter erst in den apfel bisz, bevor sie ihn Adam 
bot; der angelsächsische dichter sagt: päs ofates onbät, von on- 
bitan, alts. anbitan, mhd. enbizen, gleichsam anbeiszen, 
gustare, praegustare. in einem serbischen volksliede (bei Vuk 
th. 1 no. 483 seite 352) findet eine Jungfrau auf der wiese des 
geliebten mantel und tuch, auf dem tuch einen apfel liegen, sie 
sinnt nach und beiszt in den apfel, ihm ein zeichen ihrer an- 
wesenheit zu hinterlassen: 

aaipiiuiinjy ^ly sejieny jaöjKj, 
iicKa 3na4e, ^a caM ^ojiasHjia, 
^a caM Moje ^paro od.iaaujia. 

sarpHcmH ist anbeiszen, ooaasHinH, odnjiasHinH besuchen, wie 
nah kommen sich die unschuldigen gefühle und brauche aller 
Zeiten, auch bei Lucian (staip. otaX. 12) heiszt es: xsXo? 8k xoö 

' beim anschneiden der kuchen oder der butter hat man noch heute aber- 
gläubisches bedenken: omina principiis inesse solent- 

* der im irrgarten der liebe taumelnde cavalier. 1740 seite 16: risz eine 
apricose ab, that einen einzigen bisz darein, wickelte hernach dieselbe in ein 
reines papier und sagte : da bringet diese euerm herrn. [Göthes briefe von Jahn 
s. 182: den apfel den sie angebissen, das glas woraus sie trank, mir reicht, auch 
Bürger 19' vom pfirsich. — ahd. winigift? species pomi. gramm. 3, 376. Graft' 
4, 125.] 

J. QRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 12 



178 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

fXT^Xou aTToSaxujv . . . söaxo^o)? TcpoavjxovTtaac; 1? xöv xoXttov auxr,? 
. . . 7j 8e cpiXvjaasa [Asxacu x&v [j-aaxaiv ütco xoTi dTioSscfjj.«) itczpsßuaaxo. 
In einem andern liede bei Vuk th. I. no. 386 seile 283 bie- 
tet der Jüngling seiner geliebten nony^e, krankenspeisen an, 

unter andern 

H jaöjKa 3JÖOM 3arpH3enH, 

sarpHseiiH, aji iieHsje^enH, 

apfel mit dem zahne angebissen, 
angebissen und unaufgegessen ; 

wobei der herausgeber anmerkt: h ca^ je y CpÖHJH oöhhhj, 
Ka^ ce jaöjKa komc cbomc majije 4a ce Ma^o sarpHse, caMo 
4a ce no3najj ajöii, d. i. und noch ist in Serbien der brauch, 
wenn man einen apfel einem verwandten oder angehörigen sen- 
det, ihn ein wenig anzubeiszen, so dasz man nur die spur der 
zahne darin sieht. 

Desto häufigere meidung geschieht dieses vorkostens beim 
trank, und der Grieche nennt es upoTuivstv TrposxTnvsiv, woher das 
lateinische propinare entliehen ist, wie noch unter uns der wirt 
den becher erhebt, ansetzt und dann dem gaste reicht, oft läszt 
auch unser alterthum köniffin oder königstochter im kreise der 
beiden wandeln und jedem aus dem becher zutrinken. ^ das 
125 erste war, dasz man den wegemüden und durstenden gast, so- 
bald er über die schwelle trat, mit einem trunk labte. Loki 
beim eingange in Oegis halle, ruft (Saem. ßO*" [vgl. 32']): 

pyrstr ec com pessar hallar til 

Loptr um längan veg, 

äso at bidja, at mer einn gefi 

maeran dryck miadar; 

und Beyla trägt ihm den becher zu mit den Worten (67*): 
heill ver pü nü Loki, oc tac vid hrimcalci 
follom forns miadar! 

welche anrede sich auch in einem andern liede wiederholt (86''). 

gewöhnlich hiesz es (Saem. 201): 'tak her vid horni ok dreck!' 



' Paul. Diac. 3, 30. Beovulf 1232 — 42. Walthaiius 223. [Bathildis als 
sclavin gekauft um dem könig wein zu schenken. Kccard fr. or. 1, 238- frau 
selja Öls, vins. Sn. 128.] 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 179 

in unserm mittelalter aber sagte man 'den gesten schenken' 
Nib. 125, 4. 392, 1. 1127, 2 und der ruf erscholl 'schenkä sän' ^ 
'schenkä hie', 'iu si geschanct' MSH. 3, 186*; man rief auch 
'trink vaste' cod. Kolocz. 173. 174; ags. 'drinc häl' (auf 'ves 
häl' *; altn. 'dreck nü' Völs. saga p. 142; 'trac her, giuz in!' 
Renn. 49'' und ähnliches. ^ der anziehendste ausdruck wird aber 
das wort schenken selbst'', welches eigentlich fundere, infun- 
dere aussagend ganz allgemein in den abgezognen sinn von do- 
nare übergetreten ist; der brauch gasten und dürftigen einzu- 
schenken musz so alt und verbreitet gewesen sein, dasz dadurch 
der begrif des gebens überhaupt wo nicht verdrängt, doch ent- 
schieden bestimmt werden konnte, schenken steht uns jetzt 
von geben etwa so ab, wie das lateinische donare von dare, 
und bei den Wörtern Schenkung und geschenk pflegen wir uns 
nur donatio und donum zu denken, gar nicht mehr an die alte 
Vorstellung des gieszens zu erinnern, es mag hier dahin ge- 
stellt bleiben, auf welche weise schenken = gieszen selbst aus 
ahd. scancho, ags. scanca, crus, tibia (vgl. Schenkel femur), 
wozu es offenbar gehört, eigentlich geleitet wurde: die bedeu- 
tung tibia mochte leicht auf die röhre des gefäszes führen, aus 126 
dem man einschenkte. * ich bemerke, dasz wir noch heute von 

' 'darnach hiez si schenken sän' Parz. 29, durch welches sän (gramm. 3, 197) 
eile und hast ausgedrückt werden, ebenso: fuor enbizen sän' Parz. 20, 28; 'var 
sam mir in min gezelt und enbizen wir darinne,' Maria 157, 6. [ich hiez sä 
trinken bringen dar. Frauend. 539, 26.] 

* im roman de Brut : custume est, sire, en lur pais, (juant ami beivent entrc 
amis, que eil dist washail qui deit beivre, et eil drinkhail qui deit receivre. (nach 
andrer hs. : de dire weshail et repondre drinkhail, et de beivre plein u demi et 
dentre baisier ambedui.) 

^ den köpf mit win bieten und län sitzen (sitzen heiszen) weisth. 1, 378. 

^ schenken bei der kirchweihe zu Ebringen (a. 1495.) Schreibers Freiburger 
urk. 2, 617. bekanntlich hiesz noch später ein 'geschenktes' handwerk das den 
wandergesellen wein schenken liesz. 

* den Griechen hiesz ahXöc, jede rühre aus röhr, holz, knochen oder metall 
zum blasen oder eingieszen ; sie brauchten aber für (vSköz auch dXexTcop oder 
dXexTp'jwv, wie wir die rühre am fasz hahn nennen, vgl. Athenajus p. 185, der 
auch p. 183 einen aiXov Iy. veßpoü xioXwv xaTaaxeuaCofj-evov anfuhrt, wie im inär- 
chen flöten aus beinen eines getödteten kindes gemacht werden, führt in der 
malbergischen glosse der mittelfinger den namen taphano (zapfhahn) von seiner 
ähnlichkeit mit einem zapfen? das mlat. pipa bedeutete sowol fistula als vasculuui 

12* 



180 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

der säugenden, stillenden mutter sagen, die schenke dem kind 
[Ettner hebamm. 832], im alten sinne des eingieszens. ahd. 
scenchan, ags. scencan drücken auch nie etwas anderes aus als 
infundere, propinare und eben so wenig erscheint bei guten mhd. 
dichtem schenken bereits für largiri, donare, dare, zuerst bei 
Reinmar von Zweter MS. 2, 143'' finde ich rät schenken für rät 
geben, [Gottfried MSH. 2, 276" die wernden fröude schenken, 
Burkard MS. 1, 89" sorge oder spil schenken. Nithart MS. 2, 
82* (Haupt s. L, 5) dar zuo schenke ich miner teigen birn. Heinr. 
V. Krol. 3804 ir vleische si schancte. Frauenl. p. 74. 13 zwivel, 
loene schenken. Rumezl. MS. 2, 224" der wise geist den uns der 
vater schenke, daz schenkt dir Muscatpl. 47, 7. 9] Lohengrin 
s. 74. 78. 164 schenken = largiri, s. 101 schenk = donum [fastn. 
sp. 655, 6. H. Sachs II, 4, 9''] und bei Bonerius 37, 30 spise 
schenken, was freilich dem win schenken nahe liegt und vom 
einschütten der speise in die Schüssel verstanden werden könnte. ' 
die Vorstellung donum wird, wie goth. durch giba, ahd. nie an- 
ders als durch kepa, ags. durch gifu, altn. durch giöf bezeich- 
net, und erst nach dem Jüngern hochdeutschen sprachbrauch 
scheint sich bei den Isländern ein skenkja largiri eingefunden 
zu haben, 'ene schenke' donum setzt Detmar der minorite 
2, 205, ['gave und schenke' derselbe 2, 235,] 'schenken oder 
geben' verbindet eine willkür von 1377 (weisth. 1, 507) und auch 
das schwed. skänka % dän. skienke, geschweige das nnl. schen- 
ken [schenken donare. Potter 1, 2295.2312. 2, 3477], gewähren 
beides die sinnliche und unsinnliche Wortbedeutung. ^ 

An sich betrachtet dürfte diese letztere dennoch schon sehr 



und pipare (unser pfeifen) fistula canere, vielleicht nach dem lat. pipire (unserm 
piepen), das franz. pipe (unser pfif) ist zugleich ein masz beim Weinschenken, 
calamelar war den Provenzalen flöten , das franz. chalumer drückt aus boire a 
l'aide d'un chalumcau. XEpavvu[At aber, das zu y.ipaz trinkhorn gehört, hat nur 
die bedeutung von mischen und einschenken, nicht die abgezogene von geben. 

' echte Nitharte sind es schon darum nicht, worin eine aventiure oder ein 
niuwez liedlin geschenkt wird. MSH. 3, 299*. 

^ woher mit abgeworfnem S das estn. kinkma schenken, kinkitus geschenk, 
kink schinke, finn. kinka perna, kenki donum. 

^ 'eine m?nne schenken' oder 'geben', altn. 'gefa öl' führt sich auf altheidni- 
schen brauch (mythol. s. 54) zurück. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 181 

alt sein, denn es ist merkwürdig, auch das gr. upoTTtvaiv tritt 
aus der Vorstellung des zubringens, zutrinkens oder schenkens 
beim trunke über in die des bloszen darreichens, gewährens und 
gebens, ohne dasz dabei getrunken wird, nicht anders steht 127 
lat. propinare zuweilen allgemein für praebere, conciliare, noch 
mehr mlat. propinare (Ducange 5, 479) und so auch schottisches 
propine (Jamieson 2, 240'', suppl. 2, 242"). 

Ganz nahe lag es nach dem zutrinken auch den becher, 
aus welchem wein dargebracht wurde, dem gast zu verehren, 
ihn mit dem becher zu ehren *, unser altes 'ez bieten' (gramm. 
4, 337) bedeutete geradezu das glas oder trinkgefasz darreichen, 
die beiden gaben ^(puseov hiizag d[xcpixu7r£XXov. II. 6, 220 und 
Od. 8, 430 heiszt es: 

xai oi Iy*^ '^^^^ aXsiaov i|xiv ireptxaXXk? ^Tzdiaam 
j(pua£ov, ocpp' Ijxs^ev [xsfxvrjjxsvo? Tjjxaxa Travxa 
OTrevSTf] ivt }j.£Yap(ii Aii x aXXoiai'v xs ösotai. 

hier ist blosz vom folgenlassen, oTraCstv, des bechers, nicht vom 
zutrinken die rede, berühmt ist die schöne stelle Pindars 
(Olymp. 7, 5): 

cpiocXav oj? El' xt? dcpvsiä? dizb /stpö? sXtov, 

djxTTsXou £v8ov xa5(XdCoiaav Spoaij) 
SwpT^ösxai 

veiaviqi ^«[J^ßptp irpoirivaiv 
oixoOev olxaSs, irdyj^puaov, xopucpav xxsdvcov, 

die goldschale, sprudelnd von rebensaft wird dem Schwiegersohn 
zugetrunken und geschenkt. i^viSs xoi xo Ssira? läszt Theocrit 
1, 149 den hirten sagen, aus Athenaeus sind Zeugnisse dafür 
anzuführen, dasz die Griechen bei groszen festen und hochzeiten 
becher zutranken und schenkten, 4, 2 s. 128 ist gemeldet, wie 
könig Caranus in Macedonien zwanzig gaste zur hochzeit ladete 
und allen silberne trinkschalen verehrte, dem der zuerst aus- 
getrunken hatte, ward auch der becher zum lohn: IttsI irpöixos 

* trinket üz disen win, der kopp sal üwer eigen sin. Morolt 1500. 1516. 
vgl. Kehr. 14252. Dietr. 1354. Suchenw. 4, 499. bunum and beägum. cod. Exon. 
338, 23. alle gefäsze nnd schusseln zum fenster hinaus werfen, turn, von Nan- 
tes 7. 9. 10. 



182 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

enie?, !;(£ TTpcÜTO? xai töv oxucpov Soipov (daselbst 4, 4 s. 129), 
Cleopatra beim groszen für Antonius veranstalteten mahl ge- 
stattete jedem anführer die ihm vorgesetzten trinkgefasze als 
geschenk mitzunehmen (daselbst 4, 29 s. 148). * ich will auch 
ein deutsches beispiel aus Ruodlieb 5, 11 anführen: 

post haec sat cocti domino, sat ponitur assi, 
potus at in patera summi tuberis nucerina 
praecipui vini piperati sive medonis, 
in qua bis bina sunt aurea flumina sculpta, 
128 dextra dei fundo paterae confixa stat imo, ' 

quam, dum pernoctat ibi, quidam summus ei dat. 

statt der griechischen goldschalen nennt die einfachheit und ar- 
mut unsrer vorzeit nur einen aus knotigem nuszbaum geschnitz- 
ten becher (patera nucerina) ' und die weisthümer tischen überall 
weisze holzbecher [zwelf nuwe schenkebecher 1, Q66. weisze 
trinkbecher 1, 5ß2] auf: dem richter wird der höchste stul, die 
schönste schüssel und der weiszeste becher zugesprochen (3, 59. 
113. 124. 161), dem richter einen neuen becher (3, 71), schen- 
ken in einen witten beker (3, 84) '', ein schenkbecher vol rotes 
wines (1, 340). die trinkgelage des alterthuras erklären den 



* donatos calices singulis per singulas potiones. Capitolin. in Vero c. 5. do- 
navit convivis omnem apparatum poculorum. Lamprid. Heliog. 29. 

' Fischart in der trunkenen litanei (göfechichtskl. m. s. 88'') läszt einem trin- 
ker zurufen: 'findst grund? siehst den herrgott am boden?' es werden sich wol 
noch in samlungen becher finden, auf deren boden gottes bild eingegraben steht. 
[Lazaiillo de Tormes (zuerst Taragona 1586) c. 3: quando no me cato veo en 
figura de panes, como dicen, la cara de dios dentro del arcaz.] 

"^ vgl. henap mazerin (aus maserholz) im Garin 2, 79, [hanap de mazre. 
Trist, ed. Michel 2, 24.]; bekannt sind die aus birkenrinden in der mailnst zu- 
sammengefügten 'birkenmeier\ [chopfe, mäser, glasevaz. kindh. les. 95, 21. vil 
süeze litgebinne, ir sult füllen uns den maser. Helmbr. 1003. Harald schenkt 
einen mösurbolli, mit silber und gold verziert, forum, sog. (5, 184. 185. ahorne 
kanne. weisth. 1, 786. dännlein, tannenbecher. Gargantua 98''. vgl. pocula fa- 
ginaVirgl. ecl. 3, 36. Tib. 1, 10, 8. Ovid. met. 8, 669. fast. 5, 522. guttum 
faginum, quo sacrificant. Plin. 16, 38. moUibus ex hederae tornentur pocula 
lignis. Seren. Samon. 408.] 

^ swenne ich sihe bringen in wizem becher guoten win, daz nim ich für 
des meien schin, Haupt 7, 408. [Burchart der wisse beger. Freib. urk. no. 30. 
58. 66.] 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 183 

vorhersehenden gebrauch der bechergabe und bestätigen das 
einschenken als älteste Verehrung oder ehrengabe. 

Thiere schenkt jeder nach seinem stand, der hirt rinder 
und schafe, der edelmann rosse, hunde und habichte [habicht 
und wind. Dietl. p. 71. 72] zur jagd. ich schränke mich hier 
auf die rosse ein, und darf mutmaszeu, wenn die gäbe feier- 
lich erfolgen sollte, dasz der geber ab, der empfanger aufstieg. * 
wie aber vorhin das verbum schenken aus dem lebendigen über- 
gieng in den abgezogenen begrif, gewahren wir hier ähnliches 
bei einer benennung der geschenkten sache. schon Ulfilas setzt 
maipms für gr. oöipov und das alts. methom, ags. mädm, altn. 
meidm drücken kostbarkeit, cimelium aus. wir würden über das 
wort im dunkel bleiben, führte uns nicht die mhd. spräche mei- 
dem, meiden deutlich als eine gattung von pferden vor [ein ros 
und zwene maiden. Suchenw. 8, 111. sehzehn maiden, vier gröze 
ros 8, 197], wobei die abstechende consonanz schwerlich an 
maitan secare denken läszt, auch bezeichnet das in oberdeut- 
schen mundarten unseltne wort gar nicht das verschnittne thier. 
nun darf auch die den ags. dichtem geläufige Verknüpfung 
'mearas und mädmas' (ahd. marahä joh meidumä?) im rechten 
licht erscheinen, [vgl. schätz aus skat vieh, altn. gripr pecus, 
res pretiosa.] 

Mit der gäbe des rosses sehn wir häufig zugleich die des 
gewandes verbunden **, 'den fremeden und den kvmden gap 
er ros und gewant' heiszt es Nib. 28, 4, und 1092, 1 üz miner 
kamere so heiz ich dir geben 



* der annemer soll den Steigbügel halten und dann aufsitzen. Schweinichen 
2, 90. 

** pelz und pferde. Rudi. 2, 161. ros, gewant und schaz geben. En. 174, 
11. 20. 115, 20. beide ros unde gewant. Erec. 1411. phert unde gewant. Eracl. 
2258. ros unde gewant. Nib. 1469, 4. Gudr. 175, 4, 173, 3. Haupt 1, 88. 
Crane 2287. den lotern geben. Renner 17995. vihe unde gewant. Diem. 179, 9. 
schoeniu ors und richiu kleit. Bari. 29, 37. hohiu rävit und guotiu kleider. 
Strickers Kl. 58. guote rosse und phelleline rocke. Roth. 1333. schceniu ros 
mit setelen. Nib. 635, 4. nuwe sadele unde pert. Diut. 1, 360. vgl. Tac. Germ. 
15. 14. equum et arma dare, francisco more veterno, Erm. Nig. 4, 607. Beov. 
2062 ff. 



184 Cber schenken und geben. 

von rossen und von kleidern allez daz du wil. 
MSH. 3, 171" des edeln ritterschaft ich sach an dich geleit mit 
129 rosse und mit gewande. Nib. 1207, 1 wird die ausrüstung der 
rosse mit sattel und zeug 'pfertcleit' genannt, wie die gedichte 
des zwölften jh. 'rossekleit und vanen' zusammenstellen (Kai- 
serchr. 1161. Rother 398). auch in dem 'geben mit schätz und 
mit gewande' Gudr. [34, 1. 133, 4. 190, 2.] 422, 4. [Diem. 198, 6] 
liesze sich schätz auf die ursprüngliche bedeutung von armen- 
tum zurückführen, den bezug zwischen geber und empfanger 
bei gewändern meine ich wieder so annehmen zu müssen, 
dasz sie von jenem aus, von diesem angezogen wurden, und 
das auf liegende grundstücke angewandte exuere und induere, 
disvestire und investire (RA. s. 555. 556) mag ursprünglich der 
gäbe und annähme von kleidern abgesehn gewesen sein, fah- 
rende habe war der menschen ältestes eigenthum und die art 
und weise ihrer Übertragung galt hernach auch für äcker und 
wiesen, in den kerlingischen gedichten geschieht nicht selten 
der gäbe des gewandes meidung, z. b. im Garin le loherain 

2. s. 22.• 
je te donrai mon pelisson hermin 

et de mon col le mantel sebelin, 

mais que le roi me feras ci venir. 

et eil a dit: vollentiers, non envis, 

'or 9a la robe, et jel ferai venir.' 

il li geta, li charteriers la print, 

il safubla maintenant et vesti. 

ebendaselbst 2, 224: 

il defubia son mantel sebelin: 

'tenez, biaus ostes, vous venrez avec moi.' 

et eil le prent, si Pen a fait enclin. 

milde und freigebige legten gewand und mantel von sich ab, 
um sie gasten oder dürftigen über zu hängen, wie mehr als eine 
stelle unserer dichter lehrt: 

Nib. 1310, 2 swes iemen an si gerte, des wären si bereit, 

des gestuont do vil der degene von mute bloz äne cleit. 
Gudr. 1676 der künec von Nortlande gap so riche wät, 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 185 

er und sine degene gestuonden kleider blöz in kurzen 

stunden, * 
Als Hugdieterich die amme mit seinem kinde erblickte (Haupt 

4, 428) 
sinen mantel liez er slifen, der was so rilich gar, 
nider ze den füezen, daz sagich iu für war, 
der was mit liebtem golde riebe wol durchsbigen, 
den biez er do die ammen mit dem kindelin fürder tragen. 
Roseng. 999: ein maget spilte mit einer rotten vor der küne- 130 

gin rieh, 
alle die ez horten die wurden freuden rieh (1. gelich), 
hinder sich trat der margräve, zöcb abe daz gewant, 
und gab ez der spilmennen mit siner muten haut, 
was spielleute (vgl. Trist. 335, 40, 337, 26) und bettler lieszen 
im höheren einfacheren alterthum wol auch gaste und freunde 
sich gefallen; allmälicb sträubten sich stolz oder Widerwille ge- 
tragne kleider anzunehmen, im gegensatz zu jenen volkssän- 
gern erklärt der edlere dichter: 

getragene wät ich nie genam, Walth. 63, 2. 
swer getragener kleider gert, 
. der ist niht minnesanges wert MS, 2, 181", 
weshalb es anderwärts ausdrücklich heiszt 'gewant unverschrö- 
ten' En. 12988 [pellele ungescrotin, Roth. 1502. samit unver- 
schroten. Dietr. 655, kleider unverschröten. Rab, 93. phelle 
ungesniten, Gudr, 64, 3. phelle ganze, die man nie versneit. 
Parz, 11, 17], das noch neu, von der schere unberührt war, 
und unserm alten recht zufolge nicht in die frauengerade ge- 

* her gap sinen mantel guoten 

eineme armen spilmanne: 

er was ze heile dar in gegangen. 

so täten die anderen al ensamt, 

dar ne behielt nieman fsin gewant, 

die mit ime dar wären. 

sie ne ruohten zwären 

wer ez in üz der haut nam. 

ir mantele nequam nichein dun. Roth. 1878 — 8G. 
Eracles gibt alle seine kleider weg 6188 — 91. einen mantil her ime gab. Roth. 
210. dem sänger mantel und p^elz schenken. Wolkenst. 56. spielleute mit tuch, 
pelz, i'osscn und mäulern beschenkt Guill d'Orange 3, 1883. 



186 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

rechnet wurde (welcher alles zufiel, was die schere begangen 
hatte). 

Nackte schifbrüchige ^ empfangen im liede unmittelbar ge- 
wand, von Faustinianus erzählt die kaiserchronik 1715 

nacket stuont er äne wät 

wan in sinem nazzen hemede, 
und darauf 1764 von dem eselaere 

er zoch üz sin gewendelin, 

den herren sloufte er dar in, 
wie dem nackten Odysseus cpapo? und yi-idiv (6, 214) darge- 
reicht werden. * von dem milden Cimon war überliefert (Athe- 
naeus p. 533): ttoieTv 8^ xal touto TioXXaxts, ottots täv ttoXitcüv xtva 
looi xaxo)? Tg[xcpt£a]j,£Vov, xe)^susiv auT(p jx£xa[xcpisvvuctöat xüiv vsa- 
vi(3x«>v xiva xaiv auvaxoXou&ouvxwv auxq>. etwas anderes ist, dasz 
Diomedes und Glaucus im kämpfe die rüstung tauschen (II. 6, 
235), als SsivVjiov aber werden Od. 8, 392 wiederum cpapo? und 
'/}X(iiV genannt, und vom Agrigentiner Gellias, bei welchem zu 
winter fünf hundert reiter eingekehrt waren, meldet Athenaeus 
s. 4 eowxsv sxasxtj) yixoiva. xal t|jLaxtov, und von selbst versteht sich, 
dasz die hingäbe des eben ausgezognen kleids nicht auf den fall 
gehn kann, wo der reiche aus seinen vorräthen viele zugleich 
mit kleidern versorgen läszt. 
131 Solche in groszem maszstab geübte freigebigkeit ruft mir 

einen dunkeln vers aus den Nibelungen ins gedächtnis, der, 
wenn ich ihm mit einer etwas mutwilligen besserung aufhelfen 
kann, gerade hierher gehören und einen brauch unsrer vorzeit 
beim kleiderschenken aufhellen würde. 

Als Rüedeger nach dem Rhein zieht, fordert er die ge- 

' vgl. was ich in unsern abhandlungen vom jähre 1845 s. 200 über das 
gothische naqadai vaurpun für IvauayrjCiav sage. 
* Kehr. 16172 von Heinrich 2 : 

swä der chunic hin vuor, 

und im der arme bot sine hant, 

er slouftin in sin gewant. 
den nackenden inscloufen. Griesh. 2, 55. Elisabeth gibt ir umraecleit und einen 
roc einer armen. Diut. 1, 375. vgl. Kolocz. cod. 286. GA. XIII. XIV. LXVII. — 
ein von der jagd heimkehrender Jäger thut das hörn ab und schenkt es dem 
bettler und kauft es hernach um soviel es werth ist zurück. Liudprand ant. 2, 34. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 187 

gemahlin auf vorher seine beiden reichlich zu beschenken, und 
nun läszt sie ihnen ge wänder tragen, das lied 1113, wie ich 
es herzustellen wage, lautet: 

bei waz man richer pfelle von ir kameren truoc, 
der wart den edelen recken ze teile do genuoc 
erstivelt vlizeclicbe von halse unz üf die sporn; 
die in dar abe gevielen, die het im Rüedeger derkorn. 
die sitte des alterthums, für das was feierlich dargeboten und 
zur schau gestellt werden sollte [Rudi. 3, 165 ff.], ein gerüste 
zu errichten, ist anderwärts von mir erläutert worden, hier sei 
blosz an den waizenberg mit seinen ruthen, nageln und beuteln 
aus dem Sachsenspiegel erinnert, der des 'dagewerchten' wer- 
geld ordnete. * so liesz nun, stelle ich mir vor, Gotelind die 
dargetragnen reichen pfelle (pallia, stoffe zu mänteln) an stäben 
oder Stangen ** zu schau und auswahl den beiden aufstellen und 
das heiszt 'erstivelen' ahd. arstifulen fulcire (Graff 6, 662), wie 
man mhd. understiveln unterstützen .(Mones anzeiger.8, 491), 
understibel fulcrum [Leysers pred. 136, 11] sagte, vielleicht auch 
das goth. stiviti constantia eigentlich fulcrum aussagt und zu 
Stabs und stojan gehört, die kleiderstoffe standen vor den aus- 
wählenden beiden hoch aufgerichtet, dasz sie ihnen vom hals 
bis zu dem sporn nieder reichten, 'die in (so setze ich für im) dar 
abe gevielen', die ihnen von der stange fielen, d. h. die sie nicht moch- 
ten, die geringsten darunter, behielt der milde, bescheidne Rüede- 
ger für sich selbst [vgl. Orendel Ettm. s. 9 str. 10]; er liesz 
erst seine leute wählen, und nahm vorlieb mit dem, was übrig 
blieb, man kann auch im' lassen und erklären , dasz R. mit 
dem ihm von der stange zufallenden sich begnügte, so scheint 
mir eine sonst matte strophe leben und färbe zu empfangen. ^ 

* dem gegebenen gewand ein reiches netz von gold und gestein über hän- 
gen. Gudr. 1683. 1684. 

** mit edeln gewanden wären die ricke wol geladen. Herb. 9248. der man- 
tel hanget ame ricke. Diut. 1, 382. bring mir ab miner stange min gewant, rok 
und mandel. GA. 2, 442. grif an die stang, nim daz cleit. Altswert 81, 25. 
köstliche kleider auf der Stangen. Bocc. 2, 127* (robe per le stanghe). 

' lesart der hss. ist 'ir sulet' oder 'erfüllet' und für jenes hatte Lachmann 
s. 148 'irsiwet' fertig genäht vorgeschlagen, hernach s. 350 'erfüllet' billigend 
pelzgefüttert verstanden [kleider gefült mit hermelin. Gute. fr. 2722. gefullet mit 
zindäle. Diut. 1, 360. man könnte auch ervillet setzen, vgl. Er. 1567. 1957. daz 



188 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

132 Also grosze gaben, wenn dies bestätigung erhält, wurden, 

wie unsre bescherung am Christtagsbaum, feierlich aufgehangen, 
kleine gaben von schmuck und geräthe pflegten voraus frauen 
und kindern so zu geschehn, dasz sie ihnen auf den schosz ge- 
legt, an band oder arm gespannt, an den ermel geheftet oder 
gebunden, in den busen geschoben wurden ^. erst dadurch gien- 
gen sie in den leibhaften besitz der empfangenden über, hier- 
von ist nun mancherlei nähere auskunft zu ertheilen. 

Nach einer auch sonst wichtigen stelle in Hervararsaga 
(fornald. 1, 494) soll jeder Jungfrau eine spange an den hals 
gespannt werden. 

meyju spenni ek hvörri men at hälsi. * 
im gedieht von zwein kaufmann 528, 730 wird der dirne, die 



geville. Lanz 5737. inville.]. es heiszt aber wenig poesie aufgewandt zu sagen, 
den beiden seien kleider von oben bis unten gefüttert vorgetragen worden und 
ich zweifle auch, ob das folgende 'die im dar abe gevielen' bedeuten könne, wie 
man dann auslegen musz : die ihm darunter behagten , [ doch liest C statt ge- 
vielen behageten,] dar abe steht fast nur sinnlich, nicht abstract, und ein Schrei- 
ber hat helfen wollen mit 'dar zuo'. doch müste 'erstivelt', um beifall zu finden, 
wenigstens von einer hs. selbst gestützt sein, und für das ausfüttern der gewän- 
der liesze sich aus Diut. 3, 90 geltend machen, was von Josephs tunica poly- 
mita (Genes. 37) gesagt wird: 

einen roch er ime scuof, 

der gieng ime an den fuoz 

mit phellole bestalt. 

[pellicias usque ad talos. Pertz 3, 201 a. 817. loricae talo immissae. Saxo 
gram. s. 94. Müll.] 

' gäbe soll man lieblich bieten, nicht hinwerfen. MS. 2, ISG*": 

si bätens vaste eteswaz geben mir, 

des si an ir lange hsete gehän, 

also warf si mir ir nadelbein dort her, 

in süezer ger 

balde ich ez nam. 

si nämen mirz und gäbenz ir wider d6, 

und erbäten si , daz si mirz lieblich bot. 

* serb. boschtschaluk geschenk von hemd, strumpfen, kleidern, die unmittel- 
bar den leib berühren. Vuk gloss. SS*". Talvj 1, 308. lett. puschkot mit geschen- 
ken, (handtüchern, sträuszen, handschuhen, bändern) auf hochzeiten behängen. 
Büttner no. 14. 24 und s. 242. in Serbien werden die auf der hochzeit geschenk- 
ten tücher dem bräutigam an das haupt, andere gaben an die pferde der braut- 
führer gebunden (Vuk mündlich), auch in Littauen. prov. bl. 4, 148. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 189 

etwas werben soll, und dann der frau selbst geld in den bu- 
sen und das kleid geschoben: 

do schoup er ir zer selben stunt 

in ir buosen wol ein pfunt 

und bot ir gröze mieten. 

er schoup der frouwen in ir kleit 

al da zuo derselben stunt 

Hier danne zehen pfunt, 
wie noch heute bei kindtaufen der amme geld in den busen ge- 
steckt wird, das weisthum von Niederprüm (2, 533) sagt: und 
da die fraw mit iren kindern erschiene (soll man) dero kind 
jedem ein verzigpfennig (verzichtpfennig) geben und der frawen 
auch sunderlich einen in den boesen stecken, das nemliche 
wird im weisthum von Walmersheim und Gondenbret (2, 537. 
544) wiederholt, [pfennig in den hemdligeren knüpfen, weisth. 
1, 655. in sin hemde gestrict. Eracl. 614, der vor sin almuo- 
sen mangem armen truoc zuo buosen. GA. 2, 416. on bearm 
älecgan pät sveord. Beov. 4384. hin to bearme cvom mäddum- 
fät. Beov. 4803.] 

Keisersperg in der predigt vom kaufmanschatz (brösamlin, 1,33 
Straszb. 1517 bl. 92'. 95') redet zweimal von kleinen flltterge- 
schenken, welche die buhler den ehfrauen machen, die sie auf 
den ermel stecken und daran tragen: sie kromen etwan ein hel- 
lerwert guffen oder ein blasbalg vff einen ermel, daruflf müs- 
sen sie in den tragen, und die man lachen sein, die andere 
stelle ist ausführlicher: mein meinung ist auif hüt wollen sagen 
von den vnnützen kremern vnd kauflüten, der war nüt not ist, 
sie haben leichtfertige ding feil, als schnurren, rechen, blosbelg, 
abbrechen, flöchfallen, blawenten, die vff holdtschuhen gon, und 
scheiden, vnd dergleichen thorechte ding, die wil ich nennen 
frawenkremer .... vnd etwan so kummen sie vor denselben 
kremen zusamen, vnd so musz er ir ein blasbalk kauffen, so 
kramet sie im ein abbrechen, die ding machen sie dann vff 
den ermel, vnd so verstond sie dan einander was es bedütet, 
vnd der eeman lachet sein dan vnd ist gar ein fein ding vnd 
ist als narrenwerk, 'was wiltu vns davon sagen?" sprichstu. es 
wird mir nicht leicht die hier genannten galanteriewaaren alle 



190 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

zu deuten, Meusebach, den ich nur darum zu fragen brauchte, 
lebt nicht mehr, unter den blasbälgen darf man nicht das 
küchengeräth selbst verstehn, sondern zierrat, das die gestalt 
des blasbalgs nachahmte und wer weisz wozu diente; abbrechen 
sind lichtputzen bei Frisch 130% der s. 279 auch die flöhfallen 
schildert, guflfen heiszen noch heute in der Schweiz und dem 
Elsasz nadeln^; worauf es mir ankommt, ist, dasz solcher flitter 
als geschenk und gegengeschenk an den ermel befestigt 
und so getragen wurde. "^ 

' franz. Simplicissimus s. 179: gofen und nadeln. 

- spätere anmerkung. Meusebach hätte mich vor allem auf eine ganz hier- 
her sich fügende stelle Philanders von Sittewald gewiesen, in dessen drittem ge- 
sicht von den Venusnarren s. 134 der Straszburger ausgäbe von 1677 folgendes 
gelesen wird: dise sind die rechte mansverderberinnen, die man in redlichen ge- 
sellschaften weder leiden noch dulden solte, als die ihren ehemännern die seele 
quälen, das handwerk verstimplen, das gewerb und die handthierung verdei-ben 
und alles, was sie ei-tappen und erschnappen können, an überflüssigen unnützen 
nichtswertigen losen leichtfertigen bernhäuterischen abenteuerlichen lächerlichen 
närrischen fantastischen grillischen barmherzigen zauberischen und wider die na- 
tur selbst streitenden hausrat henken , als da sind zinnine kehrbürsten , zinnine 
kehrwische, zinnine krätzerlein [H. Sachs II. 4, 30'' und solt ir auch dein lieb 
beweisen, ein hechel und ein bürsten kaufen], zinnine liechtbutzen, zinnine blas- 
bälge , zinnine ofengabeln , zinnine bratspiesze , zinnine küchelgäbelein , zinnine 
feuerstecken, zinnine herdkesselein, und in summa zinnine holen, zinnine kluften, 
zinnine brandreiten, zinnine herde, zinnines holz und zinnines feuer machen las- 
sen, was also Kaisersberg zu ausgang des fünfzehnten jh. aus der sitte des El- 
sasses entnahm, konnte 150 jähre später Moscherosch (geb. 1601 t 1669) eben 
da noch beobachten, der brauch solches zinnernes geräthe als galanterie zu tra- 
gen hatte sich forterhalten ; wie lange mag er wol gedauert haben ? noch die 
heutigen französischen Wörterbücher erklären' 'galanterie' durch petit present, 'fa- 
veurs' durch rubans tres etroits und auch Philander im ersten gesicht s. 27 sagt: 
andere närrisch verliebte sind wunderlichen anzuschauen und möchte mancher 
meinen , er sehe einen kramgaden aufgethan , so mit mancherlei färben von 
nesteln, bändeln, zweifelstricken, schlüpfen und anderen so sie favores nennen 
(am rand steht 'favorn' s. Dwb. 3, 1385) sind sie an haut und haaren, an hosen 
und wambs, an leib und seel verändert verstellet behenket beschlenket beknöpfet 
und beladen, woraus sich ergibt, dasz männer und frauen solche geschenke als 
zeichen des heimlichen Verständnisses anhiengen oder anknüpften; war die sitte 
aus Frankreich eingedrungen oder nicht, gewis gieng sie dort um die angegebne 
zeit auch im schwang, da aber oft falschheit und lüge mil unterliefen, so er- 
klärt sich die noch heute fortdauernde ausdrucksweise 'einem etwas aufbinden, 
aufheften.' Frisch 1, 649* führt aus Petri Apherdiani methodus discendi formu- 
las latinae linguae. Colon. 1577 p. 17 die redensart an 'einem etwas auf den 
maw (ermel) binden' farcire centones [iemand blauwe bloemkes wys maken of 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 191 

Das halsband wird umgewimden, umgespannt ^, noch heute i34 
heiszt in der Schweiz und in Schwaben ein hochzeitsgeschenk, 
geburtstaggeschenk oder pathengeschenk die h e 1 s e t a oder w ö r - 
geta (gleichsam ahd. halsida, wurgida) von helsen, würgen d. i. 
um den hals drehen , winden , weil das geschenk um den hals 
gehangen wird, und wörga bedeutet am namenstag beschenken^ 
gleichsam drosseln und würgen, worgetli halsband, helse, 
halse pathengeschenk, mhd. helsinc laqueus, collare Bon. 57, 
92, über welche sitte man Stalder 2, 37. 457, Tobler 451, 
Schmid 8. 259. 639 nachlese. 

Doch wer von uns entsinnt sich nicht des fast in ganz 
Deutschland herschenden und noch heute, auch wenn der brauch 
selbst zu verschwinden anfängt, gangbaren ausdrucks an ge- 
bind e für geschenk? 'hast du schon dein angebinde?' fragt zu 
Weihnachten oder neujahr ein knabe den andern, ohne dabei an 
binden zu denken, es sind die bloszen geschenke gemeint, in 
einzelnen gegenden wird aber wirklich dem pathen bei .der taufe 
oder auf geburts und namenstag an den arm oder um den 
hals gebunden, was jenem alemannischen würgen gleich- 
kommt, in der Wetterau hängt man bretzeln zu neujahr um des 
knaben hals, statt angebinde heist es auch eingebinde, Be- 
sold erklärt einbindgeld; munusculum, quod recens baptizato 
infanti datur fasciis quasi indere, numum charta involutum mu- 
neri dare. in Luzern einbund [auch in Baiern, Schmeller 1, 
181], in Schlesien gebindnis, in Oestreich bindband oder 
nach Höfer 1, 85 bundband, im Elsasz hingegen strick, in 
Schwaben strecke (Schmids idiot. 513), in der Schweiz ein- 135 
strickete [Stald. 2, 409], von einstricken, festbinden, dem pa- 
then schenken, was wieder mit jenem helsen und würgen zu- 
sammentrift. aus Niederdeutschland kenne ich keinen solchen 
ausdruck, die Westfalen nennen das pathengeschenk pillegift 
(von pille, pathe, vgl. franz. filleul, filiolus; auch nnl. pillegift. 
Weiland s. v.) geldgeschenke , bei welchem anlasz sie nun er- 
folgten, pflegten im sechszehnten jh. an den arm, auf den 

op de mouw spelden. belg. mus. 8, 168]. der ermelbänder gedenkt Riemer im 
polit. maulaffen 1680 s. 74 und im polit. Stockfisch 1681 s. 81. 82. 

' halsband umwenden = umthiin. Ettners unwürd. doctor s. 156. 



192 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

ermel gebunden zu werden, wofür Schweinichens lebensbe- 
schreibung 1, 49. 71. 232. 244. 249. 342. 3, 289 bei den Jahren 
1567. 1572. 1576. 1578 zeugt, auch in Joh. Strizers deutschem 
Schlemmer Magdeb. 1588 bogen DVIP steht 'auf die ermel 
binden', aus Fischart und Hans Sachs schwebt mir die redens- 
art nicht vor. 

Wer jedoch die schlesischen dichter des siebzehnten jh. ge- 
nauer gelesen hat, weisz dasz sie, namentlich Opitz, Gryphius 
und Fleming keinen namenstag vorüber lassen, ohne in damals 
zierlichen gelegenheitsgedichten zu binden, anzubinden, 
oder ein band zu knüpfen, abwesenden wurden bänder mit 
dem reim übersandt, anwesenden ohne zweifei um den arm [um 
die band. Fleming p. m. 69. 93. 242. 268] gewunden, ein sol- 
cher bindebrief findet sich bei Opitz in den poetischen Wäl- 
dern (Amst. 1645 s. 48), worin er unter anderm singt: 

doch mein williges gemüte, 

darmit ich euch zugethan, 

Übertrift des b an des gute, 

welches ich jetzt knöpfen kan: 

weil der sinn nun nicht gebricht, 

so verschmeht das band auch nicht. 
Gryphius in einem sonnet auf den namenstag seines freundes 
sagt von der treue: 'die ists mit der ich binde' (Leipzig 1663 
s. 700), in einem andern heiszt es s. 704 als der besungne von 
drei freunden auf seinen namenstag gebunden wurde: 
drei seelen binden dich, die ein in einem mund, 
drei binden mit sich selbst, drei wünschen dich gesund, 
und am schlusz : 

disz alles was du sihst, herr bruder, musz verschwinden, 
doch freundschaft pocht den tod ' und trotzt die ewikeit, ^ 

' 'einen pochen' verhöhnen, 'du wirst auch nicht die ganze weit pochen' 
proin non insultabis hominibusque diisque. Casp. Stielers Sprachschatz s. 1463. 
'wenn mich mein hasser pochete' Luther ps. 55, 13, si is qui oderat me super 
me magna locutus fuisset, [die leute pochen. Petrarch 187"]. die heutige spräche 
fügt zu pochen wie zu trotzen den dativ, wir sehn aber auch zu letzterm wort 
bei Gryphius den accusativ gestellt. Adelung führt unter trotzen noch andere 
beispiele aus Gryphius und Günther an [Fleming s. 212. das deine stärke trutzt. 
226. trutzen ie den tod]. Schmeller 1, 504 hat: 'einen trätzen' lacessere , 'die 
not trätzen' in noth und elend grosz thun, der noth trotz bieten. 

^ nicht unrichtig schreibt diese ausgäbe stets so und traurikeit sterblikeit 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 193 

sie ist das stärkste band, sie lacht in höchstem leid i36 

und zwingt dich selbst, mein freund, den drei nur können 

binden, 
bei weitem die artigsten bindgedichte rühren aber von Fleming 
her, in allem wenn ich recht zähle, sogar 35, von welchen ich 
einige hier ausschreibe, ein sonnet auf seinen eignen namens- 
tag 'unter wehrender reise auf Ocke ^ begangen' im jähre 1636 
(Jena 1685 s. 571): 

So komme du denn her, du schönste der najaden, 
weil meine Basile, des himmels schönes kind, 
mich itzt nicht binden kann, ümm dasz wir ferne sind, 
kom Ocke, zier der lust, mit deinen oreaden 
und hamadryaden, die oftmals mit dir baden, 

kom binde mich für sie. der kühle westenwind 
bricht blumen durch den thal '', da manche nymfe rinnt, 
und schwimmet auf uns zu, mit färben schwer beladen. 
Lies rosen, münze, klee, borrag und quendel aus, 

mach für mein häupt und hand mir einen kränz 

und strausz, 
und hauch ein lüftlein drein, das nach der liebe rieche. ' 
Ihr andern gehet aus, führt ein belaubtes zeit 
von jungen ästen auf, so ist es wol bestellt, 
so wil ich frölich sein, bisz Föbus sich verbleiche. 



geschwindikeit bestandikeit, denn im K ist die ursprüngliche gutturalis des aus- 
lauts mit dem H des anlauts heit verschmolzen, dem mhd. CH in frümecheit 
(und auch schon frümekeit) irrecheit entsprechend, gleich Gryphius schreiben 
auch frühere , z. b. Keisersberg selikeit trurikeit messikeit. das nhd. GK dar- 
man also für pedantisch erklären, schon die Breslauer ausgäbe von 1698 verf 
wischt jene eigenheit [vgl. erzschrein 173. 174]. 

' die Ocka, ein bedeutender flusz, der bei Nishnij Nowgorod sich in die 
noch breitere Wolga gieszt. nach des Olearius reisebeschreibung (Schleswig 1663 
fol. s. 333 ff.) waren sie im brach und heumonat 1636 an den Occagründen. 

* auch ahd. 0. 1. 23, 23 then dal rinan. mhd. den tal. rosengarte 1719. 
1765. 

' so steht gedruckt und der sinn fordert: das nach der liebe dufte, aber 
der reim rieche: bleiche fällt auf. was könnte heiszen: nach der liebe reichen, 
hinlangen? einen andern gleich ungenauen reim können (künnen): sinnen [ebenso 
Opitz Zlatna 445. bürgerinnen: Pierinnen: können. Fleming 95. 152.] führe ich 
nachher an statt verbleiche [1. verkrieche, vgl. Flem. 171]. 

J. OKIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 18 



194 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

137 aus dem gedieht 'auf herrn Godfried Simmerlius seinen geburts- 
tag' (s. 437): 

und da werd ich dich auch finden, 

freund, und eine dicke schaar, 

die dir bunte kränze winden 

in dein schwarzes krauses haar; 

die mit blumen auf dich streiten * 

und mit grünem ganz bespreiten, 

die in einem schreien schrein: 

freund, du sollst gebunden sein! 
Ich der kleinest unter allen 

an person, an freundschatt nicht, 

wil dir auch thun zu gefallen, 

was alda ein ieder spricht: 

sei gebunden! ich musz sorgen, 

dasz ie besser du dich morgen 

lösen wirst, ie mehr wirst du 

diese schlingen ziehen zu. 
was es mit dem 'lösen' auf sich hatte, zeigt ein bindelied auf 
Martin Münsterberger, der gebundne pflegte die bindenden zum 
nächsten tag einzuladen (s. 451): 

wol. damit du seist gebunden, 

so sei dieser eppichstrausz 

in dein weiszes haar gewunden. 

freund, es geht auf lösen aus : 

du wirst nicht ohn deinen schaden 

uns dafür ein müssen laden, 
zuletzt noch aus dem auf Philipp Kruse (s. 457): 
herr, dieser kränz wird nicht verwelken, 
den wir euch winden in das haar, 
kein klee, kein eiszwig ^, keine nelken, 

^ sin kintheit, diu üf in mit dem tievel streit. Greg. 158. dem Bernsere 
helfen striten üf den künec Ermenrich. Dietr. 5357 [striten üf in. Krone 163 IG] 
und ebenso üf einen vehten, üf einen hern [gevochten up dat heidensche deit. 
Eberh. gandersh. 486*. up sin land, up one orloghede 486''. 477''. 481*"]. schon 
um der dichter des siebzehnten jh. willen kann man des mhd. nicht entrathen. 

'^ vielleicht eisznig zu bessern, bei Nemnich 2, 1274 eisnach, alsnicium, seli- 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 195 

ganz keine von der blumen seh aar, 
die kaum so lange tauren können, 138 

die dienen euren grünen sinnen, 
diese biudgedichte scheinen in unserer späteren dichtkunst ganz 
verschwunden, die sitte bänder, sträusze und blumen anzuhef- 
ten, kränze aufs haupt zu winden dauert allerdings noch heute 
fort. 

Von Deutschland aus scheint das angebinde auch zu Böh- 
men, Polen und Letten, auf welche unsere gebrauche groszen 
einflusz hatten, gelangt zu sein, der böhmische ausdruck lau- 
tet wäzane von wazati binden, der polnische wiqzanie von wiq- 
zac, der lettische peeseeni, peeseenaniaji von pee an und seet 
binden, daraus dasz bei Russen, Slovenen, Serben nichts * ähn- 
liches angemerkt wird, geht mir die unslavische natur der sitte 
hervor, in der serbischen volkspoesie würde ein so lieblicher 
brauch gar nicht mangeln. 

Bei seiner groszen örtlichen Verbreitung darf man ihm auch 
unter uns viel höheres alter zutrauen als sich jetzt nachweisen 
läszt. freilich scheint er auch unsern minnesängern unbekannt, 
welche doch genug anlasz gehabt hätten der geschenke zu er- 
wähnen, die sie ihren geliebten anhefteten oder anbanden, die 
ihnen angeheftet und angebunden wurden, findet sich etwas 
davon, so wäre es mir bei dichtem wie bei chronisten des mit- 
telalters entgangen; Bertholds vollständig bekannt gemachte 
predigten könnten am ersten auf die spur leiten, brisen und 
ermel brisen (Ben. 1, 255) wäre der beste ausdruck. 

Gäwän schlägt den von Obilot als kleinoete empfangenen 
ermel ' auf seinen schild (Parz. 375, 10 — 23) und hernach hef- 
tet sie den zerhaunen ermel wieder an ihren bloszen arm, von 

num palustre. [in ahd. gl. olsnich. Oberlin 1162. Meyer Preuszens pflanzengatt. 
8.210. poln. olesnik, böhm. olesnik selinum. aber auch bei Fleming s. 368 ey8z- 
wig (1642 s. 461 eiszwig), eisewig hyssopus vulg. hat Hoffmann schl. \vb. aus 
Schwenkfeld. vgl. Nemnich unter Verbena offic, Krünitz unter hyssopus offic] 

* sloven. und serb. povoj binde, povojak blumenstrausz, povojniza angebinde, 
kindbettgeschenk. auch serb. povezati einbinden. 

' im mnl. Lancelot 37240. 37288. 37540. 42454 heiszt das liebliche kind 
darum 'die joncfrouwe metten deinen mouwen'; aber Wolfram hat sie mit den 
frischesten färben geschildert. 

18* 



196 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

welchem er abgelöst worden war (Parz. 390, 29), wie Parz. 111, 
10 — 26 der ritter das frauenhemd über den hämisch, die frau 
hernach das zerhaune wieder an ihren leib legt; das mag: gelten 
für sinnreiche fortbildung und erhöhung des geschenks. solch 
eines ermels auf dem schild ist auch Lanzelet 4433. 4436 er- 
wähnt. * 

Uebrigens gleicht das anbinden der geschenke dem der 
heilmittel und reliquien, wovon ich mythologie s. 1125. 1151 ge- 
sprochen habe; die ihnen beiwohnende kraft sollte durch das 
binden auf das kranke glied übergehn und es wäre denkbar, 
dasz man auch von geschenken, die aus geliebten bänden em- 
pfangen werden, ähnliche einwirkung erwartete. ' 
139 Wenn der angeheftete ermel uns mitten in die ritterzeit zu- 

rückgeführt hat, so musz nun überhaupt zu dem für das ganze 
alterthum wichtigsten geschenke der waffen und den dabei ob- 
waltenden gebrauchen fortgeschritten werden, alsbald thun sich 
hier die quellen ergibiger auf und desto sicherer läszt sich nach 
dem vorausgegangnen zurückblicken. 

Keines von allen kriegerischen geschenken erscheint aber 
unter dem eröfneten gesichtspunkt bedeutender als das der arm- 
ringe, welche unser alterthum mit dem namen ahd. pouc, ags. 
beag, altn. baugr belegte, sie wurden um den arm gewunden, 
und kommen, wenn sie kostbar von golde gefertigt sind, auch 
mit der benennung des gewundnen goldes vor. ^ gleicht 

* die weiber senden zimierde. Wh. 357, 7: fuorten an ir üben, des man 
danken sol den wiben. 364, 20. 373, 20. 376, 22. 401, 11. 408, 20. stüche ge- 
ben zu kleinöte. Herbort 9509 ff. 9883. 9930. Frommann s. 293. am sper ein 
risen füeren, kleinot von der frau. Lichtenst. s. 186. 187. seiden binde. Galmy 
c. 18. goldringe von Jungfrauen an Speeren. Athis s. 44. 48. hauptstelle über 
solche kleinode. En. 12017 — 60. vgl. 8772. auch provenzalische dichter geden- 
ken solcher bänder, die sich liebende schenkten. Vidal 7, 23. 9, 37. 30, 23. Ar- 
naut de Carcass. leseb. 26, 60. 

* liebhaber pflegten ein haar aus der locke ihrer geliebten um den arm zu 
winden, [tricas capiliorum feminae brachio sinistro circumligare. Caesar, heisterb. 
12, 40. frauenhaar festes band. Parz. 299, 3. eins deiner giildnen haare, das 
du mir gibst, o klare, ist mir ein festes band. Fleming 501. Gryph. Horrib. p. m. 
804. Brands pop. ant. 1, 110. 2, 90 ff.] 

' gramm. 4, 752. myth. 1226. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 197 

dies umwinden der ringe nicht sichtbar dem umspannen des 
halsbandes, dem umbinden des bandes oder strauszes? 

Die casus sancti Galli (bei Pertz 2, 81) berichten aus dem 
schlusz des neunten jh. etwas merkwürdiges. Petrus bischof 
von Verona verhiesz den Sanctgaller mönchen durch insgeheim 
abzusendende boten ein geschenk goldes zu übermachen: aurum 
cruribus eorum fasciohs circumligabo, et dimittam eos, den 
pilgrimen selbst sollte das gold nicht gegeben sein, sondern 
ihren herrn; aber das circumligare gestattet zu folgern, einmal 
dasz hier kein massenhaftes, noch gemünztes gold, sondern ring- 
gewundenes gemeint ist, dann dasz insgemein geschenkte ringe 
auf solche weise um beine oder arme geflochten wurden. 

Dies letztere findet sich nun durch anderweite Zeugnisse 
ganz auszer zweifei gesetzt, hierher gehört vor allem die ed- 
dische redensart gulli oder hringom reifa [binda bauga 
Ssem. 19P. goeda gulli. 241"], mit gold oder ringen bereifen, 
d. i. umwinden, bewinden, wie auch für den berühmten reipus 
des salischen gesetzes nunmehr das rechte Verständnis geöfnet 
wird, sobald man sich gewundnes gold darunter denkt. Gudrun 
singt von sich selbst Saem. 230'' 

unz mik Giuki gulli reifdi, 
gulli reifdi, gaf Sigurdi, 
bis er mich mit gold bewand, d. h. reich ausstattete, dem Si- 
gurd anvermählte, der fränkische reipus war ganz eigentlich 
der umgewundne brautring, ags. räp, ahd. reif, mit dem man 
bereifte, bewand, aber auch andere wurden auf solche weise be- 
schenkt oder bewunden, Saem. 249'': 

hringom raudom reifdi hon hüskarla 

und endlich Saem. 252": 

ockr mun gramr gulli reifa glodraudo. 

wenn also könig Wenzel von Böhmen MS. 1,3" in einem schö- 
nen tageliede singt: 'der wahter wolte sin bespunnen mit 
miete', so ist hier kein verführen und bestechen gemeint, es ist 
kein tropus, vielmehr drückt das alte bewinden mit goldringen 
(umspinnen mit goldfaden, spinnen und spannen sind sich nah 



198 ÜBER SCHENKEN IJND GEBEN. 

verwandt), hoch mit golde belohnen aus.* auch in einem an- 
dern minneliede MS. 1, 48' heiszt es: 

wahter, nim min golt! 
Für solches anspannen, anwinden der goldringe steht aber 
noch eine reihe anderer belege zu gebot. 

Als Volker vor Gotelinde gefiedelt hatte und scheiden wollte, 
Nib. 1644: 

ir hiez diu marcgrävinne eine lade tragen: 
von vriuntelicher gäbe muget ir hoeren sagen, 
dar üz nam si zwelf pouge unde spien ims an die haut, 
'die sult ir hinnen füeren in daz Etzelen laut.' 
man sieht, Gotelind verstand sich auf den alten brauch ringe 
wie kleider den beiden zu schenken, ich glaube aber männer 
konnten beides arm und beinringe, frauen nur armringe vereh- 
ren, wie es auch von Kriemhilt 1262, 2 heiszt: 

do gap diu küneginne zwelf armbouge rot 
der Gotlinde tohter. 
kaiser Conrad im jähre 1033 einen abt beschenkend: juxta quod 
regem decuit armillam auream, quam baugum^ nominant, ei 
pro munere porrexit (Pertz 6, 84). im porrigere liegt hier zu- 
gleich ein voraus erfolgtes detrahere, wie folgende stelle aus 
Saxo gramm. (ed. Müll. 206) zeigt: cui continuo rex armillam 
brachio suo detractam decretae mercedis loco tradidit. 
[Beov. 5613 dide him of healse bring gyldenne, pegne gesealde. 
Hrolfs kr. sag. tok gullhring af heudi ser ok gaf honum.] 

* Waltharius 403 ff. 

o si quis mihi Waltharium fugientem 
afferat evinctum, ceu nequam forte lieiscam 
hunc ego mox auro vestirem saepe recocto 
et tellure quidem stantem hinc inde onerarem, 
atque viam penitus clausissem vivo talentis. 
Hervarar sag. fornald. 1, 494: 

Manni gef ek hvörjum margt at piggja, 
meyju spenni ek hvörri mcn at halsi. 
Mun ek pik sitjanda silfri msela, 
en ganganda pik gulli steypa, 
svä ä vegu alla velti baugar. 
vgl. RA. 677. hon toc 11 gullringa ok spenti üdnim um hialmband enum hoegra 
megen, en ödrum enum vinstra megen. Thidr. sag. s. 329. 330. 

' den lesefehler bangum hat Waitu 6, 885 sogar ins glossar aufgenommen. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 199 

Ich will gleich zu der bedeutenderen stelle, die jedem aus 
dem Hildebrandsliede einfallen wird, übergehn: 
want er dö ar arme wuntane bougä 
cheisuringü gitän, so imo se der chuninc gap 
Hüneo truhtin, 'dat ih dir it nü bi huldi gibu'. 
Hadubrand aber versetzt: I4i 

mit gerü scal man geba infahan 
ort widar orte, 
gewis ist in dieser Überlieferung der brauch nicht einmal voll- 
ständig berichtet und das besser aufgenommne lied hätte wahr- 
scheinlich Hildebrands worte noch mit der zeile, oder einer ähn- 
lichen, schlieszen lassen: 

bougä barne willu ih sperü biotan, 
denn sollte auch das uns gerade wichtige darreichen der los- 
gewundnen ringe dem sinn entbehrlich sein, dieser begehrt drin- 
gend eine Hadubrands hernach folgende vorwürfe des trugs und 
der teuschung begründende äuszerung des vaters, die kaum an- 
deres als das geständnis der von Hildebrand bereits erkannten, 
für Hadubrand noch unglaublichen Vaterschaft enthalten durfte; 
erwäge man das vorhergegangne 'ding gileitan mit sus sippan 
man', sei dem wie ihm wolle, wir lernen, dasz statt des an- 
heftens der ringe unter kriegern des alterthums selbst die sitte 
herschte, sie auf der Speerspitze darzureichen und von 
Seiten des empfangers mit dem speer entgegenzuneh 
men. ia den liedern oder sagen wird bald das eine, bald das 
andre w*gelassen, zur eigentlichen vollbringung des geschäfts 
der Schenkung: scheinen aber beide momente erforderlich. 

Beide, darreichen und annehmen genau unterschieden, tre- 
ten in einer ganz hierher gehörigen stelle der altn. Egilssage 
s. 306, die von könig Adalsteinn und einem ins jähr 926 gefall- 
nen Vorgang redet, heraus: ok tök gullring af hendi ser 
mikinn ok godan, ok drö ä blodrefilin. stod upp ok gekk 
ä golfit ok retti ytir eidin til Egils. Egill stöd upp ok brä sver- 
dinu ok gekk ä golfit, hann Stack sverdinu i bug hringi- 
num ok drö at ser. hier wird vom könig der ring ab der 
band gezogen, auf die spitze des Schwerts gesteckt und darge- 
reicht. Egill zieht sein schwert und nimmt mit dessen spitze 



200 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

von des gebers schwert den ring ab. das ist völlig jenes *mit 
gerü scal man geba infähan, ort widar orte (spitze gegen spitze 
gerichtet^ ort ist acc. sg.). 

Wiederum heiszt es in Snorraedda s. 153 : Hrolfr kraki tok 
hringinn Sviagris ok kastadi til hans, ok bad hann piggja at 
giöf. Adils konüngr reid at hringinum oc toc til med spiots 
oddinum, oc rendi upp ä falinn; nur dasz hier der ring zu 
boden geworfen, dann von der Speerspitze des empfangenden 
aufgenommen wird und herab zum grif rollt, womit sich dann 
die Übergabe vollendet. 
142 Die Vilkinasaga, indem sie cap. 375 bis 377 Hildebrands 

begegnung mit Alebrand (wie er hier schon heiszt) ausführlich 
erzählt, hat doch bereits den zug des dargebotnen rings ver- 
gessen und ebensowenig nennt ihn das spätere immer noch 
schöne Volkslied. 

Dafür bewahrt uns Vilkinasaga den gebrauch bei darstel- 
lung der heldenüberfahrt an der Donau cap. 339 s. 459, Hagene 
ergreift seinen goldring, hält ihn in die höhe und bietet ihn dem 
fergen zur gäbe : ok tekur sinn gullring oc heldur upp : 'sie hier 
godur dreingur pina skipleigu, hier er einn gullringur, hann gef 
ek pier i pinn ferjoskatt, ef pu flytur mik'. einleuchten wird 
die einstimmung des Nib. lieds 1493, 1 : 

vil hohe anme swerte ein bouc er im dö bot, 
lieht unde schoene was er vol goldes rot, 
am schwert wird er dargeboten, den Vilkinasaga blpsz in die 
höhe heben läszt. aber noch in einem der entsprecHlnden dä- 
nischen Volkslieder ist das abstreifen des armrings, der jedoch 
nicht dem fergen selbst, sondern seinem weib als wergeld für 
ihn geboten wird (D. V. 1, 111): 

han strög guidringen af sin arm, han gav den farge- 

mands viv 

'det skal du have til vennegave for fargemands unge liv.' 
zur vollen erläuterung aller dieser brauche mögen noch andere 
beispiele aus nordischer und deutscher quelle dienen. 

Forum, sögur 6, 198 wird von Arnor gemeldet: Magnus 
konüngr gaf honum fyrst gullhring, geck hann svä utar eptir 
höllinni, at hann drö gullhringinn ä spiotsfalinn ok 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 201 

maelti: hätt skall bera hväratveggja konüngsgiöfina!' hoch tragen 
soll man beiderseits die königsgabe, fast wie im Hildebrands- 
lied 'mit gerü scal man geba infähan', wer sie an den speer 
nimmt trägt sie hoch. 

Die Novaleser chronik 3, 22 (Pertz 9, 104) gibt den sprach 
vielleicht noch getreuer, als Carl den Adelgis, des Desiderius 
söhn verfolgen liesz, reichte des königs nacheilender böte dem 
flüchtling eine goldspange auf Schwertes spitze als königs 
gäbe dar und Adelgis rief: 'was du mir mit dem Speere reichst, 
will ich mit dem speer empfangen (si tu cum lancea mihi ea 
porrigis, et ea ego cum lancea excipio), sendet dein herr trüg- 
lich solche gäbe, so werde ich nicht nachstehn und ihm auch 
eine gäbe senden,' darauf nahm er seine armspangen und reichte 
sie am speer dem boten, der sie dem könig hintrug. Carl legte i43 
sie sogleich an, da fielen sie ihm bis auf die schulter nieder (so 
viel gröszer und stärker war Adelgis), 

Dasz aber auch, wovon ich gleich anfangs ausgieng, die 
sitte eingreifen konnte in den wirklichen rechtsbrauch, lehrt das 
überliefern der langobardischen reparia mittelst dargereichtem 
und empfangnem schwert und mantel (tendere, accipere, RA'. 
8, 426) und noch deutlicher die alte formel von der Schwaben- 
ehe, wenn der vogt die frau in des mannes band geben will, 
nimmt er die frau, ein schwert, ein gülden fingerlin, einen pfen- 
nig, mantel und hut auf das schwert, 'daz vingerlin an 
die helfen' und überantwortet sie so dem mann, die altfeier- 
liche dargabe des armrings an speer und schwert hatte sich noch 
beim gericht erhalten, ohne zweifei war schon im höheren alter- 
thum die braut auf solche weise mit dem bong am speer über- 
geben worden, hierzu ganz fügt sich im Ruodlieb 188, 63: 
anulus in capulo fixus fuit aureus ipso, 
affert quem sponsae sponsus, dicebat et ad se: 
'anulus ut digitum circum capit undique totum, 
sie tibi stringo fidem firmam vel perpetualem, 
hanc servare mihi debes aut decapitari.' 
Und wahrscheinlich steht das abnehmen des rings mit der 
einen Speerspitze von der andern in Zusammenhang mit dem 
ringelrennen bei turnieren, das sich bis auf heute als spiel 



202 ÜBER SCHENHEN UND GEBEN. 

erhalten hat, und wobei es darauf ankommt im schnellritt einen 
aufgehangnen ring mit der spitze eines Speers zu fassen, es 
war die alterthümlich dargereichte und empfangne turniergabe. 

Warum sollte nicht auch auszer ringen und spangen andrer 
schmuck am speer oder schwert dargeboten worden sein? Wi- 
galois 308: 

den gürtel leit er üf daz sper, 

mit guotem willen reichte er 

der frouwen sine gäbe do, 

freilich konnte der oben auf der burgmauer stehenden königin 
von unten der gürtel nicht anders eingehändigt werden, als mit 
dem Speer, bei der feierlichen schwertleite wurde dem neuen 
ritter das schwert umgürtet, es heiszt bald 'daz swert geben' 
(En. 13030) bald 'umstricken' (Conrad von Ammenhausen in 
Wackernagels auszug s. 182). Schwerter waren sehr oft gegen- 
ständ der gäbe, im griechischen alterthum wie in unserm, ohne 
144 dasz dabei eines anschnallens oder anhängens erwähnung ge- 
schieht, vgl. aop Od. 8, 402; mar ok maeki gefa, Sasm. 61°; ros 
unde schätz, En. 12984. 

Für die freigebigkeit mit gold hat unser alterthum noch 
einige denkwürdige ausdrucksweisen, die ich hier nicht über- 
gehe, allbekannt ist die altnordische sage, dasz der milde kö- 
nig Frödi gold malen liesz, und ich werde ein andermal aus- 
führen, dasz von diesem mythns bei uns im innern Deutschland 
spuren hinterblieben sind, im weisthum von Rachsendorf (3, 687) 
heiszt es von einem der seines halses für verlustig erklärt wor- 
den ist: und ob er den nit wolt lassen, so solt er niederlegen 
einen schilt auf das erdrich, den solt er ausfüllen mit gemal- 
tem gold, damit er sich löst von dem fürsten, und nochmals 
im weisthum von Wartenstein (3, 712) wahrscheinlich in andern 
mehr: ist er verfallen ein schild voll vermaltes gold. im 
Schild wurde gewogen, und es steht darum in den liedern, 
Nib. 1963, 3 

dem fult ich rotes goldes den Etzelen rant, 

vgl. Vilkinasaga s. 486. 487; Nib. 1958, 3 

bietet den recken daz golt über rant, 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 203 

Wigal. 11251 mit gesteine unde golde 
fulte man in die Schilde, 
Lanz. 7707 einen schilt vollen goldes, 
Tit. 4258 gesteine, golt, daz er do mit dem schilte 

ze gäbe wolte mezztm, 
Helbl. 7, 345 golt gewegen, daz iz abe riset (vgl. oben s. 131 

das abe vallen); 
Gudr. 496, 2 der nie golt gewan, 

dem heize ich es mezzen mit vollen ane wäge, 
Nib. 254, 2 silber äne wäge, darzuo daz liebte golt. 
[Waltharius 1263 rutilo umbonem conpieto metallo. 
Thidrekss. 329 ek man fylla pinn skiold af raudu gulU. 
Orendel Ettm. s. 56 schild voll gold geben. 
Dietleib 6700 gold auf einem schild 

was sein viere mochten tragen 
Rother 3045 si was des goldes milde, 

si legetez üf die scilde: 
vorsten den riehen, 
gab si richlichen. 
Kaiserchron. 5443 ungewegen rötis goldes geben. 
Helbling 7, 374 silber und gold geben, 

sam iz an die vinger braute. 
Wigamur 2523 er gab daz guot als ez w:ere unreine.] 

Der Vorstellung des gemainen goldes nähert sich aber, dasz 
es von freigebigen ausgesät wird," was von Hrölf kraki Snor- 
raedda 153 wirklich erzählt: tok hoegri hendi gullit ofan i hornit 
oc söri alt um götuna; Ssemundar edda 249'' von Gudrun: 
gulli seri in gaglbiarta 
sköp let hon vaxa en skiran mälm vada, 
unter welchem glänzenden melm oder staub wieder gold gemeint 
ist. noch ein dichter unsers mittelalters (Amgb. 3") braucht die 
Wendung: 

des muten Salatines haut gessete umb ere nie so grozen schätz. 
[MS. 2, 6* mit fröude ströuwet er uns sin guot.] Eckehards 
casus S. Galli (Pertz 2, 111) gewähren ferner einen beachtens- 
werthen zug. als im j. 937 ein Sanctgaller mönch dem könig Con- 145 
rad messe gelesen hatte, ward ihm zum lohn dafür gold auf des 



204 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

königs füsze gelegt: post missas peractas vix ille coactus pedes 
imperii, ut moris est, petere, auri uncias in eis positas sustulit. 
ad imperatricem autem, ridente imperatore, per vim tractus, et 
ibi aurum ejus sumpsit e pedibus. Mahtilda qiioque soror ejus 
anulum illi in digitum, vellet nollet, inseruit. die worte 'ut 
moris est' bezeugen , dasz nach damaligem hofgepränge kaiser 
und kaiserin das geschenkte gold nicht selbst übergaben, son- 
dern von ihren füszen abnehmen lieszen. die auri uncia schlie- 
szen nicht aus, dasz es, wenigstens beim Ursprung der sitte, ab- 
gewundne beinringe [fasciolae crurales verraiculatae, Pertz 2, 747] 
waren, und wie malerisch ist es sich einen hohen gebieter zu 
denken, welcher seinen fusz hinhält, damit der, den die gäbe 
beglücken soll, sie selbst erst losbinde, das abbinden scheint 
hier so bezeichnend wie das anbinden, jenes darreichen mit dem 
Speer so symbolisch wie das empfangen mit dem speer. 

Ich nehme noch mit was dieselben casus s. 84 von diesem 
könig Conrad berichten: infantulis per ordinem lectitantibus et 
analogio descendentibus aureos in ora ad se elevatis misit. 
quorum unus pusillior cum clamitans aureos exspueret: 'iste' 
inquit 'si vixerit bonus quandoque monachus erit'. mich ge- 
mahnt dies stecken der goldstücke in den mund an die art und 
weise, wie des reichen Ölvaldi söhne sich in das geerbte gold 
theilten, jeder nahm immer einen mundvoll. Sn. edda p. 83. 
[vgl. Wackernagel bei Haupt 6, 290.] 

Doch ich thue dieser Zusammenstellung alterthümlicher 
brauche beim geschenk einhält, vielmehr ich hätte sie überhaupt 
hier unterlassen, wäre mir nicht angelegen gewesen einen phi- 
lologischen aufschlusz ZU wagen, dem zu gefallen sie voraus 
gehn muste. 

Fällt es nicht, wenn wir die deutsche spräche zu den ihr 
urverwandten halten, höchlich auf, dasz eins unsfer geläufigsten 
und in allen dialecten gleichen verba in keiner einzigen jener 
sprachen zu spüren scheint? ich meine geben, goth. giban, ahd. 
kepan, ags. gifan, altn. gefa, das überall einfaches dare und 
donare, also den begrif ausdrückt, dessen sinnliches auftreten 
ich eben vorhin zu schildern gesucht habe. 

Die unabweisbare herkunft von schenke dono aus schenke 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 205 

fundo erwogen finde ich auch giba gaf dennoch in dem griechi- 
schen -/io) wieder, das lautverschobne G stimmt zu X, in yito 146 
mag, wie so häufig zwischen beiden vocalen ^ unterdrückt" sein ^, 
gerade wie sich ucpat'vo) und ucpir) zu ahd. wipu wap (folglich 
gothischem viba vaf) altn. vef vaf, skr. vap (Bopps glossar 308'') 
pers. haften, oder ahd. nepal, altn. nifl, lat. nebula und nubes 
zu gr. vscpo? und vscps^^Tj verhalten. )(£^tü zu sprechen war nach 
griechischem lautgesetz unthunlich und der inlautenden labialis 
Wegfall ganz in der Ordnung. 

Wie nun die beiden bedeutungen des gieszens und gebens 
einigen? das räthsel ist durch den gewinst der vorigen Unter- 
suchungen gelöst, freilich war schon unsre älteste spräche des 
alten in giban gelegnen sinnes vergessen, wie auch die gothische 
bei Ulfilas nicht mehr sich darauf besann, dasz maipms eigent- 
lich pferd, skatts rind aussagen, bei geschenk denken wir heut- 
zutage ebensowenig an fusio, bei schenken nicht an fundere, 
sondern haben den alten begrif auf das zusammengesetzte ein- 
schenken infundere beschränkt, schenken, ohne ein zugefügtes 
wein hier milch u, s. w. drückt uns überall donare aus, bin ich 
aber auf rechter fährte und lag auch in geben ursprünglich die 
Vorstellung des eingieszens, so lehren beide verba geben imd 
schenken einstimmig, dasz unsre gastfreien vorfahren aus dem 
darreichen des trunks den abstracten begrif des gebens über- 
haupt ableiteten, das gr. upoTrivstv schlug ähnlichen weg ein.* 

Nun ist aber ein einwand zu entfernen, dem gr. -/iü) ent- 
spricht bereits und zwar in seinem sinn vollkommen das goth. 
giuta, ahd. kiuzu und nach diesem könnte man für yioi wiede- 
rum ein vollständiges x^^^ (^g^- X'^^^^^^) mutmaszen; sollen 
giba und giuta ihre bedeutung spalten und einer wurzel sein? 

Der neben /so) in -/Boaio ey^zua. x^^^M-*^ Y.iyoy.a. x£XU[iat -/ozo^ 
vorbrechende vocallaut weist ofi'enbar auf das lU und U unsrer 
deutschen fünften reihe, während das E in -/ito unsrer zweiten 



' vgl. altn. sjö, goth. sibun; lornandes Eburnand. 

* trado atque transfundo. Neug. 109 a. 790. tradimus atque transfundimus. 
112 a. 790. donamus atque transfundimus. 116 a. 791. dono, trado atque trans- 
fundo. cod. dipl. fuld. 53 a, 775. 59 a. 777. dono atque transfundo. cod. Wizenb. 
211. 22 a. 798. trado atque transfundo 26 a. 772. 



3imus atque transfundimus. 



206 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

gleicht ^ ; den einklang des sinns zwischen yj,(i(ü '^/[zdam und giuta 
bestätigt also der des ablauts. schwer aber fällt es zu entschei- 
den über den Ursprung der bei giuta und kiuzu in unsrer spräche 
147 althergebrachten lingualis. mit dem unwurzelhaften T des gr. 
yjixdq, hat sie nichts gemein, da diesem goth. p, ahd. I) ent- 
spräche, dem adverbialen D in /uotjv würde sie gänzlich gleich- 
stehn. ■• noch oflfenbarer ist die Verwandtschaft zwischen lat. 
fundo fudi und giuta gaut, da hier lat. F aus H hervorging 
und hundo hudi nach der lautverschiebung sich zu giuta gaut 
stellt, das lat. N in fundo ist wie in tundo und vielen andern 
dem rhinesmus zu danken, [lat. futis vas aquarlum. Aufrecht 
zeitschr. 1, 120. fons zu fu = gu. Pott 2, 273. 448.] 

Im Sanskrit hat den meisten anspinich auf gr. XT und GU 
die Wurzel HU, welche opfern bedeutet und zwar dem gr. Oustv 
verglichen wird, doch wie lat. F bald dem e^r. © bald dem X 
zur Seite tritt, darf sich /euo) und yji dem skr. hu, lat. fundo, 
'j[i(ü dem giba anschlieszen. den begrif des opferns bestimmt 
sowohl gieszen als darbringen und in fundere liegt auch ein por- 
rigere. 

Hoffentlich gibt uns künftige forschung noch einmal ge- 
nügenden aufschlusz über das verhalten der formen giba und 
giuta neben einander, worin zugleich die trennung der bedeu- 
tungen dono imd fundo gerechtfertigt sein musz. alle wurzeln 
verwandter sprachen entfernen sich von einander theils durch 
Wechsel des ablauts, theils durch ausgeworfne oder zugefügte 
consonanten ; hierauf führen sich alle wesentlichen erscheinungen 
der Sprachgeschichte zurück. 

Einstweilen sind mir noch andere bestätigungen der nahen 
berührung zwischen yioi und giba zur band, die ich in meinen 
vortheil zu ziehen nicht unterlasse. 

Unserm geben allgemein entgegengesetzt ist nehmen, 
sowohl im sinn des annehmens und empfangens als des weg- 
nehmens. nun glossiert ahd. nimit haurit, nämi hauserit 

^ wie TTv^io = ahd. fnihu fnah ebenfalls TtVE'jau) Tr^Ttvujjiat entfaltet und fj^cu 
^e'j50|j.at rjz\i\xa. puxc^s, x)i(o xX'jt^;, v^u> v£'jao(j.o(i, izkiio TrAe'iaoij-at, weichem Wech- 
sel der ablaute das ahd. gihu neben alts. giuhu und andres mehr nahe kommt. 

' vgl. xX'JT'i? mit ags. hlCid, ahd. hlüt, nhd. laut. 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 207 

(Diut. 2, 353*. 352'), was dadurch im rechten licht erscheint, 
dasz kepan infundere bedeutete, wer den eingeschenkten trank 
trinkt, von dem heiszt es nimit, haurit poculum, bibit^, die 
Sanskritwurzel nam drückt nach Bopp 190'' aus inclinare, flectere, 
ulnam extollere, surgere 191% leicht könnte die annähme, das 
aufheben des bechers durch eine gebärde, durch ein neigen [vgl. 
altn. hella fundere vuid inclinare, schwed. hälla] ausgedrückt 
worden sein, dabei fällt mir wieder ein, dasz den Serben poklon 148 
geschenk oder Verehrung, pokloniti schenken, den Polen poklon 
ehrengeschenk, den Böhmen poklona Verbeugung bezeichnet, 
kloniti ist neigen, pokloniti sich verbeugen, adorare ; doch meint 
poklon das geben, nicht das nehmen, wie das lateinische hono- 
rare in die bedeutung von praemio afiicere, donare, honorarium 
in die eines ehrengeschenks übergeht, gebrauchen auch wir 'ver- 
ehren' für schenken, doch galt es bei Schriftstellern des sech- 
zehnten und siebzehnten jh. blosz für beschenken , so dasz es 
den acc, der person und die praeposition mit zur sache for- 
derte. ^ aus dem donare aliquem aliqua re entfaltete sich aber 
hernach ein donare alicui aliquid, das heutige verehren, ein offen- 
barer soloecismus. die mhd. spräche kennt überhaupt kein sol- 
ches 'vereren', allein vom starken geben gap = donare alicui 
aliquid unterscheidet sie ein schwaches geben gebete = donare 
aliquem aliquo , nur dasz dabei die person auch im dat. , nicht 
im acc. steht; belege gramm. 4, 713 und bei Benecke 1, 508. 
[Diemer 235, 13 ime gebeten, fundgr. 2, 86, 7 grozlich er in 
gebete. Lanz. 9197 die herren gebeten varendem volke.] diese 

' schaffen berührt sich unmittelbar mit schöpfen und ahd. glossen gewähren 
'scuafun hauriebunt'. vgl. Graff G, 4-19. [zeinera brunnen wazzer nam. kinth. Jes. 
69, 49.] 

^ z. b. Hans Sachs IV. 3, 2P. Opitz poet. wäld. s. 104 'den himmlischen 
verstand mit dem er euch verehrt.' (den er euch geschenkt hat), s. 170 'sei 
nun mit meinem schätz verehrt. Ettners unwürd. doct. 545. [verehre mich 
mit dir. Fleming 276. — verert mich mit erlichen gabungen. Geo. von Ehingen 
8. 12 (a. 1454). wollen wir euch mit disem cleinot vereren. Rosenplut bei Gott- 
sched 47. mit seinem werden kleinet verern. fastn. sp. 655, 16. mit einem 
gröszern verern. 666, 21. vererten mich mit einem silbern köpf. Sastrow 3, 62. 
vererten uns mit groszen bechern. Felix Platter 182. vor ein thaler win, dormit 
verehre ick uwere gunsten. Mel. jocos. 2 no. 459. mit einem gaul verehren. 
Schweinichen 1, 161; doch bei Schweinichen schon häufig: einem etwas verehren. 
1, 166. 167. 172. 178 ff.] 



208 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

bedeutung von geben (ahd. gebon geböta oder geben gebeta) 
nähert sich nun auffallend der sinnlichen von schenken auch in 
der construction , es hiesz sowol 'gebete mit gewande' Gudr. 
422, 4 als 'schancte mit dem bluote' Gudr. 773, 4 und wahr- 
scheinlich hatten beide fügungen auf die des verehrens mit der 
Sache einflusz, nhd. einem etwas verehren = ihm schenken, ihn 
beschenken. 

Die ags. und alts. spräche besitzen das bisher unerklärte 
wort gifen, geofon, geban für das meer, und wahrscheinlich be- 
stand auch ein ahd. kepan, wenn ich den Ortsnamen Gebenes- 
wilare (Stalin 1, 598) Gebeni villare (Pertz 10, 635) [Gebenes- 
bach. Ried cod. ratisp. 71. 83. Gebenesleva a, 1136 Thür. mitth. 
2, 297, heute Gevensleben im Braunschweigischen, Cassel thür. 
ortsn. 196] richtig heranziehe. * die eddische Gefjon war meer- 
göttin. mit recht stellte zu diesem giban, welches auf gothisch 
nur gibans kann gelautet haben, bereits mythol. s. 219 das gr. 
5(ia)V, ohne gleichwol damals schon den wahren Zusammenhang 
beider einzusehen, /itov frost und schnee stammt sicher von 
5(ltü**, denn II. 12, 281, nachdem eben vom schnee erregenden 
Zeus die rede war, heiszt es ausdrücklich x^^^i ^^ gieszt, d. i. 
hier schneit, jenes geban scheint aber nichts als die brausende, 
tosende, gieszende see, wie im ags. Beovulf 3378 geradezu steht 
'gifen geotende' und ahd. giozentaz abundans, [giezo torrens, 
/uTpa,] irgiuzit redundat mare (Graff 4, 281. 283. 284), in sol- 
cher anwendung also giban und giutan dasselbe aussagen. ^ 
j^g Jetzt darf ich noch andere redensarten heranrufen, in wel- 

chen beide verba sich ganz nahe rücken, wie es mhd. heiszt 
schal geben, dozes klac geben, sagte der Grieche yi(a cptovi^v, 

* was bedetitet der name des niedersächsischen ortes Gifhorn? 1074 als 
curtis regia, im dreizehnten jh. Jefhorne. herne winkel ecke? oder füUhorn, 
gieszendes füllendes hörn? trank im hörn reichen myth. 345. 391. 1055. unweit 
Hannover ein ort Gotteshorn. Giefhorn dorf in Overyssel, Geefhorn. de vrije 
Fries 4, 257. T:c(poJ>ts Matth. 23, 26 in der alten Übersetzung gehfaz, bei Tat. 
scenkifaz = gifhorn. vgl. ags. gifstol, gifheal. 

** Pott 1, 141 zweifelt, doch Bopp gl. 389. 401». ^iwv zu y€i\i.a hiems. 

^ ich entschlage mich nicht einer seltsamen analogie. in der irischen spräche 
bedeutet tabhair geben und tabhairn see, ocean. [gal. tabh, Fingal 2, 123 taif 
oceanus.] 



ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 209 

auSr^v, Wolfram guz geben, Parz. 572, 1 und war sich dabei 
keines pleonasmus bewust. 'diu ougen gäben wazzer' vergossen 
thränen, mil. 'die wölk geeft veel regen' gieszt viel regen, 'herze 
geben' Trist. 68, 24 heiszt mut machen, einflöszen, eingieszen. * 
yivi ßsXyj ist fundo sagittas (ßsXsa /sov-o II. 15, 590) und fo- 
^eatpa ^ II, 8, 159 die pfeilschüttelnde. ßaXXouaiv oTvov Matth, 
9, 17, in der vulg. mittunt vinum verdeutscht Ulfilas giutand 
vein, wo der ags. Übersetzer hat dod vin. in Bertolts Crane 
(Haupt 1, 70): ungezalte vingerlin de goz her an die hande 
sin, wo gieszen unmittelbar an geben streift, (doch vgl. schuo 
giezen, Rother 2017). allgemein sagen wir arznei geben für ein- 
geben, eingieszen, in jenem altn. 'gefa öl' (s. 126) liegt wiederum 
beides, und das gr. xe5(U[xsvoc; si'? xi bedeutet einer sache hinge- 
geben, gleichsam in sie ergossen. 

Finnisch ist annan, antaa geben, estnisch andma, ungrisch 
aber ontom oder öntöm fundo. zu jenem schickt sich das norweg. 
lappische addet addam geben, schwed. läpp, waddet. nicht an- 
ders scheint [ir. gal. leagh,] sl, lijati fundere, böhm. Ijti, poln. 
lac, litth. let, leju, läpp, leiket leikkit läikkot fundere, skr. li 
liquefacere dem finnischen lahjan donare, lahja läpp, laihhe do- 
num zu begegnen, wie verhält sich lat. litare opfern zu libare? 
in so auffallendem anklang der begriffe kann ich keinen bloszen 
Zufall finden. ** 

Wir haben die Vorstellung des gieszens in den Wörtern 
schenken und geben ermittelt, sollte die des bindens und 
anheften s andern im hintergrund liegen? grosz und anerkannt 
ist der urverwandten sprachen Übereinkunft in den formen skr. 
dätum, pers. däden, sl. dati, litth. düti, lett. doht, lat. dare, gr. 
8i86vat, welche sämtlich geben ausdrücken, während unser thun, 

* gäben regen. Wh. 53, 6. ir ougen gäben saf. Wh. 251, 7. manigen zäher 
si gäben. Diemer 263, 1. vil kamera;r da wazzer gap. Parz. 809, 16. mer- 
giezen für die swin giezen. Haupt 1, 270. in giezen und geben. Renner 18904. 
gosz und gab. Garg. 173''. got giuzet und git in menschen ninwe sei. Freid. 
16, 25 (18, 1). goz sin leben. Pass. 213, 3. vgl. 249, 54. goz ir bluot. der im 
die gnade goz. 326, 19. vreude giezen 294, 34 altn. nü gefr ä skipit acstus maris 
inundat navim. 

' Lobeck pathologia sermonis graeci p. 259. 

** goth. levjan prodere ags. liBvan, goth, leihvan ahd. lihan commodare. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 14 



210 ÜBER SCHENKEN UND GEBEN. 

alts. ags. don facere bedeuten und nur in den begrif von dare 
streifen, donare ist aus donum, skr, däna, gr. oöipov, sl, dar" 
150 gebildet, ich wage auch bei dätuin und dare den begrif des 
bindens zu vermuten und wir sähen das hohe alter unseres 
angebindes wiederum durch die spräche selbst bestätigt, die 
berührungen brechen deutHch durch, zwar wird gr. 8i8u)fjLt von 
36(u, das nirgends vorkommt, oio/jjj-i von Sstu hergeleitet, aber 
beide formen würden im skr. dadämi zusammentreffen, da gr. 
o) und 7j auf skr. ä zurückführen. oröo)[it ich gebe scheint dem- 
nach wieder die abstracte bedeutung des sinnlichen 8i8yj}xi ich 
binde, obschon ich letztere für skr. dadämi nicht aufzuweisen 
vermag, doch ist däman funis taenia (Bopps gloss. 167") und 
gleicht dem gr. oiaor^jj-a, uddäna ist binden, nidäna strick; so- 
dann verräth das lat. dedo noch in sich die bedeutung von ob- 
stringo, hgo und deditus ist ebeusowol obstrictus, vinctus, als 
datus. man d^rf daran denken, dasz die opferthiere dargebun- 
den wurden; merkwürdig scheinen also beide Vorstellungen des 
gieszens wie des bindens ursprünglich auf eine heilige opferhand- 
lung zurück zu weisen. 

Da jedoch einfache gebärden, gleich der unendlichen manig- 
faltigkeit der wortformen, in einander überlaufen, so soll durch 
die begriffe des gieszens und bindens dem weiten umfang der 
besprochnen verbalstämme keine gewalt geschehn, sondern ein- 
geräumt sein, dasz auszer ihnen auch andere sinnliche entfal- 
tungen, wie die des band ausstreckens, wovon oben ausgegangen 
wurde, in betracht kommen dürfen, wobei selbst das immer 
noch dunkle 'donare per andelangum' unseres alten rechts an- 
geschlagen werden mag. 

Sind aber die gelieferten erläuterungen, binnen ihrer schranke, 
probehaltig, so sollen sie beispielsweise darthun, dasz die Sprach- 
wissenschaft ebenso sorgsam die manigfalten Übergänge der geisti- 
gen Vorstellungen als die leiblichen wortgestalten zu erforschen 
habe und dasz beide wege bis in das höchste alterthum zurück- 
leiten. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 29 NOVEMBER 1849. 



IVlitten im geräusch und in der arbeit des lebens werden ^** 
wir allenthalben an seinen ausgang gemahnt, dessen ernster be- 
trachtung unser nachdenken nicht ausweichen kann; nur kurze 
schnell vorbei rauschende zeit und wir sind selbst unter dem 
groszen heer versammelt, in das jeder einrücken musz und von 
wannen keiner wiederkehrt. 

Vor den todten empfindet der mensch ein grauen, mit dem 
ausgestosznen letzten athem sind sie uns abgeschieden und einem 
fremden unbekannten land anheim gefallen, das alle festhält; der 
erkaltete leib beginnt sich aus seiner fuge zu lösen und unauf- 
haltsam zu zerstören, zwar pflegt den ersten tag oder die erste 
nacht nach dem tode noch einmal des verstorbnen antlitz sich 
abzuklären und was der schwere kämpf verzerrt hatte, rein und 
ruhig aus zu prägen ' ; bald aber melden sich alle boten der Ver- 
wesung, und der leiche anblick und dunst werden unerträglich, 
den meisten Völkern galt wer sie anrührte, wie das haus, worin 
sie liegt, für verunreinigt und schon um der lebenden willen ist 
es geboten sie bei seite zu schaflPen. selbst unter den thieren, 
die sonst für den tod von ihres gleichen -gefühllos scheinen, sol- 
len die, deren haushält dem menschlichen ähnelt, uns hier ent- 
weder nachahmen oder vorbild geben, ich ziehe Virgils schöne 
Worte von den bienen an (Georg. 4, 255): 

' wie die gebrochene blume fortglanzt und duftet: 

cui neqae fulgor adhuc, nee dum sua forma recessit. 

U* 



212 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

tum Corpora luce carentum 
exportant tectis et tristia funera ducunt, 
192 und was Plinius den ameisen nachsagt: sepeliunt inter se vi- 
ventium solae praeter hominem. 

Nur die rohsten grausamsten menschen könnten es über 
sich gewinnen ihre todten offen auf das gefilde zu legen, wo sie 
den Wolfen und vögeln zur beute würden, das sprechen die 
dichter blosz als herbes geschick der gefallnen % als drohenden 
fluch oder Verwünschung aus, und davon genau zu unterschei- 
den ist, dasz einzelne alte oder wilde völker ihre leichen wirk- 
lich aussetzten, gerade mit bezug auf geheiligte thiere, denen 
sie überlassen bleiben sollten, ^ 

Das menschengeschlecht, durch vielfache bände an einan- 
der hängend würde aber seine ganze natur verleugnen, wenn 
jenem recht der lebendigen sich der todten zu entledigen, nicht 
auch von jeher gleichsam ein letztes recht der todten beigemischt 
erschiene, angehörigen und verwandten, an die unser herz ge- 



' Kust -/C'jp[j.a ysvEa&ott, oüovotaiv IXtop xoti ot'jpjxa yev^a&ai bei Homer, die 
heilige schrift i-edet von adlern (Luc. 17, 37. Matth. 24, 28), die poesie unseres 
alterthums von wölfen, adlern, raben; stellen habe ieh gesammelt Andr. und El. 
XXV— XXVm. in einem schwedischen Volkslied Sv. vis. 1, 301. 304. 2, 82 
heiszt es: liggen nu här für hund och für raven! [Dietl. 3779. Dietr. 9864. 8437. 
6421. die sol man heben alzehant schöne von der erden, daz se iht ze teile 
werden decheime wolf, decheime raben. Wh. 462, 20. und bestatte si zer erden 
daz ir vleisch niht dorfte werden den vogelen ze heile, noch den tieren ze teile. 
Karl 8947. dö mich in ein graf heven! ich heiz ein koninc riebe ind stoende 
mir lesterliche, sezen mich die hunde. Karlm. 93, 34. la les manjuent li lou et 
li mastin. mort de Garin 114. liggr gefinn ulfom. Si«m. 231''. pä. heyrir pu 
hrafna gialla, örno gialla, sezli fegna, varga piota um veri pinom. Ssam. 231''. 
Hrsesvelgr iötunn i arnar ham. Saem. 35''. kein grab gaben den todten wir, ru- 
fend die geier des himmels. sie kamen zum leichenschmause der feinde. Cathl. 
3, 131.] 

'^ bekanntlich warfen die Perser und Hyrcaiiier ihre leichen den hunden vor, 
wie noch heute die Mongolen den hunden und raubvögeln. Klemms culturge- 
schichte 3, 173. die KafFern den wölfen, welche selbst für unverletzbare thiere 
gelten. Klemm 3, 294. [über die persische sittc vgl. Agathias 2, 22. 23 und 31. 
leichen der Färsen fleischfressenden thiereu bloszgestellt ; es ist ein glück, davon 
verzehrt zu werden. Schwenck 5, 384. vgl. llerod. 1, 140. Kalmüken legen lei- 
chen in die freie steppe für raubthiere und hunde. Bergm. 3, 154. Cicero tusc. 
disp. 1, 44, 106 hält den inhnmatus für nicht unglücklicher, als den combustus 
und spottet über das wehvoll gerufne 'sepeli natum, priusquam ferae volucresque'. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 213' 

fesselt war, soll nicht nur eine ehre, deren sie würdig sind, son- 
dern auch ein dienst, erwiesen werden, dessen sie bei der über- 
fart und zur aufnähme in eine andere weit bedürfen. * diese 
kann nun bald als über uns im himmel, bald als unter uns im 
abgrund der erde gelegen erscheinen und gleich den himmli- 
schen mächten erheben auch die unterirdischen ihren anspruch 
auf die todten, der ihnen nicht verkürzt werden darf, in sol- 
chen rücksichten allen liegt ein grund zum begang der leichen- 
feier, die wir auf manigfalte weise bei den verschiednen Völkern 
der erde veranstaltet sehn. 

Die beiden ältesten über die ganze erde am weitesten ver- 
breiteten arten des bestattens, welchem ausdruck ich hier den 
allgemeinen begrif des lateinischen sepelire beilege, sind das be- 
graben und verbrennen, und je tiefer man in ihr wesen eindringt, 
desto stärker überzeugen wird man sich, dasz sie eine noth- 
wendige, den bedürfnissen und der entwicklung der Völker un- 
entbehrliche Unterscheidung darstellen. 

Erwägen wir beide weisen für sich, so scheint das begra- 
ben vorangegangen, im verbrennen ein fortschritt geistiger Volks- 
bildung gelegen zu sein, von welchem zuletzt wieder abgewichen 193 
wurde, als die menschheit fähig geworden war noch allgemei- 
nere stufen ihrer Veredlung zu betreten. 

Unleugbar sagt es dem nächsten menschlichen gefühl zu, 
dasz die leiche unangetastet und sich selbst überlassen bleibe. 

* coelo tegitur qui non habet tirnam. Augustin de civ. dei 1, 12. 

swenne wir ersterben, 

alein wir nit ne werden 

begraben in neheime grabe, 

einen trost habe wir doch dar abe 

daz uns bedecke der himel. Lampr. Alex. 4689. 

s6 sprichstu, man begrebt in niht. 

waz darumbe, ob daz geschiht? 

den ein stein decken sol, 

den deckt der himel harte wol. Welsch, gast. 5410. 

und ob daz lihte geschiht 

"das man in brennt, waz wirret daz? 

im enwirt weder wirs noch baz. 5416. 
Corpora, sive rogus flamma, seu tabe vetustas abstulerit, mala posse pati non ulla 
putetis; morte carent aniraae. Ov. met. 15, 156. über den vorzug des verbren- 
nens. Gothe 9, 320. 



214 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

deckt sie der lebende mit erde oder birgt er sie tiefer in der 
erde schosz, so geschieht seiner pflicht genüge und es tröstet 
ihn, dasz der geliebte todte noch unter dem nahen hügel weile, 
dem todten hat sich das äuge wie im schlaf geschlossen , er 
heiszt ein entschlafner, es ist kindlichem glauben gemäsz, dasz 
er aus diesem Schlummer wieder erwachen werde, wer wollte 
den schlummernden verletzen?^ sein 2:ebein soll sanft ruhen 
und von der erde nicht gedrückt. ^ einer mutter gleich hat die 
erde den aus ihr gebornen in sich zurück empfangen und lieb- 
lich nannten die Griechen einen todten STjfxTjxpio?, den der mut- 
ter gehörigen; in das dement das ihn erzeugt hatte wird er 
aufgelöst und gleich dem fruchtkorn eingesenkt, at mihi qui- 
dem, sagt Cicero (de legib. II. 22, 56) antiquissimum sepulturae 
genus illud fuisse videtur, quo apud Xenophontem (Cyri inst. 
VIII. 7, 25) Cyrus utitur. rcdditur enim terrae corpus, et ita 
locatum ac situm quasi operimento matris obducitur. einem 
nackt liegenden erschlagnen wirft der vorübergehende und er- 
barmende eine handvoll erde auf die brüst, gleichsam um jenes 
recht der unterweit, dem er nicht entzogen werden soll, sym- 
bolisch anzuerkennen. ^ staub soll wieder zu staub werden. ■* 

^ auch läszt der Volksglaube den begrabnen ein gewisses leben fortsetzen, 
d. h. unzerstört bleiben, um ihn geweinte thränen lebender netzen dem todten 
das hemd; mitternachts tritt die mutter aus ihrer gruft und geht heim den ver- 
waisten Säugling zu stillen, die kinder zu kämmen, der söhn naht sich des va- 
ters grab, zwingt ihn zur rede und heiszt sich das schwert heraus reichen, an- 
dern begrabnen soll ein fenster im hügel offen stehn bleiben, durch welches ihnen 
die nachtigall den frühling ansingen könne, alle diese Vorstellungen müssen auf- 
hören sobald man sich den leib in staub zferfallen denkt. 

^ daher die schönen formein: sit tibi terra levis! ne gravis esse velis! tu 
levis ossa tegas! molliter ossa cubent! amica tellus ut des hospitium ossibus 
u. s. w. 

' wo das rothkelchen einen erschlagnen im walde liegen sieht, läszt es der 
Volksglaube hinzu fliegen, einen zweig und blätter auf ihn tragen, dasselbe thun 
menschen, Parz. 159, 12: 

Iwänet üf in do brach 
der lichten bluomen zeime dach, 
[hie brach er über den toten beidiu loup und gras. Wolfd. und Sahen 578. — 
baren, fuchse begraben, wo man sie liegen findet. Herod. 2, 67.] 

* daz ze molten wurde diu molte. Servat. 1720. [cedit item retro, de terra 
quod fuit ante, in terras. Lucr. 2, 999. til moldar kominn. S»m. 97*. kominn 
iindir groena torfu.] 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 215 

Allein auch dem verbrennen liegen sehr einfache und er- 
hebende Vorstellungen unter, von anf'ang an war dem menschen 
das feuer heilig, dessen gebrauch ihn wesentlich von allen thie- 
ren abscheidet; im feuer bringt er seinen göttern opfer dar, 194 
ausdrücklich benennt unsre alte spräche opfern blotan, was dem 
gr. (pXotSouv, d. i. entzünden, brennen entspricht, ein von den 
göttern ungnädig angesehnes opfer lodert gedämpft nicht in 
flammen auf, das ihnen willkommne steigt mit hoher rauchseule 
in die lüfte empor, das feuer, den dargebrachten gegenständ 
verzehrend hat ihn gleichsam dadurch vermittelt, den menschen 
muste also anliegen auch ihre todten den göttern darzubringen 
und gen himmel zu senden; wie das grab den irdischen stof 
der erde, erstattete die brunst den seinen dem dement des feuers, 
von welchem alle lebenswärme ausgegangen war. man glaubte 
die Seelen der abgeschiednen zu beruhigen und begütigen, wenn 
man sie des ihnen gebührenden feuers theilhaft werden liesz. ^ 

Die leichte flamme leckt aufwärts *, während die schwere 
erde nieder strebt; aus des Scheiterhaufens feuer hebt sich der 
entbundne geist zum vater, den unsre vorfahren allvater, die 
Römer Jupiter nennen, wie durch die erde der leib in der gött- 
lichen mutter arme zurück sinkt, eine gr. grabschrift (Böckh 
no. 1001) sagt ausdrücklich 

aoijxa* TTVOYjv S' aii^rjp e^^aßsv iraXtv, oOTrsp iSwxs, 
oder eine andere (no. 938) 

dXXa xa \ikv x£6{)et jxixpa xovi? djxcptj^u&staa, 
^j>u)(Yjv 8' Ix {jLsXstov oupavo? supu? e/si. ^ 
[in cineres corpus et in aethera vita soluta est. Meiers anthol, 1187.] 
alle erfahrung lehrt uns, dasz die der erde anvertrauten leichen 
faulen und in staub gewandelt werden; das feuer geht demnach 
mit den todten nicht härter um als die erde, nur dasz es schnell 
vollbringt was diese langsam verrichtet, hat den noch unent- 
stellten leib die gefräszige flamme verschlungen und sinkt sie 

'■ TTupo; (j.£[Xtaa^[ji-ev II. 7, 410, auch Ti'jpö; y(X[)lC,ts%ai. 

* sursus enim versus gignuntur et augmina sumunt. Lucr. 2, 188. 

* zwei Seelen gehn mit dem leib verloren, die dritte bleibt: bustoque su- 
perstes evolat. Claudian IV cons. Hon. 228 — 35. 



216 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

zusammen, so enthält die hinterbleibende asche keinen andern 
bestandtheil als den staub des grabes, dessen enge, moder und 
leides gewürm den gedanken peinigen, nach dem brand werden 
jene Überreste, gleichsam ein alsbald auf sich zurück geführter 
auszug des geläuterten leibes gesammelt in krüge und beigesetzt, 
so dasz auszer dem feuer zugleich noch der erde genüge ge- 
schieht; das verbrennen war immer mit einem hegen der brand- 
stätte und bergen der knochen verbunden, darum ist auch auf 
195 den grabinschriften verbrannter das xsTjj.ai, xetxai, xataxsixai und 
das sit ei terra levis gerecht. 

Wie schön ist, wenn verwandte oder freunde in weiter ferne 
sterben, dasz ihre asche ohne mühe gefaszt und heim getragen 
werden kann', da das fortschaffen der ganzen leiche groszen 
Schwierigkeiten ausgesetzt bleibt.^ und alle todtenkrüge lassen 
in gedrängter schiebt sich von schwachen hügeln decken, ihre 
ausdünstung gefährdet nicht, wogegen die den völligen leichnam 
umschlieszenden gräber weit gröszern räum und entlegne statte 
begehren. 

Wer wollte miskennen, dasz die gewohnheit des leichen- 
brandes uns höher stehende Völker und ihren freieren blick in 
die natur der dinge kund thut? dieser brauch hängt zusammen 
mit einer schon durchdrungnen heiteren ausschmückung des 
menschlichen lebens, dessen ende selbst feste herbeiführt, die 
die trauer mäszigen und erheben, was anders hätte dem aus- 
gang des groszen griechischen epos solche ruhe verliehen, wie 
es der beiden beiden bestattung und eines jeden unter eignen 
beschwichtigenden eindrücken vermag? feierliches ausstellen, 
Opfer, gastmal, leichenspiel, das ergreifende mitsterben der gattin, 
des freundes, der diener und hausthiere, alle diese zurüstungen 

' zu Elektra sagt Orestes bei Sophocl. Electr. 1113: cpspovxes aüxoü cffi-ficpä 
XdAiav Iv ßpa/sT XE'jyet &avdvTOS, w? opäc, xo[i.r'Co}x£v. [Ovid, wenn er zu Tomi 
sterbe: ossa tarnen facito parua referantur in urna. Trist. III. 13, 65. tos x dsiia 
TKXicsh ExaOTO? oi'xao' ayirj. II. 7, 335. ossa relata domum: cinis hie adoperta 
quiescit. Meiers anth. no. 1188. Agrippina ascendit classem cum cinerihus Ger- 
manici et liberis, miserantibus cunctis , quod femina nobilitate princeps . . tunc 
ferules reliquias sinu ferret. Tac. ann. 2, 75.] 

^ im mittelalter pflegte man die im kämpf gcfallnen armen zu begraben, die 
edlen auf bahren zu lande zu führen. Wh. 451, 12. 462, 29. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 217 

konnten eigentlich nur beim verbrennen, und entweder gar nicht 
oder nur nach kleinerem maszstab beim begraben der leichen 
eintreten, da sich schon neben dem leichnam für die der rosse 
und übrigen menschen im hügel kein räum geboten hätte, selbst 
allgemeine, unter den Völkern des alterthums weitverbreitete Vor- 
stellungen von einem ungeheuren brand, der an aller dinge ende 
die erde und zugleich die ganze weit verzehren solle, dürfen 
nicht ausgeschlossen bleiben, wenn man sich wie tief diese sitte 
vorwalte vollkommen erklären will: in dem was den sterbenden 
menschen geschieht erscheint vortypisch der ausgang der ster- 
benden weit. 

Alles wessen sich die dichtkunst groszartig bemächtigen 
kann , das musz im leben der menschen wahrhafte wurzel ge- 
schlagen haben, auf diese poesie des verbrennens folgte zuletzt 
wieder eine rückkehr zur prosa des begrabens , das zwar nie 
ganz auszer gebrauch gerathen, sondern neben dem brennen für 
einzelne zustände beibehalten worden war, auf welche meine 
nachfolgende Untersuchung sorgsam bedacht nehmen wird, es 196 
gibt sodann einen allgemeinen fall, in welchem jederzeit das 
brennen ausgesetzt werden muste, den der kein gebot kennen- 
den noth. war in einer schlacht und in holzarmer gegend eine 
menge zugleich gefallen, so blieb nichts anders übrig als sie in 
grosze gruben auch unverbrannt zu senken, wie dann noch heu<>- 
zutage unsre krieger uneingesargt vergraben werden; aus der- 
selben Ursache unterblieb der brand, wenn eine verheerende 
Seuche plötzlich zahllose opfer forderte. ' da wo aber sonst 
beide bestattungen neben einander gelten, scheint der leichen- 
brand vorzugsweise für die edleren, höheren bestandtheile des 
Volks, namentlich für die herschenden männer und krieger an- 
gewandt worden zu sein, während mindestens bei einzelnen Völ- 
kern frauen, kinder, unfreie meistentheils nur des begräbnisses 
theilhaftig wurden, im verlauf der zeit aber begann überhaupt 
wie in andern lobenszuständen ein menschlich strenger und her- 
ber sinn um zu greifen, welchem der mühsame aufwand des 

' so heutzutage in Siam, wo wie in Indien noch verbrannt wird, als die 
Cholera überhand genommen hatte, vergl. denlscfee zeitung 1849 s. 2655. [nee 
locus in tumulos, nee sufficit arbor in ignes. Ov. met. 7, 613.] 



218 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

todtenverbrennens lästig geworden war, und der gern die älteste, 
scheinbar einfachste weise des bestattens allgemein geltend zu 
machen trachtete. 

Am leichtesten läszt sich der gegensatz beider bestattungen 
durch die annähme fassen , dasz das verbrennen nomadischen, 
kriegerischen Völkern, das grab aber ackerbauenden angemessen 
erscheint, dem schweifenden unstäten hirten war feuer sein un- 
entbehrlichstes dement, dessen er zum braten und opfern täg- 
lich bedurfte, die groszen festfeuer durch welche das vieh ge- 
trieben wurde, rühren aus der nomaden zeit, wälder und selbst 
auf weitgestreckten steppen sattsames gesträuch nährte die flam- 
men; welche bestattung wünschen können hätte sich der krieger 
als vor den äugen des volks, geschmückt und begleitet, von der 
flamme verzehrt zu werden? dem einsameren ackermann sagte 
stille beisetzung im engen hause zu; wer das körn in die erde 
grub dem muste geziemen au^h selbst in die erde versenkt 
zu sein. 

Man hat nunmehr der äuszern gestalt und dem inhalt der 
alten gräber, wie sie fast durch ganz Europa sich erstrecken, 
die nothwendige Sorgfalt gewidmet und einen unterschied nicht 
übersehn können, der den angegebnen weisen der leichbestattung 
auffallend zu begegnen scheint, in mächtigen steinkammern, 
deren bauart fernste vorzeit verräth, sind beigesetzte leichname 
197 mit Steinwaffen, in erdgräbern aschkrüge mit verbrannten knochen 
und ehernem geräth ^, in noch andern hügeln ganz , sei es in 
gestreckter oder hockender, kauernder gestalt, bestattete leichen 
mit eisernen waffen anzutreffen, hiernach ergäbe sich ein stein- 
alter, erzalter, eisenalter, die zugleich als grabalter, brennalter 
und anderes grabalter betrachtet und auf die hergebrachte, doch 
in abweichendem sinn entsprungne Unterscheidung eines gold- 
nen, ehernen und eisernen weltalters bezogen werden könnten, 
auch gewänne es allen anschein, dasz die steinbauten einem 

^ der heroenzeit gibt Pausanias III. 3, 6 eherne waffen, an deren stelle 
hernach eiserne traten; die benennung yaXxe'j? für den schmied galt später fort, 
als er auch eisen bearbeitete, nach Strabo XI s. 781 hatten die Massageten ge- 
nug kupfer und gold, kein silber und eisen. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 219 

fremden in unvordenklicher vorzeit das land bewohnenden volke 
beizumessen seien, wogegen erzalter und eisenalter füglich von 
demselben stamm, der nach dem verbrennen sich wieder dem 
begraben seiner todten zuwandte, gelten dürfen, wie die acker- 
bauer aus den hirten des nemlichen und nicht eines andern volks 
hervorgegangen sind, dennoch bleibt diese ganze, wiewol im 
allgemeinen nicht unhaltbare ansieht einer menge von ausnahmen 
und näheren bestimmungen im einzelnen bedürftig, da sich in 
felsengräbern verschiedner gegenden nicht nur eisengeräth son- 
dern auch aschkrüge finden, und ohne zweifei eine schon in 
vollen besitz des erzes gesetzte, ihre leichen brennende heroen- 
zeit zugleich auf den brandstätten steindenkmale thürmte. weder 
ist dem steinalter aller leichenbrand, noch dem brennalter aller 
gebrauch des eisengeräths abzuleugnen, wie das ganze brenn- 
alter hindurch neben dem brennen zugleich ein begraben mehr 
oder minder sitte geblieben scheint. 

Unter den Heiden des alterthums überwog bei weitem, wie 
meine forschung oflFenbaren soll, das verbrennen der leichen, 
welches Juden und Christen, die von anfang an immer begru- 
ben, unerträglicher greuel schien, in der jetzigen weit hat längst 
das begraben über das verbrennen, dessen anwendung sich stets 
enger beschränkt, den sieg davon getragen. Chinesen, Maho- 
medaner, Christen, deren glaube über den ansehnlichsten theil 
der bewohnten erde vorgeschritten ist, beerdigen ihre todten. 
wohin das christenthum drang, da erloschen vor ihm alle leichen- 
brände. die Christen begruben, weil im alten testament, soweit 
dessen künde reicht, nur begraben worden und weil Christus 
aus dem grab erstanden war; hierzu trat dasz die christliche 
lehre ihrem ausgleichenden wesen nach den unterschied der 
stände aufhob und den armen wie den reichen, den knecht wie 198 
den herrn bestattet wissen wollte , also ein Vorrecht des adels 
auf den leichenbrand nicht länger bestehen durfte: denn der 
adel hat überhaupt ein heidnisches, folglich unchristliches de- 
ment, dem allgemein werden des begrabens kam sicher auch 
zu statten, dasz ihm im voraus ansehnliche, noch heidnische 
secten huldigten und der einfluszreiche buddhismus zugethan 



220 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

war: den ganzen im mittelalter abgöttisch betriebnen reliquien- 
cultus sehn wir wesentlich auf dem begraben der leichname be- 
ruhen.* 

Wo sich einer neuen Untersuchung vielfacher anhält dar- 
bietet, darf sie weder unergibig noch überflüssig zu sein fürch- 
ten, das classische alterthum, wie man sich denken kann, liegt 
auch auf dieser strecke nicht unangebaut, hat aber so reichen 
vorrath, dasz er von immer unangerührten selten her versucht 
und erschöpft , vielleicht auch aus der gemeinschaft mit barba- 
rischen Völkern neu beleuchtet werden mag. unsre eigne Vor- 
zeit , in dieser beziehung wie den meisten andern wissenschaft- 
lich ganz vernachlässigt, reicht uns jetzt nur bruchstücke dar, 
die gleich allem abgebrochnen die einbildungskraft desto stärker 
anregen und lichter streifen lassen können auf jene reicheren, 
darum doch nicht alle fragen beantwortenden denkmäler der 
Griechen und Römer, dieselbe bewandtnis hat es beinahe um 
das alterthum der übrigen europäischen Völker, und nur das 
indische, mit welchem meine betrachtung endigen wird, darf 
hier dem classischen gewachsen oder gar überlegen sein. 

Meine abhandlung schlieszt das begräbnis, dessen brauche 
vieler und anziehender erörterungen bedürfen, von sich aus, in- 
sofern sie nicht allzu nahe mit ihr zusammen hängen, hervor 
zu heben ist, in welchen föllen und aus welcher Ursache neben 
dem brennen begraben wurde ; über diesen wichtigen punkt er- 
theilen uns die quellen freilich lange nicht befriedigende au8- 
kunft. bei beurtheilung der geschichteten und entzündeten 
Scheiterhaufen wird an sich gar nichts verschlagen, ob sie für 
ein heiliges opfer oder fest, zum verbrennen der lebendigen oder 
todten bestimmt waren, denn wir sahen auch dem brennen der 
leichen die Vorstellung eines opfers unterliegen, und der sich 
freiwillig noch in den letzten stunden seines lebens den flammen 
weihende held, die dem todten gatten folgende gattin wollen 
sich selbst zum opfer darbringen, ja der dem feuer übergebne 
missethäter (RA. 699) soll als sühnopfer sterben, und was dem 



* leichen ins wasser werfen: bevnlhen si dem wäge, daz was ein iingenäde. 
Gudr. 1538, 1. % 



ÜBER DAS YERBRENNEN DER LEICHEN. 221 

todten zur ehre, konnte dem lebenden zur strafe gereichen, 199 
gerade wie gleich den leichen auch Verbrecher lebendig in die 
erde gegraben wurden, es scheint demnach die gewohnheit der 
menschenopfer durch das feuer und des feuertodes der Verbrecher 
für das verbrennen der leichen wo nicht voll zu beweisen, doch 
die Vermutung zu begründen, dasz imter dem stamm, der sich 
einem dieser brauche ergab, wenigstens früher auch die andern 
im gang gewesen seien. ' unsere deutschen Oster und Johan- 
nisfeuer z. b. müssen ursprünglich als heidnische opfer angese- 
hen werden und die Schichtung ihrer Scheiterhaufen wird wahr- 
scheinlich denselben gebrauchen unterlegen haben, die beim 
leichenbrand herschten; selbst wo ketzer und Zauberinnen im 
späten mittclalter verbrannt wurden * konnte sich durch Über- 
lieferung manches von der beim brennen der todten früher gül- 
tigen weise erhalten, die gewohnheiten und deren anlasse, auf 
welche hier rücksicht genommen werden musz, sind also höchst 
manigf altig, der gewinn kann aber nicht gering angeschlagen 
werden, der aus einer genaueren bekanntschaft mit ihnen allen 
für die sage wie die geschichte des alterthums hervorgehn musz. 

Nach dieser einleitung gehe ich auf die Verhältnisse des 
leichenbrandes bei den verschiednen Völkern selbst ein. 

Für die GRIECHEN, von welchen billig auch hier anzu- 
heben ist, um sogleich festen und rechten anhält zu gewinnen, 
bewähren das verbrennen der todten sowol mythische als histo- 
rische Zeugnisse, ein scholiast zum ersten buch der llias ^ leitet 
der ganzen sitte Ursprung ab von Herakles, welcher dem Li- 
kymnios verheiszen seinen söhn aus dem heerzug heim zu füh- 
ren, und den gefallnen verbrannt habe, um wenigstens asche 
und gebein dem trauernden vater zurück zu bringen, man weisz 

' verschieden von dem förmlichen verbrennen einzelner menschen ist das 
in unsei'm alterthum häufige anzünden eines hauses , worin sich viele zusammen 
befanden und ihren tod finden musten, wenn sie den jeden ausgang sperrenden 
feinden nicht entrinnen konnten, berühmte beispiele liefern das 'vereiten' des 
sals in den Nibelungen XX und die Niälsbrenna, vergl. RA. s. 700. 

* ein ketzer auf der schiterbige verbrannt. Fei. Platers leben s. 186. merk- 
würdige beispiele Caesarius heisterb. 3, 16. 17. 5, 18. 19. 21. 400 Albigen- 
ser. 5, 21. 

^ Schol. II. A, 52, vergl. fragm. bist, gr. ed. C. et Th. Müller 2, 350 b. 



222 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

dasz dieser Halbgott selbst von schmerzen gequält auf der thes 
salischen Oeta seinen eignen holzstosz erbaute und dann an 
zünden liesz * ; wie sollten nach solchen beispielen die leichen 
andrer heroen den flammen entzogen worden sein? bei Homer 
sind uns drei grosze Scheiterhaufen in allgemein bekannten stel- 
200 len geschildert, des Patroklos im 23, des Hektor im 24 buch 
der Ilias, und des Achilleus im 24 der Odyssee, unter welchen 
doch die erste die ausführlichste und ergreifendste ist. ** nach- 
dem holz im walde gefällt und das gerüste errichtet war, wird 
des Patroklos leiche darauf gehoben (sie kam ganz oben auf 
den Scheiterhaufen sv irup-^ uTzdi-q zu liegen. IL 23, 165. 24, 787), 
Achilleus schneidet sich sein haupthaar ab und legt es in des 
todten freundes hand, wirft dann vier hohe rosse, zwei von neun 
haushundeii geschlachtet und zwölf getödtete zvnn sühnopfer 
ausersehne Troer aufs gehölz, das nun die flammen verzehren. 
Zephyros und Boreas werden angerufen die glut anzufachen, 
als das gerüste zusammen gesunken und die flamme gestillt war, 

xr^fjLO? TiupxatTj ifiapaivexo, Trauaaxo o^ ^1.6^, 

kehrten die winde heim, die krieger sammelten das weisze ge- 
bein aus der asche ^, legten es in ein goldgefösz und schütteten 
darüber auf der brandstätte selbst den hügel. ebenso verfahren 
die Troer mit Hektors leichnam, nur dasz keines mitverbrennens 
der thiere, noch begreiflich der gefangnen erwähnung geschieht. 
sowol des Patroklos als Hektors leiche waren mehrere tage lie- 
gen geblieben bevor sie zum brand gelangten, ausdrücklich heiszt 
in der Odyssee von Achilleus, dasz er erst am achtzehnten tag 
nach dem tode sei verbrannt worden, auf die bestattung selbst 
folgten bei Achilleus wie Patroklos leichenspiele , kämpf und 



* an der iopTi^ des Herakles pflegte man zur erinnerung an seinen tod einen 
Scheiterhaufen anzuzünden. Lucian Amor, in fin. [xvrj[i.eTa Tipo; TTJpdv i|J.i^v sagt 
Herakles Soph. Phil. 1432. vgl. Preller 2, 112. 177. 

** Nestor ermahnt zum verbrennen der leichen. II. 7, 333 — 335. XeXotywat, 
XeXayjiTE Trupd?. II. 7, 80. 15, 350. 22, 343. 23, 76. 9, 546. vom kalydonischen 
eher noXXou; bi TcupT^; ^TreßYjCt' äXEyetvT];. Eetion verbrannt 6, 418. Elpenor Od. 
12, 12 ff. Memnon Ovid. met. 13, 582. 600. (vgl. Diod. 2, 22). Chione. 11,332. 
Coronis- 2, 619. Narcissus. 3, 508. Meleager 8, 538. 

' 'OaTEoXoYia, öatoXoyi'a Diodor 4, 38 lat. ossilegium. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 223 

wagenrennen. ^ beim heerzug der sieben gegen Thebae standen, 
wie Pindar sagt (Nem. 9, 54. Ol. 6, 23) Itttoc irupai vor der 
Stadt sieben thoren [Eurip. suppl. 1207 sirxa Trupxata? vsxpoiv], man 
hat doch anzunehmen, eigentlich nur um die leichen der ge- 
fallnen Thebaner zu verbrennen, wahrscheinlich zehrten statt- 
liche Scheiterhaufen, wenn ihre menge nicht zu grosz war, alle 
im treflfen gefallnen krieger gemeinschaftlich auf (II. 7, 333 — 336) 
und was von der zeit verheerender seuche gilt musz sich auch 
auf die des kriegs anwenden lassen. 

Dasz bei den Griechen verbrennen der leichen vorwaltete 
lehrt am deutlichsten der technische ausdruck {)aTrT£iv, der gar 
nicht weiter aufs verbrennen andrer gegenstände angewandt 
wird, da er doch ursprünglich der unmittelbaren wirkung des 
feuers gehörte, wie die sanskritwurzel tap calefacere, urere, pers. 
taften, lat. tepere, folglich auch das ags. pefjan, ahd. depan, 
vgl. nhd. dampfen weisen, doch hat sich das wort xscppa cinis 
erhalten, welchem ich jetzt, der unterbrochnen lautverschiebung 
ungeachtet, das ags. tifor, ahd. zepar d. i. opfer zu vergleichen „q, 
geneigt bin. Mii-ui aber, wie gesagt, bezeichnet nicht mehr das 
brennen selbst, wofür xai'w gebraucht wird, sondern das bestatten 
der verbrannten leiche, sowie tacpo? und -cacpr^ ursprünglich brand- 
stätte aussagen musten, allmälich das auf ihr geschüttete mal, 
folglich grab und grabmal ausdrücken, nah verwandt liegen 
TU[xßo? und Tucpeiv dampfen, rauchen. iIoctttsiv wird demnach IL 
21, 323. Od. 12, 12. 24, 417 in der sache richtig durch ver- 
brennen aus zu legen sein. Od. 12, 13 folgt auch unmittelbar 
iTTsl vsxpo? ixaTj, und ein gedieht der anthologie darf treflPend 
irupl DotiTTSiv igne sepelire verwenden, wenn Herodot 9, 85 die 
bestattung der leichen auf dem schlachtfelde von Plataea (479 
vor Chr.) schildernd sich nur der ausdrücke öaTcxsiv und xacpo? 
bedient, nie von xai'siv redet, so könnte zwar angenommen wer- 
den, dasz er den bekannten brauch des brandes voraus setzt; 
richtiger aber scheint mir hier jene unthunlichkeit des verbren- 
nens eingetreten zu sem, wie die grosze menge der todten aus 



' leichenspiele II. 23, 258. Od. 8, 100. 24, 70. Statins Theb. 6, 296. Virg. 
Aen. 5, 104. 



224 ÜBEH DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

dem hervor heben der einzelnen griechischen stamme bei diesem 
begraben hinweist. [5, 92 ist bdiziziv offenbar bestatten, im ge- 
gensatz zu xaxaxaieiv, verbrennen, auch 2, 41 braucht er dairtstv 
vom begraben, einscharren gestorbener stiere, 2, 67 von baren, 
Wölfen, fuchsen.] Thukydides hingegen bei darstellung des groszen 
athenischen Sterbens (434 vor Chr.) läszt 2, 52 neben Ooctttsiv 
und xacpr] die Wörter nupoc und xaisaUcct einflieszen, so dasz kein 
zweifei bleibt, dasz das allmäliche fallen der opfer dennoch den 
brand gestattete, bei Sophokles als Antigone auf den nackt lie- 
genden bruder Polynikes durstigen staub (8t'];iav xoviv) schüttet, 
werden xidTzzeiv, xacpci) xaXuTctciv oder xpuTixsiv, axacpo? und ai}a- 
TTxo? überall auf begraben bezogen, ohne dasz die Vorstellung des 
verbrennens ausdrücklich hinzu träte. ' im Phaedo s. 115 läszt 
Plato den Sokrates von Krito gefragt werden: Oairxwjxsv oi as 
xiva xpOTTOv ; und der antwortende stellt ihm art und weise des 
bestattens gänzlich frei, unterscheidet aber ein atotxa xaojj.svov 
und xaxopuxx6[x£vov, so dasz beide arten damals im schwang ge- 



' die tragiker denken sich zwar unter öazTciv und xacpo; gewöhnlich ein 
beerdigen ohne die Vorstellung des brandes; bei Aeschylos in den Choeph. 894 
sagt Orestes zu Klytaemnestra 

TOtyäp ^v Ta'jToJ xacpio Xci'aei, 
und 906 TOÜTtu öavoüaa iuyxa&euS' 

wo das zusammenliegen, zusammenschlafen eher auf unverbrannte leichen geht, 
doch tritt das verbrennen, schon dem mythus tu\ch, nicht selten deutlich vor, in 
des Sophocles Antigone 1201 wird des Polynices leib zuletzt auf frisch gebroch- 
nen zweigen {iv VcoaTiaatv a}dXXoi?) verbi-annt, und in der Electra ist des Orestes 
list darauf berechnet, dasz sein verbranntes gebein in^ aschenkmig heran getragen 

^^^"®' 56 OTTO)? ^dyip xX^TTTOVTE? TjSeTav cpaxiv 

cp^pw(j.£v aÜToTs T0U[JL0V WS l'ppEt o^(i.as 
cpXoyiaTCJV i^St] xal xctTTjv»}pax(Ofi.^vov. 

757 'Aai vtv itupqt xeavxec eiöuc ^v ßpaj^ei 
^otXxtp [A^ytaTov aöjfxa SstXa^a; CTroSoü 
cpepo'jat. 
Im Ajas aber 1065 soll dieser unbegraben den vögeln anheimfallen 

1089 xat aot TTpocpcuvw t^vSe (xr] öctTixeiv, ottcu; 
{xrj To'vSs OctTTTUiv «uTOs di xa^pa? TA'3J^(:, 

wo kein gedanke an brennen ist, wie sie ihm auch zuletzt die gruft bereiten, 
xoiXtjv xczttetov, 1403 (vgl. s. 204). wenn aber auch das begraben häufiger wurde, 
geschieht des brennens dennoch meidung: ra hk Xei^^ava toü aiofAaToc sxdffTOU 
TToXuv )(povov T:apa[j.^vetv, £U)s av -q xataxauÖ;^ 1^ xaTaaa7i-{j. Piatons Phaedon 86. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 225 

wesen sein müssen ', xocxoputtstv drückt humare im eigentlichen 
sinn aus. Krjxeto? xacpTj bei Diodor 19, 34 ist deutlich die stelle 
wo Ceteus eben erst soll verbrannt werden, folglich kann auch 
hernach tj täv xexsXsutr^xoxwv xacpVj auf ein verbrennen aller an- 
dern in der Schlacht gefallnen gehn. Athenaeus IV s. 1 59 be- 
richtet aus Chrysippus von einem geizhals, der sich geld in den 
yixwv genäht hatte, xal Ivoovxa auxöv ima-Ar^'\)ai xoT? oixstot^ &a^{>ai 
oG'xoj?, \iri x£ xauöavxa?, fi-Vj xs (^spaTrsuaavxa?. er wollte weder 
verbrannt noch ausgekleidet sein, damit man des geldes nicht 
gewahre, schwerlich dürfte in älterer zeit {faTtxsiv für ein bestimm- 
tes öpuTxsiv, d. h. eingraben unverbrannter leichen gesetzt wer- 
den, obschon xacppov opoaaeiv bereits in der Ilias graben ziehen 202 
bedeutet, ein noch allgemeinerer ausdruck des bestattens war 
xTjOsusiv von xr^So? sorge, trauer und leichbegängnis. aber noch 
Lucian (de luctu cap. 21) als er die characteristischen leichen- 
bestattungsarten der verschiednen Völker angibt, stellt verbren- 
nende Griechen den begrabenden Persern entgegen : 6 [j.kv 'EXXrjv 
Ixaussv, 6 8s IlepaTj? s&at|/s. 

Um beispiele berühmter männer, deren leichen verbrannt 
wurden, auszuheben, so gehören nach Plutarch dahin Solon, Al- 
cibiades, Timoleon, Philopoemen und Pyrrhus. Alexanders des 
groszen leichnam kam bekanntlich auf keinen holzstosz, sondern 
wurde einbalsamiert und nach Aegypten gesandt, gewöhnlich 
aber mangelt die angäbe der bestattungsart oder lautet unbe- 
stimmt; wenn es bei Arnobius 6, 6 von Cecrops heiszt 'terrae 
mandatus', so schlieszt das kein vorgängiges verbrennen aus, 
wiewol nach Cicero de leg. 2, 25 dieser von Aegypten herge- 
kommne Cecrops in Athen gerade die humation eingeführt ha- 
ben soll. 

Die griechische sage und geschichte ist voll treuer knechte, 
freunde und frauen, die sich aufzuopfern bereit sind. Euadne, 
als Kapaneus ihr gemahl verbrannt wurde , stürzte sich in den 

' wie auch eine stelle bei Strabo s. 486 entnehmen läszt, nach welcher auf 
der heiligen insel Delos ein todter weder begraben noch verbrannt werden durfte : 

06 ydp sisaxtv iv «üttj t^ Ai^Xoj {JaTrxetv oüSe xai'etv vsxpcJv. so war auf der in- 
sel Reichenau im Rhein ein ungetauftes kind zu bestatten untersagt, (d. mythol. 
s. 567 anm.) 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 15 



226 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

Scheiterhaufen um den tod mit ihm zu theilen, wie aus den suppli- 
ces 934. 990. des Euripides erhellt. Pausanias 4, 2 meldet, 
dasz Marpessa, Kleopatra und Polydora, drei messenische frauen 
desselben geschlechts, nach ihrer männer absterben sich selbst 
tödteten, kaoxaq STiixotisacpa^av, man darf folgern dasz sie hernach 
auch mit ihnen verbrannt wurden. Lucian de luctu cap. 14 von 
den mit verbrannten pferden, kebsen, Weinschenken und kleidern 
redend bedient sich gerade so der ausdrücke iTcixot-sacpa^av und 
auYxatscpXscotv. nach einer angäbe des Duris Samius (fragm. 
hist. gr. 2, 486) war es griechischer, wenigstens makedonischer 
brauch, dasz die töchter bei der leiche des vaters den Scheiter- 
haufen anzündeten. 

Den Scheiterhaufen nannten die Griechen irupa oder irup- 
xocia, was feuerstätte allgemein bezeichnet, den aschenkrug oder 
die.urne cjopo?. Pindar Pyth. 3, 68 bedient sich der worte xet- 
joz ^uXivov, hölzerner wall, welches ich im sinne von crates 
nehme, als des Patroclus leiche verbrannt werden sollte, gien- 
gen die männer, die x/]0£[jl6v£s, die bestattenden (II. 23, 63. 674) 
zur waldanhöhe, fällten hohe bäume, die sie spalteten (oiair^a- 
{3ov-£?) und auf mäuler geschnürt zur ebne hinab trugen; nun 
wurde die Truprj hundert fusz ins gevierte (sxaxofjtiTsooi; lvi>a xat 
evi>a) errichtet, es kommt zumal auf den ausdruck an vr^eov uXr^v, 
203 [jLSVosixsa vr^öov uXtjV II. 23, 139. 163 und vsxpouc: Tiupxat^? iTrevVjvsov 
II. 7, 428. 431. man pflegt irupav vr^aai [vrjr^ofav ^uXa TroXXa Od. 19, 
64. TTupav vVjOfavTs? Arist. Lysistr. 269. vYJaai Tiupav. 373. iiupav 
vVjaac: Lucian. Peregr. c. 1. $uXa SuvvT^tjavxe? Procop de bell. goth. 
2, 14] häufen oder schichten des holzes auszulegen, ich möchte 
den gewöhnlichen sinn von vsto, nemlich nere und nectere fest- 
halten, wie auch lat. nere für nectere, plectere verwandt wird, 
Plinius 17. 20, 33 sagt von sich schlingenden pflanzen: inter se 
radices serpunt, mutuoque discursu nentur. das lat. glomerare 
kann lehren, wie aus nectere, involvere der begrif übergeht in 
den von acopsusiv.^ für den Scheiterhaufen lag es daran schnell- 
entzündbares holz zu schaiBfen und die frischgehaunen waldbäume 

' riEpivsEiv 'jXtj tö i'Xao;, neinus circumnectere lignis Her. 6, 80; freilich 
aiTOv rctpotvfjVEOv iw xaveotat Od. 1, 147. IG, 51 heiszt sie legten, schichteten brot 
in körben, und «[xa^a; cppuyctv'wv im^io\)Si Her. 4, G2 sie beladen wagen mit rei- 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 227 

würden dazu ohne zwischengeflochtne dörner nicht gedient ha- 
ben: die bäume gaben blosz den festen theil des gerüstes ab, 
das mit reisig durchwebt werdon muste. das scheint mir TcupÄv 
vrjCfai und für meine ganze abhandlung wird entscheidend, dasz 
ich gewicht darauf lege, dabei kommt mir eine stelle Theo- 
crits 24, 87 zu statten, die zwar von keinem holzstosz für mensch- 
liche leiche redet, vielmehr worauf giftiges gewürm verbrannt 
werden soll, eben hat die schlangen des jungen Herakles kraft 
erdrückt, und Tiresias ermahnt Alkmenen 

(xXkoL "^OVOLl TTUp [XSV XOl UTCO ÖTToStj) SUXUXOV £0X0), 

xa^xava 8' aairaXaUw SuX' kxoi\i.da(xx Tj 7raXto6pa> 

r^ ßaxo) 7) dv£[x(i> Ssoovtjjxsvov auov aijzp^ov' 

xaTs hk xu)8' d^priQCftv iizi ayiC.-qai opdxovxe. 
daizaka^oq ist ein dornstrauch, wofür es aber einen bestimmten 
deutschen namen geben musz, iraXioupo? (sonst pd[i,vo?) unser 
hagedorn, ßdxo? weiszdorn, d)(£p8os zaundorn, also vier dornarten, 
gewis mit absieht und nach alter Vorschrift auserlesen ; das xafeiv 
dYpiT{]3iv iul !35(iC'(j3t stimmt zu einem d^piois xaxaxai5öai ^uXois bei 
Phrynichus dem grammatiker % der, wie ich belehrt werde, seine 
beispiele gewöhnhch attischen dichtem, zumal comikern entlehnt, 
ich mutmasze, als die Griechen noch nomaden waren, bedienten 
sie sich zum leiclienbrand bestimmter vielleicht geheiligter dör- 
ner, deren bedeutsamkeit allmäUch verloren gieng und im an- 
denken des Volks zuletzt nur noch für das verbrennen von drachen 
und Ungeheuern haftete *, wie in manchem andern fall auf thiere 204 
die längste anwendung behielt, was vordem für menschen recht 
und sitte war. im allgemeinen dürfen solche dörner cppuYava 
heiszen von cppu^w cppuaaw torreo. Homer nennt sie schon 

sern. vr^xt}? ist gesponnen, gewunden und dann gehäuft, wie sich gewundnes garn 
um den glomus häuft, vr^v^tu mag aus ävav^oj entsprungen sein. 

' Bekkers anecd. gr. 10, 26. 

* Macrob. Saturn. 2, 16: arbores quae inferum deoium avertentiumque in 
tutela sunt, eas infelices nominant, alternum sanguinem, filicem, ficum atrum — 
rubum sentesque, quibus portenta prodigiaque mala comburi jubere oportet, vgl. 
Bergk monatsn. s. 49. 50. auch Sifrit verbrennt lintwurm, kröten und attem. 
lied 9. !0. Theoer. 5, 64 Ipefxa (erica) heide zum feuerbrand. aus Aristoph. 
Thesmoph. 728. 740 ergibt sich dasz das reisig zum Scheiterhaufen xX^fA«, xXtj- 
fictxt's hiesz: xXT]ti.aTi'Sai; TiapaßctXXetv. zweige zum Scheiterhaufen auswählen. Soph. 
Trachin. 1196. Tiupdtv xopjjKJüv auxt'vu>v j^Xtupüiv Lucian Peregr. c. 24. 

15* 



228 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

nicht mehr, wenn er nicht unter jenem vr^aat dörner flechten 
verstand. 

Ohne zweifei war von alleü bestattungsarten wenigstens im 
höhern alterthum der Griechen verbrennen die vorhersehende 
und nicht auf krieger und vornehme, deren Scheiterhaufen nur 
prächtiger eingerichtet wurden, beschränkt*, dasz nicht allein 
die durchs schwert getödteten, auch die von der pest wegge- 
raften der flamme verfielen lehrt schon der homerische vers 

ahi 8s Tcupal vsxutov xaiovxo üap,siat', 
als Phoebus ApoUon seinen pfeil im lager hatte erklingen las- 
sen, und noch mehr die schon vorhin angezogue beschreibung 
des groszen Sterbens zu Athen bei Thucydides. aber die xs- 
pauv(u^sv-s?, weil sie der himlische strahl getroffen hatte, blieben 
des irdischen feuers untheilhaft, und wurden, wie Artemidor 
2, 8 meldet, alsbald an der stelle begraben, wo der blitz sie ge- 
rührt hatte, über Kapaneus müssen des Euripides supplices 9340". 
verglichen werden, nicht anders liesz man Selbstmörder, die 
das feuer verunreinigt hätten, unverbrannt, wofür Philostratus 
imag. 2, 7 des Ajas beispiel anführt, den Agamemnon, ohne ihn 
den flammen übergeben zu haben, eingraben liesz und bei des- 
sen tod auch Sophocles keines feuers gedenkt ^. beides sind 
jedoch nur seltne ausnahmen, die gegen die häufige an Wendung 
des brands bei den Griechen kaum in betracht kommen, gröszern 
eintrag gethan haben musz ihm schon frühe die absonderung 
zahlreicher theile des volks in bestimmte gesellschaften , wobei 
ich vorzüglich die anhänger der Eleusinien, so wie die Pytha- 
goraeer ins äuge fasse, die richtung der weitverbreiteten Eleu- 
sinier auf geheimnisse der Demeter und Trioptolems durfte, 
scheint es, grundsätzlich zwar reinigungen durch mystisches 
feuer, keinen leichenbrand gestatten und auch in den verstorb- 
nen nur A7j[x7jtpious oder Cereales anerkennen, darum wird in 
des Dialogos grabschrift 

* nach K. Fr. Hermann antiq. p. 204. 206 herschte im classischen Griechen- 
land beerdigen vor und galt das verbrennen nnr für krieg und pest. Agathias 
2, 23 nennt das verbrennen griechischen brauch. 

' auch nach dem Volksglauben des mittelalters kommen Selbstmörder nicht 
auf die grüne wiese (ins paradies). Flore 2422. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 229 

iv^aSs Aiakrtyjq xai>ap(u Tiupl yoTa xa^Vjpac 

die reine flamme der irupd, keine eleusinische gemeint, nicht 
minder galt bei den Pythagoraeern, das/> keine todten verbrannt 
würden; die Platoniker lieszen sich beides, verbrennen oder be- 205 
graben gefallen, der Stoa, welche sich das feuer göttlich, ei- 
nen weltbrand am ende aller dinge dachte, hätte eine ixirupwaic 
auch für die leichen nicht können widerstreben, doch weisz ich 
kein zeugnis dafür, wer alle mysterien und philosophischen 
Systeme bei den Griechen in dieser beziehung untersuchen wollte, 
dem würde vielleicht ausbeute lohnen, man darf wol annehmen, 
dasz in den letzten drei jahrh. vor Christus das verbrennen der 
leichen zwar noch in Griechenland fortdauerte, dasz aber auch 
häufig blosz beerdigt wurde. 

Unter den RÖMERN sind Cicero und Plinius einverstan- 
den darin, dasz für ihr volk dem brennen ein älteres begraben 
der todten voraus gegangen sei, welches zu jener annähme eines 
Steinalters vor dem brennalter stimmen würde, ipsum cremare, 
drückt sich der letztere Schriftsteller 7, 54 aus, apud Romanos 
non fuit veteris instituti; terra condebantur. at postquam lon- 
ginquis bellis obrutos erui cognovere, tunc institutum. et tamen 
multae familiae priscos servavere ritus, sicut in Cornelia nemo 
ante Sullam dictatorem traditur crematus, idque eum voluisse 
veritum talionem, eruto C. Marii cadavere, Cicero, in der dem 
Plinius augenscheinlich vorliegenden stelle de legibus II. 22, 56 
vom alterthum des beerdigens redend fahrt also fort: eodemque 
ritu in eo sepulcro, quod ad Fontis aras, regem nostrum Numam 
conditum accepimus, gentemque Corneliam usque ad memoriam 
nostram hac sepultura scimus esse usam. C. Marii sitas reliquias 
apud Anienem dissipari jussit Sulla victor, acerbiore odio inci- 
tatus, quam si tam sapiens fuisset, quam fuit vehemens. quod 
haud scio an timens suo corpori posse accidere, primus e pa- 
triciis Corneliis igni voluit cremari. das hier von Numa gesagte 
findet sich auch bei Plutarch cap. 22 bestätigt, nach welchem 
Numa seinen leichnam zu verbrennen selbst untersagt hatte, so 
dasz gleichwol der leichenbrand als bereits vorhersehend ange- 
nommen werden musz. war dies aber der fall zu Numas zeit, 



230 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

SO mag 300 jähr später, als die zwölf tafeln gegeben wurden, 
das brennen noch entsphiedner im schwang gewesen sein, wie 
das 'hominem mortuum in urbe ne sepelito neve urito', das 
'rogum ascia ne polito', 'vino rogum ne respergito', nnd 'homini 
mortuo ossa ne legito' verkündigen. 

Virgil ^ läszt in seinem gedieht, dessen eilftes buch die grosze 
leichenfeier so schön darstellt, auf seite der Trojaner alle todten 
verbrennen, auf seite der Latiner auch viele beerdigen (1 1, 204), 
206 was vielleicht die ansieht ausdrücken soll, dasz die alten lan- 
desbe wohner, im gegensatz zu den trojanischen ankömmlingen, 
noch dieser gewohnheit huldigten, auch des trojanischen Mise- 
nus leiche wird den flammen übergeben, wer aber wollte glau- 
ben, dasz die Trojaner die sitte des leichenbrandes erst in La- 
tium eingeführt hätten? man kann blosz das einräumen, dasz von 
altersher daneben auch unverbrannte leichen in die erde gesenkt 
wurden und einzelne geschlechter, wie das cornelische, diesem 
brauch lange anhiengen. sicher aber wurde das verbrennen 
nicht gebräuchlich, um dem zerstören der gräber einhält zu thun, 
da man auch die urnen in bügeln beisetzte, die umgewühlt wer- 
den konnten. Plutarch tom. 2 s. 499 (ed. paris. 1841. 3, 604) 
meldet, dasz ein Decius (welchen der dreie meint er?) auf ei- 
nem in der mitte des heeres errichteten Scheiterhaufen (Tcupav 
v^csaq) dem Saturn sich geweiht habe, was die sitte des leichen- 
brands und deren Zusammenhang mit opfern voraussetzt. 

Man weisz , dasz die berühmtesten männer der römischen 
geschichte auf Scheiterhaufen verbrannt wurden, ich will hier 
blosz Sulla (Mommsen 2, 359), Antonius, Brutus, Julius Caesar 
(in foro. Cic. ad Attic, 14, 10. ante rostra epit. Liv. 116. vgl. 
Suet. Caes. 84. Plutarch. Caes. 68), Pompejus, Octavius Au- 
gustus, Tiberius, Caligula und Nero nennen ^. erst mit dem vor- 

' was Lucrez 6, 1275 ff sagt von mos sepulturae, humari, rogorum exstructa 
ist alles aus Thucydides 2, 52 entnommen und für den römischen brauch uner- 
heblich. 

'^ die Poppaea liesz Nero einbalsamieren: corpus non igni abolitum, ut ro- 
manus mos, sed regum externorum consuetudine differtum odoribus conditur, 
tumuloque Juliorum infertur. Tac ann. 16, 6. [Cato majors söhn verbrannt Cic. 
de senect. 83. Ciceros College ad div. 4, 12. 15, 17. Lepidus Plin. 7, 53. kö- 
nig Juba. Caes. b, afric. 91. Scapula Caes, b. hlspan. 33. Drusus. Dio Cass. 55, 2. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 231 

dringen des christenthuras im römischen reich begann das ver- 
brennen auszer gebrauch zu gerathen, im dritten jh. hatte es 
zu Rom völlig aufgehört ^ und gegen den schlusz des vierten 
bezeugt dies aufhören Macrobius Saturn. 7, 7, der uns noch eine 
ihm bekannt gewordne merkwürdige nachricht aufbewahrt ^ : licet 
urendi corpora defunctorum usus nostro seculo nullus sit, lectio 
tarnen docet, eo tempore quo igni dari honor mortuis habebatur, 
si quando usu venisset ut plura corpora simul incenderentur, 
solitos fuisse funerum ministros denis virorum corporibus ad- 
jicere singula muliebria, et unius adjutu quasi natura flammei et 
ideo celeriter ardentis cetera flagrabant. ita nee veteribus calor 207 
mulierum habebatur incognitus. ob das Wahrnehmungen neuerer 
Physiologen bestätigen weisz ich nicht, nach diesem zeugnis ge- 
hörten also die Römer nicht zu den das verbrennen auf ij^änner 
einschränkenden Völkern, und zugleich erhellt, dasz ein und der- 
selbe scheiterhaufe mehrere leichen zu umfassen pflegte, stellen 
Tertullians lehren dasz wenigstens im zweiten jh. der leichen- 
brand zu Carthago üblich war. de coroua militis cap. 9 : et 
Cremabitur ex disciplina castrensi Christianus, cui cremare non 
licuit, cui Christus merita ignis indulsit? de resurr, carnis cap. 1 : 
sed vulgus invidet, existimans nihil superesse post mortem, et 
tamen defunctis parentant et quidem impensissimo officio pro 
moribus eorum, pro temporibus sepultorum, ut quos negant sen- 
tire quicquam, etiam desiderare praesumant. at ego magis ridebo 
vulgus tunc quoque cum ipsos defunctos atrocissime exurit, quos 
postmodum gulosissime nutrit, iisdem ignibus et promerens et 

Germanicus. Tac. ann. 2, 73. 75. söhne des Germaniciis. grabinschriften bei 
Zell 778. Lollia Paullina. Tac. ann. 14, 12. Antonia. Suet. Calig. 23. Ovid 
dachte sicher verbrannt zu werden, ex Ponto IV. 16, 48. Trist. III. 3, 60. 65. 
69. 83. auch Properz I. 18, 21 flf. 20, 17 ff. II. 9, 4. III. 4, 15 ff. IV. 7, 7. 
14, 46. 15, 24. V. 7, 79. 11, 8. Tibull I. 1, 61. 2, 48. 3, 6. IL 4, 45.] 

' Apollinaris Sidonius, ein christlicher Schriftsteller aus der zweiten hälfte 
des fünften jh. bedient sich epist. 3, 13 eines vom leichenbrand entnommnen 
gleichnisses, ohne dasz man daraus folgern dürfte, die sitte habe sich vielleicht 
in Gallien länger behauptet: enimvero illa (persona) sordidior atque deformier est 
cadavere rogali, quod facibus admotis semicombustum, moxque sidente strue tor- 
rium devolutum reddere pyrae jam fastidiosus pollinctor exhorret. 

- ich gewahre, das schon früher Plutarch quaest, conviv. 3, 4 dasselbe be- 
richtet. •? 



232 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

offendens. o pietatem de crudelitate ludentem: sacrificat an in- 
sultat, quum crematis cremat. gemeint scheinen die zum dienst 
der verbrannten leichen mitverbrannten Sachen. 

Die römischen dichter liefern uns erhebende, für den ge- 
brauch lehrreiche darstellungen des leichenbrandes. auszer Vir- 
gils lieblicher Schilderung des bestatteten Pallas (11, 64 — 192)^ 
und der des Misenus (6, 179 — 235) sei hier nur auf Tibulls 
[Lygdamus?] zweite elegie des dritten buchs gewiesen, wo es 
unter anderm heiszt 

ergo cum tenuem fuero mutatus in umbram 
candidaque ossa super nigra favilla teget, 
ante meum veniat longos incompta capillos 

et fleat ante meum maesta Neaera rogum. 
sed veniat carae matris comitata dolore: 

maereat haec genero, maereat illa viro. 
praefatae ante meos manes animamque precatae 

perfusaeque pias ante liquore manus, 
pars quae sola mei superabit corporis, ossa 

incinctae nigra Candida veste legent, 
et primum annoso spargent collecta Lyaeo, 
mox etiam niveo fundere lacte parent, 

' dies grab des Pallas wollte man im mittelalter gefunden und erüfnet ha- 
ben , nach Veldeckes Eneit 8324 ff. zur zeit kaiser Friedrich Rothbarts im jähre 
1150, nach den Chronisten schon früher unter Heinrich dem dritten um das jähr 
1045, vergl. Pistorius 1, 1140. 3, 117 und Fei. Fabri evagatorium 3, 54. [Ett- 
müllers vorr. zur En. XV. XVI. Heinrich von Herford a. 1051. Willelmi gesta 
reg. Angl. bei Pertz 12, 472.] unsre dichter des mittelalters hatten natürlich künde 
des römischen leichenbrandes: 

ir toten sie da branden, 

alse man zuo den geziten pflac, 
En. 7913, vgl. Herbort 8106. 8120, ohne die leiseste erinnerung an den altein- 
heimischen brand. auch Albrecht von Halberstadt (Wikram 371"). man über- 
trug es auf Sarazenen (zu 266). [mnl. Lancelot 34296 ff. 

si toghen van beiden siden dan 

int forest, daer si hout namen, 

ende bernden die licghamen, 

die man niet kende, sonder sparen; 

ende dire bekennt waren, 

se nemen de lichgamen daer of 

endg ffrcefoe in eenen kerchofJ] 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 233 

post haec carbaseis humorem tollere velis 208 

atque in marmorea ponere sicca domo, 
aber noch mehr aus dem menschlichen leben gegriffen sind die 
zahlreichen epitaphe, voll des herzlichsten gefühls; ich meine, 
kein volk der erde war so bereit und gerüstet zu einfachen sinn- 
reichen Inschriften bei allen anlassen des lebens, aber auch keine 
andre spräche so geschickt dafür wie die lateinische, zumal wo 
in prosa abgefaszt wird, denn in metrischen grabschriften möch- 
ten es die Griechen den Römern noch zuvor thun. welchen 
schätz von kenntnissen verdankt die nachweit diesen in marmor 
gehaunen klaren buchstaben ; rechten g«>gensatz bildet die dürre 
des Inhalts der runen auf nordischen gräbern , oder das barba- 
rische zwar wortreiche doch gedankenarme deutsch auf den 
leichensteinen unsrer kirchhöfe, dessen schnelles verwittern kom- 
menden Zeiten keine Sehnsucht wecken wird. 

Die Römer gebrauchen sepelire für bestatten in so allge- 
meinem sinn, dasz es bald terra condere, humare, bald auch 
copcremare und comburere ausdrücken kann '. bustum deutete 

. ' Plaut. Men. I. 2, 43 ist sepulcrum brandstätte , wie das folgende combu- 
ramus und incendo rogutn ergibt. .Terent. Andr. 1. 1, 102. ad sepulcrum veni- 
mus, in ignem inpositast. vgl. sepulcrum Tac. Germ. 27. — der lat. spräche 
scheint es mit sepelire, das ich sonst dem goth. filhan commendare verglich, nicht 
anders ergangen als der griechischen mit öaTrxetv, auch sepelire mag ursprünglich 
brennen, leuchten ausgesagt haben und zum sl. paliti, planutise, wie zum gr 
cpX^yetv, aber auch zum finn. palan, palo und altn. bäl fallen; das se in sepelire 
sepultus verhält sich wie in sejungere abbinden , sevocare abrufen , nur mit ein- 
getretner kürzung des e [solvo solutus aus se-luo, so-luo. Pott 1, 2G. 209. Bopp 
gl. 303. vgl. secordia, söcordia, söcors] : sepelire ist abbrennen, verbrennen, zer- 
brennen und verwandt vielleicht pulcer, pulcher nitens, splcndidus. aber schon 
sehr frühe artete es in die Vorstellung des begrabens oder bestattens überhaupt 
aus, wenn die zwölf tafeln sagen: hominem mortuum in urbe ne sepelito neve 
urito; si cui auro dentes vincti escint, im cum illo sepelire urereve sc fraude 
esto, wird es als beerdigen dem verbrennen gegenübergestellt, wie es auch rogum 
bustumve novum heiszt, wo bustum, die brandstätte wiederum als grab zur seite 
steht, [cinis ipse sepulti. Ov. met. 13, 502. sepeliri semiustum cadaver. Suet. 
Domit. 15. vgl. Liv. 8, 24. Spartian. Hadrian. 25. 27.] bei den uralten redens- 
arten sepultus morte meroque Festus 340; urbem somno vinoque sepultam Virg. 
Aen. 2, 2(35; linguu sepulta mero Prop. Ill, 9, 5(1 dachte längst kein mensch weiter 
an brennen, doch wird unterschieden humandi sepeliendi jus potestas, humatus 
sepultusve, vgl. sepelire urereve. auch funus scheint wie fumus (favilla asche, 
fuscus verbrannt) der wurzel fu = dhu = hu zugehörig, also todtenverbrennung. 
Pott 1, 211. 



234 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ich in einer jüngst vorgelesenen abhandlung über die Wörter des 
leuchtens und brennens ans ambustum *, was die verba ambu- 
rere und comburere bestätigen. Festus sagt, bustum proprie 
dicitur locus in quo mortnus est combustus et sepultus, dicitur- 
que bustum quasi bene ustum; ubi vero combustus quis tantum- 
modo, alibi vero sepultus, is locus ab urendo ustrina vocatur, 
sed modo busta sepulcra vocamus. demnach ist bustum gleich 
dem gr. xacpo? aus seinem ursprünglichen begrif einer brandstätte 
in den des grabs allgemein übergegangen, nur dasz den Römern 
der bezug auf urere fühlbarer blieb als den Griechen bei xacpo? 
und ^ocTTTSiv. auch den namen urna, der häufig vom asclikrug 
des grabes gilt (man sagte cineres in urnam condere und caelo 
tegitur qui non habet urnam) leite ich lieber als vom skr. väri 
aqua oder vom gr. oupsTv und oupctvrj einfach ab vom lat. uro 
selbst, sei damit der gebrannte thon oder die verbrannte asche 
gemeint, dem Scheiterhaufen gaben die Römer bald die gr. be- 
nennung pyra, bald die ihnen eigne rogus, welches von regere, 
wie toga von tegere stammt ; regere mag ursprünglich ausdrücken 
struere, congerere und dem goth. rikan entsprechen, so dasz 
sich für rogus der begrif von strues, congeries von selbst ein- 
209 findet **. der genauere Sprachgebrauch wendet auch pyra auf 
den ignis rogi an, rogus auf die strues lignorum, in qua impo- 
sita cadavera cremantur. man sagte in rogum imponere, inferre 
und ascendere rogum. 

Ich kann hier anzuführen nicht umhin, dasz nach Pollux 
9, 46 (ed. Bekker s. 369) po-^ot auch kornschober und aixoßoXia 
hieszen, wie gr. aopo? todtenbehälter an atopo? getraidehaufe und 
häufe überhaupt mahnt, dazu verglich ich gesch. der deutschen 
spr. s. 235 ein thrakisches asipo? sirus, welches getraidehöle be- 
zeichnet mit deutschen und finnischen Wörtern; jetzt liegt mir 
an hervorzuheben, dasz den Etrusken oder Tusken die pforte 
der unterweit für einen kornbehälter galt und der erde segen 
mit dem wirken einer unterirdischen weit in berührung stand 
(O. Müller 2, 98), wie die aegyptischen pyramiden so wol kö- 

* Pott 1, 269 und bei Kuhn 5, 243 sieht in b die partikel ab. 
** strueti rogi Ovid. Trist. I. 3, 98. IH. 13, 22. IV. 10, 86. exstructi rogi. 
epist. 15, 16. strueti ignes. Prop. IV. 5, 28. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 235 

nigsgräben als kornkammern, mpsta ßaaiXtxa aiinhojd heiszen ^, 
wir werden noch mehr ausdrücken begegnen, die zugleich Schei- 
terhaufen und kornschober bezeichnen, pila, was sonst columna, 
xi'füv aussagt, findet sich nicht für rogus, doch das mlat. pila 
nimmt den sinn von strues an, woher das engl, pile, scheiter- 
haufe. 

Das zündbare holz hiesz cremium, lignum aridum, quia 
facile crematur, aber auch sarmen (von sarpo): ignem et sar- 
men circumdari. Plaut, Most. V. 2, 65 ; ligna et sarmenta cir- 
cumdari, ignemque subjicere. Cic. Verr. II. 1, 17. Inschriften 
haben die formel: subito conlectitioque igne cremare, wofür 
dörner sich eignen, dennoch finde ich nie einen der ausdrücke, 
woran das latein reich ist, spinus, rubus, dumus, prunus, vepris, 
sentis (neben sentix und dem adj. sentus) beim entzünden des 
rogus verwandt*, und weisz nicht, ob CatuU, wenn er carm. 34 
des Volusius scripta 'infelicibus ustulanda lignis' bezeichnet, in- 
felix [s. oben 203 die stelle aus Macrobius] etwan im sinn jenes 
gr. «Ypio? setzt, zur zeit aus welcher uns Schilderungen römi- 
scher Scheiterhaufen zustehn hinterbleibt also von jenem noma- 
dischen gebrauch der dörner zwar keine spur; doch beachte 
mau, dasz prunus durch seine Verwandtschaft mit pruna und pru- 
rio, rubus durch die mit rubeo gleichwol auf die Vorstellung des 
brennens weisen.^ auf schnelles niederbrennen des holzstoszes 
und volles zerstören der leiche wurde bedacht genommen, wenn 
bei Sueton im Caligula gesagt wird cap. 59 : cadaver tumultuario 
rogo semiambustum, so drückt das Verachtung aus, und bei dem 
im voraus um seine leiche besorgten Nero heiszt es, dasz sein 
gefolge mit mühe erlangte ut totus cremaretur, wie auch bei 210 
Tibers bestattung der ruf erschollen war: in amphitheatro se- 
miustulandum. nichts anders will ambustulare sagen: ambustu- 



* etymol. magn. 632, vgl. Gregor, turon. 1, 10. [pyi-amides bei Cairo: horrea 
Pharaonis ab incolis vocantur. Ludulf von Suchen bei Deycks s. 20.] 

* Aen. 6, 180 piccae, ilex, fraxinus, rcbur, ornus. 6, 214. taedis et robore 
secto ingentem struxere pyram, cui frondibus atris intexunt latera et ferales ante 
cupressos constituunt. 

- schon Isidor: pruna a perurendo; man nimmt sonst pruna carbo für prusna, 
wie dumus für dusmus, leitet aber prunus vum gr. upoüvo; = -poO(j.voc. 



236 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

latum objiciam magnis avibus pabulum. Plaut. Rud. 4, 65. [eve- 
nit ut tempestate dejecto funere semiustum cadaver discerperent 
canes. Suet. Domitian. 15.] 

Man pflegte das holzgerüste auszuhobeln (wie jenes zwölf- 
tafelverbot lehrt), mit tüchern, gewändern und waffen zu 
schmücken, auch anzumahlen und starkduftende cypressen rings 
aufzustellen, wer anzündete, und gewöhnlich war es der nächste 
verwandte, wandte das gesicht ab (subjectam more parentum 
aversi tenuere facem. Aen. 6, 223). blamen, vögel und andere 
opferthiere wurden reichlich auf die flamme geworfen und mit- 
verbrannt, wein und wolgerüche gesprengt; eines mitverbrennens 
der frauen und witwen gedenken römische quellen nicht', die 
aus dem brand gelesnen knochen und aschen setzte man in 
hügeln und gräbern bei. columbarium hiesz der räum des grabs, 
wo die aschkrüge zusammengestellt waren ; da dieser ausdruck 
eigentlich das lager der tauben im gebälk, von wo sie ausfliegen, 
bezeichnet, darf man vielleicht einen bezug auf den flug der 
Seelen vermuten, die oft den tauben verglichen werden. 

Auso-enommen vom brand waren einmal kinder die noch 
nicht gezahnt hatten. Plinius 7, 16 spricht es als allgemeinen 
brauch aus: hominem priusquam genito dente cremari mos gen- 
tium non est; des kindes knochen sind noch unfest und dem 
feuer widerstand zu leisten unfähig, auch Juvenal 15, 138: 
naturae imperio gemimus, quum funus adultae 
virginis occurrit, vel terra clauditur infans 
et minor igne rogi, 
durch welchen gebrauch die erst beim zahnen erfolgenden ge- 
schenke für das kind in unserm alterthum bedeutsamkeit er- 
langen. 

Ferner blieben unverbrannt fulguriti (Plin. 2, 54;, wegen der 
heiligkeit des vom blitz getrofnen bodens. ob der tod durch 
krankheit oder in der Schlacht erfolgte scheint keinen unter- 
schied der bestattungen zur folge zu haben, und dasz frauen 
neben männern verbrannt wurden, lehrt Macrob. wichtig aber 

■ wenn es bei Plautus im Rudens III. 4, 62 von zwei mädchen heiszt: imo 
hPHce ambas hie in ara ut vivas comburam, so sollen sie als brandopfer der Venus 
fallen, und die stelle ist nachahmung einer griechischen. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 237 

wäre genauer zu wissen, welche altrömischen gesehlechter auszer 
dem cornelischen ihre todten, während der leichenbrand vor- 
herschte, unverbrannt begraben lieszen. wahrscheinlich bestan- 
den auch schon vor dem sieg des christenthums, seit griechische, 211 
jüdische und christliche secten vordrangen, genug anhänger der- 
selben, die ihre leichen der flamme entzogen. 

Die bestattungsgebräuche der ALTITALISCHEN Völker, 
von jenem durchbrechenden gegensatz zwischen Latinern und 
Trojanern abgesehen, sind uns verschollen, auch in Etrurien 
scheint beerdigung ältere sitte, die später dem verbrennen wich 
und nur noch für blitzerschlagene beibehalten wurde, in den 
gräbern finden sich ganze leichen eingescharrt und grosze stein- 
särge neben den gewöhnlichen urnen aufgestellt (O. Müller 2, 160). 

Von den leichen der GALLIER ertheilt Julius Caesar wich- 
tige nachricht 6, 19: funera sunt pro cultu Gallornm magnifica 
et sumtuosa, omniaque quae vivis cordi fuisse arbitrantur in 
ignem inferunt, etiam animalia, ac paullo supra hanc memoriam 
servi et clientes, quos ab iis dilectos esse constabat, justis fu- 
neribus confectis, una cremabantur. das brennen ist also hier 
unzweifelhaft imd zum überflusz sagt Mela III. 2, 3 : itaque cum 
mortuis cremant ac defodiunt apta viventibus. olim negotiorum 
ratio etiam et exactio crediti deferebatur ad inferos, erantque 
qui se in rogos suorum velut una victori libenter immitterent. 
[Diodor 5, 28 sagt dasz die Gallier in die flamme des scheiter. 
haufens geschriebene briefe an die verstorbnen zu werfen pfleg- 
ten.] mit Caesars meidung musz man aber noch verbinden, 
was er 6, 17 voraus geschickt hatte: alii immani magnitudine 
simulacra habent, quorum contexta viminibus membra vivis ho- 
minibus complent, quibus succensis circumventi flamma exani- 
mantur homines. hier handelt es sich nicht von leichen, son- 
dern von menschen, Verbrechern oder unschuldigen, die den 
göttern zum opfer dargebracht und der flamme übergeben wer- 
den, [nach Diodor 5, 32 werden die missethäter alle fünf jähre 
auf solchen groszen Scheiterhaufen verbrannt. Strabo 4, 198 
nennt diesen Scheiterhaufen einen xoXoaaöv x^P"^*^" ^'^^ $uXa)V.] das 
Weidengeflecht (sarmen) mahnt wieder ans vrjOiai itupav, und an die 
zurüstung des Scheiterhaufens bei andern Völkern. Busta Gal- 



238 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

lorum hiesz ein ort in den Ap penninen, wo eine niederlage der 
Gallier erfolgt war (Procop. b. goth. 4, 29). 

Aus dem spätem alterthum der Kelten weisz ich kein 
Zeugnis für den leicheubrand aufzuweisen und es befremdet dar- 
über gar nichts weder in irischen noch welschen quellen zu ent- 
decken*; Ossians nebelgeister der beiden sind sich keines ver- 
brennens, bevor sie der hügel deckte, bewust. aber nichts wird 
auch einzuwenden sein gegen die aschenurnen und brandüber- 
reste, die in entschieden keltischen gräbern allenthalben wahr- 
zunehmen sind, und sollte nicht das ir. draighean, gal. droi- 
ghionn dorn, droighneach schwarzdorn, draighbhiorasg zunder, 
drag feuer auf das entzünden des feuers mit dörnern leiten? 
212 draighean ist das welsche draen, armor, drean = sl. tr'n", goth. 
paurnus, hd. dorn, die nicht minder den begrif des brennens in 
sich zu tragen scheinen; ja eine andre wurzel, das ir. gal. teine, 
welsche tan feuer schlieszt sich, obschon ohne lautverschiebung, 
an das goth. tains, ags. tan, altn. teinn, ahd. zein virgula, vimen, 
sarmentum, vielleicht sogar an goth. tandjan, ahd. zuntan in- 
cendere. 

Von der bestattungsweise bei den SKYTHEN hätte man 
gern genauere auskunft. Herodot 4, 71. 72 beschreibt höchst 

* in D'Achery spicilegium ed. Paris 1723. tom 1. 492 — 507 finden sich aus- 
zugsweise capitula seiecta ex antiqua canonum collectione facta in Hibernia sec. 
circiter VIII. ex,libro 42, 26: primis temporibus reges tantum sepeliebantur in 
basilica; nam ceteri homines sive igni sive acervo lapidum conditi sunt. O'Brien 
gibt oilbhreo a funeral fire, rogus. breo ist feuer, oil aber sonst fels, kunkel. breo 
= lasair, flamme. Stokes three irish gl. p. 131. vgl. O'Kearney's battle of Gabhra 
p. 62 : It does not appear that any portion of irish history is found to support the 
theory of burning the dead; but we have numerous instances recorded by tradition 
of persans guilty of great and unusual crimes being burned at a stake, while every 
person who attended the execution was bound to fetch a bündle of dry fagots to 
add to the fire. as such criminels were held in general detestation, it is probable 
that their ashes were scattered to the winds instead of honourable monuments being 
raised for their reception. if we take a survey of the numerous cills or places 
of burial, never dedicated to Christian purposes , we find them too numerous to 
Warrant the opinion that the remains of tlie dead were wont to be burned instead 

of having been interred in graves formed with flagstones if the ancient 

Irish had been accustomed to burn the remains of the dead, so many old pagan 
places of interment would not exist. die arten der gräber werden nun nach einem 
alten buch Keatings von 1620 beschrieben, und merkwürdig dabei ist die Ver- 
schiedenheit nach rang und geschlecht. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 239 

lebendig das verfahren der am Borysthenes wohnenden Gerrhen 
mit der leiche ihres königs. erst wird eine grübe gegraben, 
dann der leichnam einbalsamirt und auf einem wagen bei allen 
unterwürfigen Völkern herum geführt, darauf kommt er in die 
grübe, auf beiden selten werden spere in die erde gesteckt, höl- 
zer darüber gelegt und mit geflecht l)edeckt. in dem grabe 
wird auch^ eine der frauen, vorher erdrosselt, bestattet, der 
weinschenk, koch, marschall und böte, dann pferde, erstlinge 
von allen andern Sachen und goldschalen, zuletzt erde aufge- 
worfen und ein groszer hügel errichtet, nach verlauf eines Jah- 
res werden fünfzig diener und eben so viel pferde getödtet, 
allen der leib aufgeschnitten und an die stelle des ausgenomm- 
nen eingeweides mit stroh gefällt und wieder zu genäht, dann 
festigen sie halbe radfeigen auf zwei hölzern in die erde, stoszen 
eine stange der länge nach bis zum hals durch die pferde und 
setzen sie auf die feigen, legen den pferden zäum und gebisz 
an und lassen auf jedes pferd einen der fünfzig Jünglinge nieder, 
denen eine stange durch den rückgrat bis zum halse getrieben 
ist, deren unteres ende in dem durch die pferde reichenden holze 
haftet, dies gerüste bleibt um das grab aufgestellt, das ganze 
gerüste gleicht nun aufiallend der pyra equinis sellis constructa, 
auf welcher der verwundete Attila, um nicht seinen feinden in 
die bände zu fallen, sich selbst verbrennen wollte (lornandes 
cap. 40) und wahrscheinlich war auch die später über seinem 
grabe errichtete strava d. i. strues (vom goth. straujan sternere, 
lornand. cap. 49*) ebenso errichtet, auch das im Sachsenspiegel 
geschilderte alterthümUche wergeldsgerüste und die anordnung 
nordischer und angelsächsischer Scheiterhaufen wird licht darauf 
werfen. Herodot gedenkt dabei keines feuerbrands (wie auch 
in Lucians Toxaris cap. 43. 59 blosz von bdizTziv geredet wird); 
man darf ihn aber sich hinzu denken, wie auch die tacpoi Traxpwioi 
der Skythen, nach allem was vorhin über den gr. Sprachgebrauch 
erörtert wurde, verbrennen nicht ausschlieszen. der Skythen 
vorwaltende neigung zu feierlichen gerüsten erhellt am aller deut- 

* stravam super tumulum ejus, quam appellant ipsi, ingenti commessatione 
concelebrant. Schafarik 1, 252. 327. 329 sieht darin das sl. strawa leichenmahl. 
Jungmanii 4, 332''. strava ist victus, essen. 



240 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

213 liebsten aus dem drei Stadien langen und breiten reiserbaufen, 
o^xo? cppü^avcuv, welcbem jäbrlicb 150 wagen friscben vorrath 
zuführten (Herod. 4, 62) *. da sieb cppu^avov von cppuaao) ab- 
leitet, mutmasze icb, dasz die dörner eben zum zünden der opfer 
dienten, die bier dem Ares gebracht wurden, dessen altes eiser- 
nes Schwert oben auf der spitze des baufens prangte. 

Nicolaus Damascenus fragm. 117 (fr. bist. gr. 3, 459) be- 
richtet von wahrscheinlich pontischen Kianern: Kioi xou? diro- 
{^avovxac xa-axauaavxs? xat oaToXo^TjcravTec; sv oAjjki) xa öaxa xa- 
TaTTxtaaouatv, sTxa svOsvxe? st? irXoTov xat xotjxivov Xaßovxs? dvairXsou- 
cftv £1? TTsXaYO? xat Tcpo? xöv avsfxov s^oSidCoucftv , a.ypiq äv Tcdvxa 
ixcpüarji}-^] xal dcpav^ "^iv/iTai^. 

THRAKISCHER gräber gedenkt Herodot 5, 5 ** bei den 
Krestonaeern , einem den Geten und Trausen nahverwandten 
stamm, die geehrteste und geliebteste frau wird auf des ver- 
storbnen mannes hügel vom nächsten freund getödtet und mit- 
begraben: acpdCsxai I? xöv xd<fov uirö xou otxr^iojxdxou scduxt]?, tjcpa- 
jbsXcsa 81 öuvödTTXsxat x(5 dvopt'. auch hier darf unter xdcpo? vor- 
zugsweise die brandstätte verstanden werden, da das mitsterben 
der frauen ursprünglichen leichenbrand voraussetzt, dazu sagt 
Mela II. 2, 4 von den thrakischen frauen: super mortuorum 
Corpora interfici simulque sepeliri votum eximium habent, und 
gleich darauf arma opesque ad rogos deferunt. 

Ueberall, wo mitverbrennen lebender statt fand, liesz man 
ein erwürgen vorausgehen. 

* TTUpa TrapEß^ß'jffxo twv cppuyavwv ward erfüllt mit reisern. Lucian Peregr. 35. 

' im Ruodlieb 6, 48 bittet eine verbrecherin selbst den richter: sed rogo, 

post triduum corpus tollatis ut ipsum et comburatis, in aquam cinerem jaciatis, 

ne jubar abscondat sol, aut aer neget imbrem, ne per me grando dicatur laedere 

mundo. 

** 5, 8 T^otTTTOuat xaxaxa'jaavTEs -q aÄXo); ff^ xp'j'j^avxsc , ^(B|j.a §£ yiavxe;. 
leichenverbrennung bei pannonischen Illyriern (?). Chmels notizenbl. 6, 582. 
Meyer antliol. s. 17 no. 69 (vgl. s. 28) nach einem griechischen epigramm der 
anthol. palat. 7, 542: 

Thrax puer adstricto glacie dum ludit in Hebro, 

pondere concretas frigore rupit aquas. 
dumque imae partes rapido traherentur ab amne, 

abscidit tenerum lubrica testa caput. 
orba quod inventum mater dum conderet urna, 
hoc peperi ßammix, caetera, dixit, aquis. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 241 

Indem ich mich nmi zu der Untersuchung wende, ob lei- 
chenbrand oder bestattung unverbrannter leichen bei den DEUT- 
SCHEN der Vorzeit gegolten habe; so überhebt uns ein kost- 
bares Zeugnis des römischen Schriftstellers, ohne welchen insge- 
mein unser frühstes alterthum dunkel und glanzlos geblieben 
wäre, aller zweifel. diese unverwerfliche beobachtung des Ta- 
citus (denn Caesar hat hier von den Germanen gar nichts be- 
richtet) musz demnach an die spitze aller übrigen nachrichten 
treten, er sagt cap. 27 : funerum nulla ambitio. id solum ob- 
servatur, ut corpora clarorum virorum certis lignis crementur. 
struem nee vestibus nee odoribus cumulant: sua cuique arma, 
quorundam igni et equus adjicitur. sepulcrum cespes erigit; 
monumentorum arduum et operosum honorem ut gravem de- 214 
functis aspernantur. diese künde, obgleich auf Wahrnehmungen 
gestützt, die den Römern an westlichen Germanen zu gebot 
standen, wird sich vollständig bewähren, auf die worte 'ut Cor- 
pora clarorutii virorum certis lignis crementur' musz ich sowol 
nach dem was schon voraus gesagt worden ist als nach allen 
ergebnissen der folgenden forschung das entschiedenste gewicht 
legen, wie sollte irgend ein volk der Germanen, die zwischen 
leichenbrennenden Galliern, Römern, Griechen, Thrakern, Lit- 
tauern und Slaven eingeschlossen wohnten, sich dieser sitte ent- 
zogen haben? 

Billig aber nehme ich zuerst auf die GOTHEN rücksicht, 
welche östlich gesessen, in spräche und gebrauchen vorzugsweise 
unsern Zusammenhang mit andern Völkern des alterthums am 
reinsten kund geben, wir lernen aus Procops bericht (bell. goth. 
2, 14), dasz unter den unleugbar gothischen Hernien noch bis 
in das fünfte, sechste jh. nach Chr. die vorhin bei den thraki- 
schen Krestonaeern angetrofne sitte des mitbestattens der frauen 
sich fortgepflanzt hatte, die wiederum mangelnde ausdrückliche 
angäbe des leichenbrandes darf aus der natur des ganzen ge- 
brauchs, noch sichrer aus dem zusanimenhang der stelle selbst 
gefolgert werden, da unmittelbar vorangeht, dasz nach heruli- 
scher gewohnheit auch die alten und kranken, nach vorher bei- 
gebrachtem todesstosz auf Scheiterhaufen verbrannt wurden: 
ouxe icap yTjpaaxouaiv ouxe voaouaiv auxoT? ßioxeueiv i^TjV, dXX' iirsiSav 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 16 



242 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

a?T£t(j9^ai oTi zdyidxa ii dv^^pwirwv aixov dcpavt'Csiv. oi os $uXa iroXXa 
£? [xsYa Ti 5«{>o? $uvv7]tjavT£?, xai^iaavTS? xs x^v avi>pa>7:ov iv xiü xwv 
$uXü)V uTTSpßoX"^, xwv xiva 'Epo6Xü>v, dXXoxpiov [ilvxot, auv ^icpiSt'u) 
Trap' auxov eTrsjjLTrov. ^üyysvtj Y°^p auxtjT xov cpovsa elvai ou 0£[xi?. 
l7r£ioav §£ auToT? 6 xou c^yy^vou? cpovEu? iTrav^j£i, ^uixiravxa Exatov 
auxixa xa $uXa, Ix xaiv zT/axio^ dp$d[jLevot. T:ai)(3a[X£V7)? xs «zuxoig 
xTjc: cpXoY^? SuXXscavxss xa oaxa xö Tcapauxixa XTJj -[■■(] IxpuTrxov. 'Epou- 
Xou Ss dvSpö? xsXEUxVjctavxo? iTrdvayxss x-^j -y'^vaixt dpsx^? [xsxaTroioü- 
[jLSvif] xal xXeo? aux^ i&eXouaTf] Xsiirsai^at ßpo}(ov dva(]^a}xevTO Ttapa xov 
xou dvopo? xdcpov oux £t? [i,axpoy {)vif^afxsiv. ou TroiouaiQ xs xauxa tts- 
pisiaxTjxet xb Xoittöv dSo^tp xs sTvai xal xot? xou dvSpö? ^üY^svlai 
Tipor/sxpouxsvat. xoiouxots {xsv s)(pa>vxo "EpouXot xö iraXaiöv vofxot?. 
die hochgeschichteten reiser gleichen dem skythischen o^xos cppu- 
^dviüv und nicht zu übersehen ist, dasz zwar die verwandten die 
scheiter anzünden, den todesstosz jedoch durch einen fremden 
beibringen lassen. 
215 Die gothische geschichte selbst reicht nicht weit genug ins 

heidenthum zurück um uns andrer beispiele des leichenbrands 
zu versichern, eine stelle des Sidonius Apollinaris gestattet 
vielleicht folgerungen, epist. 3, 12 von einem bestattungsplatz 
der todten redend drückt er sich so aus: campus autem ipse 
dudum refertus tam bustualibus favillis, quam cadaveribus nul- 
lam jam diu scrobem recipiebat. damals in der zweiten hälfte 
des fünften jh. waren die Gallier längst Christen und dem lei- 
chenbrand fremd, aber Westgothen hausten zugleich in jenen 
landstrichen, entweder noch heidnische oder arianische, und es 
ist möglich, dasz sogar die Arianer ein verbrennen der todten 
gestatteten; die bustuales favillae können hier aber auch uralte 
römische oder gallische grabhügel meinen, epist. 3, 3, als des 
Ecdicius sieg über die Gothen (um 470) geschildert wird, heiszt 
es von diesen: tum demum palam officiis exequialibus occupa- 
bantur, ... sie tamen, quo^ nee ossa tumultuarii cespitis mole 
tumulabant, quibus nee elutis vestimenta, nee vestitis sepulcra 
tribuebant, juste sie mortuis talia justa solventes, jacebant Cor- 
pora undique locorum plaustris convecta rorantibus, quae raptim 
succensis conclusa domiciliis culminum super labentium rogali- 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 243 

bus fragmentis funerabantur ; es scheint dasz die Gothen, vom 
feinde gedrängt, ihre leichen auf den wagen verbrannten. 

Das bruchstück eines gothischen calenders verzeichnet uns 
ein gedächtnis oder gaminpi matyre pize bi Verekan papan jah 
Batvin bilaif aikklesjöns fullaizos ana Gutpiudai gabrannidaize, 
das waren christliche bei noch unbekehrten Gothen im feuer 
verbrannte märtyrer; [so wird auch der heilige Marinus in Nori- 
cum von den Vandalen grandi igne, cumulo lignorum copioso 
verbrannt. MB. 1, 346]. die strafart wird auch auf das verbren- 
nen der leichen einen schlusz gestatten, noch deutlicher weisen 
dahin einzelne ausdrücke, deren sich Ulfilas in seiner Verdeut- 
schung bedient. Marc. 5, 2. 3. 5 bei dem besessenen, der in 
bergen und gräbern hauste, wird das gr. }xvrjij,a dreimal ausge- 
drückt aurahi oder aurahjö, wo die vulg. monumentum setzt, 
was ist dies bisher ungedeutete wort? ich halte es für genau 
entsprechend dem lat. urceus, was hier den heidnischen xa'cpo?, 
worin die verbrannte leiche bestattet war, bezeichnet; .für das 
männliche urceus galt dem Gothen ein weibliches aurahi mit 
dem sinn von urna; der bischof stand nicht an, die wohnstätte 
eines Ungeheuern gespenstes mit dem für das heidnische grab 
hergebrachten ausdruck zu verdeutschen, und es scheint uns 
damit die sitte des leichenbrands unter den Gothen erwiesen, 
der aschkrug oder die urne setzen sie voraus. Luc. 8, 27 steht 
für [j,v7)ji.axa das goth. hlaivasnos gräber, hügel, wie auch sonst 216 
das bekannte und einfache hlaiv, ahd. hleo = lat. clivus ver- 
wandt wird, nun dürfte selbst der ahd. ortsname Uraha, das 
heutige Urach in Schwaben (Graflf 1, 459. Stalin 2, 453) auf 
heidengräber bezogen werden ^ ; dem urceus und urceolus ent- 
sprach sonst ein ahd. urchal, mhd. urgel (Diut. 1, 480. 486) und 
mit Übergang in zischlaut urzal urzil, wofür ich bisher nur die 
bedeutung scyphus, nicht die von urna sepulcralis nachweisen 
kann. * Ürzel heiszt ein dorf am Vogelsberg. 

Aber noch wichtiger wird ein andres goth. wort, wie in 
aller weit gelangt Ulfilas dazu, das einfache gr. ßaxo?, in der 

' falls man keinen bach (aha) darin sehn will, wie in der thüringischen 
Oraha (Pertz 2, 344). 

* auch xpwoao? ist beides wasserkrug und graburne, aschenkrug. 

16* 



244 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

vulg. rubus, zu übertragen aihvatundi *, was doch wörtlich be- 
sagt equi incensio oder combustio? denn ist auch Marc. 12, 26. 
Luc. 20, 37 gerade der brennende busch gemeint, in welchem 
gott dem Moses erschien, so wird doch Luc. 6, 44 nichts als 
der blosze strauch verstanden, offenbar musz dieser rubus oder 
was sich Ulfilas unter ßato? dachte den Gothen ganz allgemein 
eine heilige bestimmung zum opfer gehabt haben, und hier liegt 
uns wieder das certum lignum des Tacitus oder das dornreisig 
bei Theocrit vor äugen, zunächst zwar geht aihvatundi auf das 
den Germanen wie andern Heiden feierliche pferdeopfer, warum 
sollte der str^auch der dies zündete nicht auch für den Scheiter- 
haufen des leichenbrands gedient haben? selbst der gr. name 
TTupaxav&a, den ich für einen wildwachsenden strauch gebraucht 
finde, scheint mir anzuklingen, unter Crataegus oxyacanthxis, 
mespilus pyracantha hat Nemnich die gangbaren benennungen 
feuerdorn, feuriger busch, brennender busch, buisson ardent, 
und auch dem brennenden busch des alten testaments dürfen 
wir schon mythischen sinn beilegen ^, so dasz der Gothe mit 
217 vollem fug sein aihvatundi für ßaxoc, rubus, weiszdorn verwen- 
det im gegensatz zu paurnus, axavi)a, spina, schwarzdorn, beide 
dornarten dienten wol zu verschiednen opfern, denn das merk- 



* vgl. skr. a^vattha ficus rcligiosa, männliches reibholz zu 9ami dem weibli- 
ehen, litt, aszwökle, eszokle, szwokle ribes (Stachelbeere, sonst auch wegdorn). 
facem praeferre ex spina alba. Festus 245, 3. 

' die dichter des MA. wenden den brennenden busch auf Maria an : 

iu in deme gespreidach 

Moyses ein fiur gesach, 

das holz niene bran ; 

den louch sah er obenan, 

der was lanc unde breit: 

daz bezeichent dine magetheit. 
Hoffm. 2, 142, vgl. Wernher vom Niederrhein 43, 17 ff. ein provenz. dich- 
ter, P. de Corbiac sagt: 

domna vos-etz I'aiglentina, 

que trobet vert Moysens 

entre las flamas ardens. 
für aiglentina sagen die Nordfranzosen aiglantier, agalancier, agarancier, garan- 
cier; ein ortsname Garencieres heiszt bei Irmino 262 b. Warenceras, vergleich- 
bar dem flecken HaXioupo? in Cyrenaica (Strabo XVII, 839) oder dem slav. Glo- 
gau, poln. Giogow von glog hagedorn. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 245 

würdigste ist, dasz auch paurnus unser dorn auf feuer hinleitet 
und einer verlornen wurzel pairan = xeipsiv, lat. terere ange- 
hört , folglich geriebnes feuer aussagt ' ; das n in paurnus trat 
der Wurzel zu und ist ihr unwesentlich wie in hörn, körn, u. a. m. 
hierzu halte man die vorhin beim keltischen draighean und draen 
vorgetragnen bemerkungen. 

Die geschichte der HOCHDEUTSCHEN volkstämme hat 
uns nicht die geringste künde von einem heidnischen verbren- 
nen der todten überliefert; als Schwaben, Baiern, Burgunder, 
Langobarden bekannter werden, war die christliche begräbnis- 
weise schon durchgedrungen, keins ihrer volksrechte enthält 
verböte des brandes, das bairische redet 18, 6 ganz entschieden 
von humation und erdwurf auf den todten. allein zahllose in 
alamannischer, bairischer, burgundischer erde aufgedeckte, weder 
römische noch keltische grabhügel zeigen uns in ihren aschkrü- 
gen spuren des leichenbrands, oft noch neben beerdigten ganzen 
gerippen; es genügt mir hier auf die zuletzt entdeckten gräber 
bei Oberflacht in Schwaben ^ und Selzen unweit Mainz ^ zu ver- 
weisen, beide rühren wahrscheinlich von Alamannen her und 
die letztern reichen, weil sie münzen aus dem constantinischen 
haus und von Justinian gewähren, nothwendig bis ins 6 Jahr- 
hundert herab. 

Entgienge uns aber diese geschichtliche und örtliche be- 
stätigung, die ahd. spräche würde in einer reihe bisher unbeach- 
tet gebliebner ausdrücke uns des leichenbrands versichern, wa- 
rum sollten ahd. wie goth. vuimittelbar von ihm entnommne 
Wörter ohne anlasz dazu gebraucht worden sein, wären sie nicht 
vollkommen gangbar und damals noch unausgerottet gewesen? 

Für rogus und pyra liefern ahd. glossen den ausdruck eit 
(Grajff 1, 152), dem ags. ad entsprechend; die bedeutung ist 
ganz die des gr. irupa, feuer und brand. unverstanden aber war 
ein in den gl. Jun. 191 und in andern bei Grajff 6, 148. 149 2i8 

' Graff 5, 699 hat zura paliurus, was ich nicht von zeran, goth. tairan leite, 
sondern von jenem pairan, mit verworrener lautverschiebung. 

* im dritten heft des würtembergischen alterthumsvereins. 

' dargestellt und erläutert von den gebriidern W. und L. Lindenschmit. 
Mainz 1848. 



246 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

enthaltnes saccari rogus, ignis, pyra, zu welchem kein andrer 
deutscher dialect etwas ähnliches darbietet ^. desto bedeutsamer 
zeigt sich hier eine noch in mehr uralten Wörtern vorbrechende 
Verwandtschaft mit der littauischen spräche, die uns zagaras oder 
im plur. zagarai und die Vorstellung eines trocknen Strauches 
an hand gibt *. saccari also, dürfen wir mit hoher Wahrschein- 
lichkeit annehmen, bezeichnete unsern vorfahren den Scheiter- 
haufen im sinn eines zum brand heran getragjien, aufgerichteten 
und verflochtnen Strauchwerks, wobei man natürlich an eine be- 
stimmte dazu auserwählte dornart zu denken hat. ich stelle dem 
zagarai das lettische sarri, pasarri Strauchwerk, sars zweig, rebe 
an Seite, da litt, z und lett. s einander begegnen (litt, zole, lett. 
sahle gras; litt, zaltis, lett. saltis schlänge), sarri scheint aus sa- 
gari, sars aus sagars gekürzt, mit Übergang des s in s hat die 
lettische spräche noch heute sahrts für scheiterhaufe, sahrti für 
strauchschichte in rodungen,* sahrtös kraut für Strauchwerk zum 
verbrennen schichten aufbewahrt vgl. s. 247. 

Gleichen oder noch höheren werth hat die ahd. glosse de- 
pandorn rhamnus (gl. Hrab. 973 a. Graff 5, 227), welche viel- 
leicht in depadorn zu berichtigen wäre und dem ags. pefedorn 
Spina, rhamnus, anderwärts pyfedorn sentis qui prehendit, sentis 
ursinus, pyfel frutex, sentis [besser pifel, pefel: pornpifel dorn- 
busch Kemble 3, 418, ryscpifel juncetum, vidigpefel weidenbusch 
3, 426. 5, 194, brembeldyfela 5, 340. hundes pifel 3, 425. hor- 
divel 4, 8.] entspricht, zwar scheint dies pyfedorn auf peof 
für zu leiten, wie das latein servos furaces, an denen was sie 
anrühren hängen bleibt, «entes nennt ^, allein dann würde peo- 
fesdorn gesetzt sein, und die herleitung von deba, diba, was in 
den malb. gl. incendium aussagt, ist weit vorzuziehen, depadorn 
scheint demnach brenndorn, der gleich goth. aihvatundi und 
saccari das cremium beim anzünden der pyra hergab, ich habe 



' Ziemanns mhd. sackfere ist unbefugt nach dem ahd. erfunden. 
* aber ahd. sahar, saharahi carex, carcctum Graff 6, 148 käme so gut wie 
ags. secq in betracht. 

^ Plauti Casina III. 6, 1 läszt den Olympio zum koch sagen: 
vide für, ut senteis sab signis ducas. cocus: qui vero sunt sentes? 
Ol. quia quod tetigere, illico rapiunt: si eas creptum, illico scindunt. 



ÜBER DAS YERBRENNEN DER LEICHEN. 247 

mit diesem deba pefe incendium und einem verbum debian in- 
cendere, ags. pefian aestuare gewagt (gesch. d. deutsch, spr. 
s. 232) die mythischen namen Tamfana und Tahiti = Vesta zu 
verknüpfen, welche gleichfalls der wurzel tap, tepere und öoctttsiv 
zufallen, und den uralten bezug von depadorn auf todtenver- 
brennung bestärken, die urkundliche form depandorn liesze sich 
vollkommen rechtfertigen, vrenn in depan das starke part. praet. 
von depan dap (wie kepan kap kepan *) gelegen ist und com- 219 
bustus, accensus aussagt, enthält aber schon dorn an sich den- 
selben begrif, so bietet depandorn einen unsrer alten spräche 
höchst angemessenen pleonasmus dar. welche fülle von uralten 
bezügen erschlieszt uns eine einzige glosse. weit jüngere nach- 
richten vom anzünden der osterfeuer melden ausdrücklich, dasz 
man vorzugsweise dazu des bocksdorns (engl, goatsthorn) xpa- 
Yccxavüa sich bedient, ja das sunwends oder Johannisfeuer selbst 
'bocksdorn' geheiszen habe (d. myth. s. 583); diese feuer gehn 
augenscheinlich zurück auf heidnische opfer, und beim .darbrin- 
gen des rosses oder bocks galt ohne zweifei die anzündungs- 
weise des leichenbrands, der auch ein opfer war. 

Allgemeiner verbreitet also uralt ist der ahd. ausdruck hurt, 
welcher den buchstaben wie dem sinne nach dem lat. crates ge- 
nau entspricht; das r hat nur seine stelle gewechselt, bezeich- 
net dadurch wird wiederum ein geflecht von weiden und reisig 
zu vielfachem gebrauch, namentlich zu kähnen und brücken, 
weshalb es liburna und pons glossiert (Graff 4, 1030). man flocht 
aber auch körbe, schilde und vorgehängte thüren, das goth. 
haurds, altn. hurd stehn gerade zu für thür ; ags. ist hyrdel cra- 
tes, craticula, engl, hurdle, thornhurdle, mhd. hurt das ge- 
flochtne oder geschichtete reisig auf welchem einer verbrannt 
wurde : 

* vgl. ahd. dewon cauteribus cremari, doan depere (Graff 5, 234. 233) thauen, 
aufthauen. — ahd. präma vepres Graff 3, 304, ags. brembel brember engl, bramble; 
ahd. brenbräma ßaxo? bei Graff, wie brennisarn, brenniwurz oder für brembräma 
brember? brämalbusc rubus Graff 3, 218, einer brämen kraz. Wh. 449, 15. — 
ahd. agaleia rhamnus paliurus, auch hagaleia (Graff 1, 130), agalthorn (5, 227; 
vgl. Sir Agilthorn in Scotts minstrelsj' 3, 370) nhd. aglei, woraus man aquilegia 
gemacht. Nemnich s. h. v. es ist das franz. galantine, aiglantine. hierher Haga- 
nons vater im Waltharius 629? dorn und agleisze: sweisze. Keller erzähl. 19. 



248 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

diu hurt was bereit 
untz viur dar under geleit. Iw. 5155. 
ir werdet beide erhangen 
oder üf einer hurt verbrant. Trist. 324, 31. 
üf einer bürde, diu fiuric si. Wh. 44, 29. 
in den gesetzen des mittelalters heiszt es 'mit der bürde rihten', 
im Ssp. 2, 13 Upper bort bernen, d. i. auf dem scbeiterbaufen. 
mnl. findet sich horde für geflecht, z. b. bei Potter 4, 2006; 
nhd. hat sich bürde zumal für den um die Schafherde geflocht- 
nen zäun erhalten, zur eignen bestätigung des wortes und sei- 
nes sinnes gereicht aber das altfranzösische re, welches ich aus 
crates (wie ne aus natus) entsprungen glaube (vgl. unten zu 
s. 229) und wie unser hurt für bücher verwandt finde, man 
sagte 'ardoir en re' Trist. 161. 846. 1180 von Verbrechern, die 
den feuertod erleiden sollten: 
menee fu la roine 

jusques au re ardant d'espine, Trist. 1054, 
also wieder zum brennenden dornbusch oder depandorn *, wofür 
noch bedeutsamer eine vorausgehende stelle spricht, nach wel- 
220 eher könig Marc die weiszen und schwarzen dörner zum ver- 
brennen der königin sammeln läszt, 83 1 : 

li rois commande espines querre 
et un fosse faire en terre. 
li rois tranchanz de maintenant 
partot fait querre les sarmenz, 
• et asenbler o les espines 

aubes et noires o racines. 
dieser dichter mag noch gewust haben, warum für Iseuts feuer- 
tod gewisse dörner (sarmenta, Spinae albae et nigrae) auserlesen 
wurden, auch in Chretiens Chevalier de la charrette, Reims 
1849 s. 16 heiszt es: ars en feu d'espinel, verbrannt auf dorn- 
feuer. [Jonckbloet 413. heiszt balde machen ein groz viur von 
dornen (für Ganelon). Karlm. 531, 52.] 

* so gehe feuer aus dem dornbusch. richter 9, 15. das feuer musz aber 
angemachct werden von dem holze welches heiszt kreuzdorn. zeitschr. des Vereins 
für thür. gesch. 1, 189. der rechtsbrauch mit dörnern zu begraben (RA. 691. 
694.) weist auf verbrennen. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 249 

Bis in die heutige spräche hinab reicht das ahd. pigo oder 
piga, congeries, acervus, strues sowol lignorum als manipulorum. 
bair. beige, holzbeige (Schm. 1, 158), Schweiz, beige, byge, or- 
dentlich geschichteter häufe, holzbeige, holzstapel (Stald. 1, 153), 
big schitter, holzstosz, scheiterhaufe (Tobler 52), [scheiterbeige. 
Maaler 350"], schwäb. beug, holzbeug (Schmid 57) ^; ich finde 
auch in östr. mundart schwanken zwischen vierter und fünfter 
ablautsreihe. ein ort in Oestreich heiszt Jedenspeigen, ein andrer 
Persenbeug [Persinbiugen MB. 29", 227 a. 1111; in rure quod 
dicitur biuga. das. 228], und jener in altern Urkunden ledun- 
gespiuge Idungsspiuge (gesch. d. deutsch, spr. 500) Ydunspeu- 
gen (Wiener quellen und forsch, s. 167''). das ahd. piugo sinus, 
curvatura scheint dafür wenig passend, ledunges bige (von den 
bigen. Lanz. 1540. gein den bigen 2337) aber congeries ledungi, 
verstehe man es von geschichtetem holz oder getraide, wobei 
sich wiederum die behälter für feuer und körn begegneten, denkt 
man an den alten volksnamen ledunc lodunc, so würde ledun- 
ges pigo combustura ledungi, den ort bezeichnen, wo vielleicht 
im heidenthum ein berühmter held dieses altsuevischen Stammes 
als leiche verbrannt wurde. 

Neben piga setzen ahd. glossen fin, welches denselben be- 
grif von rogus und strues ausdrückt *, Otfried sagt fina , und 
sein versmasz räth langen vocal anzusetzen, von Abraham, als 
er Isaac opfern wollte, heiszt es II. 9, 48: 

in then alteri er nan legita, so druhtin imo sageta, 

thia liebün sela sina ufan thia wituvma, 

joh es ouh ni dualti suntar nan firbranti. 



' auch die italienische spräche hat dies bica congeries in sich aufgenommen. 

* auch ahd. harst crates , pyra, rogus. Graff 4, 1042, eigentlich rost crati- 
cula, ags. herst, ahd. kiherstit confricatus. gl. sletst. 26, 22. — ahd. witufelah 
strues. GrafF 3, 500. goth. gafilh, usfilh sepultura, ahd. felahan struem incendere, 
cremare, später humare, condere, falah ligna composuit, pifelhan immolare. Graft" 
3, 501. aber schon goth. filhan abscondere, befehlen mandare flammis. wb. 1, 
1258. — wenn man sie (die bösen alten weiber) wolte secken, brennen, darzuo 
trüeg ich gerne ein zoun. Karaj. Teichner 59. darzuo träege ich gerne schit, daz 
man brennen wolt die bösen, das. schitle zum Johannis fürle. Germania 1, 442. 
die gygr trägt zu Brynhilds brand einen langen baumast: pessu wil ek beina til 
brennu pinnar. Nornag. c. 9. s. oben zu s. 211 die stelle aus O'Kearney. 



250 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

diesem worte entspricht das ags. vudufin und umgesetzt fin- 
221 vudu strues ligni; noch im westfälischen holting to Ettelen von 
1411 (weisth. 3, 82. 83) lieszt man vineholt. den Finnen ist 
pino strues lignorum ordinata, den Esten pinno, den Lappen 
tiuo acervus, muora fino acervus lignorum, von muor arbor, 
lignum, und diese Verwandtschaften verbürgen ein sicher in das 
heidenthum zurückgehendes uraltes wort. 

Nicht minder scheint unser heutiges allgemein gültiges häufe, 
ahd. hüfo und houf strues, agger (Graff 4, 833. 835) und witu- 
hüfo = witufina, ags. heap acervus, congeries früher zugleich 
die Vorstellung des Scheiterhaufens in sich zu enthalten, denn in 
den gl. argent. (Diut. 2, 194) wird zur redensart rogum sibi 
construit ein alts. häp gefügt *. unsre schleppende Zusammen- 
setzung scheiterhaufe mag nicht weit über die letzten Jahrhun- 
derte hinaufreichen, Luther verwendet sie nie, doch hat sie Aven- 
tin (Frankf 1580 fol. 56"), auch Spreng (f 1601) in der Ihas 
z. b. 527. 528. 589 neben holzhaufe **. hüfe und houf entsprechen 
dem slav. koupa acervus [böhm. kup, kupa] und litt, kaupas 
häufe, kapas hügel, grabhügel, todtenmal, kapczius grenzhügel, 
so dasz uns auch diese benennung zugleich auf leichenbrand und 
grab leitet. 

Die unerforschte wurzel von hüfo houf getraue ich mir in 
hiufan lugere, ululare zu suchen, dessen praet. houf pl. hufum 
lautet (Graff 4, 837), die labialis schwankt in hiuban, hiupan, 
was sich zum goth. hiufan häuf hufum öpirjVötv, ags. heofan oder 
heofian schickt, hiernach ist hüfo oder houf entweder rogus 
oder sepulcrum, wobei geweint, gejammert wird, holzstosz, 07x0?, 
hügel des weinens, der wehklage, ein treffender ausdruck für 
den Scheiterhaufen des alterthums, der allmälich in den begrif 
der anhäufung überhaupt erkaltete ***. zugleich würde nun ver- 
ständlich, warum ahd. hiufo und hiufaltar rubus, tribulus, pa- 
liurus bezeichnen (Graff 4, 836), denselben strauch, der zum 
leichenbrand geschichtet wird, den dorn des trauerns. das ags. 

* Weigand (ortsnamen 287) erklärt daraus Hapesfeld für Hatzfeld. 
** ein scheiterpuschen angezünt. Schade pasq. 22, 111. 

*** altn. hiupr linteum ferale, hiup fcera, hiupa ferali linteo induere. fornald. 
sog. 1, 456. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 251 

heope , hiope ist rosa silvestris , dornröschen , mhd. hiefe , engl, 
hep, hip, dän. hybe, schwed. njupoii; dem dorn selbst legt der 
Volksglaube fortwährend eine heilige bedeutung bei, wofür auch 
der name schlafdorn, altn. svefnporn zu erwägen bleibt, merk- 
würdig scheinen das slavische koupa acervus und kupina rubus 
in gleicher weise einander zu begegnen, früher nahm ich Ver- 
wandtschaft zwischen unserm häufe und dem lat. copia an, welche 
aber schon der Wahrscheinlichkeit weichen musz, dasz copia zu 
ops und opus gehöre und aus conopia, dessen zusammenziehung 
das o verlängerte, entspringe, ja mit küpa oder kupina könnte 
selbst kupalo, die sl. benennung des Johannisfeuers, gleich je- 
nem bocksdorn, zusammenhängen, oder das altsl. schipok rosa 222 
canina, russ. schip' dorn, böhm. sip, sjpek hagedorn mit jenem 
hiufo, hiefo, da slav. seh öfter unserm h entspricht. 

Bustum wird in ahd. glossen (Diut. 1, 167), nach beiden 
lateinischen bedeutungen, übertragen fiuristat, dar man prinnant, 
edo daz crap taotero, edo crap toandero (gl. Ker. 46.), ubi ho- 
mines comburuntur aut sepultura mortuorum ; dann auch durch 
aimuria, eimurra, altn. eimyrja, ags. aemyrie, d. i. glühende asche 
im gegensatz zu falawisca, der todten asche *. die tradit. fuld. 
nennen ein dorf Beinrestat, d. i. peinirö stat, locus ossium. 

Zuletzt sei noch einer in alemannischen landstrichen cranof- 
baren benennung gedacht, mit welcher man vorchristliche, heid- 
nische grabhügel unter dem volke kennzeichnet, sie heiszen dort 
Schelmenacker, schelmengrube, schelmengasse, oder auch blosz 
schelm und schelme ^. ahd. scalmo, scelmo drücken aus pestis, 
lues (GrafF 6, 491), jeuer name scheint also auf die durch eine 
Seuche oder Schlacht weggeraften menschen zu gehn, wie ahd. 



* iz zergät und wirt ein valewisk, Diemer 286, 7. — Otfrid von der auf- 
erstehung redend V. 20, 25. 

thie selbe irstantent alle fon thes lichamen falle, 

fon themo fülen legare, iro werk zi irgebanne, 

üz fon theru asgu, fon theru fulaivisgu, 

so wanne soso iz werde, fon themo irdisgen herde. 
er würde nicht von asga und falawisga (mhd. falwische altn. fülski. Graff 3, 497) 
geredet haben, wäre ihm nicht das verbrennen der vorfahren bekannt gewesen. 

' Mones Urgeschichte des badischen landcs 1, 215 — 218 hat eine menge 
von belegen. 



252 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

wuol strages clades, das ags. vol hingegen Ines, pestis besagt, 
beide rühren an den begrif der walstätte. beachtenswerth ist 
ein« von Mone s. 215 beigebrachte angäbe aus dem jähre 1475 
'im brand zen haidengrebern', hier hat sich, scheint es, unter 

' dem Volk die erinnerung an das verbrennen fortgepflanzt. 

Ich wende mich zu den FRANKEN, auch bei diesem tief 
in Gallien eingedrungnen volksstamm, dessen übergewicht und 
frühere geschichtschreibung vorzugsweise nachricht über die be- 
stattung der todten erwarten lassen sollte, gehn wir leer aus an 
unmittelbaren Zeugnissen. Gregor und Fredegar, denen der heid- 
nische brauch sicher noch bekannt sein muste, enthalten sich 
seiner zu erwähnend im jähr 1653 wurde zu Tournay ein rei- 
ches grab entdeckt, in welchem sich ein schwert mit goldnem 
grif, eine goldschnalle, über hundert römische goldmünzen, alle 
des fünften jahrh., dreihundert goldne bienen, die knochen eines 
groszgewachsnen mannes, daneben der schädel eines Jünglings 
fanden, die eisenklinge des Schwertes zerfiel an der luft, alles 
übrige ist sorgsam zu Paris aufbewahrt '^. höchst wahrscheinlich 
sind es die Überreste Childerichs, der • im jähre 481 noch als 

223 Heide starb (erst sechzehn jähr später gieng sein söhn Chlodo- 
vech über zum christenthum) und im königssitze Tornacum be- 
stattet wurde, diese merkwürdigen alterthümer, erneuter be- 
trachtung werth und bedürftig, lassen gleichwol nicht bestimmt 
auf einen dem bestatten vorausgegangnen leichenbrand schlieszen, 
obschon jenes Jünglings vom rümpf gelöster schädel, als eines 
mit verbrannten, vielleicht dahin weist. 

Das salische noch zur zeit des heidenthums abgefaszte volks- 
recht konnte fast nur da, wo aus missethaten anlasz zur com- 
position entsprang, also wo von beraubung der grabhügel die 
rede ist, gelegenheit haben des leichenbrands zu denken, in der 
that liefert titel 55 de corporibus exspoliatis zwar nicht durch 



' Freilich im Hunibald steht einmal : Salagastus moritur et combustus urnae 
imponitur. Trithemii opera, Francof. 1601 fol. p. 83. 

* Chifletii anästasis Childcrici. Antv. (1655) 1661. Mabillon ceremonies 
sepulcrales des rois de France. — [gesta Treviror. (Pertz 10, 131): Trebete mor- 
tuo Hero filius in principatu successit, qui patrem secundum ritum gentilitatis 
igne combustum in vertice Jurani montis tumulavit.'] 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 253 

die fassung des textes selbst, wol aber durch die beigefügten 
malbergischen glossen, wenn ihnen die rechte auslegung abge- 
wonnen wird, unverkennbare beweise. 

Es sind hier zwei fälle unterschieden, der erste, si quis 
corpus occisi hominis antequam in terra mittatur, exspoliaverit, 
worauf blosz 2500 denare stehn, und si quis corpus jam sepul- 
tum effodierit, et expoliaverit, wofür 8000 denare zu entrichten 
sind, auszerdem dasz der thäter zugleich aus dem lande ver- 
bannt wird und von niemand aufgenommen und beherbergt wer- 
den darf, bis er sich mit den verwandten des todten ausgesöhnt 
habe, es scheint jedoch nur von bestattung des leichnams und 
ausgraben des bestatteten die rede, ein vorgängiges verbrennen 
durch den ausdruck corpus, der für asche und gebein nicht recht 
taugt, fast ausgeschlossen. 

Indessen findet sich zu dieser Verletzung des grabs und aus- 
grabung der leiche die merkwürdige glosse thornechale, thurni- 
chale LV, 3; turnicale, tornechallis sive odocarina ', thurnichalt 
(1. thurnichall oder chali) 3, 4; thornechales, turnichalis 143, 1. 
in thurni, thorne liegt ganz deutlich das goth. paurnus, ahd. 
dorn vor äugen, dessen bezug auf den leichenbrand schon so- 
viel andere benennungen rechtfertigen, in chale chali chalis chal- 
lis erblicke ich das im text selbst tit. XLI und 227 erscheinende, 
durch die Zusammenstellung mit ramis erläuterte callis hallis allis. 
challus oder challa vergleicht sich dem ahd. hala siliqua, win- 
tarhalla labrusca (Graff 4, 851. 859); winterhehlen heiszen nach 
Nemnich noch in Oestreich herlinge ; thurnichallus oder wie man 224 
die endung bilden wolle, drückt also dorngezweig, dorngeflecht, 
dornschichte aus, womit man ursprünglich den Scheiterhaufen, 
dann aber, wie bustum und xacpo? in den begrif des grabs über- 
giengen, den grabhügel bezeichnete, man dürfte bei challus auch 
ans goth. hallus petra, altn. hallr lapis und höll aula, ags. heal, 
ahd. halla steinsal denken und thurnichallis auffassen als dorn- 
halle, dornstein; seit das verbrennen mit dem begraben tauschte, 
konnte es natürlich sein, dasz der bisher geheiligte dornstrauch 



' Odocarina berichtige ich in chreotargina cadaveris sepimentum. lex sal. 
ed. Merkel s. LIll. 



254 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

auch auf das unverbrannte leichen umschlieszende grab gepflanzt 
wurde, es geschah vielleicht aus ähnlichem grund auch bei den 
hügeln verbrannter leichen. hierzu stimmt sogar die ahd. glosse 
thornhüs ram (gl. Ker. 236. Hattemer 203''.) dornhüs rar (Diut. 
1, 270), wo ich statt des sinnlosen rar und ram vorschlage zu 
lesen ramnus, rhamnus oder ein romanisches ramale, ramata, in 
beiden fallen scheint damit ein bedornter grabhügel gemeint, 
ferner dürfte man tit. XLI 'de ramis aut hallis cooperuerit' 
durch ein bedecken mit ästen und steinen deuten; dadurch wird 
nun auch in einer Urkunde des Jahres 786 bei Wenk im dritten 
band der ausdruck 'tumuli qui vocantur hagenhougi' vollkommen 
erläutert, es sind dornhügel, von hagan paliurus und houc tu- 
mulus ^. diese einzige glosse thurnichallis versichert uns also, 
wenn man meinen erörterungen folgen mag, dasz die Franken, 
gleich den übrigen Deutschen, ihre todten auf dörnern verbrann- 
ten und zugleich einen dorn über der grabstätte pflanzten. 

Noch unsern Volksliedern ist es unvergessen, dasz auf oder 
vielmehr aus gräbern dorn und weiszdorn sprieszen. in der 
sageberühmten schlacht Carls des groszen mit den Heiden, als 
der gefallnen leichen unerkennbar untereinander lagen, geschah 
ein wunder: man fand bei anbrechendem tag durch jeden Hei- 
den einen hagedorn, bei jedes Christen haupt eine weisze blume 
gewachsen, ich will Strickers worte selbst ausheben, 11 8\ 

(10854 B.): 

zwei ungelichiu wunder 

sach man an in beiden: 

durch iegelichen beiden, 

der da ze tode lac erslagen, 

gewahsen was ein süre hagen; ^ 

225 die beiden wären rehte gestalt, 

als waeren si sehs jär alt, 

' aus hagan, mhd. hagen paliurus entsprang das nhd. hain, eigentlich dumus, 
dumetum, zuletzt lucus, silva überhaupt. 

^ bei Schilter: was gewahsen ein- hagen; ich bessere nach Trist. 449, 12 
und schalte in der folgenden zeile 'beiden' ein, da das sechsjährige aussehn, in 
vcrschrumpfter zwerggestalt , auf die hagendürner selbst nicht zu beziehen ist. 
[hagedorn Schimpfname. Berthold s. 56. de Hagedornste'n. Seibertz 2, 295. ge- 
richt unter dem hagendorn. RA. 797.] 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 255 

sus lägen die imwerden 

gezwicket zuo der erden; 

die cristen lägen baz hindan, 

dö sach man iegelichem man 

gar bi smem houbte stän 

ein wizen bluomen wol getan. 

do die werden pilgerine 

von des liebten tages scliine 

die hagendorne sähen, 

begunden sie dar gäben 

und sähen die beiden so geschant, 

daz bime zeichen wart erkant, 

ir sele verlorn waeren 

und aller genäde enbaeren; 

die cristen lägen michels baz, 

got het an in erzeiget daz, 

daz er ir helfer wolte wesen, 

dos also lägen üz gelesen 

gezieret mit den bluomen wiz: 

got het siner genäden fltz 

an ir lichnämen do bewant. 
in des pfaflPen Conrad Überlieferung, wie bei Turpin selbst, geht 
das alles verloren; doch auch eins der altfranzösischen gedichte 
meldet, dasz um die beerdigung der auf dem Schlachtfeld ver- 
mischt liegenden leichen zu vollbringen ein gebet wunder ge- 
wirkt habe und früh morgens alle Heiden in dörner verwandelt 
gewesen seien, die nicht blühen können^, darunter scheint 
oflPenbar der schwarzdorn, spina, verstanden, der, wo genau ge- 
sprochen wird, dem weiszdorn rubus entgegen steht, und den 

* Monin roman de Roncevaux. Paris 1832 s. 52. den beiden Olivier läszt 
diese sage (s. 38) wol mit absieht bei einem weiszdorn sterben : 
desoz un pin, delez un aiglentier, 
la trova mort le cortois Olivier. 
[li dus tresbucbe d'ales nn aiglentier (vom sterbenden Begon). Garins bei Mone 
8. 232. de rensas et despinas e daiglentiers. Girart bei Bartsch 14, 10. Merlins 
grab bei einem sehr alten dornstrauch. San Marte sagen von Merlin s. 13. wie 
kommt Wirnt 19(j, 4, als er von dem wilden mut eines kämpfenden beiden redet, 
zu dem bild: darinne der tot, als ein dorn in dem meien blüete? 



256 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

Heiden zum opferbrand diensam war. bedeutungsvoll aber nann- 
ten die Franken jene grosze walstätte Ronceval, span. Ronces- 
valles, bei Turpin Runciae vallis, von runcia, franz. ronce rubus, 
sentis, und dieser altfränkischen sage ^ traue ich noch ein nach- 
gefühl des heidnischen begriffes thurnichallis zu. 
226 Um nochmals zum salischen gesetze zurückzukehren, nimmt 

man tit. XLI, wo von einem werfen des getödteten in den brun- 
nen und zudecken mit reisern und dörnern die rede ist, callis 
entschieden für dörner, so verdient der zusatz 'aut incenderit' 
in 318 (ed. Merkel s. 86) hervor gehoben zu werden, weil coope- 
rire et incendere an den leichenbrand mahnt und formelhaft 
hierher übertragen scheint, wo gar kein brand angewandt wäre, 
diese worte gewährten dann den einzigen bestimmten ausdruck 
des textes selbst für das verbrennen, [entscheidend aber ist 
tit. CV die Überschrift creodiba, chreothiba (vorr. p. XL VI) 
leichenbrand.] 

Was bedeuten die worte: si quis cheristadona (cherista- 
duna, aristatonem) super hominem mortuum capulaverit, mit der 
malb. glosse madoalle oder mandoado 144 und 256? charistado 
cheristado haristato aristato scheint mir eine auf dem grabhügel 
am ofnen weg, wohin die heidnischen gräber gelegt zu werden 
pflegten, errichtete heerseule oder irmenseule. die kaiserchronik 
meldet z. 624, dasz die Römer des getödteten Julius Caesar ge- 
bein auf (vielmehr unter) einer irmenseule begruben, ganz wie 
die griechischen hermen auch am wege standen ^. [man erwäge 
avara imago, statua, pyramis, irmansül, aber auch pyra, ignis, 
flamma, Graff 1, 181. Criachesavara myth. 272.274.] aus Pau- 
lus Diaconus wissen wir, dasz die Langobarden Stangen (per- 
ticas id est trabes) an ihren gräbern errichteten, und der cha- 
ristadonen scheinen mehrere auf einem grab gewesen zu sein, 

' die geschichte redet blosz von einem treffen der Franken mit dem Vasco-. 
nen im jähre 778. Eginhart cap. 9. 

^ vgl. deutsche myth. s. 105. 107. Heinrichs von Müglein ungrische chronik 
(nach Keza) erzählt, wie Kewe der Hennen feldherr bei Tulna in der scblacht 
gegen Dieterich von Bern blieb : do kamen die Hewnen und hüben iren haubt- 
mann auf und machten ein steinen sewl pei der strasze und pestaten in mit seiner 
geselschaft, die des wirdig waren, man halte hierzu hernach den slavischen be- 
stattungsbrauch. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 257 

da von einem jeden (unoquoque) die gesetzte busze von 600 de- 
naren zu zahlen ist. 339 heiszt es schlecht erläuternd: si quis 
aristatonem, hoc est stapplus super mortuum missus, capulaverit, 
aut mandualem, quod est ea structura sive selave, qui est pon- 
ticulus, sicut mos antiquorum faciendum fuit, qui hoc distruxerit 
aut mortuum exinde expoliaverit, de unamquamque de istis 600 
denarios culpabilis judicetur. in diesem barbarischen satz ist 
staplus das ags. stapol, ahd. staphol, altn. stöpull columna, ba- 
sis, fulcrum, dän. stabel pila; mandualis oder mondoalle ein git- 
ter, wenn das ags. mond, engl, mound corbis und Ducange s. v. 
mandalus, clausura zur erklärung genommen werden darf*, se- 
lave, silaue, 144, 4 sogar si levaverit, vermag ich gar nicht zu 
deuten, endlich 145: si quis hominem mortuum super alterum 
in nauco (naufo naupho naucho) aut in petra miserit, malb. edul- 
cu8 (idulgus vgl. altn. dylja celare), sol. 35 culpabilis judicetur. 227 
naufus scheint ein sarg zu sein **, denn Gregorius turon. de 
gloria confess. sagt: sancta Corpora pallis ac naufis exornata, 
reliquien in kostbare tücher gewunden und in sarge gelegt; viel- 
leicht hängt nauchus nauphus mit unserm nachen und dem lat. 
navis zusammen (vgl. altn, nöi vasculum) und mit dem heidni- 
schen brauch im schiffe zu begraben, in schiffen leichen zu ver- 
brennen oder den sargen und gräbern gestalt des schiffes zu 
geben, beides zu schiffen und sargen werden bäume ausgehölt, 
und wenn tit. 18 der lex Bajuv. de mortuis et eorum causis mit 
einem capitel de navibus schlieszt, so kann dabei dieser Zusam- 
menhang obwalten. 

Alle diese in erwägung gezognen stellen des salischen ge- 
setzes bieten noch mehrfache dunkelheit dar und lassen zwar in 
der glosse thurnechallis den leichenbrand vorblicken, gewähren 
aber über das begräbnis selbst so vielfache bestimmungen, dasz 
man der annähme sieh kaum enthalten kann, unter den Franken 
habe schon vor ihrer bekehrung auch das begraben neben dem 
verbrennen geherscht. was in Benedicts capitularien 2, 197 

* nach Dioscorides 4, 37 nannten die Daker den ßaxos oder sentis |j.avT£Ta. 
sollte es zu mandualis, mandoado gestellt werden können? 

** vgl. goth. naus , navis und navistr. nofus gefdsz. Guerard prol. zu tom. 
I. CXCIV. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 17 



258 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

(Pertz 4'', 83) gesagt ist: admoneantur fideles ut ad suos mor- 
tuos non agant ea, quae de paganorum ritu remanserunt, ist zu 
unbestimmt, als dasz man daraus für die eine oder andre be- 
stattungsweise etwas folgern dürfte. Rogge (über das gericlits- 
wesen der Germanen s. 38. 39) stellt mit gewohnter kühnheit 
auf, das begraben sei die regel gewesen und habe für den na- 
türlichen tod, das verbrennen für die ermordeten, in der fehde 
und dem Volkskrieg gefallnen gegolten, das wergeld habe nur 
von dem noch im grabe liegenden leib Jtönnen gefordert werden, 
an beweisen hierfür gebricht es ganz. 

Die, wie es scheint, zu anfang des achten jh. abgefaszte, 
in Mabillons acta Bened. gedruckte vita Arnulfi metensis ent- 
hält cap. 12 eine wichtige meidung, nach welcher sich nicht 
zweifeln läszt, dasz zur zeit Dagobert des ersten, folglich noch 
in des siebenten jh. erster hälfte die heidnischen THURINGE 
ihre todten brannten, als nemlich im gefolge des Frankenkö- 
nigs Arnulf nach Thüringen gelangt sei (patrias Thuringorum 
intrasset), habe sich an einem orte daselbst ein kranker, dem 
sterben naher Jüngling befunden, mit welchem Oddilo, einer der 
vornehmen in des königs geleite, verwandt und befreundet war. 
bei der bevorstehenden abreise des königs sei nun diesem Od- 
dilo in seiner bekümmernis und angst kein andrer rath geblie- 
ben als den befehl zu ertheilen: ut languentis capite amputato, 
cadaver 'more gentilium' ignibus traderetur; vielleicht wollte er 
die asche mit sich führen. Arnulf jedoch um hilfe angegangen, 
228 habe durch sein gebet des kranken gesundheit hergestellt, das 
abschneiden des haupts erklärt etwa den unverbrannt bestatte- 
ten Jünglingsschädel in Childerichs grab; genau aber stimmt zu 
der herulischen sitte sich ihrer abgelebten greise zu entledigen 
oder der skythischen und altnordischen ihre alten vom fels zu 
stürzen, dasz auch in Thüringen gestattet war, aufgegebnen und 
verzweifelten siechen, bevor der natürliche tod eintrat, das leben 
zu nehmen, wodurch sie wol gar erst des feuerbrandes würdig 
wurden, aus der lex Angliorum et Werinorum steht für diesen 
nicht das geringste zu gewinnen. 

Noch minder als bei Franken und Thüringen läszt sich un- 
ter den länger dem heidenthum anhängenden SACHSEN das 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 259 

verbrennen der todten in abrede stellen, die epist. 72 Bonifacii 
(ed. Würdtw. p. 192) vom jähre 745 besagt: nam in antiqua 
Saxonia si virgo paternam domum cum adult^rio maculaverit, 
aliquando cogunt eam propria manu per laqueum suspensam 
vitam finire, et super bustum illius incensae et concrematae cor- 
ruptorem ejus suspendunt; die an sich selbst band an zu legen 
genöthigte wurde nachher verbrannt, weil es brauch war alle 
todten zu verbrennen, das im jähre 785, wahrscheinlich zu Pa- 
derborn ergangne capitular Carl des groszen verordnet cap. 7 
(Pertz 3, 49) : si quis corpus defuncti hominis secundum ritum 
Paganorum flamma consumi fecerit et ossa ejus ad cinerem re- 
degerit, capite punietur; und cap. 22: jubemus ut Corpora Christia- 
norum Saxanorum ad cimeteria ecclesiae deferantur et non ad 
tumulos Paganorum. diese an ihrer gestalt kennbaren tumuli 
und der brand war den bokehrern ein so groszer greuel als das 
essen des pferdefleisches. 

Dasz im zehnten und eilften jh. unter dem niederdeutschen 
volk noch manche erinnerung an das verbrennen der todten 
haftete, verraten uns züge bei den geschichtschreibern. Thiet- 
mar von Merseburg erzählt 1, 7, zur zeit bischofs Balderich von 
Utrecht (928 bis 977) habe ein priester in der morgendämme- 
rung eine neuerbaute kirche zu Deventeri betretend die todten 
opfer bringen sehn und sei in der folgenden nacht, als er auf 
des bischofs geheisz in der kirche wache hielt, von den geistern 
heraus geworfen, endlich in der dritten nacht von ihnen ergrif- 
fen und dem altar gegenüber zu asche verbrannt worden: et 
ecce solita venientes hora elevaverunt eum, coram altari eum 
ponentes et in favillas tenues corpus ejus resolventes, der volks- 
wahn liesz diesen verstorbnen geistlichen von (heidnischen) gei- 
stern, denen der kirchenbau zuwider war, den flammen über- 
geben, als im jähre 1017 zu Magdeburg feuer ausgebrochen 229 
und ein geistlicher darin verbrannt war, sammelte man sorgfäl- 
tig die asche : corporis perusti tenues favillas mane patres sum- 
opere colligentes suis apposuere praedecessoribus. Thietmar 7, 43. 
das wäre nichts heidnisches und noch heute bleibt das gebein 
der im feuer verunglückten nicht unbegraben; allein der beide- 
mal gebrauchte ausdruck 'tenues favillae' scheint mir noch einen 

17* 



260 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

unterschied zwischen der asche des leibs und des holzes anzu- 
deuten, auf welchen man sich bei Verbrennung der leichen ohne 
zweifei wol verstand : es ist das was Horaz 'favilla nigra' nennt 
im gegensatz zum cinis e carbonibus. 

Gewis deuten einzelne Ortsnamen sächsischer gegenden auf 
heidnische brennstätten ; ich will einige hervorheben, in Gel- 
dern liegt ein dorf Eede, wahrscheinlich von ed, ags. ad, ahd. 
eit ignis rogi. Kemble no. 983 hat Adeshäm, heute Adisham 
in Kent, was in ahd. Eitesheim zu übertragen wäre. Balahor- 
non der trad. corb. §.51, Balehornon in pago Pathergö des re- 
gistr. Sarachonis 209, [urk. bei Wigand arch. 2, 100. 102, vita 
Meinw. bei Pertz 119..139. 156. 159,] Baleharnon in der Frecken- 
horster rolle 15. 31. 34. und in Kindlingers münst. beitr. 2, 59, 
die heutige bauerschaft Ballhorn im kirchspiel Enniger und wol 
noch anderwärts in Niedersachsen ^, leitet sich zurück auf bäl 
rogus, ags. bael, altn. bäl und horna angulus, ags. hyrne, fries. 
herne, weil man wahrscheinlich in jedem landstrich gewisse ab- 
gelegne örter zum leichenbrand ausersah, im ags. Basle bei 
Kemble haben wir das einfache, jenem Eede vergleichbare wort 
selbst, und in Baeleshäm, heute Balsham ein gegenstück zu Ades- 
häm ^. Falke trad. corb. 792. 795 führt aus braunschweigischen 
Urkunden eine villa Sekere [in Helmstädter urk. a. 1160 Sikere. 
Thür. verein 1. 4, 40] an, die ich einmal wagen will jenem ahd. 
saccari rogus an die seite zu stellen, wenigstens sonst gar nicht 
auslegen könnte, sollte nicht im itiner. Antonini der ortsname 
Combusta oder ein Combustica in Mysien *, gleich jenem Busta 
Gallorum und Jedensbeige in Oestreich statten des leichenbrands 
anzeigen ? 

Die trad. corbeienses 229 gewähren den seltnen raanns- 

' auch die trad. fwld. cap. 6 s. 41 ed. Dronke haben 'in villa Balhurne', 
man sieht nicht wo gelegen, [in Balahorna. Wenk 2 urk. no. 12. heute Balhorn 
in Niederhessen, amts Naumburg. Landau Hessengau s. 217. 218. Baiberg Heine- 
mann Gernrode 166. 168.] 

* Svilberg, der name eines sächsischen gaus [Suilbergiorum marca. tr. corb. 
465 Wig.], scheint brennberg, ahd. Sulziberg cod. lauresh. 2703 für Suiiizobcrg, 
von suilizo incendium. [Eitberg, heute Eidberg bei Winterthur. Meyer no. 731. 
habsb. urb. 208, 4. 244, 16. Eitler, Eidelerberg bei Usseln im Waldeckischen.] 

* vielleicht aber ist combustica dürres verbranntes land, gr. xotxaxexctuiJ.^VTj. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 261 

namen Horobolla, welcher ungefähr bedeuten musz urna lutea, 
aschenkrug. bei den Sachsen^ wie aus einer in Albrechts von 
Halberstadt gedieht vorzunehmenden Verbesserung des textes er- 
hellt, hiesz im mittelalter der scheiterhaufe rate mhd. räze, was 
dem altfr. re entspricht und aus dem lat. crates abzuleiten ist. 
denn crates galt vom rogus wie vom favus, mhd. raze räz, mnl« 
rate, frz. ree, rai de miel. Haupt 8, 421. 

In niederdeutschen gräbern finden sich niölit allein ver- 
brannte menschenknochen und geräth, das vom leichenbrand 
verbogen und gesprengt wurde, sondern auch unverbrannte, 230 
und Sachen, die keinem brand ausgesetzt waren '. gehören diese 
hügel dem Sachsenvolk oder einem andern deutschen an , so 
ist offenbar, dasz die leichen, nach einem uns unbekannten un- 
terschied bald verbrannt, bald unverbrannt begraben wurden. 

Alle bisher für den leichenbrand unter gothischen, hoch und 
niederdeutschen volkstämmen aufgebrachten beweise sind müh- 
sam aus einzelnen glössen und Ortsnamen oder vereinzelten nach- 
richten der gesetze und geschichtschreiber zusammen gestellt 
worden *; ungleich lebendigere und bedeutendere meidungen ge- 
hen aus angelsächsischen und altnordischen quellen hervor, nicht 
nur weil diese auf einer längeren dauer des heidenthums und 
seiner denkmäler sondern auch auf der bei jenen stammen fast 
erloschnen einheimischen poesie beruhen. 

Für die ANGELSACHSEN liefert uns das epos von Beo- 
vulf, dessen jetzige gestalt höchstens dem siebenten oder gar 
achten jh. angehört, dessen grundlage schon von den auswan- 
dernden Angeln und Sachsen nach Britannien mitgebracht wurde, 
die Schilderung zweier groszer Scheiterhaufen, die freilich prächti- 
ger und geschmückter hervor treten, als des Römers einfache 
beschreibung ergab, der erste leichenbrand ist der des beiden 
Hnäf (ahd. Hnebi), nach dem es auch in einer urk. von 976 

' Lisch meklenb. jb. 11,368 — 372. was alles Bolten (Ditmarsische gesch. 
1, 315 — 310) von gräbern und leichenbrand meldet ist schmählich erdichtet. 

* in unsern kindermärchen werden noch öfter Scheiterhaufen angezündet 
no. 3. i). 10, wie in den nordischen (s. 55). gelübde zwischen ehgatten, sicli mit 
dem gestorbnen lebendig begraben zu lassen, KM. no. 16. nach einem märchen 
sollte Snewlttchen nach dem tode von den zwergen verbrannt werden, bd. 3, 88. 



262 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

bei Kemble 3, 130 heiszt tö Hnäfes scylfe, zur bank oder zum 
stul (engl, shelf) des Hnäf. die ganze ron 2207 — 42 reichende 
stelle musz hier ausgehoben und erwogen werden. 

ad väs geäfned and icge gold 

ähäfen of horde herescyldinga, 

betst beadorinca väs on bael gearu. 

ät päm ade väs edgesj'ne 

sväJkfäh syrce, svin ealgylden, 

eofer irenheard, ädeling manig 

vundum ävyrded, sume on väle crungon. 

het pä Hildeburh ät Hnäfes ade 

hire selfre sunu sveolode befästan, 

bänfatu bärnan and on bael don, 

earme on eaxle. ides gnornode, 

geomrode giddum, güdrinc ästäh, 

vand tö volcnum välfyra msest 

hlynode for hläve, hafelan multon, 
231 bengeato burston, ponne blöd ätspranc, 

lädbite lices lig ealle forsvealg, 

gaesta gifrost pära pe paer güd fornam 

bega folces, väs hira blaed scacen. 
da die ganze erzählung von Hnäf nur eine episode des gedichts 
bildet, bleibt in den persönlichen Verhältnissen einiges dunkel. 
Hnäf war, wie aus Vidsides liede erhellt, ein Höcing, also chauki- 
sches geschlechts, und die Schlacht, worin er fiel, auf friesischem 
gründe geschlagen, weshalb alle diese gebrauche für Friesland 
mitgelten müssen. Hildeburg, Höces tochter (2] 46) verlor in 
der Schlacht geliebte kinder und brüder, ich nehme den Hnäf 
für ihren bruder, auf dessen Scheiterhaufen sie zugleich den ge- 
fallnen söhn bringen, und mit dem arm an jenes achsel stellen 
liesz, earme scheint instrumentalis. sveolod von svelan brennen 
ist ein mit ad gleichbedeutiges wort für die glut. auszerdem 
waren andre im kämpf gebliebne krieger, das blutige hemd des 
Hnäf, sein eberhelm und schweres gold auf den holzstosz ge- 
legt, unter lautem wehklagen Hildeburgs erhob sich nun die 
gierige um den hügel spielende flamme und des beiden geist 
erstieg mit ihr in die luft: so glaube ich das 'güdrinc ästäh' 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 263 

auslegen zu dürfen, denn ein steigen des todten auf den Schei- 
terhaufen kann unmöglich damit gemeint sein; oder wäre zu 
ändern güdrec, heftiger rauch? [vgl. vudurec ästäh. 6280.] 

Die zweite stelle am ende des ganzen lieds geht auf den 
gefallnen Beovulf selbst 6268 — 90 

him pä gegiredon Geäta leode 
ad on eordan unväclicne 
helmbehongne, hildebordum, 
beorhtum byrnum, svä he bena väs. 
älegdon pä to middes maerne peoden 
häled hiofende hläford leofne. 
ongunnon pä on btorge baelfyra maest 
vigend veccan: vudurec ästäh 
sveart of svicpole, svogende let 
vope bevunden, vindblond (ne) geläg, 
od pät he pä bänhüs gebrocen häfde 
■ hat on hredre. 

die beiden behiengen den Scheiterhaufen mit helmen, Schilden, 
brunien, legten ihren geliebten herrn in deren mitte und began- 
nen das feuer zu wecken, das nun den leichnam verzehrte, wie 
dort välfyra maest heiszt der brand hier baelfyra maest; vudurec 232 
ästäh käme dem vorhin gemutmasten güdrec ästäh zu statten: 
schwarzer rauch stieg unter wehklagen (hiofan s. 221) der leute 
prasselnd aus der glut (vielleicht für svicpole zu lesen sviolode?) 
und der wind legte sich nicht, bis das beinhaus (der leichnam) 
gebrochen war. in den folgenden leider beschädigten versen 
wird hinzugefügt, wie die männer über der brandstätte einen 
hohen und breiten hügel aufwarfen, zwölf beiden den hügel um- 
ritten und ihres herrn preis aussprachen, mit verbrannter rosse 
ist in keiner der beiden stellen gedacht. 

Hier sind noch einige andere desselben gedichts: 

bronde forbärnan, on bael hladan. 4247. 
hlaev gevyrcean beorhtne äfter baele. 5600. 
aer he bael eure, bäte headovylmas. 5632. 
pä sceal brond fretan, äled peccean. 6025. 
pe US beägas geaf on adfaere 



264 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ne sceal äiies hvät meltan mid pam modigan. 6012. 

heht pät hie baslvudu feorran feredon, 6219; 
die letzten worte mahnen an das herbeischaffen des holzes zur 
pyra im homerischen epos, welches holz unter bielvudu gemeint 
sei, möchte man wissen. 

Caedmon, da wo Abraham und Isaac, oder die drei män- 
ner im feurigen ofen besungen werden, verwendet überall noch 
die heidnischen ausdrücke; er sagt ad hladan 175, 25, ad und 
bailfyr 173, 3. 4. on biel ahöf 175, 30. 177, 14 ädfyr onbran 
203, 4. bjßlblyse 203, 9. 230, 12. to b«le gebeodan 242, 4. 
die schottische spräche hat bail für feuer und flamme bewahrt; 
es klingt auch an das galische bealteine, beilteine an*. 

In den ags. gesetzen begegnen ebensowenig verböte des 
heidnischen leichenbrands als in den fränkischen und thüringi- 
schen; mehr fällt auf, dasz die canones Edgari, capitula Theo- 
dori, das confessionale Ecgberhti unterlassen abergläubische Über- 
reste des gebrauchs zu rügen, er scheint schon verscljollen. was 
bei Beda 3, 16, als vom anzünden einer Stadt die rede ist, ge- 
sagt wird: advexit illo plurimam congeriem trabium, tignorum, 
parietum virgearum et tecti foenei, lautet in der Übersetzung: 
micelne ad gesomnode on beämum and on räftrum and on vä- 
gum and on vatelum and on pacum. hier drückt ad nicht die 
flamme aus, sondern den gehäuften, geschichteten holzstosz und 
die parietes virgeae sind crates. 

Noch länger als unter den Sachsen dauerte der heidnische 
glaube bei den SCANDINAVEN, noch reichlicher verzeichnet 
233 sind hier die denkmäler in gedieht wie prosa, und hier werden 
die ausführlichsten nachrichten und beispiele für das verbrennen 
der leichen anzutreffen sein, selbst die heutigen sagen und lie- 
der weisen noch manigfach darauf zurück. 

* oa bsele forbärned cod. exon. 312, 25. — die gl. Jun. 374 beel vel aad 
rogus, daher die gl. lugd. bei Haupt 5, 196 beel vel aced (1. aad) und gl. sletst. 
15, 20 beel vel ead vel barst, das letzte begegnet dem ahd. barst und lautet 
sonst ags. herst, berste cremium, fax von herstan, hyrstan rösten, frigere. ad 
pyra, vudufine strues Haupt 9, 464" s. oben s. 220. hreäc strues, acervus. engl, 
reak. ags. pflanzennamen s. 218. Ortsnamen s. 229. Balesbeorg Kemble no. 90. 
sängetporn (1. sänged, ustulatus. vgl. Sengebusch) 5, 184. tö päm ealdan ädfi- 
nie, to päm finie 5, 194. andlang bajle 6, 177. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 265 

Snorri in der vorrede 7A\ seinen königssagen geht sogar 
vom verbrennen aus und meldet, das erste Zeitalter habe bruna- 
öld geheiszen, v^^o man alle todten menschen brannte und über 
ihnen bautasteine aufwarf; als aber Freyr unverbrannt im hügel, 
dem man drei fenster offen liesz, nachher auch der dänische kö- 
nig Danr samt waffen, rüstung, pferd und sattelzeug gleichfalls 
im hügel beigesetzt worden sei, habe dieser brauch zumal in 
Dänmark um sich gegriffen und ein haugs öld begonnen, in 
Schweden und Norwegen das brennen länger angehalten *. in 
Ynglingasaga cap. 8 folgt aber die bestimmtere angäbe, dasz 
erst Odinn das brennen der leichen auf dem Scheiterhaufen ver- 
ordnet und jedem verbrannten aufnähme in Valhöll zugesichert 
habe : so viel von eines gut auf den Scheiterhaufen gebracht sei, 
werde ihm nachfolgen, die asche solle man ins meer schütten 
oder in die erde begraben (also das vom feuer übrig gelassene 
den andern elementen zuführen), nach dieser Vorstellung ist an- 
zunehmen, dasz vor Odins zeit gleichfalls begraben und später 
dazu wiedergekehrt wurde, cap. 10 sagt, nach seinem abieben 
sei Odinn selbst verbrannt und nun das brennen allgemein ge- 
worden; man habe geglaubt, je höher der rauch in die luft auf- 
steige, desto geehrter sei der verbrannte im himmel, wodurch 
sich der vom ags. dichter gewählte ausdruck 'ästigan' bestätigt: 
jeder natürliche mensch beim anblick des leichenbrands muste 
so empfinden '. 

Gleich Odinn war auch Niördr und Odins söhn Baldr ver- 
brannt worden, an Freys leichnam glaubten die Schweden seien 

* Sn. 4 heiszt es bei erschaffung des ersten menschen: gaf homim önd, pä er 
lifa skal ok aldri tynaz, J)6tt likaminn /m/u' at moldu eda brenni at ösku. hier stehen 
in der erde faulen und verbrennen gleich nebeneinander, die vala liegt beschneit, 
beregnet, bethaut in der erde Saem. 94''. ebenso die Gröa: til moldar komin. 
Ssem. 97". dis tumulus, disja tumulare Eyrb. 172. nü ero brüdir byrgdar i haugi. 
Saem. 168'. byrgja ags. byrigean tumulare. peir urpu. hang eptir Gunnar ok letu 
hann sitja upp i hauginum. Niala c. 79 a. 993. nü liggr vorpinn haugi. fornm. 
sog. 12, 72. pä var haugi- eptir Harald vorpinn. 10, 423. er i haug Haudar 
lögdu sikling pann ä Saeheimi. 10, 424. grundu ausinn, haudri huldr. 10, 431. 
' Maria 158, 1 von einem opfer: 

er brant beidiu fleisch und bein; 

do sich der rouch üf bouc, 

der engel al dämite flouc. 



266 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

fruchtbarkeit und friede im land gebunden, darum wollten sie 
ihn nicht brennen, sondern unversehrt im hügel beisetzen, von 
den folgenden königen wurden Vanlandi, Visbur, Domarr, Agni, 
Haki dennoch verbrannt, dazwischen auch einer oder der andre 
begraben, bis endlich die gewohnheit des bloszen begrabens all- 
gemeiner um sich grif. nach Yngl. saga 24 Alfr oc Yngvi heygdr. 
ebenso Ön, Egill, Adils, Yngvar, Halfdan (das. 29.30. 33. 36. 
234 49). Hälfdan svarti wurde in vier stücke zerlegt und an vier 
Stätten beerdigt, um dem land fruchtbarkeit zu verleihen, es gab 
daher mehrere Hälfdanar haugar. Harald wurde unverbrannt in 
den hügel gelegt, nicht anders Häkon gödi samt seinen wafFen. 

Neuere scandinavische gelehrten sind geneigt, alle gräber 
mit ehernem geräth für keltisch zu erklären, die mit eisernem 
und verbrannten leichen den Schweden und Norwegern, grab- 
lager mit unverbrannten leichen und zugäbe des rosses den Dä- 
nen anzueignen, gleichwol ist jene sage von Dan nicht unmy- 
thischer als die von Frey, und ich bezweifle kaum, dasz auch 
bei den Dänen, wie bei den Gothen und den übrigen Germa- 
nen in bestimmter zeit leichenbrand herschte; nur hat er in Nor- 
wegen und Schweden, wie das heidenthum insgemein, sich länger 
behauptet. 

Odinn selbst, wo er auftritt, ist blosz im licht des mythus, 
nie der geschichte zu fassen, verlege man seinen zug aus Sky- 
thien oder Thrakien vor oder nach Christus, wir wissen durch 
Tacitus, dasz zu beginn unsrer Zeitrechnung die Germanen ver- 
brannten; die sitte musz nothwendig unter ihnen weit älter ge- 
wesen sein und ihre einführung kann gar nicht von dem vor- 
dringen der äsen gegen westen und norden abhängen. 

Diese halbgöttlichen äsen und die von ihnen entsprosznen 
beiden und könige unterlagen wie der griechische Herakles, 
gleich allen andern sterblichen, dem tod und Scheiterhaufen; 
wie sollte dessen gebrauch bei dem deutschen volk überhaupt 
nicht in ein unvordenkliches alterthum zurück reichen? 

Ein berühmteres beispiel des leichenbrands gibt es nicht 
als das von Baldr Odins söhn * : nachdem er durch verrat allen 

* Baldr hne at banapufo (sank zum todeshügel) Sa;m. 117". vgl. arapüfa 84''. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 267 

unerwartet und zu tiefer trauer gefallen war, brachten die äsen 
seine leiche zur see auf ein schif und errichteten da den Schei- 
terhaufen. Nanna seine frau starb vor groszom härm und wurde 
auch in die flammen gelegt, welche Thörr mit seinem hammer 
weihte ; einen ihm vor den fiiszen laufenden zwerg ^ stiesz er 
gleichfalls in die glut, Baldrs pferd wurde herangeleitet und 
mit allem Sattelzeug verbrannt, Odinn that seinen kostbaren ring 
Draupnir hinzu und hatte dem geliebten sehn, bevor ihn die 235 
flamme verzehrte noch worte ins ehr geraunt '^. noch dem könig 
Heidrekr legt in Hervararsaga cap. 15 Gestr die frage vor: 
hvat maelti Odinn i eyra Baldri, 
ädr hann var ä bäl borinn? 
und dem Vafprudnir (Soem. 38) Gangrädr: 

hvat maelti Odinn, ädr ä bäl stigi * 
sialfr i eyra syni? 
wie Vegtamr die vala fragt; 

hverr mun hefnt Hedi heipt of vinna, 
eda Baldurs bana ä bäl vega? 
woraus sich ergibt, dasz Hödr, der den Baldr unwissend er- 
schossen hatte, zu Vergeltung (von Rindrs neugebornem söhne 
Vali) getödtet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden 
sollte; das wird auch gesagt in Völuspä 38. bei dieser leichen- 
feier Baldrs treffen wir also das mitverbrennen der gattin, des 
rosses und andrer gegenstände als wesentliche grundzüge; dasz 
im mittelalter bis auf heute das ritterpferd (En. 8041. 8170) der 
leiche folgen musz, erklärt sich aus diesem mitverbrennen, hat 
aber seinen rechten sinn verloren. 
Wenn es Völuspä 26 heiszt 

er Gullveigo geirom studdo, 

* Litr, vielleicht Liotr, deformis, denn die zwerge waren häszlich, der zug 
mahnt an den mexicanischen brauch, auf dem Scheiterhaufen des königs auszer 
seinen dienern auch einige ungestalte männer mit zu verbrennen, die er zum 
Zeitvertreib in seinem palast unterhalten hatte. Klemm 5, 51. [über die weihe s. 
Mannhardts Zeitschrift 4, 295.] 

^ auf Baldrs Scheiterhaufen beziehen sich stellen der hüsdräpa. Laxd. saga 
p. 387. 388. 

* wo ä bäl stiga statt ä bäl borinn verda. — ridr at vilgi vidu (Hroptatyr) 
sonar bäli. Sn. (1848) 1, 234. (Hcinulallr) ridr ut kenti peim er god hlodu. 1, 240, 



268 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ok i höll Härs hana brendo: 
prisvar brendo prisvar borna, 
so drückt das der dreimal wiedergebornen Gullveig dreimaliges 
verbrennen aus, auf jede geburt in die weit folgt zuletzt die be- 
stattung. das geirom stydja läszt ein feierliches legen oder er- 
heben auf sperschäften beim brand vermuten. 

Rührend ist in der eddischen Bryuhildarqvida Sigurds und 
Brynhilds scheiterhaufe besungen; das muste in den hörern des 
lieds ganz andern eindruck hervorbringen, als Siegfrieds, wenn 
auch ergreifend dargestellte bevilde in den Nibelungen. Bryn- 
hildr -läszt zwischen sich und Sigurd das schwert legen, wie es 
einmal im bett zwischen beiden gelegen hatte; ihr zur seite soll 
der geliebte mann brennen; ihm zur seite ihre geschmückten 
dienstboten, zwei zu häupten und zwei habichte; wenn ihm fünf 
mägde und acht diener folgen *, kann die thür der unterweit 
nicht auf seine füsze fallen, die einfachen worte selbst lauten 
so (Sjem. 225) : 

lättu sva breida borg a velli, 

at undir oss öllum iafnrümt se, 

peim er sulto med Sigurdi. 

tialdi par um pä borg tiöldom ok skiöldom, 

valaript vel fad ok vala mengi, 

brenni mer inn hunska ä hlid adra. 

* avich Saam.215: vgl. 

swelher so welle, 

der var hinze helle, 

heize sin chnehte mit varn, 

da sint si alle mit verlorn. Karajan 11, 1. 2. 
nach Völsung. sag. c. 31 wurde auch Sigmundr, Sigurds dreijähriger knabe (Sn. 141), 
den Brynhild hatte tödten lassen, und Guttorm der mörder, den Sigurd sterbend 
noch erlegt hatte, mit verbrannt. Brynhild tödtet sich vorher dem schwert, wie 
Dido, Sn. 141. Völs. s. c. 31. daher sagt sie Ssem. 226'' undir svella. wenn AtU 
zu Gudrun sagt (Saem. 262*): 

brend mundu ä bäli ok barid grioti ädr. 
pä hefir pü annat paztu £e beidiz, 
so bezeichnet das gewaltsamen tod zur strafe; auch Völs. s. c. 38. so auch: 
Hrollaugr let pä foera Heidrek konung til skogar ok skyldi hann par ä bäli brenna, 
fornald. sog. 1, 461. hun bad pa konu ä bäli brenna, er hygdi at svikja hann. forn- 
ald. 1,460. über feuertod als strafe vgl. Niebuhr 2, 417. die kinder sammeln holz, 
um Judas auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Firmenich 1, 458. vgl. unten s. 240. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 269 

brenni enum hunska ä hlid adra 

mina piona menjum göfga, 

tveir at böfdum ok tveir haukar: 

pä er öllu skipt til iafnadar. 

liggi ockar eiin i milli mälmr hringvaridr, 

cgghvast iarn svä endr lagit, 

pä er vit b^edi bed einn stigom, 

ok hetom pa hiona nafni. 

hrynja hänom pä ä hoel peigi 

blunnblik hallar hringi litkod, 

ef hänom fylgir ferd min hedan, 

peigi mun vär för anmlig pyckja, 

pviat hänom fylgja fimm amböttir, 

ätta pionar edlom gödir, 

föstrman mitt ok faderni, 

pat er Budli gaf barni sino. 
auch ihre milchschwester (föstrman, coalumna) und all ihre vä- 
terliche mitgift (faderni) ward verbrannt, mit bemerkenswerther 
abweichung heiszt es in dem prolog zu helreid Brynhildar, nach 
ihrem tode seien zwei holzstösze errichtet worden, einer für Si- 
gurd, der brann zuerst, und Brynhild ward hernach verbrannt, 
sie fuhr auf einem mit kostbarem gowand bedeckten wagen ihren 
helweg; vgl. Nornagests saga cap. 9 *. 

Diener, rosse, hunde^ falken, waffen wurden mit verbrannt, 
um den beiden bei ihrer ankunft in der unterweit alsbald wie- 
der zur band zu sein, weil man sich vorstellte, dasz dort die 
irdische lebensart ganz auf die alte weise fortgesetzt werden 
sollte, in der Vilkinasaga cap. 246. 247 (273. 274) ist berichtet, 
wie Dietrich von Bern den Iron unter einem hoch von balken 
aufgerichteten gerüste bestatten liesz und auf dem gebälk pferd, 

* Brynhild sagt auch von Guärün 224: 

SiBinri vaäri Go3rün systir ockor 
frumver sinom at fylgja dauSan. 
Herborg sagt Sxvd. 212*: 

sialf skyldac göfga, sialf skyldac götva, 
sialf skyldac höndla helför peirra. 
diese verba drücken einzelne gebrauche der bestattung aus, vielleicht der Verbren- 
nung, zu götva vgl. sl. gotovati parare. gotvadr = heygdr. Islend. sog. 2, 481. 



270 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

hunde und habichte des todten standen, hier hatte die sage das 
verbrennen schon vergessen und doch die zurüstung des Schei- 
terhaufens beibehalten ^. 

Das mitsterben der ehefrau, obgleich weit unter den Völkern 
verbreitet, scheint vorzugsweise der nordischen und germanischen 
237 Sinnesart überhaupt zusagend, als im jähre 1011 dem berühm- 
ten Niall von seinen feinden das haus über dem haupt ange- 
zündet wurde, wodurch er das leben verlor, wollten sie Berg- 
thora, Nials frau, herausgehn lassen, sie sagte ich bin dem Niall 
jung vermählt worden und habe ihm gelobt, dasz ein Schicksal 
über uns beide ergehn solle : ek var üng gefin Niäli, hefi ek pvi 
heitid honum at eitt skyldi gänga yfir okkr baedi; sie wich nicht 
aus dem haus und liesz sich mit verbrennen, schon Tacitus 
cap. 18 versichert von den germanischen ehfrauen: ipsis inci- 
pientis matrimonii auspiciis admonetur venire se laborum pericu- 
lorumque sociam, idem in paee, idem in proelio passuram ausu- 
ramque. die frau erscheint hier nicht gleich einer dienenden 
magd im geleite des mannes, es war ihr freier wille mit ihm 
zu leben und zu sterben, ein rührendes beispiel dieser treue 
gaben Hagbarth und Sygne bei Saxo 132 St. 345. M., das viele 
Volkslieder feierten; auch Gunilda nach Asmunds tod, bei Saxo 
46 M. [kimbrische frauen. Plut. Mar. 27. selbst Signy stürzt sich 
ins brennende haus, um sich mit ihrem ungeliebten gemahl Sig- 
geir zu verbrennen. Völs. s. c. 8; skal ek nü deyja med Sig- 
geir konungi lostig, er ek ätta hann naudig *.\ 

Dasz aber nicht blosz ehfrauen mitverbrannt, sondern auch 
andre frauen nach ihrem tod verbrannt wurden, lehrt vor allem 
ein allgemeiner spruch in Hävamäl 80, dasz man den tag erst 



' Müllers sagabibliothek 2, 611. 612 theilt eine ganz andre sage, eine offenbar 
jüngere märchenhafte entstellung der sitte mit. in den hügel werden das ge- 
sattelte pferd, Waffen, habicht und hund lebendig eingeschlossen, der todte steht 
nachts auf, friszt habicht und hund auf u. s. w. [vgl. die langob. Stangen mit 
tauben auf gräbern. P. Diac. 5, 34.] 

* auch sol ich niht sümen me, 
ich wirde din geselle 
ze himel oder zer helle, 
sagt Jafite (Wigal. 7705) über ihren todten mann und ihr herz bricht. 7744. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 271 

zu abend loben solle, eine frau erst wenn sie verbrannt ist, d. h. 
nach ihrem tod: 

at qveldi skal dag leyfa, 
kono er breud er, 
wie ein andrer sprach 70 blindr er betr enn brendr se nichts 
ausdrückt als dasz blindheit dem tode vorzuziehen sei. Snae- 
fridr, Haralds härf. vor ihm versterbende gemahlin wurde auf 
dem bäl verbrannt. Haralds saga cap. 25. forum, sog. 10, 207. 
208. ich finde nirgends eine angäbe, dasz frauen geringeres 
Standes vom leichenbrand ausgeschlossen waren, ebenso wenig 
findet sich auskunft über das begräbnis noch ungezahnter kinder. 

Ich will andere Zeugnisse für den leichenbrand im Norden 
anführen, die zugleich seinen Übergang in das blosze begräbnis 
anschaulich machen ^ 

Als in der groszeu Bravallaschlacht (ums jähr 720) könig 
Haraldr gefallen war, liesz könig Hringr des gegners leiche 
w-aschen, schmücken und auf dessen wagen setzen, dann einen 
groszen hügel weihen, die leiche samt wagen und pferd in den 238 
hügel fahren und das pferd tödten. darauf nahm er seinen eig- 
nen Sattel und übergab ihn Haralds leiche, nun zu thun was er 
wolle, nach Valhöll reiten oder fahren, alle beiden, bevor der 
hügel geschlossen wurde, warfen ringe und wafien hinein, so 
meldet das sögubrot in fornald. sog. 1, 387 und hier scheint 
das verbrennen ausgeschlossen. Saxo gramm. gibt s. 147 Steph. 
391 Müll, bei demselben anlasz folgenden bericht: tandem cum 
corpore reperta clava Haraldi manibus parentandum ratus equum, 
quem insidebat, regio applicatum currui aureisque subselliis de- 
center instratum ejus titulis dedicavit. inde vota nuncupat ad- 
jicitque precem, uti Haraldus eo vectore usus fati consortes ad 
tartara antecederet atque apud praestitem orci Plutonem sociis 
hostibusque placidas expeteret sedes. deinde rogum exstruit, 
Danis inauratam regis sui puppim in flammae fomentum con- 
jicere jussis. cumque superjectum ignis cadaver absumeret, 

' auch in der fremde hielten die Normannen den brauch ihre todten zu ver- 
brennen fest, wie uns Regino zum jähre 879 (Pertz 1,591) bezeugt: Nordmanni 
cadavera suorum flammis exurentes noctu diffugiunt et ad classem dirigunt gressum. 
gleich den Gothen bei Sidonius. 



272 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

moerentes circuire proceres impensiusque cunctos hortari coe- 
pit, uti arma, aurum et quodcunque opimum (1. optimum) esset 
liberaliter in nutrimentum rogi sub tanti taliterque apud omnes 
meriti regis veneratione transmitterent. cineres quoque perusti 
corporis urnae contraditos Lethram perferri ibique cum equo et 
armis regio more funerari praecepit. unbedenklich trägt hier 
Saxos erzählung kennzeichen höheres alterthums, lehrt aber mit 
jenem bericht des sögubrot verglichen, wie auch in ähnlichen 
fällen die angäbe des leichenbrands verwischt wurde. 

In dieselbe heldenzeit fallt Starkadr. als Saxo s. 158 Steph. 
406 Müll, dessen tod erzählt, fügt er hinzu: verum ne tantum 
athletam busti inopem jacere pateretur, corpus eius in campo, 
qui vulgo Roelung dicitur, sepulturae mandandum curavit. hier 
kann nicht einmal bustum bestimmt auf verbrennen bezogen 
werden, es meint blosz grab ^. 
239 Nicht übergangen werden darf aber was Saxo s. 87 Steph. 

234 Müll, von seinem dritten Frotho anführt: lege cavit, ut 
quisquis paterfamilias eo conciderat hello cum equo omnibusque 
armaturae suae insignibus tumulo mandaretur. quem si quis 

' das christenthum drang auf Island in den jähren 995 — 1000 ein, aber 
schon vorher war daselbst begraben und beerdigen (heygja, iarda vgl. mhd. erden 
En. 7920) unverbrannter leichen üblich, im jähre 946 öfnete man einen hügel, 
Tim eine neue leiche in ihm beizulegen. Egilssaga s. 601. Egill selbst, der noch 
als heide nach 980 starb, wurde mit waff'en und kleidern zu Tialdanes bestattet, 
und man fand später sein gebein. ebenda s. 768. 769. . nicht anders war Thorolf 
im jähre 926 mit waffen und kleidern bestattet worden, ebenda s. 300. Skala- 
grim im jähre 934 ins schif geführt und mit pferd und waffen begraben, ebenda 
s. 399. die Laxdoelasaga redet von i haug setja s. 20, haug kasta, verpa s. 104. 
142. 152, nie von verbrennen; doch wurde sie erst im dreizehnten jh. abgefaszt 
und die einzelnen ausdrücke können schon nach dem späteren brauch gewählt 
sein. s. 16 liest man: Unnr var lögd i skip i hauginum ok mikit fe var i haug 
lagt hia henni, var eptir pat aptr kastadr haugrinn. während in Islendinga bok 
cap. 7 das aussetzen der kinder und essen des pferdefleisches (barnütburd, hros- 
sakiütsät) als heidnisch bezeichnet ist, steht der leichenbrand (daudra brenua) 
nicht auf gleicher linie und rausz früher abgekommen sein, [üt hefja (efferre) 
Ssem. 264''. giöra bat ok brenna fe petta allt. forum, sog. 5, 328. Haki var 
brendr ä bäli par er brimslodir ödu. Skaldsk. 303. Yngl. s. c. 27. ütför in Her- 
varars s. 463. haugagiördar 429. verpa haug 424. heygja 499. 508. i haug 
setja 448. settu eptir hann bautasteinar. Egilss. 94. hlödu at grioti 129. 300. 
spenti gullhring ä hvara hönd honum 300. pferd, waffen, schmidgeräte mit be- 
graben 399. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 273 

vespillonum scelesta cupiditate tentasset, poenas non solum san- 
guine, sed etiam inhuniato cadavere daret, busto atque inferiis 
cariturus, si quidem par esse credebat, ut alieni corruptor ci- 
neris nullo funeris obsequio douaretur, sortemque proprio refer- 
ret corpore, quam in alieno perpetrasset. centurionis vero vel 
satrapae corpus rogo propria nave constructo funerandum con- 
stituit; dena autem gubernatorum corpora unius puppis igne con- 
sumi praecepit; ducem quempiam aut regem proprio injectum 
navigio concremari. dies alles scheint kein allgemeines leichen- 
gesetz, sondern blosze anordnung für den eben beendigten Leer- 
zug, daher auch der frauen und unfreien nicht erwähnt wird; 
aber die abstufung der verschiednen bestattungsweisen ist merk- 
würdig, die vornehmen sollen auf holzstöszen im schif, zehn 
zusammen oder einzeln verbrannt, die übrigen krieger blosz mit 
pferd und rüstung im hügel beerdigt werden ; es wird, wenn man 
cinis allgemein nimmt, für sie keiner brennung gedacht und doch 
könnte sie vorausgesetzt sein, da der hier bedrohte leichenraub 
auch an hügeln verbrannter denkbar wäre. 

Von Hotherus heiszt es s, 41 Steph. 119 Müll.: Gelderum 
Saxoniae regem, eodem consumptum hello, remigum suorum ca- 
daveribus superjectum ac rogo navigiis exstructo impositum 
pulcherrimo funeris obsequio extulit. cineres ejus perinde ac 
regii corporis reliquias non solum insigni tumulo tradidit, verum 
etiam plenis venerationis exequiis decoravit. 

Nach dieser stelle, nach Frothos anordnung und nach dem 
mythus von Balders tod wurden die leiclmame der äsen, könige 
und beiden auf schiffen verbrannt, die man sobald der scheiter- 
haufe entzündet war, der flutenden see überliesz; nach Yngl. 
saga cap. 27 befahl der todtwunde Haki auf einem schif den 
Scheiterhaufen zu entzünden : göra bäl ä skipinu, Haki var lagidr 
ä bälit, geck skipit logandi üt um eyjar i haf. hier also empfien- 
gen beide demente, feuer und wasser, den todten gemeinschaft- 
lich, dieser merkwürdige gebrauch scheint zusammenzuhängen 
mit der weit umgreifenden Vorstellung des alterthums, dasz der 24o 
todte über das gewässer in ein fernes land, auf eine insel der 
seligen fahren müsse, wovon ich in der deutschen mythologie 
s. 790 ff. ausführlich gehandelt habe, daher mag auch in spä- 

J, GRIMM, KL. SCHRIFTEN, II, 18 



274 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

terer zeit, als man vom verbrennen zum begraben zurückgekehrt 
war, sich eine zw^iefache sitte herleiten, einmal dasz man die 
leichen in schiffen selbst oder in schifsförmio; gestalteten säraren 
dem erdhügel übergab, dann dasz man auf dem hügel steine 
und felsen in gestalt eines Schiffes ordnete, solcher schifssetzun- 
gen haben sich zumal in Schweden manche erhalten, man sieht 
die selten und Schnäbel des schifs deutlich gelegt, in der mitte 
aber einen höheren felsenrif als mast sich erheben, wirkliche 
schiffe sind zwar nirgend in nordischen noch deutschen gräbern 
aufgefunden worden , wol aber die schwäbischen todtenbäume 
aus stammen ganz wie nachen gehölt, und nicht blosz altnor- 
dische auch deutsche sagen erzählen ausdrücklich von leichbe- 
stattungen im schif ^. dieser Volksglaube mag also allgemein 
und über den norden hinaus unter unsern vorfahren und viel 
weiter noch gehaftet haben '^. 

Für rogus findet sich altn. kein dem ahd. eit, ags. ad glei- 
ches eidr (denn eidr jusjurandum, ahd. eid, ags. ad ist unter- 
schieden davon); der übliche ausdruck lautet bäl, dem ags. basl 
und vermuteten alts. bäl entsprechend, wogegen kein ahd. pal 
zu bestehn scheint, die goth. völlig zweifelhafte form wäre bei ; 
schwed. gilt bäl, dän. baal. dies bäl bezeichnet mehr den holz- 
stosz als die flamme selbst, gleichviel ob zum verbrennen der 
leichen oder zu andern zwecken dienend ; bei der berühmten 
Niälsbrenna heiszt es cap. 130: töku eld ok gerdu bäl mikit 
fyrir dyrunum. Egilssaga cap. 45 s. 222: bäl mikit, lögdu par 
i eld, es musz also, wenn das geschichtete bäl brennen soll, 
erst feuer dazu kommen, in den altschwedischen gesetzen z. b. 
Uplandslag s. 150. 254 wird häufig das 'i bäli brinnä', der schei- 
terhaufe, als strafe * des Verbrechers ausgesprochen, in den nor- 

' im goldnen schif begraben, sage bei Müllenhoff n. 501. [Sajin. 264'' von 
Atlis sarg: knör mun ek kaupa ok Icista steinda, 

vexa vel blaeju at verja pitt liki. 
knörr navigium ags. enear. Völs. s. c. 38 gera steinprö (steinkiste)]. 

^ noch heute pflegt in China den sargen schifsgestalt ertheilt zu werden. 
Klemms culturgeschichte 6, 131. 

* s. oben zu 235. wie hexen wurden auch gespenster verbrannt d. h. die 
leichen der menschen ausgegraben und verbrannt, die als geister umgiengen und 
schadeten, merkwürdiges beispiel von Boegifotr in der Eyrbyggja s. 172 (disja 
ramliga, tief eingraben?). 314. 316. (die asche ausgestreut, wie im Rudlieb.) 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 275 

weffischen das 'doema til brands ok til bäls.' schwedische volks- 
lieder schildern diese strafe dichterisch, z. b. eins bei Arwids- 
soh 1, 312, der könig entsendet seine diener in den wald holz 
zu hauen: 

i gän ät skogen och huggen ett bäl! 
als es geschichtet ist, werfen sie die unschuldige ins feuer: 241 

sä kastade de liten Kerstin pa rödaste bäl, 
und sie jammert über das rothe kissen, den blauen polster, auf 
welchen sie schlafen solle: 

raina dynor brinna röda, mina bolstrar brinna blä, 

gud näde mig liten Kerstin, som skall sofva deruppä! 
man vergleiche dazu die ausdrucksweisen s. 315. 317. 319 und 
zumal 352. 373, so wie in dänischen liedern (D. V. 3, 339. 340). 

Dennoch mag in bäl ursprünglich der begrif der flamme 
selbst gelegen haben, wie ich aus dem lappischen buolam flagro, 
finnischen palan flagro, palo incendium, slavischen paliti urere 
folgre, und jenes irische bealteine, worin man tine durch feuer, 
beal aus eines gottes namen deutet (deutsche myth. s. 579), ja 
der name des verbrannten gottes Baldr, ags. Ba;ldäg könnte da- 
bei in betracht kommen, jedenfalls schlägt hier eine uralte, 
weitverbreitete wurzel ein. in Bohuslän heiszt mittsommer oder 
das sunwendfeuer noch heute häbäln, das hochfeuer, der hohe 
scheiterhaufe ^. 

Seltner als bäl wird das altn. hladi strues verwandt, von 
hlada struere, acervare, ags. bael hladan, slav. klasti; ferner altn. 
köstr, gleichfalls strues von kasta aufwerfen, wozu sich noch 
das einfachere kös congeries, vielleicht das dän. kost (besen, a 
congerendo, converrendo) halten läszt. Sajm. 268'' heiszt es: 
. hladit er iarlar eikiköstinn, 
lätid hann und himni haestan verda, 
schichtet den eiclmen häufen, laszt ihn hoch aufsteigen unter 
dem himmel. 

[i huggen den veeden af ecke, 
sä brinner den elden dest lieeter. Sv. vis. 1, 317. 
qvista bäl, ramis decisis pyram struere. Eyrbyggja sag. p. 314.] 

* Dybecks runa 1844 s. 21. [Linnaei skanska resa p. 8. 10. de pyris festa 
nocte accensis.] 

18* 



276 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

noch einen ausdruk weisz ich nicht befriedigend zu deuten, die 
Wörterbücher geben budlüngr (auch bolüngr, bulüngr), rafta 
budlüngr strues lignorum. nun ist raftr, ags. räfter tignum ; be- 
zeichnete budh, ahd. putilo praeco, lictor, so wäre rafta bud- 
lüngr, perticarum praeco, princeps = rogus ? wahrscheinhch geht 
die benennung blosz auf die holzschicht und nicht auf pyra. 

Die Dänen nennen einen Scheiterhaufen brändestabel (oben 
s. 226) oder vedkast, den entzündeten, brennenden aber baun, 
den hügel, worauf er glüht, baunehöi. in diesem worte hat man 
den diphthong au wie anderwärts (gramm. 1, 523) zu fassen, 
242 folglich wird baun hervorgegangen sein aus baven = ags. beä- 
cen, ahd. pouchan zeichen und dann feuerzeichen auf berg und 
hügel. doch ist das altn. bünki congeries zu erwägen. 

Gern empfienge man bestimmte nachrichten über die be- 
sonderheit des zum altn. Scheiterhaufen verwandten holzes. ei- 
kiköstr, strues ilignea fanden wir vorhin in der edda, und wie 
bei Homer gelm im schwed. Volkslied die männer zu walde, 
holz für den Scheiterhaufen zu fällen; es heiszt (Arwidsson 1, 
317) huggen den veden af eken. doch Yngl. saga cap. 27 steht 
einmal leggja eld i tyrvid, ignem imponere cremio, tyrvidr oder 
tyrvidi scheint harzholz, cremium zu bezeichnen, woftir ich sonst 
auch eldsneyti, ignis consortium finde. Olaus Magnus 16, 11 
gibt an, man habe sich zum leichenbrand des Wacholders (schwed. 
enbär, enbusk) bedient, der zwar kein dorn ist, aber gleich ihm 
einen verworrenen, stachelichten strauch bildet, den man allge- 
mein zu reinigendem räuchern verwendet und der im alterthum 
für heilig galt, ich denke zumal an den weitverbreiteten mythus 
vom gemordeten knaben, dessen aufgelesnes, zusammengebund- 
nes gebein die treue Schwester unter einen machandelbaum legt: 
aus dem immergrünen gezweige erhebt sich ein neubelebter vo- 
gel. sogar die bekannte deutung des lat. wertes juniperus (a 
junior et pario, quod juniores et novellos fructus pariat antiquis 
maturescentibus), liesze sich hinzunehmen, ags. cvicbeäm. 

Nicht zu verkennen ist sodann die bedeutsamkeit verschied- 
ner arten des dornstrauchs auch in altn. sage, wie in unserm 
alterthum überhaupt, mit dem schlafdorn (svefnporni) stach 
Odinn die valkyrie Brynhild, d. h. er steckte ihn an ihr gewand, 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 277 

worauf sie in todähnlichen Schlummer sank; noch jetzt heiszt 
uns die dornrose (sentis canina) schlafrose und ein moosartiger 
auswuchs daran schlafapfel. diese Brynhild ist nun dieselbe, 
welche, wie wir vorhin sahen, auf prächtigem Scheiterhaufen ne- 
ben Sigurd verbrannt wurde und im deutschen märchen das von 
der Spindel gestochne schlafende Dornröschen genannt wird, 
weil eine undurchdringliche hecke von dornen um sie gewachsen 
war. es wird sich im verfolg ausweisen, dasz der südschwe- 
dische Volksglaube einen dorn auf gräber pflanzt und für heilig 
hält; dort ist auch die sage verbreitet, dasz die trolle frühlings, 
wenn sie ihr gold sonnen, es auf dornsträuche hängen und diese 
in der meinung der leute dann brennend erscheinen % was noch- 
mals auf den brennenden busch führt, unmittelbarer weist zum 243 
verbrennen der gebrauch, dasz für das bäl der mittsommemacht, 
wie in Deutschland beim Oster und Johannisfeuer neunerlei 
holz und neunerlei blumen verwandt werden müssen ^. 

Was uns jedoch keine der altnordischen sagen gewährt, 
die sicherste, ihrem ganzen gepräge nach auf das höchste alter- 
thum zurückgehende nachricht vom schichten der Scheiterhaufen 
hat ein in Smäland überliefertes kindermärchen ^ bewahrt, des- 
sen beweiskraft von denen nicht unterschätzt werden wird, die 
auch in Perraults belle au bois dormant reste altfränkischer 
Überlieferungen von Brunihild anzuerkennen bereit sind, alle 
hierher gehörigen züge verdienen sorgsam ausgehoben zu werden. 

Eine königstochter zur kröte verwünscht hauste ihrer er- 
lösung harrend einsam in entlegnem prächtigem hof und garten, 
sie hatte einen Jüngling als diener angenommen, wies ihm im 



' Dybecks runa 1847 s. 19. [vgl. s. 216. buisson ardent. ital. lampone rubus 
idaeus, domstrauch, dren. Biondelli 65*. s. zu 244.] 

" Dybecks runa 1844 s. 22. 

^ Svenska folksagor och äfventyr samlade och utgifna af Cavallius och Ste- 
phens. Stockholm 1844. 1, 251 — 263: 'den förttroUade grodan'. [groda ist rana 
bufo, eigentlich aber kröte, norweg. gro pl. grö. Aasen 147. hierzu stimmt merk- 
würdig das Tiroler märchen bei Zingerle 2, 353 mit dem haselreis und dem Stein- 
haufen, in allen krötenmärchen liefert die kröte ihrem bräutigam das feinste tuch 
oder gam. Zingerle 2, 18 — 21. 350. 351. Büschings paddemärchen. im ähnlichen 
märchen der niedersächs. sagen und märch. 270 reis abschneiden von zwölf jäh- 
ren; 368 holzschichten und die katze in die flammen werfen.] 



278 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

garten 'einen gioszen straiich, desgleichen ihm nie vor äugen 
gekommen war', und trug ihm auf jeden tag, wo die sonne am 
himmel stehe, sonntag wie montag, jultag wie mittsommertag 
einen zweig von dem strauch zu schneiden, mehr aber nicht, 
weiter hatte er das ganze jähr durch nichts zu verrichten und 
lebte ruhig in allem überflusz. als der letzte zweig geschnitten 
war, hüpfte die kröte heran und schenkte ihm ein wunderbares 
tuch, das er mit nach haus nehmen und zu julabend auf seines 
vaters tisch breiten solle, die weiteren begebenheiten fallen nun 
hier aus, nach Jahresablauf gelangte der jüngling von neuem in 
den krötengarten , wurde wieder in dienst genommen und em- 
pfieng diesmal den auftrag von einem ihm überreichten garn- 
knäuel (bundt efsingar) jeden tag einen faden an einen der vo- 
riges jähr (i Qol) abgeschnittnen zweige zu knüpfen, doch wieder 
nicht mehr als einen, sowol sonntags als montags, jultags und 
mittsommertags. auch dies gcschäft verrichtete er genau nach 
der Vorschrift und empfieng, als der letzte zweig gebunden war, 
von der kröte einen kostbaren trinkbecher geschenkt, den er da- 
heim julabends seinem vater auf den tisch setzensolle, es war 
ihm aber beschieden nochmals in denselben garten zurückzu- 
kehren, wo ihm zum drittenmal die aufgäbe geschah, jeden tag, 
244 an dem die sonne leuchte, mittwoch wie donnerstag, jultag und 
mittsommertag einen der geschnittnen jmd gebundnen zweige 
im hof zu schichten, immer nur alltäglich einen einzigen, nach 
ablauf des jahrs aber, sobald der letzte zweig geschichtet sei, 
den häufen (bälet) anzuzünden und was in der asche übrig bleibe 
zu bergen, der jüngling that alles wie ihm geboten war, und 
als der grosze reiserhaufe stand, entzündet wurde, aufloderte 
und verglomm, erhob plötzlich aus der asche sich eine wunder- 
schöne Jungfrau, die der jüngling eilends der glut entrisz und 
die nunmehr seine braut ward. 

Hier scheint lange Jahrhunderte hindurch in märchenhafter 
Verkleidung unter dem volk sich noch ein unverkennbares an- 
denken an das heidnische bäl und die ganze art und weise viel- 
leicht seines feierlichsten aufschichtens fortgepflanzt zu haben *. 

* brändes paa baalet. norske event. no. 8. merkwürdig die angäbe der holz- 
arten: espe, eiche, tanne, esehe, das. s. 484. 



ÜBER DAS* VERBRENNEN DER LEICHEN. 279 

den dazu ausersehnen oder erforderlichen dornstrauch nennt die 
aufgezeichnete Überlieferung nicht, doch sie. bezeichnet ihn ; das 
langsame schneiden und binden der zweige verkündet heiligen 
opferbrauch und gemahnt ans skythische dorngerüste oder ans 
aufhängen des sächsischen wergelds, das aus verglühender asche 
emporsteigende neue leben an die dem leichbrand nothwendig 
zum grund liegende Vorstellung, dasz aus den flammen die un- 
sterbliche Seele sich gen himmel erhebe, diese unversehrte 
frische einer schwedischen bauersage, die keine phantasie so er- 
sonnen hätte, gewährt uns einfachen aufschlusz über das ver- 
brennen der leichen bei unsern vorfahren insgemein: wie die 
erlöste königstochter in des Jünglings arme, werden sie geglaubt 
haben, dasz auch Brunhild in Siegfrieds aus der glut gesprun- 
gen sei. 

Hier darf ich aber noch etwas geltend zu machen nicht 
säumen. Nilsson ^, von ganz andern gesichtspuncten als ich aus- 
gehend, hat 6, 4. 5 bei scharfer und sorgsamer Untersuchung 
der auf Schonen liegenden grabhügel wahrgenommen, dasz alle 
dem brenn oder erzalter angehörigen von ihm für keltisch ge- 
haltnen gräber durch einen dorn d. i. hagedorn (Crataegus oxya- 
cantha) gekennzeichnet sind und dasz dieser dorn bei dem volk 
noch jetzt für heüig erachtet, von keinem beil angegriflfen wird 
und ein hohes alter erreicht, mich dünkt vollkommen zulässig 
dergleichen dornhügel auch dem germanischen und skandischen 
alterthum anzueignen, da die heiligkeit des dornstrauchs ebenso- 245 
wol in deutscher sage vorbricht und in dem altfränkischen thorni- 
challis gerade ihre sicherste gefähr findet, schonische grabhügel 



' Skandinaviska nordens urinvanare. Lund 1838 — 1843; man vgl. Dybecks 
runa 1847 s. 19. 20. (zu s. 242). [Nicolovius Skytsiflfed 103. zu Soest auf dem 
hofe der Marienkirche ein sehr alter weiszdorn von etwa 20 fusz höhe bis in die 
spitze der kröne und am fusze von anderthalb fusz dicke, obgleich ganz hohl, 
trägt er doch jedes jähr wie übersäet eine menge bluten und fruchte. Wilh. Tappe 
alterthümer der deutschen baukunst in der Stadt Soest. Essen 1823 s. 4. there 
is a quick thom of a very antique appearance, for which the people have a su- 
perstitious veneration. they have a mortal dread to lop off or cut amy part of it, 
and affirm, with a religious horror, that some persons, who had the temerity to 
hurt it, were afterwards punished for their sacrilege. Statistical account of Scot- 
land 3, 609. (Brand 3, 271).] 



280 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

führen nicht blosz den namen Bälhögen (brandhügel) sondern 
auch Tornhögen (dornhügel) ^, die Zeugnisse dafür haben im 
fortgang der Untersuchung sich so ansehnlich gemehrt, dasz sie 
nun wechselsweise einander unterstützen. 

Noch aber bin ich mit dem deutschen gebrauch hier nicht 
zu ende, falls ich grund hatte, gleich den alten Aestiern auch 
spätere ESTEN für Germanen zu erklären '*, deren name zu- 
letzt an einem benachbarten und nachrückenden finnischen stamm 
haftete; auf solche weise war der keltischen Bojen name mit 
dem besitz des landes erst auf die deutschen Baiern, zuletzt auf 
die slavischen Böhmen übergegangen, an jener nordöstlichen 
seeküste hatte bereits Pytheas Ostiaeer neben Guttonen gekannt, 
Tacitus hernach die ihm noch unzweifelhaft germanischen Aestier 
am suevischen meer den Sueven, wenn auch in bezug auf ihre 
spräche nicht ganz verglichen; viel später unterhielt mit ihnen 
Verbindung der gothische Theodorich. Finnen standen bereits 
im ersten jahrh. und warum nicht weit früher in oder an diesem 
landstrich neben Germanen; wer könnte sagen, wann der ger- 
manische stamm ausgezogen, der finnische an dessen stelle ge- 
treten, wann vielleicht eine mischung zwischen beiden entsprun- 
gen sei? war was im neunten jahrh. Esten heiszt entschieden 
ungermanisch und schon finnisch oder waltete damals noch das 
deutsche dement vor? auch wenn man letzteres für möglich'hält, 
konnte spräche und sitte durch manchen einflusz von auszen her 
gestört und verändert worden sein. 

Vulfstän hat uns in einer Alfreds Orosius eingeschalteten 
nachricht folgendes über die estische leichbestattung , wie sie, 
wir wollen annehmen, zur zeit des neunten jh. galt, mitgetheilt. 

Stirbt unter den Esten ein mann, so bleibt er bei seinen 
verwandten einen monÄt, bisweilen zwei unverbrannt, ja reichere 
und könige noch längere zeit, in dem haus, wo der todte liegt, 
ist trinkgelag und spiel bis dasz er verbrannt wird, am tage 
aber, wo sie ihn zum Scheiterhaufen tragen, theilen sie seine 
habe, so viel von dem trinken und spielen noch übrig ist, in 

' Sjöborgz nomenklatur för nordiska fomlemningar Stockh. 1845 s. 73, 74. 
[vgl. ahd. haganhoug s. 224.] 

* geschichte der deutschen spräche s. 719. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 281 

fünf, sechs oder mehr theile. diese legen sie dann auf einer 
mindestens meilenlangen strecke aus, so dasz der gröszte häufe 246 
am fernsten, der kleinste am nächsten dem hause des todten 
liegt, hierauf sammeln sich alle, die im land die schnellsten 
pferde besitzen, wenigstens fünf oder sechs meilen von dem aus- 
gelegten gut und reiten nun zusammen um die wette darnach, 
wer das schnellste pferd hat, erlangt den gröszten häufen und 
so jeder nach dem andern, bis alles weg genommen ist, der ge- 
ringste fallt dem zu, welcher dem hause zunächst bleiben muste. 
ist auf solche weise des todten ganze habe ausgetheilt, so trägt 
man ihn aus und verbrennt ihn mit seinen waffen und kleidem. 
durch das lange einlager und auslegen der guter auf dem weg 
wird die habe schnell verschwendet, übrigens verbrennen die 
Esten alle ihre leichen und wo man ein unverbranntes gebein 
findet, musz starke busze dafür erlegt werden, sie verstehn sich 
aber darauf kälte hervor zu bringen und darum können die 
todten bei ihnen lange liegen ohne zu faulen. 

Diese Zauberei sieht eher lappisch und finnisch als deutsch 
aus und auch die grosze güterverschwendung scheint dem ge- 
regelten erbrecht unsres geschlechts widerstrebend; doch wem 
wird Vulfstans beobachtung ganz genügen? leichenmale, leichen- 
wachen und spiele waren auch unserm alterthum gemäsz. das 
Wettrennen, wen mahnt es nicht ans pferderennen bei Patroklus 
leiche? aber um Beovulfs brandhügel ritten gleichfalls die bei- 
den (6332). 

Vierhundert jähre später kann es nur undeutsche, finnisch 
redende Esten geben. Heinrich der Lette (f um 1228) ^ meldet 
zum jähre 1210: sed Estones tristia funera multis diebus coUi- 
gentes et igne cremantes, exsequias cum lamentationibus et po- 
tationibus multis more celebrabant. und zum jähre 1225: et 
receperunt uxores suas tempore christianitatis suae demissas, et 
Corpora mortuorum suorum in coemeteriis sepulta de sepulchris 
effoderunt et more paganorum pristino cremaverunt. wie man 
sonst verbrannte leichen begrub, werden begrabne hier wieder 



' in Grubers origines Livoniae sacrae et civilis. Francof. et Lips. 1740 
s. 58. 155. 



282 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ausgegraben um sie des heiligen braudes theilhaft werden zu 
lassen, auch von den Kuren wird das verbrennen der todten 
s. 68 zum jähre 1209 versichert: Curones a civitate recedunt et 
collectis interfectis suis ad naves revertuntur et transita Duna 
triduo quiescentes et mortuos suos cremantes fecerunt planctum 
suum super eos. in diesen kurzen nachrichten Heinrichs ist 
247 nichts was denen Vulfstans widerspräche, aber auch nichts was 
sie bestätigte, niemand wird in zweifei ziehen, dasz die finni 
sehen Esten gleich den germanischen, littauischen und slavischen 
Heiden ihre todten der flamme übergaben, ich werde hernach 
noch auf die Finnen zurückkommen und will zuvor von den 
Littauern und Slaven reden. 

Den alten Aestiern wie den späteren Esten unmittelbar an- 
stoszend lagen die LITTAUISCHEN Völker, deren alterthüm- 
liche Sprache und sitte der unsrer vorzeit so oft begegnet, groszes 
gewicht in der hier angestellten Untersuchung empfängt der wahr- 
genommene einklang des littauischen zagaras und ahd. sakkari. 
das littauische Wörterbuch kennt aber zagaras nur im ursprüng- 
lichen sinne von dornstrauch, nicht in dem von Scheiterhaufen, 
wofür ich lauzas angegeben finde, das zu lauzu ich breche ge- 
hörie: scheint. doch im lettischen sahrts scheiterhaufe und 
Strauchschicht, das ich zu sarri = zagaras nehme, walten beide 
bedeutungen. [s. 218. lit. auch zardas scheiterhaufe, gerüste. 
raksztas grabmal. auch räksztis. raksztis und rakszta dorn. vgl. 
ungr. s. 259.] 

Da die littauischen Völker zum theil bis ins vierzehnte, 
fünfzehnte jahrh. heidnisch blieben, darf nicht verwundern, dasz 
sich bei ihnen noch ganz späte beispiele des leichenbrands auf- 
zeigen lassen, in einer Urkunde von 1249, worin die neube- 
kehrten Preuszen mit dem deutschen orden vertragen werden ^, 
geloben sie, quod ipsi et heredes eorum in mortuis comburen- 
dis vel subterrandis cum equis sive hominibus, vel cum armis 
seu vestibus vel quibuscunque aliis preciosis rebus, vel etiam in 
aliis quibuscunque ritus gentilium de cetero non servabunt, sed 
mortuos suos juxta morem Christianorum in cemiteriis sepelient 

' Dregers cod. diplom. Pomeraniae no. 191 s. 286 — 294. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 283 

et non extra; wonach also verbrennen und begraben nebenein- 
ander zulässig gewesen scheint, die dem ausgang des dreizehnten 
jahrh. zufallende livländische reimchronik berichtet von den etwa 
zur mitte des jahrh. bekriegten Samen z. 3869 — 3888: 

in disen dingen wurden brächt 

ir liute, die da lägen tot; 

San ir wisten in gebot, 

daz sie die töten brauten 

und von hinnen sauten 

mit ir wäpen ungespart: 

sie solden dort ouch hervart 

unde reise riten; 

des geloubtens bi den ziten. 

der rede volgeten sie mite, 248 

wan ez was der liute site. 

üf hoher ze haut si träten, 

ir toten, die sie häten, 

die brantens mit ir ziuge 

(vürwär ich niht enliuge) : 

spere, schilde, brünje, pfert, 

helme, keyen unde swert 

braute man durch ir willen, 

da mit solden sie stillen 

den tiuvel in jener werlte dort. 

so groz törheit wart nie gehört, 
von dem was seine eignen vorfahren thaten hatte dieser dichter 
nichts gehört, die mitverbrannten waffen und thiere, wähnte- 
man, würden gleich den ins grab gelegten gegenständen im neuen 
leben hergestellt und ihren alten eignem zu dienste sein, diese 
Samen bildeten den kern der alten Preuszen, welche zum littaui- 
schen stamm gehörend, auch den Samogeten (im gedieht Sa- 
meiten genannt) benachbart und verwandt waren, die Samei- 
ten müssen aber nicht minder ihre todten verbrannt haben, wie 
schon daraus folgt, dasz sie ihren göttern menschen zum opfer 
brannten, z. 4700: 

die gote die sint wol wert, 
daz man brünjen unde pfert 



284 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

. und oüch rische man da mite 

brenne nach unser site. 
Dirc Potter, ein holländischer dichter schon aus dem beginn 
des fünfzehnten jahrh. erzählt in der Minnen 16p 1, 509 — 524 
von einem heidnischen volk, das er nicht näher nennt: 
want het is noch huden mede 
over al heidenscip ene sede, 
als coninc of hoghe vorsten sterven, 
so plachmen him daer bi te werven 
hören heimelixten camerlinc 
ende merrien melc, dits wäre dinc, 
die graeftmen mede mitten here, 
dat houden si vor grote ere, 
want si meinen, twaer grote schände, 
dat hoer her in enen anderen lande 
comen soude sonder ghesinde 
ende sonder dranc diemen minde: 
249 want melc van merrien houden si daer 

vor den edelsten dranc vor waer, 
die men den heren schenken mach, 
diese ausstattung des herrn durch mitbegraben seines ver- 
trautesten dieners und ein gefasz Stutenmilch stimmt zu jenem 
samländischen glauben; auch in deutschen gräbern werden die 
meistens zu füszen der gerippe gestellten krüge oft den mit- 
begrabnen trank enthalten haben. Stutenmilch war bei den 
alten Samen wie bei den Skythen beliebt ^. woher Potter den 
ihm allgemein heidnisch erscheinenden brauch schöpfte weisz 
ich nicht. Bartholomaeus anglicus oder Glanvil (um 1350) 
schreibt von den Livonen [vgl. die stelle aus einer Berner hs. 
bei Haupt 4, 486]: mortuorum cadavera tumulo non trade- 
bant, sed populus facto rogo maximo usque ad cineres com- 
burebat. post mortem autem suos amicos novis vestibus vestie- 
bant et eis pro viatico oves et boves et alia animantia ex- 
hibebant. servos etiam et ancillas cum rebus aliis ipsis as- 



' geschichte der deutschen spräche s. 721. Montevilla p. m. 170 erzählt, 
dasz die Tataren der milch wegen Stuten samt ihrem füllen mitbegraben. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 285 

signantes una cum mortuo et rebus aliis incendebant, credentes 
sie incensos ad quandam vivorum regionem feliciter pertingere 
et ibidem cum pecorum et servorum sie ob gratiam domini com- 
bustorum multitudine felicitatis et vitae temporalis patriam in- 
venire. Lasiez aber de diis Samagitarum p. 57 (bei Haupt 1, 
148. 149) überliefert merkwürdige, mit dem vorgetragnen oft 
eintreflFende zügce: defunctorum cadavera vestibus induuntur et 
erecta super sellam locantur, quibus assidentes propinqui per- 
potant ac helluantur. lamentatione absoluta dantur cadaveri 
munuseula, mulieri fila cum acu, viro linteolum coUo ejus ira- 
plieatum. cum ad sepulturam effertur cadaver, plerique equis 
funus prosequuntur et ad currum obequitant, quo cadaver vehi- 
tur, strictisque gladiis verberant auras vociferantes 'geigeite be- 
gaite pekelle!' eia fugite daemones in orcum! qui funus mortuo 
faciunt numos projiciunt in sepulcrum, futurum mortui viaticum. 
panem quoque et lagenam cerevisiae plenara ad caput cadaveris 
in sepulcrum illati, ne anima vel sitiat vel esuriat eollocant. des 
verbrennens geschieht bei Lasiez noch Potter keine meidung, 
ihre nachricht rührt schon aus einer zeit, wo nur begraben wurde, 
die einzelnen brauche dabei stimmen aber zu denen des leichen- 
brandes, wie schon die vergleichung mit Bartholomaeus lehrt, 
das setzen der leiche auf den sattel mahnt bündig an die pyra 250 
equinis sellis eonstructa des Attila und das skythische grabge- 
rüste, das reiten der schwertschwingenden an das estische pferde- 
rennen. begaite ist von begti currere zu erklären und pekelle 
entweder von pekla hölle oder pekulas, pikulas dem höllischen 
geist. 

Sebastian Munsters cosmographie , buch 4 s. 907 der aus- 
gäbe von 1559 bemerkt von den Samogeten und ihren heiligen 
Wäldern ausdrücklich : habebant praeterpa in silvis praefatis focos, 
familias et domos distinctas, in quibus omnibus carorum et fa- 
miliarum cadavera cum equis, sellis et vestimentis potioribus in- 
cendebant. locabant etiam ad focos hujusmodi ex subere facto 
sedilia, in quibus escas ex farre in casei modum praeparatas de- 
ponebant, medonemque foeis infundebant, ea credulitate illusi, 
quod mortuorum suorum animae, quorum illic combusta fuerunt 
Corpora, nocte venirent escaque se reficerent. nicht viel später 



286 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

bezeugt Matth. Stryikowski in seiner polnisch geschriebnen, zu 
Königsberg 1582, Warschau 1766 gedruckten clironik s. 148 
von denselben samogetischen Littauern, dasz sie mit ihren todten 
die klauen von luchsen und hären (rysie i niedzwiedzie paznok- 
cie) zu verbrennen pflegen, durch deren schärfe ihnen das über- 
steigen eines furchtbar steilen bergs in der unterweit erleichtert 
werden solle, dieser gläserne berg heiszt Anafielas und auf ihm 
wohnt ein die thaten der menschen richtender kriwe kriweito, 
worüber Narbutts litt, mythologie s. 385 nachzulesen ist. die 
jüngste mittheilung rührt von Alexander Guagnini, einem Ita- 
liener her, der lang in sarmatischen ländern gelebt hatte und 
1614 zu Cracau starb; in seinem buch de origine Lithuanorum 
(Pistorii script. rer.r'^olon. 2, 391) schildert er die littauischen 
bestattungen folgender gestalte corpora mortuorum cum pretio- 
sissima supellectile, qua vivi maxime utebantur, cum equis, armis 
et duobus venatoriis canibus falconeque cremabant, servum etiam 
fideliorem vivum cum domino mortuo, praecipue vero magno 
viro cremare solebant, amicosque servi et consanguineos pro hac 
re maxime donabant. ad busta propinquorum lacte, melle mul- 
sato et cerevisia parentabant, choreasque ducebant tubas inflan- 
tes et tympana percutientes, hie mos adhuc hodie in partibus 
Samogitiae confinibus Curlandiae ab agrestibus quibusdam ob- 
servatur. 

Wir schreiten fort zum leichenbrand bei den SLAVEN, 
wofür es an alten und lehrreichen nachrichten nicht gebricht. 
251 Die frühste darunter bezieht sich auf die den Norddeut- 

schen zunächst wohnenden Wenden und ist in einem briefe des 
Bonifacius vom jähre 745 (ed. Würdtwein no, 72 s. 191. vgl. 
Helinand bei Heinrich von Herford a. 754. Potth. s. 20.) ent- 
halten : ad Ethibaldum regem Merciorum : laudabilis mulier inter 
illas (mulieres Winedorum) esse judicatur, quae propria manu 
sibi mortem intulit, ut in una strue pariter ardeat cum viro suo. 
die frau tödtet sich selbst um des Scheiterhaufens mit ihrem 
gatten theilhaft zu werden. 

Für die Polen zeugt einige Jahrhunderte später Thietmar 
von Merseburg, der 8, 2 mehrere gebrauche dieses volks unter 
Bolislaus verzeichnet, dessen söhn Otto im jähre 1018 mit Oda, 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 287 

des markgrafen Ekkehard tochter vermählt wurde: in tempore 
patris sui, heiszt es, cum is jam (d. i. adhuc) gentilis esset, una- 
quaeque mulier post viri exequias sui igne cremati decoUata sub- 
sequitur. sie wurde, hat man anzunehmen, nicht blosz enthaup- 
tet, sondern auch mit verbrannt, denn ihre tödtung geschah eben 
in dieser absieht, bei den Littauern und Esten war gerade von 
geraeinschaft des todes zwischen den ehegatten keine rede, heut- 
zutage nennen die Polen den Scheiterhaufen gorzelina oder stos 
drewny (holzstosz), auch blosz stös, [altsl. palesh rogus von pa- 
liti. Miklosich 107\ 4.] 

Was die Böhmen angeht, so findet sich in der mater ver- 
borum 17" (ed. 1840 p. 230"): piram, rogum, i. lignorum con- 
structionem, in quo (rogo) mortui combiifSintur^ sarouisce, oder 
nach der heutigen Schreibung zarowisce, -zarowiste (Jungmann 
5, 830), von zaijti accendere *. jetzt pflegt man scheiterhaufe 
durch hranice acervus, hranice dfjwj acervus lignorum auszu- 
drücken, eine stelle der Königinhofer handschrift, gegen den 
schlusz des liedes von Cestmir a Wlaslaw (1829 s. 106), wo 
gesagt ist, dasz die dem mund entfliegende seele von bäum zu 
bäum flattre, 

doniz mrtew nezzen, 
bis der todte verbrannt sei, diese stelle würde man mit vertrauen 
hierher nehmen, wenn nicht verdacht wider alle dichtungen der 
handschrift ^ geweckt wäre. Cosmas von herzog Bi^-etislaw re- 
dend, der sich im jähre 1093 mühte die Überreste des heiden- 
thums unter den Böhmen auszurotten, sagt p. 112: similiter et 
lucos sive arbores, quas in multis locis colebat vulgus ignobile, 

exstirpavit et igne cremavit. item sepulturas, quae fie- 

bant in silvis et in campis, atque scenas, quas ex gentili ritu 252 
faciebant in biviis et in triviis, quasi ob animarum pausationem, 
item et jocos profanes, quos super mortuos, inanes cientes manes 



* Hanusch 407. Schafarik alterth. 1, 518. spaliti verbrennen, formel der 
hexenverbrennung Kulda s. 563. 567. 

' gesteigert hat ihn zuletzt Haupts beweis, dasz das zwar nicht in ihr ent- 
haltne, aber ähnlich klingende minnelied könig Wenzels trug ist (berichte über 
die Verhandlungen der gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig 1847 s. 257 
bis 265). 



288 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ac induti faciem larvis bacchando exercebant . . . exterminavit ^. 
leichenbrandes wird dabei nicht erwähnt, er hat wahrscheinlich 
dennoch stattgefunden ; die auf Scheidewegen, wo man oft grab- 
hügel findet, errichteten hütten gleichen dem was Munster bei 
den Samogeten häuser nennt, und auch der vorhin angeführte 
Guagnini versichert von den Sarmaten und Slaven insgemein: 
sepulturae eorum erant in silvis et agris, tumulosque aggestis la- 
pidibus vestientes eminenter muniebant, quod genus in Prussiae 
regionibus passim adhuc visuntur: nonnulli quoque more romano 
cadavera cremare, cineresque collectos in urnas recondere sole- 
bant. an krügen mit asche und verbrannten knochen ist auch 
in slavischen gräbern überflusz. den technischen ausdruck trizna 
liefert die mater verborum 11\ (ed. 1840 p. 228) für inferiae, 
placatio inferorum vel obsequiae, vel infernalium deorum sacri- 
ficia, mortuorum sepulturae debitae ; wir werden ihm gleich noch 
bei Nestor begegnen, der aber trysna schreibt. Kopitar im Gla- 
golita hat trizna lucta, Miklosich trizna aytov certamen, vgl. Jung- 
mann unter tryzna. 

Bei den südlichen Slaven, sowol Slovenen als Serben und 
Kroaten hat sich keine künde des leichbrandes erhalten, in 
den serbischen liedern keine anspielung darauf, ich vermag nur 
einige benennungen des Scheiterhaufens hervorzuheben, den Slo- 
venen in Krain und Steier heiszt er germada, germazha, was 
von germ Strauch, busch abstammt; das serb. grm bezeichnet 
nach Vuk eine art eiche, ich vermute robur, donnereiche, von 
grmiti donnern; gromila oder mit ausgestosznem r gomila be- 
deutet acervus. sollte nicht auch das russ. poln. gromada, böhm. 
hromada, obwol ihnen die bedeutung von rogus gebricht, gleich 
unserm haurds und bürde auf die Vorstellung geschichteter rei- 
ser und zweige zurück zu leiten sein? darin bestärkt mich ein 
slovenisches koster und kust rogus, russ. koster", was wieder 
von kust" gesträuch stammt, aber auch dem altn. kostr an die 
Seite treten dürfte, des sl. tr'n" = goth. paurnus, ahd. dorn, 
sowie koupa, kupina und kupalo geschah oben erwähnung. 

' auch bei Helmold 1, 83 §. 18 von den obotritischen Slaven: et praecepit 
comes populo Slavoruni , ut transferrent mortuos suos tumulandos in atrium ec- 
clesiae. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 289 

Ungleich wichtigeres ergibt sich über die heidnischen Rus- 253 
sen. Nestor, der seine chronik nach dem jähre 1110 zu Kijev 
vollendete, berichtet (Schlözer s. 12. Jos. Müller s. 76) uns das 
brennen der leichen bei den noch unbekehrten Radimitschen, 
Wjatitschen und Sjeveriern; es musz unbedenklich für alle alt- 
russischen Stämme gelten, starb ein mann, so wurde trysna 
über ihn veranstaltet, dann eine grosze klada geschichtet und 
darauf die leiche verbrannt, die nach dem brand gesammelten 
knochen legten sie in einen krug (sosud") und stellten ihn auf 
eine seule am weg; so thun namentlich die Wjatitschen, aber 
auch die Kriwitschen und andere Heiden mehr, klada stammt 
von klast' schichten, legen und entspricht genau dem ags. hla- 
dan , altn. hlada. vom begang dieser trysna ist oft die rede 
(Jos. Müller s. 117. 118. 120. 185), sie musz leichenmal und lei- 
chenspiel gewesen sein, weil das wort lucta, certamen ausdrückt, 
und die brauche der ags., estischen und littauischen leichenfeier 
gleichen, das stellen der todtenseule an die heerstrasze kommt 
meiner deutung des salischen haristato, cheristado, der hermen 
und irmenseulen zu statten, begegnet auch dem böhmischen ge- 
brauch an den kreuzwegen. 

Es gibt aber eine fast zweihundert jähre ältere, höchst an- 
schauliche und lebendige Schilderung des russischen leichen- 
brands von dem Araber Ibn Foszlan, der im jähre 921 und 922 
nach Chr. auf seiner gesandtschaftsreise von Bagdad zum könig 
der Slaven, d. i. der Wolgabulgaren die sitten und gebrauche 
der heidnischen Russen erkundigte, wir besitzen seine schrift 
gleichwol nur in dem auszug, welchen ein späterer Schriftsteller 
namens Jakut, der von 1178 bis 1229 lebte, einem umfassenden 
geographischen lexicon unter dem worte Rus einfügte; danach 
ist sie durch Frähn zu Petersburg 1823 herausgegeben und ver- 
deutscht worden. 

Ibn Foszlan sah diese Russen am Itil (an der Wolga) wo- 
hin sie mit ihren schiffen aus dem Innern land gekommen waren, 
man hatte ihm vom verbrennen ihrer todten erzählt, er war neu- 
gierig die gebrauche kennen zu lernen, als man gerade den tod 
eines ihrer groszen meldete. 

Sie legten den todten in ein grab und schlugen ein dach 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 19 



290 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

darüber für zehn tage, bis sie mit dem zuschneiden und nähen 
seiner kleider fertig waren, ist ihnen ein armer mann gestorben, 
so bauen sie für ihn ein kleines schif, legen ihn hinein und ver- 
brennen es. beim tode eines reichen aber sammeln sie seine 
habe und theilen sie in drei theile. das eine drittel ist für seine 
254familie, für das zweite schneiden sie ihm kleider zu, für das 
dritte kaufen sie berauschendes getränke. 

Sobald unter ihnen ein oberhaupt verschieden ist, fragt man 
dessen mädchen und diener 'wer von euch will mit ihm ster- 
ben?' dann antwortet einer 'ich', und hat er dies wort ausge- 
sprochen, so ist er gebunden und darf es nicht zurückziehen, 
meistentheils aber sinds die mädchen die es thun. bei jenes 
mannes tode war schon die frage ergangen und eins der mäd- 
chen hatte geantwortet: ich. man vertraute sie nun zwein an- 
dern mädchen, die sie bewachten, überall wohin sie nur gieng 
begleiteten und ihr bisweilen die füsze wuschen, während die 
kleider bereitet und alle übrigen zurüstungen getroflFen wurden, 
blieb das mädchen fröhlich, trank und sang. 

Als der tag des verbrennens herangekommen war, zog man 
das schif des verstorbnen ans ufer, trug eine ruhebank darauf, 
über welche ein altes weib, das sie den todesengel nennen, ge- 
steppte tücher, goldstofie und kopfkissen spreitete, dann gien- 
gen sie zum grabe, räumten die erde vom holzdach und zogen 
den todten samt dem leichentuch, worin er gestorben war, her- 
aus, kleideten ihn in prächtiges gewand, und trugen ihn unter 
das schifszelt auf die gesteppte decke, indem sie sein haupt mit 
dem kopfkissen unterstützten, berauschendes getränk, fruchte 
und basilienkraut wurden neben, brot, fleisch und zwiebeln vor 
ihn hingelegt, darauf brachten sie einen hund, schnitten ihn in 
zwei theile und warfen beide ins schif, legten dann dem todten 
alle seine waffen zur seite und führten zwei pferde herbei, die 
so lange, bis sie von schweisze troffen, gejagt und dann auch 
mit Schwertern zerhauen und alle stücke ihres fleisches ins schif 
geworfen wurden, auf gleiche weise verfuhren sie mit zwei 
ochsen, einem hahn und huhn, die sie gleichfalls zerhieben und 
ins schif warfen. 

Das dem tode geweihte mädchen wurde nunmehr zu einem 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 291 

vorspringenden, dem gesims einer thür ähnlichen gerüste gelei- 
tet, indem sie ihre füsze auf die flachen hände der männer setzte 
emporgehoben und nachdem sie auf das gesimse niederschauend 
einige worte gesprochen hatte, wieder herabgelassen, alles dies 
wurde zum zweiten und drittenmal wiederholt, alsdann reich- 
ten sie ihr eine henne hin, deren köpf sie abschnitt und weg- 
warf; die henne selbst nahm man und warf sie auch ins schif. 

Als der Araber sich nach den ihm unverständlichen Worten 
erkundigte, die das mädchen gesprochen hatte antwortete der 
dolmetsch : das erstemal sagte sie 'sieh , hier sehe ich meinen 255 
vater und meine mutter.' das zweitemal 'sieh, jetzt sehe ich alle 
meine verstorbnen anverwandten sitzen.' das drittemal aber 'sieh, 
dort ist mein herr, er sitzt im paradiese, das paradies ist so 
schön, so grün, bei ihm sind die männer und diener, er ruft 
mich : so bringt mich denn zu ihm ! ' 

Nun nahmen und führten sie sie zum schiffe hin. sie aber 
zog ihre beiden armbänder ab und gab sie dem weibe, das man 
den todesengel nennt und das sie morden wird, auch ihre bei- 
den beinringe zog sie ab und reichte sie den zwei ihr dienen- 
den mädchen, töchtern des todesengels. 

Dann hob man sie auf das schif, liesz sie aber noch nicht 
ins gezelt, sondern männer kamen mit schildern und Stäben und 
reichten ihr einen becher berauschenden getränks, den sie an- 
nahm und singend leerte, hiermit, sagte der dolmetsch, nimmt 
sie abschied von ihren lieben, darauf ward ihr ein andrer becher 
gereicht, den sie auch nahm und ein langes lied anstimmte, die 
alte aber hiesz sie eilen und ins zeit treten, wo ihr herr lag. 
das mädchen schien jetzt bestürzt und unentschlossen, sie steckte 
nur den köpf zwischen zeit und schif; stracks faszte die alte sie 
beim haupt, brachte sie ins gezelt und trat selbst ein, die män- 
ner begannen mit den Stäben auf die schilder zu schlagen, dasz 
kein laut der schreienden gehört würde, der andere mädchen er- 
schrecken und abgeneigt machen könnte auch einmal mit ihrem 
herrn in den tod zu gehn. dann traten sechs männer ins gezelt, 
streckten sie an des todten seite nieder, indem zwei ihre füsze, 
zwei ihre hände faszten, und die alte, welche todesengel heiszt, 
ihr einen strick imi den hals legte, dessen ende sie dem fünften 

19* 



292 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

und sechsten mann reichte; mit einem groszen breitklingigen 
messer selbst hinzu tretend, stiesz sie dem mädchen zwischen 
die rippen das messer ein und zog es wieder aus. die beiden 
männer aber würgten mit dem stricke bis es todt war. 

Nun kam nackend der nächste anverwandte des verstorb- 
nen, nahm ein scheit holz, zündete es an und gieng rückwärts 
zum schiflfe, das holz in der einen hand haltend, die andere auf 
seinen rücken gelegt, bis das unter das schif gesteckte holz ent- 
zündet war. darauf nahten auch die übrigen mit Zündholz und 
anderm holze, jeder trug ein stück das oben schon brannte und 
warf es auf den häufen, bald ergrif diesen das feuer, hernach 
das schif, dann das zeit, den mann, das mädchen und alles was 
256 im schiffe war. es blies ein heftiger stürm, wodurch die flamme 
verstärkt, die lohe noch mehr angefacht wurde. 

Neben dem botschafter des chalifen stand einer von den 
Russen, den er mit dem dolmetsch sprechen hörte und nach 
dessen Worten er sich erkundigte, es waren diese: 'ihr Araber 
seid doch ein dummes volk. ihr nehmt den, der euch unter 
den menschen der geliebteste und geehrteste ist, und werft ihn 
in die erde, wo ihn die kriechenden thiere und würmer fressen. 
wir dagegen verbrennen ihn in einem nu, so dasz er ohne aufent- 
halt ins paradies eingeht.' dann in unbändiges lachen aus- 
brechend fügte der Russe hinzu: 'seines gottes liebe zu ihm 
machts, dasz schon der wind weht und ihn im augenblick weg- 
raflPen wird.' und traun, keine stunde vergieng, so war schif 
und holz und mädchen mit dem verstorbnen zu asche gebrannt. 

An der stelle, wo das aus dem flusz gezogne schif ge- 
standen hatte, führten sie einen runden hügel auf, in dessen 
mitte an einem groszen büchenscheit der name des verstorbnen 
und des königs der Russen geschrieben wurde, alsdann bega- 
ben sie sich weg. 

So weit reicht Ibn Foszlans nachricht, welcher Frähn s. 104. 
105 noch ein paar andere aus arabischen Schriftstellern beifügt. 
Mas'udy * sagt von den Russen und Slaven, die einen theil der 



* auszer den Slaven legt auch Mesudi (Wiener sitzungsber. 4, 209.) den 
Bordschanen todtenverbrennung bei. das. 210. diener und gefolge mit verbrannt.- 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 293 

Chasarenhaiiptstadt Itil bewohnten : hi defunctorum cadavera una 
cum jumentis, supellectili et ornatu comburunt. uxores cum 
maritis defunctis • cremantur , non item viri cum uxoribus. si 
quis caelebs moriatur, mortuo tamen feminam uxoris loco addunt. 
hae autem omnes hoc mortis genus comprimis expetunt, sie enim 
aeternam felicitatem adepturos esse credunt. hactenus autem 
illi populi ab Indis hac in re differunt, quod apud hos nulla 
uxor, si noluerit, cum viro comburitur. von den heidnischen 
Slaven (Saklab) berichtet Schemseddin Dimeschky: diese ver- 
brennen ihre könige, wenn sie gestorben sind, und mit ihnen 
knechte, mägde, weiber und alle, die zu ihrer nächsten Umge- 
bung gehörten, den Schreiber, wesir, den gesellschafter beim 
becher und den arzt. 

Auch der Byzantiner Leo Diaconus, der um die mitte des 
zehnten jahrh. in Kleinasien geboren, im jähre 966 nach Con- 
stantinopel gekommen, von den Verhandlungen zwischen Johan- 
nes Zimisces und Svätoslav (ScpevoocöXaßoc) aber genau unter- 
richtet war, erwähnt (ed. bonn. p. 149 S.) unter dem jähre 972 
von den ihm als Skythen erscheinenden Rös d, i. Russen fol- 
gendes: "i^orj 8s vuxTo? xaTaaj^ouarj? xoti x^? {at^vtj? TrXTjaicpaoui; ouarj? 257 
xaxa To TTsStov iJsX&ovTs? Tou? acpstspouc: dv£'|7]XfX(po>v vexpou?* ou? 
xotl auvaXraavxe? Trp^ xou irspißoXou xotl irupa? t>a[xtva? 8iava(];avxec, 
xaxsxautJav, Tzkeiaxooq xSiv «^^([xaXtoxwv, avSpa? xat 'Yuvaia, Itc auxoT? 
xaxa xov Tiaxptov vojxov iTuavadcpaSavxe?. iva-yiafi-ou? xs irsTtoiirjxoxs?, 
kid xöv "Icfxpov uTTOiiaCia ßpecpvj xal dXsxxpuova? dvsTn't^av, x(p poöi(p 
xou ■KOxa\iou xauxa xaxaTTOvxwaavxs?. Xl^^xai "yap IXXtjvixoT? hp^Coiq 
xax6j(0ü? ovxa?. 

Wer wollte hier griechischen brauch suchen? dringender ist 
es nach dem einflusz zu fragen, den warjagische ein Wanderung 
seit der mitte des neunten jahrh. auch auf die sitte des nörd- 
lichen Slavenlands gewonnen haben könnte, in der that gleicht 
die von dem Araber gelieferte Schilderung des russischen lei- 
chenbrandes auffallend dem altnordischen, zumal darin, dasz der 
scheiterhaufe auf dem schif geschichtet wird und das sich auf- 
opfernde mädchen unmittelbar in das grüne paradies überzugehn 
wähnt, wie unsre vorfahren in den grünen wang oder heim der 
götter (mythol. s. 782. 783). mit dem schlachten der pferde 



294 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

stimmt auch die altdeutsche gewohnheit und zu dem nochmals 
durch Leo Diaconus bestätigten würgen der hennen oder hähne 
darf das galli caput bei Saxo gramm. (St. 17^ Müll. 51) gehal- 
ten werden, nach dessen wurf über die mauer der vogel neues 
leben empfängt, allein verbrennen zu schiffe war hier den auf 
der Wolga fahrenden, sonst im land fremden Russen von selbst 
geboten und mitopfer der thiere ein fast allgemeiner, bei den 
meisten, zumal auch littauischen Scheiterhaufen wiederkehrender 
zug , den man gar nicht erst nöthig hat aus Scandinavien her- 
zuleiten, auszerdem ist in des Ibn Foszlan Schilderung, der 
überhaupt diese Russen als ein höchst unreinliches und woUüsti 
ges volk darstellt, von mir absichtlich vorhin etwas empörendes 
unterdrückt worden; er berichtet nemlich, dasz die sechs ins 
gezelt getretnen männer, welche dem mädchen bände und füsze 
halten und es mit dem strick erdrosseln musten, ihm zuvor samt 
und sonders beigewohnt hätten, solch eine unthat stände aber 
altnordischer wie altdeutscher sitte fern, und nimmt man hierzu, 
dasz auch unter den übrigen Slaven, namentlich Wineden und 
Polen das verbrennen der todten üblich war und Nestor für die 
Wjatitschen und Radimitschen sich dabei des slavischen aber 
undeutschen ausdrucks trysna bedient ; so sehe ich keine Ursache, 
258 den an der Wolga unter den Russen des zehnten jahrh. beob- 
achteten hergang auf scandiuavische Warjager zurück zu leiten ^ 
die natürlichste annähme bleibt, dasz unter Slaven und Germa- 
nen von altersher dies verbrennen der leichen auf sehr ähnliche 
obwol im einzelnen abweichende weise im schwänge gieng; wir 
würden uns davon noch besser überzeugen, wenn unsre einhei- 
mischen schriftsteiler es verstanden hätten, die gebrauche so an- 
schaulich darzustellen, wie bei Herodot der skythische, bei Pro- 
cop der herulische, bei Vulfstan estische, bei Ibn Foszlan der 
russische beschrieben sind. 

FINNISCHE Überlieferungen von dem brand der leichen 
sind mir unbekannt oder jetzt noch unzugänglich, in Kalevala 
kommt vor, dasz der riese Vipunen mit ganzem leib, also un- 



' wie Ernst Kunik in seinem reichhaltigen und belehrenden werke über die 
schwedischen Rodsen, Petersburg 1844. 1845 2, 441.453—458 thut. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 295 

verbrannt, zu grabe liegt, was ans steinalter und die steinkam- 
mer der riesenzeit erinnert, die neue ausgäbe des finnischen 
epos ^ gewährt aber XXXI, 145 — 160 die umständliche be- 
schreibung eines Scheiterhaufens, den Untamo schichten läszt, 
um darauf den knaben Kullervo zu tödten, welchen er vorher 
schon im wasser vergeblich umzubringen gesucht hatte, es heiszt 
mit wieder kehrenden zeilen: 

käski orjansa kerätä 

koivuja kovia puita, 

honkia satahavuja, 

tiettäviä tervaksia, 

tuohia tuhat rekeä, 

sata syltä saarnipuita, 
er liesz die knechte sammeln weiszer birke hölzer, tannenzweige 
hundertnadliche , .... harzige, birkenrinde tausend Schlitten, 
hundert klaftern eschenholz (vgl. Schiefner übers, s. 194''. Borgs 
übers, s. 100). hier wird kein dorn genannt, aber die zusam- 
menfügung aus birken, tannen und eschenholz in groszen häufen 
mahnt an den skythischen oy/o? cppu-^avcuv. für den Scheiterhau- 
fen besitzt die finnische spräche den namen pino (läpp, fidno, 
muorafino), strues lignorum ordinata, dessen schon oben beim 
ahd. fina meidung geschah, sonst gilt auch kokko für strues 
lignea. kanto, bei Renvall caudex, truncus arboris, bezeichnet 
nach Juslenius zugleich bäl, und diese bedeutung legt er dem 
Worte miehusta bei, das nach Renvall truncus corporis humani 
ausdrückt. 

Das UNGRISCHE Wörterbuch gewährt rakas fa und rakas 269 
tüz, d. i. holzhaufe und feuerhaufe, rakas aber scheint wieder 
an rogus und das goth. rikan acervare zu klingen, den wirk- 
lichen und alten brauch des leichenbrandes bei den Ungern setzt 
uns aber ein zeugnis des Ekkehardus bei Pertz 2, 105 auszer 
zweifei; als sie im jähre 925 zu Sanct Gallen einbrachen und 
zwei ihrer leute umkamen , heiszt es : quos ambos inter postes 
valvarum dum cremassent, rogusque flammivorus super liminare 

' Kalevala. toinen painos. Helsingissä 1849. [in Livland bei Werro gräber 
mit verbrannten leichen , wahrscheinlich finnische. Kreuzwald in Burges archiv 
6, 83. 84 (leichen an den holzstosz sitzend befestigt), vgl. s. 99.] 



296 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

et laquear vehementer invaderet, contisque incendio certatim 
plures miscerent, nequaquam templum Galli .... incendere qui- 
verant. sie thaten gleich jenen Gothen, Normannen, Esten und 
Russen nach der schlacht. 

Forscht man von der ungrischen und finnischen spräche 
ab weiter gegen osten, so wird sich für den begrif des Schei- 
terhaufens eine reihe solcher Wörter, die bald der flamme, bald 
dem geschichteten holz entnommen sind, ergeben, zu anziehen- 
dem aufschlusz könnte erst eine vollständigere samlung dersel- 
ben führen, jetzt genüge an wenigem, der TÜRKISCHE aus- 
druck ujum urum mag zusammen hängen mit dem MONGO- 
LISCHEN norom, dies aber mit norma glühender asche. auch 
mandschuisch bedeutet noran den Scheiterhaufen und nora den 
häufen schichten, tibetisch schingkf'ov holzstosz. in der mon- 
golischen sage von Gesser Chan s. 34 wird ausdrücklich das 
verbrennen der todten auf dem holzstosz berichtet, und s. 209 
ein scheiterhaufe aus den pfeilen der gefallnen krieger gebildet. 

Von uralter zeit an bis auf heute herscht in INDIEN * un- 
vertilgbar die gewohnheit des leichenbrands und ohne zweifei 
hat auch die festigkeit indischer kasteneinrichtungen dazu bei- 
getragen ihn unverändert zu erhalten, obschon sie ihn zugleich 
einschränkten, denn abgesehn von den Brachmanen wird er 
hauptsächlich den Kschatrijas d. h. beiden und krieg-ern zu theil, 
während die käste der kaufleute, ackerbauer und handwerker 
von ihm ausgeschlossen bleibt, er zeigt sich also wiederum als 
Vorrecht und auszeichnung der höheren stände. 

Abbruch thut ihm sodann der unterschied der glaubens- 

secten. die anhänger Vischnus sind ihm ergeben, die des Siva 

sollen ihn verabscheuen oder doch meiden ^. auszerdem brennen 

auch die zahlreichen Buddhisten ihre todten nicht, sondern über- 

260 geben sie der erde , was sich von den in Indien verbreiteten 



* Roth die todtenbestattung im indischen alterthum. zeitschr. der morgenl. 
gesellschaft bd. 8. 1854. Max Müller die todtenbestattung bei den Brahmanen. 
das. bd. 9. 1855. 

^ Vischnus anhänger verbrennen ihre leichen, um nicht das wasser durch 
sie zu verunreinigen; die des Siva als feueranbeter werfen sie in den Ganges 
oder begraben sie. 



ÜBER DAS VERfJRENNEN DER LEICHEN. 297 

Mahomedanern von selbst versteht, wie also das verbrennen 
der leichen in Griechenland durch glaubensgenossenschaften be- 
schränkt wurde, fällt ein noch gröszerer theil der einwohner In- 
diens zu den einfach begrabenden, im Mahäbhärata 1, 3616 ist 
ausdrücklich unterschieden zwischen todten die verbrannt, be- 
graben und eingescharrt sind. 

Des leichenbrandes thun die gesetzbücher von Manu und 
Yäjnavalkya verschiedentlich erwähnung. Manu 5, 167 Yäjn. 
], 89 verordnen, wenn der gatte die gattin im feuer verbrannt 
hat, nehme der Vorschrift gemäsz er eine andre gattin und an- 
dres feuer. einstimmig mit der römischen gewohnheit soll nach 
Manu 5, 68 ein kind unter zwei jähren in reiner erde begraben 
werden, nach Yäjn. 3, 1 soll man es begraben und keine was- 
serspende dazu vollziehen *. 

Der sterbende, wenn ein Südra, wird auf ein bett von kusa- 
gras, wenn von einer andern käste, in die freie luft getragen. 

Der leichnam wird gewaschen, ein stück gold in seinen 
mund, in die nasenlöcher und obren gelegt ; dann trägt man ihn 
zu einer heiligen stelle im wald oder am wasser und legt ihn 
auf ein kusalager mit dem haupt gegen Süden, die söhne oder 
nächsten verwandten rüsten den Scheiterhaufen, auf welchen nach 
nochmaliger waschung die leiche mit dem haupt gegen norden 
gelegt wird, blumen schmücken den Scheiterhaufen, ein ge- 
wand ist darüber gespreitet, der berechtigte verwandte entzün- 
det ihn mit den Worten : mögen die götter mit flammendem mund 
diese leiche verbrennen! er entzündet ihn zunächst am haupt 
des todten gegen süden schauend und das linke knie beugend 
und ruft aus: namo namah! das feuer wird so eingerichtet, dasz 
einige knochen aufgelesen werden können, die verwandten neh- 
men sieben spannen lange holzstücke, wandeln um den Scheiter- 
haufen und die stücke über ihre schulter ins feuer werfend rufen 
sie: grusz dir, der du das fleisch verzehrst! ist die leiche ver- 
brannt, so gehn die verwandten nochmals um den Scheiterhau- 
fen, doch ohne in die glut zu schauen, dann nahen sie sich dem 



* Stenzler Päraskara s. 540. eine sati (Verbrennung) geschildert. Ausland 
1857, 1057 f. 1071 f. 



298 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

Wasser und reinigen sich; es folgen gebete, opfer und fasten, 
die knochenlese geschieht (nach Rämaj. 2, 62 erst den dreizehn- 
ten tag nach dem brand) in ein irdnes gefasz, eine tiefe grübe 
am flusz wird mit kusa bestreut, mit gelbem gewande bedeckt, 
dann das irdne gefäsz eingestellt, lehm, dörner und moos darü- 
261 ber geworfen und ein bäum gepflanzt, oder ein dämm aufge- 
mauert und eine fahne errichtet, den schlusz machen lustratio- 
nen, opfer und geschenke. 

Wird die leichenfeier eines in fremdem land verstorbnen 
oder dessen gebein nicht aufzufinden ist begangen, so bilden 
sie eine gestalt aus dreihundert und sechzig blättern des Strau- 
ches butea, oder eben so viel wollenen fäden, womit sie die 
verschiednen theile des menschlichen leibs darstellen nach be- 
stimmten Zahlenverhältnissen; um die ganze gestalt musz ein 
lederner rieme von der haut einer schwarzen antelope und dar- 
über noch ein wollenfaden geknüpft werden, dann bestreichen 
sie diese figur mit gerstenmehl und wasser und verbrennen sie 
als ein Sinnbild des leichnams. wen überrascht nicht die höchst 
bedeutsame Übereinstimmung dieses gebrauchs mit dem uns im 
schwedischen märchen aufbewahrten? ' 

Vom mitverbrennen der indischen witwen hatten römische 
und griechische Schriftsteller längst künde 2. Cicero (tusc. disp. 
V. 27, 78) sagt: mulieres in India quum est cujusvis earum vir 
mortuus, in certamen judiciumque veniunt, quam plurimum ille 
dilexerit: plures enim singulis solent esse nuptae. quae est 
victrix , ea laeta , prosequentibus suis , una cum viro in rogum 
imponitur; illa victa maesta discedit. Propertius IV. 12, 15; 



' die indischen leichengebräuche schöpfe ich hauptsächlich aus H. T. Cole- 
brooke on the religious ceremonies of the Hindus, nach den asiatic researches, 
Calcutta 1795, wieder abgedruckt in seinen miscellaneous essays, London 1837 
voL 1, wo die funeral rites s. 155 — 186 und die Schilderung der figur aus butea- 
laub s. 159 enthalten ist. die abhandlung on the duties of a faithful Hindu wi- 
dow findet sich s. 114 — 122. [griechische nachrichten vom indischen leichenbrand 
Lassen 2, 725. 3, 347. von der witwenverbrennung Bohlen altes Indien 1, 
293 — 302. 2, 51. 55. Lassen 3, 347. W. Humboldt Kawisprache 1, 87 — 95.] 

'^ auch in unser mittelalter war sie gedrungen, man vgl. z. b. das nicder- 
Jändische gedieht die kinderen van Limborch 8, 822, 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 299 

felix Eois lex funeris una maritis, 

quos Aurora suis rubra colorat equis. 

namque ubi mortifero jacta est fax ultima lecto, 
uxorum positis stat pia turba comis: 

et certamen habent leti, quae viva sequatur 
conjugium, pudor est non licuisse mori. 

ardent victrices et flammae pectora praebent, 
imponuntque suis ora perusta viris. 
Herodot 3, 38 gedenkt des verbrennens der eitern, nicht der 
frauen, was er nicht unangeführt gelassen haben würde, wäre 
es ihm zu obren gekommen; auf jenes kommt er zu sprechen, 262 
als er den Darius Hystaspes söhn erst Griechen, dann indische 
Kalatier (oder Kalantier) nach dem aufzehren der eitern fragen 
läszt. die Griechen stellten es ganz in abrede, Aapsto? 8s [xeta 
xaGxa xaXstJa? 'IvSoiv xou? xaXeo[X£vou? KaXaxia?, ot xobs ^^vea? xax- 
etjOioüai, sipexo, Trapeovxtuv xaiv 'EXXr^vwv xat 5i' ^p[i.r;v£o? [i/icvüa- 
vovxwv xa Xe-cojxsva, im xivi ■/pV;|xofxi SsSaiax' av xsXeuxeovxa? xou? 
Traxlpa? xaxaxaietv Ttupr oi 8e djißwaavxss [Asya sucprjfxesiv {xiv exs- 
Xeuov. allgemein aber bezeugt Plutarch tom. 2, 499 nicht blosz 
das mitverbrennen der frauen, sondern das verbrennen der lei- 
ber bei den Indern überhaupt: 'IvSoJv 8s cpiXavopoi xocl otocppovs? 
YOvaixE? uTi^p xou irupö? spiCoucfi, xal iidyovxcm irpo? dXXrjXa?, xyjv 8s 
vixr^ciaaav xs&vvjxoxi x(^ dv8pt au-^xaxacpXsYTjVai, {xaxocpiocv (^8ouaiv ai 
XoiTrai'. Ttüv 8s sxsi aocpöiv ouSsk C^^jX^xö? ou8s [i.axapi(Jx6i; ^axiv, 
av [X7] Cöiv sxi xat cppovoiv xat uYiaivwv, xou atu|jLaxo? xt]V ^U)(7]V Trupi 
8iaaxV]Cf(^l, xal xaO-apo? ixß^ xr^s aapxö?, lxvn{;a'[jLSVo? xö i^vtjxov. Ni- 
colaus Damascenus fragm. 143 (fragm. bist. gr. 3, 463): 'Iv8ol 
au"j'xaxaxaiou(Jiv oxav xsXeüxrjotoai xaiv Y^vaixcüv xyjv TcpoacpiXsaxdxrjv. 
auxoiv 6^ ixeivcDV d^wv [xs^iaxo? Yi'Yvsxai, aT:ou8aCovxa>v vtxr^aat Ixd- 
axT^v xöiv cpiXtüv. das wenige was Strabo p. 699 vom mitverbren- 
nen der witwen meldet, entnahm er aus Onesikritos und Aristo- 
bulos und bezieht es blosz auf die landstriche Kathaea und 
Toxila: i8iov 8^ xoiv Kaf^aiwv xal xö auYxaxaxaisa^ai xsövsöicii xoi? 
dv8pd(5i xa? •^woiiTiaq xaxd xotauxTjv atxiav • oxi, spuiaat ttoxs xäv vscüv, 
dcpiaxavxo xfiiv dv8pa)V, >) cpapjiaxsuoisv auxous* vojxov oSv ösa&ai xou- 
Tov, o)? Trauoofx^vr^s xr|? (pap[j,axsia?' ou mi>av«)s [xsv oSv 6 vojjlo?, 



300 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

ou5' T; akia ^eystai. p. 714: irapa xisi 8' dxoustv cpirjCfi, xal au^xa- 
xaxaiO[xeva? xa? ^uvaika? xoi? dvSpactiv da[xsva?* xd 8^ jatj uTrofjievou- 
oa;, dSo^stv sipr^xai xal d'XXoi? xaSxa. denselben nichtigen grund 
des gesetzes führt auch Diodor 17, 91, wo von Alexanders heer- 
zug gegen die Kathaer die rede ist, an: Tiapd 8^ xouxoi? vofxifxov 
^v xd? Yuvatxa? xot; dv8pdai cfuyxaxaxafeai^at. xouxo 8' Ixuptuöyj xo 
86Y}xa Tiapd xoT? ßapßdpoic; 8id {xi'av YtJvatxa cpap[xdxoi? dveXoucfav xov 
d'vopa *. 

Diodor berichtet aber 19, 33. 34 ausführlich ein in die 
Schlacht zwischen dem macedonischen Antigonus und Eumenes 
(Ol. 116, 1. 316 vor Chr.) fallendes ereignis. Ceteus, anfuhrer 
der aus Indien angelangten krieger war geblieben und hinter- 
liesz zwei frauen, die ihm ins lager gefolgt waren, ein altes 
gesetz der Inder verordnete, otto)? suYxaxaxaiwvxat xoi? xsxeXsuxr^- 
xoatv dvSpdaiv ai YuvaTxs? tuXtjv xäv l^xtSrnv t) xäv iyooauiv xsxva. 
263 doch durfte nur eine der frauen mit verbrannt werden und nun 
entsprang zwischen beiden Wettstreit, der weil die ältere sich 
schwanger befand, zu gunsten der jüngeren entschieden wurde. 
■?j th IttI x-iQ vixifj 7:spi5(ap7]? dv:'qzi upö? xtjv TTüpdv, öxscpavoüjxlvyj [xsv 
[xtxpat? uTTo xtov oix£t«)v ■Yüvatxoiv, xexoajxTjfxsvrj 8e oiairpsiKo? wairsp ei? 
xiva YdfjLOV TtposTxsfj.'irsxo uirö xaiv öuyyevoiv (fSovxwv ujxvov et? xr^v 
dpExrjv aux9]?. cb? 8' l^y^^ i^sv-rjOrj x^? Tiupa?, irspiatpo ü[i.£vrj xöv 
xoöfjiov eauxT;? 8i£8i8ou xoi? ofxstot? xal cpi'Xot?, «>? äv sittoi xi?, xaxa- 
XeiTTOuaa xoi? dYairoiat fivrjfietov. 6 8^ x6(j[xo? -^v Trspi jx^v xd? j^eipa? 
8axxuXt(ov x£ ttX^O^o? Iv8£8£[jiIv(üv Xi&oi? xe TzoXoxzXicsi xal 8nrjXXaY- 
}i£voi? xoi? y(pa)jj,ac>t, Ttepl 8k xrjv xEcpaXrjv 5(puöo)v daxspiaxtov oux 
8X1^0? dpiöfxö? 7ravxo8a']ToT? Xi'Öot? 8i£tXr]fi,}j(.£v«)v , xaiv 8' Ix xou xax' 
oXt'Yov d£l xatf uTzip^zsiv txeiCovojv. xö 8e xEXEuxaiov dairaaajxEVTj 
xou? ohzioog uTTo xd8£Xcpoü [xkv ItuI x7)v TTUpdv dv£ßißda(^vj , uttö 8k 
xou cjuv8pa[x6vxo? IttI xyjv &£av t:Xt^&ou? {^aujxaaÖEiaa xax£axp£(|»£v 
yjpa>ixo>? xov ßtov. fj [i.£v ydp 8uva[xi? £v xot? ouXot? irdöa •jtplv aTrxeo- 
(}ai xTjV TTUpdv xpk 7r£pi7]X&£V, auxrj 8k xdv8pl TrapaxXi&Eioa, xal 
xaxd xTjv xoij irüpö? 6p[i.rjV Oü8£[xiav cptovrjv d^EWT] 7rpo£[x£V7j, TrpoExa- 
Xeöaxo xa>v 6pa>vxu)V xou? |X£V sk l'Xsov, xou? 8' e^ u7:£pßoX7]v iiraivcov. 

* der indische Calanus, krank und alt, läszt sich einen Scheiterhaufen bauen 
und verbrennt sich, die nähern umstände bei Plutarch im Alexander c. 69. Strabo 
p. 717. Lucian Peregrin. c. 25. 



I 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 301 

das austheilen des schmucks erfolgt gerade wie beim russischen 
mädchen s. 255 und bei Brynhild (Völs. sag. c. 31), auch bei 
andern todesarten. Crescentia Kaiserchr. 11880. 

Was Strabo und Diodor hier v6|jlo? und vojxijjlov nannten 
mag auf geheiligte sitte und herkommen, nicht gerade auf ge- 
schriebnes gesetz bezogen werden; auch die gesetze unseres 
oder des griechischen alterthums enthielten kein gebot des ver- 
brennens oder mitverbrennens, erst einschränkung des aufwands 
und zuletzt verbot pflegten sie auszusprechen, ebensowenig ge- 
bietet das gesetz des Manu das mitverbrennen der ehefrau; im 
Rigveda reden jedoch mehrere stellen ausdrücklich vom feuer- 
tod, den getreue witwen freiwillig erwählen: er soll für keinen 
Selbstmord gelten; die vom Brachman bei solchen Scheiterhau- 
fen gesprochnen gebete werden mitgetheilt. in den Puränas 
heiszt es, das mitverbrennen der frau solle des mannes sünde, 
selbst wenn er einen Brachmanen getödtet, einen freund ermor- 
det habe, sühnen, an der stelle, wo sie sich verbrannte, wird 
der witwe ein denkmal gesetzt und wer ihrem zuge zu fusz 
folgt soll für jeden dabei gethanen schritt dasselbe verdienst sich 
erwerben, als hätte er das feierlichste opfer, ein asvamedha d. h. 
pferdeopfer dargebracht, nach Lassen 1, 639 ist das älteste bei- 
spiel das verbrennen der Mädre auf dem Scheiterhaufen ihres 
gemahls Pändu aus dem Mahäbhärata *. 

Die gebrauche selbst werden so geschildert: wenn die witwe 264 
gebadet und in reine gewänder gekleidet ist, faszt sie heiliges 
gras ' und schlürft wasser aus ihrer band, dann schaut sie gen 
Osten und norden, während der Brachmane das geheimniszvolle 
wort om ausspricht; hierauf neigt sie sich Näräyana und spricht 
das sankalpa aus: in diesem monat möge ich zu Arundhati (ge- 
mahlin des Vasishtha) kommen und in Svarga (dem himmel) 
wohnen; mögen die jähre meines wesens zahlreich sein wie die 



* Parvati verbrennt sich für Shiwa. Rhode 2, 469. Upakosa besteigt nach 
ihres gatten vermeintem tod den Scheiterhaufen. Somadeva 1, 42. Verbrennung 
der leichen. Somadeva 1, 31. 

' herba pura, chrenecrüda, skr. kusa, poa cynosuroides, welche die Inder in 
heiligen gebrauchen oft verwenden, durva agrostis linearis, ein anderes heiliges 
gras, entspricht dem ags. torf cespes, ahd. zorba. 



i 



302 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

haare des menschlichen leibs, möge ich mit meinem gemahl die 
wonne des himmels genieszen, meine väterlichen mid mütterli- 
chen vorfahren und die voreitern des vaters meines gemahls 
heiligen und selig sein mit meinem herrn in den reichen der 
vierzehn Indras. ich rufe zu euch, ihr hüter der acht welt- 
theile, zu sonne, mond, luft, feuer, aether, erde, wasser, zu mei- 
ner eignen seele, Jama, tag, nacht und Zwielicht! und du ge- 
wissen, sei mir zeuge, ich folge meines gemahls leiche auf den 
Scheiterhaufen! dann das sankalpa wiederholend wandelt sie drei- 
mal um den holzstosz, und der Brachmane spricht: om! lasz 
diese gute frau, unverwitwet, gesalbt und klare butter haltend 
sich dem feuer weihen! unsterblich, weder kinderlos noch ge- 
mahllos, geziert mit edlem gestein lasz sie ins feuer eingehn, 
dessen dement das wasser ist! ^ om, lasz diese treue frau sich 
selbst rein und schön dem feuer übergeben mit der leiche ihres 
mannes. 

Der söhn oder ein andrer naher verwandter des verstorb- 
nen zündet darauf den holzstosz an. 

Keine schwangere oder unreine darf ihn beschreiten *. stirbt 
und wird ein Brachmana in der ferne verbrannt , so darf seine 
frau in der heimat nicht einen zweiten Scheiterhaufen besteigen, 
wol aber ist dies der frau eines Kschatrija gestattet: sie musz 
dann etwas von des ferngestorbnen gatten geräth, namentlich 
seine Sandalen auf ihrer brüst zum feuer tragen. 
265 Nicht allein witwen verbrennen sich mit dem gemahl, es 

kommt auch vor dasz eitern der leiche des geliebten sohns in 

' Rigveda VII. 6. 27. 2 

imä närir avid'aväh supatnir äriganena sarpisä samvisantu I 
anasravo 'namiväh suratnä ärohaätu ganayo yonim agre II 
diese frauen, unverwitwet, gute gattinnen hei-an mögen sie mit salbe 

und butter treten, 
ohne thränen, ohne Krankheit, mit ihrem schmuck die mütter zuerst 

den schosz betreten. 
* die verwandten leiden nicht dasz die schwangere frau dem manne in den 
tod folge. Somadeva 2, 79. eine frau will des mannes Scheiterhaufen besteigen. 
Somadeva 2, 147. auch die mutter verbrennt sich nach dem tode des sohns. 
Somad. 2, 23. frauenverbrennung auf der insel Bali (gegen die küste von Java) 
in Indien, als sehr kostspielig und selten geschildert. Ausland 1857 s. 880 vgl. 
Lassen 3, 348. Frank weltb. 205\ 206\ 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 303 

die flamme folgen ; so starben in einer episode des Rämäjana 
der blinde vater und die mutter des einsiedlers, den Dasaratha 
aus versehn erschlagen hatte ', im Vetälapancavinsati verbrennt 
sich ein freier mit der gestorbnen geliebten. 

Unheilbare kranke veranstalten selbst ihre Verbrennung und 
bringen sich auf diese weise ums leben , was an Herakles und 
den herulischen wie thüringischen brand erinnert. 

üeberall aber stand es im freien willen der witwen, ob sie 
sich mitverbrennen wollten und nicht zu bezweifeln ist, dasz es 
oft unterblieb, wie auch, wenigstens neuere reisende das mit- 
verbrennen als ausnähme darstellen, die jedesmal groszes auf- 
sehn errege ^. 

Der scheiterhaufe heiszt im skr. tschitä oder auch tscha- 
jana *, beide von der wurzel tschi colligere (Bopj) 11 9*". 123". 
124'), d. i. der geschichtete holz und reiserhaufe, ignis collecti- 
tius. im Rämäjana 2, 76 findet sich aber eine ausführliche, lehr- 
reiche Schilderung des holzstoszes, auf welchem Dasaratha ver- 
brannt wurde und auch seine gemahlin Kausalija mitsterben 
wollte, obgleich es nicht dazu kam. der leichnam wird auf ei- 
ner bahre ausgetragen, gold und gewänder werden vor ihm ge- 
streut, geschichtet aber wird der scheiterhaufe aus devadäru- 
holz, götterbaumholz, pinus devadäru (Lassen 1, 46. 252); in 
Bengalen verwendet man dazu die uvaria longifolia, im Dekhan 
erythroxylon sideroxyloides, welches ein wilder dornstrauch ist, 
prunus silvestris, so dasz unsre aufmerksamkeit hier wieder da- 
hin gerichtet wird, wo wir schon die einstimmung des griechi- 
schen und altdeutschen brauchs wahrnahmen ^ ; auch in unserm 



' Holtzmanns Valmiki s. 137. 

man vergleiche die anziehenden beispiele, welche Arnkiel im cimbtischetl 
heidenthum 3. 104 — 110 und Klemm in seiner culturgeschichte 7, 143 — 147 
gesammelt haben. 

* auchäkäja. Bopp 27''. agnisariskära Verbrennung eines todten. Bühtlingk35. 
smasäna locus in quo corpora mortua comburuntur vel sepcliuntur. Bopp 354'*. 

Colebrooke 1, 151 sagt: the fuel used at sacrifices must be wood of the 
racemiferous figtree, the leaf^' butea, or the catechu mimosa. it should seem 
however, that the prickly adenanthera (sami, adenanthera aculeata, ein dornstrauch) 
or even the mango may be used. the wood is cut into small loges, a span 
long, and not thicker than a mans fist. anderwärts finde ich noch andre Sträuche 



304 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

alterthum müssen bestimmte Holzarten heiliges f'euerholz gewesen 
sein, duftende gerüche werden gesprengt und unter priesterli- 
chem weihgesang die scheiter entzündet. 
266 Es kann nicht meine absieht sein die sitte des leichenbran- 

des in gleicher ausführlichkeit über den ganzen erdboden zu 
verfolgen ; ich wollte, die deutschen Völker im äuge habend, auf 
alle ihnen benachbarten und urverwandten mich erstrecken und 
so den weg nachweisen auf welchem die gebrauche aus Europa 
zurück nach Asien verfolgt werden mögen, nur mit wenigem 
sei hier angemerkt, dasz gleich den Hebraeern die Araber und 
namentlich Beduinen nur begraben, nicht verbrennen, weshalb 
auch dies den Mahomedanern insgemein fremd blieb, da die 
heidnischen Canaaniten ihren göttern menschenopfer brannten, 
ihre erstgeburt durchs feuer gehn lieszen, darf man vermuten, 
dasz sie auch ihre todten den flammen übergaben. Abraham 
sollte seinen söhn im feuer opfern, und der brennende busch 
des alten testaments verräth Zusammenhang mit feuercultus ; ich 
weisz nicht, ob man daraus einen älteren leichenbrand folgern 
darf, wahrscheinlich brannten die alten Assyrier ihre leichen, 

und hülzer genannt, [feuer aus pi'emna spinosa gerieben. Böhtlingk 1, 404. sonst 
kantaka spina. Bopp 63.] 

' auch im buch der richter 9, 15 wird der dornbusch (bei Gerh. von Min- 
den no. 33 der blanke hagedorn) zum könig der bäume erwählt und feuer soll 
aus ihm gehn. in bezug auf die Hebräer könnten zweifei obwalten, J. D. Mi- 
chaelis hat sogar de combustione et humatione mortuorum apud Hebraeos (syn- 
tagma comment. 1, 225) geschrieben, es steht fest, dasz vor Sauls zeiten kein 
todter verbrannt wurde, ja ein solcher brand für die höchste strafe galt, hätte 
sich das seit dem beginn der königlichen herschaft in Israel geändert? nach 
l Sam. 31, 12. 13 nahmen die Jabesiten Sauls und seiner söhne verstümmelte 
leichen von der mauer zu Bethsan, wohin die Philister sie gehängt hatten, und 
verbrannten sie zu Jabes. wahrscheinlich aber blosz um sie den feindlichen Phi- 
listern dadurch schnell zu entziehen. II chron. 16, 14 wird bei des Assa be- 
gräbnis eines groszen brandes gedacht und aus II chron. 21, 19 erhellt, dasz es 
gewohnheit war verstorbnen königen einen brand zu machen, worauf sich auch 
Jerem. 34, 5 bezieht; allein damit ist blosz anzünden von wolgerüchen gemeint, 
Josephus bell. jud. 1. 33, 9 nennt bei des Herodes leichenbegängnis ausdrücklich 
die c«piu[j.aTOcpo'poi. gewöhnlich wird von allen königen des südlichen und nördli- 
chen reichs ausdrücklich angeführt, dasz und wo sie begraben, niemals dasz sie 
verbrannt wurden, wenn die LXX in jener stelle Jerem. 34, 5 exXauaav schrei- 
ben, könnte man ein ursprüngliches exauaav mutmaszen, doch lesen schon cod. 
alex. und vatic. l'vcXocucav, welches freie deutung des hebr. textes, nicht entstellnng 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 305 

Sardanapal liesz für sich und seine frauen den prächtigsten 
Scheiterhaufen rüsten, welchen aus Ctesias Athenaeus p. 529 
(12, 38. Diodor 2, 27) umständlich beschreibt. Chinesen, Ja- 
paner, Mongolen begraben zwar, doch spuren des brenuens tre- 
ten auch bei ihnen vor ^. alle indogermanischen Völker hiengen 
wesentlich dem brennen an und was davon abweicht, bleibt 
blosz näher zu untersuchen und zu begründen, so musz die 
zendlsche lehre , weil sie das feuer hoch heiligte , brennen der 
todten, gleich den zahlreichen Sivadienern, untersagt haben ^; 
manche brauche der blosz begrabenden Buddhisten stehn mit 
christlichen in Zusammenhang, während die alten Mexicaner 

scheint, endlich ist Arnos 6, 10 zwar von einem verbrennen des todten die rede, 
aber wol in pestzeit, wo man gezwungen war von der landessitte abzuweichen, 
man scheint also von den nachbarn her den leichenbrand gekannt und in beson- 
. dem fällen ausnahmsweise geübt zu haben, nach dem exil kommt von einem 
verbrennen der leichen bei den Juden gar nichts vor. Tacitus bist. 5, 5 sagt 
von den Juden: corpora condere, quam cremare, e more aegyptio, sie begruben, 
wie die Aegypter, verbrannten nicht, ich verdanke diese aufschlüsse grbszentheils 
meinem freunde Bertheau in Götingen. [ — und das ganze tal der leichen und der 
aschen wird dem herren heilig sein. Jer. 31, 40. umb drei oder vier laster wil- 
len Moab wil ich ir nicht schonen, darumb das sie die gebeine des königs zu 
Edom haben zu aschen verbrant. Amos 2, 1. — in Ludwig dem frommen 2421. 
2426 wird den Sarazenen verbrennen beigelegt, das scheint aber verwechselang 
mit' römischem brauch, s. oben zu 207.] 

' nach Thunbergs reisen 2, 2 s. 31. 32 war in Japan der leichenbrand eh- 
mals allgemein und gilt jetzt nur noch für die vornehmen. [Köln, zeitung 1862 
no. 46 in Slam wird der gestorbene könig ein jähr lang in goldner urne aufbe- 
wahrt und dann erst verbrannt. Kalmüken haben leichenbrand für vornehme und 
den lama. Bergmann streif. 3, 153. 154. 157. 159 — 162.] 

* was aber nicht hindert, dasz art und weise der anzündung heiliger opfer 
und spenden vielfach mit der des Scheiterhaufens übereinstimme, nach Vendidad 
Sade (herausg. von Brockhaus, Leipzig 1850) heiszt es s. 315: baevare vazjanam 
ae9manam khraojdvanam pairistanam äthre Ahurahe Mazdäo ashaja vanhuja urune 
cithim ni(jarenujät , d. i. zehntausend wagen von hart sein müssenden trocknen 
ausgewählten scheiten spende er dem feucr des Ahura Mazdah um guter reinheit 
willen als busze für seine seele. ich folge der von Benfey in den Gott. anz. 1850 
s. 1225 gegebnen Übersetzung, [vgl. Spiegel Avesta s. 203. 239. über leichen- 
verbrennung und wohlriechende bäume s. 153. 154. 168. 203. 222. 240. der Per- 
ser Cyrus läszt einen groszen Scheiterhaufen schichten, darauf den lydischen könig 
Crösus gefesselt mit zweimal sieben lydischen knaben setzen, regen aber löscht 
die flammen. Herodot 1, 86. 87. Boges der Perser errichtet einen groszen Schei- 
terhaufen auf dem er sich, kinder, frau, kebsweiber und diener verbrennt. Herod. 
7, 107.] 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. 11. 20 



306 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

brannten, begruben die Araukaner (Klemm 5, 50. 51). in Austra- 
lien pflegen jüngere begraben, ältere verbrannt zu werden, er- 
trunkene oder an bestimmten krankheiten gestorbene wurden des 
267 verbrennens nicht tlieilhaftig (Klemm 5, 51). oft scheinen die 
beobachtungen ungenügend. 



Des Tacitus aussprach, der den Germanen einfachen lei- 
chenbrand mit bestimmten holzarten zuschreibt, hat sich voll- 
kommen bewährt, man wird es für mehr als bloszen zufall 
ansehn müssen, dasz die ältesten ausdrücke für den Scheiter- 
haufen von dörnern, die für viele dörner vom feuer entnommen 
sind, es war hirtenvölkern natürlich zündbares reisig zum brand 
zu verwenden ^ und einzelne dornarten auszuwählen , die ihnen 
für dies heilige geschäft die geschicktesten zu sein schienen, 
alle in Europa eingezognen stamme brachten die sitte ihre todten 
zu verbrennen schon aus Asien mit. 

Der einklanor unseres alterthums mit dem indischen fällt in 
die äugen, wie die Wörter unsrer spräche denen des sanskrit, 
begegnen deutsche brauche den indischen, ich kenne kein schla- 
genderes beispiel solches Zusammentreffens als das der Jahrtau- 
sende hindurch fort getragnen Überlieferung eines schwedischen 
märchens mit dem indischen leichenbrand. die ein volles jähr 
hindurch zu brechenden, fädelnden und schichtenden zweige ei- 
nes baumes gleichen den 360 blättern des indischen baums und 
dem knüpfen der wollenfäden vollkommen. 

In diesen bezügen des grases, der kräuter und aller de- 
mente auf die ereignisse und handlungen des menschlichen lebens 
offenbart sich ein unschuldiger glaube, eine kindliche feierlich- 
keit der vorzeit, die uns noch so roh dünken kann und doch 
einnehmen und rühren wird, der mensch je weiter er in der 
Weltgeschichte vorschreitet fühlt sich immer ernsthafter gestimmt 
und zu dem wesentlichen von dem zufälligen, zum gehalt der 



^ man sagt noch heute 'reiser zum Scheiterhaufen tragen' für einen beitrag 
geben. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 307 

Sache von dem bloszen bild hingezogen, hochzeit und leichen- 
feier gehn heute schnell an uns vorüber, wie ein Schauspiel, er- 
scheinen nicht mehr gipfel aller lust und trauer des lebens; 
längst wurden dem volk seine frohen brautläufte und leichen- 
male verkümmert und abgeschnitten, unter dem vorwand oder 
im wahn es müsse dem aufwand gesteuert werden da, wo er 
gerade an der rechten stelle ist. 

Es war ein heiterer der menschheit würdiger gedanke ihre 
todten der hellen und reinen flamme , statt der trägen erde zu 268 
überlassen; vom verbrennen der leiche bis zum einbalsamieren 
und verharzen ist aber der gröszte abstand den man sich den- 
ken kann, die brennenden Völker erkannten klares auges, was 
für den leiblichen stof gar nicht ausbleibe ^ ; aegyptische Schwer- 
mut und befangenheit wähnte ihn gerade festzuhalten, den blosz 
eingewundenen, der erde übergebnen leichnam erreicht Verwe- 
sung ungehindert; des hölzernen kastens bretter, den die grie- 
chische spräche fleischfressend, unser schwäbischer landmann 
noch heute todtenbaum nennt '^, halten sie doch nur kurze zeit 
auf; schwere sarge, wie sie bei Chinesen üblich sind, oder die 
doppelten, metallnen unserer fürstengrüfte, hemmen sie ein klein 
wenig länger und nähern die leiche dem zustand eingemachter 
mumie. 

Wie hat sich die oft gefühllose weichherzigkeit der neueren 
luft gemacht gegen den herben brauch des mitverbrennens der 
frauen im alterthum, und doch billigen wir, dasz die ehe, wenn 
sie ihres (gesetz ausdrückenden) namens werth sei, ewig und 
unauflösbar heisze, und preisen als seltnes glück, dasz hoch- 
bejahrte ehleute auf denselben tag hingeraft werden, denn er- 
hebend ist es wenn gesagt werden konnte 

bis sex lustra tori nox mitis et ultima clausit, 
arserunt uno funera bina rogo. Martial 10, 71. 

* xat "zl SeoScupii) [A^Xet, Tt^Srepov ürsp y?]?. 1^ utto y^S orJTreTOd; Plutarch II 
p. 499. 

* auch in der Schweiz todtabomm sarg, bömmli kindersarg. [fries. dothholt. 
Ehrentraut SöS**. todtenbaum. Schimpf und ernst Bö*", russ. koloda klotz, block 
und sarg aus bäum gehauen, vgl. altsl. klada pedica, mhd. lade, altn. hiadi strues. 
oben s. 241 klasti.] 

20» 



308 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. - 

wer es versteht, dasz bürger für das Vaterland *, freund für den 
freund, geliebter für die geliebte, so lange die weit steht, star- 
ben und sterben, wird nicht zweifeln, dasz die meisten frauen 
freudig mit den männern gestorben sind ^; selbst die starke macht 
der sitte muste ihren freiwilligen und viele ausnahmen dulden- 
den entschlusz bestimmen, und niemand schilt gewohnheit oder 
gesetz, die ein kriegsheer zur schlacht entsenden, in welchem 
auch unentschlossene oder unfreiwillige mitstreiten und fallen, 
barbarisch und grausam sollten also nicht die heidnischen Völ- 
ker heiszen, deren ehefrauen mit den männern verbrannt werden 
durften, sondern die christlichen, unter denen haufenweis ketzer 
und hexen unmenschlich der .flamme überliefert wurden; jenes 
beruhte auf einem geheiligten band der natur, dies auf der prie- 
ster verblendetem eifer. 
269 Kein volk, meines wissens, war von den schauern des en- 

gen dumpfen grabes stärker ergriffen, als das der alten Sachsen 
und Friesen, seit sie vom brennen zum begraben sich zurück 
gewandt hatten, lese man nur die gespräche der seele mit dem 
begrabnen leichnam im cod. exon. s. 367 — 37%'^ oder ein klei- 
nes 'das grab' überschriebnes gedieht in Thorpes analecten s. 142, 
dessen worte und Wendungen denen des friesischen rechtsbuchs 
begegnen, wo ein kind klagt um seinen vater, der es gegen 
hunger und nebelkalten winter schützen sollte: quod ille tarn 
profunde et tam obscure cum illis quatuor clavis est sub quercu 
et pulvere conclusus et coopertus **, ich habe die lateinische fas- 

* saepe uuiversi exercitus, dura pro terrena patria morerentur, ubi postea 
jacerent, vel quibus bestiis esca fierent, non curaverunt. Augustin. de civ. dei 1, 12. 

' nach Caesarius von Heisterbach 5, 19 verbrannte sich eine Jungfrau frei- 
willig mit dem ketzer Arnold , ihrem lehrer. [ auch andre todesarten wählen -die 
frauen beim tode des galten, die gattin des Kyzikos erhängt sich. Orph. Argon. 
397. bei Hagbards aufhängen erhängen sich die frauen. Saxo s. 345. M.] 

* auch in mhd. gedichten : 

ich sihe din gebeine rozzen, 

daz hat diu erde gar vemozzen. todes gehügde 631. 
[daz füla legar. O. V. 20, 27. 

si legent dich under die erde, 
da muostu in der cülen 
stinken unde vülen. vom gelouben 2525.] 
** erdu bithekkian, diopo bidelvan. Hei. 8110 K. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 309 

sung ausgehoben, obgleich die ursprüngliche friesische noch ein- 
facher klingt, liegt in dieser unbeschreiblichen wehmut auch 
etwas keltisches? denn bei Ossian heiszt es öfter 'ans an talla 
chaol giin leus', im engen dunkeln hause ohne licht *. 

Wir nennen das grab ein bett % eine ruhestätte der ent- 
schlafnen (xoi[X7]T7;ptov), wo sie nach irdischer arbeit ungestört 
rasten, ein haus des friedens ^ und der stille, das mag viel mehr 
von den heidnischen grabhügeln, die noch kein pflüg aufgeackert, 
keine habsucht oder neugier erbrochen hat, als von den gräbern 
christlicher kirchhöfe gelten; der todtengräber und die clowns 
im Hamlet wissen, wie lang es dauert, bis ein platz für neue 
gräber wieder umgegraben werden musz. es gibt keine unsrer 
Städte, in der nicht straszen über alten kirchhöfen gepflastert 
wären; so mächtig waltet das bedürfnis der lebenden raumbe- 
engten menschen, dasz es nur wenig rücksicht auf die todten 
zu nehmen gestattet, kaum wird auf unsern todtenhöfen ein 
grab nachzuweisen sein, das sich über einige Jahrhunderte hin- 
aus behauptet "hätte , und bald liegt alles vergraset , verrostet, 
verwittert ^, das sind keine houses which last tili doomsday; wie 
tiefe Wahrheit liegt in jenen Worten des Tacitus von den Ger- 
manen : sepulcrum cespes erigit, monumentorum arduum et ope- 270 
rosum honorem ut gravem defunctis aspernantur. was hilfts 
schweren stein über denen zu thürmen, welchen die erde leicht 
sein soll? wollte man für jeden der zahllosen millionen von ge- 
storbnen menschen gehegten grabraum fordern, die Oberfläche 
würde sich bald mit hügeln decken, es läszt sich ein grauen- 
vollerer anblick nicht denken, als den das schichten menschli- 

* ags. dimhüs latibula. Haupt 9, 520''. wirt in engem hüse. MSH. 3, 464". 
gedrungenes haus. Günther 366. in jenes feste haus. Göthe 20, 159. wer folgt 
mir bis zum finstern haus ? Schiller 49*. bis zu dem engen kalten hause, knecht 
Uli 291. 

' intheket mir thaz ketti, 

thaz mines friuntes betti. O. III. 24, 82. 
[bringen zuo ir langen betreste. Kl. 1190. in touber molten ligen. Krone 2414. 
in ermen melwe begraben. MS. 2, 166". bidja sjelan sofa. Sasm. 198\ finn. lepa- 
kammio rukekammer. gal. leaba bett und grab.] 

'^ friedhof, mhd. vrithof, ahd. frithof atrium, geschützter, eingefriedigter räum. 

^ schon Sidonius Apollinaris epist. 3, 12: jam niger cespes ex viridi, jam 
supra antiquum sepulcrum glebae recentes. 



310 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

eher gerippe und schädel in den grüften einiger italienischer 
klöster gewährt, für die angemessenste, das andenken am läng- 
sten sichernde bewahrnng unsrer Überreste wird die gelten müs- 
sen, welche den geringsten räum kostet und die vergehende 
gestalt zu erhalten aufgibt. 

Unter der mähenden sense gefallne gräser und kräuter 
duften wolgeruch, die Verwesung des entseelten fleisches wird 
unsern sinnen unerträglich, nicht das rohe bedürfnis sich der 
leiche, die man nicht bei sich behalten konnte, um jeden preis 
zu entledigen war es, was die menschen antrieb sie tief in die 
erde zu graben, durch die reinigende flamme zu verbrennen oder 
gar den raubthieren als beute hinzuwerfen; sondern liebreiche 
sorge um die todten selbst, deren gebein gehegt, ehrbietige rück- 
sicht auf die götter, welchen sie geweiht werden sollten, walte- 
ten ob. wol hat ein strenges gesetz des bestattens aufwand 
einschränken zu müssen geglaubt, mangel an holz und gedörn 
in der wüste den leichenbrand untersagt, nie aber forstmännische 
furcht vor waldverödung, erst der veränderte laiif des glaubens 
eine so mächtige sitte abkommen lassen. * 

Wir können nicht wieder zu den gebrauchen ferner Ver- 
gangenheit umkehren, nachdem sie einmal seit lange abgelegt 
worden sind, sie stehn jetzt auszer bezug auf unsre übrige ein- 
gewohnte lebensart und würden neu eingeführt den seltsamsten 
eindruck machen, obgleich selbst der Sprachgebrauch immer 
noch [wie s. 222 bei O. V. 20, 27 und Mar. 210, 14 ersterben 
und ze valwiske werden,] duldet von der asche unsrer unver- 
brannten eitern zu reden. 

Die Vorstellung der avotoftaat? oder auferstehung ist eine 
höchst einfache, ehrwürdige, der entschlafne erwacht, die mü- 
den gebeine erheben sich mit neuer kraft und stehn auf, die 
vorige gestalt durch ein göttliches wunder wird geläutert her- 
gestellt, sammeln und wiederbeleben der aufbewahrten knochen, 
sogar von thieren, war auch der heidnischen fabel bekannt, an 
mehrern orten hat man alte gräber eröfnet, in welchen die leichen 

* der leichnam des englischen dichters Shelley wurde im jähre 1822 auf einem 
Scheiterhaufen verbrannt und seine asche bei der Cestiuspyramide in Rom beige- 
setzt. Conversationslex. 10, 200. 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 311 

weder der länge nach gestreckt noch sitzend, sondern mit hän- 
den, haupt und beinen zusammengebogen lagen, gleichsam um 
den leib wieder in dieselbe richtung zu versetzen^ die er vor 271 
der geburt im schosz der mutter eingenommen habe *, so dasz 
die rückkehr in die mütterhche erde anzeichen werde künftiger 
neuer geburt und auferstehung des embryons. 

Kein nachdenkender kann umhin den begrif des auferständ- 
nisses von dem der fortdauer oder des künftigen lebens zu un- 
terscheiden, selbst dem auferstehn ist das verbrennen der leiche 
nicht mehr entgegen als das begraben, da wir aus erfahrung 
wissen, dasz alle bänder und fugen des leibs im verwesen gerade 
wie im brand aufgelöst werden, von allen bestattungsweisen 
wäre, sinnlich angesehn, das einbalsamieren den gekleisterten 
und verklebten gliedern und beinen wiederaufzustehn am hin- 
derlichsten, aber der unsäglich viele menschen quälenden Vor- 
stellung des lebendig begrabens machte das verbrennen ein un- 
mittelbares ende. 

Für ein sacrament der christenweit kann weder das be- 
graben gelten, noch das verbrennen für ein hindernis der Selig- 
keit, welche niemand den sonst in flammen oder im wasser 
umgekommnen abspricht, die kirche aber befiehlt den todten 
zu begraben, wie sie befiehlt das neugeborne kind, nicht erst 
das erwachsne, seiner Vernunft mächtig gewordne zu taufen, man 
weisz dasz auch viele beiden die neugebornen mit wasser be- 
sprengten, also beim eintritt ins leben wie beim austritt durch 
die beiden demente des wassers und feuers weihten. 

Bei dem durchdringenden gefühl dasz unser irdischer theil 
verloren gehe, raunt in der innersten brüst eine geheimnisvolle 
stimme uns unwiderstehlich zu, der seelische theil bleibe er- 
halten. 

Oben führte ich das beispiel einzelner thiere an, die gleich 
dem menschen ihre todten unter der erde bergen sollen, in er- 
hebender dichtung stellen uns sage und poesie des alterthums 
einen fabelhaften vogel dar, von dem sich behaupten liesze, dasz 

' wie eng er lajge gevangen, 
da im knie und diu wangen 
ruorten sich. Renner 19019. 



312 ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 

er beide bestattungsweisen des menschlichen geschlechts zusam- 
men geübt habe. Herodot 2, 73 vernahm zu Heliopolis, dorthin 
alle fünfhundert jähre komme aus Arabien der Phoenix geflogen, 
um in des Helios heiligthum seinen verstorbnen vater zu be- 
graben, er bereite aus myrrhen ein ei, so grosz ers tragen könne, 
hole es, lege seinen vater hinein und klebe es mit myrrhen zu; 
272 dann sei das ei gerade wieder so schwer als da es noch nicht 
ausgehölt war. das legt Tacitus ann. 6, 28 anders aus: confecto 
annorum numero, ubi mors propinquat, suis in terris struere ni- 
dum eique vim genitalem adfundere, ex qua fetum oriri; et pri- 
mum adulto curam sepeliendi patris, neque id temere, sed sublato 
myrrhae pondere tentatoque per longum iter, ubi par oneri, par 
meatui sit, subire patrium corpus inque Solls aram perferre atque 
adolere. adolere hier, wie oft, verbrennen, noch andre sagen 
ausdrücklich, wenn der phoenix fünfhundert jähre erfülle, baue 
er einen Scheiterhaufen von gewürz, verbrenne sich auf ihm und 
sterbe; aus der Verwesung gebäre er sich neu und trage grosz 
geworden die gebeine seines alten leibs in myrrhen geschlossen 
nach Heliopolis, wo er sie verbrenne. Pomp. Mela 3, 8. vgl. 
Ovid. met. ]5, 392. 

Dies schöne edle beispiel für des lebens erneuerung nach 
dem tode ist auch von christlichen dichtem oft aufgenommen 
und eingeprägt worden, dem verbrennen der todten. widersetz- 
ten sich Juden und Christen, weil Abraham und Sara (von kei- 
nem ihrer vorfahren sagt es die schrift), Jacob, und dann alle 
bis auf Lazarus herab begraben wurden , und Christus , unsers 
glaubens Stifter, aus dem grab erstand. 

Das ist dem menschen eingeimpft, dasz er an wunder, die 
ihn zu gott führen, glaube, ich glaube an ein wunder des Sa- 
mens, der in die erde gelegt aus seinem inneren haft hinauf 
treibt und sich zu zartem, farbigem, duftigem kraut entfaltet; 
ich glaube nicht, dasz das zerstörte auseinander fallende haftlose 
körn in dem boden treiben würde, selbst die geheiranisse sind 
den gesetzen der natur unterworfen, wie vermöchte der an sei- 
ner Seele fortdauer gläubige, neues leben ahnende mensch für 
wahr zu halten, dasz die durch feuer oder erde, schnell oder 
langsam, verflüchtigten theile seines vergänglichen und vergehen- 



ÜBER DAS VERBRENNEN DER LEICHEN. 313 

den leibs ihrem stofFe nach wieder zusammengeheftet würden; 
wie könnte ihm die auferstehung oder das emporsteigen der 
ranchseule mehr als ein bild jener geistigen fortdauer sein? des 
mit höchster Weisheit auf die sinne eingerichteten leibes fleisch- 
liche herstelluno; müste ein anderes sinnliches leben nach sich 
ziehen und ein höheres hindern; die art und weise der uns 
geschehenden erhöhung oder vergeistigung spricht aber keine 
zunge aus *. 

Desto gleichmütiger dürfen wir dem verbreimen der leichen 
sein geschichtliches recht widerfahren lassen und von diesem 
standpunct her die Wahrheit der worte des dichters empfinden, 

höre mutter nun die letzte bitte: 273 

einen Scheiterhaufen schichte du, 

öfne meine bange kleine hütte, 

bring in flammen liebende zur ruh. 

wenn der funke sprüht, 

wenn die asche glüht, 

eilen wir den alten göttern zu. 

* auferstehung aus den gräbern am jüngsten tag weissagt Jesus. Job. 5, 28. 
vgl. Notkers ansieht Btb. 176. lehn weiz war ich nach tode sol. Freid. 178, 9. 
keine auferstehung des todten, Zeus hat keine beschwörung dafür. Aesch. Eum. 647fF. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 6 JANUAR 1851. 



Vor anderthalb jähren entwarf uns in behenden, gedräng- 
ten Zügen, wie er sie zu liefern pflegt, Gerhard den griechischen 
Eros, denen ich wenig anzufügen oder abzubrechen hätte, läge 
mir nicht im sinn, die dabei ganz zur seite gelassenen Vorstel- 
lungen anderer Völker, namentlich unsers eignen alterthums vor- 
zuführen und nachzuholen; es zieht an ihre einstimmung zu ge- 
wahren und kann sein, dasz ihre beschaflPenheit auch auf den 
griechischen mytlius einiges licht fallen lasse und ihn näher ent- 
falten helfe, ich imterscheide mich aber von meinem Vorgänger 
wesentlich darin, dasz mir gar keine bildwerke zur stütze die- 
nen, deren reiche fülle ihm allenthalben handhaben darbot: denn 
kaum gibt es überhaupt altdeutsche götterbilder, und den längst 
verschoUnen gott, welchen ich neu aufrichte, muste ich, wie man 
sagt, erst wieder mit nageln aus der erde graben, aber gleich 
den Philologen, die gar nichts ohne noten schreiben, können die 
griechischen archäologen keine abhandlung geben ohne bilder, 
und doch, dünkt mich, würde ein ideal sprachlicher und mytho- 
logischer Untersuchung eben alle anmerkungen und bilder schon 
entbehren, die bildende kunst ist verführerisch, und wenn sie 
anfangs unbeholfen auftrat, getreu am typus haftete, geht sie 
allmälich ihrer macht sich bewust werdend ganze schritte über 
ihn hinaus und mehr einer wohlgefälligen Schönheit der gestal- 
ten nach, dort erreicht sie den gehalt des mythus nicht, ohne 
ihn zu entstellen; hier will sie ihn abändern und für sich ge- 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 315 

recht machen, auch die dichter schalten nach willkür, allein 
der durch das ohr zum geist dringenden poesie steht eine un- 
gleich freiere macht des avisdrucks zu gebot als der stumm ins 
äuge fallenden kunst und ihre quelle flieszt sowol voller als lau- 
terer, es soll damit ungesagt sein, dasz wir nicht eifrig aus 
den blühenden werken der kunst wie den minder anschaulichen 
der poesie zu schöpfen hätten; am aller wenigsten wollte ich 
meiner vielleicht nur unbefriedigenden, stückhaften Untersuchung 2 
aus dem nothgedrungnen abgang aller bildlichen darstellungen 
und jedweder sonst hier verschwenderisch dargereichten augen- 
weide gar einen vortheil bereiten. 

Plato hat in einem seiner geistreichsten und gewandtesten 
dialoge, im Symposium das wesen des Eros unvergleichlich be- 
sprochen, eine gesellschaft von freunden war verwundert, dasz 
unter allen göttern allein Eros unbesungen und ohne preis bleibe ; 
man kam überein, jeder nach der reihe solle auftreten und ihm 
die lobrede halten, zuerst spricht Phaedrus und führt aits, Eros 
sei einer der gröszten und ältesten götter, den Hesiod alsogleich 
hinter dem chaos neben der erde nenne, er treibe und feuere 
alle wesen an. Pausanias besteht darauf, dasz man zwei Erote, 
den himmlischen und gemeinen zu unterscheiden habe, wie es 
eine himmlische und gemeine Afrodite gebe '. Ilauaavibu 0^ izancsa- 
[xevou, heiszt es wortspielend, soll Aristophanes reden, der aber 
eben vom schlucken befallen wird und dessen stelle Eryxima- 
chus einnimmt, er trägt vor, dieser doppelte Eros walte in allen 
dingen der ganzen natur, wovon manche sinnreiche anwendung 
gemacht wird; nun hat des Aristophanes schlucke nachgelassen 
und der redner verdeutlicht des gottes grosze macht durch eine 
sagenhaft klingende fabel von drei menschengeschlechtern , die 
anfangs vorhanden gewesen, einem männlichen, weiblichen und 
mannweiblichen, deren seltsame gestalt geschildert wird, die 
aber Zeus unter Apollons beistand umgeschaflPen habe, bei wel- 
chem anlasz dann die leidenschaft der liebe entsprungen sei. 
auf diese wunderbare erzählung folgt Agathons gelungne rede, 

* vom himmlischen Eros leitet er die liebe zu verständigen iünglingen ab; 
man vergleiche über den gegensatz der frauenliebe und knabenliebe die reden 
des athenischen Charikles und korinthischen Kallikratides in Lucians Amores. 



316 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

die tiicht sowol des gottes einflusz und Wirkung sondern ihn 
selbst darstellen will als den schönsten, seligsten aller, den jun- 
gen, zarten, allerzeugenden gott, der den menschen friede, dem 
meör stille, den winden ruhe schaffe, er sei ^^apittov, i[i.£pou, iro- 
boo TraxYJp, alle zuhörer stimmen diesem beredten preise laut bei. 
endlich erhebt sich Sokrates, der nicht eigentlich seine meinung 
zum besten gibt, vielmehr liinterbringt, was ihm einmal die 
Weissagerin Diotima mitgetheilt hatte, weder schön und gut 
sei Eros, weder gott noch mensch, sondern zwischen beiden ste- 
hend ein daemon, kein seliger gott, weil ihm ja das gut mangle, 
göttlichkeit mangel ausschliesze. Diotima erzählt eine sage von 
Eros erzeugung am geburtsfest der Afrodite, als Penia sich dem 
methtrunknen Porös zugesellt habe, Eros sei darum ewige Sehn- 
sucht nach Unsterblichkeit, sichtbar ragen unter allen gehalt- 
nen reden die beiden des Agathon und Sokrates hervor, eben 
hat dieser geendet, als man klopfen an die thür vernimmt und 
Alkibiades angetrunken eingelassen wird, er kommt plötzlich, 
ja auszer sich und bekränzt den Agathon, dann zwischen Aga- 
thon und Sokrates niedersitzend zieht er von Agathons haupt 
wieder blumen und zweige, mit ihnen auch Sokrates zu bekrän- 
zen, nun beginnt das trinkgelag von frischem und an Alkibia- 
des ergeht die aufforderung seinerseits Eros zu preisen, er aber 
will den Sokrates preisen und beginnt eine kühne rede, die er- 
hebende ohne zweifei historische züge des mutigen, standhaften 
betragens einflicht, welches zur zeit des feldzugs Sokrates an 
Alkibiades seite beobachtet hatte: damit endet das gastmal. man 
kann sich keinen edleren Übergang aus den gedanken einer geisti- 
gen betrachtung in die Verhältnisse des wirklichen lebens den- 
ken und gegenseitig müssen beide sich dadurch erheben und 
erhöhen. 

Aber auch im Phaedrus redet Plato merkwürdiges und tief- 
sinniges von dem wesen des Eros, indem er die natur der ge- 
flügelten Seelen darstellt, die sich zu den göttern empor schwin- 
gen: einem theil derselben fällt ihr flügelpaar ab und sie keh- 
ren zum irdischen leib zurück, nähren sich auf dem felde der 
Wahrheit und gewinnen neue flügelkraft, um nach verlauf von 
vielen tausend jähren wieder gen himmel auf zu steigen, in 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 317- 

solchem irdischen zustand beginnen ihnen nun beim anblick der 
Schönheit die neuen flügel schmerzhaft zu keimen und auszu- 
brechen, wie bei dem zahnenden kind die zahne ; die erinnerung 
an das einmal angeschaute göttlich schöne erwärmt und bese- 
ligt sie, diese empfindung, diesz süsze durchdringen heiszt Tfiepo?. 
zwei von den Homeriden überlieferte gedichte nennen den Eros 
selbst aus solchem gründe lltsptoc;, was sie so ausdrücken, dasz 
der von den menschen als Eros bezeichnete gott in der eignen 
göttersprache Pteros, der geflügelte heisze : 

Tov S' f]xot öv/)xot fisv "Epoixa xaXouai Tconrjvov, 

ot&avaxoi oh Ilxspwxa, 8ta Trxspocpuxop' dvdi^(x-qv. 
nicht also von den philosophen, schon von den dichtem war 
die ansieht ausgegangen und fragen dürfte man wenigstens, ob 
es möglich sei, das wort Ipo? und Ipto? (liebe) und IpajjLai über- 
haupt als kürzung einer volleren form zu betrachten, welcher 4 
ein abgefallener anlaut irx oder ttsx gebührt habe? überverwe- 
gen wäre doch etwa lat. äla zu deuten aus ptala nind dem skr. 
patatra, gr. i:xsp6v, ahd. fedara zu nähern, da es richtiger aus 
axla axilla zusammengedrängt wurde, wir wollen nachher eine 
bessere erklärung von l'pafxai finden. 

Abgesehn vom ursprünglichen sinn des wortes ist aber fest- 
zuhalten, dasz Eros das göttliche kennzeichen der flügel vorzugs- 
weise in ansprach nimmt und damit die Vorstellung geflügelter, 
ausfliegender seelen, die vom liebesgott fast unzertrennlich sind, 
seit ältester zeit zusammenhängen musz. zwar soll nach einer 
scholie zu Aristophanes seine in gut attischer kunsl allgemein 
anerkannte beflügelung erst um ol. 60 von einem bildhauer Bu- 
palos ^ eingeführt worden sein, welches zeugnis doch hier nichts 
entscheiden kann, da die wenn immer an dieses meisters bild- 
werken zuerst wahrgenommenen flügel sonst weit früher bekannt 
gewesen sein dürfen, auch Properz III. 2, 1 weisz den erfinder 
nicht, dessen arbeit er anerkennt, 

quicumque ille fuit, puerum qui pinxit Amorem, 
nonne putas miras hunc habuisse manus? 

hie primum vidit sine sensu vivere amantes, 

' dem man noch anderes aufgebracht zu haben nachsagt. Pausan. IV. 30. 4. 



318 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

et levibus curis magna perire bona, 
idem non frustra ventosas addidit alas, 
fecit et humano corde volare deum ^. 
sehnsüchtiger ruft TibuU II. 2, 17 den Amor heran 

utinam strepitantibus advolet alis, 
von dem Moschus sagt 1, 16 

und noch der archipoeta unsers mittelalters (carm. bur. 158") 
valet et duplicibus semper plaudit alis 
Amor indeficiens, Amor immortalis; 
unter allen menschlichen leidenschaften ist keine, die der flügel 
mehr begehrte und bedürfte als die liebe, 

wenn ich ein vöglein war, flog ich zu dir, 
und vögel sollen die botschaft liebender tragen, das reicht über 
alle Olympiaden hinaus, was kümmert mich jener scholiast? 
5 Ein andrer für meine Untersuchung entscheidend werden- 

der umstand tritt hinzu , auf welchen Plato freilich nicht hin- 
führte, den aber genug Zeugnisse unzweifelhaft lassen. 

Eros musz zwar überall als söhn der Afrodite, zugleich 
aber des Hermes betrachtet werden, deren beider Vereinigung, 
wie der name des hermafroditen an sich lehrt, jene auch in 
Piatons erzählung vorbrechenden androgynischen Vorstellungen 
herzu ruft, näheres darüber zu sagen, könnte nur in einer ab- 
handlung der Afrodite selbst versucht werden, auf welche ich 
hier nicht eingehe, aber Eros ist, wie Gerhard mit vollem 
recht aufstellt, eine dem Hermes durchaus entsprechende, beinah 
ursprünglich gleiche gottheit. denn auch in Hermes wohnt 
schöpferische kraft, wie er wird Eros in pelasgischer weise als 
roher stein verehrt, und ist gleich ihm ein hirtengott, der als 
götterbote nieder zur erde steigt, nun aber sind wiederum flü- 
gel an achsel und füszen vor allen andern göttern dem Hermes 
beigelegt und schon indem wir ihn uns mit Eros innig verwandt 
und gleichartig darstellen, dürfen wir gar nicht anstehn dem 
vater wie dem söhn beflügelung als wesentlich zuzuerkennen. 

' vgl. hierzu Eubulus bei Athenaeus lib. 13. p. 562. Meineke fr. comicor. 
3, 226. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 319 

Eros und Hermes sind schnelle boten durch die lüfte, Eros von 
Afrodite, Hermes von Zeus entsandt. 

Bevor ich weiter schreite, soll noch einmal auf die schon 
angedeutete, von Plato ausgesprochne ansieht zurück gelenkt 
werden, liebe sei eigentlich erinnerung (dvafxvrjai?, fAVT^ixrj) der 
seele an die früher angeschaute göttliche Schönheit, demnach 
mit jjLEvo?, mens unmittelbar verwandt, wer sieht nicht, dasz wort 
und Vorstellung, der griechischen spräche hier ausdrücklich de- 
nen der unsrigen begegnen? minna bezeichnete unserm alterthum 
nicht nur erinnerung, andenken ^, sondern auch die ganze lei- 
denschaft der liebe, und noch die dichter des mittelalters säu- 6 
men nicht uns frau Minne als ein persönliches, der liebe vor- 
stehendes, die liebe weckendes, die herzen bindendes wesen 
aufzuführen ^ ; wer den liebesgott als ihren söhn , wie Eros der 

' [GDS. 904 minia. daher = mun. at mannskis munom Sasm. 84*''. vgl. ii\ 
mian gal. miann lust liebe wünsch, arm. menö menoz animus, anima, welsch my- 
noed pensee, desir, arm. menna penser desirer. ahd. meinan sentire, velle, me- 
morare Graff 2, 786. minnen unde meinen Haupt 8, 456. 460. 462 — 464. 
Trist. 19315. Heinr. Trist. 316. MS. 1, 203\ 204^' troj. kr. 17023. ir minne 
und ir meine Tr. 19305. 19463. 19546. Heinr. Tr. 300. 470. meinen an ein wip 
gram. 4, 843. ich minne ein wip, da mein ich hin. MS. 1, 66"*. eine meine 
vor in allen. MS. 1, 88''. diese Jungfrau der du scheinst, meinet dich wie du 
sie meinst. Fleming 436. skr. smara amor aus smri meminisse. (i.vao[jiat [AifxvT^oxü) 
fAVT^ati^p freier, meiner.] das unablässige sinnen und trachten der minne drückt 
Properz III. 25, 7 treffend aus durch instarc: 

instat semper Amor supra caput, instat amanti 

et gravis ipsa super libera colla sedet, 
weshalb auch, da sie ihren gegenständ nie aus dem äuge verliert und alles an- 
denken für unauslöschlich, für oder gegen sie kein eidschwur nöthig, kein meineid 
strafbar ist. [TibuU 1. 4, 21 und Dissen comment s. 93.] Freidank sagt 99, 4. 
minne nieman darf verswern, 
si kan sich selbe an eide wem. 
des meineids liebender Statthaftigkeit bezeugt Pausanias in Piatons convivium 183: 
&? Y£ X^youatv o't -noXkol, i'xt xal (5[xv6vTt [Jidvtu S'JYyvajfXTj iiapa &e<J5v Ixßavxt xöv 
Spxov. dcppo5(aiov ydp opxov ou cpaciv eTvat. ganz wie ein dichter des mittelalters 
den bulern zu lügen erlaubt. Hätzlerin p. LXVII. [zumal MS. 2, 209''. auch 
Manu gesetzb. 112 (Stenzler ind. gottesurth. s. 662). at lovers perjuries, the 
say, Jove laughs. Romeo 2, 2.] 

* vgl. DM. 846. 848 [Minne frowe! MS. 1, 20P. frouwe Minne. MS. 1, 89". 
2, 143*. Krone 13531. fraw Venus edlew Minn. Suchenw. XXVHI, 320. 337. 
Venus die edle Minn. Uhland 761. Minnen här, capillus Veneris. Mones anz. 
8, 403. Minne süeziu füegerin. MS. 1, 36*. Minne füege den rät 2, 92*. Minne 



320 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

Afrodite fassen und dem söhn alle eigenschaften der mutter ein- 
räumen wollte, könnte nicht irren, auf diesem punct, rinnen 
mutter und söhn ganz in einander, in einer schönen stelle des 
wolframischen Titurel 63 [vgl. Albr. Tit. 698] heiszt es geradezu: 

fliuget minne ungerne üf haut, ich kan minne locken, 
d. h. sie erscheint als fliegender vogel, den man heran lockt 
(dasz er mit den flügehi rauschend schlage), oder selbst als be- 
flügelt, und nicht anders werden ihr sper, lanze, pfeil oder stral, 
mit welchem sie, mutter wie söhn, die menschen verwunde, zu- 
geschrieben, wenn aber ebenda auch die naive frage gestellt 
wird: minne ist daz ein er, ist daz ein sie? oder im gedieht 
von Mai 64, 26: 

ist minne wip oder man?* 
so gemahnt mich das an des Sokrates frage (sympos. 199) t:6- 
xepov kaxi xotouto? oFo? sTvai xivo? 6 "Epto? Ipto?, tj ouosvo? ; si [j.7]xp6? 
Ttvo? Tj Traxpo? IcJxi; die fragenden wüsten nicht, wie sie das gei- 
sterhaft niedergeflogene wesen auffassen sollten , männlich oder 
weiblich? darum gilt Eros für einen zwitter. 

Nicht anders als frau Minne auf denken und sinnen ist 
auch ein göttliches wesen altnordischer mythologie, welcher 
sonst der frauenname Minne abgeht, einleuchtend auf dasselbe 
Seelenvermögen zu beziehen, denn auszer Freyja, der groszen 
liebesgöttin und Frigg der göttermutter, deren benennung zum 
goth. frijön amare, skr. pri, sl. prijati fällt, zählt die edda unter 



ist lieb ein füegerin. 1, 203''. Minne füegasrinne. MSH. 1, 93". da erzeigete in 
diu Minne daz si ein viiegserinne ist über allez daz ie wart, gute fr. 302. die 
slüzzel treit si beide ze liebe und ze leide. 307. diu gewaltarinne Minne. Trist. 
26, 1. Minne aller herzen lägerin. 294, 37. dö stiez se ir sigevanen dar. 294, 40. 
du minnenwolf. H. Sachs 1, 226'.] allegorische gedichte schildern ihre bürg und 
ihr gefolge; aber auch in der heimischen heldensage treten frau Minne und Si- 
geminne [Dietr. ahnen 2351. von der sigeminnen kraft. Dietr. u. ges. 1026. Minne, 
ahnen 901. 1737.] auf, im wald und im meer wohnen waltminnen und mermin- 
nen, DM. 404. 405. 455. Minna als frauenname bei Dronke n. 607 [domina Minna 
cod. Wangian. s. 152 a. 1202. im Hamb. verz. aus der mitte des dreizehnten jahrh. 
(zeitschr. 1, 339.346). reg. von Fraubrunnen no. 100. Kopp eidg. 2, 384,385] 
und Minne MS. 1, 14". 

* ich wüste nicht ob er sie oder er wäre. Simpl. buch 1 c. 19. fragen was 
minne si? Keller erz. 465, 36. von welcherlei gesiebte diu werde liebe mohte 
gesin, wip, man oder tieres schin. Eselberg s. 34. v. 86. 



ÜBER DEN LIEBESdOTT. 321 

den sföttinnen auch eine Siöfn her, die alle herzen zur liebe 
reize, nun heiszt siöfn zugleich braut, siafni bräutigam, freier, 
bule, und diese Wörter hängen doch zusammen mit sefi, ags. 
sefa, alts. sebo mens, animus, insofern sefan sof, goth. sa^an 
söf = sapere , intelligere aus einem altern sifan saf , siban saf 
abstammt, da siöfn und siafni nothwendig ein goth. sibna (wie 
goth. ibns ibna = altn. iafn iöfn) fordern, hierdurch würde zu- 
gleich ein Übergang gewonnen auf die dem wort und der sache 
nach verwandte, doch von Siöfn unterschiedne göttin Sif; das 7 
goth. sibja^ ahd. sippa, ags. sib bedeutet freundschaft , folglich 
liebe und sifi, ahd. sippo einen freund oder verwandten, ganz 
wie freund zu frijon, amicus zu amare gehören, weshalb auch 
ans ahd. seffo satelles (GrafF 6, 169) erinnert werden darf, einen 
männlichen liebesgott könnte sogar Freyr neben Freyja darstel- 
len ^, in der ganzen nordischen sage ist aber keine spur weder 
eines sohns jener göttinnen, dem die liebe als amt übertragen 
sei, noch andrer erotischer genien, es müsten sich denn über 
die älfar neue aufschlüsse ergeben, das mannweibliche bricht 
doch vor in dem doppelnamen Freyr und Freyja. 

Diotima hatte guten grund, von den göttern Eros auszu- 
schlieszen und als daemon zu bezeichnen, in der götter reihe 
wäre er das einzige kind und schon darum kann er als solches 
nicht den rang mit ihnen theilen, in seiner natur liegt deutlich 
etwas elbisches. gleich ihm führen unsere in Schönheit glän- 
zenden elbe ein geschosz, mit dem sie gefahrlich verwunden, 
und zur elbkönigin verhalten sie sich wie Eros zur liebesgöttin, 
seiner mutter, dazu stimmt treffend, dasz eine ganze rotte nack-' 
ter liebesgötter, eine turba minuta, nuda gedacht werden ', und 
das elbische geschlecht schon darum geflügelt vorzustellen ist, 
weil es in die gestalt der Schmetterlinge übergeht, auf diesem 
grund empfangt auch der liebliche, von Apulejus warm erzählte, 

' wobei des Fricco simulacrum ingenti priapo fictum (deutsche myth. 193. 

1209) von gewicht ist, und ElptaTro; vou der wurzel pri. 

"^ Propertius 3, 24. bei Ovid aber met. 10, 515 heiszt es von einem neu- 

gebornen kinde: ,. 

quaha namque 

Corpora nudorum tabula pinguntur Amorum 

talis erat. 

ein mild, dichter läszt sogar frau Liebe als kind gemalt werden (Diut. 2, 104). 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 21 



322 ÜBE!» DEN LIEBESGOTT. \ 

noch in unsere kindermärchen lebendig herabreichende mythus 
von Amor und Psyche sein rechtes licht, es ist der bund zwi- 
schen Eros und der sehnenden seele; selbst Augustin läszt die 
Seele mit ihren flügeln sich zu gott aufschwingen: quisquis di- 
lexit deum, animam habet pennatam liberis alis volantem ad 
deum, was ein christlicher prediger des mittelalters näher aus- 
führt ^. hier stehn wir unmittelbar an jenen platonischen seelen, 
die sich zur ewigen Schönheit zurück sehnen und die irdische 
liebe ist zur geistigen, himmlischen verklärt: darum eben gab 
es einen doppelten Eros, den gemeinen und den himmlischen, 
und des Eros anschlusz an Hermes, der die seelen geleitet findet 
sich auch von dieser seite bestätigt, immer aber erscheint Eros 
nicht selbst als hoher gott, nur als ein geistiges, von den göt- 
tern gesandtes und die menschen zu ihnen heimführendes wesen. 
Man hat gemeint und ausgesprochen, dasz gegenüber der 
griechischen die römische mythologie in dem umfang dieser Vor- 
stellungen wenig oder nichts eigentliches aufzeige, ihre personi- 
ficationen Cupido * und Amor geradezu den Griechen abgeborgt 
und nachgeahmt seien, der römischen Venus ist man wol ge- 
nöthigt, auszer ihrem unentlehnten namen auch noch manches 
besondere zu lassen, was sie vor Afrodite auszeichnet, wovon 
hier nicht kann geredet werden, ich behaupte, dasz auch Amor 
und Cupido, wie bereits ihre altlateinischen namen verbürgen, 
altrömischen Ursprungs waren, wenn gleich mit der einreiszen- 
den griechischen literatur dieser entwandte Vorstellungen auf sie 
übertragen wurden und nun verdrängten oder trübten, was sich 
bei den Römern besonderes gefunden hatte, dahin wäre ich ge- 
neigt auszer anderm einzelnes über Amors bewafnung mit bogen 
und pfeil zu rechnen, zumal den unterschied seines goldnen und 
bleiernen geschosses, welche liebe wecken oder scheuchen % was 

' Haupts Zeitschrift 7, 144. 

* cupere == hoffen, hugen. Cupido = Huginn vgl. Muninn. 

* Ovid. met. 1, 468: 

eque sagittifera prompsit duo tela pharetra 
diversorum operum: fugat hoc, facit illud aniorem. 
quod facit auratum est, et cuspide fulget acuta, 
quod fugat obtusum est, et habet sub arundine plumbum. 
[s. Haupts Neidh. s. 107. 108.] 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 323 

ich bei den Griechen nicht finde, die den Eros zwar StBufia to^a 
5(aptx(ov spannen lassen, deren eins aber lebensglück, das andere 
Unheil bringt und die der auszeichnung durch die metalle ent- 
behren •. unsere mhd. dichter folgen der römischen weise, und 
auch bei Veldeck, welcher Virgils zwölftes buch durch die aus- 
gesponnene liebesgeschichte sehr erweitert, schieszt Amor mit 
goldnem und bleiernem ger (En. 9947. 10053); Wolfram legt 
Parz. 532. Wh. 25, 14. 24, 5 dem Amor den ger, dem Cupido 
die sträle bei, doch im Wigal. 830 führt Amor die sträle und 
den brand. Veldeck läszt (9884) die Venus mit einer scharfen 
sträle schieszen. Amor und Cupido sind brüder (En, 9993 neben 
einander, Parz. 532) ^. nach Tibull 11. 1, 67 soll Amor, auf länd- 9 
lichem gefilde geboren ^, seine pfeile zuerst gegen das wild ge- 
braucht, hernach auf die menschen gewandt haben. 

Cupido nun steht zunächst dem griechischen Pothos , dem 
gott der Sehnsucht, der trauer und des süszen Verlangens *, un- 
sern minnesängern heiszt die liebe überaus häufig diu senende 
not, diu senende swaere oder sorge, ein liebender heiszt seue- 
daere, ich glaube, dasz zu diesem der älteren wie der Volkssprache 

' Eurip. Iphig. aul. 549, die worte werden aber bei Athenaeus lib. 13 p. 562 
auch dem Chaeremon zugeschrieben, von dem sie vielleicht Euripides entlehnte. 

^ der werde got Amin-, der süeze got Amur. MS. 2, 198^ 199". der Min- 
nen sträle MS. 1, 60". [Minne sträle Neif. 13, 20. diu sträle ist von rotem golde, 
niht von stäle. Nith. 10, 8 mit Haupts anm. der Minnen bolz Dietr. u. ges. 1000. 
carm. bur. 188 gliinde stral. ring 15", 3. bli. Krone 4980. Amors sträle und bo- 
gen 17255. Cupido mit feurin oder gülden sträle. Haupt 6, 36. Minne ger. MS- 
2, 143*. Minne spiez GA. 3, 45. engel der liebe mit einem goldnen schwert. 
Pröhle märchen für die Jugend s. 52. 53. der Minne lanzen ort. Ben. 370. riu- 
telstap. 416. Amor vackel MS. 1, 13*.], sonst auch strik und bant. MS. 1. 60". 
61". Gerhart 3043. 64. 2, 54. 3, 53. [Minne diu strickerinne. Trist. 306, 22. 
der Minnen seil Dietr. u. ges. 349. 1002. stric 1004. MS. 2, 100\ Lichtenst. 
280, 17. bant GA. 3, 53 f. Neifen 5, 5. 26, 8. 39, 21. gute fr. 525. Greg. 662. 
MS. 1, 36". bant und snüere Ben. 311.] diu Minne vert en Sprunge. Herb. 2538. 
[der Minnen tor, hüs. Trist. 427, 11. 35. zelle. Ben. 312. hamit. Wigal. 108, 35.— 
Hermanuus Minnevuz Lacomblet no. 359. 464. 474. Minnevot Moser 9, 260. Weig- 
nant der minnerlein. a. 1329. Bamberger verein 10, 106.] 

^ pervig. Ven. 76 : 

ipse Amor puer Dionae rure natus dicitur. 
hunc ager, cum parturiret ipsa, suscepit sinu. 
ipsa florum delicatis educavit osculis. 

* yXuxy? (J§ou; 6 toü Tiddoy Saxvet. Luciani Amores cap. 3. 

21* 



324 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

abgehenden senen sich das altn. sakna, schwed. sakna, dän. savne 
desiderare, missen halten, also ein ahd. sachanian, sahnan seh- 
nan voraus setzen läszt. wie Cupido von cupio ist Ilof^o? von 
TTO^ew gebildet, und schwerlich, was man vorgibt, ein samothra- 
kisches wort, da es sich ungekünstelt zu Tzda-/jia iTiaöov TtsirovO^a 
rAirriba Tra&o? Tr£vi>os fügt ^, alle diese Wörter, gleich dem lat. 
patior, leid und Sehnsucht ausdrücken, nach Athenaeus führte 
auch eine auf gräber gepflanzte blume den namen to&o?, etwa 
wie heute noch die alchemilla vulgaris den eines trauermantels. 
bei Bopp 208* heiszt die den Indern heilige, zu vielen gebrau- 
chen dienende seeblume (nymphaea nelumbia) padma, und von 
ihr Lakschmi, die göttin der Schönheit Padma, was wiederum 
auf Sigeminne und Minne als seeblume, nixblume, wassermuhme 
(DM. 457) führt. 

Wie aber Amor? hier liegt die wurzel amare offen, und 
ich möchte mit Amor das noch unaufgeklärte i[xspo? verbinden, 
das Pindar ganz für Ipw? setzt, unbefugt nemlich scheint mir 
dessen Zusammenstellung mit dem inselnamen "Iii-ßpo?, die nach 
Stephanus dem Hermes heilig war. in f[X£po? ist der. alaut ab- 
geschwächt, imd a[X£po?, unbeschadet des kurzen e vor dem r, 
würde sich unmittelbar zu amor stellen, dem zwar das reine a 
geblieben, die anlautende gutturalis dagegen, von welcher im 
gr. wort noch der Spiritus asper übrig scheint, abgestreift ist. 
amor müste demnach in chamor oder camor vervollständigt 
werden, wie vielen lat. Wörtern der anlaut c verloren gegan- 
gen ist. 

Bopp hat längst gelehrt, dasz das lateinische amo und amor 
aus camo und camor entsprungen sind, womit auch unsrer my- 
10 thologischen betrachtung sich ein weiteres feld öfnet. amare 
entspricht also dem skr. kam desiderare, velle, amare, und so- 
bald man cärus aus camrus (wie xopo?, xoupo? aus kamära puer) 
herleitet *, zeigt uns carus auch den erhaltnen , in amare und 
amor abgelegten kehllaut. Amor wird folglich vielleicht für Hi- 
meros, sicher für Camor genommen werden dürfen, im sanskrit 



' TTcfSo; uni1 T.i'v^rjt; wie ßcc&os und ß^v&o;. 

* vgl. ir. cara amicus, caraim früher cairim amo. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 325 

aber bedeutet das subst. Käma , mit verlängertem a , nicht nur 
amor , cupido , desiderium , voluntas , sondern unmittelbar einen 
persönlichen liebesgott, welcher zugleich den namen Kandarpa 
führt, von darpa stolz und derselben wurzel kam *, deren m vor 
dem anstoszenden d sich in n wandelte, gerade wie das abstracte 
subst. känti desiderium aus kamti erwuchs, dieser Käma scheint 
nun freilich noch nicht in den veden als gott aufzutreten; doch 
im achten veda, der eine mischung sehr alter mit neuen be- 
standtheilen enthält, findet sich die wichtige zu jener griechi- 
schen bei Hesiod stimmende meidung, dasz aus des chaos fin- 
sternis alsbald Käma, d. i. lust und Sehnsucht sich hervorgethan 
habe, die gangbaren späteren nachrichten nennen Käma oder 
Kämadeva einen söhn des himmels und der teuschung, und er 
wird dargestellt auf einem papagei reitend, ausgerüstet mit bo- 
gen von Zuckerrohr und fünf oder sechs pfeilen **, deren spitzen 
duftende blumen sind; ob er auch anderes schädliches geschosz 
entsende, bleibt verschwiegen, flügel scheinen ihm hier unbei- 
gelegt, doch dem fluge kommt das reiten auf dem vogel gleich, 
wie vor Afrodites wagen tauben gespannt sind, von käma und 
duh mulgens zusammengesetzt ist Kämaduh, der name einer ge- 
feiten Wünschelkuh, aus deren euter man alles was begehrt wird 
melken kann, zumal gewinnt bedeutung, dasz Vasanta der früh- 
ling Kämas unzertrennlicher freund ist, die wonne der blühen- 
den erde trift zusammen mit der liebeswonne, worauf ich her- 
nach zurück komme, andere namen des Käma, die hier fast 
nur angeführt werden mögen, sind Ananga [Weber Mälav. 98] 
der leiblose, Manmatha [Meghaduta s. 29] der herzbewegende^ 
Manohara der herzgreifende, in beiden letzten liegt enthalten 
manas mens oder [xsvo?, folglich wieder unser minne, die minne, 
die liebe heiszt manobhava, im herzen entsprungen. Rati oder 
Rati voluptas ist gemahlin des Käma [Somad. 1, 181], vgl. das 
sl. rad lubens, radost laetitia. da auch Kamala eine benennung 

* andere deutung Somadeva 2, 52. 

** Meghaduta s. 29. 107. nach fünf liebespfeilen heiszt Kämadeva Pantsha- 
väna, Pantsha^ara. vgl. Webers Mälavikä s. 97, wonach die Vorstellung von bogen 
und pfeil vielleicht aus dem griechischen entnommen. Müller Meghaduta s. 75. 
vgl. Somad. 1, 6. 2, 51. 52. 



326 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

des lotus ist, bestätigt sich vielleicht dadurch was vorhin über 
padma gesagt vrurde. 

Es ist zeit zu dem deutschen gott vorzurücken, dessen auf- 
nähme, glaube ich, nun von allen Seiten vorbereitet sein wird, 
ich habe ihn längst erkannt, und er trägt den namen Wunsch, 
11 d. i. desiderium, voluntas, amor, genau wie dieser begriflFe Über- 
gang sich im sanskrit erzeigte : die sache hat ihre volle richtig- 
keit. unsere minnesänger des dreizehnten jahrh. sind es, was 
sich gebührte, die neben frau Minne das andenken ihres alten 
herrn und meisters sicherten; doch haben sie, wie über verab- 
säumung des Eros bei den griechischen dichtem klage gieng, 
auch nicht seine macht in der liebe, nur seine schöpferische 
kraft, freilich eine höhere und jener zum grund liegende gefeiert, 
sie thun es aber in frischen, neu wiederholten bildern und gleich- 
nissen; so oft die höchste menschliche Schönheit geschildert 
werden soll, wird sie als unter seiner band gebildet und geschaf- 
fen dargestellt, der Wunsch hat daran seine gewalt, seinen fleisz 
gekehrt, seine meisterschaft erzeigt, das geschöpf ist sein kind, 
dessen er sich freut, ein wunschkind; seine aue, seine blume, 
sein kränz, seine Wünschelrute werden bei allen anlassen genannt, 
auch sein gürtel gleicht dem der Afrodite ^, darf des Wunsches 
blume wieder an Potlios, die sehnsuchtsblume, an Kamala, an 
Kämas blumenpfeile mahnen? alle jene redensarten müssen noch 
aus tiefem heidenthum abstammen, damals nur reicher und un- 
verhüllter ausgedrückt worden sein, als es im munde christlicher 
dichter zulässig war, doch die obwaltende personification läszt 
sich in den meisten stellen gar nicht verkennen '. 

Dasz unter Wunsch wirklich ein alter gott gemeint war, 
ist schon daraus zu ersehn, dasz die nordische edda Odins vie- 
len beinamen gerade zu Oski einverleibt, ohne uns dessen 

' Wuntzgürtel ia Karajans Wiener gültenbuch s. 192'', wie der Minne gewalt 
und kränz zusteht, Neifen 7, 1. 8, 30. Tit. 3349. 3363. [wunsehes gewalt. Suso 
bei Waekern. 883, 39. Wunsches fleisz, — pfligt sie (die Minne) der wunschel- 
rise Alb. Tit. 701. wie wnnschkind, so der Minne kind. Minne, der si din 
kint! Walth. 102, 13. der Minnen holde. Turh. Wh. 38\ 43». 108^ des Wun- 
sches holde 85». da wo Iw. 6469 auf Wunsch anspielt, redet das altschwed. 
gedieht 4335 von Cupido.] 

* gesammelt sind sie DM. s. 126 — 131. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 327 

eigenheit irgend zu schildern: sie war ihr schon verschollen, 
der name wurde blosz in der Überlieferung fortgeführt, die 
schwache wortform Oski begehrt ein ahd. Wunscio, Wunsco 
oder mhd. Wünsche, statt deren die starke angenommen war, 
der altn. Oskr entsprechen würde, wie als weiblicher name Osk 
vorkommt, ältere denkmäler könnten solche abweichungen leicht 
ausgleichen. 

Wie gesagt erscheint nun Wunsch, und das ist uns hier 
hauptsache, da auch Eros die schaffende, welterhaltende fort- 
zeugende kraft ausdrückte, soviel sich jetzt entnehmen läszt, 
nicht als gott der liebe, obgleich noch in deutlichem bezug auf 
die Schönheit der gestalt, sondern als schöpfer und ausflusz des 
höchsten aller götter, wofür sonst unsern vorfahren Wuotan, der 
dem griechischen Hermes gleichsteht, galt. Hermes heiszt Swxfop, 
wuotan Gipicho (von gepan), der alles was man wünscht ge- 12 
bende und eine menge begabter wünscheldinge gleichen jener 
indischen Kamaduh. der Wunsch hat aue und hain gleich Wuo- 
tan an vielen orten und wie dem Eros ein hain zu Leuktra bei- 
gelegt wurde. Wuotan ist ferner, nicht anders als Eros, ein 
wehender, säuselnder gott, Biflindi, die zitternde, sich bewegende 
luft selbst. 

Hier bestätigt sich nach allen richtungen das oben erkannte 
unmittelbar nahe Verhältnis zwischen Hermes und Eros, die ein- 
ander vertreten können wie Wuotan und Wunsch. Hermes und 
Eros erscheinen vorzugsweise geflügelt, kaum zu zweifeln ist, 
dasz auch Wuotan im höheren alterthum so dargestellt wurde: 
seit das reiten auf rossen den götterwagen vertrat, dachte man 
ihn sich durch die luft reitend, zu pferde fliegend, auf geflügel- 
tem ros oder wie den indischen Käma auf einem vogel. durch 
die luft geleiten ihn schöne kriegsjungfrauen , die nun wvinsch- 
kinder, wünschelfrauen, oskmeyjar heiszen, einigemal in gestalt 
von schwanen, als schwaujungfrauen erscheinen, von deren lie- 
besbund mit beiden die sagen wunder berichten, nicht zu über- 
sehn aber ist, dasz solchen schwanfrauen ausdrücklich prä, d. h. 
trachten und sehnen beigelegt wird, sie sehnen sich von den 
menschen zurück in ihre heimat und entfliegen dahin, die ent- 
fliegenden schwane sind demnach jene seelen bei Plato, die 



328 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

geflügelt sich zu den göttern erheben, nachdem sie eine zeit 
lang sehnsuchtsvoll auf erden geweilt hatten, diese seelen zie- 
hen im geleite und heere Wuotans durch die luft, welches heer 
im verlauf der zeit als ein wildes und wüthendes dargestellt 
wurde, aber elbische, daemonische, erotische schaaren mit sich 
führt: die ausgelassenheit der elbenreigen und endlich sogar der 
hexentänze hat darin ihre volle gewähr. 

Allen solchen Vorstellungen schlieszt sich Hermes wuotan, 
der psychopomp und götterbote an, dessen xTjpuxsiov unsre im 
Volksglauben lebendig fortgehegte Wünschelrute oder wünschel- 
gerte ist, des Wunsches stab, eine paß8o? oXßou xal nXouxou, ja 
des Eros glück oder unheil sendender pfeil wird damit zusam- 
mengestellt werden dürfen. 

Diesz geschosz heiszt aber ausdrücklich xo^ov •/^a.pCxtov, und 
wiederum weist das prächtige haar, welches Hartmann 'här dem 
Wunsche gelich' nennt, bedeutsam hin auf bezüge der Chariten 
oder Gratien zu Eros, del-en Plato gedenkt, auf Homers x6[i,ai 
)(apiT£oaiv ofAotai, ich lese auch bei Lucian (pro imag. cap. 26) 
13 xofirjv tat? x°'P^'-"-^ dirsixaas, es wird sich schon nachweisen lassen, 
dasz Eros und Afrodite, wie sie selbst durch die zierde der 
locken geschmückt sind, auch ihren günstlingen liebreizendes 
haar bereiten. 

Des Eros einflusz auf die menschen ist endlich auch eine 
gewalt über die leblose natur, eben aus jener hohen allgemei- 
nen göttlichen gäbe entspringend und abzuleiten, an die seite 
zu stellen, wie den menschen friede, schaft er dem meer stille, 
den winden ruhe, ireXocYsi 8^ ya^vr^v, VTQVsjxfav dvs[j-«)v , die auch 
Afrodite den schiffenden sendet^, dazu stimmt, dasz Hnikar, 
eine andere personification Odins den segelnden sobald er in ihr 
schif getreten ist, allen meeressturm stillt und sänftigt, der 
günstige, schiffart fördernde wind bezeichnend Wunschwind, 
Oskabyr genannt wird, byr, buri der sich hebende, ebenso er- 
folgt augenblickliche ruhe des gewässers, wenn der finnische 
gott Väinämöinen, dessen nahen bezug auf Wuotan und Eros 

' auTT]?, olfj-at, TTjS Oeoü ).tTcap^ yakri^-^ TTO|j.7roaToXoi(37jc t6 axdcpo;. Luciani 
Amores cap. 11. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT. 329 

ich hier andeute, nicht ausführe, die wogon durchwandelt, denn 
von suvanto der wasseVstille führt er den beinamen Suvantolai- 
nen und die ]xa>.axia oder ';ciXr^vri heiszt den Finnen Väinämöisen 
tie, Väinämöinens weg oder pfad. doch habe ich bei unsern 
deutschen dichtem noch keine voraus zu setzende anwendung 
des göttlichen Wunsches auf das hervorbringen des frühlings 
entdecken können, wie der indische Käma und Vasanta eng 
verbunden scheinen und Eros im neuen lenz der erde be- 
samer ist. 

Da das wort wünsch, ags. vysc, engl, wish, altn. ösk durch 
alle heutigen deutschen sprachen läuft und nur der eigenheit 
jeder derselben angemessene änderungen erleidet, musz es auch 
in der gothischen erwartet werden, unsere bruchstücke des Ul- 
filas hatten nirgends ein tioöo; zu verdeutschen und man wird 
der glaublichen form vunsk nicht sicher, selbst die buchstaben 
nsk erscheinen in keinem goth. wort verbunden, widerstreben 
aber dieser mundart ganzen weise nicht, ich bin darauf ver- 
fallen, das ahd. wunsc zu fassen als wunisc, d. h. ihm wunna, 
wunia deliciae, gaudium unterzulegen ; in vielen andern Wörtern 
reihen die Vorstellungen wonne, freude, lust und liebe an einan- 
der, da nun für wunna die goth. spräche vinja sagt, wäre ihr 
auch vinsk gerecht, wodurch sogar die vorhersehende ags. Schrei- 
bung visc und das engl, wish bestätigt werden könnte, während 
für das u in wunsc das nordische o in ösk zeugt, indessen 
bietet auch das sanskrit mehrere sich vielleicht verwandte aus- 
drücke für den begrif des Wunsches dar. einmal bedeutet isch 14 
desiderare, velle, ischt desiderium, wozu Bopp das gr. irpoiaao- 
[xai, selbst das von mir anders gedeutete i[xepo?, gleichsam fafis- 
po? gehalten hat. wiederum ist ischja ver optatum, ersehnte 
frühlingszeit. da auch eine andere wurzel vas desiderare, op- 
tare, vasa voluntas, u4i desiderium ausdrückt, möchte ich nach 
sich oft ereignendem Wechsel das s mit reinem s \ jenes schon 
einigemal angeführte vasanta frühling, folglich das lat. ver veris 
für ves vesis, gr. lap lapo? heranziehen und wirkliche verwandt- 



' z. b. in skr. ansa und ansa (goth. amsa, lat. umerus, humerus f. umesus, 
gr. (i)(i.o{ f. ^(J(AO; = o[xaoc) oder in skr. asru und asru lacrima. 



330 ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

Schaft zwischen sap und spo?, "Epu)? ahnen lassen, wie die my- 
thischen begriffe Käma und Vasanta einander begegnen, wobei 
auch das goth. vis malacia zu erwägen wäre; doch aller be- 
rührung der buchstaben von "Epcoc: und rixspo)? müste entsagt 
werden, [vgl. epo[xai frage, forsche, also verlange, epato liebe, 
verlange.] 

Noch aber ist das skr. unserm wünsch zu allernächst ste- 
hende wort unangeführt, die wurzel kam, sahen wir, drückte 
aus amare, desiderare; auszer dem weiter gebildeten kangks de- 
siderare, känghä desiderium, welche ich ihr zuführe, und deren 
n für m aus einflusz des nachfolgenden kehllauts erkläre, wie 
es in känta amatus vor dem t eintrat, finden sich auch noch 
väntschh oder vängksch desiderare, väntschhä desiderium, desseuj 
unmittelbarer Zusammenhang mit wünsch ins äuge fällt, lieszen 
sich aber vängksch mit kängksch identificiren, so würde am ende 
auch wünsch der wurzel kam zuzusprechen sein und dann die 
einheit zwischen Amor, Käma und Wunsch noch klarer. 

Wie Oski ein beiname Odins war, sehen wir diesem in der 
edda auszerdem einen bruder Vili zugesellt, welcher deutlich 
Wille, ahd. Willo, goth. Vilja voluntas und voluptas ausdrückt, 
also da wünschen und wollen dasselbe sind, beide begehren 
oder lieben enthalten , der Vorstellung des persönlichen Wun- 
sches genau entspricht^, so dasz gleich Wuotan und Wunsch 
den Römern Amor und Cupido, den Griechen Himeros und Po- 
thos identisch neben einander treten. Vili der gott ist demnach 
nichts als Wuotans eigner ausflusz und dem Wunsch völlig über- 
15 ein gedacht, sein bloszes dasein im mythus verbürgt uns von 
neuem den auch in Wuotan enthaltnen begrif der allmächtigen 
liebe. 

Meine Untersuchung nimmt in ansprach nicht nur in unsrer 
heimischen mythologie zum erstenmal liebesgötter aufgestellt, 
sondern auch nachgewiesen zu haben, dasz in Eros, Pothos, Hi- 

' DM. 1198 wurde gezeigt, dasz unser alterthum den Jagdhunden die namen 
heidnischer götter beilegte, in welcher beziehung ich geltend machen darf, dasz 
Helbling 4, 441 einen hund Wunsch, Hadamar von Laber 289, und nach ihm 
Altswert 126, 23 einen hund Wille vorführen. 



ÜBER DEN LIEBESGOTT 331 

meros, Amor, Cupido, Kama, Wunsch und Wille eine und dre- 
selbe gottheit des Hebens, begehrens, denkens, minnens, trach- 
tens und sehnens walte, mit welchen ausdrücken unsre dichter 
die vom gott angefachte, aus trauer in lust, aus lust in trauer 
übergehende leidenschaft zu bezeichnen pflegen, von der liebe 
schöpferischer kraft wird des menschen seele gleich der ganzen 
natur aufgeregt und beruhigt, diese Vorstellungen treffen wir 
unter allen Völkern fast in der nemlichen weise entsprungen an, 
und dabei bald auf die eine, bald auf die andre seite das ge- 
wicht gelegt, im Eros war das lieben, in unserm Wuotan das 
schaffen hervorgehoben, doch nicht ohne dasz auch bei jenem 
die allgewalt der Schöpfung ^, bei diesem die liebliche Schönheit 
und anmut unverhalten ausbrächen, der liebe und Sehnsucht 
waren, wie der trachtenden seele die flügel von selbst gewach- 
sen, ja man sagt, dasz auszer dem wünsch auch das verwün- 
schen, die imprecation, der fluch unaufhaltsam in die luft steigen 
oder in die höhe fliegen. 

Vor der lichten anschauung des göttlichen wie des irdischen 
bei Plato sahen wir fast alle erotischen vorstellung-en schon in 
ihrer fülle erschlossen oder im keim angedeutet, schwer ge- 
lungen sein möchte es irgend einem werke bildender kunst auch 
nur einen geringen theil derselben klar in sich zu fassen, und 
wie die dichter diese gottheit sollen vernachlässigt haben, hat 
kein versuch sie bildlich darzustellen genug gethan. denn nicht 
allein das nothwendig scheiternde bestreben jenes androgynische 
Verhältnis leiblich auszudrücken muste in widernatürlichen, zu- 
rückstoszenden darstellungen auf abwege führen, sondern, wie 
mich dünkt, sind auch aus dem verzerrten bilde ewiger Jugend 
des Eros in eine ihrem begriffe nach unentwickelte, gezwungen 
frühreif gemachte kindergestalt die vielen geflügelten engel her- 
vorgegangen , mit welchen freilich schon alte bildhauer , noch 
weit mehr die mahler an der kunst sich versündigt haben ^. ein 

' bei Athenaeus lib. 13. p. 561 wird Eros nach alten Zeugnissen als urheber 
der freundschaft, der freiheit und des siegs geschildert. 

^ Luciani Amores cap. 32 : [a($vov ^jjj.Tv au, oaIp.ov oipavte, xcttpt'ws TrapatJxrj&t, 
cpiX{a? £6yvu){j,ü)v Upocpavxa {A'jcfurjpi'cuv Ipw?, ob xaxöv vi^ttiov, 6iioTa C«>Ypctcp(üv 



332 ■ ÜBER DEN LIEBESGOTT. 

16 Eros als sanfter knabe in entfalteter Schönheit oder als zarter 
albgeist mag uns gefallen, als tändelndes bausbäckiges kind geht 
er hinaus über die grenze, die ihm von der ursprünglichen idee 
und von der natur angewiesen ist. 

TtafCouat yeTpes, d)X 8v ifj 7rp(OT(557ropos ^yevvYjasv dpy)), T^Xetov e'j&'j xey&^vTa. ab 
yap i^ dcpavoüs xal xeyjfx^vir); d[j.opcpta; tö Tiäv l(A(5pcf>(uaas. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 14 AUGUST 1851. 



Im hohen sommer des jahrs 1839 oder 1840, als ich zu 36i 
Cassel bellevuestrasze no. 10 ebner erde wohnte, wurde ich ei- 
nes morgens zwischen drei und vier uhr durch heftiges klopfen 
an die hausthür aus dem schlafe geweckt, und empfieng, nach- 
dem einige minuten verstrichen waren, die meidung, dasz ein 
fremder da sei, der mich dringend zu sprechen verlange, kaum 
hatte ich mich notdürftig angekleidet, so trat ein mir unbekann- 
ter mann ins zimmer, und begann, eine rolle papier in seiner 
band haltend, ohne umschweif mir zu eröfnen, mit der westfäli- 
schen post eben angelangt und im begrif um fünf uhr auf dem 
Frankfurter eilwagen seine reise fortzusetzen, habe er gelegenere 
zeit nicht finden können, den mir zugedachten besuch abzustat- 
ten, dessen zweck kein andrer sei, als eine mitgebrachte Urkunde 
meinen äugen vorzulegen und mich um die deutung eines darin 
vorkommenden ihm unverständlichen ausdrucks zu ersuchen, 
offenbar gehörte dieser mann zu den nicht seltnen leuten, welche 
sich einbilden, wer im ziemlich leicht zu erwerbenden rufe deut- 
scher Sprachgelehrsamkeit stehe, müsse, gleichsam ein lebendi- 
ges lexicon, im stände und bereit sein alle an ihn gerichteten 
fragen auf der stelle zu beantworten und über jedes dunkle 
wort sich nachschlagen zu lassen, er entrollte nunmehr die Ur- 
kunde, welche im jähr 1120 niedergeschrieben war, und hob aus 
ihr den satz 'manifeste autem dei judicio eo morsacio interfecto' 
mit der bitte hervor ,''*ihm den schwierigen ausdruck 'morsacio' 



334 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

zu erklären, eines solchen morsacio wegen einen aus den ar- 
men des Schlafes zu reiszen! es war nicht das original der Ur- 
kunde, was mir vor äugen gelegt wurde, nicht einmal des Ori- 
ginals, sondern des in Falkes Corveier traditionen enthaltenen 
druckes abschrift. ich las den satz durch, überlief den Zusam- 
menhang der Urkunde, holte das mir zur band liegende werk 
362 von Falke herbei und hielt dessen text zur abschrift: beide stimm- 
ten zusammen, eine unmittelbare auskunft über das fragliche 
wort aber versagte sich durchaus, das entweder auf interfecto 
ZU ziehen war, und dann die person, von welcher die rede gieng, 
bezeichnete, oder einen Ortsnamen enthalten konnte, weder 
diesen noch den persönlichen wüste ich sogleich zu erraten, 
mir lag daran in kühler morgenluft des frühen unbequemen 
gastes mich zu entledigen, und indem ich beide möglichkeiten 
der ausführung kürzlich vorschlug, machte ich mich anheischig 
ihm die ergebnisse fortgesetzter forschuno; künftio; einmal in 
briefen mitzutheilen. er entfernte sich allem anschein nach sehr 
unbefriedigt, ich aber säumte nicht nach solcher Unterbrechung 
mich noch einige stunden der süszen gewohnheit des Schlum- 
mers vielleicht mit der hofnung zu überlassen, dasz im träum, 
nach dem bekannten homerischen evotpY^; ovstpov vuxxö? d^oh(i5, 
das verschleierte wort sich mir leibhaft enthüllen möge, wie über 
ihren gedanken einschlafenden etymologen oft geschieht, obgleich 
die dann allzuleicht gewonnene deutung den erwachenden bald 
wieder zu zerrinnen pflegt, indessen hatte mir auch der letzte 
morgenschlaf diesmal nichts zugeraunt oder eingegeben, und als 
ich das bette verlassen und die noch aufgeschlagen zu tische 
liegende Urkunde wiederum nüchtern und bedächtig gelesen hatte, 
verstand ich morsacio, das auch von Falke in den dritten in- 
dex rerum praecipuarum mit dem nominativ morsacius rätselhaft 
eingestellt war, um kein haar besser; allein andere mir jetzt 
stärker auffallende stellen und wörteu der Urkunde schienen ähn- 
liche, wo nicht gröszere bedenken darzubieten, so dasz ihr gan- 
zer Zusammenhang, zugleich anziehend und abschreckend, wol 
verdiente bei schicklicher gelegenheit einmal eigens vorgenom- 
men zu werden, manche andere arbeiten und geschäfte traten 
dazwischen, diese Urkunde blieb jahrelang beiseits liegen, doch 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 335 

der öftere gebrauch der Corveier traditionen rückte sie mir im- 
mer aufs neue zu gesicht, ja endlich fand sich ungesucht siche- 
rer aufschlusz über morsacio, welchen ich jenem frager, dessen 
tod mir unterdessen berichtet worden war, nicht mehr hinter- 
bringen konnte, allmälich begannen auch die übrigen anstösze, 
die das alte diplom gab, sich zu ebnen, und ich musz gestehn, 
selbst jene energische, unvergeszliche weise, mit der es sich das 
erstemal bei mir eingeführt hatte, machte mich ihm geneigt; ich 
bitte um die erlaubnis, zu gegenwärtiger augustheiszer nachmit- 
tagsstunde, niemand aufweckend, ich besorge eher einschläfernd, 
es hier vorlegen und zum gegenständ einer genaueren betrach- 
tung machen zu dürfen. 

Es lautet ' folgendermaszen : 363 

In nomine sanct^ et individu? trinitatis. Erkenbertus cor- 
beiensis abbas presentibus atque futuris. placuit nostr^ humili- 
tati Omnibus notum facere, in quibus tempore nostro pro posse 
^cclesie nobis commiss? providimus, et quanto labore qu^ inuti- 
liter emergebant resecare studuimus, ea videlicet intentione, ut 
successoribus nostris, si qua super causis per nos quoquo modo 
finitis inquietudo mota fuerit, dum qualiter composita sint no- 
verint, defensionem certissimam h§c nostra scripta proferant. 
loco autem prodesse volentes opprobium su? dissidi? habeant, 
si non solutn ipsi pro se non laborare, sed nee aliorum labori- 
bus provisa curaverint conservare. fuit igitur in diebus nostris 
quidam Twaetihaoyc, qui magistratum sibi et dominatum super 
has curtes vendicabat: Gudelmon. Ovenhuson. Hestinon. Ziates- 
son. Ikkenhuson. Munichuson. Medesthorp, Sologon. Bramhor- 
non. Fridderun. Visbike. Bernesthorp. Sutholt. et per hoc pre- 
bendam fratrum sibi, non fratribns utiliter usurpare intendebat. 
officium autem ipsum sibi hereditarium affirmabat, unde res ita 
se habet, pater ejus Reinfridus de ipsis curiis annuatim sole- 
bat ad manus prepositi reditus colligere. post hoc ausus est 
dicere, sui juris esse, inibi villicos statuere, pro libitu cuncta 
disponere. manifesto autem dei judicio eo Morsacio interfecto, 
predecessor mens beat? memori? Marcwardus filio ejus adhuc 

' Falke traditioncs corbeienses p. 214. 



336 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

ad mamillas posito officium et benificium patris concessit, sed 
puer paulo post obiit, officium autem et beneficium in potestatem 
abbatis rediit. tum mater cum hoc Godefrido adhuc perparvo 
adjutorio eorum, quos attrahere potuit, beneficium vix hac con- 
ditione optinuit, ut officium coram abbate multisque affuerant 
perpetim abdicaret. hoc pacto mater conticuit cum filio. a me 
quoque officium non quesivit, cum beneficium suum suscepit. 
post autem quum nupsit, et justis suis fautoribus fretus pro quo 
XXX jam annis conticuerat officium reqvüsivit. unde cum me 
nunc per principes et c^teros liberos homines meos , nunc per 
ministeriales meos nimium sollicitaret, premio ab hac sententia 
eum revocare contendi, sed non recepit. judicio igitur quesito, 
cum jam lege ministerialium partem suam videret infirmari, quod 
prius obtuleram recipere tandem consensit, quia officium re- 
manere sibi non posse persensit. dedi itaque ipsi VII marcas, 
et coram subscriptis testibus officium voluntarie abdicavit. 
364 Gerberto decano. Wulframno camerario. Godefrido prepo- 

sito. Hugone preposito omnique congregatione. Sigifrido comite 
et advocato. Widikindo viceadvocato. Conrado de Everstein. Si- 
geberto nobili. Reinoldo vassallo. Gumberto de Wartberg. Kein- 
boldo fratre ejus de Koanstein. Bernhardo de Waldekke. Folc- 
maro de Ittera. Folcnando, Conrado de Everskute. Heinrico 
Olepe. Thiedrico. Bern. Thietmaro. ministerialibus. Adelrado. 
Godescalco et fratre ejus Annone. Heriboldo. Liudolfo. Wald- 
rico camerario. item Waldrico pincerna. item Waldrico juniore. 
Godescalco parvo. Gerberto, Reinhero. Annone. Wernhardo. 
Walone. Karolo. Altolfo. Widolone. Odone. Wazone. Thie- 
drico, Helmwigo. Wagone. Waltberto. Folcberto. Godescalco. 
Albwino. socero Godefrido, de quo racio est. Skerpoldo. Con- 
rado. ßeinboldo. 

Actum Corbei? anno domini M. C. XX. regnante Hein- 
rico V. idus Maji. h^c ut nulli sint in dubio firmamus domini 
nostri sancti Viti sigillo. 

Es folgt das monogramm für Vitus zwischen den werten 
signum sancti Viti martyris. 

Bevor ich mich nun auf den eigentlichen Inhalt dieser Ur- 
kunde einlasse, soll etwas, das mich darin am allerlängsten ge- 
quält hat, auch nachdem morsacio seine aufklärung empfangen 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 337 

hatte, abgehoben und ich hoffe glücklicherweise ganz beseitigt 
werden, es ist dies der unerhörte name der in ihr auftretenden 
hauptperson, welcher bei Falke Twaetihaoyc lautet, und von 
ihm s. 215 höchst unwahrscheinlich ausgelegt wird, Twaet solle 
mannsname, haoyc aber name des gaues Ahugo sein. Corvei 
lag bekanntlich im gau Auga, d. i. aue, wofür sich wol Augago 
auegau, kaum Ahugo sagen, doch aus solchem Ahugö nimmer 
ein haoyc, incola pagi, herleiten liefse. nirgend begegnet sodann 
ein altsächsischer oder westfälischer mannsname Twaeti, dessen 
seltsame gestalt auch in hochdeutschen Urkunden nicht ihres 
gleichen findet, nach lange vergeblichem herumraten entschlosz 
ich mich in twaeti ^ eine entstellung von twethi, twedi, ags. 
tvaede, fries. twede duplex (woraus das nl. twede, nhd. zweite, 
secundus, statt des organischen ander entspringt) ^, in haoyc ein 
haoik, nd. hoike, kappe, mantel zu suchen, so dasz sich ein 
beiname, wie sie im zwölften jahrh. aufzukommen beginnen, mit 365 
dem sinn von doppelmantel ergäbe, dafür schienen sogar Ur- 
kunden des dreizehnten jahrh. hinreichende analogien darzu- 
bieten, ja man hört noch heute wendehoike von einem menschen 
sagen, der den mantel nach dem winde dreht. Erhards west- 
fälische Urkunden s. 132. 149 gewähren aus dem eilften jahrh. 
den mannsnamen Hoico, Längs regesta 2, 333 liefern einen Hen- 
ricus dictus hoige im jähre 1243 und 3, 431 Henricum et Her- 
mannum dictos hoge im jähre 1274; noch zutreffender war ein 
Wernerus dictus ellevenhoyke in Jungs historia beuthemensis 
nach einer Urkunde von 1290. solch ein eilfmantelträger bestä- 
tigte er nicht den zunamen des doppeltgemantelten in unserm 
diplom vollkommen? der schein triegt. das original der Ur- 
kunde war durch die wechselfälle unsrer zeit von Corvei in das 
archiv zu Münster versetzt worden und in seine regesta historiae 
Westfaliae, band 1, Münster 1847, s. 146. 147 nahm Erhard einen 
berichtigten abdruck des ganzen denkmals auf. nun rate man, 
was statt des verwünschten twaetihaoyc in der Urkunde wirklich 
steht: nichts anders als Godefridus, das der schreibende mönch 

* wie z. b. der eigenname Dadi, Dedi auch Daedi geschrieben erscheint, 
ann. hildesh. ad a. 1034. 1035. (Pertz 5, 99. 100.) 

^ die Corveier heberolle bei Wigand 2, 2. 4. gewährt tuede. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 22 



338 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

im jähr 1120 mit griechischen buchstaben ausgedrückt hatte, die 
Falke oder sein Schreiber nicht verstand, aus einem FQAEOPH- 
AOTC ward das ungeheuer Twaetihaoyc, jetzt ist alles klar, Go- 
defridus stimmt zum ganzen übrigen inhalt der Urkunde, unter 
deren zeugen Albwin, als Schwiegervater Godefrids, de quo ratio 
est, von dem die rede ist, ausdrücklich auftritt. 

Abt Erkenbert waltete über Corvei vom jähr 1106 bis 
1128, die Urkunde wurde 1120 ausgestellt, schreitet aber auf 
ältere, dreiszig jähre früher eingetretne händel zurück, die unter 
den vorausgehenden abt Marcward (von 1082 — 1106) fallen, 
sie reichen also in die unselige, verworrene zeit kaiser Heinrich 
des vierten, dessen schwankende, bald lässige bald gewaltsame 
regierung alle Verhältnisse des frischen aber noch wilden deut- 
schen Volks in ihren fugen erschütterte, die Urkunde selbst ge- 
hört schon den tagen Heinrich des fünften, seines nachfolgers an. 
Ein mann, wie anzunehmen ist, aus dem adelstande, namens 
Reinfried, in der obern Wesergegend angesessen und begütert, 
befand sich mit dem geistlichen stift CorVei in näherem ver- 
band, er hatte, in den achziger jähren des eilften jahrh. oder 
etwas früher schon, gefalle der abtei an verschiedenen Ortschaf- 
ten, deren läge und benennung hernach erwögen werden soll, 
einzunehmen und dem probst einzuhändigen, indem er sich als 
stiftischen beamten und beneficiaten betrachtete nahm er das amt 
366 für ein erbliches in anspruch, kraft dessen ihm zustehe nach 
seinem freien belieben zu schalten und namentlich alle meier an 
solchen orten anzuordnen, was der abtei zuwider sein muste. 
durch Reinfrieds, wie sich ergeben wird, im jähr 1092 erfolgten 
frühen tod gewann die angelegenheit für das geistliche stift gün- 
stigere gestalt, Erkanbert drückt sich aus, manifesto deijudicio 
eo Morsacio interfecto, das dunkle wort ist keine Reinfrieden 
herabsetzende bezeichnung, wie man auf den ersten blick den- 
ken könnte, sondern gibt den ort an, wo er, der abtei höchst 
willkommen, mit tod abgegangen war. Er hatte einen an der 
mutterbrust liegenden söhn hinterlassen, dem abt Marcward das 
väterliche officium und beneficium wieder zu verleihen keinen 
anstand nahm, das kind starb aber bald darauf und nun wur- 
den vom stift beide, amt und lehen, zurückgezogen, die niutter 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 339 

jedoch that hernach für sich und den kleinen Godefried, unter 
dem schütz ihrer freunde, einsprach, es bleibt in der Urkunde 
ungesagt, ob Godefried neben jenem erstbelehnten und gleich 
gestorbnen Säugling ein noch jüngerer und gar erst nachgeborner 
söhn Reinfrieds war, eins von beiden musz man nothwendig vor- 
aussetzen, wie ihm auch sei, Reinfrieds witwe erreichte damit 
nichts als dasz ihr das beneficium untfer der bedingung gelassen 
wurde, dem officium für ewige zeiten zu entsagen, das geschah, 
mutter und söhn schwiegen anfangs, Godefried, heran wachsend, 
übernahm das beneficium, ohne von dem unterdessen auf Marc- • 
ward gefolgten Erkenbert, jedenfalls mithin nach 1106, das of- 
ficium neu zu begehren, im verlauf der zeit aber heiratete er 
und scheint dadurch die zahl seiner freunde und gönner gemehrt 
zu haben, aufweiche vertrauend er sein altes, dreiszig jähre lang 
vernachlässigtes recht auf das officium wieder anregte. Erken- 
bert unterhandelte jetzt und bot ihm geld, wenn er ganz ab- 
stände, doch Godefried weigerte und wollte es auf einen recht- 
spruch ankommen lassen, der ihm gleich wol ungünstigen be- 
sclieid brachte. Godefried muste sich entschlieszen sieben mark 
anzunehmen und feierlich auf jenes amt zu verzichten, sieben 
mark silbers bilden heute eine kleine summe, damals liesz sich 
schon ein ordentliches grundstück dafür erwerben; dennoch 
scheint sie für das aufgegebene amt nur ein winziger ersatz. 

Nach dem canonischen grundsatz 'beneficium traditur pro- 
pter officium' sollte man annehmen, dasz kirchliche beneficien 
notwendig auf ein officium hinweisen: das stift fand im vorlie- 
genden falle seinen vortheil darin, dem ministerial das benefiz 
zu lassen, durch entziehung des amts den einflusz auf die un- 367 
terthanen zu schmälern, wie bedeutend solche beneficien waren, 
lehrt eine Urkunde des Jahres 1160 über die ministerialen des 
h. Liudger in Helmstedt^, auch eine Urkunde von 1153 bei 
Falke s. 657 unterscheidet zwischen beneficium und officium. 

Ob Godefrieds ansprüche oder die des Corveier abts be- 
gründeter waren, ist ohne genauere künde von allen Vorgängen 
selbst schwer zu sagen, beiden parteien darf ein gleiches streben 

' raittheilungen des thüring. Vereins I. 4, 39 ff. 

22* 



340 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

zugetraut werden ihre gerechtsame und besitzthümer auszudeh- 
nen und zu erweitern, der Zwiespalt zwischen kaiser und pabst, 
um diese zeit, muste dem weltlichen wie dem geistlichen stand 
genug vorwände zu ungesetzlichen eingriffen verabreichen, die 
volksmäszigere macht der herzöge war geschwächt oder gebro- 
chen und der könig, in den schlingen gewandter erzbischöfe 
lange gefangen, begünstigte vorzugsweise grafen und den hohen 
adel, deren emporstreben ihm geringere gefahr zu bringen schien, 
den geistlichen ständen gelang es häufig, sich von den herzögen 
wie von den grafen unabhängig zu machen, der adel schwankte 
und fand es zuträglich sich bald bei fürsten, bald bei geistlichen 
in dienstmannschaft zu ergeben, die grosze zahl und streitfer- 
tigkeit solcher vasallen wurde eine hauptstütze beider, zugleich 
aber wesentliche Ursache, dasz die kraft des volks und der kö- 
nige in Deutschland zersplitterte, bis diesen allmälich das auf- 
blühen der Städte und des bürgerstands neuen halt gewährte, 
wie Heinrich der vierte die Sachsen ungerecht bekriegt hatte, 
konnten auch emzelne fürsten es wagen mit ihrem gefolge von 
edelleuten einander zu überziehen, ohne dasz die stamme selbst 
nur den geringsten anlasz zur feindschaft und fehde hatten, in 
dem feudalismus und ritterthum wie in der geistlichen herschaft 
wirkt ein allgemeines oder ideales princip, das über die selb- 
eigne natur der Völker hinweggeht und sie verkennt, darum 
auch, als mit ihr unverträglich, zuletzt wieder von ihr ausge- 
stoszen wird. 

Diese betrachtungen verbinden sich mit dem aufschlusz 
über das wort, um dessen willen die gegenwärtige Untersu- 
chung insgemein begonnen worden war. 

Morsacio, der für den schnellen anlauf dunkle, rätselhafte 
name, gewinnt alsbald an deutlichkeit , wenn man das c vor 
dem i in t umsetzt, wie beide buchstaben oft wechseln, er be- 
zeichnet eine gegend des friesischen bodens, auf dem ein kämpf 
vorgefallen war, bei welchem Reinfried, Gotfrieds vater, das 
leben einbüszte. die geschichte, sonst allen Friesland betreffen- 
gen vorfallen wenig sorge zuwendend, hat diesen kleinen krieg 
nicht unaufgezeichnet gelassen. 

Die annales corbeienses ad a. 1092 (Pertz 5, 7) besagen: 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 341 

Cuonradus comes cum multis aliis a Morsaciensibus occisus est. 
wenn der herausgeber hier zu Morsaciensibus die anmerkung 
liefert: in dextera Albis ripa, Magdeburg oppositis, damit auf 
den ursprünglich slavischen pagus Morizine, Moresceni, Mrozini * 
zielend; so geht und führt er irre, Friesland lag von diesem- 
strich der mittleren Elbe weit entfernt, wie die aussage der 
übrigen annalisten auszer allen zweifei setzt. 

Sigebertus ad a. 1092 (Pertz 8, 366): Westfali Fresoniam 
aggressi omnes pene a Fresonibus perimuntur. 

Annalista Saxo ad a. 1092 (Pertz 8, 728): Conradus, comes 
de Werla cum filio suo Hermanno multisque aliis nobilibus a 
Fresonibus, qui dicuntur Morseton, occisus est. 
so auch die annales hildeshemenses (Pertz 5, 106): a Fresonibus. 
diese Mörseton waren deutlich Friesen, deren sitze in der nähe 
von Aurich zu suchen sind, und hieszen so, weil sie in Sumpf- 
gegenden, wie Holtseton, die in Waldgegenden, oder Wortseton, 
die auf der wort wohnten, ihr gebiet führte den namen Mor- 
sacium = Morsatium. da nun mor, ahd. muor, fries. mär pl. mä- 
rar, palus, gleichviel mit broc, ahd. pruoh, ist, wird man wenig 
fehlen, den namen Mörseton, ahd. Muorsäzon, für dasselbe zu 
halten, was das bekanntere Brocmen, ahd. Pruohman bedeutet, 
man pflegt zwar die Brocmen ^, deren rechte und gesetze bei 
Richthofen s. 135 — 181 gesammelt stehn, in den Federitgau 
und münsterschen sprengel, die angrenzenden Morseten in den 
bremischen einzuordnen; doch der sichtbare einklang beider na- 
men und ihre unmittelbare nachbarschaft gestattet, Morseten und 
Brocmen ganz für den nemlichen volkstamm zu halten, der zu 
verschiedner zeit und von verschiedner seite her mit doppelten 
Wörtern eines und desselben gehalts benannt wurde ^. Wiarda 
weder in seiner ausgäbe der Willküren der Brokmänner, noch 369 

' Pertz 8, 657. Höfers Zeitschrift für arehivkunde 1, 509. 512. 

* lat. Brocmanni, eine verwerfliche form ist Brokmer. 

^ zur bestätigung dient der dorfname Brocseten in einer urk. von 1230, 
heutzutage Broxten im Osnabrückischen kirchspiel Gesmold (mitth. des Osnabr. 
Vereins I, 55. 63), dessen einwohner alte, vielleicht jenen Friesen verwandte Bröcse- 
ton waren, der osuabrückische dichter Broxtermann (t 1800) mag daher stam- 
men. [Bruchsitter, eigenname zu Bonn, daselbst auch Hunsinger. Lausitzer von 
luzia, sumpf. Gurt Böse 32''.] 



342 ÜBER EINE URKUNDE DER XII JAHRH. 

im ersten band seiner ostfriesischen geschichte, so viel ich sehn 
kann, spricht der Morseten namen aus, geschweige dasz er ihres 
im jähr 1092 über die Westfalen davon getragnen sieges ge- 
dächte, wenn aber nach Wiardas vorrede zu den Willküren 
§ 1 das heutige Brokmännerland ins Auricher amt fallt und im 
gesetz selbst § 160 Aurikera gestelond d. i. trockenland den 
umliegenden sümpfen entgegengesetzt wird ; so ist der beweis 
geführt, dasz diese Brokmen und die auf der karte zu Lappen- 
bergs Hamburger Urkunden ins Auricher gebiet gestellten Mor- 
seten notwendig ein und derselbe stamm sind. 

An der spitze des für sie so übel ausgefallnen zugs west- 
fälischer krieger gegen Friesland focht graf Conrad von Werla ^, 
dem eine grosze zahl edelleute, unter ihnen auch unser Rein- 
fried, die ihre heimat nicht wieder sahen, gefolgt war. über 
den eigentlichen anlasz der feindschaft zwischen beiden theilen 
gebricht es an aller nachricht; zu mutmaszen ist, dasz graf 
Conrad, den nahe Verwandtschaft an grafen Bernhard, den kai- 
serlichen vogt des friesischen Emsgaus zu knüpfen scheint, von 
diesem heran gerufen wurde, oder das^ sein reiches und mäch- 
tiges geschlecht selbst ansprüche auf in Friesland gelegene guter, 
die ihm die Friesen streitig machten, zur geltung bringen wollte, 
ohne zweifei kamen die Westfalen durch das Münsterland, dem 
laufe der Ems folgend, heran gerückt, wurden von den Friesen, 
die eifersüchtig auf ihre hergebrachten rechte alle vortheile ihres 
sumpfigen und durchschnittenen bodens zu nutzen verstanden, 
wehrhaft empfangen und schnell besiegt, nach einer durch Sei- 
bertz ^ ausgesprochnen Vermutung suchte graf Conrad den von 
seinem oheim Bernhard dem zweiten mutig gegen erzbischof 
Adalbert von Bremen vertheidigten Emsgau an sich zu bringen 
und vielleicht wahrten die tapfern Morseten zugleich bremische 
gerechtsame, so dasz unterthan^n des Bremer sprengeis gegen 
die des Münsterer gestritten hätten. Adalbert war aber schon 
1072, zwanzig jähr vor dem zug gestorben, dessen dazu alle 
bremischen geschichtsquellen geschweigen, da sie Ursache gehabt 



Groll de comitibus werlensibus (acta acad. theod. palat. tom. 4.) 
geschichte der alten grafen von Werl. Arnsberg 1845 s. 82. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 343 

hätten ihn, wenn er der bremischen kirche gewinn brachte, her- 
vorzuziehen, nach Conrads tod ist von weiteren ansprüchen 
werhscher grafen auf den Emsgau nirgends die rede. Heinrich, 370 
ein söhn des gefallnen Conrads, war von Heinrich dem vierten 
schon 1084 dem stifte Paderborn vorgesetzt worden und ver- 
waltete es lange, bis zu 1127. in ganz Westfalen, wie unsere 
Urkunde lehrt, muste die unglückliche heerfart gegen Morseten 
im andenken der leute unvergessen geblieben sein. 

Einen augenblick möchte ich hier, über die schranke der 
Urkunde hinaus, mich einer allgemeineren, wiewol mit ihr zu- 
sammenhängenden betrachtung ergeben. 

Der alte friesischchaukische stamm, auf den säum der mee- 
resküste, von der Scheide bis zu den Juten, gedrängt, einigemal 
unterbrochen, konnte zwar seine äuszere Unabhängigkeit nicht, 
wol aber eine innere , in dem ganzen schrot und kern seiner 
Sinnesart und sitte wurzelnde vor allen übrigen deutschen Völ- 
kerschaften lange, selbst bis auf unsere tage behaupten. 

Unsere geschichte überhaupt stellt uns vor äugen, wie die 
eigenheit der stamme, in gefahr gesetzt durch die dynastischen 
eingriffe aufstrebender fürstengeschlechter, und häufig solcher, 
die gar nicht einmal aus der mitte des stamms selbst hervor- 
gegangen, sondern von auszen her vorgedrungen waren, im ver- 
lauf der zeit abgeschwächt und aufgerieben wurde, die meisten 
deutschen gebiete, in ihrem alten haft und Zusammenhang zer- 
rissen, zerstückelt und quer durchschnitten, nahmen allmälich 
ganz neue gestalten an. so wollte es, musz man glauben,, die 
Vorsehung um anderer zwecke willen, deren unergründbarkeit 
doch ermattenden Völkern weder vorwand noch entschuldigung 
abgeben darf, ihrer angestammten überall nachzuckenden natur 
und berechtigung irgend zu entsagen, die Friesen waren we- 
nigstens ein stamm, der namen, gesetze und spräche zähe fest- 
hielt, wenn er schon den lange mutig geführten kämpf für seine 
freiheit endlich fahren lassen muste. 

Eine friesische geschichte, wie sie verdiente erforscht und 
zusammengetragen zu werden, ist noch ungeschrieben, dies 
Volk nahm wenig bedacht darauf seine thaten selbst zu ver- 
zeichnen, allein es strebte dafür mehr als irgend ein andrer 



344 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

deutscher stamm, seine rechte und gesetze zu erhalten und rein 
in der muttersprache abzufassen, wenn nun die geschichte oft 
zu berichten hat, um welchen preis diese errungen und verloren 
wurden; so musz ein fortwährend erhaltener besitz altherge- 
brachter gerechtsame ein reicheres, lebendigeres bild eines volks 
371 aufstellen, als es seine geschichte selbst zu thun vermöchte, 
sind denkmäler der spräche und der gesetze eines volks auf 
die nachweit gebracht, so hat es auch eine geschichte, welche 
zwar aus den historischen quellen vielfach beleuchtet werden 
kann, während in den uns vollständig von der geschichte über- 
lieferten thaten eines andern volks, dessen rechte uns unbekannt 
sind, manche dunkelheit zurückbleiben musz. 

Seitdem Karl der grosze die Friesen mit dem schwert be- 
kehrte, verstreicht keins der folgenden Jahrhunderte, in dem sie 
nicht ihren widerstand und ihr beharren bei selbständiger her- 
schaft kämpfend dargethan hätten, wie wäre es einem häufen 
westfälischer ritter möglich gewesen gegen diese stolzen vater- 
landliebenden bauern etwas auszurichten, deren streiche im jähr 
754 des ihnen eine neue lehre aufdringenden Bonifacius nicht 
geschont hatten. 

Es sei nur an einzelne, der zeit unsrer Urkunde vorausge- 
hende oder bald nachgefolgte, von den annalisten hervor gehobne 
ereignisse erinnert, deren thatbestand sich weit anders darstellen 
würde, wenn nicht ihre gegner, sondern Friesen selbst uns davon 
berichtet hätten, kein andres deutsches volk hat wiederholte 
angriffe auf seine freiheit so mutig und lange erfolgreich von 
sich abgewehrt. 

Thietmar 6, 14 im jähr 1005 von Heinrich dem andern: 
Fresones rex navali exercitu adiens ab ceptis contumacibus de- 
sistere et magnum Liudgardae sororis reginae zelum placare 
coegit, was auch beim annalista Saxo (Pertz 8, 656) fast mit 
denselben Worten wiederholt wird. Liudgard war Arnulphs, 
oder wie ihn Melis Stoke 1, 891 nennt, Aernouds, des grafen 
von Holland witwe, welchen die Westfriesen noch unter Otto 
des dritten zeit bei dem orte Winkelmet angegriffen und ge- 
schlagen hatten, auf dieses Schadens ersatz drang Liudgard, 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 345 

und es scheint, dasz der könig die Friesen mit gewalt ihn zu 
leisten anhielt. 

Einen neuen handel, der bald darauf ins jähr 1018 fällt, 
meldet ausführlicher und lebhafter Alpertus de diversitate tem- 
porum 2, 20. 21 (Pertz 6, 718. 719). Friesen, ihren sitz verlas- 
send, hatten im wald Meriwido ' Wohnungen aufgeschlagen, an- 
dere, vom annalist räuber genannte männer sich zugesellt und 372 
schädigten von da die vorüber schiflFenden tielischen ^ kaufleute. 
diese, selbst gewinnsüchtige, treulose menschen, suchten des 
königs schütz, welcher dem Adelbald, bischof von Utrecht, und 
dem Godefrid, herzog von Lothringen, die Friesen aus jenem 
platz zu verjagen befahl, ein groszes beer, bessere reiter als 
Seeleute, ward gesammelt und eingeschift. die Friesen standen 
gerüstet bei Flaridingun ^ ; als sie den feind gelandet sahen, 
zogen sie in gedrungnem häufen auf eine anhöhe und der von 
graben durchschnittene boden hinderte allen angrif. das ge- 
hemmte, unthätige deutsche beer durchfuhr ein panischer schrek- 
ken und jeder suchte sein heil in der flucht; viele verloren im 
flusz und auf sinkenden schiffen das leben, andere wurden von 
den heran eilenden Friesen erschlagen, eine menge von leichen 
schwamm ins meer, bischof und herzog entrannen mit genauer 
noth. Thietmar 8, 13 erzählt das treffen im ganzen ebenso, 
nur fügt er hinzu , dasz graf Dietrich von Holland * diesmal 
mit den Friesen gemeinschaftliche sache gemacht hatte ; die an- 
nales leodienses (Pertz 6, 18) und Eckehardus (falschlich ad 
a. 1016. Pertz 8, 193) stellen sogar alles als einen streit zwi- 



* in Silva Meriwido d. i. meerwald, oder Meriwido moorwald, später Mer- 
wede, heute Merwe, worunter man jetzt einen arm der Maas, zwischen Dordrecht 
und Rotterdam versteht; doch frühe schon traf die benennung des waldes und 
waldstroms hier zusammen, da Alpertus 1, 8 per äumen Meriwido vecti sagt. 

^ aus Thiel zwischen Nimwegen und Dordrecht. 

' heute Viaardingen unfern Rotterdam, die volle form des namens lautete 
Fladirdinga, Phladirtinga (Pertz 7, 127), ich denke, statio navium motitans alas, 
von den flatternden wimpcln und segeln, mnl. vladderen, vledderen, volitare, 
plaudere aus, verkürzt vlaaren, vleeren. 

* Thietmar nennt ihn nur Thiedricus. der name Holland erscheint überhaupt 
zuerst 1053 als Holtland, pagus nemorosus, in mehren urk. noch des Xljahrh. 



346 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

sehen Godefried und Dieterich dar. Sigebertus ad a. 1018 
(Pertz 8, 355) aber sagt: in Fresonia Deoderico coraite, filio 
Arnulfi gandavensis, debellante Fresones in vindictam patris 
sui ab eis occisi, Godefridus dux ad eum debellandum ab im- 
peratore mittitur, et cgnserto prelio, repente voce nescitur unde 
emissa 'fugite fugite', cunctis fugientibus, multi a paucis Freso- 
nibus perimuntur, dux vero capitur; und hiermit einstimmig 
Rupertus leodiensis (Pertz 10, 268). Dies scheint der gründli- 
cheren darstellung Alperts in einigem zu widersprechen, kann 
sie aber nicht entkräften, wie sie zum überflusz noch durch den 
annalista Saxo (Pertz 8, 673) bestätigt wird , dessen worte ich 
hier nicht aushebe, der ganze hergang erläutert den unsrer 
Urkunde bündig, wie die Westfriesen lieszen sicher auch die 
ostfriesischen Morseten nichts von der günstigen läge ihres lan- 
des unbenutzt, um den einfall ihnen sonst überlegner beere mit 
erfolg abzuwehren. 
373 Im jähr 1046, unter Heinrich dem dritten, geschah wieder 

ein seezug nach demselben Fladirtingen und auch hier erblicken 
wir den holländischen Dieterich an der Friesen spitze, anfangs 
stritt der kaiser gegen ihn glücklich, das folgende jähr giengen 
aber alle errungnen vortheile wieder verloren, die berichte fin- 
den sich bei Herimann (Pertz 7, 125), Lambert (Pertz 7, 154) 
und Anselm (Pertz 9, 229), mit welchen Stenzels geschichte der 
fränkischen könige s. 145. 146 zu vergleichen ist. 

In demselben Jahrhundert ragte herzog Benno oder Bern- 
hard an gewalt und einflusz durch ganz Engern und Westfalen 
hervor und hatte auch die grafschaft im friesischen Emsgau er- 
worben, die des Hunesgau und Fivelgau lieh der junge Hein- 
rich der vierte 1057 dem mächtigen bremischen erzbischof Adal- 
bert ^ zwischen Bernhard und Adalbert hatten lange schon mis- 
helligkeiten gewaltet, doch begleitete der erzbischof den herzog 
nach Friesland, wo vom widerspenstigen aber streitfertigen volk 
ungekürzter zins eingefordert werden sollte. Fresones, wie sich 
Adam 3, 41 mit einem verse Virgils ausdrückt, in ferrum pro 



' Lappenberg Hamb. urk. no. 79. Adam von Bremen 3, 8 sagt, dasz schon 
Heinrich der dritte Fivelgau an Bremen gab. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 347 

libertate ruebant, und wiederum trugen die Sachsen eine nie- 
derlage davon, des Herzogs und erzbischofs lager wurden ge- 
plündert, Bernhard starb 1059. der krieg hatte wahrscheinlich 
im Emsgau und bereits in den ersten jähren von Heinrich des 
vierten regierung statt. 

Auch dieser sieg muste bei den Ostfriesen noch in festem 
andenken haften, als sie vierzig jähre hernach den einfall unsrer 
Westfalen blutig zurückschlugen. 

Nur zehn jähre später fand Heinrich der dicke, graf von 
Nordheim, dem kaiser Heinrich der vierte gegen das ende sei- 
ner regierung friesische comitate des Utrechter sprengeis über- 
tragen hatte, dort gleichfalls den tod. Eckehards worte zum 
jähre 1106 (Pertz 8, 225) verdienen ausgehoben zu werden: ante 
triennium Heinricus crassus, Cuononis germanus et natu senior, 
dum in Fresiae marcham, cui praeerat, res acturus proficiscitur, 
a vulgaribus Fresonibus, quibus dominationis suae jugum 
grave fuit, obsequium spectans insidiis vallatur ; re quoque cognita 
fugiens ad mare, vulneratur a nautis, simul et suJÖFocatur. hujus 
tanti viri, qui nimium totiu^ Saxoniae principatum secundus a 374 
rege gerebat, interitus ab universo regno graviter ferebatur; 
woher der annalista Saxo (Pertz 8, 764) seine nachrichten schöpft, 
wenn ich recht mutmasze, fand auf diesem zug noch ein hoch- 
mütiger westfale den tod, denn die annales corbeienses ad a. 1103 
(Pertz 5, 7) melden : Eppo, vir potens, Houltessen remittere no- 
luit, sed ait, 'cum Huclehem (Hökelheim) dimittam et Huldesson.' 
et factum est, nam brevi post occisus, nee scilicet ultra duas 
ebdomadas, Huclehem, Houltesson et vitam perdidit, worin die 
Corveier, wie in unsrer Urkunde, ein gericht gottes finden 
durften. 

Die geschichte des eilften und zwölften jahrh. setzt also 
den ruhmvollen widerstand in helles licht, welchen das friesische 
Volk gegen das andringen seiner mächtigen feinde leistete; ich 
enthalte mich ähnliche beweise dafür auch aus der folgenden 
zeit beizubringen ^. endlich muste es der Übermacht erliegen, 

' man lese in Lappenbergs geschichtsquellen von Bremen s. 117, 130. 131. 
140 lebendige Schilderungen der züge gegen die Rüstringe und Butenjader in den 
Jahren 1366. 1400. 1412. 



348 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

und hauptsächlich scheint seine kraft an dem emporblühen Hol- 
lands unmittelbar neben ihm gebrochen zu sein, dessen stärke 
bis auf heute noch in der nie ganz untergegangnen volksart der 
Friesen mit beruht, wie auf der entgegenstehenden seite die 
Nordfriesen eine uns fortdauernde stütze Deutschlands wider 
die dänischen anmaszungen bilden. 

Nach diesem auslauf in die geschichte wende ich mich zum 
inhalt der Corveier Urkunde zurück, um aus ihr noch ergebnisse 
für altdeutsche spräche und poesie zu ziehen. 

Für unsre spräche haben Urkunden groszen, ja unberechen- 
baren werth, Weil sie eine menge untergegangner Ortsnamen und 
Personennamen in deren echter, unverderbter form enthalten, oft 
zählt eine einzige Urkunde fünfzig oder hundert mancipien und 
zeugen .auf, und man erwäge die fülle zahlloser Urkunden, früher^ 
herausgeber haben thörichterweise solche namen vernachlässigt 
oder ganz unterdrückt, die leicht wichtiger sein können als was 
die Urkunde sonst enthält, jetzt läszt man ihnen endlich ver- 
diente aufmerksamkeit angedeihen. 

Urkunden des nördlichen Deutschlands gewinnen noch an 
reiz, weil bei abgang anderer denkmäler sie fast das einzige 
mittel sind die alte spräche dieser gegenden einigermaszen ken- 
nen zu lernen. 
375 Es werden dreizehn dörfer namhaft gemacht, in welchen 

Reinfrid und Godefrid gefalle des stifts erhoben; die meisten 
waren in der nähe Corveis, im Waldeckischen oder Paderbor- 
nischen gelegen, einige auch im münsterischen sprengel. Acht 
derselben stehn im dativ plur. auf -on, nach der alten weise 
diesen casus für ortsverhältnisse zu gebrauchen; allmälich schwand 
das bewustsein seiner eigentlichen natur und er ward nun als 
neuer nominativ mit falschem genitiv auf -ens verwandt,, oder 
man gerieth auf andre abwege, wie gleich der erste dorfname 
zeigt. 

Statt des pl. Gudelmon unsrer Urkunde schreiben die älte- 
ren traditionen 163 Falke, 387 Wigand im dat. sing. Gudulma *, 
heute lieiszt der ort Godelheim. noch sprachgemäszer zu .schrei- 

* Gudulma, Gudelmon (Gaulem, Golem) Wigand corv. güterb. 15. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 349 

ben wäre Gudulma, Gudelmon, mit aspiriertem d, woraus zu- 
gleich die weglassung des zweiten h sich begrijßPe, denn volle 
form würde sein Gudhelma, Gudhelmon und der wortsinn bel- 
lonae galeä oder galeis, aus irgend einem grund benannte man 
den ort nach der kriegsgöttin heim, seinesgleichen habe ich 
sonst nur noch einmal in dem hanauischen dorf Gundhelm, wo 
die hochdeutsche form waltet, gefunden, einen ort, der blosz 
Helma oder Helmon lautete, weisz ich aus keinen diplomen 
nachzuweisen, heutige dorfnamen Helme und Helmen lassen 
aber darauf schlieszen; noch häufiger begegnen Helmsdorf und 
Helmsberg, möglich inzwischen wäre in den dativen Gudelma 
und Gudelmon ein ausgefallnes heim zu ergänzen, wie Lach- 
mann zu Nib. 1077 Clehon für Cleheim, Lorsa für Lauresheim, 
Loche für Lochheim aufgezeigt hat; nur läszt sich nicht Gu- 
delmesheim ahd. Gundhelmesheim ansetzen, dessen s in der 
kürzung unverwischt bleiben müste, nicht also steckte darin ein 
gen. des mannsnamens Gudhelm, Gundhelm (trad. Wizunb. no. 
173. cod. lauresh. 204) *. doch, das heutige Godelheim schiene 
gerechtfertigt, ein paar andere Zusammensetzungen, in deren 
erstem theil helmon auftritt, haben mich lange gepeinigt, das 
braunschweigische Helmstädt heiszt in alten Urkunden immer 
Helmonstedi, später Helmenstede, Helmenstide, endlich erst 
Helmsted ^ ; im waldeckischen Itergau lag eine villa Helmon- 
scede (tr. corb. Wig. 393; bei Falke 169 und 302 unrichtig Hel- 
monstede), in der Corveier heberoUe bei Wigand 2, 137 Hei- 376 
menscethe, 2, 139 Helmeneuschethe , heutzutage Helmscheit, 
kaum ist dies praefix helmon ein dat. pl., eher zu denken wäre an 
die schwache flexion helmen (gramm. 4, 509) oder an den ahd. 
mannsnamen Helmuni (Meichelbeck 108), wo nicht gar an das 
altn. hialmun ( gubernaculum navis). schon weit ältere urkuu- 

' vgl. Gunthelmishüson (Falke s. 134); Dietelsheim aus Diethelmesheim; 
Megenhelmeswilare (Neugart 878) ; Egeletzhausen aus Egihelmeshüsen (MB. 31% 
41. a. 817); Wilhalminge (MB. 28% 464". 1280). [coms Gonthelmes. Girart bei 
Bartsch 18, 26. — aus Gudesburin (heute Gottesbüren) wurde Gundesburin, Gun- 
nesburin (vit. Meinwerci bei Pertz 13, 145). Landau geogr. 191. der nom. wol 
Gudesbur, bellonae habitatio.] 

^ urk. von 952. il45. 1154. 1237 in den mittheilungen des thüring. Vereins 
2, 452. 457. 459. 486. 



850 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

den, die von 751 und 758 bei Mabillon no. 40. 44 drücken den 
namen Helmgoz aus Helinengaudus. 

Ovenhüson, das heutige Ovenhausen im Corveier gebiet, 
Hestinon (bei Falke steht Hestmon), in Wigands heberolle 2, 
138 Hestene, in einer urk. von 1203 bei Falke s. 408 Hesten, 
ist das jetzige dorf Heste zw^ischen Alhusen, Erbsen, Istrup, 
Sehmechte, verschieden von Herste zwischen Driburg und Brakel. 
vielleicht, mit ausgefallnem r, ursprünglich auch Herstinon? vgl. 
ahd. harst, harsta craticula, frixura. oder sollte mit Hestinon 
sich berühren Astnun in der heberolle 1. 2, 18, Hertnen bei 
Moser 8, 386? 

Ziatesson, in jener urk. von 1203, auch neben Hesten, Zia- 
tessen, in der heberolle bei Wigand 2, 138 Zatessen, soll Sidde- 
sen (für Sittesen?) unweit Brakel an der Nette sein, das weiche 
alts. z stände dann für s, und Siatesson gemahnte ans ahd. siaza, 
sioza praedium (Haupt 2,5) und den Ortsnamen Matzensieze 
(MB. 6, 503. 508. 8, 43) ; die hessischen dörfer Rockensüsz, Ho- 
hensüsz sind Rockensiesze, Hohensiesze (weiblich), da aber 
die endung -esson, -essen aus anstosz eines genitivs -es an hü- 
son entspringt^, ist ein alts. neutrum siat, ags. seot anzuneh- 
men und der dorfname aus siateshüson siatesson gekürzt. 

Die läge von Ikkenhüson, in der heberolle 2, 138 Ykken- 
husen, kann ich nicht sicher angeben, wahrscheinlich war es 
das heutige Ikenhusen unweit Borgentrik im bisthum Pader- 
born; der name ist gebildet wie Icanrode (trad. corb. 475 Falke, 
214 Wig. [vgl. Eckenrod. Wigand corv. güterb. 181]) und das 
ags. Icancumb, Icanöra, Icangaet (Kemble 6, 305) mit einem in 
den Corveier trad. oft begegnenden mannsnamen. Ico, ags. Ica, 
ahd. Icho, wofür auch die alts. kürzung lo (trad. corb. 268) und 
la (Mosers urk. s. 36) zu gelten scheint, ist gleichsam ein volles 
ic, ich = lat. ego, gr. k^w, ahd. ihha (Graff 1, 118), das wahre 
ich, als eigenster name. [vgl. Ikkia. Förstemann 770.] 

Munichüsen, in der heberolle 2, 138. 139 Munekehusen, Mu- 



* z. b. Arolsen Aroldessen aus Aroldeshüson ; Adeloltessen aus Adaloltes- 
hüson; Odassen aus Osdageshüson ; Immensen aus Immenhausen, Immadeshuson. 
auch in Thüringen sagte man Sengersen für Sangerhausen. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 351 

nikehusen, nhd. Münchhausen läszt sich auf mehr als einen ort 
ziehen, doch gemeint hier scheint das heutige Monninghusen 377 
zwischen Geseke und Lippstadt. 

Sologon, in der heberolle 2, 138 bezeichnet einen sumpfigen 
ort, in dem sich eher wälzen, ahd. solagun volutabris (Graff 6, 
186). in ahd. Urkunden ein Epuressol, apri volutabrum trad. 
fuld. 2, 49 und ganz ebenso in ags. Eoforsol, heute Eversole 
(Kemble no. 364). Falke s. 787 aus Urkunden von 1299 und 
1304: in campo Soligghe, Solinge (ahd. solagunge, solgunga 
volutabrum). 

Brämhornon (bei Falke falsch Brambornon) von horna ecke, 
Winkel, ags. hyrne, fries. herne, und bräma rubus, also dorn- 
winkel. erinnert man sich an bälahorna und an die dörner des 
leichenbrands, so überrascht die analogie der Ortsnamen Balhorn 
und Bramhorn. eine bestimmte stelle für Brämhornon steht aber 
nicht zu ermitteln, auch die heberolle 1.2, 22. 2, 138 Bräm- 
hornon, Osnabr. ver. 1, 63 Bramhorne. 

Medesthorp, in der heberolle 2, 138. 139 Medestorp, ander- 
wärts in hochdeutscher form Metdisdorph bedeutet villa mulsi, 
gleicht also den Ortsnamen MedofuUi, Medebiki und dem ags. 
Medeshäm, in welchen allen die Vorstellung des methes waltet, 
es lag im waldeckischen landstrich, ich weisz nicht, warum es 
von Ledebur in den münsterschen Sprengel, kirchspiel Ems- 
hüren, gesetzt wird. 

Fridduren, in den trad. corb. 328 Falke, 67 Wigand Fri- 
duren, in der heberolle 2, 138. 139 Fredderen, Vrede^^ren, 1. 2, 
23 Friderum, das heutige Freren in der Emsgegend, ostwärts 
von Lingen, im alten pagus Agrotingun. seine abgelegenheit 
von Corvei kann neues licht werfen auf den Reinfried unsrer 
Urkunde, der an diesem ort einkünfte des stifts holend leicht 
zum zug an die Ems bewogen wurde, auch die heberolle 1. 2, 18 
verzeichnet gefalle in Meppen, schwerer deutung scheint der 
Ortsname Friduren, die form Friderun, an einen in Neidharts 
liedern oft wiederkehrenden frauennamen klingend, setzt doch 
hier einen nom. Fridura voraus. 

Visbike f. Viscbike ist fischbach, bleibt aber, da auf viele 
örter diese benennung gehn kann, örtlich unsicher, bei Pader- 



352 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

born jfliefst ein fischbeke in die Emmer. Falke 707 meint Vis- 
bek an der Erpe im Waldeckischen. 

Bernesthorp soll nach Falke 247. 407. 556 im waldeckischen 
Itergau gelegen haben, heute Berndorf amts Eisenberg, auch 
378 in der heberoUe 2, 138 Bernesthorp, und der gen. von dem häu- 
figen mannsnamen Bern (altn. Biörn) abzuleiten. 

Sutholt = Suthholt, mit auswurf des einen h. auch bei 
Kemble 907 Sutborn f. Südborn, 361. 420 Suttun f. Sudtün. 
die heberoUe 1. 2, 23 schreibt Suddorphe und Suthdorpe, bei 
Moser 8, 379 steht im Sutdorpe. läge von Sutholt unbekannt, 
den gegensatz des namens bietet die silva N ortholt in einer Ur- 
kunde von 1118 bei Erhard s. 144. 

Auszer diesen dreizehn Ortsnamen bringt noch die Unter- 
schrift der zeugen einige merkwürdige, zwar das Reinoldo das- 
salo bei Falke s. 215, der gern den grafen Reinold von Dassel, 
welchen urkimden von 1097 bis 1129 aufführen, des berühmten 
Reinold, erzbischofs zu Cöln (f 1167) vater, hier wiedergefunden 
hätte, musz vor der berichtigten lesart vassallo weichen, statt 
Reinboldus de Koanstein schreibt Falke Kaanstein, welches ich 
diesmal verfechten möchte * ; es ist die im herzogthum Westfalen 
gelegne bürg Kanstein, wie aber deutet sich ihr name? ich 
denke aus dem ahd. chaha oder chäha cornicula, monedula 
(GraflP4, 359), einem uralten, weitverbreiteten wort, skr. käka, 
käga cornix (Bopp 69. 70) neben käkala corvus, ags. ceo, engl, 
chough, nnl. kä, käuw, schwed. kaja, norw. kaae, schweizerisch 
alpkachle alpkrähe, kächli (Stalder 1, 80), böhm. poln. kawka, 
franz. choukas. Kaanstein, Kanstein ist demnach dohlenstein, 
krähenstein und musz der alten auslegung eines andern westfä- 
lischen felsens, der Externsteine durch rupes picarum neue stütze 
gewähren, in der Hildesheimer grenzbeschreibung kommt ein 
Mesanstein (meisenstein) dicht neben Kananburg (Lüntzel s. 42) 
vor, wo vielleicht auch Kaanburg herzustellen wäre, ein ande- 
res Kanstein vermag ich auch in Baiern aufzuzeigen, die Schot- 
tenbrüder in Regensburg hatten ein nahgelegnes praedium Chan- 



* am Konsteine, thür. mittli. III. 4, 64. Canstein. niedere, verein 1858 s. 267. 
268. — vgl. Hanenstein noch bei Lambert für Hanstein. Rochepie. Gaidon 7073. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. • 353 

Stein, Kanstein. MB. 30», 8 (a. 1213) 58 (a. 1217). 31", 477 
(a. 1212) und in einer späteren Urkunde von 1385 MB. 27, 294 
tritt ein, ohne zweifei davon benannter Chunrad der Canstain(er), 
neben einem Perchtolt Mukkenstainer auf. den Mückenstein 
umschwärmten mucken, den Kanstein dohlen, daher die namen. 
Dolenstein, Dollenstein in Baiern heiszt Parz. 409, 8 Tolea- 
stein, 

Conradus de Everscute weist auf einen ort an der Diemel 
in Hessen, heute Eberschütz, die trad. corb. 329 Falke, 68 Wig. 
schreiben Heverscutte; glaublich hiesz die statte davon, dasz ein 
eber an ihr erlegt wurde. 

Was vor allem bei diesen Zeugenunterschriften auffallt, sind 
die durch puncte getrennten drei namen Thiedrico . Bern . Thiet- 
maro, welche ich demungeachtet zusammen verbinde und Thiet- 379 
maro in Thietmari bessere, ganz wie auch unten am schlusz der 
Urkunde Albwino socero Godefrido offenbar in Godefridi zu be- 
richtigen ist. 

Hier mag aber, nochmals über die grenzen unsrer Urkunde 
hinaus, ein auch für die geschichte der poesie nicht bedeutungs- 
loser gebrauch des alterthums zur spräche kommen, wie zu- 
weilen heute empfindsame eigennamen für täuflinge aus der vor- 
zeit oder aus gedichten und romanen gewählt, z. b. aus Ossian 
oder Jean Paul entlehnt ins leben übertreten ; so pflegten unsere 
vorfahren, denen die grosze fülle gangbarer, einheimischer ei- 
gennamen noch nicht genügte, einzelne den beiden des epos, 
allmälich auch der höfischen gedichte abzuborgen. erscheinen 
in einer menge unserer ältesten eigennamen thiere, so wurden 
auch menschennamen in die thiersage übernommen, aus der thier- 
sage wieder für das menschliche leben gebraucht. 

Viele leute können Dieterich, Hildebrand, Siegfried, ohne 
dasz man an das epos dachte, geheiszen haben, doch oft mochte 
für die wähl des namens gerade eine solche rücksiclit stattfin- 
den, wenn er nicht als wahrer eigenname, vielmehr als diesem 
zutretender beiname erscheint; zumal sind in Ortsnamen, ganz 
entschieden in häusernamen dergleichen bezüge anzunehmen, 
denn bäuser, die nach berühmten beiden genannt waren, trugen 
häufig auch abbildungen derselben zur schau, nach welchen sich 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 23 



354 • ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRE, 

die einwohner des orts lebendiger zu recht fanden, als wir uns 
heute nach kahlen nummern ^ 

In unsrer Urkunde sehen wir, wofern meine deutung nicht 
abirrt, einen dienstmann des stiftes wirklich Dieterich (von) 
Bern, Dietmars (söhn) heiszen und das gewährt eins der älte- 
sten Zeugnisse für die gangbarkeit der heldensage in Westfalen, 
von wo, wie man weisz, die Nordmänner eben ihre Vilkinasaga 
holten, die nach dem Untergang unsrer einheimischen Überliefe- 
rung ein lebhaftes bild derselben zurückwirft, statt des einen 
ministerialen könnten es freilich drei einzelne namens Thiedric, 
Bern und Thietmar gewesen sein und ihre aufeinanderfolge barer 
Zufall; doch bleibt, des Schreibers drei puncten zum trotz, mir 
jene annähme viel wahrscheinlicher, dieser Dietrich von Bern 
ist aus dem beginn des zwölften jahrh., bis wohin unsre ge- 
schriebnen Nibelungenlieder nicht mehr hinauf reichen, doch 
werden andere, und schon ältere, im munde des volks gelebt 
380 haben, ein 'Dieterich von Berne' bürgerlichen Standes erscheint 
in einer Augsburger Urkunde des Jahres 1162 (MB. 33". 42); 
ein 'Dietericus veronensis' als zeuge in einer bairischen von 1175 
(MB. 10, 29). eine Seckauer Urkunde von 1239 wird abgefaszt 
zu Wien 1239 'in domo Dietrici ex inferno' (Fröhlich diplom. 
Styriae 1, 312), avif welchem hause Dieterich, dem mythus nach, 
im Vulcan brennend (heldensage s. 38. 39) dargestellt war. eine 
Urkunde aus dem trierischen Cochem vom jähre 1265 (Günther 
no. 217. 2, 344) nennt uns 'Th(eodericus) de Berne, miles' wel- 
cher nochmals im jähre 1297 (daselbst no. 372. 2, 519) zur be- 
zeichnung seines sohnes aufgeführt wird. 'Sewardus armiger, 
filius quondam Theoderici militis in Kocheme dictus de Berne', 
wo wiederum zu bessern ist 'dicti', denn Seward wird den bei- 
namen seines vaters nicht auch geführt haben, noch weniger 
kann unter Bern etwa Bonn zu verstehn sein, weil beide Koche- 
mer waren, wie nun hier der Schreiber das dicti in dictus ver- 
drehte, hat der Corveier Schreiber aus Thiedrico de Berne Thiet- 

' es wäre eine ganze samlung solcher zum theil dunkler eigennamen aus 
den Urkunden vorzulegen, und ihnen zur seite zu stellen was sich von benen- 
nungen der häuser, platze und straszen bei den Römern vorfindet, vgl. Dirksen 
in den abhandlungen unserer akademie von 1848 s. 52. 53. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 355 

mari filio die drei namen Thiedrico. Bern, Thietmaro gebildet 
und jeder der hier nachgewiesnen Dietriche von Bern zeugt für 
den andern, an den namen Dietrich, der ihnen immer nach 
der taufe zustehn mochte, fügte sich der beiname von Bern aus 
der heldensage ungezwungen an, und des corveiischen Dietrichs 
vater braucht nicht einmal Dietmar geheiszen zu haben, ob- 
gleich schon ein vater Dietmar seinen söhn Dietrich nach dem 
beiden nennen konnte, nur das beachte man, dasz es überall 
dienstmänner zu sein scheinen, die mit dem beinamen, vielleicht 
von ihrem herrn und am hofe ausgezeichnet vi^urden. 

Im laufe des zwölften, dreizehnten und vierzehnten jahrh. 
schössen zu den älteren einfachen namen die beinamen wie 
pilze auf, aus welchen groszentheils unsere heutigen zunamen 
sich entfaltet haben, der Unsicherheit überall sich wiederholen- 
der namen wurde dadurch bei den geringeren ständen, die sich 
nicht durch die zugefügte angäbe des grundbesitzes unterschei- 
den konnten, vielfach gesteuert; oft aber mögen sie auch ohne 
solchen anlasz in der heiterkeit und aufreguug des lebens ent- 
sprungen sein. 

'Hainzen den Hiltprant' nennt eine Urkunde von 1390 (MB. 
8, 263), das haus 'zum roten Hildebrand' eine bei Gudenus 
2, 548, und man darf wol daran denken, dasz nach Vilkinasaga 
Hildebrand wie Dieterich rothen schild führte, 'domus Welandi 381 
fabri', urk. von 1262 (Lang reg. 3, 181); 'locus qui diciturWie- 
lants tanne' (MB. 28''. 471), aber schon weit früher in einer 
grenzbeschreibung vom jähre 825 'ad Wilandes (1. Wielandes) 
brunnen' (MB. 31". 41); ein 'Heinricus dictus Wielant', urk. von 
1286 (MB. 16, 295); 'Herbordus dictus Welent', urk. von 1296 
(Seibertz no. 465) ; wo der schmied hinzugefügt ist, hat die an- 
spielung gröszere Sicherheit, doch auch ein zu andern namen 
tretendes Wieland läszt auf den alten beiden schlieszen und dem 
schmied konnte eine tanne, ein brunnen passend geeignet wer- 
den. Neidhardts lieder nennen uns bauern mit den namen Die- 
terich, Wielant, Biterolf, Sigenot, Ilsunc, her Hamdie, Üetelgoz 
(MSH. 3, 213\ 218'), worunter zumal Hamdie = Hamideo (hel- 
densage 37) und Üetelgoz, Wüetelgöz (Haupt 1, 577) hervor 
zu heben sind als in den uns verbliebenen liedern schon ver- 

23* 



356 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

Schollene, hohes alters ist Fizzilo (MB. 11, 112) und Sintarfi- 
zilo (Haupt 1, 2. 5) in Urkunden bereits des neunten, zehnten 
jahrh., doch mehr wahre namen als beinamen. gleich Wieland 
dem schmid erscheinen auch 'Witego faber' im jähre 1238 (MB. 
7, 122) und 'Cuonradus Miminch' (MB. 35", 71. 76. 102), über 
der werkstätte wirklicher schmiede rausten sie sich gut abma- 
len lassen. 

Den namen Nibelung bieten diplome fast aller Jahrhunderte, 
vom achten an, oft dar. ich wähle hier belege, wo die natur 
des beinamens mehr als des geschlechtlichen erhellt: ein 'servus 
Nevelunc' im jähre 993 (bei Miracus 1, 147), doch führen auch 
sonst knechte immer die namen edler herrn; 'Nibelungus prior' 
im jähre 1210 (Baur Arnsburg no. 6); 'Lotzo dictus Nybelung', 
jähr 1320 (Baur no. 510) ; 'of dem hus der Nebelungen' jähr 1334 
(Baur no. 655), da stand wol ihr kämpf roh abgebildet. We- 
lisinc, Welsiuch (Juvavia 127. 128), goth. Valisiggs, vgl. Belisa- 
rius. 'Nordianus' MB. 13, 114, inter monumenta priflingensia 
s. a., doch unter abt Rudger, der 1206 starb, also noch im schlusz 
des zwölften jahrh., der aus Vilkinasaga bekannte und auch im 
weinschwelg angezogne Jägermeister. 'Schilpunc' im" jähre 888 
(Ried no. 68). Wilkinus bei Würdtwein subs. 5, 431. 'H. und 
Johann Bitterolf', 'Johannes Wizlan, Johannes dictus Wizlan, 
Wizlan laicus' hat Mone (nl. volksht. s. 397) aus rheinbairischen 
und Elsässer urk. des dreizehnten und vierzehnten jahrh. gewie- 
sen. 'Eckehardus dictus Fasolt', 'Wilhelmus dictus Fasold' in 
Urkunden von 1323. 1326. 1336 (Baur no. 561. 582. 671) und zu 
Halberstadt 1332. 1340 ein 'Burchard Vasolt', mitth. thür. ver. 
in. 4, 28, 'der alt Kudunc' heiszt ein bauer fastn. sp. 575, 29, 
'Ötel Helmschrot' 585, 3. [im Wiener gültenbuch 189" Staud- 
fuchsin, 17r\ 186^ Piterolfinne.] 
382 Diese namen zeugen von allgemeiner Verbreitung der hei- 

mischen sage unter dem volk in den verschiedensten gegenden 
Deutschlands, vorzugsweise bei dienstleuten, bürgern, bauern. 
für manchen beinamen mag uns auch die sage verschollen sein, 
wenn man sie z. b. hinter einem Sigiboto volo, Siboto qui dici- 
tur volo (pullus equinus) MB. 7, 360. 362 vermuten will; es 
kann auch ein anderer grund obwalten. Wetterauische urkun- 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 357 

den des dreizehnten und vierzehnten jahrh. zeigen oft den bei- 
namen Halbir, Halppir: 'Hermannus Halbir railes' (Böhmer cod. 
Francof. s. 64. 71. a. 1236. 1242); 'Erwinus dictus Halbir' a. 
1260 (Gudenus 5, 34); 'Cuno et Hermannus fratres dicti Hal- 
beir' a.l265 (Baur no. 103); 'Cuno Halbir' a. 1275 (das. no.l48); 
a. 1291 (das. no. 236); 'Cuno dictus Halppir' miles de Gyssen 
a. 1307 (Kindlingers hörigkeit s. 356). ich war anfangs geneigt, 
dies Halbir auf den schwank vom ritter, 'der die halbe bir az, 
der die halbe bir nuoc, der die halbe bir warf in den munt' 
und dem solche unhöfische sitte spottreden zuzog, zu beziehen, 
das gedieht brauchte darum nicht vor 1236 und nicht von Con- 
rad von Würzburg verfaszt zu sein , die sage konnte vor der 
dichtung umgehn; doch sehe ich ein, dasz Halbir vielmehr Halb- 
bier, dünnes hier, [langwell oder halbbier. Ettner hebamme 824.] 
kofent, wie man noch heute sagt, bedeuten mag, nicht die halbe 
birne. dictus Dunnebir. Baur no. 553. 

Als am schlusz des zwölften jahrh. die tafelrundesagen be- 
gannen aufzudringen, nahmen, fast im gegensatz jener von bür- 
gern und bauern fortgetragnen namen des heimischen epos, 
ritter gern die höfischen namen der beiden königs Artus an, 
und zuerst erwarten dürfte man hier die von Tristan, Erek, 
Gawein und Iwein. einen Ybanus de Chamere gewähren bai- 
rische Urkunden der angäbe nach um 1160 (MB. 9, 546), Iwan 
de Chamer um 1 190 (MB. 10, 403), beide Jahrbestimmungen sind 
ungenau und es verlohnte sich wol genau zu ermitteln, wann 
dieser Iwan aus dem bekannten geschlechte der von Kammer 
lebte, Hartmanns gedieht erschien erst im laufe der neunzige 
dieses jahrh.; da aber auch die form Iwan von Iwein absteht, 
so war sie wahrscheinlich schon auf anderm wege in der zwei- 
ten hälfte des jahrh. unter den bairischen rittern so verbreitet, 
dasz einer den taufnamen Iwan empfieng, als beiname stellt er 
sich hier nicht dar. ein 'Iwanus infirmorum magister' erscheint 
im wetterauischen Urkunden zwischen 1220 — 33 (Baur no. 10), 
ein 'Eibanus servus' wieder in einer bairischen um 1249 (MB. 

27, 58), ein 'Ybanus scultetus de Coburg' 1239 (Schultes 2, 18), 
ein 'Heinricus de Ybanstal' in einem Passauer zinsregister (MB. 

28, 477), imd leicht werden sich noch mehr Iwane oder Ibane 383 



358 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

in hochdeutschen Urkunden des dreizehnten und vierzehnten jahrh. 
aufzeigen lassen, eines lu'kundlichen Erek erinnere ich mich 
nicht, der höfische Ulrich von Lichtenstein auf seinem aben- 
teuerlichen zug theilte im jähre 3 240 die namen Parzifal, Ga- 
wan, Ybän, Tristram, Lanzilet, Ither, Erek und Segramors aus 
(s. 488 — 491). Walewan, also nach der niederländischen ge- 
stalt, tritt auf in einer Urkunde von 1188 (MB. 13, 126), 'Wa- 
lewanus miles in Hemmenrode' bei Caesarius heisterb. 1, 27; 
'Galvi^an der ganwerschin' (1. gauwerschin, d. i. Lombarde, caor- 
zinus) a. 1298. im östr. archiv 6, 165 vgl. 197: 'Gawanus ho- 
velarius' 1241 (MB. 8, 51); Tristan zuerst im jähre 1300 (MB. 
3, 568), doch werden ältere beispiele möglich sein. Lanzelet 
hat mir keine Urkunde vor 1331 (in Höfers deutschen urk. s. 243) 
dargeboten, auch er musz sich früher aufweisen lassen, in dem 
schon späteren Augustin Tristram von 1463 in Beheims Wien 
hat Tristram bereits die art eines geschlechtsnamens und em- 
pfangt neuen vornamen hinzu, seit der ersten hälfte des drei- 
zehnten jahrh. können Parzival, Gamuret und Wigolais auftre- 
ten, doch habe ich keinen so alten Parzival aus Urkunden an- 
gemerkt, 'Gameridus' a. 1237 (MB. 13, 207); 'Gamriht (f. Gah- 
muret) schulthaiz' 1247 (MB. 11, 34); 'Ottokar der Gamred' 
a. 1372 (MB. 30', 301). im vierzehnten und fünfzehnten jahrh. 
sind bairische Parzivale * und Wigoleise weiter nicht selten, 
z. b. Partzival 1382 (MB. 27, 271); 1435 (16, 479); Wigilois 
1405. 1438 (27, 399.425) und auch letzterer ist in Wolfskel 
Wigelais 1462 bei Beheim 178, 22 geschlechtsname, Hund, ein 
bekannter bairischer geschichtschreiber des sechszehnten jahrh., 
führte den vornamen Wiguleius. von frauennamen gehört vor 
allen hierher Isalde, da nicht nur in die Vilkinasaga cap. 222 
bereits eine Isold, als Irons gemahlin, sondern selbst ins lied 
von der klage z. 1378 eine herzogin Isalde zu Wien aus Eilharts 
Tristant aufgenommen wurde; Isalde, fraue zu Brunsberg, er- 
scheint im jähre 1326 (urk. bei Höfer 196). im Gudrunlied 582. 

* Hinrich Perzevale a. 1287 nieders. ver. 1857 s. 13. Hans Partzevale. Lisch 
Maltzan 2, 415 a. 1394. Johan Perseval. Detmar 1, 488. Barcival a. 1463. Be- 
heim Wien. 288, 29. Tristram 291, 21. Herzelauda a. 1257. Wackernagel Wal- 
ther von Klingen s. 4. 23. Isaida von Heinsberg. Lacombl. 2. no. 70 a. 1270. 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 359 

715. 759 steht der uame Wigaleis, in der Rabenschlacht 806 
Morolt von Eierland (Irland) aus Tristan, es ist bekannt, dasz 
man in mehrern norddeutschen städten, z. b. Magdeburg, Greifs- 
wald eigne Grale, Tafelrunden und Artushöfe im vierzehnten und 
fünfzehnten jahrh. anlegte, wo dann auch die ritternamen im 
schwang können gewesen sein. 

Geringeren einflusz übten die namen kerlingischer beiden, 
sie waren in der ritterweit, scheint es, unbeliebt, und ich weisz 
aus unsern Urkunden keinen mann, der sich Rolant ^ oder Oli- 
vier genannt hätte, ausnahmsweise zeigt sich im jähre 1307 
zu Wien 'her Rüeger der Viviantz' (MB. 30", 37) nach Wolframs 
Wilhelm, und Baligan im Biterolf und Dietlieb 315. 1371, selbst 
Beligan im heldenbuch gehn zurück auf Turpins Beligand, wie 
auch sonst in nebenzügen alle kreise in einander überspielen *. 
etwa lassen sich die Rolandseulen norddeutscher stadtmärkte 
jenen Artushöfen an die seite setzen und scheinen nicht älteres 
Ursprungs. [Kantzow 162.] 

Wer den, nicht von ungefähr, nach den ständen abweichen- 
den Widerschein dichterischer eigennamen in dem gebrauch des 
wirklichen lebens näher verfolgen wollte, als es mich jetzt an- 
zieht, würde den gegebnen beispielen manche andere beifügen 
können. 



ANHANG. 

VORGETRAGEN AM 29 APRIL 1852. 

Ich nehme noch, alles in bezug auf Morsacium s. 368, das 715 
von anfang an mich zu dieser Untersuchung gebracht hat, die 
nicht unwichtige frage auf, ob den Morseten der Urkunde nicht 
schon die Marsacii und Marsaci römischer nachrichten von 
Deutschland im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung gleich zu 
setzen seien? die aufgäbe erlangt dadurch einen höheren reiz. 

' ich finde Ruland als hundenamen um 1420. 

* Conradus dictus Elegast. Würdtwein dipl. mog. 1, 12SJ a. 1317. 



360 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRE. 

forschungen über älteste geschichte und geographie scheinen 
mir häufig zu mislingen oder auf halbem wege stehn zu bleiben, 
weil man sich zu streng an die spätere läge der Völkerstämme 
bindet und ihre altern, oft veränderten sitze dahin zurückleiten 
will ; wer sich der auf diesem felde wahrhaft unerläszlichen com- 
bination entschlägt, wird wenig ausrichten. 

Plinius 4, 15, in einer fürs friesische und batavische alter- 
thum clässischen stelle sagt: in Rheno ipso, prope centum m. 
pass. in longitudinem nobilissima Batavorum insula et Cannenu- 
fatum, et aliae Frisiorum, Chaucorum, Prisiabonum, Sturiorum, 
Marsaciorum, quae sternuntur inter Helium ac Flevum. Tacitus 
aber bist. 4, 56, von Vocula und Claudius Labeo redend: illuc 
Claudius Labeo , quem captum et extra conventum amandatum 
in Frisios diximus, corruptis custodibus perfugit, pollicitusque 
si' praesidium daretur, iturum in Batavos, et potiorem civitatis 
partem ad societatem romanam retracturum; accepta peditum 
equitumque modica manu nihil apud Batavos ausus quosdam 
Nerviorum Betasiorumque in arma traxit, et furtim magis quam 
hello Canninefates Marsacosque incursabat, Vocula Gallorum 
fraude illectus ad hostem contendit. 
716 Alles ist hier von groszem werth, ich schränke mich dies- 

mal ein auf die Marsacii, welche Plinius zuletzt nennt nach den 
Sturien, während Tacitus Canninefates et Marsacos verbindet. 

Einfachem bHck geht mit einem mal auf, dasz unsere rühri- 
gen Morscten schon den Römern als Marsacii entgegen standen; 
es wäre seltsam und unwahrscheinlich, dasz gleiche namen in 
fast gleicher läge verschiednes bezeichnen sollten, weil lange 
Jahrhunderte dazwischen liegen, aber manche erwägungen drän- 
gen dabei. 

Marsacii, Marsaci ist so wenig als Triboci ein mit ac, oc 
abgeleiteter name , sondern wie dieses aus tri und boci zusam- 
mengesetzt aus mor und sati; mehrsilbige altdeutsche namen sind 
in der regel Zusammensetzungen. 

Marsatii, Marsati zu ändern wäre doch verwegen, wenn 
schon unciales C und T in den ersten Jahrhunderten schwankte 
(Iscaevones, Istaevones), zeigt uns Morsacii = Morsati nicht 
näheren weg? 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 361 

Noch liegt für uns im dunkel oder Zwielicht, wann eigent- 
lich die zischende ausspräche des lateinischen ci, cio und tio 
entsprungen sei *. bekanntlich zischt ti nur, wenn ein zweiter 
vocal darauf folgt, ci aber immer, wir sprechen Marti, Martis 
rein und erst Martius, Martio zischend, hingegen Marci zischend 
wie Marcianus, ci musz also dem zischlaut leichter, früher, stär- 
ker heimgefallen sein als tio, tii, tium und feinere ausspräche 
wie gehör wüsten wahrscheinlich Marcianus von Marcus und 
Martianus von Mars abstammend zu scheiden, doch allmälich 
klangen beide, wie uns heute, Marzianus. 

Ueberall, wo nicht entlehnt wurde, vielmehr lateinische den 
deutschen Wörtern natürlich zur seite stehn, entspricht, gleich- 
viel ob harte oder weiche vocale nachfolgen, lat. T dem goth. 
TH, ahd. D (ratio, goth. rapjo, ahd. redia) und lat. C dem goth. 
ahd. H für (celare goth. hilan, ahd. helan; decem, goth. taihun, 
ahd. zehan). hier bleiben alle diese sprachen getreu ihrer na- 
turanlage. trat hingegen erborgung lat. Wörter ein, so suchte 
die deutsche den vernommenen laut des fremden ausdrucks thun- 
lichst beizubehalten, zur zeit, wo goth. akeit, alts. ekid eindrang, 
lautete also lat. acetum sicher noch aketum, und das ahd. ezih 
beruht auf bloszer Umsetzung der gutturalis und lingualis, ezih 
= echiz, wie schwed. ättika, dän. eddike. nicht anders setzen 
unser kirsche oder kiste ungetrübte ausspräche des lat. cerasum, 717 
cista = kerasum, kista, ohne zischenden nachschlag voraus, als 
aber neben dem lautverschobnen ahd. techamo auch ein de- 
zemo = lat. decima sich bildete, kam diesem decima schon die 
nachgeahmte ausspräche dezima zu, und wie wir aus archange- 
lus ein gezischtes erzengel machen, war schon im achten, neun- 
ten jahrh. ahd. arzät, nhd. arzt aus archiater, dp)(iaTpo? ent- 
sprungen, also musz das der romanischen zunge abgehörte wort 
wie arzater geklungen haben, solche beispiele lassen sich ver- 
vielfachen. 

Freilich, vom achten jahrh. bis rückwärts zum ersten ist 
ein gewaltiger abstand, doch der trieb zu zischenden nachschla- 
gen war zu natürlich, als dasz er nicht frühe schon hier und 

* Aufrecht umbr. spr. s. 71. Corssen 1, 18 ff. fascia goth. faskja. 



362 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

da sollte aufgetaucht sein, bei den Friesen selbst hörten ver- 
kehrende Römer, wenn meine Vermutung statthaft ist, Märsätjan, 
da für diese frühe zeit noch auslautendes, später abgestreiftes n 
anzusetzen ist. Märsätjan, mit nachschlagendem], dem noch 
ein a folgt, klang ihnen nicht mit reinem ti sondern wie ci, und , 
ihr ci, wenn es auch kein entschiedenes zi war, konnte doch 
schon als angegriffenes ki, etwa kji, oder so ausgesprochen wer- 
den, wie ein heutiger Schwede tji, fast wie tschi hervorbringt. 
Tacitus, mit sonst zulässiger Verdichtung des cii in ci, ci, wan- 
delte Morsacii in Marsaci, dem kein deutsches Marsatan, nur 
Märsätjan unterliegen konnte, vielleicht auch dachten Römer 
dabei an die ihnen geläufige form griechischer namen wie Lamp- 
sacus, Thapsacus; mit wurzelhaftem sak ist aber in erklärung 
des deutschen Marsaci nicht auszukommen, ebensowenig er- 
scheint irgend wo eine spur von deutschem Marsah, und die 
Marsi und Marsigni stehen wol auszer aller berührung mit den 
Marsacii. hat der vorgetragne Übergang des ti in ci schein, so 
gibt das wort einen grund wider die gewöhnliche annähme (z. b. 
bei Conr, Leop. Schneider s. 247. 356), dasz die zischende aus- 
spräche des ci und tii weit später begonnen habe, es gebricht 
auch nicht an andrer Ursache um daran zu zweifeln (Venus myr- 
thea, murtea, murcia) und selbst auf münzen des ersten jahrh. 
erscheinen merkwürdige spuren des z für t (Lutaci f. Lutatii). 
unser mittelalter^ wie wir sahen, schrieb für Morseten u^nbedenk- 
lich Morsacii, für Holtseton, Holtsati, Holtsatii, Holsacii (dies 
wie Hollandi f. Holtlandi. zu 372. Hochlender. Eulensp. c. 86). 
Nicht zu übersehen in Marsacii ist das a nach dem anlau- 
tenden m, weil gerade es zum friesischen mär, nicht mör für 
lacus, palus stimmt, ich stellte das schon gramm, I, 410 auf. 
718 Richthofen 916 gibt dem wort die bedeutung graben, doch die 
wiederkehrende formel ur märar and ur merca 234, 11; ur mär 
and ur merka 339, 32 will sagen über moor und über beide, 
etwa was schon in Wernhers Maria 149, 37 mos und muor meint, 
mag gleich 307, 32. 341, 15. 419, 30 im dorf und hof mär ei- 
nen pfuhl oder graben bezeichnen, wie ja lat. lacus selbst auf 
den schmiedetrog gehn kann, einer sehr nahen berührung zwi- 
schen, mere, mare und mär, mör, muor, pälus steht eigentlich 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 363 

nichts entgegen, und unser see, das bald hohe see, meer, bald 
einen landsee und sumpf bezeichnet, kommt ihr zu statten, wie 
ist wol der name der nordholländischen Stadt Alkmaar zu fas- 
sen? ein ahd. alahmuor wäre arx, templum in lacu, in palude, 
treffende benennung eines friesischen, canninefatischen Alcmär. 
denn selbst für die Canninefaten musz der name Cenemare in 
beschlag genommen werden (gesch. der deutsch, spräche s. 586), 
und wer für alts. fathi im Hei. 17, 1. 89, 10 die schon einmal 
gerathene bedeutung von uovto? wahr macht, darf auch die Can- 
ninefaten für anwohner der see oder des meers halten, also das 
spätere Kennemär gleichsetzen einem älteren Canninefati d. i. 
Canninemoor. noch heute hat im Kennemerland eine besondere, 
auf die Canninefaten zurückweisende Volkssprache sich erhalten, 
bei einzelnen Friesenstämmen galt vielleicht das hernach über- 
wiegende mör, ahd. muor, nnl. moer palus, obschon die Hollän- 
der Alkmär beibehielten, nicht in Alkmoer wandelten. 

Fragt es sich nun nach bestimmter anwendung so bedeut- 
samer, uns noch durchsichtiger volksnamen, wie Märsätjan, Mor- 
seton, Brocseton, Holtseton auf örter und landstriche selbst, so 
musz im verlauf der zeiten ein vielfacher Wechsel eingetreten 
sein, die Friesen hiengen an ihrem boden, seit sie von auszen 
gedrängt wurden und mächtige nachbarn im rücken hatten, fest ; 
als sie sich noch freier fühlten und ihrerseits erobernd vorschrit- 
ten , kann nicht fehlen, dasz sie ihre namen auch über die ei- 
gentliche grenze ihres volks hinaus trugen, und warum sollte 
nicht unter ihnen selbst mehrfacher Zugang oder abgang der 
Stämme eingetreten sein? es hat darum bedenken, einen oder 
den andern solcher stammnamen in die spätere gauverfassung 
fortzuschieben und dann andern gegenden abzusprechen, wie 
noch heutzutage in ganz Deutschland die alten volksnamen we- 
nigstens als eigennamen einzelner geschlechter fortleben und bei- 
nahe in jeder Stadt ein Sachse, Hesse, Baier, Franke und Westfal 
zu finden ist, oft ganze dörfer und niederlassungen Sachsen, 719 
Hessen, fern von den ältesten Wohnsitzen der stamme selbst 
genannt sind ; so erscheint z. b. Brocseton als ein über Fries- 
land weit hinaus verbreiteter dorfname; man berichtet mich, 
dasz z. b. in Bonn der mannsname Bruchsitter fortlebt, wie ich 



364 ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 

schon den dichter Broxtermann anführte. Brocseton hat die 
Freckenhorster heberolle (Dorow XXVII) im Münsterland, wie 
Bikieseton u. a. m. um so weniger getraue ich mir alle Mor- 
seten und Brocseten in gewisse friesische bezirke einzuengen, 
genug, dasz es alte Friesen und" anwohner der nördlichen küste 
waren. 

Ein scholiast zu Adam von Bremen (bei Pertz 289, 23) hat 
die bemerkenswerthe stelle: Fresia regio est maritima, inviis in- 
accessa paludlbus, habetque pagos 17, quorum tertia pars respi- 
cit bremensem episcopatum, his distincti vocabulis: Ostraga, 
Rustri, Wanga, Triesmeri, Herloga, Nordi atque Morseti. et 
hi Septem pagi tenent ecclesias circiter 50. hanc Fresiae par- 
tem a Saxonia dirimit palus, quae Waplinga dicitur et Wirrahae 
fluvii Ostia, a reliqua Fresia palus Emisgoe terminat et mare 
oceanum. 

Dann: de illis 17 pagis quinque pertinent ad monasterien- 
sem episcopatum, quos sanctus Lutgerus illius loci primus epi- 
scopus a Karolo imperatore in donatione percepit. sunt his 
distincti vocabulis: Hugmerchi, Hunusga, Fivilga, Emisga, Fe- 
deritga et insula Baut. 

Damals fielen nun die Morseten in den Bremersprengel, 
was natürlich über die läge der alten Marsacii, lange bevor an 
einen bremischen oder münsterischen bischof gedacht werden 
kann, nichts entscheidet. 

Richthofen belehrt mich, dasz der altfriesische zu Münster 
gehörige Emesga aus vier bestandtheilen gebildet war, dem ei- 
gentlichen Emesganalond, dem Brokmonnalond, Mormonnalond 
und Overlederalond , dasz aber die durch die Leda von Over- 
lederalond geschiedne gegend bei Leer heute noch Mormer- 
vogtei, in älteren Urkunden des vierzehnten und fünfzehnten jahrh. 
Mormonnalond heisze. da nun dem wortverstande nach Brok- 
männer auch Brokseten, Mormänner auch Morseten sind, so er- 
hellt hieraus, dasz Morseten sowol dem Bremer als auch dem 
Münstersprengel angehörten und eben so schwer zu behaupten 
als zn leugnen steht, dasz an jenem kämpf gegen die Westfalen 
auch die bremischen Morseten sich betheiligten, die miracula 
Liudgeri bei Pertz 2, 425, mit den werten in parte Frisiae, quae 



ÜBER EINE URKUNDE DES XII JAHRH. 365 

dicitur Morsaten, meinen wol die münsterischen, übrigens scheint 
Mormer nichts als ein später verkürztes Mormänner * und das 720 
von mir ohne noth getadelte Brokmer wird geradeso aus Brok- 
männer entsprungen sein, treues zusammenhalten aller Brokseten 
und Morseten, unbekümmert um ihre kirchliche vertheilung, ver- 
steht sich nach der friesischen Sinnesart beinahe von selbst. 

So haben die Morsacii der natur des landes und volkes 
der Friesen nach sich identisch erwiesen mit den alten Marsacii 
römischer künde, welche Zeusz s. 138 noch nicht zu deuten 
wüste und statt zu den Morseten zu den Marsignen und Mar- 
sen stellen will. Meersassen sein konnten sie so gut wie Moor- 
sassen, wol aber verweist Lappenberg in seinen anmerkungen 
zu Adam von Bremen mit recht schon bei Morseti auf die Mar- 
sacii des Plinius. 

* Mormerland, Mormänner. Osnabr. mitth. 3, 275. altn. Mjramenn palustri- 
colae. Egilssaga s. 709. 



ÜBER FRAÜENNAMEN AUS BLUMEN. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 12 FEBRUAR 1852. 



105 yy ie wir nach einer ihm mangelnden menschlichen fahig- 

keit das thier das unredende und stumme nennen, pflegt gleich 
triftig die sanskritsprache den bäum als aga oder naga, d. h. 
den ungehenden zu bezeichnen *, weil er des thierischen Ver- 
mögens sich von der stelle zu bewegen entbehrt, alle pflanzen 
sind gefesselt an den boden, in dem sie wurzel schlagen und 
dürfen nur durch äuszere gewalt, auf die gefahr ihres Verder- 
bens, von da entfernt werden. 

Ihr leben ist demnach gehemmter und eingeschränkter als 
das der thiere, mit welchen ihnen sonst eine bedeutsame, sie 
beide von den elementen unterscheidende eigenschaft gemein ist. 
diese nemlich entspringen zwar und wachsen, können aber sich nicht 
forterzeugen, d. h. ihres gleichen aus sich hervorbringen, wie 
pflanzen und thiere thun. dennoch tritt auch in solcher zeu- 
gungskraft wieder eine dem wesen der pflanze und des thiers 
überhaupt entsprechende hauptverschiedenheit ein. jedwede her- 
vorbringung des neuen und gleichen findet sich bedingt durch 
das vermählen zweier geschlechter, die nur an den pflanzen ne- 
beneinander, an den thieren gesondert erscheinen, was von die- 
ser regel auszunehmen ist dient sie desto mehr zu bestätigen. 
Dieselbe pflanze trägt in sich männHche Staubfaden und 



* auch den berg und die bei'ggeborne schlänge, vgl. pannaga pedibus non iens 
(serpens), uraga pectore iens. stein, der stehende, wb. 1, 1381. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 367 

ein weibliches pistill, das einzelne thier hingegen wurde nur ei- 
nem der beiden geschlechter überwiesen, und jener volle, unge- 
theilte besitz stimmt zur ruhe der pflanzennatur, diese Spaltung 
und halbheit zur unruhe und regsamkeit der thierischen. man 
hat an einigen schalthieren wahrgenommen, dasz sie mannweib- 
lich sind, umgekehrt erzeigt an gewissen pflanzen, wie den fei- 
gen, sich getrenntes geschlecht, jene schalthiere, am gestade 
des meers klebend und verschlammt nehmen etwas an von der 
unbeweglichkeit und gebundenheit der pflanzen. 

Meistentheils * aber ist die pflanze ein zwitter und schon ili- 106 
rem eigenen keim dieses doppelgeschlecht eingeprägt, es besteht 
also aller scheinbaren ähnlichkeit ungeachtet eine grosze ver- 
schiedenartigkeit des Samenkorns von dem vogelei. denn das 
einzelne ei enthält schon in sich die ausschlieszende bestimmungr 
eines männchens oder Weibchens, in jedem Samenkorn dagegen 
ist beiderlei geschlecht festgesetzt, mit einem einzigen körn ver- 
vielfacht die pflanze sich ins unendliche, während das aus dem 
ei geschloffene vöglein nichts ausrichten könnte und seine art un- 
tergehen lassen müste**, träte ihm nicht ein aus anderm ei hervor- 
gegangenes wesen seines gleichen, aber verschieden geschlech- 
tet an die seite. die thiere suchen einander und gesellen sich, 
die bäume stehn oft in groszen massen gleichgültig neben ein- 
ander. 

Vom unvollkommnen vorschreitend zum vollkommneren 
scheint die schaffende natur zuerst leblose, ungeschlechtige de- 
mente, aller stoffe grundlage zu bilden, dann in breit wachsen- 
der pflanzenweit den einzelnen arten durch in ihnen gestaltete 
geschlechtsorgane unendliche selbstzeugung zu verleihen, endlich 
aber den thieren in äuszerer absonderung des geschlechts grö- 
szere willkür der bewegung und handlung zu gewähren, dey 
von innen wie auszen harte stein ist ohne regung ***, und leb- 

* Schilderung des er und der sie bei der palme bei Megenberg 337, 9 — 19. 
vgl. 33 — 35. auch bei mandragora, paeonia si und er. 406, 30. 414, 29. 415, 3. 
nach der indischen Vorstellung ist jeder gott zugleich mann und weih. 
Somadeva 1, 207. 

*** doch Eckart 97, 4 vom edelstein: er hat ein instän, in demselben reket 
er daz houpt üf unde luoget üz. — der stein hat wesen, aber kein leben. Berth. 
37.5, 17. 



368 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

loses nennen wir steintodt; in der pflanze steigen kühle safte 
auf lind nieder, aber sie kann sich nicht nach auszen eigenmäch- 
tig rühren, bleibt ohne athemzug, ohne äuge und ohr, denn 
wozu sollte sie sehen und hören? für das vom boden freie thier 
ist sein gang das hauptkennzeichen , die reibung des gehens 
scheint wärme und entfaltung der sinne zu bedingen ; das thier 
musz eine speise suchen, dem freunde begegnen, dem feind ent- 
rinnen, die blume aber braucht nicht zu essen und weisz nicht, 
dasz ihr die band nahe kommt, die sie bricht, [zabelt und ruoft 
niht beim abhauen. Berth. 375, 25.] 

Diesem niedern stand, dieser willenlosigkeit der pflanzen 
im vergleich zu den thieren treten aber auch Vorzüge zur seite, 
mit deren einbusze die thiere ihre höhere Stellung einnehmen, 
wie die allmacht und gute der natur in jede ihrer zahllosen stu- 
fen einen reiz gelegt zu haben scheint, dessen die folgende beim 
empfang gröszerer gäbe oft wieder verlustig geht. 

An den blumen zieht uns auszer der Schönheit ihrer schlan- 
ken, schnell aufschieszenden gestalt auch die entfaltung der rein- 
sten färbe und des süszesten duftes an. 

Worin das wesen der färbe und des geruchs gelegen sei, 
ist uns zwar ein volles räthsel und wird wahrscheinlich noch 
107 lange zeit die aufgäbe wissenschaftlicher entdeckungen bleiben, 
denn die optik legt uns nur erscheinungen und gesetze des far- 
benspiels aus-, ohne sagen zu können, was die färbe selbst her- 
gebe, worin sie sich gründe, es müssen noch unmeszbare, den 
gegenständen beiwohnende eigenheiten sein, an welchen das licht 
die färbe, die luft den duft erscheinen lassen, ich habe nichts 
dawider, dies auch so auszudrücken: in den gegenständen musz 
ein äuszerst feiner stof enthalten sein, der sie z. b. für den 
blauen oder rothen lichtstrahl eignet; ein stof, den unsre Wahr- 
nehmungen gar nicht erreichen, der aber die färbe bilden hilft 
und mit in den pinsel tibergeht, aus dem wir auf leinwand 
blau oder roth tragen, schon in dem engsten, verschlossensten 
Samenkorn aber ruht der trieb, aus dem sich die eigenheit seiner 
färbe und seines geruchs hervor thun werden, sie bedürfen dann 
lichtes und der luft, allein ihre besonderheit musz in ihnen selbst 
gegründet und bedingt sein. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 369 

Mutmaszen dürfen wir auch das, dasz die reinheit, ja mög- 
lichkeit der färbe, des geruchs und gesclimacks der pflanzen 
wesentlich zusammenhänge damit, dasz sie sich nähren ohne zu 
essen und zu verdauen, d. h. ausgesogne und verwesende nah- 
rungstheile von oben nach unten abzusondern, ihre nahrung 
dringt schon aus der erde durch die wurzel, man könnte sagen 
lebendig in sie aufwärts, darum heiszen pflanze und bäum be- 
deutsam im Sanskrit padapä, mit dem fusze trinkend *. erst 
nach vollendeter blute erfolgt ein abieben und welken der pflanze, 
und gerade im augenblick ihrer keuschen Vermählung und fort- 
zeugung hat sich im kelch der blume höchster glänz der färbe 
und fülle des wohlgeruchs dargegeben. 

Alle köstlichen gerüche und geschmäcke entströmen und 
stammen aus der pflanzenweit, in blumen Wölbungen sammelt und 
holt die methtrinkende biene ** ihren honigseim ; von den pflanzen 
werden alle würze, weine und geistige essenzen bereitet und ohne 
die ausnehmende, ungetrübte reinheit der pflanzensäfte würden 
sie gar nicht zu stände kommen, jeder wohlgeruch ist vegeta- 
bilisch, jeder gestank ist animalisch. 

Unserer Wissenschaft ward es ein ernstes geschäft in die ge- 
heimnisse des pflanzenlebens nach allen selten einzudringen ; doch 
von frühster zeit an muste was an bäumen, kräutern, blumen 
zunächst ins äuge fällt den kindlichen menschen anregen und 
seine einbildung beschäftigen, sei es indem er seine eignen ver- 
hältnissC^uf die jener stummen, zarten wesen übertrug oder 
umgekehrt ihre wahrgenommene eigenthümlichkeit auf erschei- 
nungen des menschenlebens und der thierwelt anzuwenden trach- 108 
tete. nicht nur werden pflanzen als aus thieren vmd menschen 
entsprungen angesehen, sondern umgekehrt auch gleichsam für 

* omnes (herbae) veluti in terras ore demerso trahunt alimenta radicibus ac 
per medullas robur corticeniquc diffundunt. Boeth. de cons. bei Notk. 165: daz 
sie samo so den snahel stozeni in dia erda unde sügen taz tou. Ben. beitr. 452. 
daz tou an der wise den bhiomen in ir ouge vellet. Ls. 1, 376 si beten übertrun- 
ken sich an dem zuckerlinden tror, daz si ir houbt vil harte enbor huoben gen 
der sunnen brehen. 

** skr. madhupa, (jiXtacfa, mettsiederl Schmeller 1, 165. blumenwein bei den 
Indern. Webers Mälavik. s. 99. vergessenheitswasser, voda zaboravna, dessen be- 
standtheile sind bilja od planine, bergkräuter. Vuk 2, 612. 613. 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 24 



370 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

die niedere stufe gehalten, auf welcher hernach ein höheres men- 
schenleben sich entfaltete, der vergossene blutstropfe fällt zur erde 
nieder und eine blume entsprieszt, um einen verfolgten menschen 
schlieszt sich die bergende rinde eines baums und der mensch- 
liche schmerz wird in der stillen pflanze beschwichtigt; umge- 
kehrt aber entbindet sich auch die blumenknospe oder des bau- 
mes hülle wird gelöst, und vögel entfliegen, zurückverwandelte 
menschen gehen daraus hervor, wenn zahllose Verwandlungen 
und uilisetzungen aus einer gestalt in die andre die phantasie 
aller Völker beschäftigten und geheime Verhältnisse der pflanzen- 
natur zu der thierwelt knüpften; so kann man sich vorstellen, 
dasz die daraus entsprungnen, weit verbreiteten mythen auch 
auf die spräche einen tiefen eindruck hinterlassen musten, und 
die Sprachforschung wird aus diesem quell eine menge der an- 
ziehendsten Wortdeutungen schöpfen dürfen, erklärungen, die 
sich dem wahren und wirklichen naturverhalt nur verstohlen 
blicks nähern, ihm zuweilen überraschend begegnen, meist aber 
ihre ganz eignen wege einschlagen. 

Beispielsweise und bevor ich weiter schreite, mögen aus 
der reichsten fülle nur ein paar solcher Wörter ausgehoben wer- 
den, um anschaulich zu machen, in welchem sinne und mit wel- 
chen mittein der sprachgeist seine ausdrücke wählt. 

Eine frische, in ihrer einfachheit unübertref liehe bezeichnung 
ist es, weini wir sagen, die blume geht auf, d. i. steigt in die 
höhe und eröfnet sich, denn unsere partikel auf, goth. iup stellt 
sich unmittelbar zu dem particip offen apertus, wofür sich ein 
goth. upns mutmaszen läszt , obgleich alle übrigen äuszerungen 
dieses verbums längst auszer gebrauch gerathen sind, solch ein 
aufgehen legen wir aber der pflanze zweimal bei, anfangs wenn 
ihr keim die erde durchdringend erscheint, hernach wenn ihre 
schwellende knospe aufbricht und eine blume erschlieszt. aber 
auch sonne und tag gehn uns auf, wir lassen schön mit dem 
selben worte die blume wie das licht des himmels vortreten, 
was noch andere beziehungen kund geben, der tag bricht an 
heiszt auch der tag sprieszt, lett. deena plaukst und plaukt fin- 
det sich in gleicher weise von tag und von der blume gebraucht, 
nicht anders nun dringt und steigt die blute wie der tag, der 



ÜBER FRAÜENNAMEN AUS BLUMEN. 371 

morgen bricht an oder bricht auf, die sonne der morgen rinnt 109 
auf, der morgen üf rann. Servat. 3410, goth. sunna urrinnip, 
ahd. irran, altn. dagr rann, manat dies ab Oriente, da gleich 
unsern rinnen und flieszen auch lat. manare vom steigenden 
tag gilt, diu sunne ist üz gerunnen heiszt es und diu bluome 
ist üz gerunnen, üz gesprungen ^. eine der zartesten blumen, 
die maiblume mit duftenden glöcklein führt verschiedenthch den 
namen springauf. doch gleich einfache ausdrücke für blume 
und erblühen bietet auch das sanskrit. utpala, wörtlich die auf- 
gehende, bezeichnet blume überhaupt, hernach eine der belieb- 
testen und heiligsten, den lotus, von pal ire, ut sursum. ut- 
phulla bedeutet expansus, apertus und gilt von der blume, zu 
diesem phull expandere scheinen auch cpuXXov und folium gehö- 
rig, wie vmser blatt einer wurzel ist mit blühen und blume. ud- 
bhida ist planta progerminans von bhid, findi, rvmipi und sphut, 
gr. 5TT£u5o> treiben, antreiben wiederum findi, geltend von blume 
und blute, bisher führte ich blosz composita an, lauter solche, 
die mit den einfachsten und natürlichsten mittein gebildet wer- 
den; selbst einfach aber erscheint das goth. keinan, praet. kei- 
nöda germinare, dessen endung nan auf ein vmterliegendes keian, 
praet. kai zurück weist, von welchem mit demselben m, das 
auch blume von blühen leitet, unser keim, ahd. chimo gebil- 
det wird, doch nicht genug, dies chimo, folglich goth. keima 
weisen zurück auf ein alters keisma, chismo, wodurch es thun- 
lich wird auch das lat. germen für gesmen heranzuziehen, und 
keimen wie germinare einer und der nemlichen wurzel zu über- 
weisen, wenn andere verschiedne bildungen dabei wirksam ins 
spiel traten. ein andrer der alts. spräche eigner ausdruck für 
das vordringen der blute war brustian und brustiad endi bloiad 
treten gleich bedeutend einander zur seite, wurzel von brustian 
ist aber brestan rumpi, sonst auch umgestellt berstan, brechen 
oder bersten *, derselben wurzel gehört unser brüst, die schwel- 

' dö si an dem rise 

die bluomen gesähen bi den blaten springen. MS. 1 , 20". 
[diu bluot lat ir dringen. MS. 2, 21''. 
appelblnot schiuzet üz. Alt. sw. 24, 28.] 
* arprahastun pluamun erumpebant flores. Diut. 1,497''. uz brozen. Keisersb. 
bilg. 183'«. 

24* 



372 ÜBER FRAÜENNAMEN AUS BLUMEN. 

lende, vordringende, wie vom weiblichen busen, wenn er sich 
zu heben beginnt, gleich schön gesagt wird, dasz er sich drehe, 
knospe, gleichsam erblühe, im bloszen worte brüst liegt das- 
selbe, knospe für gemma floris war iinsrer altern spräche völ- 
lig unbekannt, ahd. sagte man dafür proz oder pruzzelinc, quod 
erumpit, von priozan, altn. briota rumpi, findi, jenem brechen und 
110 bersten in wort und bedeutung sichtbar verwandt, aus diesem 
proz oder einem ags. brot scheint sich nun gerade der romani- 
sche ausdruck für knospe gebildet zu haben, den das latein un- 
erklärt liesze, nemlich das franz. bouton, it. bottone, sp. botou 
stehn mit ausgestoszenem r für brouton, brottone, zum erweis 
dieser deutung findet sich ein provenz. brotonar erhalten neben 
botonar, wir Deutschen aber haben unser eignes wort fallen las- 
sen, mhd. ausdruck für knospe war balg und belgelm*, von 
belgan tumere, also wieder mit dem begrif der schwellenden : 

touwic rose, diu sich üz ir belgelin zespreitet, 
heiszts in den liedern, und belgelin entspricht dem lat. foUiculus. 
wann nun kam unser knospe auf? erst seit dem sechzehnten und 
siebzehnten jahrh. und anfangs finde ich es blosz gebraucht von 
vorbrechendem erz, von ausbrechenden beulen, wieder also meint 
es geschwulst. sichtbar ist aber knospe umgesetztes knopse (wie 
vespa und wepse, wefse, rispan und refsan), mithin zu knöpf, 
nodus, bulla gehörig und allen bedeutungen des franz. bouton 
entsprechend, rosenknopf sagen wir und rosenknospe ^. zur zeit 
da unsre spräche ganz versunken schien war sie immer noch 
der reizenden Wortbildung anmutsknospe, das man im siebzehn- 
ten jahrh. für eine aufblühende Schönheit brauchte, fähig geblie- 
ben, den meisten slavischen sprachen steht für blumenknospe 
das beziehungsvolle wort pupa oder pupak zu, puppe und knospe, 

* als von dem süezen touwe diu rose üz ir belgelin blecket niuwen werden 
schin. Parz. 188, 11. als touwcc spitzic rose stet und sich ir ruber balc her 
dan klübt. Wh. 270, 20. die tolden sint üz ir hüben gevarn. MSH. 3, 258». üz 
der bollen sliufet. Tr. kr. 7515. man siht üf dem zwic bollen die sich went üf 
tuen. MS. 1, 189*. der bollen gestreb. Gefken beil. 186. probs knospe Me- 
genb. 348, 21. probsen oder knögerlein. 339, 34. bärknospe, bärknopf Schmid 43. 
' darum heiszt es fastn. sp. 748, 28: 

ist die dirne langgezopft 

und hat im busen wol geknöpft. 



ÜBER FRAUENN AMEN* AUS BLUMEN. 373 

lat. gemma, oculus floris, und dem menschlichen äuge werden 
auch eine pupa und pupilla zugelegt, wie die puppe des insects 
ausbricht,. ein bunter Schmetterling, fast eine lebendige blume 
ihr entfliegt, so schlof aus der knospe die blume selbst, auf 
welchen bezug des feifalters zur blute hernach zurückgekommen 
werden musz. die pflanze hat kein äuge, kann nicht sehn, un- 
sere einbildungskraft stellt aber ihre knospen den äugen gleich 
und indem die blume aufgeht, thut die pflanze ihr äuge auf, 
ja sie scheint aus einem Schlummer, in dem sie befangen war, 
zu erwachen, das gemahnt wieder an die sanskritsprache, wel- 
che unnidra exsomnis für die aufgegangne blume setzt, von nidra 
schlaf und der wurzel dra = dormire, träumen, unnidra assimila- 
tion von utnidra. der blume fessel ist gesprengt, ihr balg gesprengt, 
sie hat ihres lebens gipfel erreicht und wach das äuge aufgeschla- iii 
gen. liefert uns die Sprachvergleichung nicht frische bilder? 

Und doch, eben in dem grade wie solche unerschöpfliche 
etymologien mich anziehen, fürchte ich, ermüden durch ihre 
wechselnden, abspringenden einzelnheiten sie die geduld der mei- 
sten hörer, deren gunst ich mit den folgenden betrachtungen 
wieder einzuholen trachte, obschon, wie wir sahen, den pflan- 
zen gerade kein getrenntes geschlecht zusteht, die phantasie der 
sprachen hat nicht unterlassen, ja kaum unterlassen können, ih- 
nen ein solches beizulegen und scheint immer davon ausgegan- 
gen, dasz die groszen starken pflanzen als männlich, die schlan- 
ken, zierlichen, zumal ihre blumen als weiblich, die entsprin- 
gende frucht als neutrum angesehn wurden, auf dieser grund- 
lage beruht auch für die thiere das grammatische geschlecht in 
der spräche überhaupt. 

Dabei blieb die sache aber nicht stehen, wenn pflanzen 
aus menschen, menschen aus pflanzen erwachsen sind, lag es 
unmittelbar nah, auch wechselseitige neigungen zwischen pflan- 
zen, thieren, menschen anzunehmen, berühmt ist der schöne 
persische mythus von der nachtigall liebe zur rose (gül), nur hat 
man sich unter nachtigall oder bülbül einen männlichen vogel, 
unsern sprosser etwa, zu denken, dessen leidenschaftlicher schlag 
gülgül den namen seiner geliebten vervielfältigt, ausführlichere 
behandlung fordert und verdient aber bier eine in hohes alter- 



374 ÜBER FRAUENISfAMEN AUS BLUMEN. 

thum zurücktretende anmutige Vorstellung von wirklicher ehe 
und heirat, die zwischen einzelnen pflanzen , ja zwischen pflan- 
zen, thieren und selbst steinen geglaubt, begangen uijd gefeiert 
werde, die natur zeigt uns verschiedentlich zarte Schlingpflan- 
zen, die ihre ranken um stärkere winden, so dasz äste und 
zweige beider sich in einander flechten ; es mag sogar dem feld- 
und gartenbau angemessen sein eine solche Vermählung herbei- 
zuführen und zu begünstigen, vor allem sind diese pflanzen- 
vermählungen anzutreffen in Indien und mit eingreifenden, be- 
deutungsvollen gebrauchen verbunden. 

Von keinem andern dichter jemals ist ein weibliches wesen 
80 zart und blumenhaft geschildert worden, als von Kalidasa 
die liebliche, einer schlanken blume gleich blühende, duftende, 
schmachtende Sakuntala; sie klagt über ihres enggeschnürtfen 
kleides druck, es ist, antwortet ihre gespielin, der beginn dei- 
nes jungfräulichen alters, was dir den busen schwellt, in Sa- 
kuntalas nähe gewinnen nun alle blume«h.den sinn ahnungsvol- 
112 1er Vorzeichen, neben ihr erglänzt der amrabaum wie ein bräu- 
tigam ; im geheimen Vorgefühl , dasz auch ihr geliebter unfern 
sei, begieszt sie die knospende mädhavipflanze, die sich den amra 
zum geliebten erkor. 

Amra ist der grosze mango, mangifera indica, ein prächti- 
ger, über ganz Indien verbreiteter bäum, dessen reiches laub^ 
wolriechende blute und goldne frucht allgefeiert sind; madhavi, 
banisteria bengalensis eine schlanke weide mit hochrothen blu- 
men, von natur des amra braut und ihn umrankend *. bei Bopp 
madhavi, planta repens, Gärtnera racemosa. es versteht sich, 
dasz in der grammatik wie in dem Volksglauben, amra männlich, 
madhavi weiblich ist. nicht anders gilt vata, ficus indica, in 
Bengalen bat und niagrödha genannt, für männlich und bräuti- 
gam der weiblichen pippala ^; hier könnte, da meines wissens 
eben bei den feigen gesonderte geschlechter vorkommen, eine 
Vermählung des vata und der pippala der natur abgelauscht sein, 
oft wird aber auch die tamarinde, wörtlich die indische palme 

* die atimuktäwinde (Gärtnera racemosa) umschlingt den sahakära (mango) 
mit ihren ranken. Weber Mälavikä s. 110. vgl. Hirzel s. 55. 
' Lassen ind. alterthumskunde 1, 258. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 375 

(tamar hindu), als braut des mango oder anderer männlicher 
bäume, ja sie wird als braut von Jünglingen angesehen *. 

Im asiatic Journal von 1825 findet sich ein indisches mär- 
chen, aus dem folgende züge hierher gehören, ein könig, des- 
sen sieben söhne vermählt werden sollten, liesz auf eines weisen 
mannes rath sieben bogen mit sieben pfeilen herbei bringen 
und befahl jedem söhn, die pfeile nach verschiedenen selten ab- 
zuschieszen und da, wohin der pfeil geflogen sei, sich eine ge- 
mahlin zu suchen, wie sonst federn aufgeblasen werden und der 
richtung, die sie nehmen, nachgefolgt wird. so geschah nun 
auch, sechs pfeile waren entsendet, die königssöhne hinter ih- 
nen hergezogen und bald auf die spur der ihren bestimmten 
gemahlinnen gekommen; der pfeil des jüngsten sohnes blieb 
aber in einer tamarinde stecken, worüber das ganze königreich 
in grosze unruhe gerieth. die befragten Wahrsager erklärten 113 
einmütig, der königssohn sei verpflichtet, die eingegangene Ver- 
bindlichkeit zu lösen und um nicht meineidig zu werden, die 
tamarinde zu heiraten, auf den anberaumten hochzeitstag wur- 
den demnach die geschenke, wie sie allen übrigen sechs brau- 
ten bestimmt waren, mit feierlicher prächt zu den füszen des 
baumes niedergelegt, der einer der schönsten seiner art war; 
als man folgenden tags sich ihm wieder näherte, lagen unter 
ihm die köstlichsten gegengaben an kleidern, edelgestein und 
fruchten mit einem brief, worin geschrieben stand, dasz die braut 
die geschenke annehme und der bräutigam an einem bezeich- 
neten tage mit passendem geleite zu ihrer abholung sich ein- 
stellen möge, so wurde es denn auch ausgeführt, der königssohn 
an der spitze seines gefolgs, ritt zu pferde nach der tamarinde, 
wo seiner eine gleich zahlreiche gesellschaft wartete , das ge- 

' in einem Zwiegespräch zwischen Jama und seiner Schwester Jami, als sie 
ihn verleiten will ihr beizuwohnen, wogegen er sich aus sittlichen riicksichten 
sträubt, sagt sie zuletzt: grausam bist du grausamer Jama, nicht also hatte ich 
dein herz, deinen sinn erkannt, eine andere wahrlich wird wie mit einem 
gurte dich bindend dich umfangen, wie die Schlingpflanze den baiun. und er 
antwortet: einen andern wirst du, ein andrer wird dich umlangen, wie die Schling- 
pflanze den bäum. Rigveda 7. 6. 8. 3 — 4. das für Schlingpflanze hier gebrauchte 
wort ist libudscha, welches Jäska im commentar umschreibt durch vratati (Wil- 
son a creeper, kriechend und schlingend). 



376 ÜBER FRAÜENNAMEN AUS BLUMEN. 

dränge war so grosz, dasz man weder die braut noch ihre frauen 
sehen konnte, genug der bäum setzte sich in bewegung und der 
königsohn geleitete die braut nach seiner wohnung. es braucht 
kaum hinzugefügt zu werden, dasz die tamarinde sich nachher 
in eine der schönsten Jungfrauen verwandelte und das ereig- 
nis zu vollem heil ausschlug. 

Statt dieser märchenhaften züge. erzählt Sleemann in sei- 
nen rambles aud recollections aus dem wirklichen leben der heu- 
tigen Hindus folgendes, wer einen mangohain anlegt, darf des- 
sen fruchte nicht eher essen, bis er einen der mangobäume mit 
einem andern in der nähe des waldes wachsenden bäume, meist 
einer tamarinde feierlich vermählt hat. nun geschah es, dasz 
der besitzer einer dieser haine unweit der Stadt Agra soviel auf 
das pflanzen und wässern desselben gewandt hatte, dasz er nicht 
mehr geld genug besasz, um die Vermählungsfeierlichkeit zu be- 
streiten ; einer der bäume im hain begann aber bereits zu tragen und 
der arme Hindu in Verlegenheit zu gerathen, weil weder er noch 
die seinigen die am bäum hängenden fruchte anrühren oder ko- 
sten durften, die leute verkauften alles, was ihnen von gold 
und silber eigen war und erborgten so viel sie aufbringen konn- 
ten, um bevor die nächste jahrszeit eintrat die Vermählung des 
hains zu bewerkstelligen, erreichten endlich auch ihre absieht, 
je gröszer die zahl der braminen ist, die bei einer solchen feier- 
lichkeit bewirtet werden müssen, desto höhern rühm erwirbt sich 
der besitzer des hains; jener Hindu, späterhin darüber befragt, 
antwortete mit einem seufzer, dasz er nicht mehr als 150 habe 
gastlich aufnehmen können, er zeigte auch den mangobaum, wel- 
114 eher damals bräutigam gewesen war, die braut war nicht mehr 
an seiner seite. 'aber wo ist die braut, die tamarinde ?' 'die ein- 
zige tamarinde, versetzte er, starb ab, eh wir die Vermählung 
konnten zu stände bringen , und ich war genöthigt dafür einen 
Jasminstrauch zur braut zu wählen, ich pflanzte ihn hier an, 
damit, wie der brauch es fordert, braut und bräutigam während 
der feier unter einem baldachin stehen konnten; nachdem die 
hochzeit vorüber war, versäumte mein gärtner die braut, sie 
welkte und starb.' 'und warum gabt ihr nach der tamarinde 
dem Jasmin den vorzug vor allen übrigen bäumen?' 'weil er der 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. S77 

berühmteste ist aller bäume, die rose ausgenommen.' 'und warum 
habt ihr nicht die rose selbst zur braut gewählt?' 'weil man 
nie von der Vermählung der rose mit dem mango gehört hat, 
zwischen mango und Jasmin aber alle tage hochzeiten stattfin- 
den.' der Jasmin heiszt hier tschunbaetec , welcher name sich 
vermutlich aus einem der heutigen dialecte deuten läszt und 
dem geschlechte nach weiblich sein musz. man erzählt ferner, 
dasz bei den Hindus auch wer mit groszen kosten einen teich 
anlege, nicht eher daraus trinken dürfe, bevor er seinen teich 
mit einem an das ufer gepflanzten bananenbaum feierlich ver- 
mählt habe. 

Das allerscltsamste jedoch ist, was man von Vermählung 
des saligram mit der tülsi meldet, saligrams sind runde kiesel, 
auf welchen versteinerte ammonite eingedrückt stehn , - und die 
durch flüsse vom Himalajagebirge herabgespült werden, in die- 
sen abgerundeten kiesein sieht das volk personificationen des 
Vishnu, sie gelten für hochheilig, ohne dasz sie erst geweiht zu 
werden brauchen und stehn überall in ansehn, einen solchen 
saligram pflegt man nun alljährlich mit einer kleinen, gleichfalls 
heiligen stände namens tülsi zu vermählen, welche tülsi für eine 
Verwandlung der Sita, der gemahlin des Rama, der siebenten 
incarnation des Vishnu gehalten wird, der hohe priester sagte, 
bei der nächsten feierlichkeit werde der zugf aus nicht minder 
als acht elephanten, zwölfhundert kamelen und viertausend pfer- 
den, sämmtlich beritten und prachtvoll aufgezäumt bestehen; auf 
dem hauptelephanten befinde sich der göttliche kiesel und statte der 
kleinen Strauchgöttin seinen bräutigamsbesuch ab. bei dieser ge- 
legenheit werden alle gebrauche einer förmlichen Vermählung be- 
obachtet und hernach braut und bräutigam in den tempel ge- 
bracht, um da bis zur nächsten Jahreszeit auszuruhen, über hun- 
derttausend Zuschauer waren das letztemal auf des radscha ein- 
ladung zugegen und wurden von ihm bewirtet, man kann sich 
den aufwand denken. 

Ueberreste dieser wunderbaren im alterthum wahrscheinlich 115 
viel weiter verbreiteten sitte finden sich auch auszerhalb Indien, 
zwar nicht, wo man sie am ersten suchen sollte, bei den Griechen, 
wol aber bei den Römern und in unverkennbarem bezug auf den 



378 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

landbau selbst, was der vorhin ausgesprochenen ansieht bestä- 
tigung gewährt. Horaz, epodon 2, 9 den alten ehrsamen ackers- 
mann schildernd, sagt deutlich: 

ergo aut adulta vitium propagine 
altas maritat populos, 
und stellen bei Columella und Plinius lehren überflüssig, dasz 
hauptsächlich pappel und ulme mit der. rebe vermählt werden, 
wobei auch beständig der ausdruck maritare gebraucht ist. 
Plinius bist. nat. 17, 23, 35: populus nigra palmiti pluribus 

indurata annis maritabatur. 
Columella 3, 11. 4, 1. in maritandis arboribus. olivetum ma- 

ritum. 
4, 2. duos palos unius seminis flagellis maritari. 

4, 22. caules, qui possint vel sua maritare statumina vel si qua 
sunt vidua in propinquo propaginibus vestire. 

5, 6. si teneram ulmum maritaveris. 
11, 6. ulmi vitibus maritantur. 

[Cato r. r. 32. arbores facito uti bene maritae sint. CatuU. 

62, 54. at si forte eadem (vitis) est ulmo conjuncta ma- 

rito. Virg. Georg. 1, 2 ulmisque adjungere vites. Horat. 

epist. 1. 16, 3. amictä vitibus ulmo. Juvenal. sat. 8, 78. 

stratus humi palmes viduas desiderat ulmos.] * 
Offenbar beabsichtigte man bei dieser Vermählung die rebe und 
ihre ranken auf stärkere bäume zu stützen und ihr dadurch eine 
günstige läge gegen die sonne zu sichern, die Vermählung ist sonst 
in diesen stellen ungenau genommen, da mit der weiblichen rebe 

* rosam maritans lilio. carm. buv. 130. vitis cum sambnco conjunctio. Greg, 
tur. 4, 9. reben und bäume ehlich zusammen geben. Fischart landlust 103 — 112. 
er gehet frölilich hin, führt jetzt die süszen reben 
an ulmenbäumen auf, dasz sie beisammen kleben 
als ehelich vermählt. Opitz 1, 159. 

der weinstock pfleget sich nicht mit gewalt zu zwingen 
umb seinen ulmenstamm, die liebe macht allein. . 
dasz er sich umb in schlägt, geht seine heirat ein, 
und breitet sich bäum an. Opitz 1, 12, 
seht wie der eppich kan die grünen armen schlingen 
rings ümm den rüstbaum her und ihn zu liebe zwingen. 
Fleming 155. vgl. 315. 316. Günther 300. 1068. Bürger 38. — serb. vez m. 
(poln. wi^z, bühm. waz, russ. vjaz) ulmus von vezati binden. 



ÜBER FRAÜENNAMEN AUS BLUMEN. 379 

ein männlicher bäum vermählt sein sollte, populus und ulmus 
aber gleichfalls weiblich gedacht werden. * palmes für vitis ge- 
setzt würde dem, wiewol ungeschickt abhelfen, denn ohne zwei- 
fei liegt es in der natur der dinge, dasz die schlanke, anhalts 
und Schutzes bedürftige rebe, gleich der indischen madhavi, pi- 
pala und tamarinde als weibliches wesen einem männlichen 
stamm angetraut werde, für welchen sich populus oder ulmus 
wie der amra eignen, der brauch aber scheint desto alterthüm- 
licher, da die ihm zu gründe liegende Vorstellung längst in Ver- 
wirrung gerathen, also auf eine frühe zeit zurück zu leiten ist, 
in welcher an die stelle der pappel oder ulme ein anderer männ- 
licher bäum treten konnte, dasz der römische landmann das 
verschlingen der beiden bäume feierlich veranstaltete, davon er- 
scheint nicht die mindestete spur, die practische ergibigkeit der 
sitte bewährt sich bis auf den heutigen tag wenigstens im un- 
tern Italien, wo dem durchreisenden auf der landstrasze anmu- 116 
tige verschlingungen der weinrebe mit andern bäumen auf dem 
gefilde allenthalben ins äuge fallen. 

Mit ganz abweichender wendung, was jeden gedanken an 
erborgung fern halten musz, begegnen wir aber auch den walten- 
den grundideen in unsern einheimischen mythen und Überliefe- 
rungen, nicht der landmann ist es, der die pflanzen vermählt, 
sondern auf den grabhügel bestatteter menschen werden sie ge- 
setzt, deren heisze liebe auch nach dem tode fortdauert und im 
unauflösbaren verflechten stiller pflanzen sich rührend darstellt. ** 



* ursprünglich waren sie männlich wie ihre tiexion zeigt. 
** ein Weinrebe aus der maid grab wuchs wieder herüber abe auf des riters 
grabe. Keller erz. 56. zwei dannenbäumchen. Haltrich s. 2. ein rohrstengel. s. 227. 
die asche, ihr eheliches gesponst die erle. Leoprechting 127. — Fingal 1, 622 
von Braighsoluis : hier ruht ihr staub , eine eib entwächst dem grab. Ossian re- 
port app. 88. two yeus growing from their graves and entwining their branches 
on high, aus Sigunes und Tschionatulanders sargen winden sich grüne reben, 
die aus beider mund spriezen und sich in der höhe in einander flechten. Albr. 
Tit. 5790. nach einem spanischen liede wuchs aus Nillos grab ein cypressenstamm, 
aus dem der geliebten ein Orangenbaum, beider wipfel Rüsten sich u. s. w. zeitschr. 
für myth. 4, 190. neugr. lied bei Kind 1849 s. 17, wo xaXa|i,t(IJva; m. aus dem 
grab der braut, Tiaptaat n. aus dem des bräutigams wachsen: wenn boreas bläst 
neigt sich die cypresse, wenn zephyr das röhr und küst die cypresse. kurdische 



380 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

hier liegen sogar die beweggründe noch offener da als in der 
indischen gewohnheit. die pflanzen vermählen sich, weil die 
menschen über denen, aus denen sie erwachsen, schon verbun- 
den waren, wie die indische tulsi dem saligram angetraut wird, 
weil schon Sita und Rama = Vishnu den liebesbund geschlossen 
hatte, es ist die liebe aus dem leib der sterbenden menschen 
in den saft der pflanzen getreten und treibt nun da auf dieselbe 
art; an steingehaunen grabmälern des mittelalters mag es vor- 
kommen, dasz die reben aus dem munde der abgebildeten ge- 
stalten auslaufen. 

Wie lieblich und ergreifend lautet es in schwedischen, eng- 
lischen und deutschen Volksliedern: es wuchsen drei liHen aus 
ihrem grab. Uhland 21. 206. 223. 241. 282. [Mannhardt 401. 
402. 404. bergreien s. 27.] und ausführlicher: 

det växte en Und uppä begge deras graf, 
hon Ständer der grön tili domedag, 
den linden hon växte öfver kyrko kam, 
det ena bladet tager det andra uti famn, 
oder, det växte upp liljor pä begge deras graf, 
de växte tillsamman med alla sina blad, 
det växte upp rosor ur bäda deras munn, 
de växte tili sammens i fagraste lund. 
und, det växte tvenne träd uppä deras graf, 

det ena tager det andra i famn. 
und, out of here breste there grew a rose 

and out of his a briar, 

the grew tili the grew unto the churchtop, 
and there the tyed in true lovers knot. 
true lovers knot nannte man die knoten und schleifen der bän- 
der, die liebende einander zu schenken pflegten, berühmter ist 
117 und älter hinauf reicht die sage von Tristan und Isalde, den 
gefeierten liebenden, wenn auch welsches oder britisches Ur- 
sprungs, bald ein gemeingut aller Völker des mittelalters ge- 
worden, aber auch hier irren uns wieder die schon beim rö- 

sage von Mene und Zin, aus deren gräbern rosensträuche wuchsen, melanges 
asiat. 3, 254. zwei weinstücke auf den gräbern der liebenden. Elphinstone Afgha- 
nistan. 



ÜBER. FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 381 

mischen maritare aufgestiegnen bedenken, nach dem Volksbuch 
und Eilharts gedieht läszt König Mark auf Tristans leichnam 
eine weinrebe, auf Isaldens einen rosenstock setzen, deren bei- 
der ranken so zusammenwachsen, dasz man sie nicht von ein- 
ander bringen konnte, richtiger scheint umgedreht in Ulrichs 
und Heinrichs dichtungen (denn wie Gotfried selbst gemeint ha- 
ben würde wissen wir nicht) die rebe auf Isotens, der rosen- 
stock auf Tristans grab gepflanzt, so dasz man sich eine Ver- 
mählung der weiblichen rebe mit dem männlichen rosendorn 
oder hagedorn vorzustellen hätte, das ist weit bezeichnender 
und dem heidnischen alterthum vollkommen gerecht, ich habe 
neulich bei anderm anlasz gewiesen , dasz die beiden auf ihre 
gräber einen hagedorn setzten, mit dem auch die leichen ver- 
brannt wurden, der hagedorn , um den sich die rebe schlingt, 
scheint also beiden Vorstellungen, der des begrabens und ver- 
mählens höchst angemessen und es ist völlig eins, ob sie aus den 
leichen selbst gesprossen oder auf die grabhügel gesetzt sein 
sollen, in den schwedischen liedern flechten sich lindenblätter 
oder rosen und lilien, im englischen rose und dorn, briar, ags. 
brer, der männliche strauch. aber ein serbisches lied (Vuk 1 
no. 341) ist ganz genau, wie sich die bände liebender durch die 
erde in einander schlingen , wächst aus des Jünglings grab ein 
kiefer (bor m.), aus des mädchens eine rose, und um den kie- 
fer windet sich die rose, wie um den strausz die seide: 

BHrae ^paror aejieii (Jop nspaaine 

a BHui' Apare pyMena py^caiiuia 

na ce bhic pjaca ook dopa 

Kao CBHaa oko Kuine om^'a. 
Aus den dargestellten Verhältnissen allen, aus dem eindruck, 
den die betrachtung der blumen und pflanzen in vielen lagen 
des bewegtesten lebens auf das menschliche gemüt hinterliesz, 
darf nun schon im voraus geschlossen werden, wohin meine Un- 
tersuchung hauptsächlich zielt, dasz sie auch für die namenge- 
bung sehr oft bestimmend werden muste. wandte man auf die 
pflanzen gebrauche des menschen an, so konnte nicht ausblei- 
ben, dasz umgekehrt die eigenschaften und bilder der pflanzen 
auch auf die menschen übertragen wurden. 



382 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

118 Für namen, die sie ihren angehörigen und bekannten bei- 

legten, suchten die menschen von jeher in der sie umgebenden 
natur nach gestalt und gleichnis, wobei sie sogar wirkliche kraft 
und einflusz der gewählten gegenstände auf das leben selbst, 
wenigstens eine günstige Weissagung voraus zu setzen geneigt 
waren, das neugeborne, nach einem thier oder nach einer blume 
benannte kind empfieng dadurch gleichsam einen geleitenden 
Schutzengel, dessen tugeiid ihm zu theil werden oder in wichti- 
gen augenblicken helfen konnte, wenn nun im allgemeinen 
thiere, zumal mutige und tapfere für männliche namen ange- 
messen schienen, musten blumen, aus denen duft und lichte färbe 
hervor giengen, zu treffender bezeichnung der frauenschönheit 
gereichen, das gesetz findet freilich seine ausnahmen im ein- 
zelnen, da auch zierliche und geliebte thiere, wie das reh, die 
taube und nachtigall sich für frauennamen, dagegen im pflan- 
zenreich alle groszen und kräftigen stamme, wie eiche, erle, 
apfelbaum, dorn für männernamen eigneten, und einige der letz- 
tern früher auch dem grammatischen geschlecht nach männlich 
waren, z. b. asch, altn. askr. die meisten und schönsten frauen- 
namen aber müssen von blumen und kräutern entnommen sein, 
welche stufen und gipfel weiblicher anmut am passendsten aus- 
zudrücken vermochten *. 

Für den Ursprung solcher aus der natur selbst erborgten, 
den thieren oder pflanzen abgesehenen menschennamen läszt sich 
nicht übersehen, das zu ihrer (wie der sternnamen) ersten fin- 
dung vorzugsweise eine nothwendige stufe menschlicher ent- 
wickelung, das hirtenleben geschickt war. die hirten verkehrten 
in voller musze unmittelbar und überall mit der freien natur 
und hatten das ofienste äuge für sie, wie wir es den auf sie 
folgenden ackerbauern zwar nicht absprechen, lange nicht in 
gleicher masze zutrauen dürfen, im wald und auf wiesen lernt 
der weidende hirt alle eigen schaffen und kräfte der kräuter ken- 
nen, dem geschäftigeren ackermann ist mehr an Vervielfachung 
seiner zahmen fruchte und thiere gelegen, auch wald und wie- 
sengründe möchte er nach einander reuten und urbar machen, 

* frauen beseelte blumen. J. Paul Hesp. 1, 200. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 383 

um allen grand und boden seiner pflugschar zu unterwerfen; 
nur zu seinen festen bedarf er noch der blumen, dem heimge- 
führten getraide oder den Schnitterinnen kränze daraus zu win- 
den, dasz das ackerbauende leben unergibig war für die na- 
mengebung, schlieszt sich eben aus der fast gänzlichen abwe- 
senheit aller frauennamen, die von feldfrüchten hergenommen 
waren, nur nach ihren blumen wählten sie die hirten. das ein- ii9 
zige cpaxT^ linse, lenticula begegnet als frauenname bei Athe- 
naeus s. 158. 

Auf die heimlichen, aber reizenden triften alter hiftenzeit 
leiten quellen der poesie selten, nur die von vier Völkern, den 
Hebräern, Indern, Griechen und Arabern gewähren uns an- 
schauungen, deren ohne sie wir v(")llig entrathen würden, alle 
hirtenzustände andrer Völker, zumal unsrer eignen vorfahren, 
sind uns verschollen und ein schwacher nachhall davon lebt 
noch in den gebrauchen der Schweizer und Tiroler alpen. lang- 
anhaltende hirtenzeit führten die aus palästinischen beduinen- 
stämmen eingewanderten Hyksos in Aegypten heran, wovon 
auch noch einige spuren den hieroglyphen können eingedrückt 
sein, die lebhaftesten hirtenbilder aber stellen uns Moses, das 
hohe lied, Homer und Theokrit vor die seele. 

Wie ergreifend schildern die cantica canticorum des her- 
zens leidenschaft , wie sanft spiegeln sie das hirtenleben ab: o 
quam pulchra es, amica mea, dentes tui sicut greges tonsarum, 
quae ascenderunt de lavacro; duo ubera tua sicut duo hinnuli 
capreae gemelli, qui pascuntur in liliis, donec aspiret dies et in- 
clinentur umbrae. das ist der beste commentar zu dem auch 
von Festus aufgehobenen plautinischen bruchstück: fratercula- 
bant mulieri papillae primum, sed illud volui dicere sororiabant. 
fraterculare war gerade recht und begegnet jenem gemelli. noch 
in unserm deutschen inittelalter hieszen die weiblichen brüste 
buoben, d. i. gemelli. Altsw. 50, 30. 51, 2. 

Nur zwei hebräische frauennamen kenne ich, die aus blu- 
mennamen geschöpft sind, Thamar und Susanna. Thamar kehrt 
einigemal im alten testament wieder und wurde schon vorhin 
(s. 112) erläutert, es bedeutet die palme. Susanna aber bedeu- 
tet die lilie, hebr. schoschan, schuschan, "UJ'lü, arab. susan, und 



384 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

daher ins Span, azucena, port. apucena übergegangen. Susa war 
lilienstadt, xa aouaa bei Steph. byz. und Strabo 15, 727. 728. 
arabische, türkische frauennamen nach blumen werden sich leicht 
ergeben, z. b. Vard rose. Hammers reiches Verzeichnis hat 
s. 10, 11 nur Tharifet ausgewachsne pflanze, Rihanet a>xi{jLov und 
Sehra die blühende, s. 3 aber männernamen aus blumen *. 
Hieroglyphisch sind: 

\\ M3i Peseschnin, der lotus, mannsname. 



'n T- ^— fi\ Takrami, carthamus silvestris, der eppich, 
'"M^H^^ frauenname. 

I . ^^-=— lojy Bainofre, die gute palme, frauennauTe. 

120 Reichere ausbeute gewährt Indien, die reichste Griechen- 

land, eine der beliebtesten indischen blumen, der eben ägyp- 
tisch angeführte schöne^, sanfte lotus, unter vielen namen, haupt- 
sächlich unter dem von padma bekannt, war der Laksmi, göttin 
des heils und der liebe, die sich unsrer Fraujo oder Freyja ver- 
gleichen läszt, geweiht, und nach der blume führte sie selbst 
den beinamen Padmä. auszerdem aber begegnen die frauenna- 
men Padmävati (Somad. 1, 162. 176), die lotusgleiche, Padmä- 
devf und Padmälajä, der letzte wiederum die göttin selbst be- 
zeichnend. Padmävati ist gebildet wie Mandäravati, von man- 
dära, erythrina fulgens, arborum coelestium genus, oder asclepias 
gigantea, und geht auf eine frau, deren Schönheit diesen blumen 
gleicht. Padmädevi, lotuskönigin , gilt für Parvati, Sivas ge- 
mahlin. . nach kamala , einem andern namen des lotus , heiszt 
Laksmi selbst auch Kamala, und im drama Mälavikägnimitra 
findet sich eine dienerin Kaumudi genannt, was nochmals auf 
eine benennung des lotus kumuda zurückführt, nicht anders ist 
Indira name der Laksmi, indivara lotus, nymphaea coerulea. in 
jenem drama tritt eine Vakulävati auf, von vakula mimusops 
elengi und ävali kette gebildet, also blumenkette, kränz aussa- 
gend und ebenso wird in einem andern bei Wilson ausgezoge- 
nen drama eine königstochter Kuvalajamälä, lotuskranz aufgeführt. 

* Hammers Schirin 2 s. 100. pers. oder türk. Dalbid Aveidenreis , Giilhindy 
muskatrose? indische rose, Gulsaba rose des morgens, Gulemdam rosenstengel. 
Hammer über arab. namen (band 3 der denkschr) s. (3. 32) 42. 48. 54. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMl^N. 385 

Mälati jasminum, ist die heldin des nach ihr genannten drama 
Mälati und Mädhava von Bhavabüti, eine andere heiszt Tschu- 
talatikä, und da tikä, im letzten theil der Zusammensetzung, 
schHngpflanze ausdrückt *, darf man auch das vorausgehende 
tschutala einer bknne beilegen, der Mädhavi, als braut des 
Amra, und der Jasminbräute wurde schon oben gedacht, im 
Hitopadesa führt die frau eines hansa oder schvrans den namen 
karpüramanjari, zweig oder sprosz des kampferbaums. in den 
märchen des Somadeva 1, 23 finde ich ein mädchen Upakösa, 
von küsa gemma floris und der partikel upa ad gebildet; be- 
deutsam nennt sich ihr vater Upavarsa von varsa pluvia, so dasz 
aus regen oder thau die blumige tochter erwachsen scheint, 
noch merkwürdiger ebendaselbst 1, 81. 173. 199 ist Tilottamä, 
name einer himmlischen, auf erden wandelnden apsarase, zu lei- 
ten von tila sesamum und uttama Optimum, da zusammenfügung 
des auslautenden a und anlautenden u ein 6 hervorbringt; aus 
dem sesam wurde duftendes öl bereitet und das kostbarste se- 
sam eignet sich treflFend, hohe Schönheit zu bezeichnen, darauf 
musz aber gewicht fallen, dasz Tilöttamo apsarase, himmlische, 
meergeborne nymphe war, die man sich wunderbar schön und 
als reizende tänzerin dachte, die meisten apsarasennamen, deu- 
ten auf wölken, thau oder regen, doch kommt unter ihnen eine I2i 
klasse vor, welche mudas, die erfreuenden heiszen und ösadha- 
jas sind, d. i. pflanzen, osadhi besagt nach Bopp herba annua, 
post maturitatem evanescens, von ösa ardor und dem vieldeuti- 
gen dhä gebildet, so dasz sich auslegen liesze lebenswärme hal- 
tend oder ablegend, vielleicht auch waltet ein mythischer bezug 
auf das feuer, jedenfalls bleibt die anwendung auf pflanzenwesen 
sicher und wir werden dafür gleich noch andere beweise an an- 
derer stelle schöpfen dürfen, der schnell vergehenden osadhi 
gegenüber steht virud, nach Bopp planta repens, als perennie- 
rend, ohne zweifei gibt es viele indische frauennamen mehr, 

* es ist tschuta-latikä von lata planta repens , dimin. latikä. — mädchen 
Mälatiblume. Somad. 2, 15. Kuvalajavali. Somad. 2, 50. Rädschiva lotus fios 
(splendens), Daydagauri Stengelmädchen. Tschitralekha buntes reis, name einer 
apsarase. viele frauennamen mit lekhä oder rekha virga zusammen gesetzt. 

J. OUIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 25 



386 ÜBER FRAüENNAMEN AUS BLUMEN. 

die von blumen entnommen werden, und mir noch unbekannt 
geblieben sind. 

Die griechische literatur, darum überhaupt so grosz und an- 
ziehend, weil fast für alles was das menschliche gemüt von je- 
her bewegt und eingenommen hat, sie immer die klarsten nnd 
treffendsten beispiele darreicht, wird, wie sie allenthalben eine 
menge der fruchtbarsten forschungen fortträgt und nährt, auch 
dieser meiner kleinen und engen Untersuchung zur belebenden 
stütze dienen. 

Aus der fülle griechischer eigennamen, die an zahl dennoch, 
nicht an gehalt und Schönheit, von unsern altdeutschen übertrof- 
fen werden, ragen auch nicht wenige den pflanzen und blumen 
entlehnte vor. nach dem was vorhin über den bezug des hir- 
tenlebens zu solchen namen und eben über die indischen apsa- 
rasen gesagt wurde, kann nicht befremden, dasz beinahe alle 
solche griechischen frauennamen, und sie sind von groszer an- 
mut wie Schönheit, hirtinnen oder hetären angehören. 

Es wäre ein misgrif, die hetären nach der sittlichen ernie- 
drigung und Verworfenheit feiler dirnen neuer zeit zu messen, 
der Umgang mit ihnen war männern allgemein verstattet und 
auf keine weise beschimpfend, ausgezeichnete, edle geister erga- 
ben sich ihm ohne sorge, die tiefere Stellung der frauen des 
alterthums insgemein machte möglich, dasz neben dem heilig 
gehaltenen band der ehe auch noch Verhältnisse zu kebsen und 
freundinnen auf verschiedener stufe geduldet waren, die darum 
nicht für unsittlich angesehen werden durften, die hetären bil- 
den ohne zweifei einen naturgemäszen Übergang von der bei 
allen ältesten Völkern herschenden polygamie zur durchführung 
strenger ehen. 
122 Man kann weiter gehn, und wenn die oben aufgestellte be- 

hauptung ihren grund hat, dasz kein fortschritt zu einer höhe- 
ren stufe der entwickelung ohne einbusze einzelner Vorzüge der 
vorausgehenden stufe erfolge, darf man sogar annehmen, dasz 
jn der freien, ungebundnen liebe eine poesie des lebens und der 
leidenschaft geborgen war, die sich später schmälerte und vor 
den höheren edleren zwecken der ehe schwand, ist doch heute 
noch eingeräinnt, dasz die anmut des brautstandes mit einer 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 387 

prosa der ehe und nach den flitterwochen aufhöre, und um ei- 
nen schlagenden beweis aus der geschichte unsrer heimischen 
dichtkunst zu führen, wir wissen, dasz die zartesten mit tie- 
fer Wahrheit in den minneliedern ausgesprochenen gefühle der 
liebe immer auszereheliche Verhältnisse voraussetzen, und da- 
durch bedingt waren. 

Alle und jede frauennamen nach blumen wurden ursprüng- 
lich aus dem munde liebender ihren geliebten kosend gegeben 
und sollen die innigste Vorstellung glänzender, duftender Schön- 
heit darlegen, nicht ertheilte beim feierlichen opfer am zehn- 
ten tage nach der geburt einen solchen namen der vater seiner 
tochter, sondern einen ganz andern prosaischen, welchem her- 
nach einmal jener kosende als beiname hinzutreten konnte, auch 
die hetärennamen, sowol die von blumen als von andern - gegen- 
ständen (und solcher ist eine menge) entnommnen, waren keine 
den mädchen bei der geburt gegebne, vielmehr erst von den 
liebhabern zugelegte namen. man mag freilich einräumen, dasz 
einzelne derselben allgemeinen eingang fanden und dann auch 
den töchtern schon von den eitern verliehen wurden; nicht sel- 
ten aber ist auszer dem überlieferten hetärischen beinamen zu- 
gleich der echte geburtsname angeführt, auch die namen indi- 
scher apsarasen, die als himmlische hetären und bajaderen er- 
scheinen, werden bei näherer betrachtung gleiche beschaffenheit 
kund geben. 

Theokrit in seinen idyllen nennt nur ein paar hirtinnen, 
unter welchen Mupxto 7, 97, die blume nicht verleugnet, viele 
hetären heiszen Mupxiov und noch häufiger Mu^pivrj *, woraus 
bei Aristophanes Lysistr. 872 die verkleinernde koseform yXu- 
xuxaTOV Mupptvioiov wird, schwieriger ist der bekannte, auch 
nachher von Virgil übernommene name 'AjxapuXXi? in der dritten 
idylle und 4, 38, den ich weder als blume aufweisen kann, noch 
von einer hetäre. doch in die botanik hat ihn Linne schon 
längst tactvoll, und selbst die formosissima Amaryllis zurück- 
geführt, was dürfen wir noch zweifeln? das zwiefache X vor u vm 
wie vor a weist auf blumen und kräuter, wie in OuXXi?, EpTcuX- 



* {jL'jjii^i'vTj pflanze der Aphrodite. Lucian amor. 

25' 



388 ÜBER FRAÜENNAMEI5 AUS BLUMEN. 

Xi'?, 'Aya^Xi?, OpuaXXi? und anderji hernach zu besprechenden, 
was den geliebten der hirten, kam auch allen hetären zu. dp-a- 
püXXi; aber mag eine glänzende, leuchtende blume gewesen sein, 
von d[j-apuaGi(o leuchten, flimmern, d[i,dpuY}i,a j^aptttuv bezeichnet 
bei Hesiod die leichte bewegung der Chariten, und Amaryllis 
würde man vorzugsweise einer schlanken tänzerin beilegen, ich 
kann den grund nicht angeben, warum, nach Forcellini, einige 
erklärer die virgilische Amaryllis Tiopvsta, scortum auslegen; Rom, 
was darunter gemeint sein soll, hiesz sonst auch 'Av&ouaa, Flo- 
rentia, gleich andern städten mehr, nicht anders als in 'Ajia- 
polXk suche ich in FaXaTSta, Polyphems geliebter, eine von der 
milchweiszen färbe benannte blume; unsern botanikern ist ga- 
lanthus Schneeglöckchen, an einigen orten die Jungfer im hemd 
genannt, auch Lobeck pathol. 369 führt FaXdieta auf fdXa zu- 
rück und bemerkt cujus epitheton quasi perpetuum est Xsuxy] 
et Candida, ebenso bezeichnet Xsuxo'tov; unser levkoje, ursprüng- 
lich weiszblume, blanchefleur, und 'Av&sia, ein ausdrücklicher 
hetärenname scheint aus av&o? gerade wie FaXatsta aus yocXa ge- 
bildet, führte aber Aphrodite den beinamen 'Av^^eia und sonst 
lat, Myrtia oder Murcia, so stellt sie sich auch darin der 
Laksmi an die seite und den hetären. 26, 1 nennt Theokrit eine 
bacchantin 'A^aua, heute bedeutet uns agave wieder eine pflanze, 
vielleicht dasz auch 2t|j,ai^a 2, 101 und ©saxuXi?, ihre dienerin 
2, 1. 69, sich als blumen auslegen lassen; Ktaaai&a 1, 151 und 
Kujiai&a 4, 46, Kuvai&a 5, 102 sind ihm ziegen, und ich weisz 
die bildung — oK&a nicht befriedigend zu erklären. 

Einzelne hetärennamen finden sich zerstreut bei den Schrift- 
stellern, zahlreich aber sind sie in Lukians lebendigen hetären- 
gesprächen und im dreizehnten buch des Athenaeus enthalten. 

Herodot 2, 134. 135 gedenkt einer berühmten ägyptischen, 
aber aus Thrakien stammenden 'PoSwiri; exai'prj, ohne zu sagen, 
ob sie ein und dieselbe mit der von ihm 2, 100 angeführten 
Ni-(üxpis sei, welchen letzteren namen man Neith, die sieghafte 
deutet^. Strabo 17, 1 p. 808 nennt sie ToSotoj mit kurzem o. 



' Bimsen Aegypten 2, 236 ff., [wo die ideiitität zwischen Rhodopis und Ni- 
tokris behauptet wird. vgl. Mannhardt zeitschr. 4, 243. 244. Herodot 1, 185. 187 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 389 

[Kramer und Meineke lesen 'PoSojttiv, vgl. Meineke fr. com 2, 
181] und erzählt den märchenhaften zug, dasz eines tags, als 
sie badete, ein adler einen ihrer schuhe geraubt und in den 
schosz des königs zu Memphis getragen habe, der gerade im 
freien zu gericht sasz. von dem seltsamen ereignis und der 
Zierlichkeit des schuhes betroffen hiesz der könig durchs ganze 
•land nach dem schönen fusz suchen, der in diesen schuh 124 
passen würde und so geschah es, dasz man Rhodope zu Nau- 
kratis auffand und sie hernach zur königin wählte, auf dieselbe 
weise wird in einem unsrer gangbarsten kindermärchen Aschen- 
brödel am pantoffel, den es von seinem hübschen fusz hatte 
fallen lassen, erkannt und zur königin erhoben, wie auch in an- 
derer gleichberühmter sage könig Mark befahl, nach der eigne- 
rin des schönen haars zu forschen, das eine schwalbe heran- 
getragen hatte, lege man nun 'PoSwiti? rosengesicht, rosenblick 
von (ü(|^, (OTTTj aus, oder 'PoSoirr] rosenpflanze, von otto? saft und 
dann atXcptov laserpitium, einer saftigen pflanze; die Vorstellung 
bleibt nahe dieselbe und beide formen, gleich dem einfachen 
'Po8(ü und * Po §7] erscheinen oft als hetärennamen. 'PoSo^ouvr] 
wäre ein rosengefilde, auch 'PoSav^yj und 'PoSoxXsta sind frauen- 
namen. zumal beachtungswerth ist die nebeneinanderstellung 
von Ar[jLO? und seiner gemahlin 'PoSotttj in den bekannten thra- 
kischen bergnamen, denn arjxo^ bedeutet einen dornstrauch oder 
wald und poSoToj die rose, was an ein anderes verbreitetes mär- 
chen von Dornröschen mahnt und an jenes verschlingen der 
rose und des hagedorns über dem hügel *. sicher gab es von 
beiden bergen altthrakische mythen. auch'PoSsia, 'Poosta im 
homerischen hymnus auf Demeter 419, gebildet wie "AvO^sta und 
raXcxTsta, neben ' Po867nf) 422, der göttin gespielinnen, nehmen 
für diese lieblichen namen die edelste, reinste bedeutung in an- 
spruch. 

Gefallig sind die neutralbildungen von eigennamen, denen 

führt eine babylonische Nitokris an, aber die 2, 100 genannte war viel älter als 
Rhodopis. Strabos Rhodope ist sichtbar dieselbe mit Herodots Rhodopis, wie 
auch die nebentigur Charaxus zeigt.] 

* obir dem Rosindregere (name eines hügels oder berges). Baur Arnsb. urk. 
no. 688. 



390 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

gleichwol ein weiblicher artikel hinzuzutreten pflegt, weil ihr be- 
zug auf frauen überwiegt: "ßxijxov, lat. ocimum, wolriechendes 
basilienkraut , jenes arab. Rihanet; Siaufxßpiov thymus, quendel; 
MupTiov, myrtenzweig; XsXtSoviov schwalbenkraut, auf dakisch 
xpouaxavYj und noch heute littauisch kregzdele, kregzdyne ge- 
nannt (Nesselmann s. 225**), doch ohne anwendung auf frauen, 
ein in der Sprachgeschichte wichtiges wort; 'Aßpotovov, Artemi- 
sia, stabwurz *, auch mit dem Spiritus aßpoxovov geschrieben, eine 
solche Abrotonon, wieder thrakischer abkunft, war des Themi- 
stokles mutter, wie Plutarch meldet, Athenaeus wiederholt: 
'Aßpotovov ©pTjiaaa Yuvr] y^^^'^" a^^^ xsxstsdai 
xöv [As-cav 'EXXirjaiv <fri\)X ©sjjtiaxoxXsa. 
für cp-/)[jLt steht bei Athenaeus cpaai. 'Aßpoxovov war nach Stepha- 
nus von Byzanz auch einer libyschen stadt name und Stepha- 
nus will diesen, wie "A{^[xovov auf A&ixovsu?, zurückbringen auf 
'Aßpoxovsu?. "A{>[jtovov nach der gewöhnlichen lesart ist name ei- 
126 nes attischen 6tj[xo?, in beiden Wortbildungen 'A{}[xovov und 'Aßpo- 
xovov fällt das zwiefache v auf. bei der pflanze scheint freilich 
das natürlichste an aßpoxo?, a[jLßpoxo?, d[i.ßp6aio? und das skr. am- 
rita, unsterblich machende götterspeise zu denken; tröge diese 
Vermutung, so könnte man versucht sein, einem vielleicht thra- 
kischen wort aßpoxovov unser haberwurz xpaYOTTtu^wv zu verglei- 
chen, das nicht mit haber avena, sondern dem alten haber, ags. 
häfer, altn. hafr = caper zusammengesetzt ist **, wie unpassend 
es auch schiene, eine solche pflanze als frauennamen zu gebrau- 
chen, immer seltsam und nicht zu übersehen, dasz aßpoxovov 
thrakischen, )<sXi86viov dakischen anklang hat, poSoirr^ wenigstens 
von den Griechen einem thrakischen gebirg beigelegt war. 

KXojvapiov, hetärenname bei Lukian, drückt nichts aus als 
sprosz oder reisz und ist Verkleinerung des einfachen xXtuv von 
xXao), welchem xXwv entsprechen würde ein goth. hlauns, wie 



* 'ApT£[i.ta(a Wermut, eine karische königin Herod. 7, 99. — "öxt[j.ov basilie, 
hetärenname. Staats, 'Haxot'^pis, ^TacptStov, 'Aaxa'fi'otov Rosinchen; bei Plaiitus Asta- 
phion. ^tlxpo'j&iov scheint richtiger so zu schreiben und von einer blume zu lei- 
ten. Athen. 15 p. 679. 

** man halte zu habertona ahd. dono ags. pona palmes, ags. älfpona alfranke 
(myth. 417) ahd. widerdono. 



ÜBER FRAUEJSNAMEN AUS BLUMEN. 391 

dem gleichbedeutigen xXaSo? unmittelbar das goth. hlauts, ahd, 
hlöz propago, unser heutiges losz entspricht, ähnlicher bildung 
scheinen die frauennamen Öati[xaptov, Nuapiov, Mouaapiov, Navva- 
piov, l\[Aapiov, die noch dem pflanzenreich fremd sind, 2tji,apiov 
gemahnt an jenes 2i{xat{}a bei Theokrit und könnte von ötfxo? 
abgeleitet ein stumpfnasiges mädchen , wie aijxaiUa die stumpf- 
näsige ziege meinen. 

'EpTTuXXr?, lat. serpyllum, unser immergrün oder feldthymian 
hiesz nach Athenaeus s. 589 des Aristoteles geliebte, mit der er 
den Nikomachos zeugte; nicht anders war dvöuXXi? ein kraut, 
Avt}uX>a'? ein frauenname (coi'p. inscr. no. 2201), also stände 
nichts entgegen, dasz auch die von Lobeck path. s. 127 ange- 
führten opTTuXXi?, dxav{>i)XXi? u. a. m. als solche vorkämen. AyaX- 
Xi?, bollenblume und 6pi>aXXt? binse, aus deren mark docht be- 
reitet wurde, finden sich als hetärennamen , hiesz eine hetäre 
docht, so führte eine anderö den beinamen lampe: 2uva)pi? (d. i. 
biga, paar) f| Au/vo? STrixaXoufjLSVirj ^. einfaches X begegnet in 
MupiaXTj, lakonisch MuptaXt'? für jxu^pivaxav&o?, mausedorn. bei- 
derlei endung mit XÄ oder X gleicht der ■/j^osa.'Kkk, goldner puppe, 
oder dem vsxuSaXo?, vsxuSaXXo?, und dienen die oben s. 110 be- 
merkte analogie zwischen der aufgehenden blume und dem aus- 
brechenden Schmetterling zu bestätigen, auch die namen Navvto 
Navviov Navvaptov besagen puppe, püpchen *. 

Muppi'vrj myrtenzweig wurde schon genannt. Myjxwvi^istmohn- 
lattich, Aeiptovvj lilie bei Alciphron 3, 45, also = Susanne, A}x- 
TToXi? Weinrebe, vitis, die wir ja als braut anderer bäume er- 125 
kannten, gleiche einfachheit zeigen Aacpvi'c, frucht des laurus 
oder ein daraus geflochtener kränz, Avdt'? ^ 'Av[>sia, Av{>o5aa, 
die blühende, XXo/j, ©aXXto, nochmals blute und sprosz auch 0a- 
Xsia, AvDs[jLt?, (I)iXupa die linde, Kujjlivocv&vj, flos cumini, gebildet 
wie ' Pooavi>yj, 'loxaXXi? und 'loxaaxrj, beide vom veilchen entnom- 
men, Koptavvu), vom koriander xopiavvov, ApocsV] eine hetäre, Apoat?, 
name einer sclavin, wobei an die thauige rose und an die thauige 

' frafjin. bist. gr. 4, 410. 

* Hüpai; ein hirt bei Theocrit von Oupao; Stengel, dolde, Adcpvtc hirt, AacpvT) 
f. 'lav^Tj hymn. in Cer. 421. Hes. Tlieog. 349. lat. lanthis, Violantilla. 7:atotux7) 
6vd|jiaTt P6ot] act. apost. 12, 13. 'Av£(x[ovfs windrose. 



392 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

apsarase gedacht werden musz; TaxivUic und auch TaxivHo; 
weiblich; Bax/apt?, auf ßaxxapt<?, bacoar, nardum rusticum wei- 
send, nicht wenige werden diesem Verzeichnis noch fehlen, 
viele in den denkmälern gar nicht erwähnt sein. 

Zunächst an diese griechischen frauennamen * aus dem 
Pflanzenreich darf ich slavische reihen, wie die Slaven in gar 
manchem betracht den Griechen, ihre spräche der griechischen, 
zumal in der vollkommenen conjugation, nahe stehn. 

Unter welchem aller slavischen stamme könnte aber nach 
treubewahrten gebrauchen der vorzeit, nach unvertilgten spuren 
des hirtenlebens, folglich nach blumennamen eher gesucht wer- 
den, als bei dem serbischen, dessen reizende volkspoesie glück- 
licherweise uns jetzt gesammelt vorliegt? in einem winkel Eu- 
ropas, durch die drückende barbarei der Türken gewissermaszen 
geschützt und beschränkt haben die Serben als einfache land- 
bauer, schäfer und Jäger ihre hergöbrachte art und sitte fast bis 
auf unsere tage unversehrt beibehalten, die stille Schönheit ihrer 
in reiner spräche flieszenden dichtung geht an unserer gegen- 
wart beinahe unvermerkt vorüber, weil seit ihrer öffentlichen be- 
kanntmachung noch nicht zeit genug verstrichen ist, um den 
eindruck, welchen sie hinterlassen musz, zu festigen und zu ver- 
vollständigen ; es kann aber nicht ausbleiben, dasz ihr künftig 
einmal in der geschichte der literatur würdige und bedeutende 
stellen eingeräumt werden. 

Die serbischen lieder sind voll traulicher blumennamen, wie 
sie den geliebten beigelegt wurden, durch den langen gebrauch 
scheinen auch viele darunter oder die meisten allgemein ange- 
nommen und den mädchen schon nach der geburt ertheilt. ein 
solcher frauenname ist Perunika, iris, eine hier nach Perun, dem 
höchsten gott der heidnischen Slaven benannte lilienart; auch 
die griechische Tpt? steht sowol zur färbe des regenbogens, als 
zur götterbotin in bezug und einzelne frauen führen den namen 
Iris, für hetären fand ich ihn noch nicht, gleich üblich bei Ser- 

* albanes. bei Reinhold: baseza (mädchen) garufalia! trantafylie (trendafili 
rose Hahn 130*), buze (lippcn) trantafylletc ; hei Hahn 117, Daphine 124''. 129. 
131 rothes beerchen, 125" rothe beere, 128" Nerendse (orange), 134 o trendafiili 
bouboukji (knospe), 135 goldne gerte. 



ÜBER FRAÜENNAiMEN AUS BLUMEN. 393 

binnen ist der name Liljana, von liljan, hemerocallis. aber noch 127 
öfter kehrt in den liedern wieder Smilja und Smiljana, lepa 
Smilja, abgeleitet von der blume smilj, gnaphalium arenarium 
geheiszen [böhm. Sniil Smilo häufiger name]; lepa Rusha, oder 
Rushitza, d.i. rose; Tzveta, Tzvijeta, d.i. blume; Ljubitza viola, 
Veilchen; Bosiljka, basilicum, ocimum; Nevenska, von neven, 
todtenblume, Calendula officinalis, [Trenda, Trendavilje ngr. xpiav- 
xacpuXXov rose, walach. Trandafiru (Schott 239), alban. Trenda- 
Trandafylji], Jagoda, erdbeere, böhm. gahoda; Drenka, kornel- 
kirsche; Konoplja, hanfstengel von konoplje, hanf, cannabis; 
Daphina wilder Ölbaum, dem gr. SacpvYj entsprechend; Nerantza, 
pomeranze; Travitza, gräslein, von trava gras, kraut, die aller- 
cinfachste benennung, die sich aus der pflanzenweit auf eine frau 
anwenden liesze; Kaiina ligustrum vulgare oder viburnum; Ma- 
lina, paliurus, wegedorn; Trnjina, schiebe; Borika, von bor kie- 
fer, schlanke tanne; Vischnja, Weichselkirsche; lasika, espe, po- 
pulus tremula. der frauenname Zumbul ist die von den Türken 
übernommene arabische benennung der hyacinthe. Grozda, Groz- 
dana von grozd, traube wie Rosine und Loza vinova, bela loza 
vinova, weinrebe, vitis. auch Boshitza, wörtlich die göttliche, 
bildet einen frauennamen, ist aber wol auf boshje drvtze, gottes 
bäumchen zu leiten, worunter man abrotonum versteht, dem 
wunderbare heilkraft beigemessen wird, einmal 1, 73 findet sich 
zrno shenitscho! als anrede einer frau, waizenkorn! vocativ von 
Zrna, gleichsam körnin. 

Von selbst erwartet man, dasz ein bei den Serben so tief 
wurzelnder brauch auch unter den andern Slaven nicht ohne 
spur sein könne, wahrscheinlich würden nähere nachforschun- 
gen ergeben, dasz in entlegnen theilen Ruszlands und Polens 
weibliche pflanzen und blumen, wie kalina viburnum opolus, 
malina himbeere unter dem volke und im volkseresans auch zu 
frauennamen dienen *. zumal merkwürdig, und meine für die 

* russ. Kalina, Malina, Jagodka beerlein, himbeere, Rakita salix caprea, 
Tetna = Zvjetiia, Jela alles, Jelitza. — Milina Venus und ulva gramea. — alt- 
poln. mannsname Odilienus bei Thietmar 4, 37. vergl. serb. odoljan. myth. 1159 
baldrian. altböhm. Odolen bei Dalimil c. 47. Jungmann s. v. deutscher Dalimil 
108, 16 Adolenuä. mähr, landtafel Odolen de Weska, de Peh'owicz. 



L 



394 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

griechischen namen entfaltete ansieht bestätigend scheint aber, 
dasz die serbische smilja, bei uns immers chön und schöne liebe 
genannt, den Böhmen smilka heiszt und von Jungmann zwar 
nardus,. aber auch nomen fictum adulterae vel meretrieis erklärt 
wird, ja smilnice bedeutet auf böhmisch geradezu hure, so sank 
auch hier der schöne den Serben ganz unschuldige name von 
der geliebten auf die gemeine hetäre herab, und ist kein wirk- 
licher, nur ein erdichteter, poetischer. 

Ueberaus lieblich nennen alle Slaven das thymum, unsern 
thymian, serpillum seele der mutter, seelchen der mutter, serb. 
majkina duzhitza, poln. macierza dusza, macierzanka, böhm. ma- 
terina duska, materj dauska. es war ein süszes kosewort, was 
128 diesmal die leidenschaft nicht dem liebenden für die geliebte, 
sondern der mutter für die toohter auspreszte, für das ihrer seele 
duftende kind. 

Den littauischen und finnischen Völkern ist wie in der 
spräche manches, so auch die abgeschiedenheit ihrer läge mit 
den Slaven gemein, die ihnen die bildung des übrigen Europas 
länger vorenthalten, sie aber auch oft vor verderben und ein- 
busze bewahrt hat *. viele sonst erloschne alte gebrauche leben 
unter ihnen fort, jenem serb. smilja und böhm. smilka begegne 
ich auch im litt, smulke wieder, es wird dem chenopodium, bei 
uns guter oder stolzer Heinrich geheiszen, beigelegt, mir ent- 
sreht, ob irgend mit dem böhmischen nebensinn, in den littaui- 
sehen , unter dem namen dainos bekannten Volksliedern ** wird 
die geliebte häufig mano lelijate, mano lelijuze, meine lilie an- 
geredet, auch mano ügele! meine beere! dann auch mano bur- 
nyte! das vielleicht nicht mit Nesselmann auszulegen ist mein 
mäulchen, vielmehr nach der blume burnotas amaranthus. 

Im finnischen kanteletar werden hirtenlieder (paimenlauluja) 
mitgetheilt, da heiszt es no. 170 (th. 1, 173): 



* lettische schmeiehelnamen von blumen und vögeln sind bei Stender 2, 516 
verzeichnet, bei Bergmann s. 76 pukainite, maggonite, leipu lappa. pukkite roh- 
site ! blümchen, röschen, litt, mozula mütterchen, dak. mozula thymian. lett. pukku 
mähte blumenmutter, göttin. 

*• in diesen auch lelija lilie für mädchen, dobilas klee für jüngling. Nossel- 
mann s. 247. 248. 258. 278. auch raeironelis majoran. 298. 299. 



ÜBER FRAUENxNAMEN AUS BLUMEN. 395 

Marisenko, marjasenko 

panaposki puolasenko ! 
d. i. Maria, kleine beere, rothwangige erdbeere, mit zartem Wort- 
spiel zwischen Marisenko Mariachen, kleine Maria und marja- 
beere (vgl. serb. Jagoda), puola ist vaccinium vitis idaea, puo- 
lasenko wieder das diminutivum. 
Daselbst th. 2 s. 176 no. 175: 

tuuti, tuuti, tuomen marja, 

liiku, liiku lempilehti, 

nuku nurmilin tuseni 

wäsy wästäräkkiseni, 
stille, stille, meine beere, rühre dich, rühre dich zartes blatt, 
schlummre mein vöglein, ruhe aus du bachstelze ; das letzte wird 
wieder nicht vom geliebten, sondern von der mutter gesungen, 
die ihr kind einschläfert und ihre schmeichelworte von pflanzen 
und beeren hernimmt *. 

Weniger zu berichten habe ich von den übrigen Völkern **, 
schon von den Römern, die hier, wie sonst, in weitem abstand 
hinter den Griechen zurückbleiben, weder Horaz noch Pro- 
perz und Tibull verfallen darauf ihren geliebten beinamen nach 
blumen zu geben, sie heiszen ihnen, wenn auch griechisch, vor- 
nehmer Delia, Cynthia. unter den nachgeahmten griechischen 
hetärennamen hat Plautus im Pseudolus Phoenicium, im Stichus 
ein Stephanium und Crocotium, d. i. Kpoxomov von crocus sa- 129 
fran. bei Apulejus und Petronius sollte man dergleichen blu- 
mennamen zuerst suchen, sie gewähren keine, ich weisz nicht 
ob auf Inschriften viel mehr zu finden ist, als Viola, bei Gruter 
725, 7 beiname einer Fufisia. kosend hiesz es mea rosa [so 

* Kajevala 15, 204 nennt die mutter ihre toehter kapulehti, grünes blatt, 
blümlein, erdbeere 11, 22. 162. 223. 22, 77. 93. 247. 23, 19. 20. 24, 484. 25, 283. 
25, 623. kosend sinikkisein! punikkisein! blaues, rothes beerlein in finn. märch. 

»estn. marja lehhekenne beerenblättchen. kullakuppo goldknospe. 
** bei den Puncahs, einem kleinen stamm der nordamericanischen Indianer 
am Missuri der frauenname Mongschongschah die sich biegende weide, Hihlahdih 
die reine quelle. Catlins werk übersetzt von Berghaus 1848 s. 149. 151. bei den 
Aiowäs ist Patacutschi die aufschieszende ccder mannsname, ebenso Notschiningä 
die weisze wölke, das. 139. auch bei Azteken in Mexico frauennamen nach blu- 
men, mannsnamen nach thicren. Klemm 5, 38. 



396 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

nennt Bachis ihren liebhaber, Plaut. Bacch. 1. 1, 50, rosa die 
Erotion. Menaechm. 1, 3, 9.], doch lieber wenden seh die la- 
teinischen blanditiae auf vögel, meus pullus, passer, mea columba. 
[Flora die geliebte des Pompejus, Plut. Pomp. 2. Laurea manns- 
name, Violantilla f.] 

Andern schwung nahmen die romanischen sprachen, sei es 
durch deutsches oder keltisches element dazu angetrieben. Kelten 
war baditis benennung der nymphaea und gleich dem lotus wäre 
sie zu frauennamen geschickt *. im polyptich des Irmino , aus 
dem neunten, zehnten jahrh. begegnet man unter einer menge 
fränkischer, also deutscher namen für frauen auch einigen ro- 
manischen , auf pflanzen zurückführbaren : Salvia 8°. 29" salbei ; 
Oliva 16*. 18'. 36''; Perpetua d. i. gnaphalium 237% die serbische 
Smilja; Florisma 230"; Planta 99"; Eufrasia, augentrost 249", 
wenigstens in der botanik eine pflanze, das gr. wort drückt blosz 
frohsinn aus; Sirica d. i. Serica, bombyx; Balsma 7" Balsima 
237", balsampflanze; Gaudia 74" franz. gaude, reseda luteola, it. 
guada; Datlina 243'' scheint das sp. datilefia, weisze traube, dat- 
tel, von dactylus; Betla 79". 104", Betlina 6Q*', von betula birke 
zu leiten, und noch einige mehr. [Loria trad. wizenb. 1. it. 
Laura.] 

Aus romanischer zunge haben sich die frauennamen Rosa, 
Rosalba, Rosetta, Flora, Biancaflora, Blanchefleur, Viola, Vio- 
leta, Eglantine, Vitalba durch ganz Europa verbreitet*, eine 



* im Fingal 2, 420. 3, 143 a gheug! du blume, ramiis, nympha. 3, 479 
du der Schönheit blume. Oight. 469. 97. SD. 34'' a geugh aillidh! rame pul- 
cherrime! 123" a giuthais mo ghraidh! o pine mei amoris! 173* gorm gheug 
na maise, viridis ramus pulchritudinis.' ebenso iuran, fiuran ramus, crann arbor 
von blühenden, wachsenden kindern. SD. 68. 69. crann flathal ramus splendidus 
= virgo. Tighm. 7, 148. sonst bei Ossian: Airne f. schiebe, Carmun liebe rebe 
oder dorn. Roschranna rosenbusch. Grainne Diarmuds geliebte. Dearduil thau- 
tropfenblatt, tochter des CoUa (hasel, corylus) ; vgl. thaubaherl, thaiimantel, thau- 
haltauf, alchemilla vulgaris. Gwydion ap Don schaft eine frau aus blumen. Da- 
vies mythol. 263. 268. in Bretagne! Spern gwenn Epine blanche frauenname. 
Souvestre 45. Spern garz hagedorn, Spern dtv schwarzdorn. 

** span. Pepita (de Oliva) obstkern, it. pipita keim, franz. pepin. Pipinus 
(Q". 15); vgl. Kimo im Waltharius 687 (oben s. 109). Pampinea, decam. 5, 6. 
Violante dec. 2, 8. 5, 7. Rosaspina Pulci 20, 105, Uliva 22, 70, Spina tochter 
des Malaspina decam. 2, 6. in den kindermärchen Petrosinella, franz. Persinette, 



I 



ÜBER FRAÜE^JNAMEN AUS BLUMEN. 397 

liebliche dichtung des mittelalters beruht auf der Vermählung 
zweier kinder Flore und Blanchefleur, also wieder des rosen- 
dorns .und der lilie , aus deren grab , wenn es zuletzt beschrie- 
ben worden wäre, dieselben blumen, die sie sich im leben 
wechselseitig darreichten, getrieben hätten, das gedieht kehrt 
gleichsam den mythus um, und läszt schon als blumen geboren 
werden, die nach dem tod in blumen übergegangen wären, die 
briefe des Ivo carnotensis (f 1116) ep. 67 gedenken einer con- 
cubina Flora, deren namen spöttisch einem ausschweifenden 
Jüngling beigelegt wurde, von dem man im eilften jahrh. in den 
französischen Städten öflFentlich lieder sang ^. aber ein Wettstreit 
zwischen Phyllis und Flora, den geliebten eines ritters und geist- i30 
liehen (vielleicht mit der ebengedachten geschichte im Zusam- 
menhang) lateinisch (carm. bur. no. 65) und französisch, und 
beidemal wahrhaft dichterisch besungen, hat sich erhalten, also 
auch im mittelalter scheinen solche namen vorzugsweise buhle- 

Uapünzel. Printaniere. J^ella donna fee und pflanze. Pentamerone 2, 3 drei töch- 
ter Rosa Garofana Viola. Tit. 5295.5314. Alberose, Lilierose. carm. bur. 143. 
144 Rosa, Rosa fulgida. Beä ros des meien ris. Rennewart von Roth s. 12. 17. 
Mai und Beaflor. beaflurs Parz. 732, 14. Genteflur? Er. 7786. Flörie Parz. 586, 
4. 8. Flur nach Davies 447. 448 klee. eine Blancheflor, blanche com flor de lis. 
Meon 3, 424. 427. Nicolete flors de lis! Meon 1, 391. 392. Fiordiligi (vgl. Parigi) 
Orlando für. 29, 44. 49. madama Fiordaliso eine buhlerin im decam. 2, 5. ma- 
donna Biancofiore (buhlerin) 8, 2. die schöne Florentina ebenfalls, gest. Roman, 
c. 62. Flora carm. bur. 148. 149. 217. 223. Florula 224. flos florum, flos de spina 
(fleurs d'epine, dornröschen) 144. im Gaufrey Fleurdepine, Passerose (alcea ro- 
sea, malve, herbstrose), Eglantine. walach. Florianu blumensohn, Trandafiru rose 
Schott no. 23. ein lai de frein zwei schöne mädchen Fraxinus et Corylus, altn. 
Eskja und Hesla (Fresne unter den bäum ausgesetzt). Thymus et Lapathium 
inierunt consilium. carm. bur. 148. 

' de cetero quicquid de me fiat, obsecro vos per charitatem Christi, ut si 
turonensis archiepiscopus vel aliquis aurelianensis clericus pro electione pueri sui 
ad vos venerit, non ei aurem praebeatis. cujus dotes ut vobis breviter amplec- 
tar, persona est ignominiosa et de inhonesta familiaritate turonensis ai'chiepiscopi 
et fratris ejus defuncti multorumque aliorum inhoneste viventium per urbes Fran- 
ciae turpissime diffamata. quidam enira concubii sui appellantes cum Floram 
multas rithmicas cantilenas de eo composuerunt , quae a foedis adolescentibus, 
sicut nostis miseriam terrae illius, per urbes Franciae in plateis et compitis can- 
titantur, quas et ipse cantitare et coram se cantitari non erubuit. harum unam 
domno lugdunensi in testimonium misi, quam cuidam eam cantitanti violenter ab- 
stuli. Ivonis carnotensis epistolae cap.67 (a. 1091) auch epist. 66 hiesz es ausdrück- 
lich: ut a canonicis suis famosae cujusdam concubinae Flora agnomen acceperit. 



398 ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 

rinnen und frauen von freiem lebenswandel zuständig; jene böh- 
mische smilka ist gnaphalium, sp. perpetua, it. fiore perpetno, 
franz. immortelle, die unwelkende gelbe Strohblume, 

Zuletzt, wie gewöhnlich geschieht, zu sprechen komme ich 
auf die Deutscheu, nach der alten edda, welche das ganze 
menschengeschlecht aus zwei bäumen, unter den namen Askr 
und Embla sprieszen läszt, dürften auch deren nachkommen zu 
pflanzennamen voHberechtigt scheinen , askr bezeichnet den 
eschenbaum fraxinus , und schon der gleichartigkeit der Vor- 
stellung zu gefallen, musz Embla ein kleiner, sich an den groszen 
asch schmiegende bäum oder strauch gewesen sein, der nur nicht 
mehr mit dem namen aufzuweisen steht; merkwürdig nennen 
auch die jenischeischen Ostjaken ihre ahnen Es und Imlja ^. 
hierzu tritt nun ein von den skalden oft geübtes gesetz nordi- 
scher dichtkunst, das ihnen gestattet jeden männlichen baum- 
namen wie askr, vidr, meidr, älmr, apaldr, porn, reynir für mann, 
andere weiblich gedachte bäume wie eik, biörk, selja, lind da- 
gegen für frau anzuwenden , wodurch man sich nicht verleiten 
lasse die häufigen mit lind zusammengesetzten ahd. frauennamen 
z. b. Asclind Sigilind Herilind auf linde tilia zu ziehen, in ihnen 
entspricht das zweite wort entweder dem altn. linn serpens oder 
noch besser dem lind fons, scaturigo. nun ist uns zwar über- 
haupt eine grosze menge ahd. und altn. frauennamen, meisten- 
theils zusammengesetzter, selten einfacher erhalten, die sich doch 
beinahe gar nicht auf pflanzen zurückführen, in der Sinnesart 
unsrer vorfahren, sobald wir sie in der geschichte auftreten sehn, 
scheint eine solche strenge und tapferkeit vorzuwalten, dasz 
ihre phantasie die bilder zu eigennamen lieber mutigen thieren 
entnahm, als aus der ruhigen und leidenden pflanzenweit schöpfte ; 
wie andere sprachen frauennamen nach blumen der forschung 
131 bieten, würde die ahd. eine abhandlung über mannsnamen nach 
thieren reich ausstatten, nur einen einzigen weiblichen namen, 
der zugleich eine blume bedeutet, habe ich aufzuzeigen, doch 
einen wollautenden , dessen Untergang, wie der so vieler alten 
Wörter, zu bedauern ist, nemlich Liula, später geschwächt in 

' Castrens reise nach Sibirien, [nach niytologi 234. 235 götter.] 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 399 

Liela (Graff 2, 210), vitis alba, a[i.irsXoc Xeux^ oder auch xXe- 
{laxi'c, heute waldrebe, bei Linue entweder bryonia alba oder 
clematis vitalba, noch mhd. liele, selbst heute hin und wieder 
lielisch weide, serb. loza bijela, bela *. dagegen kommt in Ur- 
kunden bei Meichelbeck 136. 170. 241 auch ein verschollner 
mannsname Sliu zum Vorschein, welcher conferva palustris be- 
deutet, altn. sly n. , und anderwärts bildet Biboz, das heutige 
beifusz, artemisia abrotonum einen mannsnamen. ihnen wären 
die altn. männlichen Börkr [Isl. sog. 1, 356J, Dallr [Dalla Isl. 
sog. 1, 133. 144. 178] und Thängbrandr [Landn. 5, 3], auszer 
Askr, beizugesellen. [Söl(alga), Groa virescens, Chloris, Feilan 
viola. Egilss. 704.] 

Unsern minnesängern würden die blumen in frauennamen 
am allerwenigsten fehlen , wären damals sie noch im gang ge- 
wesen, Chuonrat von Kilchberg MS. 1, 14'' unter vielen, zum 
theil seltnen mädchennamen hat blosz die fremden Rose und 
Salvet, wenn dies Salbei sein soll, Nemnich unter salvia offici- 
nalis gibt salber, salver, nicht salvet an. eigner ist schon, dasz 
der Wolkensteiner s. 174 seine geliebte einmal kosend anredet 
Steudli und Kreuth (jenes romanische Planta), sonst entlehnen 
er und Neidhart ihre schmeichelnamen nur von vögeln, statt 
von blumen. in einer Urkunde vom jähre 1286 (Chmel fontes 
1, 220) erscheint eine domina Engla dicta Gräslinna, ganz der 
serbische frauenname Travitza. mannsnamen lassen sich aus 
Urkunden den schon angeführten altern noch einige zufügen **. 

* Liel noch heute n. pr. alban. Ijoulje blume, est. lil aus lilium ? östr. lülge 
clematis, niele in der nördlichen Schweiz. Stald. 2, 237. serb. aber Ijulj lolium 
lolch. Liello di campo di fiore. decam. 5, 3. Lilia bei Karajan 43, 15. 79, 34. 
100, 8 (vgl. Aeolilia 96, 19). Rosa 157, 32. Roza, Pezola concubinennamen bei 
Liudprant 4, 13; Pezola von beza, bioza mangold (Graff 3, 233). Mucuruna, 
Genoveifa gesch. der d. spr. 540. 708. geno = hundert, cannine. Kuhns zeitschr. 
1, 485. Genofefa centifolie, eriophoruni. Sunnofeifa Sonnenblume helianthus. 
Solsepia (gesch. d. d. spr. 707) anemone nemorosa, merzblume, schwed. sippa, 
hvitsippa, dän. hvidsippe. 

** Mandelzwi. Ben. beitr. 305. Görge der krautstengel. Kreysig 1, 78. a. 1435. 
Diebolt Krutelin weisth. 4, 192. diu brüne Nuz, der Rösenstengel, Meigenzwic 
Bartsch md. ged. s. 72. Berhtolt der rcbestoc, Sifrit Rebestoc Lichtenstein. 277, 
21. 315, 2. 473, 9. Grünspömlein. Beham. Wien. 14, 29 ff. Biboz a. 1330 — 57. 
wb. 1, 1371. heute Peipus. Beifusz jüdischer arzt im stift Worms a. 1513. der 



I 



400 ÜBER FRAüEInNAMEN AUS BLUMEN. 

ich Friderich der bluome von Wisendorf (a. 1300. Chmel fontes 

1, 288), [Heinricus dictus plumo, Lang 4, 313 a. 1286, Hein- 
ricus plumel, notizenbl. 6, 258] und Blume ist jetzt ein ge- 
wöhnlicher eigenname. bärlapp ist uns heute lycopodium cla- 
vatum, eine Freiburger Urkunde von 1303 bei Heinr. Schreiber 
führt einen mann auf namens Bernlappe [Adam Bernlapp. Gesz- 
1er rath. 29''], und läppe musz den plumpen fusz des baren mei- 
nen, wie XuxoTToStov des wolfs. Urkunden bei Pupikofer no. 32 
s. 69 gewähren einen Johannes dictus Bluemliglanz , andere ei- 
nen Henricus Mahinkorn (granum papaveris) und Otto dictus 
Bluemelin [Lang 3, 469 a. 1275], das chenopodium. dabei schlägt 
nun bedeutsato ein, dasz die hexen und Zauberinnen ihren buh- 
lern gewöhnlich blumennamen beilegen: Wolgemut, Wegetritt, 
Gräsle (wieder ^ravitza), Kräutle (wie beim Wolkensteiner), 
Lindenzweig, Lindenlaub, Birnbaum, Buchsbaum, Hagedorn, 
Hölderlin und andere (mythol. s. 1015. 1016), woraus erhellt, 
dasz unter liebhabern und buhlern, seit uralter zeit diese schmei- 

132 chelnden benennungen volksmäszig fortdauerten*, bei H. Sachs 
in. 3, 82" nennt eine frau den mann ihren lieben hollerstock **, 

plümel plümlein MB. 27, 127. Hans Bluemblein zu Ganstatt 1561 (Bamb. verein 8, 
beil. 50). Rudolf Sumerlate. eh. a. 1297. Cuonrat Geizribe a. 1273. Wacker- 
nagel Walther von Klingen 27. geizribe ist was schäfribe, millefolium sonst auch 
tausendblume. Tusengbluome mannsname bei Schreiber 2, 149. Johann von Alien- 
blumen. Stolle 41. 44. 45. 47 wie Ognissanti, Toussaints. auch Schönlein scheint 
bellis, tausendschönlein Fleming 323. Benz der gensbluome. Ls. 3, 401. Diut. 

2, 81. Hätzl. 260''. Gerhardus dictus Hagedorn a. 1358. Osnabr. verein 2, 278. 

* min ouga, min trüt, min bluomo (saec. X.) Hattemer 1, 256. zarte bluome 
min, min blüendez ris. GA. 3, 239. süeziu rose gr. Rud. 25. Eracl. 3411. 3316. 
ei tolde gräles tugende. Tit. 5119. du bluom, du rose Tit. 1246. got grüsz dich 
blünder rose zart! ring 12*, 24. gott grüsz dich linden tolde! 12'', 33. o mei- 
genbluet! 13*, 12. augentrost wb. rosmarinstengele. Ernst Meier schelmeliedle 31. 
o du liebe sonnebluma! 104. braunnägelisstrausz ! 188. du schens gschmacherl! 
Stelzhamer 51. koseworter für ein kind bei Fischart Garg. 131'': mein kleiner 
dille! mein deutelkölblin! (ahd. tütilcholbo thyrsus). mein goldenästlein ! mein 
korallenzinkerlin ! 

** mein liebstockel und mein holderdrüssel, 
mein herzentrost und rosenbüschel, 
mein tausentschön, mein augentrost! Ayrer 381''. 
ähnlich Hoffmann gesellschaftsl. s. 66 (1, 68. 166). hearzagar holdarstock! schwäb. 
lied von 1633. Frominann mund. 4, 87. Hebel 34. der holderstock (die ge- 
liebte), übors. von Keisersbergs predigt über das narr. s. 292. 294. 560 Scheible. 



ÜBER FRAUENNAMEN AUS BLUMEN. 401 

was zugleich an holliinder und hold klingt, für parthenium fand 
sich der schöne alte name friudiles ouga (Mone archiv 8, 405), 
des geliebten äuge, auch Schlafdorn, spina soporifera war ei- 
genname, Hermannus dictus Sleperose, im Hamburger liber acto- 
rum (um 1270) 127, 6; das volk erzählt von Dornröschen, 
womit ich vorhin 'PoooTrr^ zusammenstellte, und nennt die viola 
tricolor Stiefmütterchen, weil die Stiefmutter die bunte, sl. pod- 
pega hiesz. was ist unserer heutigen weit von frauenblumen- 
namen übrig? der vornehmen nicht einmal Rose und Röschen, 
das klingt bürgerlich und bäurisch. 

Die naturforscher beachten, und mit gewaltigem erfolg, das 
kleine wie das grosze gleich sorgsam, da im kleinsten beweise 
für das gröszte enthalten liegen, warum sollte nicht in der ge- 
schichte und in der poesie das scheinbar auch geringste von 
allem, was die menschen selbst je bewegte, gesammelt werden 
und betrachtet? ist der mensch und sein geist doch noch mehr 
und werthvoUer als jeder andere belebte oder unbelebte stof. 
meine Untersuchung hat manchen, mich dünkt früher unbekann- 
ten Zusammenhang zwischen alter und neuer zeit, zwischen Über- 
lieferung und gebrauch aufgewiesen und in einen glänzenden 
duftenden hain geführt, sicher ist, wo diese bluraennamen zuerst 
erfunden wurden, dasz da Unschuld und reine sitte waltete. 



J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II, 26 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 
AM 12 MAI 1853. 



305 



W ie alle nrwörter der spräche aus sinnlicher anschauung 
entsprangen, sind auch die ersten götter des heidenthums von 
dem eindruck herzuleiten, den mächtige naturkräfte in der wei- 
chen, empfänglichen seele des menschen hinterlieszen und un- 
tilgbar festigten, ihm, der alle irdischen dinge zu beherschen 
den mut und das vermögen bei sich fühlte, stand die höhere, 
seinem vsrillen ungehorsame gewalt jener erscheinungen helfend 
oder schädigend gegenüber, und er beugte sich vor ihnen in 
ehrfurcht oder schauer, die unnahbare Wölbung des himmels, 
an welchem sonne und mond nach geordnetem Wechsel leuchte- 
ten, quellen aus dem felsgestein sprudelnd und rastlos rieselnd, 
stäubende Wasserfälle und wirbel, die knisternde, zehrende flamme, 
das laute gekrach des donners, der einen blitzenden boten vor- 
aus entsandte, alles muste des menschen entzücktes, erschütter- 
tes herz zu frommen empfindungen aufregen und ihn seine ab- 
hängigkeit von ihm überlegnen wesen gewahren lassen, um de- 
ren gunst er zu werben, deren zorn er zu fürchten hatte, sie 
selbst aber dachte er sich lange in keiner andern gestalt als 
in der sie ihm sichtbar wurden, so nahe es auch lag bildlich 
zu vergleichen, die sonne das allsehende äuge des tages, den 
mond das der nacht zu nennen, dem flusz arme, haupt und mund, 
dem feuer zunge beizulegen, im donner die stimme gottes zu 
hören; war es doch ein viel stärkerer sprung von der Wahrheit 
des baren anblicks, dasz die phantasie allmälich diesen natur- 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 403 

ereignissen volle menschliche bildung aneignete und leiblich ge- 
staltete götter der sonne, des mondes, wassers, feuers und don- 
ners zn schaffen begann, um solcher gestalt willen rückten sie 
dem menschengeschlecht näher, handelten und verhielten sich 
nun auch in menschen weise, zugleich aber wichen sie von ih- 
rer ursprünglichen, einfachen bedeutung ab. 

Es scheint allen mythologischen forschungen geboten, von 306 
jenen alten, noch rohen und gestaltlosen, jedoch urkräftigen 
naturgöttern auszugehen und erst dann zu den menschlich nach- 
gebildeten göttern vorzuschreiten, die dem kern in üppiger fülle 
entwuchsen, vorzugsweise zur Währung und handhabung die- 
ses bedeutsamen Unterschieds geeignet musz aber die deutsche 
mythologie sein und es ist den wichtigsten ergebnissen unserer 
geschichte beizuzählen, dasz unvordenkliche Zeiten hindurch der 
germanische stamm, während die ihm verwandten zumeist in 
weltlichste Vielgötterei versunken waren, seine aus dem hirtenle- 
ben hergebrachten einfachen naturgötter behielt und behauptete, 
wie golden klingen hier Caesars worte : deorum numero eos so- 
los ducunt, quos cernunt, Solem et Vulcanum et Lunam: re- 
liquos ne fama quidem acceperunt; andere würden zu nennen 
gewesen sein, auf die sich des Römers beobachtung nicht er- 
streckte, später noch nimmt Tacitus, der schon mehrere kennt, 
wahr was mit jener ansieht ganz im einklang ist: ceterum nee 
cohibere parietibus deos, neque in ullam humani oris speciem 
assimilare ex magnitudine caelestium arbitrantur. lucos ac ne- 
mora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum illud, 
quod sola revereutia ^ vident. auch im templum Tanfanae, 
das übermütige feinde dem boden gleich machten, wird keine 
bildsäule, sondern das heilige feuer gestanden haben, Tanfana 
war 'Eaxia, Vesta, die ganz andrer wurzel domus, focus aussa- 
gen, noch näher die skythische Tahiti, und Caesars bericht 
konnte leicht einen männlichen Vulcan an ihre stelle setzen *. 

' est Judaeam inter Syriamque Carmelus, ita vocant montem deumque, nee 
simulacrum deo aut templum, sie tradidere majores: ara tantum et reverentia. 
bist. 2, 78. 

* Tabana skythisehe Stadt. Ukert 484. stein pann inn fagra (masra) ä stö- 
dum Dampnar. fornald. sog. 1, 493. stadi Danpar, büs pat it majra er medr 
Myrkvid kalla. Ssem. 245*. 

26* 



404 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

unter solchen göttern gedieh sittenreinheit und kraft, wie sie 
erstaunte Römer den im wald, nicht in Städten lebenden • Ger- 
manen, Galliern gegenüber, zuerkannten. 

Dieser altgermanische naturdienst bricht auch durch in ei- 
nem schon den Griechen bekannten gegensatz zwischen alten 
und neuen göttern, welchen die edda zwischen riesen und äsen 
ansetzt und mit den lebhaftesten zügen schildert, denn die rie- 
sen sind deutlich jene elementarische götterschar, die den schwä- 
chern, aber gewandteren, in engeren verkehr zu den menschen 
tretenden äsen weichen und unterliegen musz *. was in der zeit 
auf einander folgte, wird hier neben einander als im kämpf be- 
griffen dargestellt und der alte Volksglaube zieht den kürzeren, 
eben wie auch in unsern volkssagen die riesen vor den beiden 
das land räumen. 
noi Ich erlese mir, um meine Vorstellung von den alten natur- 

mächten zu entfalten, unter ihnen den donner, aus welchem ins- 
gemein die erste und vornehmste gottheit aller gebildeten reli- 
gionen entsprossen ist, und dessen eindruck auf die menschen 
so oft er sich jährlich wiederholt, nichts an stärke und erha- 
benheit verloren hat. 

I. Ich hebe an mit den Finnen, ihre wollautige, reiche 
spräche steht zwar auszerhalb dem kreise der uns urverwandten, 
dennoch zu ihnen und namentlich den deutschen in unleugba- 
rer berührung ^, deren erste Ursachen noch verhüllt liegen, wenn 
unsere und ihre flexionen auf allen wegen von einander laufen, 
erzeigt sich in den wurzeln der Wörter dafür häufig überraschen- 
des zusammentreffen, wie es auch der östlichen grenze finnischer 
und lappischer stamme an die gothischen und nordischen ange- 
messen erscheint, alle diese Völker stimmen in der benennung 
ihres höchsten gottes über«in. dem finnischen jumala, estischen 



* die riesen sind die alten landesherren, wohnen auf den bergen, in bergen, 
die menschen oder beiden treten auf als vertilger, vertreiber der riesen (myth. 
506. 507). die riesen sind hirten, Jäger, fleischesser, die menschen ackerer, brot- 
esser. die riesen sind hirten geblieben und stellen die alte zeit dar. sie heiszen 
die alten, die dummen, plumpen tölpel. die äsen sind krieger und beiden. 

' siehe auslauf A. 



J 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 405 

jummal, entspricht das tscheremissische juma ', syrjänische jen 
(gen. jenlön), lappische jubmel [auch ibmel, immel Rask läpp, 
spr. s. 31], es hat ihnen heute die allgemeinheit des deutschen 
gott, slavischen bog, Lönnrot und Castren haben aber darge- 
than ^, dasz ihm die besondere bedeutung eines donnergotts zum 
gründe liegt. Jumala schlieszt in sich jum oder jumu, jumaus, 
auch jymy (syrjän. gym) getöse, murren, douner ^, Jubmel 
enthält jubma sonus, murmur, tonitrus von der wurzel jubmat 
murmurare, tonare. die schluszsilbe la musz, scheint es, wie 
in andern eigennamen z. b. Kalevala, Manala als localendung 
angesehen werden, Jumala drückt mithin den ort des donners, 
den himmel aus und besagt ganz was das altn. Thrymheimr, 
dounerheim ; da es natürlich war die Vorstellung himmel auf den 
herrn des himmels anzuwenden, begreift sich leicht, dasz es auch 
von gott gebraucht wurde, beide finnische philologen^übersehn 
aber, dasz die ausdrücke jumaus und jubma ihres gleichen auch 
in unsrer spräche haben, wodurch die mythologische betrach- 308 
tung ungemein erweitert wird. Matth. 8, 1 verdeutscht Ulfilas 
o)(Xoc; mit iumjo, nun aber bedeuten o}(Xo? und turba nicht nur 
auflauf und menge, sondern auch lärm, geräusch, gemurmel, wie 
es inmitten des zusammen laufenden volks sich erhebt ; da für 
o)(Xo?, ttXtjÖo?, Xao? sonst das goth. managei gesetzt wird, sollte 
diesmal iumjo den begrif des gesurres der menge hervorheben, 
und warum hätte es anderwärts nicht auch das murren des don- 
ners bezeichnen können? " des gothischen wortes reiner diph- 
thong läszt uns ein starkes iuman aum uman ahnen, das sonare, 
tonare, murmurare, ejulare bedeutete und im altn. ymi grandi- 



' nicht ein wotjakisches jümar, wie ich mythol. XXVIII annahm, Wiede- 
manns wotjakische gramm. s. 306. 358 lehrt, dasz inmar gesagt wird, was sich 
freilich auf in himmel = syrjän. jen gott zurückführt. 

* Alex, Castrens Vorlesungen über die finnische mythologie. aus dem schwed. 
übertragen von A. Schiefner. Petersburg 1853. s. 12. Borgs schwed. ausg. Hel- 
singf. 1853 s. 12. 

' finn. jumi, jumo bezeichnet einen in der wand pochenden, surrenden tod- 
tenwurm, tarmes pulsatorius. 

* vgl. gal. iomad multus, iomadaidh multitudo, iomain agitare, turbare, io- 
magbaoth turbo. ähnlich im irischen. 



406 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

sonus, ymr fremitus, ymja umdi fremere, sonare, aumr miser 
= ejulans erwünschteste bestätigung erlangt, noch mehr, Ymir 
ist in den eddischen liedern einer der vorragendsten urriesen *, 
der gleich in den beginn und die Schöpfung aller dinge ver- 
flochten wird, was sollte sein name, wie freilich noch unerkannt 
blieb, anders ausdrücken als die göttliche naturkraft des donners, 
so dasz man befugt ist ihn unmittelbar neben Jumala zu stel- 
len? ihm aber würde auch bei den Gothen eine donnergöttin 
lumjo entsprochen haben und ein donnergott lumja, wenn aus 
der weiblichen form auf die männliche, wie umgekehrt aus frauja 
auf fraujo (= Freyja) geschlossen werden darf, dem altn. adj. 
aumr gemens läszt sich ahd. jämar, amor, ags. geomor, mae- 
stus, gemens gleichsetzen, deren anlaut sich wie in Jumala con- 
sonantierte, was in so manchen Wörtern geschah (z. b. dem goth. 
jus vos, sunjus für ius, sunius). peos geomre lyft Caedm. 
205, 4 meint geradezu die seufzende, heulende, sausende, mur- 
melnde luft, den donnernden aether. wenn aber unser jammer, 
ahd. jämar verderbt ist aus iamar, iomar, wird auch ein ahd. 
ioman 6m umun und ein subst. lomo, lomä in dunkle zeit zu- 
rück gefolgert werden mögen ^ 

Die erwägung dieses uralten und bedeutsamen verbums 
scheint mit allem dem keineswegs erschöpft, da die Vorstel- 
lung des tons und schalls unmittelbar an die der erregten luft 
reicht, so begreift man, wie auch das littauische umaras (mit 
309 drei kurzen silben auszusprechen) Wirbelwind und ungestümen 
windstosz ausdrückend ganz unser jammer zu sein vermag, ihm 
zur Seite findet sich ein adjectivum umarus ungestüm, hastig 
und das einfache umas schnell, plötzlich, d. h. windschnell, hier- 
aus aber darf geradezu ein der littauischen mit allen slavischen 
sprachen gemeines, weit verbreitetes und nur noch abstract ver- 



* iötnar allir frä Ymi komnir. Ssem. 118". auch Dietrich bei Haupt 5, 219. 
214 deutet iumjo richtig aus ymja rauschen und vergleicht andre riesennamen, 
auch glumr strepitus und glumra tonitru. 

^ eine bestätigung der von Ymir gegebnen deutung ist auch aus seinem 
nebennamen Örgelmir und dessen nachkommen Thrudgelmir und Bergelmir zu 
entnehmen, da in gelmir wiederum die Vorstellung galm sonitus, fragor enthalten 
ist, örgelmir = urdonnerer. 



. ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 407 

wandtes wort erklärt werden, das littauische umas ist sinn, ver- 
stand, gemüt, seele, der pl. uraai drückt aus sinne, gedanken *. 
allen Slaven bedeutet oum, um geist und seele, niemand hat 
bisher nachgewiesen, was ein so schönes wort ursprünglich 
meine, es musz, wie unser geist und athem, nichts anders aus- 
sagen als wehen, wind und luftbewegung, spiritus ubi vult spi- 
rat, oder nach unserm Otfried: 

ther geist ther bläsit stillo thara imo ist muatwillo. 
um, umas ist die göttliche, in wind und wetter rege kraft und 
die persönlich gedachten lumala und lumjo bekennen dieselbe 
Wurzel, wir sehen die einstimmige Vorstellung des erhabensten 
gottes unter Finnen, Littauern, Slaven, Gothen und Scandina- 
ven einheimisch, im sanskrit zeigt sich um nur als bloszer aus- 
ruf, unserm ach! vergleichbar, auch wird Umä als frauenname 
angeführt, dessen bedeutung entgeht. 

II. Noch ein andres goth. wort hätte anspruch auf gleichen 
sinn mit dem eben erörteten iumjo, nemlich hiuhma m., das wie- 
derum für oj(Xo? oder tt^^o? verwendet wird Math. 8, 18. Luc. 
1, 10. 5, 15. 14, 25, zweimal hiuma Luc. 6, 17. 8, 4 geschrie- 
ben ist. welcher von diesen Schreibungen man den vorzug 
geben wolle, beide führeh gleich dringlich auf die Vermutung, 
dasz auch hier der goth. ausdruck die bedeutung von geräusch 
habe und beide leiten uns zu einem andern eddischen riesen 
Hymir, der mit Thor wegen des kesseis, wie Thrymr wegen 
des hammers in streit gerieth, jedesmal von dem äsen besiegt 
wurde, weil die alte naturkraft dem jungen gott zu weichen 
bestimmt ist. im Wörterbuch steht hüm crepusculum, hüma 
vesperascere, h}ma dormiturire, humma admurmurare angege- 
ben, welches letzte dem vorhin zu Ymir beigebrachten ymja ent- 
spricht, mit dem begrif der einbrechenden, überfallenden nacht 
liesze sich leicht die Vorstellung eines geräusches verknüpfen, 
wie das herannahende aus der ferne murrende gewitter dunkel 
und finsternis mit sich führt, entscheidender wird, dasz von 
neuem die finnische spräche in ähnlichen Wörtern den sinn von 
donner und geräusch darbietet, wobei zu erwägen ist was unter 

* lett. nur ohmä, im andenken. 



408 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. . 

VIII über hiuhma bezüglich auf hiufan ejiilare gesagt werden 
310 soll, humaus oder huma drückt aus susurrus, murmur, bom- 
bus, humaan murmur edo, humahdan murmur subitum cieo, 
huuhmadun obmurmuro und mit verschobnem laut kumaus so- 
nus subitus, clangor, kumahdan resono, tundo, ferio, kaum darf 
noch in zweifei stehn, dasz im goth. iumjö und hiuhma, hiuma 
dieselbe Vorstellung zu suchen sei, die sich in den finnischen 
ausdrücken offenbart, die bedeutsamkeit der nordischen don- 
nerriesen Ymir und Hymir wird durch den nachgewiesenen go- 
thischen und finnischen einklang auf das doppelte erhöht, es 
ist dies eine kleine, aber wichtige entdeckung für unsere älte- 
ste mythologie überhaupt, und manches musz sich daraus fol- 
gern lassen. 

III. Man könnte einwerfen, in diesen gothischen Wörtern 
sei nur der begrif des geräusches, der turba, nicht der bestimmte 
des donners enthalten; bei einem dritten, noch merkwürdigeren 
ausdruck wird ein solches bedenken gar nicht obwalten. Ulfilas, 
der im alten testament das wort donner nach seiner vollen sinn- 
lichen bedeutung zu verdeutschen gehabt hätte, dann auch in 
der Offenbarung Johannis, wenn er zu deren Übertragung ge- 
langte, wiederholentlich darauf gestoszen sein würde, liefert es 
in unsern bruchstücken nur zweimal, nemlich Marc. 3, 17 und 
Joh, 12, 29, beidemal unter eigenthümlichen bezügen des tex- 
tes selbst, auf die ich im verfolg zurückkommen werde, in der 
ersten stelle gibt er den zunamen der Zebedaer Boanerges, o 
iaxtv ufol ßpovTTj?, vulg. quod est filii tonitrui, pata ist sunjus 
peihvöns, und Joh. 12, 29 IXs^sv ßpovxTjv YSTovsvott, vulg. dice- 
bat tonitruum factum esse, qepun peihvon vairpan. er schlieszt 
sich also darin näher an den griechischen text an, dasz er ein 
weibliches Substantiv wie ßpovxTj, nicht ein männliches wie toni- 
trus oder unser heutiges donner verwendet. * sein peihvo, wenn 
man dahinter, wie hinter donner, ein höheres wesen zu vermu- 
ten hat, läszt sich als göttin, nicht als gott an, und die donne- 
rin Theihvö stände auf gleicher reihe mit lumjo. was aber vor 



* altn. glumra f. tonitru, glumr strepitus. — altn. Thöra von Thor, Thö- 
rarna. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 409 

allem ist aus diesem peihvo sprachlich zu machen? die buch- 
staben gemahnen an leihvan Ssiva'Ceiv, ahd. lihan, denn das dem 
goth. h folgende v verliert sich im ahd. und aus saihvan wird 
sehan, aus ahva aha, folglich wäre peihvo in ahd. dihä, oder 
nach heutiger ausspräche umzuschreiben in deihe. unserm dei- 
hen, gedeihen, ahd. dihan entspricht aber goth. peihan crescere, 
ohne V, steht also von peihvo ab und es schiene auch schwer 
aus der Vorstellung des gedeihens und Wachsens die des don- 
ners ungezwungen herzuleiten, zunächst ist uns nochmals die 
finnische spräche zu auskunft und hülfe bereit, wie jumaus, 
humaus, kumaus heiszt auch teuhaus strepitus, tumultus, tohu 311 
strepitus, tohina sonus tumultuantium, tohotan sonum,cieo, tou- 
haan strepo, touhina was tohina, tomu sonus gravis, tumultus, 
pulvis, [auch tauhaan], tuhoan tumeo, reprimo, tuhutan sonum 
sibilum cieo u. a. m. der waltende vocal ist unverkennbar u» 
o, ablautend in eu, ou und liesze statt des goth. ei ein iu ge- 
warten, doch nie findet sich hv nach iu ; war piuhvo dem goth. 
organ zuwider und ward es zu peihvo? die wurzel scheint piu- 
han premere, wie sie noch im ahd. diuhan aufzuweisen ist. ich 
gewahre auch eines seltnen ahd. frauennamens Gartdiuhä (Graff 
4, 253. 5, 119)*, in dessen zweitem theil diuhä :^ goth. peihvo 
enthalten scheint, und den ich deute 'die im haus, auf der erde, 
in der weit donnernde', offenbar eine donnergöttin, wie Theihvo, 
oder wenn man auf menschen auslegen wollte, wenigstens wol- 
kendrängende Zauberin, in jedem fall hat die benennung my- 
thischen gehalt und Ursprung, ob sich der gleich vereinzelt 
auftretende männliche name Diho (Graflf 5, 116)** mit Diuhä ei- 



* Cartdiuha bei Neugart no. 68 a. 778. vgl. cart chorus (gramm. 2, 452). 
Förstemann 491 u. 1156 unter thiu. 

** Thihä, Thiholf tr. fuld. 88 Dr. Thiholf Neug. 54. Förstern. 1154. Diholf 
Karajan 115,42. Thiulf cod. lauresh. 2992. Thiolf 3107. = Donarulf, Thorolfr. 
vgl. Hamarolf Dronke no. 644. könnte Thialfi donnerwolf sein? piälfi bar kyl 
.pörs. Sn. 50, ist Thorsdiener und trägt seine donnerkeule. Biörn hat piälf labor. 
seine Schwester Röskva ist auch die lärmende, donnernde, von rask tumultus, 
raska turbare. ags. räscetan stridere, crepere, strepere, räscetnng Stridor, frag<Ä, 
coruscatio. — in Svarfdcela saga hat Thörgnyrr (tonitrus strepitus, gnyrr lärm, 
geräusch) zwei söhne Thorolfr und Thorsteinn (donnerwolf und donnerstein), nach 
Olaf des heiligen saga (forum. 4, 156) folgen drei Thorgnyr hintereinander, por- 



410 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

nigen lasse, müssen weitere beispiele beider formen entschei- 
den. Gart mag an die altnordische äsynja Gerdr und noch an 
Thorgerdr, Freygerdr (Frögertha bei Saxo) klingen. 

Vonnöthen wäre nun in die beschaffenheit dieses piuhan, 
diuhan und touhaan näher einzudringen, bedenkt man das 
schwanken finnischer inlaute zwischen h und s (mehi und mesi 
honig, hanlii gans, tuhat tausend u. s. w.), so stimmte zu tou- 
haan sonare das freilich sehr vereinzelt stehende skr. tus (Bopps 
gloss. s. 155''), noch mehr das altn. pysia proruere, pys tu- 
multus, strepitus, pausn strepitus tumultus, das ahd. dösön so- 
nare, unser tosen (Graff 5, 229). dagegen hat ahd. diuhan, 
dühan die bedeutung von premere cogere, tundere, wie sie auch 
dem nnl. douwen eigen ist. ahd. diuhil ferrum rade, nhd. deu- 
hel (Schmeller I, 363) scheint von seiner rohen bearbeitung so 
zu heiszen, sehr treffend erklärt sich ahd. dümo, nhd. daume, 
ags. püma aus dühmo von dühan, weil die hand mit dem dau- 
men aufdrückt ^ ; die goth. form würde wahrscheinlich lauten 
piuhma, peihma, und da der donner durch Spannung oder druck 
der luft hervorgebracht wird, so fanden jenes diuhä und peihvo 
ihre befriedigende erklärung. vielleicht lieszen sich damit selbst 
die s formen vereinbaren und der schall überhaupt aus der ge- 
drückten und gestosznen luft verstehn. 

IV. Die Vorstellung premere möchte ich hier um so we- 
niger fahren lassen, als dadurch mittel an die hand gegeben 
312 werden, andere mit gleichem lingualanlaut versehene ausdrücke 
des donners den wurzeln tus oder tuh zu verknüpfen. 

Unser gewöhnliches donner lautete mhd. douer, ahd. donar, 
ags. punor, welche zugleich für den namen des heidnischen gottes 
dienen und als solche in Donnerstag, dem namen des fünften 
wochentags, so wie den Ortsnamen Donnersberg, Donnerseiche, 
Donnersbühel, Donnersmark und ähnlichen heute fortleben, in 
diesem donar liegt zunächst die wurzel dehnen, goth. panjan, 
ahd. dennan, mhd. dennen, denen, skr. tan, gr. xavufxat, xeivo), lat. 

fn^r, porgnyrsson. — Gardr, vater von Thrymr, Vegardr, Freygardr und Thor- 
gardr, Griotgardr. um Forniot 366. fornald. sog. 2, 5. 6. Thorgardr m. scheint 
eins mit Thorgerdr f. 

' vgl. auslauf B. [und zumal peukalo.] 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 411 

tendo, "wiederum weil der donner eine Spannung der luft ist und 
dehnen dem diuhen, drücken gleichsteht: 

ots TS Zsu? XaiXaira t£ivt{], II. 16, 365. * 
Zecpupo? ßa&oiTQ XaikoLTzi xuirttuv. 11, 306. 
Zeus spannt den stürm, der westwind schlägt mit dem stürm, 
wie TUTcTstv für sich schlagen, stoszen, prasseln, donnern, xxuTCStv 
lärmen, xxutto? was jenes peihvö. schall und krach folgen dem 
schlag oder stosz unmittelbar, es ist wol die frage, ob der 
Sturmriese Typhon, den man aus xucpw, dampfe, skr. dhüp er- 
klärt, nicht vielmehr auf tütttu), skr. tup, tubh zurückzuleiten 
sei? in den dreisilbigen formen Tucptosu?, Tucpawv ist kurzes yp- 
silon, in den zweisilbigen langes, der Tucpw? wäre gleichsam 
ein Tstucpcu?, der im Aetna hämmert, donner und lärm erregt, 
ein Ymir und Hymir. 

Dem lateinischen aus xovo? (von xsivo)) weiter gebildeten to- 
nare * ist im Substantiv tonitrus noch tr zugetreten, wodurch auch 
in andern Wörtern die Vorstellung eines geräths oder Werkzeugs 
ausgedrückt wird, z. b. in fulgetra, pharetra, feretrum, xspsxpov, 
aratrum pflüg, skr. aritra rüder, in welchem rüder, ahd. ruodar 
ein identisches der, dar enthalten scheint, das d in tendo gleicht 
unsrer nebenform donder, die nnl. allgemein herscht*, vielleicht 
dem altn. pundr, arcus, weil der böge gespannt wird, merkwür- 
dig steht auch Thundr unter Odins beinamen, [deutlich = Yggr: 
Odinn ec nu heiti, Yggr ec adan het, hetomc pundr fyrir pat. 
Saem. 47''. Odinn jetzt, ehdem Yggr, vordem Thundr, pundr 
also ältester name. pundar i gny störum in magno Odini stre- 
pitu. Egilssag. 301. auch pror. Saem. 46''.] 

Ferner, wie jenem xuttxo) in xxüttsu) und xxutto? k vortrat, 
verstärkt sich tan im sanskrit durch anlautendes s und stan 
ist in dieser spräche der herschende ausdruck für tonare, stana- 
jitnüs für donner und wölke, aus welcher donner und blitz sich 



I 



" vgl. Haupt 5, 182. der doner stet gespannen. Apollonius 879. weidlich 
gedonet und gedonnert. Melander 2 no. 393. — altn. duna f. tonitru, dynja sonare, 
dnnka resonare. ahd. tuni gemitum Graff 5, 430. schwed. tordün, dän. torden. 
norw. tora f. Aasen 527". toredun, toredyn. m. 

' skr. dhvan weicht doch von jenem tan expandere ab. 

** auch alemann, dunder bei Hebel, auch bei Weckherlin. altengl. thonder 
für blitz: thonder bright. sev. sages 2262. vgl. Donarperht. 



412 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

entladen, deutlich zu erkennen ist aber dieses stan im griech. 
3-£V£iv, (3-sivsiv premere, wiederum der Vorstellung von diulian, 
313 und atevT(üp bezeichnet den donneren littauisches steneti begeg- 
net unserm stöhnen, ächzen und staunen, franz. etonner, estonner, 
gleichsam verdonnert, angedonnert sein, auch auf gemere, eju- 
lare hatte vorhin altn. aumr, ags. geomor geleitet, in tan, stan, 
panjan, unserm dehnen wie stöhnen zeigt sich ganz die selbe 
folge der Wurzelbuchstaben t und n ^ ; in tutto? schlag und schall 
bin ich geneigt unmittelbare berührung mit peihvö und diuha 
zu erblicken, da xuxoc; hammer leicht mit tutto? schlag, das Werk- 
zeug mit der wirkung zusammenhängt, neben tuttto) ein ver- 
schollenes TuxT«> gedacht werden dürfte, das näher zu diuha 
stimmte, das k in xuxo? verhält sich zum hv in peihvö wie 
xoxopo? zu hvapar. einigen sich die wurzeln tus, tuh, tuk, tup, 
tan und tund auf höherem standpunct, so kann nicht befrem- 
den, dasz teuhaus, peihvö, diuha, xuxo?, tutto? für ein und die- 
selbe sinnliche Vorstellung gerecht sind, wie es auch iumjö, 
jumaus, hiuma und humaus waren, wenn schon einzelnen der 
stärkste begrif verloren gehn und nur ein geschwächter ver- 
bleiben konnte. 

V. Ueberaus merkwürdig stellt sich den formen donar und 
punor deutscher zunge ein keltisches toran und taran zur seite, 
in welchen nur n und r ihre stelle getauscht haben; man wird 
eingestehn müssen, dasz durch solchen voraustritt eines rollen- 
den r die Vorstellung des rasselnden donners an kraft gewinne, 
taran klingt krachender als donar mit nachhallendem r. einer 
keltischen ffottheit Taran versichert uns schon Lucans ausdrück- 
liches Zeugnis in den bekannten versen 1, 440. 441, die sie ne- 
ben Teutates und Hesus nennen: 

Teutates, horrensque feris altaribus Hesus, 

et Taranis scythicae non mitior ara Dianae. 

bis auf heute drückt taran in cambrischer und welscher, toran 

in irischer, torrunn in galischer spräche lärm, gekrach und don- 

ner aus. jene Taran, weil er sie mit Diana gleich stellt, scheint 



' auch finn. panen, das sonst dem lat. ponere gleicht, entfaltet unter vielen 
bedeutungen, die des schalls, und Ukko panee heiszt wiederum tonitrus tonat. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 413 

der Römer weiblich aufzufassen , und das welsche taran (armor. 
kurun) wird auch als f., das irische toran, gallische torrunn 
hingegen als m. verzeichnet, gott oder göttin sind hier gleich- 
viel, mit angelehntem kehllaut gilt auch galisches tairneach, tair- 
neanach m., wie man auf Inschriften (am Oberrhein und an der 
Mosel) einen deus Taranuunus oder Taranucus gefunden hat 314 
(Zeusz s. 774) *. ein Ternodorense castrum, im bisthum Lan- 
gres nennt uns Gregor von Tours 5, 5, heute führt es den rich- 
tigen namen Tonnerre, ein altes Taranodurum, der ganze land- 
strich hiesz le Tonnerrois ^, gerade wie wir oben ein Thrym- 
heim erkannten, wie Taranodorum im gebiet der Lingonen lag 
bekanntlich der Donnersberg in dem der deutschen Vangionen, 
worin von neuem die Verwandtschaft zwischen keltischem und 
deutschem cultus vorbricht. 

Vor allen dingen musz dies keltische Taran und Toran, 
Torun hin zu der in Scandinavien wurzelnden benennung des 
donnergottes Thorr leiten, dem man gemeinlich ö gibt, bes- 
ser o lassen würde **, wie es in den Zusammensetzungen Thbr- 
brand, Thorfinn, Thorodd, Thormöd behalten ist. ich habe frü- 
her gesucht, Thor unmittelbar aus Donar durch bloszen aus- 
stosz des n zu erklären, doch scheint beispiellos, dasz inlauten- 
des n auf solche weise in altnordischer mundart vor r schwinde, 
so gewöhnlich es vor s geschieht (as = ans, bäs == bans), natür- 
licher bleibt also Thorr ganz zu Taran zu stellen, mit rr für rn, 
wie in sterro für sterno; zwischen dem nordischen und kelti- 
schen sprachzweig bestehn auch sonst unleugbare berührungen. 
neben Thor erscheint zugleich der frauenname Thörunn, gen. 
Thorunnar, dem ich mythischen Ursprung zutraue und willkom- 
men begegnet die göttin Taran jener lumjo, Theihvö und Gart- 



* Mone bad. gesch. 2, 185 leitet Taranucus aus welschem taranawg, reich 
an donner. 

' chartes bourguignonnes inedites des 9. 10 et 11 siecles, par Joseph Gar- 
nier (mem. presentes a l'academie. tome 2. Paris 1849) p. 51, 77. 

** norweg. dura oder tura donnern, lärmen ; vesterb. dorra, durra. vgl. Thorri 
Januar. Schmeller 1, 390. darer für donner und donnerschlag. — Taara, der alt- 
vater, donner. Kreutzwald und Neus s. 13. 19. 41. 104. Böcler 11. Tarapilla, Ta- 
rapita. Castren 216. 



414 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

diuhä, wir werden bald sehen, noch andern, in den veden soll 
Taranis beiname des donnergottes Indra sein. 

VI. Es leuchtet ein, dasz gleich den Finnen, Deutschen, 
Römern und Indern auch die Kelten vom schall ausgehen, wenn 
sie die Wirksamkeit dieser gottheit in namen fassen; nicht an- 
ders im gründe verfahren Griechen und Slaven, da sie ähnlich 
lautenden benennungen mehr den sinn des treffenden, einschla- 
genden donners beilegen, die handlung selbst vor der wirkung 
heraus heben, wie wir vorhin schon im beispiel von xtutto? und 
Tüito? gewahrten. Thor wirft aus der Wetterwolke seinen ham- 
mer oder keil und schlägt krachend ein. 

Das altslavische Perun reicht, wie unser Donar, tief in die 
heidnische zeit zurück, den Polen lautet es Piorun, den Böh- 
men Perun, Peraun und seine herleitung von prati, im praesens 
315 peru ferio, tundo, scindo, conculco, womit das lat. ferire, ahd. 
perian, mhd. bern identisch ist, liegt auf der band, es ist der 
treffende, schlagende donnergott, zu bezeichnung des schallen- 
den, tosenden donners dienen andere. 

Diesem Perun entspricht, nur mit geändertem anlaut, das 
weibliche kurun (den umständen nach gurun), welches die armo- 
rischen Kelten statt Torun setzen : kouezed eo ar gurun war va zi, 
der donner ist in mein haus gefahren, nach Villemarque soll man 
auch kudurun aussprechen hören, vorzüglich aber gleicht hier 
das griechische xspauvo?, zwar nirgend mehr benennung eines 
donnernden gottes, nur des von ihm geschleuderten, zerreiszen- 
den blitzstrahls. an der wurzel xet'po), tondere, scindere, wozu 
auch xepa?, das stoszende, brechende hörn fällt, wird sich nicht 
zweifeln lassen, doch steht die bildung xspauvos in der spräche 
ohne alle analogie und unenthüllt. mir wenigstens ist gar kein 
anderer griechischer name dieser ableitung bekannt, denn in 
ßauvo? Schmelzofen hängt die gestalt näher an der wurzel selbst, 
ebenso einsam liegt unter den verben das einzige IXauvtu, wäh- 
rend nomina und verba auf aivo?, aiva, ai'vo) in menge sich dar- 
bieten, das gesetz der ableitungen auvo?, auvm ist zurückgetre- 
ten, musz aber nothwendig von der lautreihe u, wie atvo) von 
i ausgehen, so dasz dem auvw unmittelbar das uvoj der verba 
ßa&uvo), ßapuvo), r^Suvo) und aller ähnlichen begegnet, die sieht- 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 415 

bar von ßaOu? ßapu? f^86? stammen, erwägen wir nun, nach 
dem Umschlag der u laute in den i laut ^, dasz von yXuxu? yXo- 
xatvu) für "^Xuxuvta eintrat, von Tjoug aber r^h6v<Ji haftete, so wird 
auch das einfache kurze u der Steigerung in au fähig, folglich 
neben •yXuxuvo) ein Y^uxaüvo), neben öxpuvto ein 6ipa6vu) denldbar 
und manche ai'vo) lieszen sich umsetzen in auvto. xspauvo?, nach 
solchen Voraussetzungen allen, müste im hintergrund ein xspus 
gehabt haben, welchem in der that das goth, hairus, alts. heru, 
altn. hiörr gladius entsprächen, diesen aber liegt goth. haurn, 
ahd. hörn, lat. cornu, skr. sringa unmittelbar verwandt, vielleicht 
auch ist das altn. hyrr ignis und goth. hauri pruna anzuschla- 
gen, da für Schwert und lichtstrahl noch andere Wörter gemein- 
schaftlich sind, vgl. zu goth. lauhmuni blitz altn. liomi, licht 
und Schwert [schw. Ijungeld, dän. lynild, altn. skoteldr] ^. war 
xspu? Schwert, strahl, pfeil, so ist xspaüvo? der geschleuderte 
strahl oder hammer des donnergottes und dem donnergott zur 
Seite stellt sich auch ein schwertgott. 

VII. Im keltischen Taranucnus sahen wir einen guttural- 316 
laut dem Taran hinzutreten, wie noch im galischen tairneach; 
auch diese Verstärkung der einfachen wortform führt zu fruchtba- 
ren analogien. denn gerade so verhält sich ein littauischer don- 
nergott des namens Perkünas, in der lettischen spräche Pehrkons, 
zu dem slavischen Perun, selbst unter den Morduinen soll Por- 
guini vorkommen, und an Perkünas schlleszen sich wiederum 
deutsche bildungen. in der nordischen mythologie heiszt Thors 
mutter, die göttliche erde Fiörgyn, was unmittelbar auf eine 
donnergöttin Theihvö und Diuhä, die an macht ihrem söhne 
gleich kommt, ja in der zeit ihm vorangeht, gedeutet werden 
darf, und auch die Littauer wissen von einem weiblichen wesen 
Perkuuatele. mit Fiörgyn aber stellt sich sicher zusammen das 
gothische fairguni, was bei Uilfilas der gewöhnliche ausdruck für 
berg ist, obschon aus bairgahei erhellt, dasz ihm bereits die ver- 
schobne form bairgs == ahd. perac, nhd. berg bekannt war. für 
gebirg und waldgebirg haftete aber noch fairguni, wie unter den 

' s. auslauf C. 

ei'xeXov äaxcpoTt^. II. 14, 385. 



416 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

Hochdeutschen und Angelsachsen ein firgun, firgen neben perc 
und beorg. umgekehrt hat in Norwegen bis auf heute die Stadt 
Bergen, urkundlich Biörgyn (gen. Biörgynjar, wie Fiörgyn Fiör- 
gynjar) ein b angenommen, die örtliche bedeutung von fair- 
gi|pi imd berg scheint sogar die ältere und der persönlichen von 
Fiörgyn und Perkunas vorher gegangen , anders ausgedrückt, die 
donnernden götter jüngerer zeit haben im hintergrund ältere ele- 
mentarische wesen, bergriesen, die mit erde und wald oder Wald- 
gebirge noch in festerem verband stehn. in berg und bergen 
ist die Vorstellung des hegenden, bergenden enthalten , die von 
der des treffens oder schlagens in Perun absteht, den namen 
der Stadt Bergen hat ein neuerer forscher ^, nach der Schrei- 
bung Biörgvin, gedeutet aus vin, was einen behaglichen platz, 
Weideplatz ausdrücke; kaum aber läszt sich das goth. neutrum 
fairguni dem f. vinja weide nähern, und fairguni gleicht als bil- 
dung von glitmuni, lauhmuni, gairmuni, welche zwischen n. und 
f. schwanken, auszer Fiörgyn erscheint denn auch in der edda 
ein männlicher Fiörgyn, gen. Fiörgyns und Fiörgvins, welcher 
wol dazu berechtigte einen gothischen Fairguneis aufzustellen, 
um das volle gegenbild von Perkunas zu empfangen. Fairgu- 
neis würde die vom berge niederfahrende gottheit, das gewitter 
(litt, perkunija) bezeichnen, den auf der axpi? des Olympos thro- 
nenden Zeus, mit Übergang des f in h dürfte selbst der name 
317 des groszen Waldgebirges 'Epxuvio? Spujxo? zu fairguni* und Fair- 
guneis gehalten werden, wenn man nicht vorzieht jene aus goth. 
airkns, ahd. erchan, ags. eorcan herzuleiten, unsere vorfahren 
konnten sich ihren gott des donners nicht getrennt von wald 
und gebirge denken und an der stelle des slavischen Perun er- 
wuchs ihnen Fairguneis und Fiörgyn, den Littauern Perkunas 
und Perkunatele; vor Donar und Thor erblichen später jene 
namen. mit Porguini und Perkunas scheint sich auch das ungr. 
dörges donner, mennydörges himmeldonner , egdörges dasselbe, 
dörög az eg, es donnert ^ zu berühren. 

' P. A. Munch historisk-geographisk beskrivelse Norge. Moss 1849. s. 30. 

* wb. 1, 1052. bestritten von Glück s. 12, wo s. 10 eine andre erklärung 
von ercynius. 

* Magyar mythologia, irta Ipolyi Arnold. Pest 1854 s. 10. 



I 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 417 

Eine allen diesen vergleichungen entgegen laufende deutung 
des goth. fairguni aus dem skr. parvata berg, dem sl. br"do 
clivus hat Bopp im glossar s. 212 vorgeschlagen, und Schweizer 
in Kuhns Zeitschrift 1 , 157 unterstützt, dabei wird dem kehl- 
laut in fairguni, also auch in berg keine rechnung getragen [Bopp 
läszt V in g übergehen] und der nachgewiesne Zusammenhang 
zwischen fairguni, Perkunas, Perun, Taran, Taranucus geht un- 
ter, eher noch zu begründen scheint ein verhalt zwischen Per- 
kunas, dem skr. Pärganja, regengott * und dem armenischen jer- 
gin himmel, woneben aber auch wergin besteht, das man mit 
oupavo? und skr. Varuna, dem gott der gewässer vergleicht % 
wie der regen vom himmel strömt, so viele berührungen der 
formen und begriffe flössen dann ineinander. 

VIII. Dem Wechsel der anlautenden stummen consonanz in 
den Wörtern des schalls und donners kommen noch andere be- 
nennungen zu statten, die altn. spräche gewährt pruma für 
donner und gestöhn, pruma oder prymja für donnern und seuf- 
zen, und in einem der herlichsten eddalieder ragt Thrymr her- 
vor, der sich in besitz des donnerhammers gesetzt hat, dem er 
von Thor und Loki erst durch list wieder entwunden werden 
musz **. hier stehn also beide donnergötter sich gegenüber, 
der natürliche und asische und es versteht sich, dasz dieser über 
jenen den sieg davon trägt, riesenland hat den namen Thrymheimr, 
was wir oben mit Jumala zusammenhielten, ein späteres schwe- 
disches Volkslied (Arwidsson no. 1) entstellt Thor in Torkar, 
Thrymr in Trolltram, d. i. trölla prymr. die Norweger sagen, 
wenn es donnert: torden skyder efter troll, Thor schieszt nach 
den riesen, und die Schweden verknüpfen Toren oder trollen 
im Sprichwort ***. Thor verfolgt den alten donnerer als bitter- 

* vgl. Leo bei Wolf 1, 55. 58. vorles. 108. 29. 
' zur Urgeschichte der Armenier. Berlin 1854 s. 12, 224. 29, 794. 
** Dorpater Zeitschrift Inland 1858 no. 6: der teufel entwendet den Pikne 
im schlaf die donnertrommel. Pikne verdingt sich als knabe bei einem fischer 
Lijon. der teufel stiehlt zur hochzeitfeier seines sohnes fische, wird ertappt und 
musz sich zu erkennen geben. Lijon samt dem knabeü werden zur Uochzeit ge- 
laden, dort gelingt es dem knaben, der seine wahre gestalt annimmt, wieder zur 
donnertrommel (müristaja würg) zu kommen. 

*** Tor gar es donnert, Tor = iJska. Unander, om Tiskan icke vore, sa hade 

J. äßIMM, KL. 8CHBIFTEN. II, 27 



418 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

318 ster feind, er will nicht leiden, dasz er ihm ins donneramt greife, 
aus prymr entsprang das lappische tiermes, diermes für don- 
ner = pruma, und auch den ugrischeu Ostjaken ist Torrn, 
Turm, Torom bekannt ', vgl. ungr. dörmögni murmeln, brum- 
men, bemerkenswerth ist auch der eigenname Thrumketill, don- 
nernder, brummender kessef ^, ganz wie Thörketill von gleicher 
bedeutung, diese mit ketill zusammengesetzten namen verdienen 
ein andermal nähere mythische beleuchtung. Hymir war in des 
kesseis, Thrymr in des har.imers besitz, pruma und prymr schei- 
nen aber -im ags. prym cohors, turba enthalten, gerade wie iumjö 
und hiuma aus der Vorstellung des donners und lärms in die 
der menge übertraten; verwandt liegen also buchstäblich lat. 
turma, turba und turbo Sturmwind, gewitter. 

Nicht anders scheinen sich mittellateinisches und griechi- 
sches drungus, opoÜYYo?, globus militum (Dacange 2, 943) zum 
gothischen drunjus (pi>0YY0s, altn. drynr, dän. drön zu verhal- 
ten, das leicht in druggus entstellt werden könnte, man ver- 
gleiche nicht nur unser dröhnen, nnl. dreunen, altn. drynja, son- 
dern ital. trono, span. truono, neben tuono, wo sich das einge- 
schobne r dem in taran, toran neben tonus und tonitru als un- 
serm donder, donner vergleicht. 

Allen Slaven ist grom" tonitru und gr'mjeti tonare, die Po- 
len schreiben grom und gromic die Böhmen hrom und hromiti, 
wiederum aber bedeutet gromada, hromada häufen und geräusch 
= iumjö. die einstimmung mit der gothischen, finnischen grund- 
ansicht kann nicht offenbarer sein, ich habe schon einmal bei 



man ingen fred för smStroll. ver inkje Tora, so vardt trolli for mange. d'er Tora, 
som trolli skal drepa. Aasen ordspr. 198. torsdag er tussedag 204. es blitzt = 
Thor schlägt die trolle. Nilsson 4, 40 wo sagen, alle riesen werden von Sska ge- 
troffen. Nicolovius Skyttshärad s. 102. in Thorsdrapa heiszen Thors waffen ge- 
gen die riesen blika (blitz) und sia (fliegender funke), der donnergott jagt und 
verfolgt die bösen geister und teufel. Kreutzwalds Esten s. 110 f. 114. 

' Castren finn. myrhol. s. 50. [ostj. turum, türm, torem gott. Castren gramm. 
100''; Turum der donnergott. Castren reise 335.] 

- umgekehrt Hvergelmir, kesselrauschen der mythische brunne. s. oben über 
Orgelmir, Thrudgelmir. [vgl. Biörn s. v. prumr. Ketill prymr i prumu. fornald. 
sog. 2, 5. gautr herprumu = Thor. Sn. 1848. 1, 290. vgl. vesterb. jämtel. trommä, 
formuhi jurandi. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 4I9 

anderer gelegenheit • unser Laufe dem goth. hiufan Uprjvetv an 
die Seite .gestellt, es stünde zu hiuhma (für hiufma?) wie das 
vermutete iuman zu iumjö. zu grom sei noch bemerkt, dasz 
auch in deutschen landstrichen gesagt wird es grummelt, wenn 
aus der ferne her der donner murrt *. ein Donnersberg in Steier 
heiszt Grimming, einer in Böhmen Hromolan. litt, grauja, es 
donnert, growimmas donner; ir. crom cruim donner"**, franz 
grommeler brummen. *- litt. Perkünas grauja, grumena, Perku- 
nas donnert, wittert. 

Endlich auch lippenanlaute. ahd. preman, pram, rugire, ent- 
spricht dem lat. fremere; premo ist die brummfliege, mhd. brem, 
nhd. bremse vgl. finn. parma. das mhd. verbum tritt über in' 
bnmmen bram, das nhd. in brummen, brummte, und ausdrück- 319 
hch heiszt es: die wölken brummen, das gewitter brummt aus 
der ferne, gr. ßpsV«, was fremo, ßpofxo, fremitus, ßpi>r, zorn, 
schnauben, ßpitxtÄ die zürnende göttin, Hekate oder Persephone, 
Bp6ji.toc, der lärmende, rauschende Bacchus, ßpovx^ donner, ßoov- 
xav donnern, ßp^v-yj? ein donnerschmiedender cyclops, wo sich 
nt auf die gewöhnliche weise aus m entfaltet f. 

IX. Welchem philologen hat nicht das schwanken der an- 
laute in TTt, ,(, und t(,, in TtÄ,- xÄc xÄ.- (xcO,), in quidquid und 
pidpid, in kataras xoxspo,- hva^ar und Tr^tspo, zu schaffen o-e- 
macht.'^ ebenso tauschen petora fidvor keturi quatuor xsixope, 
xzaaape, oder Trevxe Tra^aTrs fünf quinque. was für wurzeln soll man 
solchen formen setzen? einigemal ist ihre bedeutung nicht Ge- 
radezu gleich, sondern im kehl- oder lippenanlaut frage, im zun- 
genanlaut antwort gelegen, obwol auch gr. r(, fragt, niemand 
verkennt, dasz auch perun, kurun, xepaovo, und taran, ebenso 
dasz Perkünas, Fiörgyn, Taranucus, dasz pruma tiermes grom 
fremo ßpsV«) zueinander streben; niemand dasz die bilduno-en 
und bedeutungen von iumjö jumaus umas hiuh.na humaus ku- 
über Verbrennung der leiohen. s. 221. 
• osnabr. grummeln donnern, grummelschur gewitterschauer, grunimelwier 
donnerwetter, grummeltaaren aufsteigende gewitterwolke. Lyra 117 

ags. cyrm = dyne fragor Haupt 9, 509^ cyrrnian clamare, ecrm 9, 513" 
nnl. kennen, karmeii. •' ' 

armor. grosmola, krosmola. 
t alban. brumbulit es donnert, brumbulime donner. 

27* 



420 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

maus tumor teuhaiis peihvo diulia vollkommne ähnlichkeit un- 
tereinander haben, ich will hier nachholen, dasz den Finnen 
auszerdem eine mit p anlautende form zusteht, denn sie sagen 
pauhaan wie teuhaan, pöho tumor, turgor wie tohu strepitus tu- 
multus, aber auch noch paukaan tono, woher peukalo unser 
daume. diesem pauhaan, paukaan liesze sich unser bochen oder 
pochen, klopfen, stoszen wol vergleichen, beinahe durchgehends, 
so weit ^u beobachten vergönnt ist, zeigen solche Wörter einen 
Übergang aus dem sinnlichen schall und ton in die abstraction 
von menge, schar oder häufe, einmal auch, und desto merkwür- 
diger den schritt aus der fülle des geräusches zur stillen Samm- 
lung des gedankens (umas s. 309). 

Von ähnlichen Wortbildungen ist es recht auf ähnliche und 
verwandte wurzeln zu schlieszen, unerlaubt wäre sie alle auf 
eine gleiche zurück zu führen; die Verschiedenheit der mensch- 
lichen sprachen gründet sich eben darin, dasz jede derselben 
eine manigfaltigkeit von wurzeln niedergesetzt und entfaltet hat, 
die sich an näheren oder ferneren sprachen wunderbar abspie- 
gelt, in keiner von ihnen aufgeht, daraus folgt auch, dasz jede 
spräche ihre eignen gänge und pfade hat und nicht willkürlich 
aus ihnen gesprungen werden darf, jenes vedische taran, auf 
die skr. wurzel tr oder tar gebracht, würde den treffenden, für 
320 blitz als donnerkeil gerechten sinn des durchfahrens zu gewäh- 
ren scheinen ; doch wer getraute sich Perun zu izipa , Tispotv, 
fairguni zu fair (unserm ver) zu fügen? da alle partikeln am 
ende selbst aus lebendiger wurzel sprieszen, so ist es gewinn, 
nach ihr zu graben und auch die partikel mit aus ihr zu deu- 
ten, wie die gestirne des Sonnensystems sich nicht nur um die 
sonne bewegen, sondern auch um ihre eigne achse drehen, musz 
den sprachen auszer dem groszen gesetz, das sie lenkt, auch 
noch ihr wärmerer eigener verhalt gelassen werden, erst indem 
sie wechselnde formen und bedeutungen mitten in den stetigen 
anerkennt, gewinnt die etymologische forschung ihre rechte 
freiheit. 

X. Ich schreite fort zu einer der ältesten frischesten auf- 
fassungen des donners, die zumal im Volksglauben der Völker 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 421 

gesucht werden musz, unter welchen sich die naturgötter am läng- 
sten behaupteten. 

Der erste und schönste bezug, den schutzbedürftig das 
menschliche herz auf die götter fand, war dasz es sie wie vä- 
ter anbetete und überall werden sie als himmlische väter des 
sterblichen geschlechts verkündet, vorzugsweise in dieser würde 
erscheinen aber die donnernden götter und damit ist an sich 
ihr oberster rang im himmel ausgesprochen, hohe berge, die 
ihr haupt in die wölken strecken und von welchen der donner 
niedersteigt, heiszen bei vielen Völkern groszvater, Etzel, Attila*, 
was neues licht verbreitet über Fairguneis und fairguni: don- 
nergott und donnersberg werden in der betrachtung untrennbar, 
vom gebirge fährt der vater herab. Zsuc: Traxr^p und Jupiter, wie 
es schon die namen unmittelbar enthalten, sind väter des him- 
mels. die Finnen, wenn donner vernommen wird, sagen isäinen 
panee, der vater donnert; Ukko panee, der groszvater donnert; 
Ukko pauhaa der groszvater toset, wie es auch heiszt tuuli pau- 
haa, der wind stürmt, aallot pauhaavat, die wogen rauschen; 
Ukko jyskyy, groszvater tobt '^. die Tschuwaschen asladi au- 
dat, der groszvater singt (aviszer asladi drückt ihnen auch mvmg- 
asi beides groszvater und donner aus), die Lappen atjekuts 
klipma, dudna, Väterchen kracht, tönt; aija jutsa, groszvater 
schallt oder tönt, die Esten, wanna issa hüab, wanna essa wäl- 
jan mürriseb, der alte vater drauszen brummt, die Littauer, 



' Haupts zeitschr. 1, 26. [der höchste fels der teufelsmauer bei Blanken- 
burg heiszt groszvater. der alte mann, benennung einer alp. Franz Wildhaus 38 
(mit neuen sagen), der alte vater Säntis. das. 40. 46. 
Thorr heitir Atli ok Äsabragr, 
Biörn, Hlorridi ok Haidveorr. Sn. 211°. 
estn. wana isa, der alte vater, Böcler 148. Kreutzwald und Neus 12. der sky- 
thische Zeus hiesz nach Herodot 4, 55 IlaTraTos, also von TraTias, TTotTcita; vater. 
Preller 1, 409. Attis = Papas a Bithynis (Thracicis) usurpatum legimus, ut adora- 
turi montiurn cacumina conscendant et sine templis Jovem Pappani salutent, sicut 
Scythae Pappaeum. Alex, ab Alex, geniales dies 2, 22 aus Arrianus in Bithy- 
niacis. der donner ist ein hm; brummt wie ein bär. Kreutzwald und Neus s. 13. 
kone mürristaminne, donnern, eig. des baren brummen, finn. kouko ursus. das. 12. 
altn. glumr tonitru und ursus.] 

* Ukkoisen jyrinä s. jylinä Ukkonis murmur, tonitru. 



422 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

dewaitis grauja, der liebe gott grummelt; die Letten wezzajs 
kahjäs, wezzajs tews barrahs, der alte vater bat sieb auf die 
beine gemacht, auch die Baiern noch: der himmeltatl greint, 
anderwärts in Deutschland unser herrgott ist drauszen und zankt 
oder keift, [gott vater brumraelt. Zingerle no. 601. vgl. altn. 
skeggrödd, parta jumalan.] 
321 Ukko, der naine des finnischen donnergotts, bedeutet grosz- 

vater^ altvater, greis, entsprechend dem ungr. agg greis, [ük 
atavus], ostjakischen jig vater, jakutischen aga, aka vater. tai- 
vahan ukko, altvater des himmels, war epithet für Jumala, den 
gott des himmels, und wiederum taivahan jumala epithet für 
Ukko '. bedeutsam musz aber dieser finnische Ukko in Yggr, 
dem eddischen beinamen Odins anerkannt werden, und der 
Identität von Jumala imd Ymir tritt die von Ukko und Yggr 
festigend zur seite. 

XL Wenn das heidenthum allen hohen göttern wagenge- 
spann beilegt ^, so kann es nirgend passender sein als für den 
donner, dessen rollen ganz einem vorüberfahrenden schweren 
wagen gleicht *. den Griechen erschien die ßpov-yj als o'x^/ixa 
to'j Aios- die snorrische edda stellt Asaporr und Okuporr als 
beinamen Thors nebeneinander, wahrscheinlich meint dieser den 
alten, elementarischen, jener den asischen gott, denn ihn gerade 
läszt sonst die edda (wie vorhin die Letten) zu fusz gehen, un- 
term Volk herscht die Vorstellung des wagengottes. die Schwe- 
den, weder Norweger noch Dänen, sagen: godgubben äker, der 
gute alte fährt, gofi'ar kör, der gute vater fährt, den in ganz 
Schweden gangbaren ausdruck äska blitz verstehe man äsikkia, 
äsaka, fahren des gottes, der hier äs genannt ist: [im Vestgöta- 
lag p. 64. 217 ist asikkiä eldär, heute äskeld, vadeld, durch 
blitz gezündetes feuer.] darum heiszt das gewitter altn. reidar- 
pruma [reidarprumur, forum, sog 11, 414] wagendonner, [rei- 
darslag, donnerschlag] , und der blitz oder donner selbst reid, 

' Castrens finn. iii_\ thol. s. 27 ff. 
^ deutsche mythol. s. 801. 

* es wird heu über die himmesbriickc geführt. Zingerle 50'J. heu einführen 
und dreschen. G02. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 423 

wagen, rheda; ags. punorräd, donnerwagen, [norw. Thorsreia, 
aaskereia, husprei, hesprei. Aasen ISi''. läpp, atja raide. myth. 
898. liegt in dem Ortsnamen Thonrede, heute Donnern (bei Lap- 
penberg no. 269. 334. a. 1185. 1202) unweit Beversted ein al- 
tes Thonarreid? mandschu- chinesisch hung-lui: hung wagen- 
gerassel, lui donner; das schriftzeichen für hung wiederholt drei- 
mal einen wagen.] 

Im innern Deutschland begegnet man der redensart vom wa- 
gen nieht mehr, wol aber ähnlichen ebenso bezeichnenden, in Hol- 
land: onze lieve beer reed door de lucht; in Niedersachsen: 
use beer speelt kegeln, oder auch, die engel kegeln, in der 
Schweiz: gott vater rollt dbrenta (milchkübel) über die keller- 
stiegen, [dem Jupiter zu wehren, seine rumpelnde steinfässer 
umbzukeren. Garg. 181''. unser hergott mangelt (rollt). Kuhn 
feuer 8. kegel schieben. Zingerle 549, kegeln ist wieder boszen. 
wb. 2, 269. Petrus und sein anhang thun einmal wieder ein fei- 
nes kegelscheiben halten, jetzt hat der Peter den mittleren 
kegel geschossen! Leoprechting 63.] 

Durch manche andere Wendungen wird bei allen Völkern 
das brummen des donners ausgedrückt worden sein. Bopp im 
glossar 262^ hebt aus Rigveda 38, 8 die bedeutung des skr. 
mä sonare: mugientis instar vaccae fulmen sonat; und 364* aus 
derselben stelle: vitulum veluti mater, ita fulmen Marutes se- 
quitur. Marut ist der wind oder daemon des windes. 

Xn. Mit dem donnerkeil, der aus den wölken zündend 
und schmetternd niederfährt, verbanden die Völker die Vorstel- 
lung eines hammers (xuxos), einer spitzen, scharfen felsenzacke, 322 
eines spaltenden Schwertes, die ältesten hämmer wurden aus 
steinen bereitet und erst später liesz Zeus seinen xspauvo? aus 
metall schmieden, aber beide bedeutungen des hammers, das 
klopfen, der lärm, den seine schlage verursachen, wie sein ver- 
wunden und treffen kommen dem donner zu. hamar drückt 
wörtlich stein und fels aus, so dasz auch hier der gedanke an 
berg und fels, an den berggott und bergriesen zunächst tritt*. 

" goth.'hallus petra, altn. hallr lapis silex , finn. kallio rupes, kaleya gigas 
(Schott Kullervo 232). vgl. die namen Hallbiörn, Hallgerdi-, Hallkctill, Hallkatla, 



424 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

das Volk glaubt, Thor wohne, wie die riesen, im fels und schwe- 
dische lieder enthalten die beziehungsvolle redensart locka tili 
Thors i iQäll, zu Thor in den berg locken. Thors bilder führen 
einen groszen hammer in der band und der hammer ist ein 
heiliges, weihendes gerät, er heiszt prudhamar (starker ham- 
mer) oder mit eignem namen Miölnir, contundens, der malmende, 
gerade wie die Slaven den blitz mF'nija, molnija, serb. munja 
von mljeti conterere nennen *. Thorsteinn und Steinpör ist 
gleich jenem Thorketill ein geläufiger nordischer mannsname. 
den Schweden sind die donnerkeile Thorviggar (altn. veggir, 
dän. vägger, nhd. wecke), mallei joviales **. unter den Chri- 
sten ward der heidnische hammer zum teuflischen zeichen und 
hammer drückte teufel aus, wie er den teuflischen Wirbelwind, 
procella bezeichnet. 

Unser heldenbuch weisz es noch, dasz der donner die rie- 
sen erschlägt: 

Hallsteinn. auch in den deutschen sagen werfen die riesen mit hämmern i. b. 
Panzer 1, 243. 244. Baader bad. sagen no. 374. in fjsröischen liedern erscheint 
Torur als riese und wird erschlagen : 

fram kom Torur ur Tröllabotni, 

vid hamri i hondum vä, 

har kom Torur ur Tröllabotni, 

bar hamar og tong i hendi. Hammershaimb 136''. 138''. 
* in serb. liedern ist Munja Schwester des Grom, die blitzende des donnern- 
den, im Pentamerone 5, 4 ist 'Ti-uono e Lampo' donner und blitz ein manns- 
name. im märchen bei Meier no. 6 sind drei brüder Donner Blitz und Wetter 
Sühne einer zauberin, eines alten mütterchens (der Fiörgyn) die immer kegel 
spielen und kugeln werfen, es sind drei götter. 

** steinkeile fallen wenn blitz und donner auf einen schlag kommt. Zin- 
gerle 597. ein vlins von donresträlen. Wolfr. 9, 32. viurin donersträle. Parz. 
104, 1. vgl. myth. 163. Othello 5, 2 are there no stönes in heaven, but what 
serve for the thunder? Hagb. fins ingen vigg i himlen, ntom den som anwänds 
när det äskar? altn. skruggustcin = schürstein, von skrugga tonitru, skruggulior 
fulmen. poln. dzdzownica regenstein, schauerstein, piorunek, kamien piorunowy. 
kein wunder wers, dasz dich ein donnerstral dritthalb centner schwer, in maszen 
einer zu Ensheim in der kirchen hengt, in die hell hinabschlüge! Garg. 216". 
wanta sie (die riesen) alle erscozen wurten mit tien donersträlon. N. Boeth. 173. 
donres pfil. turn. v. Nant. 35. 149. gelich dem wilden pfile, der üz dem tonre 
snellet. Tr. kr. 7688. Ukko hat einen erzgegossenen pfeil. Kanteletar 3 no. 22, 
auch estn. Piker, Kreutzwald Kalewip. p. 168. donneraxt. wb. 1, 1047. schwed. 
dunderhuggare. ags. se punor hit prisced mid paare fyrenan äcxe. Sal. u. Sat. 148. 
myth. 773. 



ÜBER ÜIE NAMEN DES DONNERS. 425 

du widertiio ez balde, du ungeslahtez wip, 

oder dir nimet der donner in drin tagen den lip. Haupt 
4, 439. Hagen 1, 439. 
es fahren donnersteine und schürsteine: 

so slahe mich ein donerstein! MSH. 3, 202^, 
wo in der Überschrift dornstein ( dorn = taran vgl. dornstag. 
weisth. 3, 562, Thornburg. Thietmar 5, 24.) steht; 

ir ietweders swert gat 

nider sam der schürstein. Bit. 10332; 

hiure hat der schür erslagen. MSH. 3, 223" ; 

[in steht ze helle ein bitter schür. Winsb. 40, 7.] 
auch ahd. scür, tempestas wie nhd. schauer ist m., altn. skür 
nimbus, goth. sküra f., es heiszt sküra vindis, XatXa'}, und ge- 
mahnt an xspauvos von xsipw oder an das armor. kuruu , wenn 
man s als vorgetreten betrachten will, so dasz xsipo) zugleich auf 
sceran, scheren, tondere, tundere führt, urverwandt schiene skr. 
saru donnerkeil, sara pfeil, siri seh wert [altröm. quiris, curis. 
Kuhn zs. 4, K)] von sri rumpere, findere, dem sich xspotuvo? noch 
triftiger anschlieszt, da skr. s (= 9) griech. /c, deutsches h wird, 
und schon oben goth. hairus, alts. heru schwert verglichen wurde, 
unsere dichter geben dem teufel feurige pfeile: 

der wider unsih vihtet 323 

mit viurinen strälen. Diemer 337, 9. 
hairus aber liegt ab vom skr. hira, hiraka, Indras donnerpfeil, 
der sonst auch vadschra heiszt (Pott 2, 421), von vadh ferire, 
tundere. 

Vollkommen dem donnerstein entspricht das littauische Per- 
kuno akmü, Perkunas stein = donnerkeil, das finnische Ukkon 
kivi, Ukkos stein (vgl. ungr. mennyko, himmelstein, von ko = 
kivi), Ukkoisen nalkki, Ukkos keil; Ukko iskee tulta, Ukko 
schlägt feuer, es blitzt, es darf nicht verwundern, dasz eine 
aus der natur gegriffene benennung auch bei ferneren Völkern 
wiederkehrt, den Mongolen heiszt der donner oktargo-jin aluga, 
des hiramels hammer, oktargo-jin tcmür, des himmels eisen, noch- 
mals bedeutet das tibetanische nam-khai tho-va himmelshammer, 
nam-tschag himmelseisen den donner. das mongolische tsakilgan, 
tsakilschu blitzen gehört zu tsakischu, feueranschlagen, türkisch 



426 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

tschakmak. den östlichsten Türken heiszt der blitz ut-tschagyldy, 
feuerschlag, jener finnischen redensart gleich ^. 

Höchst eigenthümlich klingt die bei Mielke und Nessel- 
mann angeführte littauische benennung des donnerkeils Laumes 
papas, der Laume zitze, Laumes spenys, der Laume brustwarze, 
ebenso kauk spennis, zitze der alraun. nicht anders wird auch 
in niederdeutschen gegenden maretett, zitze der mara für den 
braunen donnerstein gehört. ^ sah man in der bildung eines ho- 
len Steins ähnlichkeit mit der brüst einer vom donner getroffe- 
nen mare oder laume? 

XIII. Nach so vielen den buntesten heidnischen bildern 
des donners sei noch mit einer biblischen, anziehenden auffas- 
sung geschlossen, wobei auf den inhalt der beiden schon oben 
angeführten stellen zurückgegangen werden musz, in welchen 
allein das gothische wort peihvö erscheint. Marc. 3, 14-19 ist 
die rede von den zwölf aposteln, die der heiland wählte, und 
unter welchen er drei durch besondere beinamen auszeichnete, 
es scheint, um Verwechslungen vorzubeugen, die 'ohne das er- 
folgt sein würden, oder um gerade diese drei hauptapostel per- 
sönlich zu characterisieren. dem Simon ertheilte Jesus den Zu- 
namen Petrus, weil noch ein anderer Simon von Cana in der 
324 zahl der jünger begriffen war. auch Joh. 1 , 43 steht von Si- 
mon: au x^{>r|ST(j Kyjcpä?, 8 spixTjvsusxat lIsTpos. IIsipo? kommt 
schon, obwol selten, als mannsname bei den Griechen vor, und 
bedeutet wie Tistpa einen stein, daher es auch vom Verfasser ei- 
ner gothischen homilie nicht unpassend Steins verdeutscht wird, 
auf ihm sollte, wie sich später ergab, die kirche als auf einen 
felsen gegründet werden (Matth. 16, 18); mögHch aber, dasz 
zur zeit der namengebung ein andrer, uns entgehender bezug 
obwaltete, weit schwerer einzusehen ist, warum beide Zebedai- 
den, Jacobus und Johannes, den zunamen der söhne des don- 



' meinem collegen Schott habe ich die mitthcilung dieser mongolischen und 
tibetanischen wörter, so wie noch anderer chinesischer und japanischer zu danken, 
die im auslauf D unvorenthalten bleiben sollen. 

^ neue preuszische provinzialblätter band 2 Königsb. 1846 s. 380. [vielleicht 
nach der gestalt eines lutschen, wie man sie kindern in den mund gibt. vgl. Mann- 
hardt s. 79. schw. marestenar echiniten. albsteine? mara bergbruch. Steub 196.] 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 427 

ners empfiengen, von dieser euiilrjxr^ weisz nur Marcus, bei Mat- 
thaeus und Johannes steht nichts ähnliches. Jacobus konnte 
wol von einem andern Jacobus Alpliaeus söhn unterschieden 
werden sollen und auch Johannes den evangelisten so zu be- 
zeichnen lag nahe, entweder um ihm gleichen namen mit seinem 
bruder zu lassen oder um einer Verwechslung mit Johannes dem 
täufer auszuweichen, aus welcher Ursache jedoch mögen sie 
Boav7jp-j'£?, iaxiv dWi ßpovxr^s, vulg. quod est filii tonitrui hei- 
szen? rges ist ein chaldaeisches wort für den donner, es könnte 
wirklich an jenes bis ins nördliche Asien zurückreichende Por- 
guini, an Perkunas oder 'Epxuvio? mahnen, boa soll die galiläi- 
sche ausspräche für ba sein und das hebr. bne pl. von ben ent- 
halten. Luther, um dem hebr. laut näher zu kommen, setzt 
statt Boanerges Bnehargem, das ist gesagt donnerskinder. ich 
weisz nicht, wie die theologen von frühe an bis auf heute die- 
sen seltsamen beinamen, der ihnen auffallen muste und nicht 
ohne genauen sinn gewesen, also mit absieht ertheilt sein wird, 
erklärt haben, unter t3"i hier nicht donner, sondern ein ab- 
stractes zorn, toben zu verstehn und auf die gemütsheftigkeit 
der beiden apostel zu beziehen, scheint mir doch nicht unge- 
zwungen, bei Gesenius wird der hebr. ausdruck dem skr. räga, 
cupido, rubor, welches Bopp 288'-" zu opyi^ hält, verglichen; das 
auslautende s mangelt aber, der Verfasser des evangeliums nahm 
den ausdruck ohne zweifei für ßpovxV], das niemals opYv^ ausdrückt, 
die Übersetzer, von der vulgata und dem gothischen an, sahen 
darin das sinnliche tonitrus und peihvo, auch in unsern gedich- 
ten des mittelalters, z, b. im passional 227, 59 heiszt es von Jo- 
hannes : 

du bist genannt des dunres sun. 
des donners söhne nach hebräischem Sprachgebrauch können 
schüler, anhänger, lieblinge des donners sein, söhne des hären 
meint die drei sterne in des groszen baren schwänz, man halte 
nun Luc. 9, 55. 56 hinzu, wo dieselben Zebedaer, als von den 325 
Samaritern dem heiland und seinen Jüngern aufnähme gewei- 
gert war, fragen: sollen wir feuer vom himmel über sie herab- 
werfen? OsXsi? sur(0[X£v TTup xotxaßrjvat; Jesus aber tadelnd ant- 
wortet: oöx ot'Öaxs TioTou 7rv£U[xax6; sctxs ufxsTs; welche worte im 



428 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

Urtext mangelnd gleichwol frühe da gewesen sein müssen, auch 
Ulfilas vorlagen, der sie wiedergibt: niu vitup hvis ahmane si- 
jup? offenbar meint es: ihr donnersöhne seid gleich fertig mit 
blitz und donner einzuschlagen, ich aber kam die seelen zu ret- 
ten, nicht zu verderben. * auch das ösXst? snrwfjLsv ist beach- 
tenswerth, willst du, dasz wir mit Worten, mit einem fluch das 
feuer auf sie herabrufen? vermochten die Zebedaer so gewal- 
tige dinge, so gebührte ihnen der name söhne des donners. 

Die andere stelle Joh. 12, 29 ist für meine Untersuchungen 
noch wichtiger, als Jesus nach seinem eintritt in Jerusalem 
von der frucht seines todes vor allem volk redete und betete, 
heiszt es, sei eine stimme vom himmel gekommen, rik\}ev o5v 
(pa)vrj ix xou oöpavou, und nun werden die worte dieser stimme 
angeführt: xal soocotaa xal ttccXiv So^acü). worauf weiter folgt: 
6 ouv oyXoq 6 iaxo); xotl dxouaa?, ikz-^z ßpovxrjV ■^z^ovivai. aXkoi 
iXeyov a'YYsXog autö) XeXotXrjxsv. in einer früheren abhandlung 
(Ursprung der spr. bd. 1, 273 f.) glaube ich dargethan zu ha- 
ben, dasz es undenkbar ist einen leiblichen redenden gott an- 
zunehmen; aus dem Zusammenhang ergibt sich klar, dasz die um- 
stehenden menschen den inhalt der ausgesprochenen worte nicht 
vernommen hatten, ein theil des volks hörte einen donner, an- 
dere glaubten in diesem eines engeis rede gehört zu haben, die 
ganze erzählung ist nur bei Johannes, bei keinem der drei übri- 
gen evangelisten enthalten, aus dem donnerschlag muste sich 
von selbst die künde einer bestimmten göttlichen rede verbrei- 
ten,, da man gewohnt war den donner für eine stimme gottes 
zu halten. ** der donner, wovon auch die spätere geschichte 

* ob es ihm als einem geistlichem wol anstehet, dasz er wie Petrus mit 
dem Schwert hineinschlägt, oder als ein donnerkind feiier vom himmel wünscht. 
Weise erzn. 285. bei donner und blitz ruft eine stimme: slach! slach! selentrost 
bei Frommann 1, 206. von Paulus und Johannes heiszt es kschr. 10948: 

si habent da ze himele weteres gcwalt. 
es sind aber nicht die apostel, sondern zwei heilige aus Julians zeit. 

** auch bei der Verklarung Luc. 9, 34. 35 var|) milhma, jah ufar skadvida 
ins . . . jah stibna varp us pamma milhmin qipandei: sa ist sunus meins. milhma = 
vecc^Xtj, gewitterwolke. vgl. Matth. 17, 5. Marc. 9, 7. Hei. 96, 23 fan themu wolcne 
quam helag stemna godes, und alles auf dem berg. et dum fieret vox, inventus 
est Jesus solus. Luc. 9, 36, d. h. mit dem donnerschlag schwand die erscheinung. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. ' 429 

genug beispiele gibt, bestätigte ein wichtiges ereignis, wie hier 
des heilands gebet, im bericht von der taufe, bei welcher au- 
szer dem täufer und Christus kein menschliches ohr zugegen 
war, heiszt es übereinstimmig Matth. 3, 17 cpcuvrj Ix xöiv oupotvtov 
Xs-coucra. Marc. 1, 11 cpwvrj i'^ivzxo sx -äiv oupavuiv. Luc. 3, 22 
xal cpuiVYjv ic, oupavoS Ysvsaöat Xlyouaav. Johannes erwähnt der 
stinmie bei der taufe nicht. 2. Mos. 20, 18 steht: und alles volk 
sähe den donner und blitz und den berg rauchen, da sie aber 
solches sahen, flohen sie und traten von ferne und sprachen: 
rede du mit uns, wir wollen gehorchen, und lasz gott nicht mit 
uns reden, wir möchten sonst sterben. 2. Sam. 22, 14 der herr 
donnerte vom himmel und der höchste liesz seinen donner aus. 326 
auch im griechischen epos erschallt Zeus günstiger oder zür- 
nender , grollender donner zu verhängnisvoller that der sterbli- 
chen, nie aber wird er in verständliche rede aufgelöst, über- 
haupt tritt Zeus niemals redend vor menschen auf, obs'chon ihm, 
andern göttern gegenüber, worte beigelegt werden, die eben 



wie am schlusz von Gylfaginning. pvi naest heyrdi Gangleri cli/ni miklu hvern veg 
frä sei- oc leit üt ä hlid ser. oc pä er liann sez meirr um, pä stendr hann üti 
ä slettum velli, ser pä ünga hüll oc önga borg. Sn. 77. auch alts. und ags. dich- 
ter lassen gott und die engel donnern, rauschen: 

thuo thar suogan quam 

engil thes alowaldon obana fan radure 

faran an fetherhamon, that all thiu folda ansciann, 

thiu ertha dunida. Hei. 171, 22. 

pä com engla sveg, 

dyne on dägred. Caedm. 289, 27. 

ästäh up on heofonum engla scippend, 

veoroda valdend. pä com volcna sveg 

hälig of heofonum. med väs hond godes. 300, 14. 
quod in monte Sina vocem domini intonantis audierint. Isid. 34. chihordon gotes 
stimna hluda. ps. 76 (77), 17: multitudo sonitus aquarum, vncem dederunt nubes, 
etenim sagittae tuae transeunt, vox tonitrui tui in rota. ags. bei Lye s. v. hveohl : 
slefn pxinurruöa pinre on hveohle. 

metr. väs sveg micel sealtera vätera, 
purh pine straele stränge föran. 
väs Jmnurräde stefn sträng on hveole. 
bei Luther: die dicke wölken gössen wasser, die wölken donnerten und die stralen 
füren daher, es donnerte im himmel. dö wart grozer doner und cht)m ein stimme. 
üiem. beitr. 1, 128. anch apoc. 8, 5. 16, 18 werden stimme und donner unter- 
schieden. 



430 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

darum keinem menschen hörbar oder zu verstehen waren, ^ in 
unsern deutschen volkssagen meint 'die stimme von oben' den 
schmetternden donner. * vriederum aber heiszt den Japanern 
der donner kaminari göttliche stimme, den Mongolen oktargo-jin 
dagon, himmelsstimme ; denn was läge näher als sein dröhnen 
einer stimme zu vergleichen oder umgedreht laute menschen- 
stimme dem donner? hiesz doch den Griechen stentor ein schreier 
und einem kanzelredner legen wir in gutem oder üblem sinn 
lautes oder leises donnern bei ^. 

XIV. Mein ergebnis läszt sich so zusammenfassen, die 
finnischen volksstämme schlieszen in ihren mythischen Vorstel- 
lungen von Jumala und Ukko sich an die nordischen von Ymir 
und Yggr, zugleich weisen die finnischen Wörter humaus und 
teuhaus auf die gothischen und althochdeutschen hiuma, peihvo 
und diuhä, also wiederum auf persönlich gedachte wesen, wel- 
chen der nordische Hymir vollends entspricht, in allen diesen 
benennungen ist die erhabene naturkraft eine tosende, brausende, 
lufterschütternde. 

Auch unser donner drückt, wie xsi'vsiv, axeiveiv, stan und 
stöhnen dieselbe gewaltige luftspannung aus; im keltischen Ta- 
ran, welchem bedeutsam das nordische Thor hinzutritt, scheinen 
N und R ihre stelle zu tauschen. Taran aber reiht sich an Pe- 

' andere götter, wenn sie erscheinen, nahmen menschengestalt an, reden 
also menschlich, doch erscholl Poseidons stimme gleich der von neuntausend oder 
Zehntausenden. II. 14, 148. 

* laut des obern gottes. Wiener sitzungsber. 5, 116. russ. gromkii golos", 
laute stimme, glasom" gromkiem". russ. volksl. 135. 136. clamor tonitruum Cic. 
epist. 8, 2. in stimnu thonaronnes. Diut. 1, 181. die godes stimme. Orendel 
96, 45. stimme vom himmel und blumenregen. Somad. 1, 106. stimme vom 
himmel 2, 15. 16.26. 112. es erscholl aus den wölken eine stimme, wie das 
ferne murmeln eines donners. 1, 185. des milden donners. Meghad. ST. es re- 
deten sieben donner ihre stimme, offenb. Joh. 10, 3. donner die stimme des 
scheltenden vaters. Herder ebr. poes. 1, 182. 189. 190. besonders s. 29. den 
Ostjaken spricht Turum, ihr höchster gott, nur mit der zornigen stimme des 
donners und Sturms. Castrens reise s. 335. die stimme wie donner auf höhen. 
Carraigth. 240. wenn Saem. 272"* inn reginkunngi baldur i brynjo auf Odin 
geht, so ist merkwürdig: hraut (brummte) sem biörn hryti (als wenn ein bär 
brummte), altn. glumr ursus, strepitus, tonitru. 

'■* schon Fischart im Gargantua 129": sanft donnernder prediger. franz. ton- 
nerre, orateur vehement. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 431 

run und xspauvos, wie durch einen kehllaut noch verstärkt Ta- 
ranucus, Perkimas und fairguni neben einander stehen. 

Klar enthalten ist in fairguni die Vorstellung des berges, 
von dem der donnernde groszvater niederfährt, der donner ist 
gottes stimme vom berg und ein rollender wagen. 

Durch alle diese groszentheils neu avifgewiesenen einstim- 
mungen wird aber ein uralter Zusammenhang der europäischen 
Völker von vielen selten her bestätigt und beleuchtet. 



AUSLÄUB^E. 
A 

Berührung der finnischen mit der deutschen spräche, die 327 
beispiele absichtlich aus dem anlautenden P und T gewählt. 

paha malus, ahd. posi, nhd. böse, man darf ein gothisches 
bausis mutmaszen. vgl. litt, baisus, horridus, crudelis, lat. iu- 
fensus, infestus. das h: s wie tuhansi. 

*paikkulainen bunt, TcotxiXoc:, feh, fah. 

*paimen TroifjiVjv lit. piemü. 

paita indusium, goth. paida, alts. peda, ags. pade, ahd. 
pheit, bair. pfait, pfoat. vgl. gr. ßaixr^. 

*päivä, läpp, bäivve sol, dies. Ootßo?. 

*pakkainen frigus. vgl. backen. 

*pako fuga, russ. bjeg". 

paljas nudus, calvus, vgl. blosz. 

paljo multus, goth. filus, gr. 1:0X6?. 

*pallea, russ. pol" seite. 

*parma, permu, premo, bremse. 

*pelko, läpp, ballo, pallo, film, felmr. 

pelto terra, ungr. föld, alts. Iblda, ags. folde. 

*pilkku fleck, macula. 

*pino, fina. leichenbr. 221. 

*pohja fundus, boden. pohjan maa, Botnia. läpp, bätne, 
wuodo. wuodn sinus. wotj. pydes. 



432 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

*poika bube, ungr. fiu. 

pöytä mensa, goth. biuds, ahd. piot, nhd. biet. 

*puhuri boreas. 

puu ungr. fa, arbor, lignum, pl. puita materies fabricanda, 
goth. bagms, ahd. poum, ahd. bäum, vgl. bauan fabricari. wie 
fremd sind uns aber die ähnlich gebildeten kuu luna, [ungr. 
ho hold,] luu OS ossis, muu alius, suu os oris. 

*pyhä pius, veihs? 

taata pater, bairisch tatl, westfälisch teite, vgl. litt, tewas, 
dimin. tetis, tetatis. 

tahas massa panis, goth. daigs, ahd. teic, nhd. teig. 

taika signum, goth. taikns, ahd. zeichan. 

*taivas caelum, lit. dievas deus, skr. djaus, Zsu?. 

*tammi, dub", Ssvopov, timbr. 

tapa gen. tavan, läpp, tape mos, skr. tapas calor, fervor, 
altn. peyr ventus egelidus, ags. peav mos, alts. thau, ahd. dau. 

tarvet gen. tarpeen opus, altn. pörf, ags. pearf, ahd. darba, 
nhd. bedarf. 

teen facio, ags. dön facere, ahd. tuon, goth. taujan, und 
deds factum, teko, työ opus, goth. taui. 

teuhaus tumultus, goth. peihvo. 

tihiä densus, spissus, ahd. dicclii, nhd. dick. 

tuhansi, tuhasi, tuhat, goth. pusundi, nhd, tausend. 

tumma fuscus, obscurus, ags. dira, lat. tenebrae. 

*tuoni mors, bdvaxoq. 

*turso, purs, durs. 

*tytär, dauhtar, tohtar *. 

B 

Daume, däumling. gerade wie daume, dümo aus dühen, diu- 
hen, drücken, knallen folgt auch finn. peukalo aus paukaan fra- 

* auszer den durch ein sternehea bezeichneten Zusätzen hat J. Grimm noch 
folgende berührungen des finnischen mit dem deutschen angemerkt: ahku cinis 
conglobatus, aska. aika, aidJv, aivs. aita gen. aidan, est. aid ahd. etar ags. edor 
sepes, gal. ithir. havtio, läpp, hardo humerus, ahd. harti altn. herdar. kallio 
goth. hallus altn. hallr stein, fels. kaimis goth. skauns ahd. sconi schw. skijn 
dän. skjon. so auch kalki, skalk. neito, neitsi virgo, goth. nipjö. vgl. namen 
auf niu, ni bei Kuhn I. nimi nomen. nukun obdormisco. 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 433 

gorem edere und lat. pugnus , gr. tzw^^ti aus puiigere pupugi 328 
stoszen, überall erzeugt sich im schosze dieser wurzeln die Vor- 
stellung eines geisterhaften daumen- oder faustlangen wesens, das 
in der poesie und volkssage seine grosze rolle spielt. TUYfxaTo? 
gleicht dem peukaloinen, däumling und zaunkönig, ebenso litt, 
■nyksztelis, von nyksztis daume, beides däumling und zaunkönig. 
aus dem slavischen pal'tz', poln. böhm. palec daume, finger lei- 
tet sich poln. palucli däumling, die Böhmen verbinden dieselbe 
bedeutung schon mit palec. palec fällt offenbar mit lat. pollex zu- 
sammen, beide haben keine wurzel wie peukalo und TruYtiaios und 
scheinen eben durch Umstellung des k und 1 verdunkelt, doch 
das lappische pelge, pälge zeigen auch die slavische und lat. reihe, 
dasz sie den vofzug verdiene, wird selbst durch ein skr. bhä- 
lakhilja (Bopps gloss. 238'') zu unterstützen sein, das erklärt wird 
geniorum geniis pollicis magnitudinem aequans, und bei Wilson: a 
divine personage ofthe size of the thumb, sixty thousand of whom 
were produced from the hair of Brahmas body. es gehört dann 
gar nicht zu bälaka puer, parvulus, sondern setzt auch ein skr. 
wort wie peukalo und pollex voraus, der form nach stehn also 
bhälakhilja, pollex, palec gegenüber dem peukalo und Tru^fi-ato?. 
[gal. balach a boy, a fellow, a clown, juvenis, gigas, famulus. 
balachan, puerulus. Tighm. 2, 231.] 

C 

Wechsel der formen U und I. auf anlasz dieses hier und 
in unsrer spräche oft wahrgenommenen tausches thue ich einen 
Sprung in die griechische formlehre. 

Die griechische spräche, der höchsten ausbildung theilhaf- 
tig geworden und stets auf manigfaltigkeit so wie anmut der 
wortgestalten bedacht, hat nicht selten mehr ausnahmen von dem 
einfachen und auch schönen lautgesetz erfahren als andere sonst 
in weitem abstand hinter ihr zurückbleibende zungen. 

Unter grammatischer motion verstehn wir in sprachen, die 
geschlechter absondern, die anwendung und erweiterung einer 
männlichen form auf die weibliche, insofern sie auszerhalb der 
flexion liegt, denn wenn bonus das fem. bona bildet, heiszt das 
flectiert, nicht moviert, wol aber ist das an sich gleiche verfah- 

J. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. II. 28 



434 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

ren motion, welches aus equus, lupus, asinus, eqiia lupa asina 
entfaltet, doch häufig läszt hier die griechische spräche beiden 
geschlechtern dieselbe form, und darf nnros ovo? xa}xr^Xo? u? so- 
wol männlich als weiblich verwenden, worin ihr die gothische 
329 folgt , die nur noch bezeichnender solche substantiva der u de- 
clination überweist, asilus, ulbandus für m. und f. gleich de- 
cliniert, also beidemal den gen. asilaus gelten läszt, drücke er 
asini oder asinae aus. auch die lateinische u declination, d. h. 
die vierte liefert socrus, das in der altern spräche sowol Schwie- 
gervater als Schwiegermutter bezeichnete, später nur für letz- 
tere beibehalten wurde, während man das männliche socer bil- 
dete, wie gr. sxupos und Ixupot, -Jiev&spo? iisv&spa sich scheiden, 
goth. svaihra und svaihro. 

Im latein gibt es nun kein adjectivum der u form, d. h. 
den Substantiven vierter decl. analog, griechisch aber viele ad- 
jectiva auf ug, deren flexion der substantivischen auf u? nahe 
kommt, nicht ganz sie erreicht, da manche adjectivcasus aus 
der u reihe in die i reihe übertreten, namentlich der dat. sg. 
m. -^Xuxsi absteht vom dat. ^x^ui, der dat. pl. -^Xuxeai von b/ßoai. 
auch bei solchen adjectiven blickt in der gothischen spräche 
noch in vielem das reinere Verhältnis durch, wenigstens im nom. 
stehn die adjectiva auf us den Substantiven gleich, hardus, so 
viel wir seine casus in den bruchstücken vollständig überschauen, 
ist nicht nur durus, sondern auch dura. 

Gerade so hielt es auch noch die epische spräche der Griechen, 
welcher adj. auf u? communia sind (Buttmann s. 251, Härtung 
§ 487), doch bald forderte der sprachgeist deutlicher vortretende 
motion und es entsprangen die schönen, wollautigen formen 

Y^uxu? "j-Xuxeia, rß6q YjSeta, ßpaSu? ßpaSeia, drjXu? ÖTj^Eia, 
aber mit verletzter lautfolge, die aus u die diphthonge iu und 
au, aus i die diphthonge ei und ai hervorzieht. ^ statt ^Xu- 

' im Sanskrit stehen sich zur seite prithus , prithvi = TrXaxüs TiXaTeTa , litt, 
platus plati, goth. braids braida, ahd. preit preitiu. das litt. f. tritt gleich dem 
griech. aus u in i, das ahd. iu könnte in diesem fall organischer sein als das 
goth. a. [Bopp vgl. gr. § 119 stellt ifjÖEla zu skr. svädvi. in die u- reihe ist seit 
uralter zeit der ablaut der i-reihe eingetreten. GDS. 843. 857 wird gewiesen, dasz 
von alters her ei für ui steht, vgl. Pott bei Kuhn 5, 280.] 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 435 

xsia würde erfordert ^Xuxula, genau wie in jenem dat. m. für 
^XüxeT hätte -j-Xuxui, analog dem t)({}6i bleiben müssen. Y^oxsTa 
klingt lieblich, y^uxuia hätte prächtiger geklungen, es hat mir 
nicht gelingen wollen irgend eine spur dieser '('kijxuXoi -^^SuTa 
ßpaouTa zu entdecken, denn vsxu? und vsxuia sind substantiva, 
keine adjectiva, das f. bedeutet todtenopfer, nicht die todte. 

Wol aber, scheint es, kann ich bestätigung des vermuteten 
in andern motionen aufweisen, welche ein wesentliches, d. i. 
zur wortform gehöriges, in der flexion unverschwindendes sigma 
an sich tragen, lat. thus thuris geht doch auf ein verlornes gr. 330 
öu? duo?, acc. {>uv, wie mus muris auf jxus. duia ist aber ein 
wolriechender bäum, gleichviel mit &6ov, und für du? führte man 
üuoc Weihrauch ein. nun kommen die eigennamen 65? und 0uta, 
worin ich die männliche und weibliche benennung duftender 
bäume sehe, und welche wiederum den eigennamen Mur und Muta? 
aufs haar gleichen, dasz 0uta als eigenname eine 7r£pta7r(u[x£V7j, 
als baumname 6$£Ta sein soll, wird sich schlichten lassen, auch 
auszerhalb jener eigennamen musz ich [luTa für moviert halten 
aus }x5?, wiewol jenes maus, dieses fliege bedeutet, denn lat. 
mus und musca treffen wiederum zusammen, nur dasz diesem 
c zugetreten ist, das sein s schützte, zwar die slavischen spra- 
chen trennen mysch maus von mycha myschka fliege, wie auch 
wir maus von mücke, ahd. muccha; aber in mycha und mücke 
ist s ausgestoszen wie in {xuia, die wurzel scheint [x6(o [xuato jjls- 
jxuxa blinzen, wie wir auch blindemaus, blinzelmaus verbinden, 
was im adverb [xutvSa zeigte ital. aber mosca ceca lautet, zu 
{lultu jxuaxTj?, mysterium stehn unser meucheln, heimlich morden, 
ahd. mücheimo heimchen, grille, umgestellt heinimuuch, hamme- 
mauch (bei Stalder 2, 16) fallen dazu, die Vorstellung der heim- 
lichkeit, des heimlichen nahens trift beide thiere, maus wie 
mücke. in unsrer spräche tritt dem müchan, meucheln, heim- 
lich morden ein mausen, müsan, stehlen zur seite (lex salica p. 
XLIV) und im skr. ist musch stehlen, muscha, müscha maus, 
es wird schwer sein alle diese Wörter auseinander zu reiszen 
und die im skr. abweichende form makschika musca kann nicht 
irren. 

Wie im gr. gen. }ji,u6?, acc. \iw = lat. muris, murem für 

28* 



436 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

musis, miisem war also auch in [xuta das s erloschen, wovon 
wir in der motion des part. praes. Tstucpws xsxucputa reichsten 
beweis finden, Bopp vgl. gr. s. 1092. 1093 hat längst zur Über- 
zeugung dargethan, dasz die flexion oyq und uia in diesen par- 
ticipien dem skr. vans usch, fem. uschi entspricht, ts-cucputa also 
:=: tutupuschi gesetzt ist, und nicht nur die littauischen und sla- 
vischen sprachen besitzen diese participia praet. auf us, usi, ein 
Überrest ist uns sogar im goth. berusjös parentes, d. i. qui pe- 
pererunt, und vielleicht sonst noch, aufbewahrt, durch diesen 
inmitten von üia keimenden zischlaut scheint allerdings seine 
analogie zu den für yX^xsTa vermviteten -^Xuy.oia wieder gefähr- 
det oder gar aufgehoben, es müsten sich denn unerwartet neue 
aufschlüsse über die gr. adj. declination ergeben. 

Wesentliches sigma besitzen auch die adjective auf v^? mit 
dem neutrum sc; (analog w? und 6c jener part. praet.) actcpVjc aa- 
.3.31 <ps?, (|>suStj? '];£u8sc: und häufig in Zusammensetzungen, gewöhn- 
lich sind es communia, die epische spräche bildete aber auch 
fem. auf sia, in welchem dann sichtbar das sigma als ausgesto- 
szen zu betrachten ist. an diesem sigma sprieszen noch räth- 
sel, man möchte in allen solchen adjectlven gleichfalls partici- 
pia praet., mit abgefallner reduplication erblicken, so dasz aa- 
cpVjc: für asaacprjs stände, suTrpsTrrj? ein ttsttpstttjc; voraussetzte? 



D 

Nach altchinesischer Vorstellung gibt es einen donnergott, 
bald lüitien (donner und blitz), bald lüi-schin (donnergenius) 
oder lüi-küng (donnerherr) genannt, er fährt auf gewitterwol- 
ken einher und schlägt verschieden gestimmte pauken. 

Für blitz hat man, neben den eigentlichen ausdrücken, den 
bildlichen lüi-pien, das ist die peitsche oder geisel des donners 
(donnerers), wie ja auch die naturforscher den donner einem 
Peitschenknall vergleichen, einfach, lüi donner. sehen oder tien, 
blitz, auch schen-tien. tien-mu (mutter des blitzes), eine blitz- 
göttin, was an jene söhne des donners mahnt. 

Den Japanern heiszt donner ikatsutsi, ikadsutsi und naru- 
kami oder umgekehrt kaminari. ikatsutsi wird für identisch er- 



ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 437 

klärt mit ikari-utsi d. i. (ictus ex ira). narukami heiszt tönen- 
der gott und kaniinari götterton, götterstimme. 

Für blitz sagen sie inabikari, inadsuma, inadsurubi. fikari 
(in Zusammensetzung bikari) ist licht, glänz, dsuma frau, gat- 
tin. tsurubi (in Zusammensetzung dsurubi) ist begattung. ina 
ist der reis auf dem halme, also reisleuchten, reisgattin, reis- 
begattung. die japanische encyclopädie äuszert sich hierüber 
also: es ist eine gewöhnliche erscheinung, dasz es in heiteren 
herbstnächten blitzet, da nun um diese zeit der reis zur reife 
kommt, so heiszt ein solcher blitz dessen gattin oder begat- 
tung. die Japaner müssen demnach eine hochzeit des reifenden 
reises in den herbstnächten annehmen. * 

Das wort tsurubi kann übrigens auch als zusammengezo- 
gen aus tsuruvi begattung und fi feuer gedeutet werden, und 
dann hiesze inadsurubi hochzeitsfeuer, gleichsam hochzeitsfackel 
des reises, was ein schöneres bild gibt und zugleich viel vernünf- 
tiger ist, als wenn man unterm blitze die begattung selber sich 
dächte, womit begattet sich dann aber der reis? 

Hier folgen noch nordasiatische benennungen. 332 

den Tscheremissen beiszt, nach Castren, der donner kidär, 
kidärsä, es donnert kidärtesch, vgl. ungr. dörges, menny-dörges. 
der blitz valgansä womit das finn. valkia weisz, flamma lucens 
stimmt, ungr. villämas blitz, auch wol talgian bei den Mand- 
schus. 

den Mongolen heiszt donner oder wetterstrahl ajunggu (der 
erschreckliche), ajunggalachu donnern. 

den Kamtschadalen (nach Krascheninikov ) donner kych- 
kyg, auch kychschigyna. blitz: amronschtschinatschitsch, auch 
umetschkyschi und mytlkysigyna. 

den Grönländern, nach Fabricius, kädlek donner, kadlersör- 
soak starkes gewitter. ingnäglek blitz, schnelles leuchten. 

[Der donner entsteht durch den flügelschlag eines groszen 
vogels (vgl. rohrdommel, myth. 168), blitz durch öfnen und 
schlieszen seines auges, aus dem ein stein (donnerkeil) fahrt. 

* Arnobius 5, . . : vos Jovis et Cereris coitum imbrem dicitis, 5» 37: nomini- 
bus bis (Cereris et Jovis) tellus et labens pluvia nuncupatur. 



438 ÜBER DIE NAMEN DES DONNERS. 

vgl. Ojibwansage p. 69. blitze zwischen den augenlidern des 
groszen wesens eingekerkert, nordamerik. Indianer p. 119. 

litt. Warpulis, qui sonitum ante et post tonitru in aere facit. 
Haupt 1, 140 von warpas glocke. estn. des gewitters befehls- 
knabe. Böcler 11, der blitz? 

attonitus ags. äblicged. Haupt 9, 461*. 

zehn baskische Wörter für donner. Mahn XX. calaverna 
rätisch der blitz, bask. calerna donner. vgl. umbr. stadtname 
(Aufrecht 410') lat. Clavenna. it. Chiavenna in Bünden, Cla- 
venna in Piacentinischen. 

freche erklärung des donners. Melander jocos. 2 no. 364.] 



ÜBER DAS GEBET. 

GELESEN IN DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

AM 12 MÄRZ 1857. 

(bisher ungedrackt.) 



iVlarcus Aiirelius Antoninus in seinen betrachtungen über 
sich selbst hat uns ein schönes gebet der Athener aufbehalten: 
U30V, usov, to cpiXs Zsu, xaxa ttj? dpoupa? t^S A&^vaituv xai 
T(uv TcsSttov. regne, regne, o lieber Zeus, auf ackerland und ge- 
filde der Athener, hinzufügend tjtoi ou Sei eoy^s.abat ri ouio)?, 
«TiXu)? xal iXsui>£pa)?, gar nicht oder so soll man beten, einfach 
und frei, einfach beteten auch die Serben (Vuk no. 185) : 

Hauia 404a Bora mojm, 

/^a j4apH pociia KHUia, 

4a nOKHCHJ CBH opaHH, 

CBH opaHH H KonaiH 

H HO Kj-feH noc^oBaqH, d. h. 

unsre doda bittet gott, 

dasz thauregen sich ergiesze, 

dasz beregnet werden alle ackerer, 

alle ackerer und graber 

und im hause alle knechte, 
welch eine überraschende und doch natürliche einstimmung. 

Mit der stelle bei Antonin musz ein von den geschicht- 
schreibern gemeldetes ereignis, man nehme es wie man wolle, 
zusammenhängen. 

Den edelsinnigen kaiser, der, würfe nicht sein söhn und 
nachfolger so starke schatten zurück, noch in hellerem licht 
stände, halten langwierige kriege mit Quaden, Markomannen 



440 ÜBER DAS GEBET. 

und andern Völkern aus Rom in die pannonische Donaugegend 
entfernt; wahrscheinlich ist auch jene schritt, gleichsam ein tage- 
buch, in dem er sich vom geräusch des lebens ab beschaulich 
zu sich selbst vs^andte, da begonnen und vollendet worden, das 
erste buch führt die Unterschrift: 

xa SV KouaSot? irpö? t(o Fpavoua, 
der rpavoua? heiszt noch heute Gran und ergieszt sich oberhalb 
Ofen in die Donau, damals im Quadenland, gleichen namen 
führt die zur stelle dieser einmündung erbaute stadt, später der 
sitz des ungrischen reichs und im Nibelungenlied Etzelnburc 
genannt, das zweite buch ist unterschrieben: 

xoc iv KapvouvTO),